Habe ich eigentlich schon erzählt … Wahlpflichtfach Deutsch

Dass ich gerne unterrichte und mit ziemlicher Begeisterung Lehrerin bin, habe ich eventuell schon ein-, zweimal erzählt. 😉 Es gibt aber auch Seiten am Lehrberuf, die ich nicht mag: die Bürokratie, die Notengebung, die 50-Minuten-Einheiten, die großen Klassen, die immer strenger werdenden Vorgaben und Standardisierungsbestrebungen „von oben“. Ein wahres Geschenk, bei dem all das, was ich an der Schule nicht mag, keine Rolle spielt, ist das Wahlpflichtfach Deutsch, das erstmals nach vielen Jahren an unserer Schule wieder zustande gekommen ist. Die Rahmenbedingungen sind geradezu großartig: 10 SchülerInnen, die sich für Literatur und Sprache interessieren und die gerne lesen und schreiben, keine Vorgaben „von oben“ und jede Woche hundert Minuten am Stück.

Mein Ansinnen ist es, die SchülerInnen zwei Jahre lang in „andere Welten“ und „andere Zeiten“ zu entführen. „Bewegung und Stillstand“ dient uns als Leitmotiv in diesem Jahr. Wir wollen literarische Texte lesen und Filme anschauen, in denen Bewegung und Stillstand eine Rolle spielen, wir wollen unsere Gedanken und uns selbst in Bewegung bringen, wir wollen ausprobieren, was es für uns heißt, in Bewegung zu sein und wieder still zu stehen. Und all diese Erfahrungen, Gedanken und Ideen sollen in eigene Texte einfließen.

Mit Bildern als Schreibimpulsen haben wir begonnen. Die nächste Stunde haben wir dem Gedicht Auf der Schwelle des Hauses von Günter Kunert gewidmet. Jeder hat versucht, ein Gedicht nach diesem Muster zu verfassen. Und weil es irgendwie dazugepasst hat (und die Bücher in der Schule gerade verfügbar waren), haben wir Sibylle Bergs Roadmovie und „Märchen für alle“ mit dem Titel Habe ich dir eigentlich schon erzählt … gelesen. Plötzlich waren wir auf dem Weg in die DDR. Wahrlich eine andere Welt und eine andere Zeit! Kurz habe ich mich allerdings schon gefragt, ob das jetzt das richtige Reiseziel gleich für den Anfang sein würde. Die SchülerInnen aber sind sofort darauf eingestiegen und haben voll mitgetan. Drei hatten das Buch von Sibylle Berg bereits im Deutschunterricht gelesen, denen habe ich Christa Wolfs Der geteilte Himmel mitgegeben. Na, da habe ich mich erst recht gefragt! Aber auch das hat funktioniert. Die drei Schülerinnen haben es zwar nicht geschafft, das Buch zur Gänze zu lesen, waren jedoch von der Sprache und der Geschichte irgendwie schon angetan. Ich habe ihnen dann noch ein bisschen etwas über die DDR erklärt, ihnen eine Stelle vorgelesen, die ich selbst sehr berührend finde, und ihnen einen Ausschnitt aus der Verfilmung gezeigt. Wir haben insbesondere auf die Ästhetik des Films geachtet und über die Unterschiede zu heutigen Filmen gesprochen. Am Ende der Stunde habe ich ihnen noch ein paar Zitate aus Sibylle Bergs Roman ausgeteilt und sie dazu ermuntert, zu Hause einen Text zu einem der Zitate zu verfassen. Mit einem Lied von Gerhard Gundermann habe ich die SchülerInnen letzte Woche entlassen.

Heute wollte ich das fortgesetzt schöne Herbstwetter nutzen, um mit der Gruppe einen Spaziergang durch die Stadt auf den Spuren Georg Trakls zu machen. Davor haben wir uns noch kurz in der Schulbibliothek zusammengesetzt und die Schülerinnen haben jene Texte vorgelesen, die sie zu Hause geschrieben hatten. Bis auf zwei haben alle die freiwillige Hausübung gemacht! Und was für schöne Texte da heute vorgelesen wurden, hat mich echt beeindruckt.

Dann sind wir losmarschiert: Wir haben bei Trakls Geburtshaus am Waagplatz begonnen, sind durch die Linzer Gasse und den Mirabellgarten bis zur Christuskirche in die Schwarzstraße spaziert. Ich habe ein bisschen etwas erzählt, wir haben die Gedichte gelesen, und mehrfach habe ich ein „voll schön“ vernommen. Am Ende des Spaziergangs habe ich den Schülerinnen gesagt, wo sich weitere Tafeln mit Trakl-Gedichten in Salzburg befinden. Es würde mich nicht wundern, wenn die eine oder andere die Orte noch in dieser Woche aufsuchen würde. Bis zur nächsten Woche ein Gedicht zu verfassen, das entweder ein Motiv bzw. eine Verfahrensweise aus den Trakl-Gedichten aufnimmt oder das unseren heutigen Spaziergang mit den Gedichten zusammenzubringen versucht, wollen jedenfalls alle ausprobieren.

Ich glaub, das nennt man Deutschlehrerinnentraum, was mir da gerade widerfährt.

(nemo)

 

 

 

 

5 Gedanken zu “Habe ich eigentlich schon erzählt … Wahlpflichtfach Deutsch

  1. Alexandra Wendt schreibt:

    Liebe Monika,
    ich beneide dich! Seit Kurzem darf ich mich auch Deutschlehrerin nennen und kenne die Probleme, die du schilderst. In meinem 11. Klasse-Kurs sitzen fast nur Jungs, die zwar gut mitarbeiten, aber grundsätzlich kein Interesse an Literatur und Sprache haben. Das macht mich manchmal traurig. Ein solches Wahlpflichtfach wäre ein Geschenk! Ich wünsche dir weiterhin so viel Spaß mit deinen Schülern 🙂
    LG Alex

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  2. doris junghuber schreibt:

    Eine Freude war es auch, wie dieses Wahlpflichtfach zustandegekommen ist. Bei einer der DeutschlehrerInnenkonferenzen im letzten Schuljahr haben sich einige Kolleginnen bereit erklärt, ein Fach Kreatives Schreiben zu planen und einige interessierten sich für eine Veranstaltung, die sich mit Weltliteratur beschäftigen sollte.
    Wie so oft blieben die Pläne mit dem Fortschreiten des Schuljahres auf der Strecke, bis – mich drei Schülerinnen meiner neuen fünften Klasse, die sich besonders für Literatur interessieren und auch selber schreiben, auf ein Wahlpflichtfach Deutsch ansprachen. Sofort kamen die Pläne der Vorjahres wieder und innerhalb von zwei Tagen war die perfekte Lehrerin gefunden, die die zwei Pläne zu einem zusammenführte, der Direktor überzeugt und weitere SchülerInnen mitgenommen und damit ein neues Wahlpflichtfach geboren.
    Ein „Produkt“, das partnerschaftlich entstanden und damit besonders toll ist, denn freiwilligere SchülerInnen kann man nicht haben! Gratuliere, Monika!

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