Vom menschlichen Maß nehmen. Nachdenken über „alternativloses“ Handeln

„Sollte beim Ergreifen von Maßnahmen nicht bedacht werden, dass bei diesem Vorgang Maß genommen wird, nicht Maß geraten?“, fragte sich Andrea Maria Dusl kürzlich in ihrer illustrierten Kolumne zum Thema „Corona-Kurven“.[1]  Maß genommen wurde und wird viel in diesen Zeiten: Man verbietet Menschen, sich zu treffen und sich nahe zu kommen, man hält Schulen, Gasthäuser und Ämter geschlossen, man riegelt Spielplätze ab, man hindert Menschen, an Begräbnissen teilzunehmen, man untersagt Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen und noch vieles mehr. Die Regierung verbietet uns unser bisheriges Leben und wir haben uns daran zu halten. Vielen, ja, den allermeisten scheint die Notwendigkeit all dieser Maßnahmen einzuleuchten. Sie nehmen die Einschränkungen hin, als wären sie unumgänglich. Alternativlos.

Ich selbst bin seit Wochen fassungslos. Wie kann eine Gesellschaft glauben, dass sie all das, worüber sie sich bisher definiert hat, nicht mehr braucht? Dass sie ihr Miteinander einfach abdrehen oder in einen körperlosen digitalen Raum auslagern kann? Was ist aus uns und unseren kulturellen Errungenschaften geworden?

Es scheint nur mehr ein Ziel zu geben: Hauptsache, die Sterblichkeitsrate sinkt. Der Tod ist zu einer rein statistischen Angelegenheit geworden, es geht nur mehr um Zahlen und Kurven. Die Menschen dahinter verschwinden. Der Zahl der Infizierten und Erkrankten wird jene der verfügbaren Atemgeräte auf den Intensivstationen entgegengehalten. Es wird gerechnet, modelliert und prognostiziert.

Aber ist das wirklich alles, worauf es beim Leben und Sterben von Menschen ankommt?

Der Kampf ums nackte Überleben ist entbrannt. Jenseits davon scheint alles verzichtbar. Grundversorgung und Intensivbetten – mehr brauchen wir offenbar nicht. Und diese fundamentale Reduktion wird dann auch noch mit dem Hinweis auf die Würde des Menschen gerechtfertigt. Als würde sich das Ausmaß an menschlicher Würde einzig und allein daran messen, dass wir im Krankenhaus künstlich beatmet werden können.

Wir alle gehen täglich vielerlei Risiken ein. Wir fahren mit dem Auto oder dem Fahrrad, wir arbeiten, wir gehen außer Haus. Immer öfter sind wir gezwungen, schlechte Luft einzuatmen. Viele Menschen haben Übergewicht, rauchen, essen und trinken ungesunde Sachen, fühlen sich gestresst, betreiben gefährliche Sportarten oder sitzen zu viel. Unser gesamtes Leben ist mit dem Risiko zu sterben behaftet. Jetzt aber zählt nur mehr das Risiko, am Coronavirus zu erkranken.

Jeden Tag sterben Menschen: an Krankheiten, an Unfällen oder schlicht an der unabänderlichen Tatsache, dass unser aller Leben irgendwann zu Ende geht. Bis vor kurzem hatte man darüber diskutiert, ob es nicht würdevoller sein könnte, Menschen am Ende ihres Lebens, anstatt sie intensivmedizinisch am Leben zu halten, in Ruhe sterben zu lassen. Jetzt sind solche Gedanken ungehörig, fast so, als würde man – alleine wenn man darüber nachdenkt, wie man selbst einmal sterben möchte oder was man den eigenen Eltern wünscht, – sich im Dunstkreis des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms bewegen. Getan wird, als ob es plötzlich darum gehen könnte, den Tod als solchen abzuschaffen. Wer dagegen ist, handelt zynisch und unmoralisch.

Abgeschafft werden soll aber nicht nur der Tod. Nein, bereits die Infektion selbst wird im Falle von Corona zum Skandalon. Die Zahlen der weltweit Infizierten werden öffentlich herumgereicht, als handelte es sich dabei um Einträge auf einer globalen Anklagetafel. Man mag an Krebs leiden, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden, doch an Corona zu laborieren, das geht nicht. Jedes Jahr erkranken Menschen schwer an der Grippe, gar nicht so wenige sterben daran, aber nein, an Corona darf nicht erkrankt und schon gar nicht gestorben werden. Deshalb sind alle Maßnahmen gerechtfertigt, deshalb muss das Ansteckungsrisiko nicht nur minimiert, es muss ausgeschlossen werden. Dass das Virus trotzdem nicht zu verharmlosen ist, versteht sich meines Erachtens von selbst.

Die Regierungen fast aller Staaten benehmen sich im Corona-Bekämpfungswettbewerb, als winkte dem Sieger die Übernahme der Weltherrschaft. In den Medien wird betont, was für eine wichtige Rolle der Politik jetzt wieder zukomme. In den letzten Jahren war politisches Handeln ja zunehmend durch marktkonformes Vorgehen ausgeschaltet worden. Der Markt hatte gesprochen und die Regierungen sind gefolgt. Der Spielraum zum Gegensteuern wurde immer kleiner. Jetzt sei plötzlich wieder die Politik am Zug und sage, wo’s langgeht. Aber ist das denn wirklich so? Ist das wirklich souveränes politisches Handeln, was derzeit stattfindet? Mir scheint, es ist vielmehr ein globaler politischer Gleichschritt, der nun vollzogen wird. Fast gar nichts wird in dieser Krise von einer einzelnen Regierung bestimmt. Alle machen dasselbe, und zwar auf der ganzen Welt. China hat die Maßnahmen vorexerziert und die ganze Welt kopiert sie. Wie immer gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Es sind beinahe überall die gleichen Maßnahmen, die beschlossen werden, mit dem – allerdings nicht unwesentlichen Unterschied –, dass die einen geschickter und die anderen hilfloser agieren. In Europa hat Italien, wohl auch, weil es das erste betroffene Land war, mit der hilflosen Version begonnen. Es waren die Bilder dieses Versagens, die uns alle kontaminiert haben. Bilder gehen nicht mehr weg, Bilder kann man nicht relativieren und auch nicht negieren. Das ist hinlänglich bekannt. Dagegen können wir jetzt nichts mehr machen. Zu hoffen ist nur, dass die Gründe ebenso wie die Hintergründe für das italienische Desaster eines Tages tatsächlich aufgeklärt werden.

Bei uns hat man, das Beispiel Italien vor Augen, in mancher Hinsicht geschickter agiert. Man hat die Menschen davon abgehalten, in die Arztpraxen und Krankenhäuser zu rennen. Stattdessen hat man die Infizierten daheim in häuslicher Quarantäne gehalten. Das hat – im Zusammenspiel mit dem immer noch hervorragenden österreichischen Gesundheitssystem – funktioniert. Auf diese Weise konnten die Ansteckungsraten gering gehalten werden. Aber trotzdem sah sich auch unsere Regierung bemüßigt, das volle Programm des „Shutdowns“ durchzuexerzieren.

Jetzt kommt man aus den Maßnahmen nicht mehr heraus. Jeder Schritt in eine „neue Normalität“ muss genau kontrolliert und mit dem geradezu grotesk anmutenden Zwang sich zu maskieren abgesichert werden. Ob es nicht gereicht hätte, die Menschen mit Symptomen zu isolieren und etwas mehr auf Hygiene sowie Abstand zu achten, wird man wohl kaum mehr herausfinden können. Denn mittlerweile wurde soviel Maß genommen, dass auch der Maßstab für die Pandemie selbst verloren gegangen ist. Jeder an Corona Infizierte, jeder an Corona Erkrankte, jeder an Corona Verstorbene ist nunmehr gleichermaßen ein Skandal wie ein Beweis für die Notwendigkeit der Maßnahmen.

All die anderen Toten nimmt man derweilen getrost in Kauf. Tragisch Verunglückte, an Krankheiten Verstorbene, ob jung, ob alt, sie zählen nicht.

Man lässt die Hinterbliebenen allein. Ihre Trauerfeiern werden zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden können. Als ob das eine Option wäre, wenn man einen geliebten Menschen verliert!

Man lässt die Alten und Kranken allein. Man lässt die Familien, Frauen und Kinder allein. Man nimmt die Arbeitslosen, die Verzweifelten, die Verarmten in Kauf. Koste es, was es wolle.

Man entmündigt eine Gesellschaft, man beschneidet Freiheiten, man riskiert die Demokratie. Man kümmert sich um die Grundversorgung der einen und lässt andere in Flüchtlingslagern oder auf dem Meer abkratzen, mittlerweile sogar, ohne überhaupt davon Notiz zu nehmen.

Wir dachten einmal, Teil einer zivilisierten Welt zu sein. Jetzt betrachten wir uns selbst und unsere Nächsten als potentielle Gefährder, begegnen einander, als wären Menschen nichts anderes als Virenschleudern.

Unserer Menschlichkeit dürfen wir uns indes virtuell versichern. In der digitalen Welt dürfen wir gemeinsam lachen und scherzen, musizieren und tanzen, arbeiten und lernen und können all den kulturellen Ritualen beiwohnen, die uns einmal als soziale Lebewesen aus Fleisch und Blut ausgemacht und miteinander verbunden haben. Zumindest die IT-Branche soll – ganz real allerdings – einen Grund zum Jubeln haben.

Vom menschlichen Maß wurde fast alles genommen, die Maßnahmen bleiben weiterhin aufrecht. Alternativlos aber waren sie nie.

„,Alternativlos’ ist ein anderer Begriff für ‚Keine Widerrede!’ und damit ein absolut undemokratisches Konzept. Es gibt immer eine Alternative“, so die deutsche Autorin und Verfassungsrichterin Juli Zeh.[2] Zeh hat bereits vor gut zehn Jahren einen in der Zukunft angesiedelten Roman über eine Art Gesundheitsdiktatur geschrieben.[3] Man sollte ihn wieder einmal lesen.

(nemo)

[1] Andrea Maria Dusl: „Die illustrierte Kolumne“, in: Salzburger Nachrichten, 18.4.2020

[2] Juli Zeh: „Es gibt immer eine Alternative“, in: Süddeutsche Zeitung, 4./5. April 2020

[3] Juli Zeh: Corpus Delicti, Schöffling & Co 2009

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