Der Trost runder Dinge (Lesetagebuch)

Manchmal gehen Wünsche ganz schnell in Erfüllung. Mitte letzter Woche wünschte ich mir in einem Gespräch mit einem gleichdenkenden Kollegen einen neuen Band Erzählungen von Clemens Setz und – voilà – am Freitag lese ich davon. Die zentrale Welser Buchhandlung hatte leider am Samstagnachmittag geschlossen, aber in der Bahnhofsbuchhandlung in Salzburg lag am Sonntag ein kleiner Stapel für mich bereit. „Der Trost runder Dinge“ heißt der 314 Seiten starke Band, diesmal mit keiner Erzählung gleichlautenden Namens darin.

Ich bin ja seit dem Erscheinen von „Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes“ ein Fan von Clemens Setz, am besten gefallen mir seine Erzählungen und Gedichte, weil da sein untergründiger Blickwinkel auf die Welt und was er dort findet, für mich am eindrucksvollsten zu erkennen ist. Und mit seinen Texten als Klassenlektüre habe ich schon spannende Erfahrungen machen dürfen.

Und mit dem neuen Band habe ich mir vorgenommen, meine Leseeindrücke unmittelbar aufzuschreiben. Lesetagebücher erwarte ich mir ja hin und wieder von meinen SchülerInnen, wobei ich gerne – neben kurzen inhaltlichen Passagen – den Fokus auf „Ist dir etwas Besonderes aufgefallen?“ oder „Sind die Verhaltensweisen der ProtagonistInnen nachvollziehbar“  lege. Also schreibe ich auch über das Sonderbare, das was mich irritiert, und das, was mir gefällt.

12. Februar, Vormittag

Manchmal werde ich ja geradezu gezwungen, ein Buch von hinten zu beginnen, wenn sich nämlich das Inhaltsverzeichnis dort befindet. Zwanzig Titel, der letzte heißt Jugend. Da ich von hinten nach vorne zurückblättere und er nur drei Seiten lang ist, beginne ich gleich einmal damit: Ein Kind erfährt von seinem gerade überaus glücklichen Vater, dass sein Körper wieder auf etwa zwanzig Jahre zurückgesetzt worden sei, ein Farbwechsel durch einen Kometeneinschlag auf dem Jupiter sei die Ursache. Aber da dem Vater klar wird, dass er in diesem Alter noch keine Kinder hatte, lässt er aber ziemlich verzweifelt zu, dass seine Zellen wieder altern. „Es wäre schön, wenn die Jugend tatsächlich irgendwo in der Zukunft auf uns warten würde.“ (S 315)

Die zweite Geschichte Vorgehen ereignete sich ebenfalls beim Zurückblättern, weil nur wenige Zeilen lang. Ein Uhrmacher und ein kleines Ungeheuer erinnern mich an die Kinderbücher von Sven Nordquist.

Dann gezielt ausgesucht: Spam. Ich mag an Setz gerne, wie er sich mit Besonderheiten des Internets auseinandersetzt. Zum Beispiel liest er aus einem Wikipedia-Eintrag über Bibi Blocksberg ein wunderbar trauriges Gedicht heraus und auch in Spam bedient er sich eines Internetphänomens, nämlich einer dieser Mails, in denen in Translaterdeutsch ein Millionenbetrag angekündigt und für dessen Übermittlung Finanzierung erbeten wird. Es wird hier zwar auch um Geld gebeten, aber der Grund ist ein ganz anderer und  die „Übersetzung“ ist oft wunderbar poetisch, geradezu innig.

„Die Minuten zu zweit auf dieser im Sommer Sitzgelegenheit haben mir stark im Gedächnis, dass zwar über die Jahre flieht und sich an die Zeit verloren, aber dennoch noch als wäre es gerade mal gestern in den Sternen geschrieben.“ (S 149)

Oder:

„Und daher hoffe ich so, dass diese meine automatisch durch Translate.template Sprachen reisende E-Mail-Nachricht im Internet verfielfältigt, immer weiter zu schicken und zu schicken übersetzen senden automatisch, bis wir dich finden, in dem Bart und der Form deines Alters bei ungefähr sechzig Jahre genau nach meiner dieser hypothetischen Dauer.“ (S 155)

Die zwei Tode. Wieder zur wenige Zeilen, wieder gegenseitiges Erkennen zweier Kreaturen, ein bisschen wie in Vorgehen. Schön!

Kvaløya, die Wal-Insel. Dorthin reisen die Ich-Erzählerin und das Or. Wir erfahren über das Or, dass es nicht einfach ist, mit ihm zu verreisen. Man kann ein Buch auf ihm ablegen und es knurrt leise im Schlaf. Es reagiert auf viele Dinge, als erfahre es sie zum ersten Mal. Es stellt ein Problem in Hotels und Restaurants dar. Nicht einmal Hunde kommunizieren mit ihm. Es kann traurig erscheinen und sich am Bein der Erzählerin festklammern. Sätze wie „Langsam, aufgehalten von vielen Nebensächlichkeiten, gelangten wir in ein Viertel, das zu keiner echten Gassenbildung fähig war. Die Häuser hier standen da, als hätten sie noch zu beraten, wie sie dereinst verbunden zu werden wünschten.“ (S 44) oder „Nur die Boote räusperten sich an der Kaimauer“ (S 45) stellen die eigentliche Handlung dar. Und das Or reagiert auf Grimassen.

13. Februar Abend

In Die Gesichter in den Liftspiegeln der Hochhäuser sehnt sich ein wieder  namenloser Er-Erzähler nach einer Beziehung. „Im Internet gab es so viele Frauen, dass er darüber oft in Wut geriet.“ (S 105) Ich habe mir in Laufe des Lesen ein schreckliches Ende vorgestellt, aber der Autor lässt mich nicht dorthin gelangen…

Das Schulfoto: Diese Geschichte erinnert mich an einige aus dem „Mahlstädter Kind“. Eine Schuldirektorin und ein Vater befinden sich in einem äußerst peinlichen Gespräch über eine sehr (oder zu?) weitgehende Form der Inklusion. Die Tatsachen werden nur sehr langsam aufgedeckt und die Gesprächspartner befinden sich in einer spannenden Situation von Argumenten, Ausflüchten und Peinlichkeiten.

Ein Mann, der als Kellner und Pedell jobt, geht eine zuerst sexuelle Beziehung mit einer blinden Frau ein. Wunderbar, als er aber zum ersten Mal ihre Wohnung betritt, stehen überall ordinärste Schimpfwörter an den Wänden, den Türklinken, sogar auf dem Vertilator.  Das lenkt den Ich-Erzähler ab und jedesmal, wenn er wieder kommt, kann er nicht umhin, weiter und weiter zu lesen, aber es ist im unmöglich, das Thema bei seiner Freundin anzuschneiden. Das einzige unbelastete Wort findet sich auf einer Sessellehne und lautet Otter Otter Otter – es wird zu so etwas wie einem Mantra zwischen den „Swearwords“. Aber aus vierzehn Tagen werden zwei Wochen und der Erzähler muss sich diesem Thema doch einmal stellen…

16. Februar, Abend

Das alte Haus. Eine Geschichte mit unerwarteten Wendungen, in der der Ich-Erzähler ein Haus besucht. Er behauptet, dort als Kind gewohnt zu haben, doch diese Erinnerungslücken! Und der Leihanzug und der Teaser!

Suzy nimmt einen ganz schön mit. Der sechzehnjährige, aus einer gutbürgerlichen Familie stammende Marcel hinterlässt seine Telefonnummer in der Toilette eines Lokals, in dem er und seine Freunde sich aufhalten, um

„Frauen anzusehen, die dort als stille Sci-Fi-Sendbotinnen von Tisch zu Tisch gingen, auch das unerwartete Wunder an der Metallstange hatten sie minutenlang bestaunt: eine nackte Frau, die sich allein mit dem Innendruck ihrer Kniekehle einen Meter über dem Boden halten konnte. “ (S 295)

Es kommen erste Anrufe, Marcel gibt sich als Zehnjähriger aus, dessen Mutter eine Prostituierte ist und der mit Strafe zu rechnen hat, weil er ans Handy gegangen ist. Er beginnt diese Gespräche zu genießen, sie wirken sich positiv auf sein Selbstbewusstsein aus und sein Leben wird irgendwie intensiver. Doch dann will ihn jemand aus dieser Situation „retten“ und er beginnt alle Anrufer über seine Täuschung aufzuklären. Als noch eine Frau anruft, überlegt er sich Aufklärungen wie: „Am Anfang war’s schon cool. So als würdest du einen Radiosender von einem anderen Kontinent empfangen.“ (S 311)

17. Februar, Vormittag

Zauberer. Ah, daher stammt der Titel des Bandes. „Die meisten Dinge in der Stadt wirken im Winter um vieles weicher und runder, und der allgemeine Trost runder Dinge ist etwas, für das die Dauer eines Menschenlebens glücklicherweise nicht ausreicht, um dagegen immun zu werden“. (S 199) Dieser Trost scheint für Annamaria, die Mutter eines im Koma liegenden Mannes etwas Vielfältiges und gleichzeitig Einschlägiges zu sein. Und einfach macht sie es ihrem Besucher wirklich nicht.

[… bald geht’s weiter, aber der Text will jetzt schon online gehen …]

juhudo

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