Zweite Schulwoche, zweiter Tag. Ein Schnelldurchlauf

In der Früh gleich die Französisch-Anfänger. Meine neue Französisch-Gruppe ist klein, aber fein. Die große Mehrheit will Spanisch lernen, wir sind eine Minderheit. Heute haben wir das französische Alphabet gelernt. Und ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr ganz viel mit Musik zu arbeiten.

Danach zwei Stunden ohne Unterricht. Ich organisiere einen zweitägigen Wandertag für die achte Klasse. Telefonat mit der Alm, Termin vereinbart, Rahmenbedingungen in Erfahrung gebracht. Gleich damit zum Chef. Der Direktor muss den Ausflug genehmigen. Grundsätzlich keine Hexerei, möchte man meinen. Doch: Die Anzahl der Schulveranstaltungen pro Klasse ist streng geregelt. Sowohl die Kosten als auch die Zeit spielen dabei eine Rolle. Im vorliegenden Fall sind die Kosten nicht das Problem, die entfallende Unterrichtszeit schon. In meiner Brust schlagen drei Herzen gleichzeitig: Als Klassenvorständin weiß ich, wie wertvoll gemeinsame Unternehmungen für die Klassengemeinschaft und die Stimmung in der Klasse sind und wie förderlich das wiederum für ein gutes Lernklima und die Beziehung zu den und zwischen den Schülern ist. Als Französisch-Lehrerin weiß ich, wie lähmend es ist, wenn in den Sprachgruppen, die sich ja immer aus mehreren Klassen zusammensetzen, andauernd ein paar weg sind. Und als Lehrerin einer Maturaklasse stresst es mich, wenn schon wieder kostbarer Fachunterricht ausfällt: Hilfe, wie sollen die in ein paar Monaten maturieren?? Insgesamt ein leidiges und ziemlich komplexes Thema.

In der verbleibenden „freien“ Stunde bereite ich mit einer Kollegin alles für den VWA Kick-off-Tag vor. Der Termin in der nächsten Woche ist fixiert, die Bibliotheksführungen für den Nachmittag haben wir bereits vereinbart. Damit aber alles funktioniert, gilt es noch vieles zu bedenken und zu organisieren: Wir brauchen LehrerInnen aus allen Fächern, also müssen die KollegInnen informiert und Listen zum Eintragen aufgelegt werden. Außerdem brauchen wir Räume, wir müssen die SiebtklässlerInnen informieren, wir müssen die entsprechenden Formulare aktualisieren und ausdrucken, wir dürfen nicht vergessen, dem Hausmeister Bescheid zu geben, wir benötigen einen Laptop und müssen überprüfen, ob der Beamer funktioniert.

Unsere Planungsarbeit findet in der Teeküche statt. In dem Raum stehen zwei Computer (juhui, einer davon ist frei!), dort findet sich eine Sitzgruppe, da steht auch der Kopierer – und ja, da wird gerade unsere neue Kaffeemaschine geliefert. Ziemlich viel Ablenkung, aber immerhin, sowohl der Computer als auch das Internet funktionieren …

Haarscharf geht sich alles aus, bevor ich wieder in den Unterricht eile. Die SchülerInnen der achten Klasse sind mit der Ballorganisation beschäftigt, ich will ihnen die Neuigkeiten bezüglich Wandertag mitteilen, außerdem muss ich noch abklären, wer von ihnen jetzt eigentlich bei der Reise nach Genf zum CERN dabei ist. Erst heute habe ich überhaupt erfahren, dass eine solche Reise von Physik aus geplant ist. Und in Deutsch muss ich auch weiterkommen. Für die Besprechung der Klassenangelegenheiten ist keine Stunde vorgesehen. Alles geht auf Kosten meines Deutschunterrichts. Und die Textsorte Rede müssen wir dringend und unbedingt üben. Vom Weiterkommen in der Literaturgeschichte ganz zu schweigen.

So, jetzt aber etwas essen, der Magen knurrt bereits. Auf dem Weg zum Buffet treffe ich eine Kollegin, die noch schnell die Sache mit den Kästchen im Konferenzzimmer besprechen will. Wir haben insgesamt viel zu wenig Platz für unsere Materialien, um die verschließbaren Kästchen herrscht ein echtes G’riss. Ok, die alten Bücher müssen weg, aber wohin bloß mit all den Sachen?

Nach der Mittagspause wartet bereits eine Schülerin auf mich. Sie schreibt an ihrer VWA, ich bin ihre Betreuungslehrerin. Wir setzen uns in die Bibliothek und feilen an ihrem Konzept. Ich gebe ihr noch ein paar Literaturtipps und ermuntere sie, jetzt aber wirklich ins Schreiben zu kommen.

Eigentlich ist schon ganz schön viel passiert an diesem Tag. Mein Highlight aber steht noch aus: Wahlpflichtfach Deutsch. Zehn SchülerInnen haben sich angemeldet, heute findet es zum ersten Mal statt. Den ganzen Sommer lang habe ich mich auf diesen Kurs gefreut, beim Radfahren so viele Ideen gesammelt, wie ich das Fach anlegen werde. Ich will mit den SchülerInnen Texte lesen, Filme anschauen, Bilder betrachten. Sie sollen selbst kreativ werden, eigene Texte verfassen. Ich will mit ihnen gemeinsam herausfinden, was sie bewegt, und sie dazu anregen, ihre Erfahrungen in Sprache zu übersetzen. In der ersten Stunde will ich mit Bildern arbeiten: Jeder darf sich eine der schönen Karten aussuchen, die ich auf dem Boden auslege, und einen Text dazu schreiben. Ohne Vorgabe, ohne Einschränkung.

Nach einer individuellen Schreibphase kehren die SchülerInnen in den Klassenraum zurück. Ich bitte sie nun, zu zweit spazieren zu gehen und gemeinsam über ihre Bilder und ihre Texte zu sprechen, sich die Texte gegenseitig vorzulesen, und dabei immer in Bewegung zu bleiben. Als alle wieder zurück sind, frage ich, wer seinen Text vorlesen möchte. Wir wollen die Texte nicht beurteilen, sie uns nur anhören. Wenn jemand nicht vorlesen möchte, ist es auch in Ordnung. Aber siehe da: Jeder liest seinen Text vor, am Ende lese auch ich meinen vor. Ich bin beeindruckt, was in diesen insgesamt zwei Stunden passiert ist, was für interessante, fesselnde, witzige, nachdenklich stimmende, kreative Texte entstanden sind – und ich spüre, ich bin nicht die Einzige, die sich am Ende dieses Nachmittags bereits auf nächste Woche freut.

Der Schultag war lang und anstrengend. Ich bin müde und glücklich gleichzeitig. Für morgen ist noch nichts vorbereitet, nur gut, dass es noch nichts zu korrigieren gibt. Als ich am Abend im Bett noch schnell die Lesehausübung, die ich den Drittklässlern gegeben habe, machen will, fallen mir nach ein paar Seiten die Augen zu. Ja, ja, die Schule hat mich wieder voll im Griff.

(nemo)

 

 

 

 

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