E-Learning, Freewriting & Co. Erste Notizen aus dem virtuellen Klassenzimmer

Und plötzlich ist alles anders. Erschien mir das Handy noch vor wenigen Wochen als Wochenendzerstörer, ist es jetzt fast so etwas wie ein Normalitätsbewahrer. Ja, auch die eigene Skepsis der digitalen Welt gegenüber muss grundsätzlich überdacht werden. So schnell können sich die Vorzeichen ändern.

Ab Montag werden wir also versuchen, unsere SchülerInnen via Lernplattform zu unterrichten. Wir am WRG sind angehalten, täglich Aufgaben auf „Moodle“ zu stellen und den Schülern zu kommunizieren, bis wann sie diese erledigen und die Ergebnisse ihrerseits hochladen müssen. Sodann werden wir – wiederum auf digitalem Weg – korrigieren und kommentieren.

Bislang haben nur wenige Lehrende in den Schulen das so gemacht – für ebenso lehrerkritische wie digitalisierungsgläubige JournalistInnen natürlich ein veritables No-Go. Gerade gestern war im „Standard“ wieder zu lesen, wie „erschreckend“ es sei, dass gerade einmal 30 Prozent der Schulen für E-Learning gerüstet sind. Ja, unfassbar und wirklich erschreckend. – Hä, warum eigentlich?

Ganz ehrlich, es gibt kaum etwas, was mich derzeit weniger erschreckt. Mag sein, dass wir noch nicht für E-Learning gerüstet waren – aber ja, jetzt werden wir uns rüsten. Und wir kriegen das hin, wir lernen schnell. Wir Lehrerinnen und Lehrer, wir können das nämlich, auch wenn sich das so manche/r Journalist/in nicht vorstellen kann oder mag.

Außerdem – und das erscheint mir wirklich das Gebot der Stunde zu sein – gilt es, in erster Linie einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Alarmismus zu verfallen. Wie die nächsten Wochen genau ablaufen werden, weiß ohnehin noch keiner. Wir werden uns bemühen, unsere Arbeit und unsere Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen. Ob und wie es gelingen wird, wird man sehen.

Ich werde jedenfalls meine SchülerInnen in meinen virtuellen Deutschstunden auch dazu auffordern, zunächst einmal zehn Minuten lang Freewriting zu betreiben. Das habe ich mit den Klassen besprochen, das haben wir gestern noch einmal geübt. Aus den Freewritings soll eine Art Tagebuch des Ausnahmezustands entstehen. Ob und was wir später daraus machen werden, weiß ich noch nicht. Fürs Erste gilt es, täglich innezuhalten und über unseren nunmehrigen Alltag nachzudenken. Das tut gut und fördert Texte zutage. Texte, die – wenn sie jetzt nicht geschrieben werden – später jedenfalls nicht mehr so geschrieben werden können.

Ja, und ich habe meinen SchülerInnen geraten, diese Freewritings mit der Hand anzufertigen. Ganz analog. Das Handy sollen sie für die Zeit des Schreibens ausschalten und weglegen. Die Aufforderung werde ich auf digitalem Wege vielleicht noch ein paarmal wiederholen müssen. Aber nur weil jetzt alles anders ist, sind die Gefahren von ständigem Handygebrauch ja nicht weg: dieses komische Gefühl zum Beispiel, permanent online sein zu müssen, die Angst davor, etwas zu verpassen, dabei nichts mehr wirklich zuwege zu bringen und sich stattdessen in Unkonzentriertheit zu verlieren. Ja, ich sehe geradezu meine Verantwortung als Pädagogin darin, dazu beizutragen, dass dieses Gefühl nicht zum Dauerzustand wird.

In diesem Sinne: Ich bin froh, dass wir die digitale Welt nutzen können, um weiter unterrichten und mit unseren Schülern in Kontakt bleiben zu können. Dennoch werde ich auch weiterhin den Segnungen des Analogen, der Handschrift, dem Haptischen das Wort reden. Ich werde digitalisierte Lernangebote und Tools nützen und gleichzeitig die SchülerInnen eben auch zum analogen Arbeiten, zu Freewritings, zum Bücherlesen, zum Nachdenken auffordern. Und ich hoffe, dass auch die Coronakrise nicht zur vollständigen Digitalisierung des Klassenzimmers führen wird. In ein paar Wochen, vielleicht erst in ein paar Monaten können wir unsere SchülerInnen hoffentlich alle wieder ganz normal und real in der Schule treffen. Und vielleicht sogar auch wieder einmal eine Schulstunde ganz ohne technische Hilfsmittel mit ihnen zubringen.

(nemo)

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