Schulschlussbetrachtungen aus der Ferne

Die letzte Woche eines Schuljahres hat es bekanntlich in sich: Projekttage (bei mir an der Schule heißen sie Happy Days, bei meiner Tochter „Musendays“), Schulfest, KV-Tag, Aufräumen, Schlusskonferenz, Abschluss- und Abschiedsfeiern, Schulschlussgottesdienst, Danksagungen, Zeugnisverteilung. Ganz schön viel, was da zusammenkommt. Viele Menschen, die wenig oder gar nichts mit Schule zu tun haben, haben dennoch häufig den Eindruck, in der letzten Schulwoche passiere eh nichts mehr. Wie kann das sein?

Dass nichts mehr passiert, heißt aus Schülersicht oft einfach nur, dass nichts mehr zu lernen ist. Wenn es keine Tests und Schularbeiten mehr gibt, wenn die Noten längst feststehen, wenn kein „Stoff“ mehr unterrichtet wird, ja, wenn man nicht einmal mehr Hefte und Bücher mitzunehmen braucht, passiert in der Wahrnehmung von

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Schulfest-Crêperie 2019

Jugendlichen nichts mehr. Die einen finden Gefallen daran, die anderen bezeichnen diese Woche als sinnlos. Trotzdem möchten die allermeisten Jugendlichen die letzte Schulwoche nicht missen. Denn Sinnlosigkeit allein ist für sie noch kein hinreichender Grund, um Dinge wie Schulfest oder Projekttage, Eis essen oder Ausflüge in Frage zu stellen. Schließlich möchte man ja auch nicht bis zum letzten Tag pauken müssen. Da nimmt man selbst einen anstrengenden Wandertag in Kauf.

Problematischer scheint mir die Perspektive mancher Eltern zu sein. Da gibt es gar nicht so wenige, die der Ansicht sind, die Lehrer würden in der letzten Schulwoche eine zusätzliche Ferienwoche abfeiern. Alles, was nach dem Stichtag des Notenschlusses erfolgt, erscheint ihnen nicht nur als überflüssig, sondern eigentlich als Betrug an ihrem Nachwuchs. Ineffizienz des Systems, allgemeiner Schlendrian oder eben Faulheit der Lehrer sind die Parameter, mit denen sie den Schulbetrieb zu Schulschluss beurteilen. Ich erinnere mich an den Leserbrief eines Vaters, der vor einiger Zeit einmal öffentlich hochgerechnet hat, wieviel wertvolle Unterrichtszeit seinen Kindern auf diese Weise verloren ginge und um wieviel klüger Österreichs Schüler und Schülerinnen sein könnten, wenn das anders liefe. 

Menschen, die gar nichts mit der Schule zu tun haben, haben dagegen oft überhaupt keine Vorstellung, was sich zu Schulschluss in der Schule abspielt. Ich erinnere mich selbst daran, dass ich damals, als ich noch nicht Lehrerin war und kein Schulkind hatte, mitunter gar nicht richtig mitgekriegt hatte, wann die Ferien anfingen. Von dem schulischen Trubel, der dem Ferienbeginn vorausgeht, hatte ich nur mehr eine vage, wenngleich angenehme Assoziationen weckende Ahnung. Für mich als Schülerin war die Zeit vor der Zeugnisverteilung ja fast die schönste überhaupt gewesen. Sie fühlte sich einfach großartig an. Meist war das Wetter prächtig, das Leben lustig und vor einem lagen wochenlange, noch nicht einmal angeknabberte Ferien.

Die Schule bildet einen eigenen, von außen manchmal seltsam anmutenden Kosmos. Wenn man nichts mit ihr zu tun hat, kann sie einem wie ein fremder und sehr weit entfernter Planet vorkommen. Auch ich habe in diesem Jahr nur aus der Ferne zugeschaut, wie die Schule das Stück, das sie über das Schuljahr hinweg aufgeführt hatte, mit einem mehrere Takte umfassenden Paukenschlag und Trommelwirbel beendete. Trotzdem habe ich mitbekommen, was meine Kolleginnen und Kollegen in diesen Tagen wieder geleistet haben. Auch habe ich miterlebt, wie angetan meine Tochter vom Programm der letzten Schultage war. Ich weiß natürlich, dass die letzte Woche für LehrerInnen mitnichten eine zusätzliche Ferienwoche darstellt. Das Abschließen eines Schuljahres ist in jedem Fall saumäßig anstrengend, im besten Fall ist es gleichzeitig lustig, schön und erhebend.

Ich finde ja, dass die letzte Schulwoche mindestens genauso relevant ist wie die Wochen davor. Dass da nichts mehr passieren würde, stimmt jedenfalls nicht. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach stimmt nicht einmal, dass die Schüler in dieser Woche nichts mehr lernen würden. Ganz im Gegenteil. Allenfalls könnte man darüber diskutieren, was schulisches Lernen eigentlich umfassen sollte. Ob die Verwandlung eines Klassenzimmers mittels selbst Gebasteltem in eine französische Crêperie und der anschließende Verkauf eigenständig fabrizierter Crêpes dem strengen Vater aus dem Leserbrief wohl Lernerfahrung genug für seinen Nachwuchs wäre? Wohl kaum.

Jetzt aber Schluss mit Schule. Schöne Sommerferien! 🙂

(nemo)

Vom Wert des Spielens

Spielen sei die beste Form des Lernens sagt Elisabeth Menasse-Wiesbauer, die Leiterin des Zoom-Kindermuseums (Wien) in einem Interview mit dem „Standard“. Viele Volksschulen hätten Elemente alternativer pädagogischer Konzepte übernommen, die auch aufs Spielen setzen. Aber kaum sei die Volksschule vorbei, werde es wieder rigider. Einen Grund dafür sieht sie in den Schulreformen der letzten Jahre:

Die Schulreformen der letzten Jahre sind immer mehr in Richtung Evaluierung und Vergleichbarkeit gegangen, die Lehrkräfte werden mit Bürokratie auf Trab gehalten. Wenn sie ein Spezialgebiet begeistert, können sie das den Kindern kaum mehr vermitteln, weil so wahnsinnig viel Stoff abgehakt werden muss. Das ist eine Art Gleichschaltung und Entindividualisierung des Unterrichts. Ich kenne viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die darunter leiden.

Allerdings ortet die Museumsdirektorin auch bei vielen Eltern eine zunehmende Verengung des Bildungsbegriffs:

In der Anfangszeit des Zoom musste man ihnen genau erklären, dass die Kinder hier im Mittelpunkt stehen und sich allein durch die Ausstellung bewegen können. Auch unser spielerischer Zugang war vielen Eltern fremd. Dann gab es eine lange Phase der Zustimmung zu unserem Konzept. Jetzt kippt das gerade wieder. Wir haben Eltern, die uns sagen: „Also ein bisschen mehr Wissen müsste man da schon vermitteln.“ Der Bildungsbegriff wird bei manchen wieder enger.

Eltern möchten ihre Kinder „fit machen fürs Leben“, dabei – so Menasse-Wiesbauer – würden Kinder ja auch lernen, „indem sie einfach etwas tun“.

Dem Interview zur Seite stelle ich ein Zitat von Astrid Lindgren, in dem die Autorin beschreibt, worauf es im Leben wirklich ankommt:

Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist – dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer ist. Was auch geschieht, was man auch erlebt, man hat diese Welt in seinem Inneren, an die man sich halten kann.

(Die Quelle, aus der das Zitat stammt, liefere ich noch nach.)

(nemo)

Und noch ein Plädoyer für die Literatur

Eine Schule ohne Shakespeare, Virginia Woolf oder Joachim Ringelnatz (warum nicht?) ist eine ärmere Schule und eine Universität auch. Diese Überzeugung verbindet die Schreiber der folgenden Seiten.

Literatur schafft Abstand von täglichen Sorgen und Zwängen, öffnet das große Reich des Möglichen, erlaubt es, anders darüber nachzudenken, wer wir sind, zu wem wir gehören, wer die Eigenen sind und wer die Fremden. Sie ermöglicht neues Denken, gerade, weil sie keinen Nutzen hat. All diese Argumente wird der Leser in unseren Beiträgen finden; dazu auch Vorschläge, was wir tun könnten, damit Romane, Dramen, Lyrik, Drehbücher oder Comics mit mehr Lust gelehrt und studiert würden.¹

Das Zitat stammt aus dem Vorwort zum Dossier Literaturwissenschaft in schwierigen Zeiten, das kürzlich als elfter Band der Zeitschrift HeLix erschienen ist. Wolfram cover_issue_4299_de_deAichinger (Uni Wien), Christian Grünnagel (Uni Bochum) und Sabine Mandler (Uni Gießen) haben das Dossier herausgegeben; versammelt wurden darin mehrere Beiträge, die im Sommer 2016 bei einer Tagung an der Uni Gießen diskutiert wurden.

Mein eigener Beitrag lautet: Wozu Literatur und warum eigentlich? Schulischer Fremdsprachenunterricht in Zeiten der Kompetenzorientierung am Beispiel der zweiten lebenden Fremdsprache in Österreich. Darin versuche ich (einmal mehr), gegen die Reduktion von (fremd-)sprachlicher Bildung auf kommunikative Kompetenz anzuschreiben. Der „offizielle Zug“ (Lehrplan, Reifeprüfung) scheint mir im Bereich der Fremdsprachen mittlerweile ziemlich abgefahren zu sein. Daran wird sich wohl so schnell nichts mehr ändern, zumindest nicht in eine inhaltlich anspruchsvollere Richtung. Dennoch bin ich aktuell sogar wieder etwas zuversichtlicher als noch vor zwei, drei Jahren. Nicht, dass sich an der Gesamtsituation etwas verbessert hätte, aber im Unterricht selbst ist doch trotz aller kompetenzorientierten Vorgaben immer noch mehr an individueller Gestaltung möglich als damals gedacht.

Umso mehr kommt es darauf an (und jetzt zitiere ich mich selbst), „darauf zu achten, was für eine Haltung angehende Lehrer während ihres Studiums annehmen, mit welcher Haltung sie in die Schule kommen und in weiterer Folge ihre Schüler prägen. Genau aus diesem Grund scheint es mir von immenser Bedeutung zu sein, dass Lehramtsstudierende aller Sprachenfächer – nicht nur Germanistikstudierende! – während ihres Studiums intensiv mit Literatur in Kontakt geraten – und nicht nur in Kontakt. Sie sollten so viel Literaturstudium betreiben, dass sie zu verstehen beginnen, was Literatur kann und weiß. Erst wenn dieser Verstehensprozess wirklich in Gang gekommen ist, sollten sie auf die Schüler losgelassen werden. Denn einmal in Gang gebracht, wird der Prozess nicht mehr umkehrbar sein und mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Herausbildung einer eigenständigen, zumindest ansatzweise kritischen und (selbst-)reflexiven Haltung führen.“

LehrerInnen, die eine mit und an Literatur geschulte Haltung einnehmen, können vielleicht dem vorherrschenden formalistischen und funktionalistischen Bildungsdiskurs ein bisschen besser entgegenwirken. Auch im Fremdsprachenunterricht  kann darauf nicht verzichtet werden. (nemo)

¹ Wolfram Aichinger / Christian Grünnagel: Schwere und leichte Texte – Die Zeitmaschine: ein Nachtrag verstreuter Gedanken, in: HeLix 11 (2018), S. 1-9, hier: S. 1.

 

Von luftigen Höhen und gar nicht so lustigen Tiefen. Zum Stellenwert der Literatur in der Schule

„Lies keine Oden, lies die Fahrpläne?“ Unter diesem Titel veranstalteten die IG Autorinnen Autoren und die Österreichische Gesellschaft für Germanistik im Dezember eine Enquete zum Stellenwert der Literatur im Unterricht und in der Ausbildung in Österreich. Verschiedene mit Literatur befasste ExpertInnen aus unterschiedlichen Bereichen – AutorInnen, LiteraturkritikerInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen – sowie Bildungspolitiker nahmen daran teil.

Ich selbst war eingeladen, ein Statement als „Expertin für Literaturvermittlung in der AHS“ abzugeben – und hatte gleich einmal ganz praktisch (Bekomme ich überhaupt die Genehmigung des Schuldirektors, an einem ganz normalen Freitag der Schule fernbleiben und stattdessen nach Wien fahren zu dürfen?), aber auch gedanklich zu tun, um der Einladung überhaupt nachkommen zu können. Denn: Wofür ist man als LehrerIn eigentlich ExpertIn? Oder anders gefragt: Ist man als LehrerIn ExpertIn für irgendetwas?

Betrachtet man die Frage vom Fach bzw. von der Sache her, gibt es jedenfalls ausgewiesenere Spezialisten. Aber selbst wenn man die Frage von der Vermittlungstätigkeit her denkt, gibt es genügend Menschen, die auch das professioneller betreiben (können) als Lehrer. Allenfalls ist man als LehrerIn SpezialistIn für die Arbeit mit den Schülern und Schülerinnen. Das heißt, man versucht, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, sein Fachwissen, aber auch seine Erfahrungen und Werte an die jeweiligen Schüler zu vermitteln und sie in ihrer fachlichen wie persönlichen Entwicklung zu begleiten. Im Schulalltag und aus der Innensicht der Schule heraus betrachtet, kommt da schon einiges an „Querschnittsexpertentum“ zusammen, aus der Außenperspektive aber bleibt vieles davon vage und lässt sich nur schwer nachvollziehen. Das wirkliche Spezialistentum von LehrerInnen ist eben an die SchülerInnen und die spezifische Schulsituation gekoppelt. Um das anderen Personen erklären zu können, gilt es, die spezifische Schulsituation mitzudenken, ohne jedoch im allzu Konkreten und Detailhaften verhaftet zu bleiben. Langer Rede, kurzer Sinn: Ich habe mir ganz schön viele Gedanken darüber gemacht, wer die Person eigentlich ist, die da eingeladen wurde, um über Literaturvermittlung in der AHS zu sprechen.

Während der Enquete wurden meine Befürchtungen, vielleicht gar nicht die Richtige für diese Aufgabe zu sein, jedoch sofort zerstreut. Vom ersten Vortrag an hatte ich das Gefühl, am genau richtigen Ort zu sein. Das lag natürlich daran, dass lauter an Literatur interessierte, mit Literatur befasste, um die Potenziale von Literatur wissende, durch Literatur gebildete Menschen versammelt waren, um über die Marginalisierung der Literatur im österreichischen Bildungswesen und mögliche Auswege aus der gegenwärtigen Situation nachzudenken. In diesem Umfeld hatte ich tatsächlich das Gefühl, mit meiner Kritik an den Reformen, die im Fach Deutsch in den letzten Jahren stattfanden, auf offene Ohren zu stoßen, eigene Beobachtungen und Diagnosen von außen bestätigt zu bekommen und neue Impulse zu erhalten.

Als Lehrerin muss man sich früher oder später mit den Gegebenheiten abfinden – was bleibt einem anderes übrig? Man kann der neuen Matura mit ihren fragwürdigen Formaten, der Textsortengläubigkeit und der Überbetonung von normgeleitetem, schematisiertem Schreiben noch so kritisch gegenüberstehen, man kann die generelle Tendenz zur Formalisierung und Funktionalisierung von Wissen und Inhalten noch so sehr ablehnen, die Schülerinnen und Schüler jedes neuen Jahrgangs müssen trotzdem so gut wie möglich auf die gegenwärtige Matura vorbereitet werden. Mehr als den eigenen Handlungsspielraum im bestehenden System wahrzunehmen und zu versuchen, wo es geht, ein bisschen dagegenzuhalten, ist nicht machbar. Nicht zuletzt gilt es, mit den eigenen „Ressourcen“ – wie es im neoliberalen Sprech so schön heißt – achtsam umzugehen und sich nicht im aussichtslosen Widerstand aufzureiben.

Umso wohltuender ist es – und sei es nur einen Tag lang – sich unter Menschen wiederzufinden, denen wirklich an einer sinnvollen Verbesserung der Deutschmatura gelegen ist, und zwar an einer inhaltlichen. (Wenn vonseiten der Bildungspolitik von Verbesserung die Rede ist, wird ja immer nur an eine „qualitative Verbesserung“ der bestehenden Formate und Aufgabenstellungen gedacht.) Gemeinsam darüber nachzudenken, was ernsthafte und ernstzunehmende Beschäftigung mit Sprache, Diskursen und Themen eigentlich heißen und leisten könnte und welcher Stellenwert literarischen Texten in einem so verstandenen Deutschunterricht und einer daraus resultierenden echten Reifeprüfung zukommen müsste, beflügelt geradezu.

„Luft und Lust“ mahnte Ludwig Laher für die Deutschmatura ein. In der Differenz zur aktuellen, durch Schematisierung und Beschränkung geprägten Prüfungsform läge durchaus – na, nennen wir’s – Entwicklungspotenzial.

(nemo)

PS: Die einzelnen Beiträge der Enquete werden nachzulesen sein. Genaueres dazu in Bälde.

 

 

Die Geringschätzung pädagogischen Handelns und Wirkens durch die empirische Bildungswissenschaft

Ein Grund dafür, warum ich die langen Ferien im Sommer brauche, ist der Umstand, dass ich während des Schuljahres – also von September bis Anfang Juli – fast dauernd mit meinen Schülern beschäftigt bin: in der Schule während des Unterrichts, am Schreibtisch zu Hause beim Korrigieren – aber bei weitem nicht nur dort. Meine Gedanken kreisen, wenn ich nicht ohnehin konkret am schulischen Planen, Organisieren oder Administrieren bin, oftmals von früh bis spät, wochentags wie wochenends, um mein Fach und meine Schülerinnen und Schüler. Ich überlege, wie ich es am besten anstellen könnte, dass sie das, was mir wichtig erscheint, verstehen, was ich unternehmen könnte, damit sie das, was sie wissen und können sollten, besser begreifen, ob es nicht einen Text, ein Lied, einen Film gäbe, der sie in dieser Hinsicht zum Denken anregen würde, wie ich sie dazu bringen könnte, sich mit jenem Thema kritisch zu befassen.

(Deutsch-)Lehrerin zu sein ist eine gleichermaßen schöne und lustvolle wie anstrengende und extrem arbeitsintensive Tätigkeit. Es ist eine Tätigkeit, die mitunter an die Substanz geht. Ohne Erholungspausen nach acht, neun Wochen – etwa in den Weihnachts- oder Semesterferien – wäre die Tätigkeit schlichtweg nicht auszuhalten. Denn sie beschränkt sich nicht auf festgelegte Arbeitszeiten, sie findet auch beim Frühstück, unter der Dusche oder beim Laufen statt (da habe ich oft die besten Ideen!). Zu den stundenlangen Korrekturen von Hausübungen und Schularbeiten kommt eben immer noch die Beschäftigung mit Themen, Inhalten und Texten und der Frage, wie bringe ich es an die Schüler. Einzig in den Sommerferien komme ich aus diesem Kreislauf heraus.

Der einzige Grund, warum ich die enorme Arbeitsbelastung auf mich nehme: Ich will etwas für meine Schüler. Sie sind mir nicht egal. Ich verstehe meine Arbeit als Kombination aus fachlicher und erzieherischer Tätigkeit, die in erster Linie auf die Persönlichkeitsbildung der jungen Menschen abzielt. Das Engagement trägt Früchte, bisweilen gar prächtige, es zeitigt Erfolge und klappt häufig gut. Manchmal allerdings gelingt mein Tun nicht so, wie ich es gerne hätte, das erzeugt mitunter Frustration. Insgesamt aber beschert mir meine Tätigkeit ein intensives Glücksgefühl aufgrund der Resonanz, die ich zu spüren bekomme. Als Lehrerin präge ich meine Schüler durch mein Tun und durch mein Sein. Dahinter aber steht der Einsatz meiner ganzen Person und in so manchen Wochen (fast) meiner ganzen Zeit.

So wie mir geht es vielen KollegInnen, das glaube ich sagen zu können. Wir (Deutsch-)LehrerInnen arbeiten fast alle an der Belastungsgrenze. Dass bei unseren SchülerInnen trotzdem sprachliche und fachliche Defizite, mitunter auch gravierende, bestehen, ist uns bewusst. Der intensive Einsatz im Bemühen um sprachlich-fachliche Vermittlung muss ohne Erfolgsgarantie auskommen ebenso wie die Sorge um die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen naturgemäß kein Ergebnis proportional zum Einsatz hervorbringen kann.

Ein wenig stutzig kann man allerdings werden, wenn die neue Bildungswissenschaft auftritt und uns DeutschlehrerInnen – durch Studien und Statistiken immunisiert – erklärt, wo Defizite bestehen, welche Kompetenzen die Schüler nicht oder nicht ausreichend beherrschen und was wir dagegen unternehmen sollen. Anhand von so genannten Schülerperformanzen, die bei zentralen Testungen wie der Messung der Bildungsstandards oder der zentralen Reifeprüfung erhoben und anschließend „geratet“ werden, wird festgestellt, wie genau die vorab definierten Standards erreicht wurden – oder eben nicht. Objektiviert, anonymisiert und abstrahiert. Welche Persönlichkeiten, welche Menschen hinter den Zahlen stehen, spielt keine Rolle, ja es wird nicht einmal ausreichend reflektiert, wie die Daten zustandekommen. Übrig bleiben von Schülern mit ihrer individuellen Entwicklung, von spezifischen Schulklassen mit ihrer je eigenen Dynamik in Balkendiagramme gegossene Zahlen, die – und das ist das eigentliche Problem – mithin von der Öffentlichkeit oder auch von der Schulbehörde als relevanter erachtet werden als die Einschätzung von uns Lehrern.

Bei verpflichtenden Netzwerktreffen, wie wir kürzlich wieder einmal eines zu absolvieren hatten, werden wir LehrerInnen dann mit diesen Forschungsergebnissen konfrontiert und sozusagen „nachgeschult“. Gerüstet mit PowerPoint-Folien und Diagrammen erklärt man uns beispielsweise, dass es mit der Argumentationskompetenz der österreichischen Maturanten nicht zum Besten bestellt ist. Es wird uns angeraten, bereits in der Unterstufe anzufangen, Argumentationskompetenz aufzubauen, und es wird uns gezeigt, wie wir diese Kompetenz im Hinblick auf die bei der Matura gefragten Textsorten trainieren können.

Nicht, dass man sich nicht die eine oder andere Anregung von so einem verordneten „kollegialen Austausch“ mitnehmen kann (wiewohl sämtliche Ideen und Vorschläge in jedem x-beliebigen Lehrbuch zu finden sind und die Analyseergebnisse wahrlich keine neuen Erkenntnisse beinhalten). Die dahinter stehende Grundhaltung uns LehrerInnen, unserer fachlichen Qualifikation und unserem pädagogischen Wirken gegenüber empfinde ich jedoch als geringschätzig. Wenn ich in den Stunden des Netzwerktreffens alleine spazieren gegangen wäre oder mich informell mit einer Kollegin ausgetauscht, vielleicht deren Rat in Bezug auf diesen Schüler oder jene Klasse eingeholt hätte, hätte ich ein Vielfaches an guten Ideen und Anregungen erhalten. Ganz abgesehen davon, dass die meisten von uns an so einem Nachmittag im November ohnehin Schularbeiten zu korrigieren haben.

Für unsere SchülerInnen werden wir trotzdem auch weiterhin und ohne Unterlass weiterarbeiten. Ehrliche und ernst gemeinte Wertschätzung uns und unserem Tun gegenüber würde vielleicht aber auch nicht schaden – ob deren Auswirkung allerdings statistisch relevant im Hinblick auf unsere Performanz als LehrerInnen wäre, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen.

(nemo)

Studientag Neue Autorität und Achtsamkeit (Fortbildung)

Wie komme ich als Deutsch- und Informatiklehrerin zu diesem Thema? Noch dazu, wenn im Titel zwei Begriffe vorkommen, die sich für mich recht eigenartig anhören. „Neue Autorität“, wenn die alte schon damals noch als Schülerin für mich recht fragwürdig war? Gegen „Achtsamkeit“ ist ja an sich nichts einzuwenden, aber meine Vorgehensweise ist ja eher mit Schwung an eine Sache herangehen und damit andere mitzuziehen.

Da ist es gut, dass ich eine mittlerweile erwachsene Tochter habe, die mich auf die Bedeutung von Themen aufmerksam macht, die mich bisher noch nicht so interessiert haben. Diesmal also „Neue Autorität“. Und das Programm der Privaten PH der Diözese Linz sah recht vielversprechend aus. Wer nachschauen will, hier kann das Programm eingesehen werden. Und das Bildungshaus Schloss Puchberg in Wels ist ein schönes Ambiente für eine Veranstaltung mit 250 PädagogInnen.

Die Keynotes hielt die Familientherapeutin und Psychologin Helle Jensen, die ihren Vortrag sehr sympathisch damit begann, dass sie ihre frühe Bekanntheit in Dänemark einer Zusammenarbeit mit Jesper Juul zu verdanken hatte. Und sie kam schnell zu ihrem Thema:
Entwicklung und Lernen geht nur über Beziehung und diese kann man als Lehrperson nur durch Achtsamkeit, Empathie und persönliche Autorität herstellen. Aber sie hat sehr viel mehr Wichtiges gesagt und das Bildungs-TV war dabei und hat alles aufgezeichnet. Es ist gut investierte Zeit, sich das kurze Interview und die längeren Keynotes selber anzuschauen. Am besten hat mir gefallen, dass sie SchülerInnen und LehrerInnen im Blick hat und ihre Ideen für beide etwas tun können. Überhaupt hat mich schon immer gestört, dass man entweder zum Unterrichten begabt war oder eben nicht und dass in der LehrerInnenausbildung auf die Beziehungsarbeit in der Klasse überhaupt nicht eingegangen wurde. Jensen zeigt mit viel Erfahrung Möglichkeiten auf, wie man alle Kinder erreichen kann.
Absolute Empfehlung!

Ich bin mit einem kleinen Bücherstapel und Ideen für SchülerInnen, KollegInnen und Schule nach Salzburg zurückgefahren. Die Weiterbeschäftigung ist garantiert! Unter anderem auch über die Verbindung zur Resonanz nachzudenken.

juhudo

 

Gesellschaft und Schule

Bereits vor drei Jahren habe ich mich zu Schulbeginn über einen Leitartikel in den Salzburger Nachrichten gefreut. Und auch in diesem Jahr sprechen mir die SN geradezu aus der Seele: Andreas Koller hat heute unter dem Titel „Wir verlangen zu viel von der Schule“ eine wirklich bemerkenswert luzide Einschätzung unseres Bildungssystems bzw. der gesellschaftlichen Erwartungen an dieses abgegeben.

„Eine Bildungswelt voller Dissonanzen“ ortet Koller und führt zahlreiche Beispiele für diesen Befund an. Mein Favorit: „Da ist auf der einen Seite eine Schulbürokratie, die den Pädagogen ihre Zeit stiehlt mit immer noch mehr Formularen, Formalismen und Berichtspflichten. Und auf der anderen Seite eine Schuljugend, die mehr denn je die persönliche Zuwendung der in der bürokratischen Tretmühle gefangenen Lehrer bräuchte.“

Aus den existierenden Dissonanzen folgert Koller nun jedoch nicht, dass die Schule versagen würde. Ganz im Gegenteil, die Lehrerinnen, Lehrer und Bildungsverantwortlichen täten, was sie könnten. Was sie allerdings nicht könnten, sei „sämtliche Probleme unserer Gesellschaft lösen“.

Damit bringt Koller meines Erachtens die Sache auf den Punkt. Es wird tatsächlich viel zu viel von der Schule erwartet. Kaum ein gesellschaftliches Problem, das nicht die Schule lösen sollte. Dass es der Schule jedoch ernsthaft gelingen könnte, den „Sechsjährigen, der aus einem Elternhaus mit Analphabetenhintergrund stammt und den Nachmittag mit Computerspielen vertrödelt, auf denselben Bildungsstand zu bringen wie eine Sechsjährige aus einem Elternhaus mit Akademikerhintergrund, in deren Kinderzimmer wohlgefüllte Bücherregale stehen“ ist nichts als eine vollkommen weltfremde Vorstellung. Solche Vorstellungen aber sind es, die sich hinter ideologisch motivierten Forderungen (in diesem Fall dem Ruf nach Chancengleichheit und dem Glauben, ein Gesamtschulsystem könnte diese herstellen) abzeichnen.

Tatsächlich wäre viel gewonnen, würde Schule nicht permanent durch eine ideologische Brille betrachtet werden. Die Realität ist weitaus komplexer als es das beste System abzubilden vermag. Viele Fragen müssen unterschiedlich und vor Ort beantwortet werden. Der Schule endlich alle Unterstützung zukommen zu lassen, die ihr die Politik und die Gesellschaft geben könnten, wäre ein Anfang. Und „in der Bildungsdebatte mehr auf die Lehrerinnen und Lehrer zu hören“, wie Koller abschließend vorschlägt, eine Idee, der nichts hinzuzufügen ist. 😉

(nemo)