Schreiben. Ja, auch mit der Hand!

Meine siebenjährige Nichte quält sich gerade mit dem Erlernen der Schreibschrift. Die Tätigkeit erscheint ihr anstrengend und langweilig, die Schreibhausübung vermiest ihr den Tag. Noch besteht Hoffnung, dass sie irgendwann die Hürde nimmt und dann mühelos und vielleicht sogar gerne schreiben wird. Aber auch im Gymnasium trifft man auf Kinder, die Schreiben grässlich finden und die Schreibschrift mangels ausreichender Beherrschung ablehnen. Lieber „fetzen“ sie Buchstaben in Druckschrift irgendwie und ebenso schnell wie unleserlich aufs Papier, als sich mit der verbundenen Schrift anzufreunden. Sobald wie möglich gehen sie dazu über, ihre Texte zu tippen. Freiwilliges Schreiben mit der Hand erscheint ihnen undenkbar.

Ja, braucht man denn die Schreibschrift überhaupt noch?, fragen sich manche. Schon vor einigen Jahren hat Finnland für Schlagzeilen gesorgt, weil man dort fortan darauf verzichten wollte, den Kindern in der Schule Schreiben mit der Hand beizubringen. Tippkompetenz reiche, so die Aussage.

Ich habe diese Diskussion nicht weiterverfolgt und weiß nicht, was aus den finnischen Plänen geworden ist. Vielleicht haben die Finnen sogar recht: Es reicht wahrscheinlich für vieles im Leben, wenn man in der Schule lernt, Texte zu tippen und digital zu bearbeiten. Bei Vorlesungen an der Uni schreibt fast keiner mehr mit, stattdessen arbeitet man mit Skripten und Powerpointfolien. Auch für die meisten Berufe wird’s reichen, wenn man zu tippen vermag, und privat hantieren die allermeisten Menschen sowieso am liebsten mit Bildern und Textbausteinen auf ihren digitalen Geräten. Wozu also wirklich mühsam eine Handschrift erlernen, wenn sie dann doch keiner braucht?

Hm. Was genau man alles im Leben braucht, weiß ja keiner so recht. Schon gar nicht im Vorhinein. Manchmal braucht man plötzlich mehr oder anderes, als man gemeinhin dachte. Und überhaupt ist das mit dem Brauchen so eine relative Sache. Darüber habe ich schon einmal im Zusammenhang mit dem schulischen Literaturunterricht geschrieben. Was das Schreiben mit der Hand betrifft, mache ich zum Beispiel täglich die Erfahrung, dass ich meine Handschrift brauche – notwendig und dringend. Zwar schreibe ich schon auch viel mit dem Computer oder dem Smartphone. Aber noch mehr schreibe ich mit der Hand: Tagebuch schreibe ich mit der Hand. Wenn ich mir über irgendetwas klar werden will, schreibe ich mit der Hand. Ich ordne meine Gedanken, Vorhaben und Aufgaben, indem ich sie mit der Hand niederschreibe. Ich schreibe Karten und manchmal sogar Briefe mit der Hand. Ich verwende Notizbücher, Kalender, Blöcke, Zettel – und all diese leeren Seiten, Blätter und Papiere fülle ich mit meiner Handschrift.

Schreiben und insbesondere das Schreiben mit der Hand gehört zu meinem Leben wie Lesen, Gehen oder Radfahren. Ja, Schreiben gehört zu mir und unser Verhältnis ist noch inniger, wenn ich die Buchstaben, Wörter und Sätze mit dem Stift in meiner Hand zu Papier bringe. Die Verbindung zu meinem Kopf und zu meiner Seele erscheint mir im handschriftlichen Schreibprozess viel unmittelbarer, als wenn mir eine Maschine beim „Aufzeichnen“ hilft. Es ist das (im Vergleich zum Tippen) langsame Werden der Buchstaben, das Sichzusammenfügen der Buchstaben zu Wörtern, der Rhythmus, der sich mit der Handbewegung einstellt, das kontinuierliche Befüllen der Seite und das (zumindest meistens) recht regelmäßige, aber eben doch individuelle Schriftbild, das schließlich entsteht. All das macht die Besonderheit eines handschriftlichen Textes aus.

Im Schreibhandeln verflüssigen sich die Gedanken. Manchmal ist es zunächst ein holpriges Stolpern, nach und nach aber kommt etwas in Gang und schließlich „fließt es aus der Feder“. Gleichzeitig ordnen sich die Gedanken im Schreiben wie von selbst. Immer wieder bin ich darüber erstaunt, dass sich scheinbar ohne bewusstes Zutun kohärente Texte formen. Ja, eigentlich fügen sich die Wörter und Sätze oft sogar harmonischer aneinander, wenn der Kopf nicht allzu sehr mit Konstruieren und Überlegen beschäftigt ist.

Mein Kind hat kürzlich bei einer Deutschschularbeit eine Geschichte verfasst, die mir irgendwie nur als Ergebnis handschriftlicher Fertigung denkbar scheint. Ausgangspunkt für die Geschichte war ein Impulsbild (Drei lachende Männer auf einem Motorrad) oder eine Überschrift (Glasperlentage). Das Kind hat beide Impulse miteinander verbunden und zunächst ausführlich über die Überschrift reflektiert. Über eine Seite lang machte sie sich Gedanken über das Wort „Glasperlentage“ und überlegte, was das für Tage sein könnten. Erst dann entspann sich die Geschichte: drei Männer, die sich an einem heißen Sommertag eher zufällig gemeinsam auf einem Motorrad wiederfinden, durch die Landschaft brausen und dabei von so etwas wie einem Glücks- und Freiheitsgefühl gestreift werden.

Nicht nur als Mutter, auch als Deutschlehrerin war ich beeindruckt von dem Text. Er ist so lang, dass das Kind in den fünfzig Minuten, die für die Schularbeit zur Verfügung standen, nicht einmal mehr zum Durchlesen gekommen ist. Aber der Text ist vollkommen kohärent und wie aus einem Guss, und er könnte kaum schöner sein. Ob man so einen Text zustande brächte, wenn man den Text konstruieren, immer wieder Wörter verbessern oder einzelne Absätze umstellen würde, wie man es zu tun pflegt, wenn man tippt? Ich weiß es nicht. Ich vermute, eher nicht. 

Noch einmal auf eine ganz andere, existentielle Weise ist mir selbst vor ein paar Monaten die Kostbarkeit und das Glück des handschriftlichen Schreibens erfahrbar geworden. Nach dem Tod meines geliebten Menschen war ich wie versteinert und konnte praktisch kein Wort mehr zu Papier bringen. Eine Schreibgruppe für Trauernde, die ich in meiner Not aufsuchte, brachte in dieser Situation Abhilfe. Wir sollten in diesem Rahmen darüber schreiben, welche Gefühle bei uns derzeit da seien. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe angefangen, ganz langsam ein paar Wörter aufs Papier zu malen. Ohne dass ich es steuern konnte, kamen mir die Tränen und auf einmal begann meine Hand wie von selbst zu schreiben. Ich schrieb und schrieb und hörte erst auf, als die Schreibbegleiterin uns dazu aufforderte. Was genau ich dort in dieser Schreibgruppe geschrieben hatte, erschien mir lange als unwesentlich. Ich war so froh, endlich aus meiner innerlichen Versteinerung befreit worden und schreibend für einen Moment zur Ruhe gekommen zu sein. Den entstandenen Text wollte ich gar nicht lesen. Ja, ich dachte, es wäre ein einziges Durcheinander, ein unverständliches Etwas, das ich da zu Papier gebracht hatte.

Wochen später nahm ich erstmals wieder mein Schreibheft zur Hand. Nun wollte ich wissen, was ich da eigentlich geschrieben hatte. Das Ergebnis ließ mich staunen und machte mich ebenso sprachlos wie dankbar: Da stand alles genauso, wie ich es erlebt hatte. Da fand sich ein Text, der von der ersten Zeile an vollkommen kohärent war und meine damalige Situation so stimmig auf den Punkt brachte, wie ich es nie auf andere Weise vermocht hätte. Ob mir das auch am Computer gelungen wäre? Nein, da bin ich mir sicher, mit dem Computer wäre das so nicht möglich gewesen.

Auch ich bin froh, dass es Tastaturen und Textverarbeitungsprogramme gibt, dass man Entwürfe speichern und später bearbeiten und umschreiben kann. Aber ein Leben ohne ausgeprägte Handschrift? Ein Leben, in dem ich nicht mehr in der Lage wäre, mit meiner eigenen Hand einen Text zu verfassen, in dem mir stets eine Maschine beim Buchstaben-, Wörter- und Sätzeformen behilflich sein müsste? Das erschiene mir, als würde mir jemand einreden wollen, man bräuchte in Zeiten des Automobils eigentlich auch das Gehen nicht mehr ordentlich erlernen. Und das klingt doch heute schon wieder ziemlich überkommen, oder etwa nicht?

(nemo)

 

 

Lehrer-Bewertungs-App

Angesichts der allgemeinen Bewertungsmanie konnte es wohl nicht ausbleiben, dass man nun auch für LehrerInnen Sternchen vergeben kann. Ich wollte mich eigentlich auch gar nicht einmischen in die Diskussion um diese Lehrer-Bewertungs-App. Aber dann habe ich einen Satz gelesen, der mir in diesem Zusammenhang zumindest be- und nachdenkenswert scheint. Er stammt aus einem ganz anderen Kontext, hat nichts mit der gegenwärtigen Diskussion zu tun. Aber ich finde, man sollte als Lehrerin oder als Lehrer immer wieder einmal daran denken, wenn man sein pädagogisches Tun und Handeln reflektiert. Der Satz lautet: „Nichts macht manipulierbarer und feiger als der Wunsch, von möglichst vielen Menschen gemocht und gelobt zu werden!“¹

Was es für einen selbst bedeutet, wenn man permanent damit rechnen muss, in seinem Handeln und Tun öffentlich bewertet zu werden, möge jeder für sich einschätzen.

(nemo)

¹Melanie Wolfers: Freunde fürs Leben. Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, adeo 2016, S. 111.

 

VWA again

Jetzt gehen uns schon bald die  Wiederholungswörter für die Überschriften der VWA-Postings aus. Was wir in den letzten Jahren darüber geschrieben haben, gilt alles noch. (VWA Runde 2 und VWA reloaded: Und jährlich grüßt das Murmeltier und noch ein paar andere. )
Ich möchte jetzt nur eine kleine Themenbilanz ziehen, darüber nämlich, womit mich die SchülerInnen in den letzten fünf Jahren konfrontiert haben. Keine/r von ihnen befand sich zur Zeit der VWA bei mir im Unterricht, fünf von ihnen kannte ich von einer unverbindlichen Übung in der 2. Klasse her, eine aus dem Informatikunterricht der 5. Klasse.

2015
Der Contergan-Fall: eine Aufarbeitung, inwieweit es möglich war, dass es zu einer so großen Zahl an Opfern kommen konnte und wie die Konsequenzen für die Betroffenen und die erzeugende Pharmafirma aussehen.
Narration von Computerspielen: Anhand des Computerspiels „A tale of Two Sons“ wird eine Verbindung zum klassischen Drama dargestellt.

2016
Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Ohne Literatur geht es bei mir nicht, deshalb werden mehrere Jugendbücher und ihr mehr oder weniger seriöser Umgang mit dem Thema Selbstverletzung analysiert.
BUSHIDO – vom Ehrenkodex zum Blockbuster: Der Weg des Kriegers von japanischen Aufzeichnungen bis zu „Der letzte Samurai“.

2017
Kulturelle Körperkunst: Maori-Tattoos und ihre kulturelle Bedeutung in Geschichte und Gegenwart.
Mangas – japanische Bildgeschichten: Die unterschiedlichen Manga-Arten werden erklärt und ein Fokus auf die speziellen Mädchenmangas gelegt und welche Rollenbilder sie zeigen und verfestigen.
Der romantische Pirat: Das Bild des Piraten in der Literatur und neuen Verfilmungen (Fluch der Karibik 🙂 )

2018
Kommunikation zwischen Mensch und Pferd: Kommunikation von Menschen und Pferden im Allgemeinen und inwieweit die Arbeit mit Pferden sich in den letzten Jahren durch die Kenntnisse darüber verbessert hat.
Die Veränderung des Urheberrechts durch die digitalen Medien: Urheberrecht und Creative Commons – welche neuen Anforderungen an ein Urheberrecht gestellt werden.

2019
Censorship – The FCC’s Regulation of Profanity and its effects on the usage of swear words in American broadcast TV series: die erste Arbeit auf Englisch. Inwieweit die Verwendung von Schimpfwörtern in amerikanischen Fernsehserien reguliert wird und ob sich daran gehalten wird.

2020 (coming soon!)
Das Darknet und der Drogenhandel
Manipulation durch Printmedien am Beispiel des Brexit

Also ich habe jedes Mal einiges dazugelernt!
(juhudo)

 

ditact 2018 – reingeschnuppert

Ich weiß jetzt nicht genau, seit wie vielen Jahren die Ditact im Frühling meine Aufmerksamkeit findet, aber heuer war ich mir erstmals sicher, in den Ferien zu der Veranstaltungszeit anwesend zu sein, und habe mich für zwei Workshops angemeldet – vor allem in Hinblick darauf, für das erste „richtige“ Jahr mit der „Digitalen Grundbildung“ neue Ideen mitnehmen zu können.

Die Leiterinnen der Ditact wollen Folgendes:

ditact

Es gibt zwei Wochen lang sehr viele Kurse – wer möchte, kann hier einmal für das Jahr 2018 schnuppern – und die meisten sind nicht für Informatikerinnen, sondern für Informatikinteressierte ausgerichtet. In der zweiten Woche geht es auch um „IT & Didaktik“, und ich habe an den Workshops Informatik aktiv erleben und Fake News & Social Media teilgenommen. Meine Erkenntnisse schreibe ich wieder in Form von Mikroartikeln auf.

Thema Informatik aktiv erleben. Spielerische und interessante Unterrichtsstunden ohne Computer.
Referentin: Petra Nußdorfer
Story Die Aufgaben, die an uns LehrerInnen mit der Digitalen Grundbildung herangetragen werden, gehen weit über Mediendidaktik hinaus. Auch informatisches Grundwissen soll unseren SchülerInnen vermittelt werden. Da dieses Wissen nicht allgemein vorhanden ist, bin ich auf der Suche nach Material, das zum Beispiel auch einfach einmal in Supplierstunden eingesetzt werden kann, und auf so etwas habe ich in in diesem Workshop gehofft.
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Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Wie haben ein ganzes Heftchen von Aufgaben mitbekommen und konnten einiges ausprobieren. Die Themen reichten von Binärrechnen und Kryptographie (zB End to End-Verschlüsselungen bei WhatsApp) über Sortieren und verschiedene Algorithmen bis zu Pixelgrafik und analogen Programmiereinstiegsspielen.

Die Übungen auszuprobieren hat viel Spaß gemacht und wir TeilnehmerInnen (es war auch ein Kollege dabei) hatten viel Gelegenheit uns auch untereinander Tipps zu geben.

Informatische Grundbegriffe lassen sich auch ohne Computer vermitteln. Idealerweise werden sie natürlich dann dort umgesetzt, aber einiges kann auch so erkannt werden – und es macht Spaß es gemeinsam umzusetzen. Wie bekomme ich die Aufgaben unter die SchülerInnen?

So etwas wie ein Informatikkofer  gefüllt mit den nötigen Materialien wäre toll. Und dass er in manche Supplierstunden mitgenommen wird!

Die junge Referentin Petra Nußdorfer unterrichtet neben Informatik auch Bildnerische Erziehung und das merkt man auch an ihren kreativen Unterrichtsideen, an denen sie uns teilhaben ließ. Sie wird anscheinend nächstes Jahr wieder bei der Ditact dabeisein und ich kann sie nur weiterempfehlen, man kann bei ihr viel Kreatives lernen!

Einige weitere Quellen:

 

Mein zweiter Workshop:

Thema
Fake News & Social Media. Anregungen für den Unterricht

Referentin: Sonja Messner

Story Der bei uns relativ neue Begriff Fake News ist vom Inhalt her natürlich schon immer ein Thema in der Medienerziehung („Zeitungsente“). Aber wie und warum Falschmeldungen innerhalb der sozialen Medien eine solche Wucht bekommen können, darüber wollte ich mir etwas „wissenschaftlichen“ Input holen.
Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Inhaltlich gab es jetzt für mich nicht soooo viel Neues, aber ich erhielt eine gute didaktische Struktur, wie man mit SchülerInnen das Thema besprechen kann. Und den Tipp über das relativ neue Onlineportal Addendum, das Dietrich Mateschitz gehört. Außerdem, dass die Journalisten der Washington Post immer gleich vier verschiedene Überschriften zu ihren Artikeln mitliefern müssen – damit ein zur momentanen Situation passender ausgewählt werden kann ;-). Nix Neues: Meiner Meinung nach eines der wichtigsten demokratiepolitischen Themen! Es muss unbedingt immer wieder mit unseren SchülerInnen besprochen werden! Hier nicht so viele: Es gibt viel Material im Internet. Seiten wie Mimikama oder Kobuk sind hilfreich, Safer Internet und Klicksafe.de auch.

Eine gute Idee: SchülerInnen Fake News selbst produzieren lassen!

Auch für Sonja Messner eine klare Empfehlung. Die Medienpädagogin, die bei Akzente arbeitet, kennt sich aus und hat sich viel mit diesem Thema beschäftigt.

juhudo

Digitale Grundbildung

Ab dem kommenden Schuljahr verpflichtend in der Sekundarstufe 1. Meiner Meinung nach unbedingt notwendig und richtig. Keine Frage! Und ich bin sehr froh, dass das Ganze endlich angegangen wird, ich warte schon seit etwa zehn Jahren darauf. (Und es wurde bei uns auch teilweise umgesetzt.) Leider wieder einmal so vorgelegt, dass es Konfliktpotential in die Schulen tragen kann, denn für die Umsetzung gibt es natürlich keine zusätzlichen Mittel.

Für so etwas gibt es „verbindliche Übungen“, die immanent, das heißt während des ohnehin bestehenden Unterrichts, umgesetzt werden müssen. Für uns bedeutet das 64 Unterrichtsstunden in den vier Klassen der Unterstufe (mit 32 rechnet man realistisch für eine Jahreswochenstunde), was für uns an sich kein Problem darstellt, sondern eh schon längst läuft, zwar sicher nicht in jeder Klasse gleich, denn das hängt von der KlassenlehrerInnenzusammensetzung ab, aber es funktioniert. (Das haben wir am Ende des Schuljahrs erhoben!)

Der Teufel steckt wie immer im Detail – Internetrecherchen, Präsentationen, Gefahren des Internets, Social Media, Textdokumente und meist auch Tabellenkalkulationen werden wirklich ausreichend durchgenommen, da sind die 64 Stunden gar kein Problem. Aber es gibt auch Kompetenzen, die im Rahmen des Deutsch-, Mathematik-, Geographie- usw.-Unterrichts keinen Platz haben, da sie weder mit der Ausbildung der LehrerInnen (was sich ja in Zukunft ändern soll 😕) noch mit dem Unterrichtsstoff selbst etwas zu tun haben.

So da zum Beispiel sind:
DGB Kompetenzen

Die Farbe Rot bedeutet, dass es sich um Kompetenzen handelt, die ein/e InformatiklehrerIn vermitteln sollte. (Es gibt noch ein paar weitere, aber am Ende einer Tabelle von 64 Kompetenzen häufen sich die, die unmittelbar der Informatik zuzurechnen sind.) 8.2.2 (in Schwarz) sehen wir überhaupt kaum durchführbar, jedenfall nicht, wenn Kompetenz bedeuten soll „ich kann…“.

Also haben wir – ganz schulautonom – folgende Wahl:

  • Die LehrerInnen einer Klasse müssen sich ausmachen, wer was – eben auch Fachfremdes – irgendwie unterrichtet.
  • Eine Stunde irgendeines Fachs wird zur Informatikstunde. Und da liegt das Problem: Wo kürzen? Sprachen, Deutsch, Mathematik? Kaum durchsetzbar, vor allem auch bei den Eltern. Sport, Musik, Bildnerische Erziehung, Werken? Die klassischen Optionen, wobei da schon öfter „zugegriffen“ wurde. Was ist wichtig für die Entwicklung der Kinder? Und nebenbei in der AHS auch eine Beschäftigungsfrage.

„Schulen entscheiden selbst, ob sie die verbindliche Übung „Digitale Grundbildung“ in speziellen Stunden oder integriert in anderen Fächern vermitteln.“

Wir werden im kommenden Schuljahr ein Mischsystem ausprobieren: eine Stunde Digitale Grundbildung als UNverbindliche Übung in der ersten Klasse. Den Sanktus der Eltern haben wir, für die SchülerInnen bedeutet das eine Unterrichtsstunde, für die es keine Noten gibt, also auch keinen Leistungsdruck, zusätzlich, aber freiwillig. Wenn alle mitmachen, können InformatiklehrerInnen den Kindern eine Basis vermitteln, auf die die übrigen LehrerInnen aufbauen können. Dann schauen wir, was an Kompetenzen bis zum Ende der zweiten Klasse untergebracht wurde. Sollten welche fehlen, werden wir in der dritten und vierten genügend Zeit haben, die Lücken zu füllen. Aber ich glaube, es wird nicht mehr oder nur in Einzelfällen nötig sein. Die Digichecks in der vierten Klasse werden es zeigen.

Das Thema ist uns so wichtig, dass es in unserer Schule ein SQA-Thema ist – es wird also dokumentiert, kontrolliert und evaluiert.

Ein Problem, das damit zusammenhängt, ist die Anzahl der Geräte, die zum Arbeiten zur Verfügung stehen und funktionieren müssen. Bring Your Own Device geht flächendeckend wahrscheinlich nur mit den Handys. Aber eh wahrscheinlich die beste Möglichkeit, um einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen zu leben.

Nachtrag vom 3. August 2018:

Im Mittagsjournal von Ö1 macht man sich von Safer Internet Gedanken, dass die LehrerInnen nicht gut genug ausgebildet wären und nicht alles über die Kommunikationswege der Kinder und Jugendlichen wüssten. Stimmt teilweise sicher, aber ganz unbeleckt sind wir auch nicht, schon allein deswegen, weil wir in den meisten Fällen auch Kinder haben und sie als Eltern zu begleiten versuchen. Manchmal werden wir als komisch eindimensionale Gruppe dargestellt, die im Elfenbeinturm Schule lebt und keine anderen Rollen in der Gesellschaft zu spielen hätte. In ALLEN Bereichen denken wir nicht nur an uns, sondern an unsere eigenen Kinder und an die, die uns anvertraut sind.

Was nicht unbedingt nötig ist, dass jede Lehrerin und jeder Lehrer immer alles können muss. Ob das Lernpotential sehr groß ist, wenn man mit der Stoppuhr am Handy im Sport die Zeit misst, ist zu bezweifeln und ob es den Kindern besser bekommt, eine Sportstunde in der Klasse abzuhalten (Gab es nicht einmal die Idee von der täglichen Sportstunde?) statt im Turnsaal – das will ich nicht einmal diskutieren. Wichtig ist, dass sich in der Klasse einige LehrerInnen finden, die digitale Geräte selbstverständlich als Arbeitsgeräte heranziehen und auch die Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft immer wieder reflektieren.
Heute abend gibt es eine Sendung dazu. Vielleicht kommt dann der Nachtrag 2. (juhudo)

 

1 https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/schule40/dgb/index.html

Internet raus aus den Schulen? Die Textsorte Erörterung

Meine SiebtklässlerInnen maturieren in gut einem Jahr. Folglich sind wir bereits wieder voll im Modus der Vorbereitung auf die Zentralmatura. Vieles von dem, was vor drei Jahren bei der Einführung dieser Form der Matura aufgeregt diskutiert wurde, hat sich mittlerweile beruhigt oder abgeschwächt. Ich könnte immer noch fundamental dagegen wettern und vielleicht tue ich es auch wieder einmal. Heute aber nicht.

Nach wie vor gilt für das Fach Deutsch: Es gibt 9 Textsorten (ab 2020 dann nur mehr 7), die von den Schülern beherrscht werden müssen. Und auch wenn die für die Zentralmatura verantwortlichen Personen immer wieder darauf hinweisen, dass die Schreibhandlungen (z.B. zusammenfassen, argumentieren, informieren) wichtiger seien als die Textsorten – Faktum bleibt, dass es einen Textsortenkatalog gibt und dass die Vermittlung der jeweiligen Spezifika einer Textsorte ganz schön viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt.

Meines Erachtens würde es reichen, wenn die Erörterung als einzige argumentativ ausgerichtete Textsorte bestehen bliebe. Wenn jemand Sachverhalte ordentlich und nachvollziehbar erörtern kann – und das ist schwierig genug – hat er oder sie etwas Wesentliches gelernt. Das Verfassen eines Leserbriefs, eines offenen Briefs, einer Empfehlung oder eines Kommentars erscheint mir im Kontext der Deutschmatura unsinnig und überflüssig. Aber sei’s drum.

Am letzten Tag der Osterferien habe ich brav die Hausübung gemacht und für meine SchülerInnen eine Modellerörterung geschrieben. Die Aufgabe wurde letztes Jahr beim Maturatermin im Mai gestellt. Inhaltlich geht es um die Frage, ob der Umgang mit dem Internet ein fester Bestandteil des Unterrichts sein sollte oder nicht. Was liegt näher, habe ich mir gedacht, als meine Erörterung gleich einmal im Internet zu posten?

Hier also geht’s zur Aufgabenstellung (Aufgabe 3) und da zu meiner Modellerörterung. Ich habe mich bemüht, den Text in ungefähr eineinhalb Stunden zu schreiben und wenn ich ihn mir jetzt durchlese, klingt er eigentlich mehr nach Kommentar als nach Erörterung. Aber ich habe mich an die Arbeitsaufträge gehalten und versucht, ordentlich zu argumentieren. Insofern müsste der Text auch den gestrengen Augen der DeutschlehrerkollegInnen standhalten. Und, wie gesagt, es kommt eh mehr auf die Schreibhandlung als auf die Textsorte an. 🙂

(nemo)

 

Kulturtechnik Schreiben

Was nicht alles zu kurz kommt in der Schule! Wir bräuchten mehr Zeit für dies und noch viel mehr für das. Ständig erreichen uns neue Forderungen, welche Kompetenzen unsere Schüler auch noch erwerben sollten. Andauernd wird festgestellt, was sie zu schlecht können, was sie besser können müssten, woran es in der Schule mangelt und wo diese gleich ganz versagt. Ziemlich weit oben auf der „Bestenliste der schulischen Versäumnisse“ liegt der Dauerbrenner Lesen & Schreiben, quasi ein Klassiker der „Mangelkompetenzen“.

Übers Lesen habe ich in letzter Zeit öfter nachgedacht, heute soll wieder einmal aufs Schreiben draufgeschaut werden. Woran liegt es, dass Schreiben zu einer schier unüberwindlichen Hürde geworden ist?

In einer Folge von Biene Maja – ich weiß nicht mehr genau in welcher – stöhnt der faule Willi: „Ach, immer dieses Fliegen. Ich hab’s nie richtig gelernt.“ Wie so vieles, was Willi sagt, klingt das lustig. Eine Biene, die nicht richtig fliegen kann! Nun hinkt der Vergleich zwischen der den Bienen angeborenen Fähigkeit zu fliegen und der den Menschen eben nicht angeborenen Fähigkeit zu schreiben natürlich gewaltig – dennoch: Schreiben ist eine elementare Kulturtechnik, die alphabetisierte Menschen normalerweise so erlernen können, dass sie ihnen leicht von der Hand geht. Wenn man sieht, wie viele alte Menschen flüssig und selbstverständlich korrekt schreiben, obwohl sie keine höhere Schule besucht haben, und wie viele Kinder und Jugendliche selbst im Gymnasium Schreiben mühsam finden und Schwierigkeiten haben, es korrekt auszuführen, fragt man sich allerdings, was da in den letzten Jahren passiert ist.

Für mich liegt auf der Hand, dass die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags die Hauptschuld an dieser Entwicklung trägt. Wenn schon kleine Kinder häufiger tippen als schreiben, bleibt die Geläufigkeit auf der Strecke. Jede handschriftliche Notiz, die über ein paar Wörter hinausgeht, wird dann zur Qual. Von der fehlenden Übung des korrekten Schreibens ganz zu schweigen. Ja, aber auf Computer, Tablet oder Smartphone schreibe man ja auch, wird von sich fortschrittlich wähnender Seite dagegengehalten. Und überhaupt würden Kinder heute sogar mehr als früher schreiben, schließlich kommunizieren sie vorwiegend schriftlich über Whatsapp & Co.

Aus meiner Sicht werden da mindestens zwei Dinge durcheinandergebracht. Schreiben lernt man, indem man einen Stift in die Hand nimmt und schreibt. Unterschiedliche und feine Handbewegungen, Rhythmus und Gefühl spielen dabei eine wichtige Rolle. Tippen ist eine ganz andere, was Bewegung, Rhythmus und Gefühl anbelangt, vergleichsweise grobmotorische Tätigkeit, die erst dann zum Einsatz kommen sollte, wenn die Handschrift wirklich ausgeprägt ist. Und auch danach muss immer wieder mit der Hand geschrieben werden, weil man nur durch häufiges und längeres Schreiben Leichtigkeit und Sicherheit bei diesem Tun entwickelt. Auch die zahlreichen Fehler in der Rechtschreibung, die Schüler heute machen, haben nämlich viel mit mangelnder Übung zu tun. Wörter und Sätze immer wieder korrekt, rhythmisch und lesbar schreiben würde in vielen Fällen zum Erfolg führen – so wirklich cool und fortschrittlich kommt eine solche Forderung aber natürlich nicht daher.

Zu der Vermischung von Tippen und Schreiben kommt aber noch etwas: Die angeblich schriftliche Kommunikation, die per Smartphone ausgeübt wird, besteht vielfach nämlich nur aus Textbausteinen, Bildern und Fotos und hat nicht nur nichts mit Schreiben, sondern auch mit Schriftlichkeit wenig zu tun. Im Ausnahmefall entsteht in der Whatsapp-Kommunikation ein kurzer Text, in den meisten Fällen sind es, wenn überhaupt, bloß unzusammenhängende Wörter oder Halbsätze.

Die so genannte „schriftliche“ Kommunikation, die von Kindern und Jugendlichen heute betrieben wird, führt insofern eher vom Schreiben weg, als dass sie ein wirkliches Schreiben bedeuten würde. Dass die neue Form des Schreibens etwas anderes ist, spiegelt sich übrigens auch in der Sprache der Kinder wider: Anstatt jemandem zu schreiben, schreiben sie „mit jemandem“: So wie man mit jemandem spricht, chattet oder zockt, schreibt man also neuerdings mit jemandem. Das andere Schreiben aber hat man – ebenso wie Willi das Fliegen – nie richtig gelernt. Vielleicht sollte man es ja in der Schule mehr üben. Allerdings, bei all dem, was wir auch noch tun müssen, bleibt dafür wirklich keine Zeit. Und ziemlich retro ist es obendrein, wo fürderhin doch schon im Kindergarten digitale Grundkompetenzen vermittelt werden sollen! (nemo)

PS: Um einen ganz anderen Aspekt von Schreiben, nämlich um den Zusammenhang von Schreiben, Peinlichkeit und Öffentlichkeit dreht sich ein interessanter Artikel von Juli Zeh, den ich neulich gelesen habe. Ich verlinke den Artikel hier: Privatsphäre und Literatur: Ich bin, was ich verberge

PS2: Ein in diesem Zusammenhang relevanter Buchtitel ist mir dieser Tage noch untergekommen: Maria-Anna Schulze Brüning / Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen (Piper). Ich glaub, da muss ich mal reinschauen …