Die Geringschätzung pädagogischen Handelns und Wirkens durch die empirische Bildungswissenschaft

Ein Grund dafür, warum ich die langen Ferien im Sommer brauche, ist der Umstand, dass ich während des Schuljahres – also von September bis Anfang Juli – fast dauernd mit meinen Schülern beschäftigt bin: in der Schule während des Unterrichts, am Schreibtisch zu Hause beim Korrigieren – aber bei weitem nicht nur dort. Meine Gedanken kreisen, wenn ich nicht ohnehin konkret am schulischen Planen, Organisieren oder Administrieren bin, oftmals von früh bis spät, wochentags wie wochenends, um mein Fach und meine Schülerinnen und Schüler. Ich überlege, wie ich es am besten anstellen könnte, dass sie das, was mir wichtig erscheint, verstehen, was ich unternehmen könnte, damit sie das, was sie wissen und können sollten, besser begreifen, ob es nicht einen Text, ein Lied, einen Film gäbe, der sie in dieser Hinsicht zum Denken anregen würde, wie ich sie dazu bringen könnte, sich mit jenem Thema kritisch zu befassen.

(Deutsch-)Lehrerin zu sein ist eine gleichermaßen schöne und lustvolle wie anstrengende und extrem arbeitsintensive Tätigkeit. Es ist eine Tätigkeit, die mitunter an die Substanz geht. Ohne Erholungspausen nach acht, neun Wochen – etwa in den Weihnachts- oder Semesterferien – wäre die Tätigkeit schlichtweg nicht auszuhalten. Denn sie beschränkt sich nicht auf festgelegte Arbeitszeiten, sie findet auch beim Frühstück, unter der Dusche oder beim Laufen statt (da habe ich oft die besten Ideen!). Zu den stundenlangen Korrekturen von Hausübungen und Schularbeiten kommt eben immer noch die Beschäftigung mit Themen, Inhalten und Texten und der Frage, wie bringe ich es an die Schüler. Einzig in den Sommerferien komme ich aus diesem Kreislauf heraus.

Der einzige Grund, warum ich die enorme Arbeitsbelastung auf mich nehme: Ich will etwas für meine Schüler. Sie sind mir nicht egal. Ich verstehe meine Arbeit als Kombination aus fachlicher und erzieherischer Tätigkeit, die in erster Linie auf die Persönlichkeitsbildung der jungen Menschen abzielt. Das Engagement trägt Früchte, bisweilen gar prächtige, es zeitigt Erfolge und klappt häufig gut. Manchmal allerdings gelingt mein Tun nicht so, wie ich es gerne hätte, das erzeugt mitunter Frustration. Insgesamt aber beschert mir meine Tätigkeit ein intensives Glücksgefühl aufgrund der Resonanz, die ich zu spüren bekomme. Als Lehrerin präge ich meine Schüler durch mein Tun und durch mein Sein. Dahinter aber steht der Einsatz meiner ganzen Person und in so manchen Wochen (fast) meiner ganzen Zeit.

So wie mir geht es vielen KollegInnen, das glaube ich sagen zu können. Wir (Deutsch-)LehrerInnen arbeiten fast alle an der Belastungsgrenze. Dass bei unseren SchülerInnen trotzdem sprachliche und fachliche Defizite, mitunter auch gravierende, bestehen, ist uns bewusst. Der intensive Einsatz im Bemühen um sprachlich-fachliche Vermittlung muss ohne Erfolgsgarantie auskommen ebenso wie die Sorge um die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen naturgemäß kein Ergebnis proportional zum Einsatz hervorbringen kann.

Ein wenig stutzig kann man allerdings werden, wenn die neue Bildungswissenschaft auftritt und uns DeutschlehrerInnen – durch Studien und Statistiken immunisiert – erklärt, wo Defizite bestehen, welche Kompetenzen die Schüler nicht oder nicht ausreichend beherrschen und was wir dagegen unternehmen sollen. Anhand von so genannten Schülerperformanzen, die bei zentralen Testungen wie der Messung der Bildungsstandards oder der zentralen Reifeprüfung erhoben und anschließend „geratet“ werden, wird festgestellt, wie genau die vorab definierten Standards erreicht wurden – oder eben nicht. Objektiviert, anonymisiert und abstrahiert. Welche Persönlichkeiten, welche Menschen hinter den Zahlen stehen, spielt keine Rolle, ja es wird nicht einmal ausreichend reflektiert, wie die Daten zustandekommen. Übrig bleiben von Schülern mit ihrer individuellen Entwicklung, von spezifischen Schulklassen mit ihrer je eigenen Dynamik in Balkendiagramme gegossene Zahlen, die – und das ist das eigentliche Problem – mithin von der Öffentlichkeit oder auch von der Schulbehörde als relevanter erachtet werden als die Einschätzung von uns Lehrern.

Bei verpflichtenden Netzwerktreffen, wie wir kürzlich wieder einmal eines zu absolvieren hatten, werden wir LehrerInnen dann mit diesen Forschungsergebnissen konfrontiert und sozusagen „nachgeschult“. Gerüstet mit PowerPoint-Folien und Diagrammen erklärt man uns beispielsweise, dass es mit der Argumentationskompetenz der österreichischen Maturanten nicht zum Besten bestellt ist. Es wird uns angeraten, bereits in der Unterstufe anzufangen, Argumentationskompetenz aufzubauen, und es wird uns gezeigt, wie wir diese Kompetenz im Hinblick auf die bei der Matura gefragten Textsorten trainieren können.

Nicht, dass man sich nicht die eine oder andere Anregung von so einem verordneten „kollegialen Austausch“ mitnehmen kann (wiewohl sämtliche Ideen und Vorschläge in jedem x-beliebigen Lehrbuch zu finden sind und die Analyseergebnisse wahrlich keine neuen Erkenntnisse beinhalten). Die dahinter stehende Grundhaltung uns LehrerInnen, unserer fachlichen Qualifikation und unserem pädagogischen Wirken gegenüber empfinde ich jedoch als geringschätzig. Wenn ich in den Stunden des Netzwerktreffens alleine spazieren gegangen wäre oder mich informell mit einer Kollegin ausgetauscht, vielleicht deren Rat in Bezug auf diesen Schüler oder jene Klasse eingeholt hätte, hätte ich ein Vielfaches an guten Ideen und Anregungen erhalten. Ganz abgesehen davon, dass die meisten von uns an so einem Nachmittag im November ohnehin Schularbeiten zu korrigieren haben.

Für unsere SchülerInnen werden wir trotzdem auch weiterhin und ohne Unterlass weiterarbeiten. Ehrliche und ernst gemeinte Wertschätzung uns und unserem Tun gegenüber würde vielleicht aber auch nicht schaden – ob deren Auswirkung allerdings statistisch relevant im Hinblick auf unsere Performanz als LehrerInnen wäre, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen.

(nemo)

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