Notwendiges und Verzichtbares. Nachdenken über Neoliberalismus und Coronakrise

Woher rührt eigentlich meine ungebrochene Skepsis gegenüber den Maßnahmen im Umgang mit dem Coronavirus? Ist es zulässig oder geboten, verzichtbar oder sogar notwendig, auch in Zeiten einer Pandemie politisches Handeln zu hinterfragen? Solche Fragen stelle ich mir seit mehreren Wochen. Noch häufiger stelle ich sie mir, seit ich meinen Blogbeitrag über das menschliche Maß und die Maßnahmen veröffentlicht habe. Ich bin weder Zynikerin noch Anhängerin von Verschwörungstheorien. Ich habe Rechtspopulismus abgelehnt, seit ich politisch denken kann. Trotzdem finde ich mich in diesen Tagen mit Menschen und Gruppierungen, mit denen mich bis vor Kurzem kaum etwas verband, in einer Ecke. Ein wahrlich paradoxes Erlebnis.

Der Moment, als mein kritisches Nachdenken über die Maßnahmen eingesetzt hat, war schnell gekommen: Bei Begräbnissen dürften fortan nur mehr drei Angehörige anwesend sein, hieß es. Die Maßnahme traf mich im Innersten. Wie, so fragte ich mich, hätte ich das letzte Jahr unter diesen Bedingungen überlebt? Hätte ich es überhaupt überlebt? Die Fragen mögen pathetisch klingen und sind doch todernst gemeint.

Als mein Lebensgefährte, der Vater meiner dreizehnjährigen Tochter, nach einundzwanzig gemeinsamen Jahren Ende Februar 2019 tödlich verunglückte, ist meine Welt zusammengebrochen. Wenige Monate danach bin ich selbst zusammengebrochen. Ich musste nach einem Blinddarmdurchbruch notoperiert werden. Mit dem Blinddarmdurchbruch einher ging ein Burnout. Erst im Spätherbst konnte ich langsam wieder zu arbeiten beginnen. Mein 2019 war eine persönliche, private, familiäre, emotionale und körperliche Katastrophe. Und gleichzeitig war es das nicht. Mein 2019 war auch ein Jahr, in dem mir das größtmögliche Geschenk zuteilwurde: Ich wurde von meiner Tochter, meiner Familie, meinen Verwandten und meinen Schwägerinnen, von Freundinnen und Freunden, von Kolleginnen und Kollegen, von meinen Schülerinnen und Schülern, von Nachbarn und Bekannten sowie von Menschen in Institutionen am Leben gehalten. Ja, das Krankenhaus und die Operation waren lebensrettend. Der soziale Zusammenhalt und die Unterstützung von so vielen Menschen waren es ebenso.

Zu „unserem“ Begräbnis Anfang März 2019 kamen weit über hundert Menschen. Die Anwesenheit und die Anteilnahme jedes Einzelnen haben mich durch die erste Phase der Trauer getragen. Auch auf dem virtuellen Trauerportal im Internet sind zahlreiche Beileidsbekundungen eingegangen. Jede ist mir bis heute kostbar, ebenso wie die vielen Karten und Briefe. Ein Ersatz für die Präsenz so vieler beim Begräbnis und der anschließenden Trauerfeier hätten all die schriftlichen und fernmündlichen Nachrichten dennoch nie sein können.

Überwältigend war auch das, was nach dem Begräbnis passierte. Nein, ich fand mich nicht bereits nach ein paar Wochen in der sozialen Isolation wieder, ich wurde weder vergessen noch allein gelassen. Ganz im Gegenteil, ich wurde von all den bereits erwähnten Menschen durch das ganze Jahr begleitet. Erst allmählich ist es mir gelungen, Tritt zu fassen und wieder festen Grund unter meinen Füßen zu spüren, zumindest manchmal. Ende Februar 2020, kurz vor Ausbruch der gegenwärtigen Coronakrise, kamen wir, die Angehörigen, wieder mit Freundinnen und Freunden zu einer Feier zusammen, im Gedenken an den Menschen, den wir vor einem Jahr verloren hatten. Nichts ist, so würde ich heute sagen, nach einem Jahr überwunden. Aber es ist vorstellbarer geworden, dass mich der Verlust eines Tages weniger schmerzen könnte als mich die Erinnerung erfreuen wird.

Wenn ich mich heute frage, ob ich das letzte Jahr unter den gegenwärtigen Bedingungen überlebt hätte, so frage ich mich dies nicht, weil ich so egoistisch bin und nur an mein eigenes Schicksal denken kann. Nein, ich frage mich, wie Menschen, die heute einen Angehörigen verlieren, die staatlich verordneten Maßnahmen und Beschränkungen ertragen können. Der Tod pausiert in diesen Tagen, Wochen und Monaten jedenfalls nicht. Zu den an Krankheiten und Altersschwäche Gestorbenen, zu den tragisch Verunglückten kommen auch noch die in Folge des Coronavirus Verstorbenen hinzu. Wenn ein hoch betagter Mensch am Ende seines Lebens stirbt, mag die Aussicht auf eine später nachgeholte Trauerfeier vielleicht trösten. Was aber ist mit jenen, die nicht in der Lage sind, ihre Trauerfeiern aufzuschieben? Mit jenen, die der Anteilnahme und Hilfe, der körperlichen Präsenz ihrer Mitmenschen zum Überleben bedürfen?

Meine Kritik an den Maßnahmen hat sich nie auf die Sorge um materiellen Wohlstand bezogen, wenngleich ich auch diese Sorge mit Fortdauer der Krise nicht geringschätzen will. Keinesfalls aber spreche ich von den Auswüchsen einer entfesselten Konsumgesellschaft, wenn ich Sehnsucht nach der alten Normalität äußere und von unserem bisherigen Leben spreche. Wie viele andere habe auch ich in den letzten Jahren ein immer stärkeres Unbehagen angesichts des neoliberalen Umbaus unserer Wirtschaft und unserer gesamten Gesellschaft empfunden. Mit vielen teile ich auch jetzt die Hoffnung, dass die gegenwärtige Krise vielleicht dazu führen könnte, Notwendiges und Überflüssiges treffsicherer zu unterscheiden. Verzicht und Einschränkung, die Rückbesinnung auf ein naturverträgliches Maß, können befreiend wirken, das will ich nicht in Abrede stellen. Auch ich erlebe immer noch viel Schönes. Und trotzdem befällt mich eine große Besorgnis angesichts dessen, was da gerade vor sich geht. Es befremdet mich, wie bereitwillig, ja fast begeistert so viele ihr gesamtes soziales Leben aus der Realität in den virtuellen Raum verlagern. War nicht anfangs die Rede davon, wir sollten für eine Zeitlang unsere sozialen Kontakte um ein Viertel einschränken? So schnell konnte man gar nicht schauen, wurde aus dem Viertel ein Ganzes, fast so, als gäbe es auch in der Realität plötzlich nur mehr eine Welt aus Nullen und Einsen.

Ende April wurde in den Nachrichten vermeldet, dass künftig dreißig Personen an einem Begräbnis teilnehmen dürfen. Besser als drei, aber lange noch nicht so viele, wie ich gebraucht hatte und wie sie bei zahlreichen Begräbnissen in Österreich üblich sind. Außerdem, so hört man, habe es in den letzten Wochen nie ein Besuchsverbot in privaten Räumen gegeben. Umso beruhigender, dass ich meine Eltern auch während der vermeintlichen Beschränkungen regelmäßig besucht habe. Natürlich habe ich Abstand zu ihnen gehalten und tue das auch weiterhin. Sie nicht zu besuchen oder ihnen Einkäufe vor die Tür zu stellen, wäre für mich allerdings wirklich nie in Frage gekommen. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter sind über achtzig. Sie führen ein einfaches und in mancherlei Hinsicht fast archaisch anmutendes Leben im trotz rasanter Veränderungen immer noch existierenden dörflichen Verbund einer Gemeinde im Speckgürtel der Stadt Salzburg. Meine Mutter braucht für ihr Wohlbefinden Haus und Garten sowie ihre Kinder und Enkel; mein Vater seine Holzarbeit, Begegnungen mit Nachbarn und Bekannten sowie den sonntäglichen Kirchgang mit anschließendem Wirtshausbesuch. Wirtshäuser und Kirchen sind immer noch geschlossen, ein wichtiger Teil seines Soziallebens fällt somit weg. Wer, wenn nicht die eigenen Kinder, sollten die beiden besuchen, mit ihnen reden und mit dem Vater das eine oder andere Bier trinken?

Meine Schwester wohnt seit vielen Jahren in München. Sie beruhigen die geschlossenen Grenzen nicht. 150 Kilometer schienen immer eine leicht zu überwindende Distanz zu sein. Nun liegt München plötzlich im unerreichbaren Ausland. Bereits drei Mal wurde meine Schwester in diesen Wochen von der Polizei gemaßregelt: einmal, weil sie sich mit ihrer Tochter beim Ballspielen im Olympiapark auf einer Wiese niedergelassen hatte. Sport zu treiben sei erlaubt, sich hinzusetzen jedoch nicht, wurde ihr mitgeteilt. Das zweite Mal, weil ihre Tochter, meine kleine Nichte, ihren achten Geburtstag mit zwei Nachbarskindern im Innenhof des Wohnhauses feiern wollte. „Besorgte Nachbarn“ informierten die Polizei, die Geburtstagsfeier musste aufgelöst werden. Das dritte Mal, als sie mit ihrem Kind dabei erwischt wurde, wie sie Eis schleckend mit Bekannten auf der Straße geplaudert hatte. Man dürfe sich nun zwar mit einer wohnungsfremden Person treffen, dabei jedoch kein Eis essen, so die Polizei. Ja, es gibt Gründe, warum man froh sein kann, in Österreich zu leben.

„There’s no such thing as society“, hat Margret Thatcher bereits in den 1980er Jahren gesagt. Auch in Österreich hat in den letzten Jahren neoliberales Denken Einzug gehalten und vieles verändert. Es hat Auswirkungen auf Menschen, wenn in einem Dorf keine Post und keine Bank, kein Bäcker und kein Geschäft mehr zu finden sind; wenn in der Stadt das nachbarschaftliche Umfeld ausgedünnt und verändert wird, weil Immobilieninvestoren das Sagen haben; wenn Krankenhäuser und Altersheime Effizienzkennzahlen unterworfen werden; wenn – und dagegen könnte ich immer noch anschreiben, obwohl ich bereits alles dazu gesagt habe – die Ökonomisierung der Bildung voranschreitet, Bildung durch Kompetenzen ersetzt und identitätsstiftende Rituale in der Schule einfach über Bord geworfen werden. Hinter all diesen Umwälzungen stehen und standen immer politische Entscheidungen, auch wenn „der Markt“ mit seiner Wettbewerbslogik selbst im staatlichen Bereich das Ruder übernommen hat.

Trotzdem wage ich zu behaupten, dass der soziale Zusammenhalt hierzulande immer noch besser als in vielen anderen (west-)europäischen Ländern funktioniert. Ich erinnere mich daran, wie in Frankreich während des Hitzesommers 2003 fast 20.000 alte Menschen in Altersheimen und Krankenhäusern verstarben. Mehrere hundert von ihnen mussten bestattet werden, ohne dass Angehörige ausfindig gemacht werden konnten. Ob so eine Situation auch in Österreich denkbar wäre? Ich glaube und hoffe nicht. Wenn allerdings nunmehr auch in Österreich Maßnahmen ohne Widerrede hingenommen werden, die reale Begegnungen von Menschen untersagen, gemeinsames Feiern und miteinander Trauern verbieten, dann ist Feuer auf dem Dach einer Gesellschaft.

Möglicherweise ist mit der Coronakrise das Ende des Neoliberalismus gekommen und alles wird gut. Es könnte aber auch genau umgekehrt sein: Die gegenwärtige Krise könnte als Brandbeschleuniger ganz im Sinne eines allumfassenden neoliberalen Denkens wirken. Der totale Schutz der Gesundheit wäre dann nur mehr ein Alibi, um autoritäre Maßnahmen durchzusetzen, um Menschen gegeneinander auszuspielen, um Bevölkerungsgruppen auszuschließen, einzusperren und zu überwachen, um bürgerliche Freiheiten zu beschneiden – während nichts dagegen getan wird, dass Konzerne weiterhin ihre Millionen und Milliarden scheffeln. Daher meine tief gehende Beunruhigung angesichts von Verordnungen, die wir alle noch vor wenigen Monaten für ausgeschlossen hielten.

(nemo)

PS: Zwei Artikel möchte ich noch verlinken, ein Interview mit Lukas Resetarits („Benehmen’S Ihnen net wie a Rotzbua“) aus dem Falter und ein Interview mit dem Medizinethiker Ulrich Körtner aus dem Standard. Für beide gilt: Lektüreempfehlung!

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