4 Jahre Blog. Ein Interview mit uns selbst

Frage: Euren Blog gibt es jetzt seit vier Jahren. Was sagt ihr dazu?

nemo: Nicht schlecht! Ich bin erstaunt, wie schnell die vier Jahre mit dem Blog vergangen sind. Gleichzeitig finde ich, der Blog gehört mittlerweile voll und ganz zu uns. Auch wenn ich – wie in letzter Zeit – weniger häufig schreibe, begleitet mich der Blog eigentlich ständig. Gar nicht so selten denke ich darüber nach, was ich schreiben würde, wenn ich Zeit zum Schreiben hätte. Es gibt für mich also neben dem existierenden Blog noch einen virtuellen Blog.

juhudo: 234 Beiträge, einige Entwürfe in der Warteschleife, fast 38.000 Aufrufe von rund um den Globus erstaunen und beeindrucken mich immer wieder. Okay, Grönland und die meisten afrikanischen und arabischen Länder ignorieren uns noch – und viele Leute sind sicher einfach nur „hereingestolpert“. Also nicht, dass ich glaube, wir würden demnächst die Weltherrschaft übernehmen, aber wir scheinen doch einige regelmäßige LeserInnen aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch zum Beispiel aus den USA, Frankreich oder Hongkong zu haben. DeutschlehrerInnen vermute ich. Auf jeden Fall lesen viel mehr Menschen unsere Texte, als wenn es keinen Blog gäbe.
Länder 2019

Frage: Was war für euch das bisherige Blog-Highlight?

nemo: Hm. Am aufregendsten fand ich diesen einen Tag im Mai 2015, an dem die Blogstatistik so explodiert ist und wir unser kleines virales Wunder erlebt haben. Ich weiß noch genau, es war spannend und gleichzeitig auch ein bisschen gruselig: Was haben wir geschrieben? Warum gibt es plötzlich so viele Zugriffe? Einerseits blogt man ja für die Öffentlichkeit, andererseits wird einem in so einem Moment bewusst, dass das Gepostete nicht mehr einzuholen ist, sobald man den Knopf gedrückt hat. Man sollte also schon überlegen, bevor man auf den Knopf drückt…

juhudo: Ja, eindeutig – das war grenzgenial spannend. Wir haben uns an dem Tag ja auch immer wieder zwischendurch angerufen und uns gemeinsam gewundert. Die Ursache muss schon darin gelegen haben, dass die Salzburger Nachrichten über uns geschrieben haben und ich den Artikel auf Facebook mit meinen etwa sechzig „FreundInnen“ geteilt habe. Das sind ja nicht viele, aber die haben anscheinend auch wieder geteilt …

Frage: Was ist eurer Ansicht nach die Aufgabe eures Blogs?

nemo: Weißt du noch, wie lange wir überlegt haben, wie wir unseren Blog nennen wollen? Aber eigentlich finde ich den Namen immer noch passend. Hinhören, draufschauen und nachdenken – der Dreierschritt gefällt mir. Allerdings: Ob das schon genug an „Aufgabe“ ist? Andererseits: Brauchen wir überhaupt eine „Aufgabe“? Na ja, irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass unser Blog eine Aufgabe hat. „Aus der Schule plaudern“ und „kritisch über Bildung nachdenken“. Ja, ich glaube, das sehe ich als die Aufgabe unseres Blogs. Was nicht heißt, dass wir nicht auch ganz was anderes schreiben dürfen.

juhudo: Naja, Aufgabe. Für mich muss ein Blog erst einmal mir persönlich dienen, da er ja doch einiges an Arbeit verlangt und kein Geld damit zu verdienen ist. Also sollte er in erster Linie unser Wissensmanagement befördern: Fortbildungen, interessante Bücher, Erinnerungen an Unterricht, der gut funktioniert hat. Dann kommt der bildungspolitische Anteil: Einer unserer Wünsche war und ist ja, aus unserer Schule zu berichten, unsere Erlebnisse und Erfahrungen mit anderen zu teilen, falls sich jemand dafür interessiert. Dazu ist ein Blog perfekt, er drängt sich niemandem auf, LeserInnen müssen aktiv darauf zugehen. Allerdings ist das vielleicht ja auch seine Schwäche.

Frage: Was bedeutet der Blog für euch persönlich?

nemo: Mir hilft der Blog, Dinge durchzudenken und im Formulieren Klarheit zu erlangen. So zu schreiben, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin, ist anstrengend und braucht meistens mehr Zeit und Energie, als ich vorher dachte. Aber es ist eben auch befriedigend, wenn das, was ich sagen will, im Schreiben Konturen annimmt, fassbar und deutlich wird. Außerdem hilft mir der Blog bei der Organisation von Wissen. Dass man online verfügbare Inhalte so einfach verlinken kann, kommt mir entgegen. Dadurch muss ich weniger oft nach einem Artikel suchen, den ich irgendwo hingelegt habe und partout nicht finde, wenn ich ihn brauche… Und nicht zuletzt befördert der Blog auch die Kommunikation mit anderen. Es gibt zwar nur wenige Kommentare zu unseren Beiträgen, aber in der Realität werde ich schon häufig von KollegInnen oder FreundInnen auf den Blog angesprochen. Ah ja, und noch etwas: Der Blog ist mittlerweile auch so etwas wie eine praktische Visitenkarte und Referenz. Wenn ich etwas über mich erzählen will, sei es im beruflichen oder im privaten Kontext, verweise ich gerne auf den Blog. – Und wir wurden immerhin schon zweimal ins Ministerium eingeladen. Hey, ohne Blog wäre uns das nicht passiert!

juhudo: Ich bin immer wieder erstaunt über die Vielfalt an Themen, über die wir schon geschrieben haben. Und dass DEINE Texte immer in die Tiefe gehen und du Themen gründlich durchleuchtest, das finde ich supercalifragilisticexpialigetisch, also außergewöhnlich. Aber worüber ich mich wirklich freue, ist, dass ich auch meine eigenen Postings – überhaupt mit etwas Abstand – interessant und gut geschrieben finde. Und dass ich mich immer wieder frage, ob sie denn auch wirklich meiner Feder entsprungen sind. Ein sehr altmodisches Bild für das Tippen am Notebook. 😉

Frage: Worüber schreibt ihr am liebsten?

nemo: Ich liebe es, von den Freuden des Lehrberufs zu erzählen, und ebenso gerne wettere ich gegen meiner Ansicht nach verfehlte Entwicklungen in der Bildungspolitik und/oder Bildungsforschung. Mitunter mache ich mir Sorgen, dass ich zu sehr ins Schwärmen gerate und allzu begeistert aus der Schule berichte. Dann wieder befürchte ich, alles immer kritisieren zu müssen und kein gutes Haar an Schulreformen lassen zu können. Ich hoffe, es gleicht sich immer wieder mal aus.

juhudo: Bildungspolitik zu kommentieren freut mich im Moment nicht. Ich bin froh, dass gerade etwas Ruhe herrscht, ich hatte ja doch einige Zeit das Gefühl immer hinterherzuhecheln. Und das mir, die unglaublich gern neue Dinge ausprobiert und schaut, was sich damit anfangen lässt. Momentan schreibe ich hauptsächlich über Fortbildungen und das eine oder andere Buch. In den nächsten Tagen schicke ich einmal mein „Lesetagebuch“ über den neuen Erzählungsband von Clemens Setz los. Aber manchmal muss ich auch einfach etwas loswerden. Meinen ersten beruflichen Blogeintrag überhaupt habe ich vor zehn Jahren (oha, für den Blick in die Vergangenheit sind Blogs auch gut, inklusive Überraschungen!) geschrieben und damit meinen ersten, jetzt eher vernachlässigten Blog gestartet. Aber eigentlich schreibe ich am liebsten darüber, wenn in der Klasse etwas gut geklappt hat. (Aber anschließend gehe ich ja in die nächste und vergesse gleich wieder darauf.)

Frage: Was veranlasst euch einen Blogbeitrag zu schreiben, was hindert euch daran?

nemo: Fehlende Zeit ist wohl der Hinderungsgrund Nummer eins. Hauptmotivator ist ganz einfach die Lust zu schreiben und allgemein die Lust mitzureden, am Diskurs teilzunehmen.

juhudo: Nach der Aufregung der ersten zwei Jahre hat sich der Enthusiasmus halt ein bissl gelegt. UND es kommt dazu, dass ich ja über viel, das mich bewegt, schon geschrieben habe. Ich will mich ja auch nicht andauernd wiederholen. Manchmal starte ich auch ein Thema – ich sage nur Entwürfe – und es stellt sich dann doch nicht als sooo spannend heraus. Hinhören, draufschauen und nachdenken ist nicht genug – unter einer Stunde niederschreiben geht’s kaum einmal, eher dauert es länger.

Frage: Und was wünscht ihr euch für die nächsten vier Jahre?

nemo: Ein bisschen mehr Zeit zum Schreiben und vielleicht ein paar mehr Leserinnen und Leser?

juhudo: Ich wünsch mir eigentlich nur, dass es mit uns beiden weiter so gut klappt! Und wenn ich auf das Thema „Aufgabe des Blogs“ zurückkommen darf: Um aus der Schule berichten zu kommen, wären halt der eine oder andere Gastbeitrag oder Kommentar wichtig. Aber das Bedürfnis scheint nicht bei so vielen vorhanden zu sein. Insofern sind wir auch was Besonderes. 😉

Frage: Braucht es euren Blog überhaupt (noch)?

nemo: Hm. Weiß ich nicht. Die Welt braucht unseren Blog nicht. Ich selbst aber bin froh, dass es ihn gibt. Ein Blog ist ein einfach handhabbares Medium, um der interessierten Öffentlichkeit etwas mitzuteilen. Gleichzeitig ermöglicht es eine profunde diskursive Auseinandersetzung mit Themen, nicht nur so eine Fotoposterei. Das gefällt mir.

juhudo: Genau! WIR brauchen ihn. Und das reicht!

Letzte Frage: Seid ihr zufrieden mit der Resonanz auf euren Blog oder wollt ihr etwas tun, um die Reichweite zu vergrößern?

nemo: Wie gesagt, ein paar mehr LeserInnen könnten’s schon sein. Vielleicht sollten wir wieder einmal ein bisschen lauter trommeln, dass es uns gibt. Cool finde ich übrigens, dass die Zugriffe auf unseren Blog nach wie vor von der ganzen Welt aus erfolgen. Natürlich stammen die meisten Zugriffe aus Österreich und Deutschland, aber für einen deutschsprachigen, extrem textlastigen Blog sind wir ganz schön international (siehe oben).

juhudo: Wir sind kein kommerzielles Unternehmen und das ist gut so.  Ich mag das Unaufdringliche des Blogs, grundsätzlich genügt er sich selbst, wer mag, kann partizipieren. Wir sind unabhängig, im wahrsten Sinn des Wortes. Aber, wenn ich die Meldung von WordPress „deine Statistik befindet sich im Aufschwung“ erhalte und mir die Weltkarte mit den Zugriffen anschaue, gefällt mir das schon sehr. Soviel zur Contenance!

Vielen Dank, juhudo und nemo, für das Interview. Fehlt nur noch ein neues Geburtstagsfoto von euch. 🙂

Mein 2018-Kalender. Ein Jahresrückblick

Bevor ich meinen Tischkalender vom gerade noch nicht vergangenen Jahr durch einen neuen ersetze, habe ich ihn noch einmal durchgeblättert. Was hatte ich mir im Laufe des Jahres notiert? Was davon war bloß dem Tagesgeschäft geschuldet und kann getrost entsorgt werden, was davon ist es wert, hier und jetzt erwähnt zu werden?

Der allerwichtigste Kalender ist ja eigentlich mein Kopf. Solange nicht allzu viele Termine anstehen, solange die Zeiten nicht gar zu dicht werden, reicht mein Gedächtnis aus. Zur materiellen Unterstützung habe ich einen Moleskine-Kalender in der Schultasche, um Termine und Dinge zu notieren. Häufig genügt es aber, die Termine und Dinge dort einzutragen, nachschauen tu ich selten. Wie gesagt, das Gedächtnis funktioniert. Meistens halt und solange sich nichts überschlägt.

Den Tischkalender auf dem Schreibtisch zu Hause benutze ich vor allem, um Listen zu erstellen, wenn ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Oder um etwas zu notieren, was ich nicht vergessen will. Also, fangen wir von vorne an:

Gleich auf der ersten Seite im Januar 2018 steht: „Mami ist die beste!“ Auch klein geschrieben ist das das Beste und Schönste, was auf dem Kalender steht. Danke, allerbestes Kind!

Daneben habe ich ein paar „Poolthemen“ für die Französisch-Matura notiert: Essen und Trinken, Kleidung sowie Gesundheit. Quasi menschliche Grundbedürfnisse, die man als MaturantIn aus einem „Themenpool“ ziehen kann, um sie sodann vier Minuten monologisch und acht Minuten dialogisch zu zerreden. Dazu ist aus meiner Sicht bereits alles gesagt.

Gehaltvoller wird’s im Februar. Da steht: „allgemeine Menschenbildung“ und danach: „Was ist Kunst/Literatur? Die besten und exzeptionellsten Formen, in denen Menschen über ihr Menschsein nachgedacht haben.“ Lernen mit und durch Literatur sei „exemplarisches Lernen mit Hervorbringungen des Menschen, wo das Menschsein zur Disposition gestellt wird“. Ich erinnere mich, so (oder so ähnlich) hat Konrad Paul Liessmann das bei einer Podiumsdiskussion beschrieben. Gut, dass ich das auf meinem Kalender festgehalten habe!

Darunter ist zu lesen: „Literaturunterricht als Ort migrationsgeschichtlicher Praxis“. Oh ja, das verweist auf das Lehrwerk Deutschunterricht in der Migrationsgesellschaft. Eine Einführung von Heidi Rösch. Das Buch verwende ich im Konversatorium iu„Interkultureller Deutschunterricht“, das ich am Fachbereich Germanistik der Uni Salzburg immer wieder einmal halte. Darüber wollte ich längst schon einmal ausführlicher in diesem Blog berichten. Neujahrsvorsatz!

Im März sind gleich mehrere Telefonnummern aus Belgien, Holland und Deutschland vermerkt; „Bahnhof DB“ steht auch da. Ja, natürlich, da habe ich intensiv an der Klassenreise gewerkelt. Im Rahmen des Kulturprojektes „Europa schreiben“ sind wir Ende April nach Brüssel und Amsterdam gefahren. Ein schulisches Highlight des Jahres 2018.

Im April eine Liste mit Dingen, die unbedingt zu tun waren: „Koffer einbuchen“, „Garage“ und ähnliche damals unaufschiebbare Sachen sind vermerkt. Das schulische Highlight des Jahres 2018 hatte seine Schatten vorausgeworfen …

Bereits Anfang Mai findet sich die Notiz „Happy Days“. Ich erinnere mich gut daran, es ist nämlich jedes Jahr um diese Zeit das Gleiche: Man ist voll im Schulstress, es gibt tausend Dinge zu tun, weitere tausend stehen an – und man muss sich überlegen, was man in der letzten Schulwoche Anfang Juli bei den so genannten Happy Days anbieten will. Wenn’s dann so weit ist, finde ich das Angebot großartig. Die Seite, auf der die Kurse (inklusive Kurzbeschreibung, Dauer, Treffpunkt, ev. Kosten etc.) übers Internet einzusehen und von den SchülerInnen zu buchen sind, ist zudem ziemlich professionell gemacht. Aber jedes Jahr Anfang Mai würde ich die Happy Days am liebsten verwünschen. Ebenso wie ich im Mai 2018 die „Abrechnung Brüssel“ am liebsten verwünscht hätte …

Im Juni findet sich dann die Auflistung „was ich im Blog schreiben will“. All das also, wofür ich, wie es im Juni halt so ist, keine Zeit gefunden habe. Jedenfalls steht auch da schon „Uni-Lehrveranstaltung“ – in diesem Fall allerdings bezog es sich auf die Übung „Literatur- und Mediendidaktik“, die ich im Sommersemester zum Thema „Flucht und Migration in Literatur, Film und Comic“ gehalten habe. Im Juli habe ich dazu iu-2Aspekte/Inhalte notiert, die von den Studierenden in ihrer Lehrveranstaltungsreflexion als besonders gelungen hervorgehoben wurden: die Methode Freewriting, den Besuch im Literaturhaus mit der Ausstellung „Der Riss“, den Kinobesuch und die anschließende Diskussion zum Film-Buch-Vergleich von Anna Seghers „Transit“, die Leitfragen für eine postmigrantische Lesart von Heidi Rösch, die Einbeziehung der Gattungen Film (Christian Petzold: „Transit“ und Philippe Lioret: „Welcome“) und Graphic Novel (Reinhard Kleist: „Der Traum von Olympia“), den Gedanken „Schreiben ist Verankerung im Ich“ von Elisabeth Kössmeier und generell das Thema und die Textauswahl.

Eine Liste mit Fortbildungsveranstaltungen an der PH füllt ein Juli-Blatt, die Auflistung jener Theaterstücke, die ich für das Schauspielhaus-Abo mit meiner Klasse ausgewählt habe (Das goldene Vlies, Jugend ohne Gott, Die Physiker und Die Hauptstadt) ein August-Blatt.

Im September gab es außer ein paar Kleinigkeiten („Stadtbibliothek verlängern“) nichts zu notieren. Irgendwie erstaunlich, aber für mich schon nachvollziehbar: Die Sommerferien 2018 waren wirklich erholsam gewesen, der Kopf frei und aufnahmebereit. Alles, was zu tun war, wurde entweder nur geistig oder im Moleskine notiert.

„Bedeutung von Literatur als SprachSPIEL“ steht im Oktober einfach so da. Aber ich weiß schon wieder, das habe ich mir im Zusammenhang mit den Tagen der Literaturdidaktik in Wien notiert. Da ging es diesmal um „Literarisches Lernen im Kontext Sprachlicher Bildung“ und u. a. um Humor als Unterrichtsprinzip. Auch darüber wollte ich ja schon längst schreiben. Neujahrsvorsatz!

Im November lese ich „Gutachten für Diplomarbeit“, „Themenpool für Deutsch-Matura“ und „Portfolios korrigieren“. Ja, der November war dicht. „Gutachten für Diplomarbeit“ bezieht sich auf eine Tätigkeit, die ich nun schon zweimal wahrgenommen habe, nämlich Diplomarbeiten zu begutachten, die für einen Preis der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung vorgeschlagen wurden.

Tja, und danach findet sich noch eine Liste: Eine Namensliste von Menschen, bei denen ich mich zu Weihnachten bedanken wollte, denen ich eine Kleinigkeit schenken wollte. Es gelingt mir eh nie, all das umzusetzen, was ich mir vornehme, und auch in dieser Liste finden sich ein paar Menschen, denen ich schlussendlich dann doch wieder nichts geschenkt habe. Trotzdem: Vieles ist sich ausgegangen, so manches wurde umgesetzt, etliches habe ich geschafft, einigen gedankt. Ein paar unerledigte Altlasten dürfen zu Neujahrsvorsätzen mutieren. Ist eh nur Zahlenspielerei, das mit dem neuen Jahr. Aber: Danke, Anne, Eva, Doris, Christiane, Gerda, Claudia und all den anderen KollegInnen, denen ich das längst schon (wieder) einmal sagen wollte!

(nemo)

 

 

 

 

„Was braucht ihr in der Schule?“

Nachdem wir durch eine erneute Einladung ins Ministerium doch recht überrascht worden waren und gerade Ferien sind, gedachten wir zwei interessante Tage in Wien zu verbringen – mit dem Besuch einer Veranstaltung im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals, einem Gang ins Literaturmuseum der österreichischen Nationalbibliothek, mit ein bisschen Kulinarik – und dem Treffen mit Ministerin Sonja Hammerschmid. Nachdem wir uns beim ersten Treffen im Herbst sehr viel vorgenommen hatten, gingen wir diesmal doch um einiges entspannter hin. Natürlich haben wir wieder überlegt, welche Themen wir unbedingt zur Sprache bringen wollen, und bekamen weit über eine Stunde Zeit für einen äußerst angeregten Austausch mit der Ministerin, mit Referentin Eva-Maria Engelsberger und dem Pressesprecher Julian Ausserhofer, der uns aufgrund unserer Bloggerei anscheinend nicht ganz aus den Augen verliert.

Wie beim ersten Mal erzählten, diskutierten, erklärten und argumentierten wir ausführlich und intensiv. Wie sprachen über unsere Schule und die Schwierigkeiten in der AHS, die Frau Bundesministerin erklärte uns manches über das Autonomiepaket aus ihrer Sicht und berichtete über einige der weiteren Vorhaben, die sie und ihr Team in der nächsten Zeit angehen wollen.

Die besprochenen Themen waren:

  • die Zuteilung der Werteinheiten in den Bundesländern. Bis vor wenigen Jahren gab es eine noch um einiges größere Flexibilität, jetzt müssen wir mit einer fixen Zuteilung auskommen.
  • die immer stärkere finanzielle Beschneidung der AHS. Für uns gibt es schon seit Jahren laufend Sparpakete.
  • die anstehende NOST und die damit verbundene Semestrierung, die nicht zuletzt zu vermehrter Prüfungstätigkeit führen wird. Wir argumentierten, dass es möglicherweise gar nicht nur von Vorteil sein muss, wenn SchülerInnen in JEDEM Semester wie Erwachsene funktionieren müssen. Die Ministerin gab zu bedenken, dass es in der Oberstufe schon auch um eine Vorbereitung auf die Universität und ihre Organisationsstrukturen gehen müsse.
  • der Wunsch nach mehr Information vor weiteren Bildungsreformen. Wenn schon Geld für Kampagnen ausgegeben wird, könnten die LehrerInnen unserer Ansicht nach informationsmäßig einmal bereits im Vorfeld mitgenommen werden, freilich ohne dass man deshalb gleich Einigkeit oder vorbehaltlose Zustimmung erwarten dürfte. Aber das Ministerium hat da anscheinend auch eine Art „Dienstweg“ zu beschreiten: über Landesschulräte (Bildungsdirektionen) und DirektorInnen. Offenbar hat das Ministerium kein Zugriffsrecht auf die (dienstlichen) E-mail-Adressen. (Vielleicht eh besser, wir wissen es nicht.)
  • Systeme allein bringen noch keinen guten Unterricht hervor. Guter Unterricht bleibt jedenfalls eine Sache der einzelnen Personen, der SchülerInnen und der LehrerInnen, und der Beziehung, die sie zueinander eingehen können. Es muss immer angepasst und geschaut werden, was für möglichst viele (alle?) gut passt. DIE EINE Lösung gibt es nicht.
  • Ministerin Hammerschmid hat uns erneut ermutigt, alle Möglichkeiten, die das Autonomiepaket bietet, auszureizen und Klassen und Altersgruppen aufzulösen und am besten die ganze Schule beispielsweise mit themenorientiertem Unterricht in Bewegung zu bringen. Außerdem hat sie uns angeboten, bei Fragen direkten Kontakt mit ihrem Büro aufzunehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir hingehört haben, was der jeweils andere sagt. Auf manches haben wir draufgeschaut und zumindest ein wenig gemeinsam nachgedacht. Wir hatten auch den Eindruck, dass die Ministerin ein oder zwei Dinge so noch nicht wahrgenommen hatte. Es wäre schön, wenn wir etwas beitragen könnten.

Die Fragen „Was braucht ihr in der Schule, damit ihr gut arbeiten könnt?“ und „Was können wir hier im Haus dazu beitragen?“ haben uns überrascht und gleichzeitig gefreut. Wir werden uns weiterhin Gedanken machen und darüber schreiben. Die Gelegenheit zum direkten Austausch zu haben ist jedenfalls eine feine Sache, die wir durchaus zu schätzen wissen.

(juhudo/nemo)

2016: Vom Zuviel, vom Knistern und von den Erinnerungen ans „Bam aufstön“

Am 28. Dezember könnte man versuchsweise einen kleinen Jahresrückblick wagen. Drei Tage vor dem Jahreswechsel wäre es dafür zumindest nicht zu früh. Obwohl ein Kalenderjahresrückblick aus Schulperspektive eigentlich völlig sinnlos ist, findet er doch mitten im Schuljahr statt. Dennoch erfasst auch mich um diese Jahreszeit regelmäßig das Bedürfnis, Bilanz zu ziehen. Und außerdem ist in den Weihnachtsferien wenigstens Zeit zum Schreiben.

Das mit der Zeit ist gleich das Erste, was mir beim Bilanzziehen einfällt. In letzter Zeit komme ich nämlich kaum mehr zum Bloggen. Die Tage während der Woche sind einfach zu dicht, und am Wochenende fehlt mir oft die Motivation (oder auch die Muße) zum Schreiben. Wenn schon einmal ein Tag nicht im Zeichen der Schule steht, dann will ich mich außerdem durch den „Schulblog“ nicht freiwillig wieder in ihren Dunstkreis begeben. Diese Erfahrung ist für mich relativ neu und hat, denke ich, mit dem „Gefühl des Zuviels“ zu tun, das meinen diesjährigen Herbst prägte. Die Schule hat mich im Griff, mitunter gar im Würgegriff, sie saugt an mir wie ein Vampir. Da ist allzu häufiges Nachdenken über Schule nicht die richtige Gegenmaßnahme.

Was mir am Ende dieses Jahres auch in den Sinn kommt, ist die Parallele zu den letzten Jahren. Kurz vor Weihnachten kommt es im Schulbetrieb gerne zu einer Art Aufbäumen. Wir LehrerInnen empfinden um diese Zeit all das, was schiefläuft in der Schule, offenbar besonders intensiv. Viele von uns keuchen da allerdings schon und schleppen sich täglich in den Unterricht, was die Erfolgsaussichten für jedwede Art von Widerstand von vornherein stark minimiert. Denn man schafft es entweder gerade noch bis zu den Weihnachtsferien (oder eben nicht und fällt dann, so wie ich in diesem Jahr, krankheitsbedingt gleich mehrere Tage aus). Die Zeit von Schulanfang bis Weihnachten mit nur wenigen Tagen Unterbrechung ist einfach zu lang. Hierfür gibt es ernstzunehmende Untersuchungen, die eindeutig nachweisen, dass sowohl SchülerInnen als auch LehrerInnen nach ca. sieben Wochen eine Auszeit brauchen würden. Trotzdem setzt sich der Gedanke von Herbstferien in unseren Breiten einfach nicht durch.

Aber zurück zum adventlichen Aufbäumen: 2013 waren es die Proteste gegen das neue LehrerInnendienstrecht, die zahlreiche von uns auf die Straße getrieben haben (und im Übrigen zu nichts geführt haben). Letztes Jahr haben wir an unserer Schule den „Aufstand“ im Kleinen geprobt und ein ambitioniertes Statement verfasst, in dem wir versucht haben, unser Unbehagen zu formulieren und daraus positive Forderungen abzuleiten (was im Übrigen ebenso zu nichts geführt hat). Dieses Jahr waren wir so im Strudel, dass wir gar nicht dazukamen, über unser Tun nachzudenken und eventuell aufzubegehren.

Das Österreichische kennt für diese Art von zumeist wenig nachhaltiger Aufstandsaktivität den jahreszeitlich geradezu wunderbar passenden Ausdruck „an Bam aufstön“ (= einen Baum aufstellen). Denn ebenso wie der Christbaum jedes Jahr zu Dreikönig wieder abgeputzt und entsorgt wird, fällt auch der aufgestellte Baum meist nach kurzer Zeit um bzw. in sich zusammen. Jedenfalls ist zu bemerken, dass es vor dem Jahreswechsel regelmäßig zu kleineren Meutereien kommt. Danach allerdings verabschieden wir uns in die Weihnachtsferien. Alle sind froh, ein wenig Abstand zu gewinnen und durchatmen zu können. Wenn die Schule im Jänner wieder beginnt, sind wir frisch und erholt und der Widerspruchsgeist ist erloschen. (Mal sehen, ob der aktuell im Untergrund gärende Widerstand gegen das Autonomiepaket diesmal untypischerweise ja vielleicht erst nach den Weihnachtsferien hochkocht und was daraus wird.)

Und sonst? Was gibt es Schönes aus diesem Jahr zu berichten? Vieles, natürlich. Wäre es anders, könnte man den Job nicht aushalten. Der Schüleraustausch mit La Rochelle im Frühling, die Sportwoche im Juni, der „Groß-und-Klein-Wandertag“ im Herbst. Wie immer sind es die Reisen und Ausflüge, die sich als Erstes im Gedächtnis festsetzen. Die kleinen Alltagsdinge muss man sich hingegen erst bewusst in Erinnerung rufen, manchmal sind sie nicht mehr als ein erhebendes Gefühl am Ende einer gelungenen Stunde, manchmal ein strahlendes SchülerInnengesicht, das einem am Gang begegnet. Die Wichtigkeit der kleinen Dinge kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn sie sind es, welche die Essenz des Daseins ausmachen. Dazu gehört im Übrigen auch der gegenseitige Dank am Jahresende.4b56696d677c7c36303637393631327c7c434f504c

Der Soziologe Hartmut Rosa hat für diese Form der Interaktion den Begriff der Resonanz geprägt. Wenn unser Tun Resonanz erfährt, erleben wir es als sinnvoll und befriedigend. „Unterricht gelingt, wenn es im Klassenzimmer knistert“. Das ist ein schöner Satz, mit dem man so einen Jahresrückblick – der irgendwie eh nicht recht einer geworden ist – beschließen kann, und gleichzeitig eignet er sich auch als Vorsatz fürs neue Jahr. (nemo)

 

Digitale (Un)Ordnung

61z7khxtz-l-_sx302_bo1204203200_Diesen Artikel wollte ich schon seit Jahren einmal schreiben, aber so wird es eine Antwort auf Monikas Text von gestern. Vor sechs (!) Jahren habe ich David Weinbergers Buch Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Bildung, 2008 (Everything is miscellaneous, 2007) regelrecht verschlungen.

Seine wichtigste These lautet: In der digitalen Welt „… die Lösung für das Übermaß an Informationen sind noch mehr Informationen.“1 Für LehrerInnen wie uns bedeutet das, eben KEINE Ordner mit dem Material vieler Unterrichtsjahre im Regal stehen zu haben und nach irgendeinem Zeitungsartikel oder Arbeitsblatt zu suchen, von dem man irgendwann einmal geglaubt hat, ihn oder es verwenden zu können.

Weinberger unterscheidet drei Ordnungen der Ordnung:

  • In der ersten Ordnung der Ordnung sortieren wir physische Dinge, Gabeln zu Gabeln, Bücher nach dem Nachnamen der AutorInnen, Fotos in Fotoalben.
  • In der zweiten Ordnung, wenn die Anzahl der Items zu groß wird, legen wir Karteien an, drucken Kataloge und können so riesige Sammlungen auf relativ kleinem Ort durchsuchbar machen. Oft können sie nur Fachleute wirklich effizient verwenden.

Naturgemäß können in diesen beiden Systemen Dinge immer nur an EINEM Platz bestehen. Ein Buch kann entweder nach Kaufdatum oder nach Größe oder nach Farbe oder ach Alphabet oder was weiß ich noch geordnet werden.

  • Wenn Inhalte digitalisiert werden, können die Beschränkungen der ersten und zweiten Ordnung aufgehoben werden. Es können so viele Metadaten zu einem Ding gespeichert werden, wie man will. Eigentlich kann zum Beispiel der gesamte Inhalt eines Buches plus Rezensionen auf der „digitalen Karteikarte“ aufgeführt sein. Was analog sinnlos ist, funktioniert in der Welt der Bits und Bytes. Die Idee dabei ist, dass neben wohl überlegten Kategorien und ausgefeilten Schlagwörtern einfach viel mehr Schlagwörter zu den „Dingen“ dazugefügt werden können, den Computern ist es egal, ob Einzahl, Mehrzahl, ob drei oder dreihundert Suchbegriffe und wir registrieren keinen zeitlichen Unterschied bei Recherchen. Jede/r fügt anarchisch ihre/seine Tags dazu und es entstehen Schlagwortwolken, wie auch auf der rechten Seite unseres Blogs. Damit wird die zweite Ordnung umgangen. „Wir können uns selbst – und, was noch wichtiger ist, gemeinsam – überlegen, welche Anordnungen für uns im Augenblick sinnvoll sind und welche Anordnungen eine Minute später. So können wir schneller finden, was wir brauchen…“2

Unser Blog funktioniert auch nach diesem System. Wir suchen UND FINDEN unsere Artikel wieder, indem wir Schlagworte eingeben. Bei bald hundert Postings ist das schon nötig. Und am besten machen wir das auch mit unserem Unterrichtsmaterial so. Für einzelne Personen ist ein Blog ein passendes, einfach zu bedienendes Werkzeug. Etwas aufwändiger – vielleicht für das Wissensmanagement einer Schule oder eines Unterrichtsfaches – wäre eine Datenbank. Anarchisches „Tagging“ funktioniert bei beiden. Und ob man ordentlich oder unordentlich ist, spielt kaum mehr eine Rolle. (juhudo)

 

1 David Weinberger, Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Unordnung. München 2007, S 15
2 Weinberger, S 27

Ansprache zum 1. Geburtstag

Tja. Ein Jahr ist vergangen und wir bloggen immer noch. 89 Artikel, 14.680 Zugriffe, 8117 BesucherInnen und an unserem tollsten Tag glatte 2954 Views! Ein bisschen stolz sind wir schon auf uns und unseren Textausstoß. Eigentlich aber war das gar nicht so schwer. Im Blog lässt sich nämlich vieles schneller sagen als in einem (vor-)wissenschaftlichen Aufsatz. Erstens formuliert es sich leichter und lockerer, nicht jede Behauptung muss zu einem vollständigen Argument ausformuliert werden, und drittens, ein Klick – und der Text ist publiziert. Wir bemühen uns zwar schon um journalistische Sorgfalt, aber nicht unbedingt um Perfektion. Wir geben unsere Meinung und unsere Erfahrungen wieder, Allgemeingültigkeit aber streben wir nicht an.

Unser Blog-Kosmos ist die Schule mit allem, was dazugehört. Ab und zu machen wir kleine Expeditionen in angrenzende Galaxien, meist aber bleiben wir auf unserer WRG- Raumstation.

Hingehört & draufgeschaut – und nachgedacht. Über den Titel haben wir uns lange den Kopf zerbrochen. Unzählige andere haben wir verworfen und ob wir mit dem gewählten zufrieden sein sollten, wussten wir auch nicht so recht. Aber ohne Titel kein Blog. Und jetzt, ein Jahr danach, finden wir, dass der Titel eigentlich ziemlich gut passt. Wir versuchen tatsächlich hinzuhören und draufzuschauen – auf das, was uns SchülerInnen, Eltern und KollegInnen erzählen, auf das, was uns in den Medien über „uns“ berichtet wird, auf das, was unser Dienstgeber von uns erwartet und fordert – und finden bei all dem, dass Nachdenken zumeist nicht schaden würde, ja, mitunter sogar dringend notwendig wäre… In diesen Fällen sind wir zur Stelle. Denken nach und schreiben drüber. So einfach ist das.

Welche Themen sind es denn nun, die uns im ersten Jahr so umgetrieben haben?
Von der neuen Reifeprüfung in der 8. Klasse bis zu den SchulanfängerInnen in der 1. Klasse, vom punktuellen Ereignis in der Schule bis zu grundsätzlichen bildungspolitischen Fragen, von pädagogischen Inhalten in Deutsch (und ein bisschen auch in Französisch) bis zu Problemen des Unterrichts mit digitalen Medien, vom Schüleraustausch bis zur LehrerInnenfortbildung, von der Reflexion über Lesen und Schreiben bis zum sozialen Lernen, von der Kompetenzorientierung bis zu dem, was Bildung auch sein könnte – über all das haben wir bereits nachgedacht. Das meiste davon wird uns wohl auch im zweiten Jahr beschäftigen. Aber wer weiß das schon so genau. Denn wir wollen ja auch nicht ständig über das Gleiche schreiben. So manches wird man noch einmal sagen müssen (und noch einmal und noch einmal …), ein paar neue Themen werden sich hoffentlich ergeben und an dem einen oder anderen werden wir auch in Zukunft nicht vorbeikönnen, ohne unseren Senf dazugeben zu MÜSSEN.

Apropos Kosmos: So richtig begeistert hat uns die Tatsache, dass wir quasi weltweit gelesen, ok, möglicherweise nur angeklickt werden. Kambodscha, Usbekistan, Réunion, Myanmar, Georgien, Nepal, Chile, Katar – ja sogar unter maledivischen Palmen werden wir gefunden. (WordPress versorgt uns da mit motivierenden Karten und Statistiken – siehe unten.)
Wir fragen uns: Dient unser Blog im Urlaub zur Fortbildung? Zur bloßen Belustigung? Oder handelt es sich gar um schnöde Fehlklicks? Wenn uns DAS jemand erklären könnte …

Und damit wären wir auch schon bei unserem abschließenden „Wunsch ans Universum“: Ein paar Kommentare und Gastkommentare mehr könnten wir schon vertragen. Ja, wir würden uns regelrecht darüber freuen. Schließlich haben wir unseren Blog auch mit dem Gedanken gestartet, uns mit KollegInnen stärker zu vernetzen und auszutauschen. Uns ist klar, dass insgesamt in den Blog-Universen nicht allzu viel kommentiert wird. Den Wunsch danach geben wir dennoch nicht auf. In diesem Sinne: Fühlt euch eingeladen! (juhudo & nemo)

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Vom Spielen mit Gedanken und Reformen. Anmerkungen zur bevorstehenden „Bildungsrevolution“

Seit meiner Schulzeit bin ich bekennende leidenschaftliche Zeitungsleserin. Ein gutes Wochenende fängt für mich mit den mittlerweile drei (!) Zeitungen an, die ich samstags abonniert habe. Wobei – wenn ich ehrlich bin – das üppige Gewicht von drei Samstagszeitungen schon auch ein bisschen belasten kann, weshalb ich seit langem mit dem Gedanken spiele, mindestens eine davon wieder abzubestellen. Der Gedanke hat allerdings etwas Theoretisches an sich, denn das Abbestellen von Mitgliedschaften, Abonnements, Dauerspendenaufträgen etc. gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen.

Jedenfalls, tägliches Zeitunglesen ist Teil meines Frühstücksrituals. Dafür stehe ich wochentags sogar früher auf! Und, ja, es muss eine richtige Zeitung sein. „Zeitunglesen ohne Rascheln“ – wie es meine Lieblingszeitung bewirbt – kommt für mich nicht in Frage. Um halb sieben in der Früh will ich noch nicht auf einen Bildschirm starren müssen. So lange mir das bedruckte Papier täglich morgens früh um sechs vor die Tür gelegt wird, bleibe ich dabei. Ein paar Gewissheiten müssen sein.

Was ich aber eigentlich schreiben wollte, bevor ich zum Lob des Zeitunglesens anhob – im heutigen Standard findet sich übrigens ein Interview mit der Schweizer Philosophin Ursula Pia Jauch, in dem sich der Hinweis findet, dass wir beim Reden eigentlich nur spielen würden („Wir spielen mit Gedanken, was rauskommt, ist ziemlich ungewiss.“) – eine Einsicht, die, so würde ich meinen, unbedingt auch fürs Bloggen gelten muss – was ich also schreiben wollte, bevor der Spieltrieb mit mir durchgegangen ist: Mir graut’s schon ein bisschen vor dem 17. November.

Wie so ein Damoklesschwert schwebt dieses Datum über uns und kommt täglich ein Stück näher. Immer wieder fällt das Datum 17. November – ein Dienstag, wenn’s mich nicht täuscht. Und nun kommt sogar noch ein weiteres, also in diesem Fall näheres Datum hinzu, und zwar ein höchst symbolträchtiges, der 26. Oktober. Zwei Daten, ein Anliegen. Was steckt dahinter? Natürlich, die nationale Bildungsreform.

Ja, wir stehen unmittelbar vor einer Bildungsreform, möglicherweise sogar vor einer Bildungsrevolution. Am 17. November, diesem mittlerweile nicht mehr fernen Tag, gedenkt die österreichische Regierung ihre Schulreform vorzulegen. Seit Monaten wird das Datum lanciert, und der Tag wird kommen, die Schule in Österreich wird reformiert. Damit aber diesmal wirklich kein Stein auf dem anderen bleibt – man kennt ja schließlich seine Regierungspappenheimer – wird jetzt noch eine Plattform namens „Neustart Schule“ aktiv. Übermorgen am Nationalfeiertag wird diese Plattform einen Appell an die Regierung richten, endlich den „Bildungsstillstand“ zu beenden. Nichts weniger als die „beste Bildung für jedes Kind“ fordern die Aktivisten und wollen Schule gänzlich neu denken. „Österreich braucht eine Bildungsrevolution. Machen wir die beste Bildung für jedes Kind möglich. Denken wir Schule neu.“, heißt es dazu auf neustart-schule.at.

Bereits jetzt stellen die Schulneudenker der Regierung die Rute ins Fenster und warnen, dass auch mit der am 17. November präsentierten Schulreform die Bildungsreform nicht gegessen ist: „Die Botschaft lautet: Der 17. November muss ein Erfolg werden. Damit ist die Bildungsreform aber nicht zu Ende.“ Das nur, falls jemand im Land geglaubt hätte, Augen zu und durch, auch ein 17. November wird vorübergehen.

Nein, reformiert muss werden und zwar gründlich. Es müsse sich etwas ändern, denn so könne es ja nun wirklich nicht mehr weitergehen. Und damit dieser Überzeugung bloß kein „Und warum eigentlich nicht?“ entgegengestellt wird, behauptet man schon auch einmal Dinge, die gar nicht der Wahrheit entsprechen. So beispielsweise Nationalbankpräsident Claus J. Raidl, einer der prominenten Bildungsneudenker, der meint, es würde bislang mit dem 10. Lebensjahr entschieden, „ob man einmal Matura machen kann oder nicht.“ Nicht, dass nichts zu entscheiden wäre mit dem 10. Lebensjahr, aber die in Österreich so stark nachgefragten Berufsbildenden Höheren Schulen wie HTL, HLW oder HAK, sämtliche BORGs und die zudem seit etlichen Jahren angebotene Berufsreifeprüfung (die im Übrigen wie alle anderen Schulformen auch zur Matura mit allgemeiner Studienberechtigung führt), widersprechen der Behauptung doch einigermaßen.

Ich bin auch nicht der Meinung, dass mit der Bildung alles zum Besten bestellt ist, weder in Österreich noch anderswo. Aber dass die Schulen oder der Unterricht so schlecht sind, dass es keinesfalls so bleiben kann, wie es ist, erscheint mir reichlich übertrieben. Diese Grundstimmung scheint mir eher Teil einer allgemeinen Sehnsucht nach Veränderung zu sein, die wiederum mit einer allgemeinen Unzufriedenheit zusammenhängt (wofür die Schule aber wenig kann). Dass ständige Veränderungen – und in Wirklichkeit haben wir es im Schulbereich seit Jahren mit andauernden Reformen zu tun – aber nicht zwangsläufig zu einer Verbesserung führen müssen, kann man empirisch beobachten – so man gewillt ist hinzuschauen und nachzufragen, und zwar dort, wo die Reformen stattfinden, in den Schulen, bei den Schülern, den Lehrern und den Eltern nämlich.

Die Vorstellung des „großen Wurfes“, die eine Reform, die alles besser macht, aber ist wohl eher ein Traum oder eine Utopie, die sich in der Bildung genauso wenig wie in anderen Bereichen umsetzen lässt. Dazu, zum Thema Stillstand versus Reform, gab es im Übrigen im heutigen Standard auch einen guten Artikel (den ich aber leider online nicht finde). Nur gut, dass ich den Blog habe, um mit all den Gedanken, die ich beim Zeitunglesen so habe, ein bisschen rumzuspielen. 🙂

(nemo)