Deutschunterricht im Zeichen der Digitalisierung (Fortbildung)

war der Titel der 1. Tagung des Österreichischen Forums Deutschdidaktik (ÖFDD). Da es im LehrerInnenfortbildungsprogramm der PH Salzburg angeboten wurde und die Digitalisierung für mich ja so ein Mittelding zwischen Hobby und Beruf darstellt, habe ich teilgenommen. Uniluft schnuppern ist immer eine willkommene Abwechslung vom Alltag und so besuchte ich von Donnerstag Nachmittag bis Samstag Mittag zwölf Vorträge, die ich hier nicht alle einzeln abarbeiten wollte, aber es ist mir auch nicht möglich, nur (m)einen Überblick über gemeinsame Inhalte zu geben. Aber erst einmal der Link zum Programm.

Die beiden für mich relevantentesten Vorträge hielten am ersten Tag Johannes Odenthal und Markus Pissarek am letzten. Wenn, dann lest bitte die kurzen Berichte über diese beiden.

Die Keynotes des ersten Tages:
Erst einmal gab es ein paar neue Begriffe: Digitalität, Algorithmizität und Referenzialität. Sie tauchen immer wieder auf und werden aus dem Buch Kultur der Digitalität von Felix Stalder zitiert, auf das sich viele der ReferentInnen beziehen. Es scheint das gegenwärtige Standardwerk zur Digitalisierung zu sein. Nicht alle Vortragenden verstehen es, Powerpoint adäquat einzusetzen; auf den Folien von Michael Kelle stand so viel Text, dass man nicht so schnell mitschauen konnte wie er VORLAS – und weiterklickte!1 Außer diesem Buchtipp und dem Satz „Die Kultur der Digitalität bestimmt eine Art zu denken und zu handeln“ ( 😉 !) konnte ich aus dem ersten Programmpunkt nichts mitnehmen. Da es sich bei den Themen um Forschungsergebnisse handelt, sind die Folien verständlicherweise nicht für die TeilnehmerInnen zum Nachlesen verfügbar.

Den zweiten Referenten, Johannes Odenthal, hätte ich mir vor dem ersten gewünscht, dann hätte ich mir mit den Begrifflichkeiten leichter getan. Er blickte mit einem distanzierten Blick auf die DIGITALISIERUNG und erklärte das mit folgender Analogie: Die technischen Hilfsmittel, die seit der Industrialisierung entstanden sind (Autos, Aufzüge), erforderten eine dialektische Gegenbewegung in Form von Sport, weil die körperliche Bewegung für uns auch notwendig ist. Entsprechend müssen wir infolge der Digitalisierung auch mental auf den Sportplatz. Und der Deutschunterricht hat hier eine wichtige Aufgabe: Es wird eines seiner Qualitätskriterien sein, mehr auf das Analoge als auf das Digitale zu achten.
Odenthalt stellt der Digitalität die Analogität zur Seite (nicht gegenüber) und nennt als Beispiel für den mentalen Sportplatz den Deutschunterricht, in dem man lineare Texte statt Hypertexte lesen darf, in dem man sich auf eine Sache konzentrieren darf, in dem man auch einmal alleine arbeitet und in dem man nicht nur produziert, sondern auch etwas zum Ausdruck bringt, etwa, wenn man Theater spielt. Odenthal sieht in der Erfüllung dieser Aufgaben – er nennt sie Analogität, Autonomie und Authentizität (im Gegensatz zu Digitalität, Gemeinschaftlichkeit und Referenzialität) – ein wichtiges Qualitätskriterium des Deutschunterrichts.

Maik Philipp sprach anschließend über einen „kompetenten rezeptiven Umgang“ mit „multiplen digitalen Dokumenten“ und zeigte ein komplex-kompliziertes Modell zum Bewerten von digitalen Quellen. Für analoge funktioniert es aber sicher auch.

Am nächsten Tag die letzte Keynote: Am Beispiel von Super Mario Brothers ging es um Spiele. Filme, Comics, Blogs, Podcasts, Machinimas, WIKIs, Modding, FanFiction und soziale Medien. Matthis Kepser zeigte die Fähigkeiten auf, die nötig sind, um an der digitalen Kultur teilnehmen zu können. Er zitierte dazu Henry Jenkins: „play, performance, simulation, appropriation, multitasking, distributed cognition, collective intelligence, judgement und transmedia“. Amüsant und erhellend, ich habe mich mit etwas Ähnlichem schon einmal in meinem eEducation-Studium (Digitale Mediensozialisation) mit großem Spaß beschäftigt.²

Dann reihte sich ein Workshop an den anderen, immer 45 Minuten Zeit, kurze Vorstellungen von Forschungsinteressen, noch kürzere Fragerunden zu Erklärvideos, Votingsystemen für Lehramtsstudierende, einen Storyeditor („Inky“), der sich für Erzählungen mit mehreren Handlungsalternativen eignet, eine Fehlerauswertung von analog und digital verfassten Maturaarbeiten (handschriftliche bekamen die besseren Noten …), der Iderblog wurde vorgestellt, der während des Bloggens eine Rechtschreibanalyse durchführt und die Kinder sofort korrigieren kann. Es wurde über die Verwendung digitaler Geräte zum Lesen von Literatur gesprochen (Die meisten Deutsch-Lehramtsstudierenden an der PH lesen weder digital noch analog recht viel.) und das Projekt Digital Resistance (Thema Fake News) vorgestellt.

Ein Highlight war der letzte Vortrag, gehalten von Markus Pissarek. Er hatte an alle vorherigen Vorträgen ebenfalls teilgenommen und meinte, er hätte danach „keinen Arbeitsbegriff der Digitalität mehr“ und seinen Vortrag am Abend zuvor noch entsprechend umgestaltet. Er zeigte anhand der Böhmermann-Varoufakis-Satire, dass selbst Internetexperten den Fake nicht hatten erkennen können, was an dem „Stinkefinger“ richtig oder falsch war, und erklärte, dass das Lernenden allein deshalb schon gar nicht als Aufgabe überlassen werden sollte.
Er meinte auch, dass die Bildungsstandards des Deutschunterrichts wegen der Digitalisierung nicht umgebaut werden dürfen, dass keine neuen Kompetenzmodelle nötig seien, denn „LITERATURUNTERRICHT IST DAS BESTE VEHIKEL!“
Die Wahrheit stecke in der Fiktion, sie wurde von Dichtern geschaffen. Man müsse „Awareness mitbringen, dann kann man immer noch in den Fiktionalitätsmodus umschalten.“

Mein Fazit besteht hauptsächlich aus Fragen:

  • Digitalisierung ist klar und spielt natürlich auch eine Rolle im Deutschunterricht.
  • Aber muss eine bestimmte Art des Lesens dafür gelehrt werden? Eher nicht.
  • Es scheint ein Gefühl der Bringschuld und des Nachhinkens unter der LehrerInnenschaft und dem Bildungssystem zu geben. Warum eigentlich?
  • Sind digitale Text etwas grundsätzlich anderes als analoge?
  • Die DidaktikerInnen sind (natürlich) unterschiedlicher Meinung.
  • Nicht alle referierten Forschungsergebnisse erscheinen mir besonders relevant.
  • Auch im Rahmen einer Tagung bleibe ich irgendwie in meiner Filterblase ;-).

Was mir noch aufgefallen ist:

  • DeutschlehrerInnen wissen nichts von diesem Forum, sie sind allerdings auch nicht unbedingt AdressantInnen. Warum eigentlich nicht?
  • Die Vortragenden stammen – auch wenn sie an österreichischen Unis lehren – alle aus Deutschland und sind Männer, so dachte ich nach den Keynotes. Das hat sich insofern ausgeglichen, dass ab dem dritten (!) Halbtag einige aus Österreich stammende Frauen ihre Vorträge hielten.
  • Nach den Vorträgen sagen alle Uni-Angehörigen „Danke für den schönen/interessanten Vortrag“. Alle anderen wissen noch nichts davon.
  • „Vorlesungen“ sind noch nicht ausgestorben: 3 von 11, aber vermutlich ist das Verhältnis nicht schlecht.
  • Modelle sind etwas ganz Wichtiges. (Fast) jede/r muss eines haben.
  • Mitschreiben ist anscheinend kein Thema mehr. Natürlich hab ich immer mein iPad und meinen eigenen College-Block mit, aber bei diesen Tagungen ist es üblich, eine Mappe mit Programm, Kugelschreiber, einem Block und manchmal Werbematerial zu bekommen. Ich sag nur: 12 Vorträge und fünf (!) Blätter Papier?!?

(juhudo)

1 exemplarisches Beispiel einer besonders unangenehmen Präsentationsfolie – und sie war nur eine von vielen – besonders wenn sie in großer Geschwindigkeit vorgelesen wird:

img_4624
2mediensoz

3 Gedanken zu “Deutschunterricht im Zeichen der Digitalisierung (Fortbildung)

  1. Daniel Lorenz schreibt:

    Danke für diese Zusammenfassung. Einiges von dem, was da geschildert wird, erinnert mich an die Veranstaltung „Digitalisierung von Erwachsenenbildungsangeboten am Beispiel des Fremdsprachenlernens“ am 22.1. in der Münchner VHS, die ich besucht habe.

    Liken

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