Gesellschaft und Schule

Bereits vor drei Jahren habe ich mich zu Schulbeginn über einen Leitartikel in den Salzburger Nachrichten gefreut. Und auch in diesem Jahr sprechen mir die SN geradezu aus der Seele: Andreas Koller hat heute unter dem Titel „Wir verlangen zu viel von der Schule“ eine wirklich bemerkenswert luzide Einschätzung unseres Bildungssystems bzw. der gesellschaftlichen Erwartungen an dieses abgegeben.

„Eine Bildungswelt voller Dissonanzen“ ortet Koller und führt zahlreiche Beispiele für diesen Befund an. Mein Favorit: „Da ist auf der einen Seite eine Schulbürokratie, die den Pädagogen ihre Zeit stiehlt mit immer noch mehr Formularen, Formalismen und Berichtspflichten. Und auf der anderen Seite eine Schuljugend, die mehr denn je die persönliche Zuwendung der in der bürokratischen Tretmühle gefangenen Lehrer bräuchte.“

Aus den existierenden Dissonanzen folgert Koller nun jedoch nicht, dass die Schule versagen würde. Ganz im Gegenteil, die Lehrerinnen, Lehrer und Bildungsverantwortlichen täten, was sie könnten. Was sie allerdings nicht könnten, sei „sämtliche Probleme unserer Gesellschaft lösen“.

Damit bringt Koller meines Erachtens die Sache auf den Punkt. Es wird tatsächlich viel zu viel von der Schule erwartet. Kaum ein gesellschaftliches Problem, das nicht die Schule lösen sollte. Dass es der Schule jedoch ernsthaft gelingen könnte, den „Sechsjährigen, der aus einem Elternhaus mit Analphabetenhintergrund stammt und den Nachmittag mit Computerspielen vertrödelt, auf denselben Bildungsstand zu bringen wie eine Sechsjährige aus einem Elternhaus mit Akademikerhintergrund, in deren Kinderzimmer wohlgefüllte Bücherregale stehen“ ist nichts als eine vollkommen weltfremde Vorstellung. Solche Vorstellungen aber sind es, die sich hinter ideologisch motivierten Forderungen (in diesem Fall dem Ruf nach Chancengleichheit und dem Glauben, ein Gesamtschulsystem könnte diese herstellen) abzeichnen.

Tatsächlich wäre viel gewonnen, würde Schule nicht permanent durch eine ideologische Brille betrachtet werden. Die Realität ist weitaus komplexer als es das beste System abzubilden vermag. Viele Fragen müssen unterschiedlich und vor Ort beantwortet werden. Der Schule endlich alle Unterstützung zukommen zu lassen, die ihr die Politik und die Gesellschaft geben könnten, wäre ein Anfang. Und „in der Bildungsdebatte mehr auf die Lehrerinnen und Lehrer zu hören“, wie Koller abschließend vorschlägt, eine Idee, der nichts hinzuzufügen ist. 😉

(nemo)

 

 

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