Alltag in einer Wiener Brennpunktschule

Günter Kaindlstorfer hat ein, wie ich finde, sehr schönes Feature über die Neue Mittelschule Staudingerstraße 6 in Wien gestaltet. Zu hören war es gestern in den „Hörbildern“ auf Ö1, sechs Tage lang kann man es noch nachhören. Man bekommt einen vielfältigen und unaufgeregten Eindruck über die kleineren und größeren Schwierigkeiten im schulischen Zusammenleben von Kindern aus 22 Nationen, über engagierte und empathische LehrerInnen, über Kinder, die gerne lachen und lernen, über sozial benachteiligte junge Menschen und „Stehaufmandln“. Empfehlung! (nemo)

Hier der Link zu der Sendung.

 

Fehlende Ehrlichkeit oder die sprachliche Misere in Österreich

Die schwache Leseleistung von Kindern mit nichtdeutscher Umgangssprache, die im Zuge der jüngsten PIRLS-Testung sichtbar wurde, nimmt AHS-Gewerkschafter Gerhard Riegler zum Anlass, um einmal mehr auf die Notwendigkeit einer vernünftigen Bildungspolitik hinzuweisen. Es sei keine Zeit mehr zu verlieren, denn die Situation in Österreich sei dramatischer als in den meisten anderen europäischen Ländern. Folgende Ergebnisse aus der PIRLS-Testung führt Riegler für seine Forderung nach engagiertem Handeln ins Treffen:

In nur wenigen Staaten Europas sprechen so viele 10-Jährige zu Hause nicht die Unterrichtssprache wie in Österreich.

In allen Staaten fallen die Leistungen 10-Jähriger ab, die die Unterrichtssprache nicht als Umgangssprache sprechen. In Österreich aber ist der Leistungsrückstand fast doppelt so groß wie im internationalen Mittel.

In Österreich ist dieser Leistungsrückstand im Lauf des letzten Jahrzehnts sogar noch größer geworden. Unser Land zählt „neben Bulgarien, der Slowakischen Republik und Slowenien zu den Ländern mit dem größten Leistungsnachteil mehrsprachiger Kinder“.

30 % der in unserem Land geborenen 6-Jährigen mit Migrationshintergrund sprechen nicht Deutsch als Umgangssprache. Dieser Prozentsatz ist angewachsen, obwohl erstmals ein Jahrgang getestet wurde, für den bereits das verpflichtende letzte Kindergartenjahr gegolten hat.

Diesem negativen Befund über die Leistungen „mehrsprachiger Kinder“ steht die positive Bewertung von Mehrsprachigkeit in der Bildungswissenschaft und auch in Teilen der Bildungspolitik gegenüber. Mehrsprachigkeit ist ein Mehrwert, schreibt  beispielsweise die Sprachwissenschafterin Zwetelina Ortega in ihrem Blog. Und auch ein Kommentar zu dem heutigen Blog-Beitrag von Gerhard Riegler stößt ins gleiche Horn:

Warum sollte eine in Österreich lebende afghanische Mutter, die nicht ordentlich Deutsch kann, mit ihrem Kind deutsch sprechen?
Wäre das nicht sogar kontraproduktiv für den (deutschen) Spracherwerb des Kindes? (…)

Nach meiner (AHS-Lehrer für Englisch und Französisch) Logik sollten wir froh über jede Familie sein, wo daheim nicht Deutsch gesprochen wird: So bekommen wir auf die einfachste Weise mehrsprachige Kinder – und ist Mehrsprachigkeit nicht ein Mantra moderner Bildungspolitik? Oder sollte sie nur ein Lippenbekenntnis sein, wenn es um die „falschen“ Sprachen geht?

Ist Mehrsprachigkeit also ein Manko oder ein Mehrwert? Wie fast immer ist die Sache komplexer, als es zunächst scheint. Und wie auch fast immer muss Schule im gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden. Um also die sprachliche Situation in der Schule beurteilen zu können, will ich zunächst über das Verhältnis von Sprache und Gesellschaft in Österreich nachdenken:

Viele Menschen in Österreich haben einen sehr emotionalen und innigen Bezug zur Sprache. Die Sprache sei zentraler Bestandteil einer österreichischen Identität, haben mir gerade wieder sowohl SchülerInnen als auch StudentInnen bestätigt. Mit Sprache ist nun aber nicht die Standardsprache, das „Hochdeutsche“, gemeint, sondern der österreichische Dialekt in seinen verschiedenen Ausprägungen. Die Verwendung des Dialekts bzw. der dialektal gefärbten Umgangssprache ist im Alltag selbstverständlich und sogar salon- bzw. TV-fähig. Man denke nur an die seit Jahren erfolgreiche Millionenshow, die Interviews von österreichischen Sportlern oder die ORF-Sportkommentatoren. Anders als in Deutschland muss ein Sprecher oder eine Sprecherin, dessen oder deren Sprache dialektale Färbung erkennen lässt, in kaum einem gesellschaftlichen Feld mit fehlender Anerkennung oder Prestigeeinbußen rechnen. Gerade die sprachliche Abgrenzung von Deutschland und der „bundesdeutschen“ Sprache spielt dabei im Übrigen eine wichtige Rolle.

Durch die große Bedeutung des Dialektalen kommt in Österreich von Vornherein eine Art Mehrsprachigkeit ins Spiel. Ein wichtiges Kriterium ist dabei jedoch die Unterscheidung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Auch Menschen, die sich mündlich immer im Dialekt bewegen und sich hörbar schwer tun, auch nur annähernd „Hochdeutsch“ zu sprechen, können normalerweise korrekt Deutsch schreiben. Viele österreichische Kinder, die in ländlichen Gebieten aufwachsen, kennen die Standardsprache nur aus Büchern und Medien und haben trotzdem keine Schwierigkeiten, sich schriftlich in korrektem Deutsch auszudrücken.

Gleichzeitig ist in Österreich ein extrem schlampiges Verhältnis zur Sprache weit verbreitet. Eine gewählte Sprache, „schönes“ Sprechen, Arbeit an und mit der Sprache ist ausschließlich etwas für Intellektuelle – und das ist in Österreich bekanntlich ein Schimpfwort. Mitunter erscheint es fast grotesk, wenn Politiker, die kaum einen geraden Satz herausbringen, sich selbst bestenfalls in Sprachschablonen bewegen können und deren Wortschatz erkennbar limitiert ist, über die Notwendigkeit schwafeln, in Österreich lebende Zuwanderer müssten die deutsche Sprache beherrschen. Für viele österreichische SchriftstellerInnen ist die intensive Auseinandersetzung mit Sprache, das Sprachspielerische, die Sprachkritik konstitutiv, dem gemeinen Österreicher aber muss oft ein „jo eh“ gereichen, wofür sein deutsches Pendant einen vollständigen Satz zur Verfügung hat.

Das ambivalente Verhältnis zur Sprache, die große emotionale Verbundenheit bei gleichzeitiger Missachtung, führt „naturgemäß“ zu einer paradoxen Situation: So richtig wohl fühlen sich viele ÖsterreicherInnen nur unter ihresgleichen, sobald sie sich im deutschsprachigen Ausland befinden oder selbst einigermaßen hochsprachlich sprechen sollen, fühlen sie sich in Bedrängnis und weichen in manchen Fällen – kein Scherz! – sogar lieber auf das Englische aus.

Für MigrantInnen ergibt das eine extrem schwierige und schwer zu durchschauende Situation: Vollständige sprachliche Integration – wie es sie beispielsweise in Frankreich, aber eben auch in Deutschland gibt – wird in Österreich allein durch die Dominanz des Dialekts fast verunmöglicht. Selbst wenn ein zugewanderter Mensch korrektes Hochdeutsch spricht – ein „echter Österreicher“ ist er deshalb noch lange nicht. Gleichzeitig wird die sprachliche Nachlässigkeit, die in Österreich herrscht und die selbstverständlich auch Migranten spüren bzw. zu spüren bekommen, von vielen Zugewanderten falsch interpretiert. Denn natürlich gibt es auch in Österreich „feine Unterschiede“ – nur sind die, weil sie sich eben außerhalb der Standardsprache abspielen, noch schwerer zu dekodieren als anderswo. Die Hegemonie des Dialekts lässt die Gesellschaft in Österreich noch geschlossener agieren als anderswo.

Wendet man sich vor diesem Hintergrund wieder der Situation in der Schule zu, ergibt sich vielleicht ein klareres Bild:

Ja, Mehrsprachigkeit kann ein Mehrwert sein – allerdings nur dann, wenn ein Kind die Unterrichtssprache – das Deutsche – so beherrscht, dass es im Schriftlichen mit den „einsprachigen“ Kindern mithalten kann. Wenn dies nicht der Fall ist, ist Mehrsprachigkeit nichts anderes als ein Handicap – da kann die Bildungspolitik oder auch die Bildungswissenschaft schönreden, was sie will. Damit Mehrsprachigkeit aber tatsächlich zu einem Mehrwert werden kann, bedarf es vielfältiger Anstrengungen von allen Seiten. Es reicht eben nicht, wenn wir ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr einführen und an den Volksschulen muttersprachlichen und/oder DaZ-Unterricht durchführen. Das ist alles wichtig, keine Frage, es löst jedoch das Problem nicht, dass Kinder nichtdeutscher Umgangssprache sprachliche Defizite aufweisen. Will man diese wirklich ausgleichen, bedarf es der intensiven Mitarbeit der Familien. Um auf das Beispiel des ganz zu Beginn meines Beitrags erwähnten Kommentars zurückzukommen: Nein, die afghanische Mutter sollte besser nicht Deutsch mit ihrem Kind sprechen. Aber sowohl der afghanischen Mutter als auch dem afghanischen Vater muss klar gemacht werden, dass ihr Kind ganz viele deutschsprachige Bücher lesen und echte sprachliche Anstrengungen unternehmen muss, um des Deutschen mächtig zu werden.

Die Situation in der österreichischen Gesellschaft lässt sich sicher nicht von heute auf morgen ändern. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn in der Mehrheitsgesellschaft endlich einmal eine Diskussion über die spezifisch österreichischen Exklusionsmechanismen in Gang kommen würde. Wirklich unumgänglich aber ist, dass wir den Menschen, die neu in Österreich sind, ehrlich und unmissverständlich sagen, dass sozialer Aufstieg ohne intensive Bemühung und sprachliche Anstrengung nicht möglich ist. Ein Kind, das in Österreichs Bildungssystem reüssieren will, muss deutschsprachige Bücher lesen – nicht nur ein paar, sondern wirklich viele und permanent.

Nur wer die deutsche Schriftsprache beherrscht, hat eine Chance auf sozialen Aufstieg. Wenn dies allerdings nur die LehrerInnen wissen, wird sich an der Bildungsmisere vieler migrantischer Kinder in Österreich nichts ändern.

(nemo)

Warum lernen eben doch mehr ist als Kompetenzen anhäufen

Im Rahmen eines Workshops bei den Tagen der Literaturdidaktik haben wir kürzlich darüber nachgedacht, wie schwierig es eigentlich ist, eine andere Perspektive einzunehmen. Wenn es um interkulturelles Lernen geht, wird dies ja immer gefordert bzw. als zentrale Kompetenz definiert.

Eine Referentin hat uns mit einem Beispiel aus ihrer literaturdidaktischen Forschung konfrontiert, bei dem man sehen konnte, welche Herausforderung im geforderten Perspektivenwechsel eigentlich liegt: Schüler sollten im Englischunterricht eine Rede anlässlich einer Thanksgiving-Feier halten, entweder aus der Perspektive der Nachkommen weißer Siedler oder aus der Perspektive der Native Americans. Die Schüler wurden während des ganzen Unterrichtsprozesses gefilmt. Man konnte also die gehaltenen Reden sehen, aber auch das, was während der Vorbereitung gesprochen wurde.

An dem Beispiel wurde zweierlei deutlich: 1. Es gelang den Schülern in ihrer Rede nur teilweise, eine andere Perspektive einzunehmen. 2. Dennoch gelang ganz schön viel. Als Fazit konnte festgehalten werden: Der geforderte Perspektivenwechsel klappt zwar nicht wirklich, aber wenn man den Perspektivenwechsel als Versuch und das ganze Unternehmen als Experimentierfeld versteht, werden dadurch wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglicht. Allerdings, und das ist der Knackpunkt, zeigen sich die nur während der Vorbereitung der Rede in der Partnerarbeit, in der tatsächlich gehaltenen Rede ist davon kaum mehr etwas auffindbar.

Hm. Jetzt bin ich kein Fan der derzeit herrschenden Empirieversessenheit in den Bildungswissenschaften. Die Tendenz, Unterrichtssituationen als Forschungsfeld immer intensiver zu beackern, löst ein gewisses Unbehagen bei mir aus. Allerdings hat die Unterrichtsbeobachtung tatsächlich etwas zu Tage gefördert, was ansonsten unbemerkt geblieben wäre, nämlich, wieviel Lernen mitunter im Unterricht passiert, ohne dass es am Ergebnis messbar wird. Vielleicht zeige sich an diesem Beispiel ja, dass der Weg wichtiger als das Produkt sei, hat die Referentin abschließend gesagt.

Noch einmal hm bzw. anders gehmt: Was sagt uns das Beispiel eigentlich über die omnipräsente Kompetenzorientierung? Kompetenzen werden immer vom Ende her gedacht. Es wird das Ergebnis gemessen, es wird danach gefragt, was die Schüler können (sollen). Dadurch wird unser ganzes pädagogisches Handeln angeblich viel wirkungsvoller, Unterricht praxisrelevanter und Schüler handlungsfähiger. An dem Beispiel der Thanksgiving-Reden aber wurde sichtbar – um es überspitzt zu formulieren -, was die Schüler nicht können. Und trotzdem haben sie etwas gelernt, sie haben etwas ausprobiert und dabei sogar wichtige Fragen aufgeworfen. Am Ergebnis ihres Tuns aber lässt es sich nicht messen.

Das Beispiel zeigt meines Erachtens, wieviel im Unterricht vonstatten geht und wie wenig davon mit dem Kompetenzbegriff fassbar wird. Genau das ist es, was viele LehrerInnen immer wieder betonen. Die gegenwärtige Pädagogik und Bildungspolitik aber sind versessen darauf zu wissen, was bei all diesen Prozessen herauskommt. Dass Prozesse in jedem Fall viel komplexer und mehr sind als Ergebnisse, dürfte (müsste) zwar einleuchten, wird aber ständig außer Acht gelassen. „Der Weg ist das Ziel“ ist ein vielbemühter Spruch beim Wandern. Der geht mir zwar auch auf die Nerven, denn es geht schon meistens um das Ziel auch irgendwie. In der Schule aber scheint es immer öfter nur mehr um das Ziel zu gehen.

Dazu passt im Übrigen auch das Interview mit Christoph Türcke, das im heutigen Standard erschienen ist. Es geht darin um die Ökonomisierung des Bildungsbetriebs, um neue autoritäre Strukturen und implizit auch um das Menschenbild, das sich hinter all den Effizienzfantasien verbirgt. Auf die Frage „Sie stoßen sich auch am ‚Kompetenzwahn‘ der Bildungspolitik. Warum?“ antwortet Türcke:

Weil ein behavioristisch verkürzter Kompetenzbegriff um sich greift. Gegen Kompetenz, also sachkundig für etwas zuständig sein, kann ja niemand etwas haben. Aber wenn ganz eng gefasste, isolierte Verhaltensweisen Kompetenzen sein sollen (…), dann werden eigentlich Maschinenvorstellungen umgesetzt. Wirklich genau umschreibbare Kompetenzen haben nur Maschinen – in Gestalt ihrer Prorgramme. Maschinen sind, solange sie funktionieren, reine Könner. Sie haben Kompetenz pur, es ist aber nichts dahinter.

(nemo)

Normierung und Entmündigung

Ist humanistische Bildung noch zeitgemäß“ fragte das Akademische Gymnasium anlässlich seiner 400-Jahr-Feier letzten Mittwoch. Auf dem Podium im SN-Saal diskutierten der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer, selbst Absolvent des Gymnasiums, die Journalistin und Nahost-Expertin Gudrun Harrer, die ebenfalls am AkadGym maturiert hatte, sowie Konrad Paul Liessmann. Natürlich waren sich im Grunde alle einig, dass eine humanistische Bildung noch zeitgemäß ist. Was eine solche Bildung aber konkret bedeutet bzw. bedeuten würde, wurde zwar immer wieder einmal angerissen, wirklich diskutiert wurde es nicht. Wie so oft ging es mehr um den Stellenwert von Bildung an und für sich, um den Wert des Gymnasiums im Allgemeinen und um die gegenwärtigen Bildungsreformen. Der Landeshauptmann konnte darüber hinaus die Wichtigkeit des Talente-Checks der Wirtschaftskammer betonen und nebenbei das Autonomiepaket für die Schulen loben – er ist ja schließlich auch Präsident des Salzburger Landesschulrats …

Interessant und unterhaltsam war die Diskussion allemal – dafür sorgte in erster Linie Konrad Paul Liessmann, dem es immer wieder gelang, Dinge so auf den Punkt zu bringen, dass er mit Szenenapplaus bedacht wurde. Über drei Punkte, die an diesem Abend gesprochen wurden, möchte ich kurz nachdenken:

  1. Die herrschende Geschichtsvergessenheit: Wir sind so auf die Zukunft und ihre angeblichen Herausforderungen fixiert, dass wir uns immer schwerer tun, Zusammenhänge mit der Vergangenheit herzustellen. In vielen Fällen mangelt es schlichtweg an Wissen über Vergangenes, mitunter aber einfach auch an der Bereitschaft zum Nachdenken. Mitunter entsteht dann ein völlig falsches Bild der Vergangenheit. Politik und Gesellschaft, aber auch die Pädagogik kommen mit immer neuen Forderungen, was man in der Schule nicht alles lernen müsste, welche Kompetenzen die jungen Leute erwerben müssten, und betonen, was dadurch gewonnen werde. In Wirklichkeit geht durch die Neuerungen natürlich mindestens genauso viel verloren wie gewonnen wird. Das Akademische Gymnasium wurde mit dem Ziel der Vorbereitung auf die Universität gegründet, heute, in Zeiten von standardisierter Matura und genau umrissener Kompetenzen führen immer mehr Universitäten Aufnahmetests ein. Die allgemeine Hochschulreife gibt es nur mehr auf dem Papier. Aber für dieses vergleichbare, objektive und standardisierte Maturazeugnis, das faktisch immer weniger wert wird, waren und sind wir bereit, die gymnasiale Oberstufe in fast allem, was uns einst wichtig war und was auch die Besonderheit des österreichischen Schulsystems ausmachte, zu beschneiden. Einst gab es einen Rahmenlehrplan, der vieles ermöglichte und wenig vorschrieb, der Lehrer oder die Lehrerin verfügte über große Freiheiten, den „Stoff“ den eigenen Schwerpunkten und der jeweiligen Klasse anzupassen und autonom umzusetzen, es herrschte in vielen Fällen eine offene, kritische und auf Mündigkeit ausgerichtete Diskussionskultur. Heute ist von all dem nicht mehr viel zu bemerken, stattdessen erleben wir die totale Entmündigung des Lehrers, wie Liessmann treffend feststellte. Aber bald wird ohnehin vergessen sein, was Schule einst ausmachte, vielfach wird es bereits jetzt in Abrede gestellt.
  2. Die Bedeutung von Sprache: Viel war die Rede von verschiedenen Sprachen, von den klassischen Sprachen Griechisch und Latein, aber auch von den neueren Sprachen. Liessmann stellte die Frage in den Raum, was es für Europa bedeutet hätte, das Lateinische zur gemeinsamen Sprache der EU zu machen. Haslauer, selbst studierter Jurist, wies auf die generelle Wichtigkeit von Sprache hin. Zumindest in diesem Punkt kann ich mich der Meinung des Landeshauptmanns vorbehaltlos anschließen. Allerdings, am Umgang mit Sprache zeigt sich genau das Dilemma, dem wir auch in der Schule ausgesetzt sind und zwar immer stärker: Unzählige Abkürzungen und Schlagwörter – seien es der Kompetenzcheck am Ende eines Kapitels im Schulbuch, IKMSQA, die NOst oder die VWA – aber auch Normierungen und Standardisierungen – im GERS genau festgelegte Sprachniveaus oder Kompetenzraster zur Beurteilung – prägen sowohl die Schule als auch die in der Schule unterrichteten Sprachen, das Deutsche ebenso wie die Fremdsprachen. Aber natürlich, ein sorgfältiger und differenzierter Umgang mit Sprache ist wichtig. Ja, ganz bestimmt. Auf die Sprache kommt es an, möchte man hinzufügen.
  3. Am Ende der Veranstaltung wurden die DiskutantInnen gefragt, welches Schulfach sie selbst einst am liebsten hatten und welches sie am wenigsten mochten. Alle drei waren sich einig, dass es weniger auf das Fach als auf den Lehrer oder die Lehrerin ankam. Als prägend wurden Lehrer empfunden, wenn sie selbst von ihrem Fach und ihrem Tun begeistert waren, wenn sie Schüler fordern und herausfordern konnten, wenn sie eine, so könnte man sagen, authentische Persönlichkeit darstellten.

Alles kein ganz leichtes Unterfangen in Zeiten der Normierung und Entmündigung des Lehrers. (nemo)

Bücher als Zumutung

Dienstagmorgen, 8 Uhr, zweiter Tag des neuen Schuljahres. Die erste Deutschstunde in meiner Klasse steht an. Womit soll ich beginnen? Was könnte den SiebtklässlerInnen Freude machen? Wie mache ich Ihnen zu Beginn des Schuljahres wieder ein bisschen Lust auf Deutsch? Mit einem Buch natürlich. Was sonst?

Also schnappe ich mir den Klassensatz von Bernhard Schlinks Der Vorleser und mache mich auf den Weg in den dritten Stock. Zugegeben, gleich zu Beginn ein Klassiker, Goethe, Schiller oder Lessing in Form eines abgegriffenen Reclam-Heftes, würde möglicherweise ein bisschen abrupt anmuten. Nein, es soll schon etwas Gefälliges sein, Gegenwartsliteratur, ein Bestseller mit mitreißendem Inhalt, verpackt in ein gar nicht so unansehnliches Diogenes-Taschenbuch.

Im Gang des dritten Stockes begegne ich einer meiner Schülerinnen und bitte sie, mir ein paar Bücher abzunehmen, bevor der Stapel kippt. Hilfsbereit und freundlich eilt sie herbei – angesichts der Bücher aber fällt ihr alles hinunter: „Nicht im Ernst. Ein Buch. Und das in der ersten Schulwoche!“

Wie viele der anderen ebenso unwillig reagiert haben, weiß ich nicht, die Schülerin war vor mir im Klassenraum. Als ich eintrat, hatten sie sich weitgehend gefasst. Natürlich müssen Sechzehn- oder Siebzehnjährige angesichts von schulischer Lektüre nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen. Das blanke Entsetzen aber beim Anblick eines Buches gibt mir schon zu denken.

Nun ist es nicht so, dass meine Klasse grundsätzlich widerwillig wäre oder die bisherigen Lektüren verweigert hätte. Nein, eigentlich konnte ich den meisten doch immer etwas von der Schönheit, Sinnhaftigkeit, Bedeutsamkeit und Relevanz der bisher gelesenen Bücher und ihrer Inhalte vermitteln. Und so wird es hoffentlich auch diesmal sein. Wenn wir in ein paar Wochen über den Vorleser reflektieren werden, wird das Urteil nicht vernichtend ausfallen. Das spüre ich. Möglicherweise wird sogar die ob eines Buches in der ersten Schulwoche geradezu fassungslose Schülerin etwas darin finden, das ihr gefällt und/oder das sie zum Nachdenken bringt.

Was allerdings schon auffällt, ist, dass die Haltung Büchern gegenüber immer problematischer wird: „Ok, im Deutschunterricht gehört’s halt irgendwie dazu, manches ist dann eh ganz interessant, aber eigentlich, wenn wir ehrlich sind, ist Literatur überflüssig und eine Zumutung.“ Die SchülerInnen würden es vielleicht nicht so formulieren, aber diese Einstellung greift um sich. Und wir reden hier nicht von der Berufsschule, sondern von der Oberstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule.

Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich vielfältig: Smartphone und Internet gehören zweifellos dazu. Wischen, Bilder und Videos betrachten, Chatten und das Lesen von Kürzestnachrichten ist bequemer und zumindest auf den ersten Blick fesselnder. Die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, Bildung einzig im Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg zu funktionalisieren, kommt hinzu. Wozu bitte soll Literatur gut sein? Geld kann man genauso gut verdienen, wenn man nichts gelesen hat. Und die uns als alleinselig machend verkaufte Kompetenzorientierung in den Lehrplänen trägt das ihre dazu bei. Selbst wenn uns noch so viele Bildungsexperten ständig das Gegenteil einzureden versuchen, die Verschiebung von verbindlichen Inhalten einerseits und mitunter verwertungsfreier Literaturbetrachtung andererseits hin zu Kompetenzen, die ihrerseits anhand von mehr oder weniger beliebigen Inhalten ausgebildet werden können, entzieht der Literatur zunehmend den Raum und auch den Nährboden.

„Aber ihr dürft doch eh weiterhin Literatur unterrichten.“ „Auch bei der Zentralmatura gibt es ein Thema, in dem ein literarischer Text vorkommt.“ „Der Unterricht darf und soll doch ohnehin viel mehr umfassen, als das, was bei der Matura abgetestet wird.“ Mit solchen und ähnlichen Argumenten wird man gerne bedacht, wenn man Kritik an den kompetenzorientierten Lehrplänen und ihren Messinstrumenten äußert. Ja, eh, stimmt natürlich alles. Aber dass im Zuge der jüngeren Bildungsreformen Haltungen verändert, Wichtigkeiten verschoben und gesellschaftliche Diskurse, in deren Zentrum Funktionalisierung steht, angefeuert wurden, lässt sich auch nicht leugnen. Die Auswirkungen von all dem kann man in der Schule täglich beobachten. Das aber will man nicht hören. Denn die Beobachtungen von LehrerInnen sind bloß empirisch nicht belegbare Behauptungen. Studien würden da ja zu ganz anderen Ergebnissen kommen …

Nur gut, dass einem Konrad Paul Liessmann wieder einmal aus der Seele schreibt. „Belesenheit ist eine Provokation“, lautet der Titel des Essays, der im heutigen Standard nachzulesen ist. Es handelt sich dabei um einen Vorabdruck aus seinem demnächst erscheinenden Buch Bildung als Provokation, auf das ich mich jetzt schon freue. Da heißt es:

Die Provokation literarischer Bildung besteht nicht zuletzt in der persönlichkeitsverändernden Kraft der Literatur, die unmerklich vonstattengeht, keinen Zielvorstellungen folgt, nicht operationalisierbar und deshalb auch nicht kontrollierbar und prüfbar ist. Dass es eine Form der Bildung gibt, die sich dem Zugriff der qualitätssichernden Behörden entzieht, weil sie sich aus einer informellen Beziehung zwischen Schüler und Lehrer entspinnen mag, kratzt an all jenen Quantifizierungs- und Messbarkeitschimären, ohne die die gegenwärtige Bildungsforschung ebenso wenig auszukommen glaubt wie die Bildungsorganisation.

Literatur aber hat eine Gestalt. Sie erscheint in der Form des Buches, Lesen als avancierte kulturelle Praxis ist ohne das Buch nicht denkbar. Die aktuell forciert betriebene Digitalisierung von Schulen und Universitäten, die sich alles Heil von Geräten und nicht von Ideen erwartet, verhindert in großem Maßstab die Entwicklung jedes Interesses für die Literatur. (…) Das Interesse für Literatur wird geweckt, wenn man im richtigen Moment das richtige Buch in die Hand gedrückt bekommt und sich dadurch die Chance eröffnet, zu einem Leser zu werden.

Daran kann sich eine Deutschlehrerin aufrichten – selbst in Zeiten, in denen SchülerInnen beim Anblick eines Buches das Gesicht herunterfällt.

(nemo)

 

„Ein Wettrennen namens Bildung“

… heißt der Artikel, den ich kürzlich im Standard veröffentlicht habe. Der Titel  stammt nicht von mir, ich finde aber, dass er recht gut passt. Das Bild, das zu dem Artikel gestellt wurde, gefällt mir weniger. Es lenkt den Fokus meines Erachtens zu sehr in Richtung Gesamtschule. Darum geht’s in dem Beitrag zwar auch, aber nicht im Kern.

Einige Menschen haben mich gefragt, wie man eigentlich dazu kommt, einen Artikel im Standard zu publizieren. In meinem Fall war’s so: Es gibt in dieser Tageszeitung eine Rubrik namens „Kommentar der anderen“, in der meinungsorientierte Beiträge unterschiedlicher Art und Herkunft, die über die Dimension eines Leserbriefs hinausgehen, erscheinen. Als Standard-Leserin, wie ich eine bin, kennt man diese. Alles, was ich also tun musste, war, meinen Text an die Redaktion zu schicken – und ein wenig zu kürzen.

Ich nehme an, das zuständige Redaktionsteam liest die eingehenden Beiträge und entscheidet dann, welche davon gedruckt werden und welche nicht. Nach welchen Kriterien die Texte ausgewählt werden, weiß ich nicht. Wenn ein Thema gerade nicht passt, vielleicht zu spezifisch ist oder der Platz im Printmedium fehlt, wird man an die Redaktion des Online-Standards verwiesen. Dann erscheint der Text dort als Userkommentar.

Mich freut jedenfalls, dass man in einer österreichweit erscheinenden Qualitätszeitung ebenso einfach wie ausführlich Stellung beziehen kann. Aber auch die Tatsache, dass man mit einem Zeitungsartikel nach wie vor – zumindest im kleinen Stil – Debatten auslösen, Reaktionen hervorrufen, Diskussionen anzetteln kann, finde ich gut. Nicht, dass mich jeder Online-Kommentar begeistern würde 😉 , aber die vielen positiven, zustimmenden, weiterdenkenden und auch die freundlich-kritischen Stellungnahmen im Internet oder auch per Mail stimmen mich zuversichtlich. Offenbar gibt es schon immer noch eine Diskussionskultur, die diesen Namen verdient.

(nemo)

PS: Obwohl der Platz, der mir vom Standard für meinen Beitrag eingeräumt wurde, durchaus üppig ist, war der Text, so wie ich ihn ursprünglich verfasst hatte, noch um einiges länger. Vor allem meine eigene Biographie wollte ich gerne etwas ausführlicher darstellen. Mir kommt vor, dass in der längeren Version eben doch mehr Zwischentöne und Nuancierungen vernehmbar sind, die insgesamt ein authentischeres Bild ergeben und vielleicht auch meine These ein bisschen besser erklären. Deshalb habe ich mir gedacht, ich stelle die Originalversion des Textes einfach hier in den Blog: Bildungsmythen und Diskurse

 

 

Salzburg, der Sommer und ich: eine resonante Form der Beziehung

Mit einem Festvortrag des Soziologen Hartmut Rosa ist die diesjährige Salzburger Hochschulwoche zu Ende gegangen. „Öffentlichkeiten“ lautete das Ramenthema, eine Woche lang gab es hierzu Vorträge, Workshops, Diskussionen und Begleitprogramm.

Ich selbst habe eigentlich nicht viel mit den an der theologischen Fakultät der Uni Salzburg angesiedelten Hochschulwochen zu tun, außer dass ich die Gelegenheit jedes Jahr nutze, um in entspannter Atmosphäre inspirierenden philosophischen und/oder gesellschaftskritischen Vorträgen zu lauschen (und mich deshalb jedes Jahr darauf freue). Wenn die Veranstaltung, so wie heuer, in eine so wunderbar sonnige Woche fällt, ist sie für mich umso schöner: Salzburg ist während der Festspielzeit geistig so anregend, es gibt so viel ästhetisch, kulturell und intellektuell eindrucksvolles Programm, und zudem bietet die Natur in und um Salzburg herum so viel Schönheit und Vergnügen, dass man sich richtiggehend beschenkt fühlt. Vormittags ein Vortrag bei den Hochschulwochen, nachmittags Schwimmen in einem kühlen See, abends eine Festspielaufführung in Begleitung netter Menschen – und ich komme mir vor wie der „reichste Mensch“ auf Erden.

Meine Vorstellung von „reich“ hat natürlich nichts mit finanziellem Reichtum zu tun.  Klar, Festspielkarten kosten schon Geld, die von mir erworbenen allerdings viel weniger, als man glauben möchte. Theater geht ab 20 Euro, Konzertkarten kosten unwesentlich mehr, und sogar Opernvorstellungen bekommt man, wenn man Glück hat, ziemlich günstig – und zwar auf Stehplatz. Zudem gibt es gratis Übertragungen auf eine Großbildleinwand, und auch das kann einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Was ich unter „reich“ verstehe, hat mit einer Form von Bereicherung im geistigen Sinn zu tun. Am Ende eines Schuljahres fühle ich mich meistens ausgelaugt, leer und erschöpft. Wenn ich dann so bereichert werde, wie es in diesen ersten Ferienwochen geschehen ist, bedeutet das schlichtweg Glück. Glück, das sich mit Dankbarkeit – Dankbarkeit für das gute Leben, das ich führen darf – paart.

So, jetzt aber genug geschwelgt, ich wollte doch über den gestrigen Vortrag schreiben. 😉

Wobei, der gestrige Vortrag von Hartmut Rosa scheint mir durchaus anschlussfähig an meine ein wenig zum Pathetischen neigende Gedanken. Rosa stellte „resonanztheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Öffentlichkeit und Religion“ an und zeigte mit Hilfe der von ihm entwickelten Resonanztheorie, wie Religiosität eine resonante Form des In-der-Welt-Seins sein kann. Das Interessante für mich war dabei weniger der Transfer von Resonanz im Hinblick auf ein religiöses Leben als vielmehr die Frage, was eine resonante Form der Weltbeziehung im Allgemeinen meint. 58626

Hartmut Rosa definiert Resonanz als gelingende Form, mit der Öffentlichkeit, dem öffentlichen Raum, in Beziehung zu treten. Im Gegensatz zur Resonanz stehen Repulsion, also Ablehnung, sowie Indifferenz, Gleichgültigkeit, als entfremdete Formen der Reaktion auf Öffentlichkeit.

Eine resonante Form der Begegnung weise, so Rosa, vier Dimensionen auf: Affizierung, Selbstwirksamkeit, Transformation und Unverfügbarkeit.

Um Resonanz zu verspüren, müsse man zunächst affiziert, d. h. berührt werden. Man müsse das Gefühl haben, dass einen das, was da passiert, etwas angehe. Des Weiteren müsse man selbst darauf reagieren können, in sich etwas hören, irgendwie auf den Impuls antworten können. Dieses Wechselspiel verändere, transformiere einen selbst, ebenso wie sich die andere Seite durch die Form der Begegnung verändere. Allerdings, und diese vierte Dimension darf nicht vergessen werden, könne man Resonanz nicht erzwingen. Zwar gebe es vielerlei Bedingungen, die Resonanz ermöglichen würden, instrumentell herstellbar sei sie jedoch nicht. Und, Resonanz sei nicht zu verwechseln mit Harmonie: Während Harmonie auf das Immergleiche und Bekannte setze und schlussendlich auch die eigene Stimme töte, bedeute Resonanz eine Begegnung mit dem anderen, eine Art von Risiko, eine Form der Bezugnahme, die Lebendigkeit und Offenheit voraussetze und schaffe.

Soweit Rosas Konzeption von Resonanz, wie ich sie im gestrigen Vortrag verstanden habe. Die gewichtige Monographie, die letztes Jahr erschienen ist, werde ich mir hoffentlich noch in diesen Ferien zu Gemüte führen, damit ich noch ein bisschen genauer und differenzierter verstehe, wie Resonanz funktioniert und gemeint ist.

Der Ansatz jedenfalls scheint mir vielversprechend und anschlussfähig für verschiedene Bereiche zu sein. Hartmut Rosa selbst hat ja den Transfer in Richtung Pädagogik bereits gemacht. Die Vorstellung von Resonanzpädagogik gehört für mich zum Überzeugendsten, was ich auf dem Gebiet gelesen habe. Darüber habe ich in diesem Blog eh schon einmal geschrieben. Zeit wird’s, dass ich mich mit der Theorie dahinter genauer befasse. Auf dass mir mein Ferienprogramm weiterhin eine so resonante Form der Beziehung zur Welt in, um und auch außerhalb von Salzburg ermögliche!

(nemo)