Deutschmatura 2020. Ein neuer Blick auf alte Themen

Heute also wieder Deutschmatura. Ganz ok, aber auch nicht spektakulär, würde ich unter normalen Umständen wahrscheinlich befinden. Zur Auswahl standen: Das literarische Thema, in dem ein Prosatext von Robert Walser zu interpretieren war und zum Kulturgut Lesen Stellung genommen werden sollte; ein zweites Themenpaket zum Umgang mit Zeit sowie ein drittes, in dem Auswüchse des Tourismus kritisch zu beäugen waren. Zwei Leserbriefe und je eine Textinterpretation bzw. -analyse sowie beim dritten Thema einen Kommentar und eine Erörterung galt es zu schreiben. Die Textbeilagen waren allesamt in Ordnung: nicht wirklich anspruchsvoll, aber auch nicht zum Genieren. Da hat man schon Schwächeres gesehen.

So richtig interessant werden die Themen der diesjährigen Matura allerdings erst vor dem Hintergrund der aktuellen Coronakrise. Die Matura wurde natürlich lange „vor Corona“ zusammengestellt; jetzt bekommen die Themen und Textbeilagen eine neue Relevanz: Fast nichts mehr ist, wie es war. Was bislang galt, muss neu betrachtet und reflektiert werden. Da liest sich manches anders als noch vor ein paar Monaten. Ich beziehe also Position in meiner ironisch-zynischen Kritikerinnenecke und hantle mich durch. (Den Walser-Text spare ich fürs Erste aus – der verdient eine gesonderte Betrachtung.)

Eine Feier der Kulturtechnik Lesen gleich zu Beginn. Da heißt es: Das Lesen sei von zwei Seiten gefährdet, von neuer Technologie und alter Ignoranz. Interessant. Und weiter: Die Lesekompetenz der Grundschüler sei im Sinken begriffen; es müsste zu den vordringlichsten Aufgaben von Bildungspolitikern zählen, das Lesen zu retten. Sehr interessant. Ob diese Erwartung an die Bildungspolitiker immer noch gilt? Das Lesen retten in Zeiten, in denen uns die neue Technologie als allein glückselig machend angepriesen wird? Klingt nach über zwei Monaten E-Learning, zahllosen Videokonferenzen und unzähligen Videovorführungen fast schon ein bisschen überkommen, oder? Aber egal, die Bildungspolitiker ignorieren die Aufgabe ohnehin seit Jahren, brauchen sie jetzt auch nicht mehr damit anzufangen, sich ums Lesen zu kümmern. Und überhaupt: Das Lesen rette man nicht durch Weltuntergangsgerede, sondern indem man es groß macht. Ach so, ‚tschuldigung, da wollte ich fast schon einstimmen in das Weltuntergangsgerede. Dabei geht Lesen retten ganz anders: So groß nämlich müsse man das Lesen machen, wie man es in China tut, wo gerade eine neue Bücherei gebaut wurde. Die Bilder dieses „spektakulären Palastes der Bücher“ gingen in den sozialen Netzwerken viral, und das „ausgerechnet im hyperschnellen China“.

Zum Unterfangen des Lesenrettens passt der nächste Text fast wie die Faust aufs Auge: „Dieser Text ist Zeitverschwendung“, lautet sein Titel. Die Autorin, Ronja von Rönne, warnt ihre Leser gleich zu Beginn, dass es in ihrer Kolumne um nichts anderes als um die Zeit gehe: Um die zehn Minuten Lebenszeit zum Beispiel, die man sich sparen könne, wenn man den Text nicht liest. Auch interessant vor dem Hintergrund von Corona, finde ich. Angeblich hatten ja viele Menschen so wahnsinnig viel Zeit in den letzten Wochen, dass sie sogar anfingen, ganze Bücher zu lesen. Angeblich gibt es aber auch gar nicht so wenige Menschen, die in den letzten Wochen noch weniger zum Lesen als sonst kamen: zum einen, weil sie ständig vorm Computer saßen (oder sitzen mussten), zum anderen, weil ihnen irgendwie die Muße zum Lesen fehlte. Tja, da müsste man vielleicht noch einmal im hyperschnellen China nachfragen, wie man die Ruhe zum Lesen findet, wenn man dauernd online sein soll und die Welt gerade umgekrempelt wird. Die Chinesen wissen das bestimmt. Gut, man könnte auch den Psychologie-Professor Gerhard Benetka fragen, der in einer weiteren Textbeilage der Geduld das Wort redet. Der Mann ist der Meinung, wir bräuchten Geduld ganz dringend, ja, wir bräuchten sogar alles, was damit zusammenhängt: „Muße, Gelassenheit, Beharrlichkeit, Achtsamkeit, sich Zeit nehmen, um gute Lösungen für komplexe Problem zu finden.“ Hm, ja, da hat er recht. Allerdings – ich weiß nicht, der stellt dann gleich wieder alles in Frage: Den Umfang des ganzen Lernstoffs in der Schule müsste man drastisch reduzieren und sich mit dem Rest intensiv und geduldig beschäftigen. Selbst in der Wissenschaft sieht er einen Mangel an Geduld und hält dagegen: Nur mit Geduld werde man den Menschen gerecht. Na, also wirklich, so viel Zeit haben wir jetzt nicht, das passt echt nicht. Ist wohl doch zielführender, man hält sich an die Chinesen.

Oder aber man fragt in Ischgl beim Tourismusmanager Aloys nach, der in einer der beiden Textbeilagen zum Thema Tourismus ausführlich zu Wort kommt. Der Mann weiß, dass es ohne Inszenierung auch in den Alpen nicht gehe: „Lassen Sie einen Touristen in die pure Natur raus. Der kommt nach fünf Minuten zurück, weil er damit nichts anfangen kann.“ Selbst die Stille müsse inszeniert werden: „Wenn es zum Beispiel einen Kraftplatz am Berg gibt, dann muss man diesen mit Steinen markieren und der Gast muss sich dann hinsetzen und dann muss ich ihm sagen, was er tun soll.“ Ja, da kann man froh sein, wenn der Gast bald wieder ins schöne Ischgl reisen darf. Auf dass er dann weiß, was er tun soll. Und überhaupt gilt ganz generell: Zum Tourismus, der alljährlich um vier Prozent wächst, gebe es schließlich keine Alternative. Stimmt – steht schließlich in der zweiten Textbeilage zum Tourismus-Themenpaket.

Nach der kritischen Zusammenschau aller „Inputtexte“ darf ich aus heutiger Sicht also festhalten: Wenn es schon mit dem Lesen nichts mehr wird und es mit der Entschleunigung, die manch einer noch im April zu verspüren meinte, bereits wieder vorbei ist: Wenigstens für eine Neuausrichtung des Tourismus besteht Hoffnung. Mindestens noch ein paar Wochen lang.

Nein, jetzt aber ganz im Ernst und ohne Zynismus: Vielleicht steigt ja wirklich die Demut vor der Natur, die der Fotograf Lois Hechenblaikner (der in dem Tourismus-Text auch zu Wort kommt) zusehends verschwinden sieht. Schön wär’s, finde ich. Die Themen und Textbeilagen der diesjährigen Deutschmatura haben jedenfalls „durch Corona“ an Brisanz und Dringlichkeit dazugewonnen – und das ist doch auch schon einmal etwas.

(nemo)

 

 

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