„Schnarchen und Schlafen ist besser als Dichten und Denken“. Deutschmatura 2020 zum Zweiten

Noch einmal Deutschmatura 2020, nun aber endlich zum Thema eins: Zwar haben sich nur die allerwenigsten MaturantInnen auf die Interpretation des literarischen Textes gestürzt, der zu interpretierende Text aber ist jedenfalls nicht daran schuld. Der Prosatext von Robert Walser, der den schlichten Titel „Basta“ trägt, ist nämlich ein wahres Kleinod und regt gut hundert Jahre nach seinem Erscheinen wunderbar zum Denken an. Besser hätte das literarische Thema in diesem Jahr gar nicht passen können, finde ich.

Der vor Ironie strotzende Text zeichnet das Porträt eines durch und durch entindividualisierten Menschen, der sich selbst als „guten Bürger“ bezeichnet und sich in immer wiederkehrenden Ausformungen der eigenen Durchschnittlichkeit selbstbewusst versichert. Gleich zu Beginn heißt es: „Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel.“

Viel mehr an (Nicht-)Profil, als bereits an diesem ersten Satz deutlich wird, wird der Protagonist – der zumindest aus heutiger Sicht genauso gut auch eine Protagonistin sein könnte – im Laufe des Textes nicht mehr gewinnen. Er legt Wert darauf, selbst nicht viel zu denken, „scharfes Denken“ lieber „leitenden Staatsmännern“ zu überlassen und sich damit zu begnügen,  ein „Glas Bier in aller Vernunft“ zu trinken und gut zu essen. Er lebt gerne gemütlich, zieht es vor, seinen Kopf nicht anzustrengen und „fühlt weder hinten noch vorn Verantwortung“. Als zufrieden mit sich und der Welt, ordentlich und ganz und gar ungefährlich stellt sich dieser Max Mustermann dar. Nur ja nicht selbst denken, lautet seine Devise. Denn „wer viel denkt, macht sich unbeliebt“ und „wer viel denkt, dem tut der Kopf weh“.

Die Selbstbeschreibung des „guten Bürgers“ erschöpft sich in floskelhaftem Sprechen und setzt sich wie in einer Endlosschleife fort. Auch der am Ende jedes Absatzes getätigte Ausruf „und damit basta!“ erweist sich bloß als rhetorisches Blabla: Im nächsten Absatz geht es genauso weiter wie davor. Das Porträt hat keinen Anfang und kein Ende, es beschränkt sich auf die ständige Wiederholung des immer Gleichen. Der daraus entstehende Menschentypus kann somit nicht einmal den Status eines Anti-Helden für sich beanspruchen.

Die Karikatur des „guten Bürgers“, die sich wie die Antithese zum mündigen Bürger ausnimmt, könnte eindringlicher nicht sein: Sie formt sich zum Bild des ebenso zeitlosen wie allzeitaktuellen unpolitischen und selbstzufriedenen Mitläufers par excellence. Robert Walsers Text ist ein kluges und tiefgründiges Prosastück, das in seinem ironischen Grundton die Haltung breiter Gesellschaftsschichten zu demaskieren vermag.

Und wie bei den anderen Maturathemen kommt vor dem Hintergrund der Geschehnisse in den letzten Monaten noch einmal eine Extraportion Demaskierungskraft dazu. Denn während selbständiges Denken bislang zumindest an Schulen, Universitäten und in qualitätsvollen Medien immer wieder eingemahnt wurde, ist es in den letzten Monaten auch an diesen Fronten ziemlich ruhig geworden. Ja, in den Zeiten der Pandemie wurde/wird der selbst denkende Mensch plötzlich allerorts nur mehr als Störfaktor betrachtet. Normalerweise, ja normalerweise darf man schon kritisch sein, im Ausnahmezustand aber, wenn’s um ‚die Gesundheit‘ geht, erübrigt sich jeder Diskurs, da zerbricht man sich lieber nicht mehr selbst den Kopf. Dann, ja dann überlässt man das Denken wirklich besser den leitenden Staatsmännern und folgt ganz „kopflos und gedankenlos“ allem, was von diesen medial verkündet wird. Tja, vor der Ironie der Wirklichkeit gewinnt die Ironie des literarischen Textes noch einmal an Schärfe dazu.

„Scharfes Denken liegt mir stillem Mitglied der menschlichen Gesellschaft gänzlich fern und glücklicherweise nicht nur mir, sondern Legionen von solchen, die, wie ich, mit Vorliebe gut essen und nicht viel denken, so und so viele Jahre alt sind, dort und dort erzogen worden sind, säuberliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind wie ich, und gute Bürger sind wie ich, und denen scharfes Denken ebenso fern liegt wie mir und damit basta!“

(nemo)

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