Poetische Wegbegleiterinnen II: Hilde Domin und die Notwendigkeit der Bitte

Über Umwege bin ich auf Hilde Domin gestoßen: Die Wiederholung eines Ö1-Menschenbildes über Ute Karin Höllrigl, das anlässlich ihres 80. Geburtstags im Sommer ausgestrahlt wurde, hat mich mit der analytischen Psychologin und Traumforscherin bekannt gemacht. Ich habe mir mehrere Bücher von ihr ausgeborgt, eines davon hat mich besonders angesprochen: Vertrauenswege heißt es und es ist eine Art Dialog zwischen Großmutter und Enkelin. Den ganzen Sommer über habe ich immer wieder in diesem Buch geschmökert und mich mit Ute Karin Höllrigls Gedanken und Ausführungen befasst.

Ute Karin Höllrigl beruft sich häufig auf die Lyrik, auf Gedichte von Ingeborg Bachmann, Rainer Maria Rilke und eben Hilde Domin. Insbesondere das Gedicht mit dem schlichten Titel Bitte hat es ihr – und mittlerweile auch mir, die ich zwar ein paar Hilde Domin-Gedichte gekannt hatte, dieses aber nicht – angetan.

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Eine Bitte ist irgendwie ein recht seltsames Ding und scheint so gar nicht in unsere gegenwärtige Welt zu passen. Was wir brauchen, kaufen wir uns und gegen Risiken schützen uns Versicherungen. Wenn wir also Bitten äußern, dann sind sie meist Ausdruck bloßer Rhetorik. Nach dem Motto: „Wir bitten Sie, den fälligen Betrag umgehend einzuzahlen.“ Zahlt man nicht, folgt die Mahnung. Bitten sind also meist nur höfliche Versionen von Aufforderungen, denen unbedingt nachzukommen ist.

Die echte Bitte hingegen kann nicht auf Erfüllung bestehen. Die echte Bitte ist nicht mehr als eine Art Hoffnung, die erfüllt werden, die aber ebenso zurückgewiesen werden, ja, die sogar unerhört bleiben kann. Eine echte Bitte ist mit einem Risiko verbunden und setzt so etwas wie Vertrauen voraus. Man muss dem Anderen vertrauen, um ihn um etwas bitten zu können. Denn selbst wenn der Andere meiner Bitte nicht nachkommen kann, sollte er sie zumindest ernst nehmen und sich mit ihr auseinandersetzen, damit ich mich gehört fühlen kann. Wo dieses Vertrauensverhältnis nicht gewährleistet ist, kann man schlecht eine echte Bitte äußern. Eine Bitte scheint vielen Menschen (deshalb?) problematisch und ein Ausdruck von Schwäche zu sein. Man braucht etwas vom Anderen, das man selbst nicht hinkriegen würde. Man wird dadurch vom Anderen abhängig.

Immer wieder begegnet man Menschen, die sogar kleine Bitten des Alltags höchst ungern äußern, ja, die Hilfsangebote ausschlagen und darauf beharren, die Aufgabe selbst bewältigen zu können. Die betagte Nachbarin, zum Beispiel, die alleine im zweiten Stock lebt, das Schicksal, alleine zu leben bedauert, und deren Sehkraft mittlerweile so eingeschränkt ist, dass es ihr Schwierigkeiten bereitet, sich außerhalb der eigenen Wohnung zu orientieren. Aber jemanden um Hilfe zu bitten kommt nicht in Frage. Auch das Angebot, ihr zu helfen, für sie oder mit ihr einkaufen zu gehen und die Beteuerung, dass man es gerne mache, führt zu nichts. „Nein, so lange ich es alleine schaffe, mache ich es selbst. Ich brauche niemanden.“

Ja, ich glaube, ich habe auch schon oft so ähnlich reagiert und keine Bitte geäußert, das Angebot der Hilfe nicht angenommen und darauf beharrt, es alleine zu schaffen. Solange es nicht unumgänglich ist, kommt uns echtes Bitten echt komisch vor.

Dagegen nun Hilde Domins Bitte. Da stellt sich die Frage nicht, ob man Hilfe annehmen kann oder nicht. Sie spricht vom Existentiellen. In dieser Situation hat man nicht die Wahl, um Hilfe zu bitten oder es alleine zu schaffen, ja, die Bitte zielt auch weniger auf Hilfe im Sinne von Abhilfe ab als auf Hilfe im Sinne von Selbsterkenntnis. „Durchnäßt bis auf die Herzhaut“ kann es nur darum gehen, die richtige Bitte zu äußern, jene Bitte nämlich, die taugt. Die Bitte, „immer versehrter und immer heiler“ zu sich selbst entlassen zu werden. Die Alternative zu dieser Bitte ist nicht weniger als der eigene Untergang.

BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

Und daß wir aus der Flut
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden

Über Hilde Domin muss ich noch mehr schreiben. Ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die ich gerade gelesen habe, begeistern mich … (nemo)

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