Peter Handkes poetische Anverwandlung von Welt. Fortbildung nicht nur für Lehrerinnen

Vor mittlerweile auch schon wieder sieben Jahren habe ich an der PH Salzburg im Rahmen der LehrerInnen-Fortbildung einmal ein Seminar mit Hans Höller zu Peter Handke organisiert. Daran habe ich mich gestern erinnert, nachdem verkündet war, dass Peter Handke den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten würde. Ich habe mich an das Seminar erinnert, in dem wir einen ganzen Tag lang über Peter Handkes Texte gesprochen hatten, intensiv den Worten Handkes nachspürend und gänzlich frei von didaktischen 42344Umsetzungszwängen. Angeleitet von Hans Höller, der damals gerade seine Studie Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945: Das Werk Peter Handkes publiziert hatte, haben wir uns gemeinsam in ein immer tieferes Textverständnis begeben und waren am Ende des Seminars beglückt über die poetischen Einsichten, die wir gemeinsam an diesem Tag gewonnen hatten, auseinandergegangen. Sicher, jene KollegInnen, die von Fortbildungen didaktische Handlungsanleitungen und fertige Unterrichtsentwürfe erwarten, hatten sich von vornherein nicht angemeldet für diese Veranstaltung. Jene aber, die gekommen waren, durften sich einen Tag lang wieder als ganze GermanistInnen fühlen. Die Frage nach der Umsetzbarkeit im Unterricht und den zu erwerbenden Kompetenzen wurde nicht gestellt. Und das war im Jahr 2012 überhaupt nicht selbstverständlich, galten doch zu dieser Zeit Fortbildungsveranstaltungen zur neuen Matura und zum kompetenzorientierten Unterrichten als das einzig Relevante (und ein bisschen auch als das einzig Glückseligmachende) für (Deutsch-)LehrerInnen …

Tatsächlich spielt Peter Handke im schulischen Deutschunterricht relativ wenig Rolle. Wunschloses Unglück wird immer wieder gerne gelesen, manchmal vielleicht auch die Publikumsbeschimpfung. Die späteren Texte entziehen sich der schnellen schulischen Verwertbarkeit, sind für Jugendliche wahrscheinlich auch nicht so unmittelbar geeignet. Man bräuchte wohl viel mehr Zeit und Muße für die Beschäftigung mit Literatur, damit man so weit käme, um sich Handke-Texten mit Schülern sinnvoll und ernsthaft zu widmen. Obwohl, man müsste es vielleicht einmal versuchen, manches hat sich in den letzten Jahren ja auch wieder geändert. Das gegenwärtige Interesse an Achtsamkeit könnte möglicherweise ein Türöffner sein.

Noch lebendiger als das PH-Seminar, von dem ich eingangs erzählt habe, ist mir selbst die eigene Vorbereitung darauf in Erinnerung: Um als Organisatorin nicht allzu blank dazustehen, habe ich in den Sommerferien davor Mein Jahr in der 81dQ8bptgZLNiemandsbucht gelesen. Ich war mit Handke-Texten kaum bewandert, das Buch stand seit Jahren ungelesen im heimischen Bücherregal. Man könne ja einmal hineinlesen, dachte ich mir. – Und dann hatte ich es plötzlich mit einem Leseerlebnis zu tun, wie es mir so noch nie zuteil geworden war. Der Text entwickelte von der ersten Seite an eine Art von stiller Sogwirkung, die mich nicht mehr losließ. Diese poetische Anverwandlung von Welt, diese Betrachtungen und Fragen nahmen mich mit auf eine Reise, deren Nachwirkung bis heute anhält, ohne dass ich überhaupt noch sagen könnte, worum es in dem Buch eigentlich ging. Ja, um eine Verwandlung ging es, das weiß ich noch.

Ich glaub‘, die Reise mach‘ ich nochmal.

(nemo)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s