Über die Vermessung von Qualität

Bereits im letzten Sommer hatte ich es mir vorgenommen, im heurigen nun ist es mir gelungen: Hartmut Rosas über 700 Seiten umfassenden „Resonanz-Wälzer“ zu lesen. Rosa unternimmt es, eine Soziologie der Weltbeziehung unter dem Vorzeichen von Resonanz zu entwerfen und überzeugt dabei von der ersten Seite an. Nunmehr bin ich fast am Ende und muss unbedingt sofort eine Passage aus dem Buch zitieren. Endlich nämlich habe ich darin formuliert gefunden, was mein latentes Unbehagen an Maßnahmen wie Qualitätssicherung, Qualitätsverbesserung, Qualitätsmanagement, kurz an dem dauernden Gerede von Qualität, sei es in der Schule oder im Krankenhaus, bei der Bahn oder in der Verwaltung zum Ausdruck bringt:

Tatsächlich stellen just die Versuche, Qualität zu sichern – auch und sogar gerade dann, wenn sie durchaus einen Sinn für die Beziehungsqualität aufweisen, also mehr sind als pure Ökonomisierung -, die Einfallstore für die schlimmsten Manifestationen der Verwandlung resonanter in stummer Beziehungen dar. Letztlich sind sie nur ein weiteres Beispiel für das vergebliche Bestreben, Resonanz verfügbar zu machen: Der bürokratische Zwang, über alle Schritte und Handlungen dokumentarische (und buchhalterische) Rechenschaft abzulegen, alle Leistungen und sogar Ideen zu messen und zu quantifizieren, macht in nahezu allen Berufen und Sparten, in denen die Qualität der Arbeit von der Qualität der Resonanzbeziehungen abhängt, den Arbeitenden das Leben zur Hölle. Ärztinnen und Lehrer, Wissenschaftlerinnen und Journalisten, Pflegerinnen und Erzieher, Künstlerinnen und Politiker, aber letztlich sogar Bäckerinnen und Raumpfleger, Stahlarbeiterinnen und Köche beklagen unisono, dass die Steigerungszwänge und die Zeitnot, aber auch die normierenden Vorgaben und Dokumentationspflichten sie daran hinderten, ihre Arbeit gut und richtig zu tun. Hier liegt (…) die eigentliche Krise der modernen Arbeitswelt. Der Versuch, Resonanz berechenbar und verfügbar (und förderbar) zu machen, führt geradewegs in die Entfremdung.¹

Wie Rosa „Resonanz“ genau definiert, liefere ich noch nach. Ein Grundverständnis des Begriffes sollte, so denke ich, auch so möglich sein. Ich bin jedenfalls froh, das was ich seit Jahren spüre, genau so auf den Punkt gebracht zu finden. 🙂

¹ Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin: Suhrkamp 2016, S. 668.

(nemo)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s