Angst, Verlogenheit, Niedertracht – und Hoffnung

Dank Philipp Bloms ebenso schöner wie gescheiter und wirklich nachdenklich stimmender Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele weiß ich so früh wie überhaupt noch nie, womit ich den Unterricht im Herbst beginnen werde. Die Textsorte Rede wollte ich mit den Achtklässlern ohnehin gleich zu Beginn wiederholen. 🙂

Nachdenklich gemacht hat mich am vergangenen Wochenende aber auch ein Kommentar im Standard: „Niedertracht als Nationalkostüm“ betitelte Petra Stuiber ihre Analyse der derzeitigen Politik in Österreich.

Bei den gegenwärtig stattfindenden Salzburger Hochschulwochen schließlich geht es in diesem Jahr ebenfalls um das Thema Angst. Die Vorträge beleuchten dieses so dominante Gefühl von ganz verschiedenen Seiten.

Die drei Quellen haben mich zu folgender Reflexion inspiriert:

Die Angst vor der Zukunft treibt die Menschen um. Wir spüren, dass unsere Lebensweise nicht mehr lange vereinbar ist mit unserem Planeten, weder in ökologischer noch in ökonomischer Hinsicht. Viele haben Angst, selbst zu den Verlierern zu zählen, wenn die verfügbaren Dinge nicht mehr für alle reichen. Das Gefühl, dass in unserer Welt etwas massiv nicht stimmt, trügt die Menschen nicht. Von der Politik aber kommt allzu oft eine verlogene Antwort, eine Antwort, die die Menschen zwar hören, die sie aber nicht glauben können. Und sie haben recht, wenn sie den einfachen Antworten, den Verheißungen auf Wohlstand für alle, auf stetes Wirtschaftswachstum und umfassende Sicherheit nicht glauben. Hinter den Antworten steckt tatsächlich häufig nichts anderes als der Versuch, sich selbst zu profilieren, und damit das Bemühen um die Karriere, den eigenen Wohlstand und die eigene Zukunft.

Politiker, die außer hohlen Phrasen, Gelaber und Gefasel wenig hervorbringen, sind ärgerlich. Aber es gibt Schlimmeres: Schlimmer nämlich sind jene, die nicht nur labern und faseln, sondern darüber hinaus die Ängste der Menschen ganz bewusst schüren und die Ausbildung niederer Instinkte bedienen. Menschen, die Angst haben und diese Angst durch Neid, Missgunst und Niedertracht zu kompensieren versuchen, vergiften im wahrsten Sinne des Wortes unser aller Zusammenleben. Frei nach dem Motto: Wenn ich selbst Angst habe und spüre, dass ich betrogen werde, sollen es diejenigen, die noch schlechter dran sind als ich, ausbaden. Dadurch verbessert sich zwar meine eigene Lage nicht, aber ich habe ein Ventil gefunden, durch das ich Dampf ablassen und mich so zumindest vorübergehend besser fühlen kann. Solange es anderen noch schlechter geht als mir, kann ich auf jemanden hinabblicken und mich dadurch selbst erhöhen. Derweilen lachen sich die Brandstifter ins Fäustchen und streifen ihre Gagen ein.

Dieser Mechanismus bedroht unser aller Leben. Er vergiftet das gesellschaftliche Klima, in dem wir leben, und untergräbt die Grundfesten der Demokratie. Die Brandstifter und ihre willfährigen Gehilfen gerieren sich als „lupenreine Demokraten“, faseln von Freiheit, den Werten der westlichen Welt und von Menschenwürde und schüren gleichzeitig Angst sowie Neid, Missgunst und Niedertracht. Sie schaffen sich damit die Voraussetzungen, um Gesetze zu verschärfen, Gelder zu kürzen und Menschen gegeneinander auszuspielen, bauen den Staat um und sichern sich ihre Pfründe. Man gebe den Menschen die Lizenz zur Niedertracht und erhalte im Gegenzug einen Freibrief zur Umgestaltung der Gesellschaft gemäß den eigenen Vorstellungen – und für den eigenen Vorteil.

Was tun angesichts dieser Entwicklungen? Die Missstände benennen, aufzeigen, immer wieder. Widerstand leisten, handeln, sich engagieren. Und die Hoffnung nicht aufgeben. Die Hoffnung auf ein anständigeres Leben, auf eine gerechtere Zukunft, auf bessere Menschen. Auf Menschen, die sich durch das Schicksal anderer, aber auch durch Kunst und Kultur berühren lassen, auf Menschen, die sich ihrer eigenen Menschlichkeit besinnen.

Der Glaube sei ein Programm zur Verschönerung der Welt, hat gestern ein Theologe in seinem Vortrag gesagt. Auch wenn für einen selbst der Glaube an Gott kein taugliches Mittel darstellt – der Arbeit an der Verschönerung der Welt bedarf es jedenfalls. (nemo)

 

 

 

 

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