„Ich hätte auch Französisch wählen sollen“

Kürzlich bei der Maturafeier einer achten Klasse: Nur eine der MaturantInnen aus dieser Klasse hatte den Französisch-Unterricht besucht, ein paar Latein, der Großteil Spanisch. Die eine Schülerin war rundum zufrieden mit ihrer Sprachenwahl, gleich zwei andere waren rückblickend der Ansicht, dass auch sie Französisch wählen hätten sollen.

Ähnliche Situationen erleben wir Französisch-Lehrerinnen immer wieder: SchülerInnen, die in der sechsten oder siebten Klasse, bei der Matura oder gar erst Jahre danach draufkommen, dass Französisch doch mehr Relevanz hat, als sie gedacht hatten, dass die Noten in Französisch doch nicht schlechter sind als in Spanisch, dass diejenigen, die Französisch gewählt haben, doch sehr zufrieden sind mit dem Zusatzprogramm, das wir ihnen bieten können: Schüleraustausch mit La Rochelle, Paris-Reisen, Sprachassistentin etc.

Nicht, dass ich nun falsch verstanden werde. Ich schätze alle Sprachen und betrachte jede Sprache, die man lernt oder zu der man einen persönlichen Bezug hat, als wirkliche Bereicherung.  Ich habe überhaupt nichts gegen Spanisch und schätze meine Spanisch-Kolleginnen über alle Maßen. Als Romanistin sind mir alle romanischen Sprachen ans Herz gewachsen und zumindest so weit vertraut, dass ich vieles verstehen kann. Ich liebe Spanisch ebenso wie Portugiesisch und fast so wie Italienisch und Französisch. Einzig das Rumänische kenne ich zu wenig, als dass ich etwas darüber sagen könnte.

Schade ist einfach nur, dass sich so viele an unserer Schule für Spanisch und so wenige für Französisch entscheiden. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber auch wieder recht simpel: In der vierten Klasse finden die allermeisten Spanisch einfach viel cooler als Französisch. Latino-Musik, Salsa, Urlaub in Mallorca oder Barcelona erscheint Dreizehnjährigen emotional vielversprechender als verstaubte Chansons, Existentialismus, Rotwein oder gar Käse (um nur ein paar Klischees anzuführen). Als Urlaubsland ist Frankreich in vielen Familien nicht präsent und die Sprache erscheint auf den ersten Blick einfach nur unaussprechlich. Zudem kommt die mir immer recht amerikanisch anmutende Einschätzung, dass Spanisch viel wichtiger sei als Französisch. Wenn ich entgegne, dass gerade in Europa Französisch eine viel wichtigere Rolle spiele als Spanisch, ernte ich meist ungläubige Blicke. Ja, und dass so mancher Elternteil selbst in der Schule einen mitunter doch recht qualvollen Französisch-Unterricht, in dem jeder vergessene Accent gnadenlos geahndet wurde, genossen hat, steigert die Lust auf Französisch natürlich auch nicht.

Erst wenn die SchülerInnen älter werden, relativieren sich so manche Vorurteile. Dann aber ist es für uns zu spät. Die zweite Fremdsprache wählt man in der vierten Klasse, danach ist der Zug abgefahren. Bei den morgen und übermorgen anstehenden Happy Days bietet eine Kollegin „Französisch für Anfänger“ an, ich selbst beschäftige mich gemeinsam mit einer anderen Kollegin wieder mit dem „kleinen Nick“. Beide Kurse stoßen auf reges Interesse bei den UnterstufenschülerInnen. Ob die Kurse dazu beitragen, dass sich in der vierten Klasse, wenn der Klassentenor wieder „Spanisch ist so cool“ lautet, ein paar mehr für Französisch entscheiden, ist trotzdem nicht gesagt. So mancher wird wohl auch weiterhin erst bei der Maturafeier oder danach bedauern, in der Schule nicht doch Französisch gelernt zu haben. (nemo)

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