Peter Handkes poetische Anverwandlung von Welt. Fortbildung nicht nur für Lehrerinnen

Vor mittlerweile auch schon wieder sieben Jahren habe ich an der PH Salzburg im Rahmen der LehrerInnen-Fortbildung einmal ein Seminar mit Hans Höller zu Peter Handke organisiert. Daran habe ich mich gestern erinnert, nachdem verkündet war, dass Peter Handke den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten würde. Ich habe mich an das Seminar erinnert, in dem wir einen ganzen Tag lang über Peter Handkes Texte gesprochen hatten, intensiv den Worten Handkes nachspürend und gänzlich frei von didaktischen 42344Umsetzungszwängen. Angeleitet von Hans Höller, der damals gerade seine Studie Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945: Das Werk Peter Handkes publiziert hatte, haben wir uns gemeinsam in ein immer tieferes Textverständnis begeben und waren am Ende des Seminars beglückt über die poetischen Einsichten, die wir gemeinsam an diesem Tag gewonnen hatten, auseinandergegangen. Sicher, jene KollegInnen, die von Fortbildungen didaktische Handlungsanleitungen und fertige Unterrichtsentwürfe erwarten, hatten sich von vornherein nicht angemeldet für diese Veranstaltung. Jene aber, die gekommen waren, durften sich einen Tag lang wieder als ganze GermanistInnen fühlen. Die Frage nach der Umsetzbarkeit im Unterricht und den zu erwerbenden Kompetenzen wurde nicht gestellt. Und das war im Jahr 2012 überhaupt nicht selbstverständlich, galten doch zu dieser Zeit Fortbildungsveranstaltungen zur neuen Matura und zum kompetenzorientierten Unterrichten als das einzig Relevante (und ein bisschen auch als das einzig Glückseligmachende) für (Deutsch-)LehrerInnen …

Tatsächlich spielt Peter Handke im schulischen Deutschunterricht relativ wenig Rolle. Wunschloses Unglück wird immer wieder gerne gelesen, manchmal vielleicht auch die Publikumsbeschimpfung. Die späteren Texte entziehen sich der schnellen schulischen Verwertbarkeit, sind für Jugendliche wahrscheinlich auch nicht so unmittelbar geeignet. Man bräuchte wohl viel mehr Zeit und Muße für die Beschäftigung mit Literatur, damit man so weit käme, um sich Handke-Texten mit Schülern sinnvoll und ernsthaft zu widmen. Obwohl, man müsste es vielleicht einmal versuchen, manches hat sich in den letzten Jahren ja auch wieder geändert. Das gegenwärtige Interesse an Achtsamkeit könnte möglicherweise ein Türöffner sein.

Noch lebendiger als das PH-Seminar, von dem ich eingangs erzählt habe, ist mir selbst die eigene Vorbereitung darauf in Erinnerung: Um als Organisatorin nicht allzu blank dazustehen, habe ich in den Sommerferien davor Mein Jahr in der 81dQ8bptgZLNiemandsbucht gelesen. Ich war mit Handke-Texten kaum bewandert, das Buch stand seit Jahren ungelesen im heimischen Bücherregal. Man könne ja einmal hineinlesen, dachte ich mir. – Und dann hatte ich es plötzlich mit einem Leseerlebnis zu tun, wie es mir so noch nie zuteil geworden war. Der Text entwickelte von der ersten Seite an eine Art von stiller Sogwirkung, die mich nicht mehr losließ. Diese poetische Anverwandlung von Welt, diese Betrachtungen und Fragen nahmen mich mit auf eine Reise, deren Nachwirkung bis heute anhält, ohne dass ich überhaupt noch sagen könnte, worum es in dem Buch eigentlich ging. Ja, um eine Verwandlung ging es, das weiß ich noch.

Ich glaub‘, die Reise mach‘ ich nochmal.

(nemo)

Gedichte als Manifestation von Sinn, Freiheit und Mut

Muss Kunst immer einen Sinn haben?, wurde neulich in einer Radiosendung gefragt. Auf diese Frage ließe sich antworten: Kunst muss nicht nur einen Sinn haben, Kunst hat einen Sinn. Immer und per se. Weil Kunst ohne Sinn nicht existieren würde. Weil Sinn dem Kunstwerk inhärent ist.

Es ist wie mit der Kommunikation: Man kann nicht nicht kommunizieren. Ebensowenig kann man Kunst ohne Sinn schaffen. Freilich kann der Sinn eines Kunstwerks auch darin bestehen, Unsinn zu erzeugen. Die Dadaisten wollten das mit ihrer Kunst: Nonsens zu erzeugen war der Sinn ihrer Kunstproduktion. Unsinn ist aber eben nicht Abwesenheit von Sinn.

Selbstverständlich aber kann Kunst zwecklos sein. Ja, der Sinn eines Kunstwerks misst  sich sogar am Zwecklosen. Kein Zweck, sondern das bloße Sein ist der Sinn von Kunst. Somit haftet der Sinn dem Kunstwerk im Moment seiner Realisierung unwiderruflich an. Kunst entsteht in der Hingabe an das schöpferische Tun, im Stoppen von Zeit und Zweck. Auf diese Weise entsteht Sinn, der für den Kunstproduzenten und in weiterer Folge auch für den Rezipienten als Freiheit erfahrbar wird.

Wie sich dieser Prozess in der Dichtung darstellt, darüber spricht Hilde Domin in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die den schönen Titel Das Gedicht als Augenblick von Freiheit tragen:

Dichtung und Liebe haben nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit gemeinsam: beide sind zweckfrei. Dienen keinem „Um zu“, sondern sind um ihrer selbst willen da, wie alles, worauf es in Wahrheit ankommt. Schreiben – und demnach auch Lesen – setzt dies Innehalten voraus, das Sich-Befreien vom ‚Funktionieren‘. Nur im Innehalten, nur wenn die programmierte und programmierende Zeit stillsteht, kann der Mensch zu sich selber kommen, zu jenem Augenblick der Selbstbegegnung, der im Gedicht auf ihn wartet. (S. 49f.)

Bereits in einem früheren Text mit dem Titel Warum einer tut, was er tut benennt sie den Versuch, mit Sprache die Wirklichkeit zu verändern, als Movens ihres Schreibens und zeichnet nach, wie sich die schöpferische Beschäftigung mit der Sprache als Akt der Befreiung darstellt. In den Vorlesungen heißt es hierzu:

Dichtung entsteht zwar unter Notwendigkeit. Aber dennoch in Freiheit. Sie ist geradezu eine Manifestation von Freiheit. Das heißt, sie kommt nicht von außen, sondern aus dem Menschen selbst: aus seiner Phoenixnatur, seinem Wiederauferstehungsvermögen, seiner allerinnersten Kraft. (S. 37)

In dieser allerinnersten Kraft liege das Wahrhaftige der eigenen Stimme. Hilde Domin bezeichnet das Schreiben (und, da sich Dichtung mit jedem Leser/jeder Leserin erneuert, auch das Lesen) als ein „Training in Wahrhaftigkeit“. Um seine Erfahrung aber überhaupt formulieren zu können, brauche der Schreibende Mut. Dieser Mut ist ein dreifacher:

der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität. Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein. (…) Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der andern zu glauben. Denn wenn er auch nicht ‚für andere‘ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ‚um zu‘, so müßte er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, daß das Wort ein Du erreicht. Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet. (S. 52)

Damit die Wirklichkeit „benennbar und gestaltbar“ wird, ist es unabdingbar, dass die Sprache, ja, dass jedes Wort stimmt. Nur dann können Gedichte ihre Kraft entfalten:

Jede kleinste Verschiebung zwischen dem Wort und der mit dem Wort gemeinten Wirklichkeit zerstört Orientierung und macht Wahrhaftigkeit von vornherein unmöglich. Niemand aber ist eine feinere Waage für die Worte als der Lyriker. Deshalb erfüllt das Gedicht, das Sprache erneuert und lebendig hält, eine Funktion für alle, denn es hilft die Wirklichkeit, die sich unablässig entziehende, benennbar und gestaltbar zu machen.

Mir kommt das alles, obgleich es keinesfalls neu ist, gerade wieder ungemein aktuell vor. Gedichte erscheinen wie ein Gegenmittel zu all dem Floskelhaften und dem sprachlichen Müll, der uns andauernd umgibt – sei es in der Werbung, in den Warteschleifen diverser „Hotlines“, in den (sozialen) Medien oder in der Politik …

PS: Auch im letzten brennstoff, der von Heini Staudinger herausgegebenen Zeitschrift des GEA-Verlags, wurde Hilde Domin zitiert. Ist mir schon öfter aufgefallen, dass ich selbst ein bisschen wie diese Waldviertler ticke. 🙂

(nemo)

 

 

 

 

 

Deutschmatura, Haupttermin 2018/19: Fasse gehorsamst (ein andermal) zusammen …

Nach einem sechstägigen Korrekturmarathon (26 Klausuren à 2 Texte) bin ich müde und erschöpft und fühle mich fast genauso sinnlos wie der Döblin’sche Eisschrank aus dem Themenpaket 1. Nicht einmal mehr die anvisierte Brandrede gegen die Textsorte Zusammenfassung (die diesmal gleich in zwei von drei Themenpaketen verlangt war!) kann ich mir in der gegenwärtigen Verfassung noch abringen. Aufgeschoben ist (hoffentlich) nicht aufgehoben; fürs Erste aber muss ein Artikel aus der „Presse“ reichen, der letzten Sonntag erschienen ist. Besser, finde ich, kann man das ganze Elend eigentlich eh nicht auf den Punkt bringen:

Deutsch-Matura: Goethe? Na und! « DiePresse.com

(nemo)

VWA again

Jetzt gehen uns schon bald die  Wiederholungswörter für die Überschriften der VWA-Postings aus. Was wir in den letzten Jahren darüber geschrieben haben, gilt alles noch. (VWA Runde 2 und VWA reloaded: Und jährlich grüßt das Murmeltier und noch ein paar andere. )
Ich möchte jetzt nur eine kleine Themenbilanz ziehen, darüber nämlich, womit mich die SchülerInnen in den letzten fünf Jahren konfrontiert haben. Keine/r von ihnen befand sich zur Zeit der VWA bei mir im Unterricht, fünf von ihnen kannte ich von einer unverbindlichen Übung in der 2. Klasse her, eine aus dem Informatikunterricht der 5. Klasse.

2015
Der Contergan-Fall: eine Aufarbeitung, inwieweit es möglich war, dass es zu einer so großen Zahl an Opfern kommen konnte und wie die Konsequenzen für die Betroffenen und die erzeugende Pharmafirma aussehen.
Narration von Computerspielen: Anhand des Computerspiels „A tale of Two Sons“ wird eine Verbindung zum klassischen Drama dargestellt.

2016
Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Ohne Literatur geht es bei mir nicht, deshalb werden mehrere Jugendbücher und ihr mehr oder weniger seriöser Umgang mit dem Thema Selbstverletzung analysiert.
BUSHIDO – vom Ehrenkodex zum Blockbuster: Der Weg des Kriegers von japanischen Aufzeichnungen bis zu „Der letzte Samurai“.

2017
Kulturelle Körperkunst: Maori-Tattoos und ihre kulturelle Bedeutung in Geschichte und Gegenwart.
Mangas – japanische Bildgeschichten: Die unterschiedlichen Manga-Arten werden erklärt und ein Fokus auf die speziellen Mädchenmangas gelegt und welche Rollenbilder sie zeigen und verfestigen.
Der romantische Pirat: Das Bild des Piraten in der Literatur und neuen Verfilmungen (Fluch der Karibik 🙂 )

2018
Kommunikation zwischen Mensch und Pferd: Kommunikation von Menschen und Pferden im Allgemeinen und inwieweit die Arbeit mit Pferden sich in den letzten Jahren durch die Kenntnisse darüber verbessert hat.
Die Veränderung des Urheberrechts durch die digitalen Medien: Urheberrecht und Creative Commons – welche neuen Anforderungen an ein Urheberrecht gestellt werden.

2019
Censorship – The FCC’s Regulation of Profanity and its effects on the usage of swear words in American broadcast TV series: die erste Arbeit auf Englisch. Inwieweit die Verwendung von Schimpfwörtern in amerikanischen Fernsehserien reguliert wird und ob sich daran gehalten wird.

2020 (coming soon!)
Das Darknet und der Drogenhandel
Manipulation durch Printmedien am Beispiel des Brexit

Also ich habe jedes Mal einiges dazugelernt!
(juhudo)

 

Netzwerktreffen Deutsch – das 16.?

Mit angemessen negativer Grundeinstellung musste ich wieder an einem der jedes Semester stattfindenden NETZWERKTREFFEN teilnehmen. Dieselbe Vortragende, deretwegen ich das letzte Mal – vor einem Jahr- beschlossen habe, NIE mehr wieder an einem solchen teilzunehmen. Ohne genauer darauf einzugehen, ich habe nie zuvor eine unprofessionellere Vorbereitung erlebt. Aber der Vorgesetzte hat angewiesen und so sitze ich nun in der EINZIGEN Fortbildung, die ich besuchen MUSS. Das gefällt mir natürlich nicht, aber ich bin ja nicht zum Spaß da. Wer mich allerdings kennt, weiß, dass ich beinahe sowas wie ein Fortbildungsjunkie bin. Nur die Qualität dieser “Netzwerktreffen” hat von Anfang an (2011?) viel zu wünschen übrig gelassen, und es gab auch schon die eine oder andere Auseinandersetzung und Diskussion deswegen. Wenn es nicht so wäre, könnte es durchaus sein, dass ich FREIWILLIG hier wäre. Und falls ich mich nicht irre, waren die drei einzigen Themen bisher die Bildungsstandards, die Neue Reifeprüfung und jetzt seit ein paar Jahren eben die NOST. Für ausreichende Wiederholungen ist jedenfalls gesorgt, damit gewisse Daten, Fakten und Einstellungen in die trägen LehrerInnengehirne gelangen können.

Die Vortragende gibt uns zu Anfang die Aufgabe, unsere Einstellung zur NOST (neue Oberstufe) mit Karteikarten auf einer Leine anzuklammern: Wer ist für die NOST und wer ist skeptisch? (Nicht dagegen!) Die Kärtchen dafür sollen an der Fensterseite (im Licht) an einer Wäscheleine aufgehängt werden. Wir sollen doch „mutig“ gegenüber Neuerungen sein! Doch die weitaus größte Anzahl der Kärtchen hängt im ablehnenden Bereich.

Meine eh schon niedrige Toleranzgrenze sinkt weiter. Wir sollen anscheinend positive Erfahrungen von KollegInnen mitgeteilt bekommen, in deren Schulen die NOST ausprobiert wird. Die Kollegin, deren Schule aus diesem System wieder ausgestiegen ist, kommt nicht. Warum, erfahren wir nicht. Es sind nur wenige Schulen zum ersten vorgesehenen Zeitpunkt eingestiegen, drei AHS, einige BHS – und es gab bei diesen wenigen auch wieder Ausstiege, als es möglich war. Meist waren es einzelne DirektorInnen, die das Projekt unbedingt verfolgen wollten.

Nost1

Kommt die NOST überhaupt und wenn, wann? Bildungsminister Faßmann hat ja eine weitere Verschiebung möglich gemacht und veranlasst, dass erst einmal evaluiert wird, bevor sie alle umsetzen müssen. Danke!  (Während ihrer Einleitung hält die Vortragende immer einen A3 Block mit Bulletpoints in die Höhe. Quasi Powerpoint-Folie, aber nicht lesbar. Und sie meint, dass es ja nicht unbedingt Powerpoint sein muss. Aber es gäb ja Tafeln oder Flipcharts… Aber, da wir alle Punkte über die NOST eh schon kennen, macht es fast gar nix, dass man das nicht lesen kann.)

7 VORTEILE siehe Foto 😉

Nost3

„Es gibt ein tolles Frühwarnsystem…“ – als ob es bisher keines gäbe …

Was mich wieder einmal unglaublich nervt: Es steht da eine thematisch aufgerüstete Lehrperson vor mir, die offensichtlich den Auftrag hat, uns die Unsinnigkeit unserer Skepsis vor Augen zu halten und unsere Meinung um 180° zu drehen. Ihre euphemisierende Wortwahl lässt für mich keinen anderen Schluss zu.

6 NACHTEILE siehe Foto!

Die Aufzählung der Nachteile ist wesentlich kürzer als die Aufzählung der Vorteile. (Aber sie hält tapfer ihren Block hoch.)

Nost4

Erfreulicherweise geht es auch anders. Die Kollegin und der Kollege aus den NOST-Schulen berichten ganz sachlich über ihre Erfahrungen und verschweigen auch nicht, dass nicht alle KollegInnen an ihren Schulen der Meinung sind, dass es sich um eine Verbesserung handelt. Bei der Einführung erhoffte sich die eine Schule Wettbewerbsvorteile und an der anderen war es das Projekt eines Direktors, der die Neuerung unbedingt durchsetzen wollte.

Schule 1:
2017 eine Idee des Direktors ohne Abstimmung. Er konnte weder Eltern noch Lehrer ins Boot holen und ließ nach einem Jahr auch keinen Ausstieg zu. Widerstand gegen die NOST kam offen auf, Konfrontation, wieder Entspannung, keine Abstimmung, aber nix Spezielles mehr.  Die große Mehrheit der LehrerInnen ist nach wie vor dagegen, bei den SchülerInnen ist Entspannung eingetreten – naja. Die Kollegin selber aber findet mittlerweile das Bewertungssystem gut, da zum Beispiel ja auch Literaturgeschichte zu einem nicht kompensierbaren Bereich erklärt werden kann.

Schule 2:
Die AHS am Land sah eine Chance für sich,  Schüler mit der Hoffnung, nicht sitzenbleiben zu können, an sich zu binden (statt HAK etc.) Kein Ausstieg, weil nicht klar war, wie es weitergehen sollte, und dann unterschiedliche Systeme in einer Oberstufe. NOST-Phase – altes System – NOST Phase 2 (von der wir noch nichts wissen). „Wir haben eine gewisse Routine und auch einen Pragmatismus entwickelt …“ „Wir haben uns ganz schön eingerichtet …“ LehrerInnen und SchülerInnen sind nicht mehr so dagegen …

Ein BORG ist ausgestiegen mit der Begründung, dass das Systen nicht für die Schulform passt.

Fazit:

  1. Wieder einmal zwei Stunden lang Zuhören über etwas, mit dem wir seit Jahren befasst sind.
  2. Gut war es, einmal unmittelbare Erfahrungen von fachlich kundigen KollegInnen zu hören.
  3. Der große Vorteil für die SchülerInnen hat sich mir wieder nicht erschlossen, die großen Nachteile für die LehrerInnen jedoch erneut.
  4. Vor der dritten Stunde bin ich gegangen. Die anderen TeilnehmerInnen sollten sich in Gruppen weiter mit den Vor- und Nachteilen befassen. Durchgemischt nach den Karteikarten, die wir zuvor aufgehängt hatten, damit die „SkeptikerInnen“ doch noch an diesem Nachmittag überzeugt werden. Irgendwie wie auf einer Tupperparty …

juhudo

„Finden ohne Suchen“. Flanieren in der Bibliothek

Teresa Präauer hat vor einiger Zeit einen schönen Text über den Wert von Freihandbibliotheken geschrieben. Ihr Plädoyer für diese Art von Bibliothek, in der die Bücher präsent sind, herausgenommen, aber auch wieder zurückgestellt werden können, haben wir heute im Wahlpflichtfach Deutsch zum Anlass genommen, um uns in der schuleigenen Bibliothek herumzutreiben. Wir wollten Bücher finden, ohne wirklich danach zu suchen – erst recht nicht mittels einer Suchmaschine. Nach einiger Zeit des „Flanierens in der Bibliothek“ haben wir uns zusammengesetzt und „Blindes Texte-Raten“ gespielt – ungefähr so, wie es Teresa Präauer am Ende ihres Artikels beschreibt: Man liest die erste Seite eines Buches vor und die anderen raten, wer es geschrieben haben könnte. Ist es ein zeitgenössischer oder schon ein älterer Text? Wurde er von einem Mann oder einer Frau verfasst? Handelt es sich um deutschsprachige oder übersetzte Literatur?

Wie immer wurde uns die Zeit zu kurz – auch deshalb allerdings, weil wir uns davor noch den Filmtrailer angeschaut haben, den drei der SchülerInnen im Rahmen ihres Deutschunterrichts zu Juli Zehs Corpus Delicti gedreht hatten. Die anderen KursteilnehmerInnen (und ich) waren von der dramatischen Qualität des Trailers begeistert. Ganz nebenbei und (fast) ohne mein Zutun wurde auf diese Weise zusätzlicher „Stoff“ besprochen. Wir haben über den Inhalt des Romans und über die Autorin geredet, ich habe die Begriffe „Dystopie“ und „engagierte Literatur“ beigesteuert – und die SchülerInnen, die nicht am Filmprojekt beteiligt waren, haben ein Buch kennengelernt, das ein paar vielleicht sogar bis zum nächsten Mal (oder auch später einmal) lesen werden …

(nemo)

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

518yqITusqL._AC_US327_QL65_Immer auf der Suche nach Literatur, die auch Literaturgeschichte vermitteln kann, bin ich auf „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gestoßen. Es geht darin um Annette von Droste-Hülshoff, die als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen gilt. Ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört meiner Meinung nach zumindest zum erweiterten Literaturkanon für die Schule, mit ihrer Lyrik habe ich mich noch nicht viel auseinandergesetzt, aber in meinem bevorzugten Unterstufenbuch findet sich die Ballade „Der Knabe im Moor“, mit der man einiges anfangen kann.

Den Gedanken, den Roman als Klassensatz für unsere Schule anzuschaffen, habe ich allerdings sofort angesichts der Seitenzahl verworfen: 592! Das darf man niemandem antun, der das nicht von selber will. Und auch bei mir lief das Buch ja nur unter ferner liefen, ich wollte es ja nicht für mich persönlich lesen und mein Stapel der ungelesenen Bücher (Tsundoku!) ist konstant hoch, also griff ich auf meine Alternative zurück: Hörbuch. 15 Stunden und 12 Minuten vorgelesen von Karen Duve selber. Und was soll ich sagen? Der Text hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.

Es geht nicht nur um die Liebesgeschichte einer jungen, nicht ganz so angepassten Frau vor zweihundert Jahren, es wird ein Sittengemälde rund um die Familie, die Kontakte mit den Brüdern Grimm, Heinrich Heine, Clemens Brentano und anderen hatte, die sich auf das altdeutsche Kulturgut zurückbesinnen wollten, gezeigt. Ich konnte mit den Figuren Reisen auf furchtbaren Straßen erleben, ich empfand die Langeweile von Freifräuleins, die keine Aufgabe im Leben haben, wenn sie nicht geheiratet werden, und deren Wert innerhalb der Familie nur mäßig ist, wenn sie eigene Gedanken kompromisslos vertreten. Ich wunderte mich über die skurrilen Figuren der Grimms oder der altdeutsch gesinnten Studenten in Göttingen, der Freunde von August von Droste zu Hülshoff. Ich fror mit Heinrich Straube, dem mittellosen Studenten, den Annette wirklich zu lieben glaubt, wenn er sein Zimmer auf die Temperatur von 14 oder 15 Grad heizen kann. Und wie lange die Beförderung eines Briefes dauerte …

Natürlich ist er nicht standesgemäß und kommt für eine Verbindung nicht in Frage, aber Annette hat ja auch nicht wirklich die Möglichkeit herauszufinden, wie das ist, jemanden zu lieben, und da sie selbst innerhalb ihrer Familie kaum Anerkennung bekommt – im Gegenteil, sie wird vor allem von ihren Brüdern klein gehalten – , findet sie es schön, dass sich jemand ihrer Gedichte annimmt. In einer wunderbaren Szene küsst Straube sie unbeholfen, doch die junge, sehr kurzsichtige Frau sieht seine schlechten Zähne und riecht seinen strengen „Flausch“ (Mantel) – das lässt also nicht direkt Verliebtheit zu. Doch es entsteht eine Seelenverwandtschaft, die beide letztendlich unglücklich macht. Die Kussszene wird übrigens im Abstand von mehreren hundert Seiten aus der Sicht beider Beteiligter geschildert. Er empfindet seine Nase als zu groß und seine Brille verrutscht – sie lässt alles über sich ergehen und beobachtet ihre Empfindungen.

In dem „kurzen Sommer“ finden mehrere Männer das unangepasste Freifräulein anziehend und das lässt letztendlich auch die Beziehung zu Straube nicht weiter entstehen. Richtig sympathisch wird einem diese Annette von Droste-Hülshoff nicht, aber man erkennt das Potenzial einer Frau, die vor 200 Jahren für unpassend gehalten wird und sich nicht entwickeln darf.

Karen Duve hat gut recherchiert und einen historischen Roman geschrieben, dessen Figuren lebendig werden und etwas über den Beginn des 19. Jahrhunderts erzählen. Die starrsinnigen, eigenbrötlerischen Grimms, der extrovertierte Heinrich Heine, der immer wieder in Gesprächen bewunderte Goethe, August von Droste-Hülshoff, der Heinrich Straube als neuen Goethe verehrt und finanziell unterstützt, die Schwestern und Tanten der Familien Droste-Hülshoff und Haxthausen und ihre Lebensumstände sind in diesem Roman gut aufgehoben und ich konnte ein Stück des Weges mit ihnen zurücklegen und erfahren, wofür sie ich interessiert haben. Ich hab mich ungern von ihnen getrennt, aber ich bin sehr froh, dass ich nicht in dieser Zeit leben musste. (juhudo)

Im Kulturjournal des NDR kann man ein bisschen etwas über den Roman von Karen Duve selbst erfahren:

Und hier kann man die erste Viertelstunde des Hörbuchs ausprobieren: