Das Handy als Wochenendzerstörer

Das Handy sei ein Unterrichtszerstörer, meinte der Kabarettist und Lehrer Andreas Ferner kürzlich in einem Zeitungsinterview. Als betroffene Lehrerin und Mutter gehe ich einen Schritt weiter und sage: Das Handy zerstört nicht nur den Unterricht, nein, es zerstört auch das Familienleben. Und zwar massiv! Das Irre dabei: Ich rede hier nicht von der privaten und individuellen Handysucht des Nachwuchses, die in den Griff zu kriegen schon Herausforderung genug ist. Nein, es ist die Schule in ihrem Digitalisierungswahn, die bis in das Wochenendprogramm der Familien hineinfunkt.

Aus irgendeinem Grund musste mein Kind für den Englischunterricht ein Kochvideo drehen. Als Hausaufgabe. Was lustig und harmlos klingen mag, stellte in Wirklichkeit eine echte Belastung für das Familienleben dar. Tagelang waren wir (!) mit dieser Hausübung beschäftigt. Denn es reichte natürlich nicht, einfach ein Video zu drehen, nein, es musste auch noch bearbeitet und geschnitten werden. So wie man das halt macht in Zeiten von Instagram und Youtube. Die Schüler haben zwar noch nicht eine einzige Informatik-Stunde in ihrem bisherigen Unterricht genossen, geschweige denn, dass sie irgendwann einmal auch nur in Ansätzen gelernt hätten, wie man Videos schneidet – aber, als ob es geradezu eine Selbstverständlichkeit wäre, wird erwartet, dass sie es können und tun.

Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es wirklich so ist, wird dabei vorausgesetzt, dass alle Kinder ein funktionierendes Smartphone auf dem neuesten technischen Stand haben. Bei uns ist das aber derzeit nicht so. Also schlug ich vor, das Video am Computer zu schneiden. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass auch das Betriebssystem des Laptops (auf dem ich gerade diesen Beitrag schreibe) schon zu alt für die kostenlos im App-Store verfügbaren Videoschnittprogramme ist. Mit solchen Eventualitäten kann der moderne Englischlehrer aber natürlich nicht rechnen. Damit sich das Töchterlein nicht mit einem ungeschnittenen Video vor der Klasse blamiert, musste schließlich mein Handy upgedatet werden, damit schlussendlich doch noch eine Möglichkeit gefunden wurde, die entsprechende App herunterzuladen und das Video einigermaßen professionell zu bearbeiten. Ist ja alles kein Problem.

Zu den technischen Widrigkeiten kommt: Dass das jugendliche Kind fast das ganze Wochenende mit dem Handy hantierte und vor dem Bildschirm saß, kümmert offenbar niemanden. Während der Woche gibt es aufgrund der langen Schultage keine Möglichkeit, längere Zeit aktiv an der frischen Luft zu verbringen. Aber wen stört’s, wenn dann der halbe Samstag und der gesamte Sonntag ebenfalls mit dem Smartphone in der Hand zugebracht werden? Wahrscheinlich gehen Lehrer davon aus, dass eh alle Schüler mittlerweile ihre gesamte Freizeit mit dem Handy verbringen. Da ist es dann schon egal, wenn ein Teil der Handyzeit für die Hausübung aufgewendet werden muss. Bin ich echt die einzige Retro-Mutter, die das anders sieht?

Ah ja, und das Ergebnis? Zugegeben, es ist ein ansprechendes und auch recht witziges Video geworden. Und ja, es beeindruckt mich schon auch, wie gewandt so ein jugendlicher Mensch quasi intuitiv mit einem Videoschnittprogramm umgeht. Aber, nur um das noch einmal klarzustellen: Mein Kind besucht weder einen speziellen Informatik- noch einen Multimedia-Zweig an irgendeiner Fachschule. Nein, wir sprechen von einer Hausaufgabe an einem ganz normalen Gymnasium. Und es ging auch nicht um die Herstellung eines Videos per se, nein, es handelte sich um eine schnöde Hausaufgabe im Englischunterricht. Wie sinnvoll so eine Aufgabe ist bzw. ob der Inhalt des Videos auch nur annähernd den technischen Aufwand und die vielen Stunden vor dem Bildschirm rechtfertigt, scheint eine Frage zu sein, die sich niemand mehr stellt. Digitalisiert muss werden, und zwar am besten alles.

(nemo)

 

3 Gedanken zu “Das Handy als Wochenendzerstörer

  1. Xeniana schreibt:

    Ich find das mit den Videos nicht schlecht, weil es die Jugendlichen dort abholt wo das Interesse liegt. Bei uns gibt es diese Videos als Hausaufgabe einmal auf im Jahr. Das finde ich vertretbar. Und kreativ ist es ja schon.

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    • nemo schreibt:

      Eh. Trotzdem … Die Jugendlichen werden abgeholt und bleiben gleichzeitig dort, wo das Interesse liegt. Nämlich beim Handy.
      Aber ich gebe zu, dass es kreativ ist. 😊

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  2. FIischer Anna schreibt:

    Ein Kochvideo als Englischhausübung?
    Als Englischlehrerin habe ich in der 4.Klasse die Food-unit immer geliebt. Wir haben gemeinsam englische Rezepte ausprobiert,nach Jamie Oliver zum Beispiel. Im WRG hatten wir natürlich den Vorteil einer eigenen Küche. Einmal hat ein Schüler sogar eine Kochplatte in die Klasse mitgebracht.Das fand ich auch „kreativ“. Und eine Englischgruppe hat bei mir zu Hause gekocht,das war ein Highlight!
    Aber das ist jetzt wohl schon über 10 Jahre her.

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