Von luftigen Höhen und gar nicht so lustigen Tiefen. Zum Stellenwert der Literatur in der Schule

„Lies keine Oden, lies die Fahrpläne?“ Unter diesem Titel veranstalteten die IG Autorinnen Autoren und die Österreichische Gesellschaft für Germanistik im Dezember eine Enquete zum Stellenwert der Literatur im Unterricht und in der Ausbildung in Österreich. Verschiedene mit Literatur befasste ExpertInnen aus unterschiedlichen Bereichen – AutorInnen, LiteraturkritikerInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen – sowie Bildungspolitiker nahmen daran teil.

Ich selbst war eingeladen, ein Statement als „Expertin für Literaturvermittlung in der AHS“ abzugeben – und hatte gleich einmal ganz praktisch (Bekomme ich überhaupt die Genehmigung des Schuldirektors, an einem ganz normalen Freitag der Schule fernbleiben und stattdessen nach Wien fahren zu dürfen?), aber auch gedanklich zu tun, um der Einladung überhaupt nachkommen zu können. Denn: Wofür ist man als LehrerIn eigentlich ExpertIn? Oder anders gefragt: Ist man als LehrerIn ExpertIn für irgendetwas?

Betrachtet man die Frage vom Fach bzw. von der Sache her, gibt es jedenfalls ausgewiesenere Spezialisten. Aber selbst wenn man die Frage von der Vermittlungstätigkeit her denkt, gibt es genügend Menschen, die auch das professioneller betreiben (können) als Lehrer. Allenfalls ist man als LehrerIn SpezialistIn für die Arbeit mit den Schülern und Schülerinnen. Das heißt, man versucht, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, sein Fachwissen, aber auch seine Erfahrungen und Werte an die jeweiligen Schüler zu vermitteln und sie in ihrer fachlichen wie persönlichen Entwicklung zu begleiten. Im Schulalltag und aus der Innensicht der Schule heraus betrachtet, kommt da schon einiges an „Querschnittsexpertentum“ zusammen, aus der Außenperspektive aber bleibt vieles davon vage und lässt sich nur schwer nachvollziehen. Das wirkliche Spezialistentum von LehrerInnen ist eben an die SchülerInnen und die spezifische Schulsituation gekoppelt. Um das anderen Personen erklären zu können, gilt es, die spezifische Schulsituation mitzudenken, ohne jedoch im allzu Konkreten und Detailhaften verhaftet zu bleiben. Langer Rede, kurzer Sinn: Ich habe mir ganz schön viele Gedanken darüber gemacht, wer die Person eigentlich ist, die da eingeladen wurde, um über Literaturvermittlung in der AHS zu sprechen.

Während der Enquete wurden meine Befürchtungen, vielleicht gar nicht die Richtige für diese Aufgabe zu sein, jedoch sofort zerstreut. Vom ersten Vortrag an hatte ich das Gefühl, am genau richtigen Ort zu sein. Das lag natürlich daran, dass lauter an Literatur interessierte, mit Literatur befasste, um die Potenziale von Literatur wissende, durch Literatur gebildete Menschen versammelt waren, um über die Marginalisierung der Literatur im österreichischen Bildungswesen und mögliche Auswege aus der gegenwärtigen Situation nachzudenken. In diesem Umfeld hatte ich tatsächlich das Gefühl, mit meiner Kritik an den Reformen, die im Fach Deutsch in den letzten Jahren stattfanden, auf offene Ohren zu stoßen, eigene Beobachtungen und Diagnosen von außen bestätigt zu bekommen und neue Impulse zu erhalten.

Als Lehrerin muss man sich früher oder später mit den Gegebenheiten abfinden – was bleibt einem anderes übrig? Man kann der neuen Matura mit ihren fragwürdigen Formaten, der Textsortengläubigkeit und der Überbetonung von normgeleitetem, schematisiertem Schreiben noch so kritisch gegenüberstehen, man kann die generelle Tendenz zur Formalisierung und Funktionalisierung von Wissen und Inhalten noch so sehr ablehnen, die Schülerinnen und Schüler jedes neuen Jahrgangs müssen trotzdem so gut wie möglich auf die gegenwärtige Matura vorbereitet werden. Mehr als den eigenen Handlungsspielraum im bestehenden System wahrzunehmen und zu versuchen, wo es geht, ein bisschen dagegenzuhalten, ist nicht machbar. Nicht zuletzt gilt es, mit den eigenen „Ressourcen“ – wie es im neoliberalen Sprech so schön heißt – achtsam umzugehen und sich nicht im aussichtslosen Widerstand aufzureiben.

Umso wohltuender ist es – und sei es nur einen Tag lang – sich unter Menschen wiederzufinden, denen wirklich an einer sinnvollen Verbesserung der Deutschmatura gelegen ist, und zwar an einer inhaltlichen. (Wenn vonseiten der Bildungspolitik von Verbesserung die Rede ist, wird ja immer nur an eine „qualitative Verbesserung“ der bestehenden Formate und Aufgabenstellungen gedacht.) Gemeinsam darüber nachzudenken, was ernsthafte und ernstzunehmende Beschäftigung mit Sprache, Diskursen und Themen eigentlich heißen und leisten könnte und welcher Stellenwert literarischen Texten in einem so verstandenen Deutschunterricht und einer daraus resultierenden echten Reifeprüfung zukommen müsste, beflügelt geradezu.

„Luft und Lust“ mahnte Ludwig Laher für die Deutschmatura ein. In der Differenz zur aktuellen, durch Schematisierung und Beschränkung geprägten Prüfungsform läge durchaus – na, nennen wir’s – Entwicklungspotenzial.

(nemo)

PS: Die einzelnen Beiträge der Enquete werden nachzulesen sein. Genaueres dazu in Bälde.

 

 

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