Notwendiges und Verzichtbares. Nachdenken über Neoliberalismus und Coronakrise

Woher rührt eigentlich meine ungebrochene Skepsis gegenüber den Maßnahmen im Umgang mit dem Coronavirus? Ist es zulässig oder geboten, verzichtbar oder sogar notwendig, auch in Zeiten einer Pandemie politisches Handeln zu hinterfragen? Solche Fragen stelle ich mir seit mehreren Wochen. Noch häufiger stelle ich sie mir, seit ich meinen Blogbeitrag über das menschliche Maß und die Maßnahmen veröffentlicht habe. Ich bin weder Zynikerin noch Anhängerin von Verschwörungstheorien. Ich habe Rechtspopulismus abgelehnt, seit ich politisch denken kann. Trotzdem finde ich mich in diesen Tagen mit Menschen und Gruppierungen, mit denen mich bis vor Kurzem kaum etwas verband, in einer Ecke. Ein wahrlich paradoxes Erlebnis.

Der Moment, als mein kritisches Nachdenken über die Maßnahmen eingesetzt hat, war schnell gekommen: Bei Begräbnissen dürften fortan nur mehr drei Angehörige anwesend sein, hieß es. Die Maßnahme traf mich im Innersten. Wie, so fragte ich mich, hätte ich das letzte Jahr unter diesen Bedingungen überlebt? Hätte ich es überhaupt überlebt? Die Fragen mögen pathetisch klingen und sind doch todernst gemeint.

Als mein Lebensgefährte, der Vater meiner dreizehnjährigen Tochter, nach einundzwanzig gemeinsamen Jahren Ende Februar 2019 tödlich verunglückte, ist meine Welt zusammengebrochen. Wenige Monate danach bin ich selbst zusammengebrochen. Ich musste nach einem Blinddarmdurchbruch notoperiert werden. Mit dem Blinddarmdurchbruch einher ging ein Burnout. Erst im Spätherbst konnte ich langsam wieder zu arbeiten beginnen. Mein 2019 war eine persönliche, private, familiäre, emotionale und körperliche Katastrophe. Und gleichzeitig war es das nicht. Mein 2019 war auch ein Jahr, in dem mir das größtmögliche Geschenk zuteilwurde: Ich wurde von meiner Tochter, meiner Familie, meinen Verwandten und meinen Schwägerinnen, von Freundinnen und Freunden, von Kolleginnen und Kollegen, von meinen Schülerinnen und Schülern, von Nachbarn und Bekannten sowie von Menschen in Institutionen am Leben gehalten. Ja, das Krankenhaus und die Operation waren lebensrettend. Der soziale Zusammenhalt und die Unterstützung von so vielen Menschen waren es ebenso.

Zu „unserem“ Begräbnis Anfang März 2019 kamen weit über hundert Menschen. Die Anwesenheit und die Anteilnahme jedes Einzelnen haben mich durch die erste Phase der Trauer getragen. Auch auf dem virtuellen Trauerportal im Internet sind zahlreiche Beileidsbekundungen eingegangen. Jede ist mir bis heute kostbar, ebenso wie die vielen Karten und Briefe. Ein Ersatz für die Präsenz so vieler beim Begräbnis und der anschließenden Trauerfeier hätten all die schriftlichen und fernmündlichen Nachrichten dennoch nie sein können.

Überwältigend war auch das, was nach dem Begräbnis passierte. Nein, ich fand mich nicht bereits nach ein paar Wochen in der sozialen Isolation wieder, ich wurde weder vergessen noch allein gelassen. Ganz im Gegenteil, ich wurde von all den bereits erwähnten Menschen durch das ganze Jahr begleitet. Erst allmählich ist es mir gelungen, Tritt zu fassen und wieder festen Grund unter meinen Füßen zu spüren, zumindest manchmal. Ende Februar 2020, kurz vor Ausbruch der gegenwärtigen Coronakrise, kamen wir, die Angehörigen, wieder mit Freundinnen und Freunden zu einer Feier zusammen, im Gedenken an den Menschen, den wir vor einem Jahr verloren hatten. Nichts ist, so würde ich heute sagen, nach einem Jahr überwunden. Aber es ist vorstellbarer geworden, dass mich der Verlust eines Tages weniger schmerzen könnte als mich die Erinnerung erfreuen wird.

Wenn ich mich heute frage, ob ich das letzte Jahr unter den gegenwärtigen Bedingungen überlebt hätte, so frage ich mich dies nicht, weil ich so egoistisch bin und nur an mein eigenes Schicksal denken kann. Nein, ich frage mich, wie Menschen, die heute einen Angehörigen verlieren, die staatlich verordneten Maßnahmen und Beschränkungen ertragen können. Der Tod pausiert in diesen Tagen, Wochen und Monaten jedenfalls nicht. Zu den an Krankheiten und Altersschwäche Gestorbenen, zu den tragisch Verunglückten kommen auch noch die in Folge des Coronavirus Verstorbenen hinzu. Wenn ein hoch betagter Mensch am Ende seines Lebens stirbt, mag die Aussicht auf eine später nachgeholte Trauerfeier vielleicht trösten. Was aber ist mit jenen, die nicht in der Lage sind, ihre Trauerfeiern aufzuschieben? Mit jenen, die der Anteilnahme und Hilfe, der körperlichen Präsenz ihrer Mitmenschen zum Überleben bedürfen?

Meine Kritik an den Maßnahmen hat sich nie auf die Sorge um materiellen Wohlstand bezogen, wenngleich ich auch diese Sorge mit Fortdauer der Krise nicht geringschätzen will. Keinesfalls aber spreche ich von den Auswüchsen einer entfesselten Konsumgesellschaft, wenn ich Sehnsucht nach der alten Normalität äußere und von unserem bisherigen Leben spreche. Wie viele andere habe auch ich in den letzten Jahren ein immer stärkeres Unbehagen angesichts des neoliberalen Umbaus unserer Wirtschaft und unserer gesamten Gesellschaft empfunden. Mit vielen teile ich auch jetzt die Hoffnung, dass die gegenwärtige Krise vielleicht dazu führen könnte, Notwendiges und Überflüssiges treffsicherer zu unterscheiden. Verzicht und Einschränkung, die Rückbesinnung auf ein naturverträgliches Maß, können befreiend wirken, das will ich nicht in Abrede stellen. Auch ich erlebe immer noch viel Schönes. Und trotzdem befällt mich eine große Besorgnis angesichts dessen, was da gerade vor sich geht. Es befremdet mich, wie bereitwillig, ja fast begeistert so viele ihr gesamtes soziales Leben aus der Realität in den virtuellen Raum verlagern. War nicht anfangs die Rede davon, wir sollten für eine Zeitlang unsere sozialen Kontakte um ein Viertel einschränken? So schnell konnte man gar nicht schauen, wurde aus dem Viertel ein Ganzes, fast so, als gäbe es auch in der Realität plötzlich nur mehr eine Welt aus Nullen und Einsen.

Ende April wurde in den Nachrichten vermeldet, dass künftig dreißig Personen an einem Begräbnis teilnehmen dürfen. Besser als drei, aber lange noch nicht so viele, wie ich gebraucht hatte und wie sie bei zahlreichen Begräbnissen in Österreich üblich sind. Außerdem, so hört man, habe es in den letzten Wochen nie ein Besuchsverbot in privaten Räumen gegeben. Umso beruhigender, dass ich meine Eltern auch während der vermeintlichen Beschränkungen regelmäßig besucht habe. Natürlich habe ich Abstand zu ihnen gehalten und tue das auch weiterhin. Sie nicht zu besuchen oder ihnen Einkäufe vor die Tür zu stellen, wäre für mich allerdings wirklich nie in Frage gekommen. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter sind über achtzig. Sie führen ein einfaches und in mancherlei Hinsicht fast archaisch anmutendes Leben im trotz rasanter Veränderungen immer noch existierenden dörflichen Verbund einer Gemeinde im Speckgürtel der Stadt Salzburg. Meine Mutter braucht für ihr Wohlbefinden Haus und Garten sowie ihre Kinder und Enkel; mein Vater seine Holzarbeit, Begegnungen mit Nachbarn und Bekannten sowie den sonntäglichen Kirchgang mit anschließendem Wirtshausbesuch. Wirtshäuser und Kirchen sind immer noch geschlossen, ein wichtiger Teil seines Soziallebens fällt somit weg. Wer, wenn nicht die eigenen Kinder, sollten die beiden besuchen, mit ihnen reden und mit dem Vater das eine oder andere Bier trinken?

Meine Schwester wohnt seit vielen Jahren in München. Sie beruhigen die geschlossenen Grenzen nicht. 150 Kilometer schienen immer eine leicht zu überwindende Distanz zu sein. Nun liegt München plötzlich im unerreichbaren Ausland. Bereits drei Mal wurde meine Schwester in diesen Wochen von der Polizei gemaßregelt: einmal, weil sie sich mit ihrer Tochter beim Ballspielen im Olympiapark auf einer Wiese niedergelassen hatte. Sport zu treiben sei erlaubt, sich hinzusetzen jedoch nicht, wurde ihr mitgeteilt. Das zweite Mal, weil ihre Tochter, meine kleine Nichte, ihren achten Geburtstag mit zwei Nachbarskindern im Innenhof des Wohnhauses feiern wollte. „Besorgte Nachbarn“ informierten die Polizei, die Geburtstagsfeier musste aufgelöst werden. Das dritte Mal, als sie mit ihrem Kind dabei erwischt wurde, wie sie Eis schleckend mit Bekannten auf der Straße geplaudert hatte. Man dürfe sich nun zwar mit einer wohnungsfremden Person treffen, dabei jedoch kein Eis essen, so die Polizei. Ja, es gibt Gründe, warum man froh sein kann, in Österreich zu leben.

„There’s no such thing as society“, hat Margret Thatcher bereits in den 1980er Jahren gesagt. Auch in Österreich hat in den letzten Jahren neoliberales Denken Einzug gehalten und vieles verändert. Es hat Auswirkungen auf Menschen, wenn in einem Dorf keine Post und keine Bank, kein Bäcker und kein Geschäft mehr zu finden sind; wenn in der Stadt das nachbarschaftliche Umfeld ausgedünnt und verändert wird, weil Immobilieninvestoren das Sagen haben; wenn Krankenhäuser und Altersheime Effizienzkennzahlen unterworfen werden; wenn – und dagegen könnte ich immer noch anschreiben, obwohl ich bereits alles dazu gesagt habe – die Ökonomisierung der Bildung voranschreitet, Bildung durch Kompetenzen ersetzt und identitätsstiftende Rituale in der Schule einfach über Bord geworfen werden. Hinter all diesen Umwälzungen stehen und standen immer politische Entscheidungen, auch wenn „der Markt“ mit seiner Wettbewerbslogik selbst im staatlichen Bereich das Ruder übernommen hat.

Trotzdem wage ich zu behaupten, dass der soziale Zusammenhalt hierzulande immer noch besser als in vielen anderen (west-)europäischen Ländern funktioniert. Ich erinnere mich daran, wie in Frankreich während des Hitzesommers 2003 fast 20.000 alte Menschen in Altersheimen und Krankenhäusern verstarben. Mehrere hundert von ihnen mussten bestattet werden, ohne dass Angehörige ausfindig gemacht werden konnten. Ob so eine Situation auch in Österreich denkbar wäre? Ich glaube und hoffe nicht. Wenn allerdings nunmehr auch in Österreich Maßnahmen ohne Widerrede hingenommen werden, die reale Begegnungen von Menschen untersagen, gemeinsames Feiern und miteinander Trauern verbieten, dann ist Feuer auf dem Dach einer Gesellschaft.

Möglicherweise ist mit der Coronakrise das Ende des Neoliberalismus gekommen und alles wird gut. Es könnte aber auch genau umgekehrt sein: Die gegenwärtige Krise könnte als Brandbeschleuniger ganz im Sinne eines allumfassenden neoliberalen Denkens wirken. Der totale Schutz der Gesundheit wäre dann nur mehr ein Alibi, um autoritäre Maßnahmen durchzusetzen, um Menschen gegeneinander auszuspielen, um Bevölkerungsgruppen auszuschließen, einzusperren und zu überwachen, um bürgerliche Freiheiten zu beschneiden – während nichts dagegen getan wird, dass Konzerne weiterhin ihre Millionen und Milliarden scheffeln. Daher meine tief gehende Beunruhigung angesichts von Verordnungen, die wir alle noch vor wenigen Monaten für ausgeschlossen hielten.

(nemo)

PS: Zwei Artikel möchte ich noch verlinken, ein Interview mit Lukas Resetarits („Benehmen’S Ihnen net wie a Rotzbua“) aus dem Falter und ein Interview mit dem Medizinethiker Ulrich Körtner aus dem Standard. Für beide gilt: Lektüreempfehlung!

Vom menschlichen Maß nehmen. Nachdenken über „alternativloses“ Handeln

„Sollte beim Ergreifen von Maßnahmen nicht bedacht werden, dass bei diesem Vorgang Maß genommen wird, nicht Maß geraten?“, fragte sich Andrea Maria Dusl kürzlich in ihrer illustrierten Kolumne zum Thema „Corona-Kurven“.[1]  Maß genommen wurde und wird viel in diesen Zeiten: Man verbietet Menschen, sich zu treffen und sich nahe zu kommen, man hält Schulen, Gasthäuser und Ämter geschlossen, man riegelt Spielplätze ab, man hindert Menschen, an Begräbnissen teilzunehmen, man untersagt Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen und noch vieles mehr. Die Regierung verbietet uns unser bisheriges Leben und wir haben uns daran zu halten. Vielen, ja, den allermeisten scheint die Notwendigkeit all dieser Maßnahmen einzuleuchten. Sie nehmen die Einschränkungen hin, als wären sie unumgänglich. Alternativlos.

Ich selbst bin seit Wochen fassungslos. Wie kann eine Gesellschaft glauben, dass sie all das, worüber sie sich bisher definiert hat, nicht mehr braucht? Dass sie ihr Miteinander einfach abdrehen oder in einen körperlosen digitalen Raum auslagern kann? Was ist aus uns und unseren kulturellen Errungenschaften geworden?

Es scheint nur mehr ein Ziel zu geben: Hauptsache, die Sterblichkeitsrate sinkt. Der Tod ist zu einer rein statistischen Angelegenheit geworden, es geht nur mehr um Zahlen und Kurven. Die Menschen dahinter verschwinden. Der Zahl der Infizierten und Erkrankten wird jene der verfügbaren Atemgeräte auf den Intensivstationen entgegengehalten. Es wird gerechnet, modelliert und prognostiziert.

Aber ist das wirklich alles, worauf es beim Leben und Sterben von Menschen ankommt?

Der Kampf ums nackte Überleben ist entbrannt. Jenseits davon scheint alles verzichtbar. Grundversorgung und Intensivbetten – mehr brauchen wir offenbar nicht. Und diese fundamentale Reduktion wird dann auch noch mit dem Hinweis auf die Würde des Menschen gerechtfertigt. Als würde sich das Ausmaß an menschlicher Würde einzig und allein daran messen, dass wir im Krankenhaus künstlich beatmet werden können.

Wir alle gehen täglich vielerlei Risiken ein. Wir fahren mit dem Auto oder dem Fahrrad, wir arbeiten, wir gehen außer Haus. Immer öfter sind wir gezwungen, schlechte Luft einzuatmen. Viele Menschen haben Übergewicht, rauchen, essen und trinken ungesunde Sachen, fühlen sich gestresst, betreiben gefährliche Sportarten oder sitzen zu viel. Unser gesamtes Leben ist mit dem Risiko zu sterben behaftet. Jetzt aber zählt nur mehr das Risiko, am Coronavirus zu erkranken.

Jeden Tag sterben Menschen: an Krankheiten, an Unfällen oder schlicht an der unabänderlichen Tatsache, dass unser aller Leben irgendwann zu Ende geht. Bis vor kurzem hatte man darüber diskutiert, ob es nicht würdevoller sein könnte, Menschen am Ende ihres Lebens, anstatt sie intensivmedizinisch am Leben zu halten, in Ruhe sterben zu lassen. Jetzt sind solche Gedanken ungehörig, fast so, als würde man – alleine wenn man darüber nachdenkt, wie man selbst einmal sterben möchte oder was man den eigenen Eltern wünscht, – sich im Dunstkreis des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms bewegen. Getan wird, als ob es plötzlich darum gehen könnte, den Tod als solchen abzuschaffen. Wer dagegen ist, handelt zynisch und unmoralisch.

Abgeschafft werden soll aber nicht nur der Tod. Nein, bereits die Infektion selbst wird im Falle von Corona zum Skandalon. Die Zahlen der weltweit Infizierten werden öffentlich herumgereicht, als handelte es sich dabei um Einträge auf einer globalen Anklagetafel. Man mag an Krebs leiden, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden, doch an Corona zu laborieren, das geht nicht. Jedes Jahr erkranken Menschen schwer an der Grippe, gar nicht so wenige sterben daran, aber nein, an Corona darf nicht erkrankt und schon gar nicht gestorben werden. Deshalb sind alle Maßnahmen gerechtfertigt, deshalb muss das Ansteckungsrisiko nicht nur minimiert, es muss ausgeschlossen werden. Dass das Virus trotzdem nicht zu verharmlosen ist, versteht sich meines Erachtens von selbst.

Die Regierungen fast aller Staaten benehmen sich im Corona-Bekämpfungswettbewerb, als winkte dem Sieger die Übernahme der Weltherrschaft. In den Medien wird betont, was für eine wichtige Rolle der Politik jetzt wieder zukomme. In den letzten Jahren war politisches Handeln ja zunehmend durch marktkonformes Vorgehen ausgeschaltet worden. Der Markt hatte gesprochen und die Regierungen sind gefolgt. Der Spielraum zum Gegensteuern wurde immer kleiner. Jetzt sei plötzlich wieder die Politik am Zug und sage, wo’s langgeht. Aber ist das denn wirklich so? Ist das wirklich souveränes politisches Handeln, was derzeit stattfindet? Mir scheint, es ist vielmehr ein globaler politischer Gleichschritt, der nun vollzogen wird. Fast gar nichts wird in dieser Krise von einer einzelnen Regierung bestimmt. Alle machen dasselbe, und zwar auf der ganzen Welt. China hat die Maßnahmen vorexerziert und die ganze Welt kopiert sie. Wie immer gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Es sind beinahe überall die gleichen Maßnahmen, die beschlossen werden, mit dem – allerdings nicht unwesentlichen Unterschied –, dass die einen geschickter und die anderen hilfloser agieren. In Europa hat Italien, wohl auch, weil es das erste betroffene Land war, mit der hilflosen Version begonnen. Es waren die Bilder dieses Versagens, die uns alle kontaminiert haben. Bilder gehen nicht mehr weg, Bilder kann man nicht relativieren und auch nicht negieren. Das ist hinlänglich bekannt. Dagegen können wir jetzt nichts mehr machen. Zu hoffen ist nur, dass die Gründe ebenso wie die Hintergründe für das italienische Desaster eines Tages tatsächlich aufgeklärt werden.

Bei uns hat man, das Beispiel Italien vor Augen, in mancher Hinsicht geschickter agiert. Man hat die Menschen davon abgehalten, in die Arztpraxen und Krankenhäuser zu rennen. Stattdessen hat man die Infizierten daheim in häuslicher Quarantäne gehalten. Das hat – im Zusammenspiel mit dem immer noch hervorragenden österreichischen Gesundheitssystem – funktioniert. Auf diese Weise konnten die Ansteckungsraten gering gehalten werden. Aber trotzdem sah sich auch unsere Regierung bemüßigt, das volle Programm des „Shutdowns“ durchzuexerzieren.

Jetzt kommt man aus den Maßnahmen nicht mehr heraus. Jeder Schritt in eine „neue Normalität“ muss genau kontrolliert und mit dem geradezu grotesk anmutenden Zwang sich zu maskieren abgesichert werden. Ob es nicht gereicht hätte, die Menschen mit Symptomen zu isolieren und etwas mehr auf Hygiene sowie Abstand zu achten, wird man wohl kaum mehr herausfinden können. Denn mittlerweile wurde soviel Maß genommen, dass auch der Maßstab für die Pandemie selbst verloren gegangen ist. Jeder an Corona Infizierte, jeder an Corona Erkrankte, jeder an Corona Verstorbene ist nunmehr gleichermaßen ein Skandal wie ein Beweis für die Notwendigkeit der Maßnahmen.

All die anderen Toten nimmt man derweilen getrost in Kauf. Tragisch Verunglückte, an Krankheiten Verstorbene, ob jung, ob alt, sie zählen nicht.

Man lässt die Hinterbliebenen allein. Ihre Trauerfeiern werden zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden können. Als ob das eine Option wäre, wenn man einen geliebten Menschen verliert!

Man lässt die Alten und Kranken allein. Man lässt die Familien, Frauen und Kinder allein. Man nimmt die Arbeitslosen, die Verzweifelten, die Verarmten in Kauf. Koste es, was es wolle.

Man entmündigt eine Gesellschaft, man beschneidet Freiheiten, man riskiert die Demokratie. Man kümmert sich um die Grundversorgung der einen und lässt andere in Flüchtlingslagern oder auf dem Meer abkratzen, mittlerweile sogar, ohne überhaupt davon Notiz zu nehmen.

Wir dachten einmal, Teil einer zivilisierten Welt zu sein. Jetzt betrachten wir uns selbst und unsere Nächsten als potentielle Gefährder, begegnen einander, als wären Menschen nichts anderes als Virenschleudern.

Unserer Menschlichkeit dürfen wir uns indes virtuell versichern. In der digitalen Welt dürfen wir gemeinsam lachen und scherzen, musizieren und tanzen, arbeiten und lernen und können all den kulturellen Ritualen beiwohnen, die uns einmal als soziale Lebewesen aus Fleisch und Blut ausgemacht und miteinander verbunden haben. Zumindest die IT-Branche soll – ganz real allerdings – einen Grund zum Jubeln haben.

Vom menschlichen Maß wurde fast alles genommen, die Maßnahmen bleiben weiterhin aufrecht. Alternativlos aber waren sie nie.

„,Alternativlos’ ist ein anderer Begriff für ‚Keine Widerrede!’ und damit ein absolut undemokratisches Konzept. Es gibt immer eine Alternative“, so die deutsche Autorin und Verfassungsrichterin Juli Zeh.[2] Zeh hat bereits vor gut zehn Jahren einen in der Zukunft angesiedelten Roman über eine Art Gesundheitsdiktatur geschrieben.[3] Man sollte ihn wieder einmal lesen.

(nemo)

[1] Andrea Maria Dusl: „Die illustrierte Kolumne“, in: Salzburger Nachrichten, 18.4.2020

[2] Juli Zeh: „Es gibt immer eine Alternative“, in: Süddeutsche Zeitung, 4./5. April 2020

[3] Juli Zeh: Corpus Delicti, Schöffling & Co 2009

E-Learning Blues

Ich weiß ja nicht, wie’s anderen geht. Mir jedenfalls reicht’s nach einer Woche E-Learning, Distance Teaching, Homeschooling – oder wie auch immer man das bezeichnen will, was wir derzeit betreiben – auch schon wieder. Wir haben bewiesen, dass wir’s können. Die Bereitstellung von Lernunterlagen funktioniert, die Tools, Plattformen und die Einsatzmöglichkeiten des Internets sind gigantisch. Trotzdem: Der digitale Hype, den ich letzte Woche noch verspürt habe, ist übers Wochenende verflogen.  Mit dem, was Schule eigentlich ausmacht, hat das alles kaum etwas zu tun.

Auf den SN-Leitartikel von letzter Woche, in dem das Ende der schulischen Kreidezeit gefeiert wurde, habe ich am Freitag noch einen Leserbrief geschrieben. Den drucke ich nachfolgend ab – und dann verlasse ich das digitale „Corona-Kaffeekammerl“ auch schon wieder. Adieu!

(nemo)

Schule lebt von Beziehung, nicht von Technik
Ja, er funktioniert, der digitale Unterricht. Ich unterrichte am WRG, wir benutzen seit Montag die Lernplattform „Moodle“ und es klappt besser als gedacht. Unsere Informatik-KollegInnen leisten Großartiges und wir – LehrerInnen und SchülerInnen – lernen, experimentieren, kommunizieren und versuchen alle, das Beste aus der Situation zu machen. Aber: Bitte hören Sie mit dem Unfug der „schulischen Kreidezeit“ auf. Er suggeriert, dass wir in der Schule normalerweise vollkommen veraltet herumhantieren wie die Neandertaler. Ich darf Ihnen versichern, das ist nicht der Fall – und zwar, passen Sie auf: Es ist nicht der Fall, obwohl viele von uns, auch ich, gerne mit Kreide auf der Tafel schreiben.
Ja, auch ich gehöre zu den von Ihnen geringgeschätzten LehrerInnen, die dem digitalen Unterricht skeptisch gegenüberstehen. Unterricht wird nämlich mitnichten automatisch besser, wenn er digital stattfindet. Ganz zu schweigen davon, dass es, selbst wenn es so wäre, wohl nicht das Ziel sein kann, unsere Kinder und Jugendlichen dazu anzuhalten, den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu starren. Wollen Sie dem wirklich das Wort reden?
Derzeit bleibt uns nichts anderes übrig, als digital zu unterrichten. Es funktioniert, es macht für eine Weile auch Spaß, aber ich hoffe doch sehr, dass zumindest einige von uns auch nach dieser Zeit wieder so wie bisher unterrichten werden – mitunter sogar mittels Frontalunterricht. Denn auch der hat seine Berechtigung und seinen Sinn; daneben aber gibt es natürlich eine Vielzahl von Unterrichtsmethoden, die ganz ohne technische Hilfsmittel auskommen und in der Schule zum Einsatz kommen.
Schule lebt von Beziehung, nicht von moderner Technik. Schulunterricht tatsächlich vollständig zu digitalisieren, so wie Sie sich das offenbar wünschen, ist meiner Ansicht nach eine pädagogische Verantwortungslosigkeit, gegen die ich mich wehre – als Lehrerin und auch als Mutter.

Gastbeitrag: Lehramtsstudium in Zeiten von Corona: Projekt #DistantTeaching für Schulen

Eine ehemalige Schülerin hat Interessantes aus der Sicht einer Lehramtsstudentin zu berichten. Am Ende des Beitrags finden sich nützliche Links zum „Distant Teaching“, denen ich gleich hier noch einen weiteren zum Thema Herausforderung Homeschooling für Familien hinzufügen will.

Dienstag, 10. März 2020. Zweite Woche des neuen Semesters. Es ist kurz nach halb eins. Um viertel nach eins beginnt die erste Lehrveranstaltung des heutigen Tages. Ich befinde mich schon im Bus auf dem Weg zur Uni – wohlwissend, dass bereits gemunkelt wird, die Hochschulen in Österreich aufgrund des ersten Corona-Falls an der Uni Innsbruck zu schließen, aber die offizielle Bestätigung ist noch ausständig. Die erste diesbezügliche Mail trudelt plötzlich ein: Die Präsenzlehrveranstaltungen an der Universität werden ab sofort bis auf Weiteres eingestellt und auf digitale Lehrformate umgestellt. Maßnahmen der soeben stattgefundenen Pressekonferenz. Na toll, denke ich mir im ersten Moment – das bedeutet bestimmt zusätzliche Arbeitsaufträge zu der sonst schon recht dichten To-Do-Liste für dieses Semester. (Wohl manch einer möchte denken, Studenten leisten eh nichts während dem Semester.) Wenige Minuten später: Die für heute Abend geplante Vorbesprechung für Exkursionen werden abgesagt. Und die Frage, was ich jetzt, bereits im Bus auf dem Weg in die Uni sitzend, mache und ob die Lehrveranstaltung, die in einer Dreiviertelstunde beginnen sollte, nun auch nicht mehr stattfindet. Nach kurzem Beraten mit Kollegen, die ebenfalls bereits auf dem Weg sind, entscheiden wir uns dazu, trotzdem kurz in die Uni zu gehen und mit den Professoren zu sprechen. Im Hinterkopf wissend, dass wir unbedingt noch vor nächster Woche Masterstudierende für unser laufendes Forschungsprojekt brauchen, die uns einen Fragebogen ausfüllen – und an die wir sonst in den nächsten Tagen nicht mehr face-to-face kommen. Ich bin noch nicht einmal im Gebäude, als ich schon Massen flüchtender Studenten sehe – ich schwimme trotzdem gegen den Strom und begebe mich ins Gebäude: reges Chaos, hysterische und aufgelöste Studierende – als ob sich bereits hunderte Infizierte in unmittelbarer Nähe befänden. Übertrieben, denke ich im ersten Moment. Ich kämpfe mich weiter in den dritten Stock des Uniparks, wo die Romanistik haust. Und siehe da, kaum Aufregung, eher Humor – wir sind es ja auch gewohnt, so manche Situationen nicht allzu ernst zu nehmen 😉. Etwas Chaos natürlich – aber wir nehmen es (noch) mit Humor und witzeln über die Situation im Foyer. Uniprofessoren, die die Mail selbst soeben erhalten haben, wissen auch nicht, wie es weitergeht und fragen erstmal nach, ob die – mittlerweile in 15 Minuten beginnende – Lehrveranstaltung doch noch schnell abgehalten werden darf. Alle Teilnehmer aus unserem Kurs sind ohnehin schon anwesend. Währenddessen lassen wir unsere Fragebogen ausfüllen – als gäbe es gerade nichts Wichtigeres. Der Ernst der Situation ist uns noch nicht bewusst. 30 Minuten später sitze ich wieder im Bus – diesmal aber auf dem Weg nach Hause. Das „Beunruhigende“ daran war unter anderem, dass unser Lehrveranstaltungsleiter, der sonst NIE mit uns auf Deutsch, sondern nur auf Französisch spricht – und wenn ich nie sage, dann meine ich auch nie – uns auf Deutsch die aktuelle Lage schildert und uns auf unbestimmte Zeit nach Hause schickt. Spaß beiseite – ein wenig beängstigend war die ganze Situation dann auf einmal schon. Noch nicht wissend, dass ich dort für die nächsten Tage und Wochen quasi „eingesperrt“ sein werde, fahre ich also nach Hause.

Freitag, 20. März 2020. Heute, etwas mehr als eine Woche später, hat sich das anfängliche Chaos ziemlich gut eingependelt und das Distant Learning funktioniert überwiegend einwandfrei. Ja – auch wir Studierende können uns jetzt nicht auf die faule Haut legen, nur weil der Präsenz-Hochschulbetrieb eingestellt wurde. Wir studieren „fröhlich“ weiter und schnuppern etwas Fernstudiumluft. Ich muss zwar ehrlich zugeben, dass wir jetzt (noch) nicht mit Aufgaben überhäuft werden – so wie wir es vermutet hätten – aber es gibt trotzdem immer etwas zu tun. Wir werden sehen, ob sich das noch ändert, wenn die Situation noch länger andauert. Manches scheint sinnlos, anderes wiederum sehr sinnvoll. Gestern zum Beispiel fand unser erstes Web-Seminar der Lehrveranstaltung „Digitale Grundbildung“ statt. Digitale Grundbildung ist mittlerweile eine Unterrichtsprinzip im österreichischen Schulwesen – und findet daher auch in der Lehrerausbildung an der Universität Berücksichtigung. Unsere Lehrveranstaltungsleiterin hatte die Idee, im Hinblick auf die aktuelle Situation in den Schulen, wo der Einsatz von digitalen Medien und Lernplattformen gerade unabdingbar ist, das Projekt „Home Teaching“ bzw. „Distant Teaching“ zu starten. Die Intention dieses Projekts ist, für bereits im Dienst stehende Lehrpersonen (sowie für uns angehende Lehrpersonen) eine Art Plattform mit Übungen zu den Kernbereichen der Digitalen Grundbildung zu gestalten, die die Schülerinnen und Schüler von zu Hause aus durchführen können. Wir Studierende haben also in Kleingruppen Übungen und Methoden zusammengesucht sowie selbst erstellt, die in den unterschiedlichsten Schulfächern und Schulstufen (hauptsächlich für Sekundarstufe 1 und 2, aber auch für die Volksschule) zum Einsatz kommen können, beispielsweise das Führen eines Medientagebuchs. Unser Ziel ist es, Lehrpersonen das Distant/Home – Teaching zu erleichtern bzw. methodische Anreize zu schaffen. Wir wurden von unserer Lehrveranstaltungsleiterin gebeten, unser Projekt zu verbreiten. Den Link füge ich hier ein: https://padlet.com/AnnaEder/DistantTeaching. 

Weitere Tools findet man beispielsweise auch unter den folgenden Links:

 

Nina Rinnerberger
(Studierende für Französisch- und Biologie-Lehramt)

 

 

Gastbeitrag: Jugendschutz für Handys?

Vor kurzem meldeten sich erstmals wieder die öffentlichen Vertreter zur Causa Handy in Schulen zu Wort. Das Handy störe die Konzentration, die Kommunikation und insgesamt den Lernerfolg. So der einhellige Tenor. Es scheint, dass nur die Schule die Problematik der Handys im Leben junger Menschen thematisiert.

Noch vor wenigen Jahren wurden Lehrkräfte von den Anwälten erzürnter Eltern bedroht, wenn sie das Handy im Unterricht konfisziert hatten. Mittlerweile gibt es mehr Sensibilität in dieser Angelegenheit, aber das Bewusstsein, dass wir uns eigentlich fast in einer Art Kampf befinden, wer an Erziehung und Bewusstseinsbildung der nächsten Generation maßgeblich beteiligt ist, das ist vielen scheinbar noch nicht bewusst.

Aber ich frage mich, wie viele Eltern wissen, was ihre Kinder im Internet zu hören und sehen bekommen? Neben dem omnipräsenten Handy ist es oft schon ein Problem, einfach nur Gehör zu finden. Viele Eltern wissen wohl, wovon ich rede. Der Handykonsum befriedet nach außen hin oft zum Schein das Familienleben. Jeder sitzt wo und stört die anderen nicht, es sei denn, man stört ihn am Handy.

Wer „erzieht“ unsere Kinder?

Was passiert denn da jenseits der Beziehungslosigkeit so alles? Da wird mittlerweile schon ab frühsten Jahren Bewusstsein und Weltsicht von zunehmend mehr und mittlerweile erschreckend kleinen Kindern geprägt. Das Handy wird ihr Tor zur Welt.
Mit dem Handy verbringen viele den Großteil ihrer Freizeit! Aus dem Handy haben sie ihren Wortschatz, ihre Sprache! Es trennt sie in ihren Erfahrungswelten von jeder älteren Generation mehr als Jahrhunderte es vermöchten!

Da hat jemand stets Zugriff auf ihre emotionale und geistige Entwicklung und übernimmt zunehmend die Position, die eigentlich Eltern, Lehrer und andere Mitmenschen haben sollten! Möglicherweise prägt das Handy unsere Kinder in vielerlei Hinsicht stärker als wir denken, während wir als die Altvorderen außen vor bleiben! Wir kennen uns ja nicht aus, können nicht mitreden in den Augen unserer Schützlinge.

Das Handy ist aber das Sprachrohr der Internetgiganten am Ohr unserer Kinder! Bei manchen hat man mitunter schon den Eindruck, es handle sich um ein Implantat. Bei einer repräsentativen Umfrage in den USA hätte sich eine Mehrheit der befragten Jugendlichen eher für immer von einem kleinen Finger getrennt als für immer vom Handy! Wo höre ich auf, wo fängt mein Handy an? Ein Identitätsdesaster?

Die menschliche Psyche braucht Beziehung

Wir können schon beobachten, wie sich die Generation Handy weiterentwickelt. Wenn im Restaurant oder im Wartezimmer beim Arzt den Kleinen und Kleinsten sofort das Smartphone ausgehändigt wird, damit das Kind ruhig ist. Es gibt mittlerweile Stirnhalterungen für Smartphones, die es Eltern erleichtern sollen, unruhige Säuglinge leichter zu wickeln. Ja plätten wir gleich den ersten aufkeimenden Bewegungsdrang, dann herrscht endlich Ruhe! Klar, gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen und solche Stirnbänder muss man nicht für massentauglich halten. (Muss man nicht?)

Was passiert aber, wenn Kinder schon von klein auf nicht richtig oder nicht ausreichend mit ihren Eltern in Kontakt treten können, da diese selbst ständig vom Handy abgelenkt sind, und ihrem Kind, kaum dass es motorisch in der Lage ist, etwas zu halten, das Smartphone in die Hand drücken, damit sie selbst ungestört am Handy weiterspielen können oder das Kind eben Ruhe gibt? Werden all die Kleinkinder, die ich jetzt im Bus, beim Arzt, im Restaurant, beim Spazierengehen, im Park lautlos in die Smartphones ihrer Eltern versinken sehe, später Beziehungen eingehen können / wollen? Werden sie die wichtigste menschliche Tugend Empathie entwickeln, ohne die es keine Gemeinschaft geben kann?

Umgang will gelernt sein. Begrenzung bedeutet Schutz!

Ich bin keineswegs der Ansicht, dass wir das Handy aus unserem Leben verbannen sollten und alles wäre wieder gut. Handy und Internet sind wichtige Bestandteile unserer Welt und per se weder gut noch schlecht. Es kommt wie immer auf die Dosis an! Ab wann und wieviel Handykonsum gut ist, wären meines Erachtens aber Fragen, denen wir uns dringend stellen müssen. Möglicherweise sollten Handys für Kinder bis zur 8. Schulstufe tabu sein. Kinderschutz!

Jugendliche brauchen das Handy in erster Linie für ihre realen sozialen Kontakte, sie müssen nicht unbegrenzt Internetzugang haben. Gegen den Sog von Spielen und Social Media sind unsere Kinder und Jugendlichen machtlos. Wir müssen sie schützen, hier ihren Konsum begrenzen!

Der Trugschluss, dass man als berufstätige Eltern via Handykontakt irgendetwas für die Sicherheit seiner Kinder tun könnte, führt dazu, dass schon Volksschulkinder mit Handys ausgestattet werden. Zu ihrer Sicherheit trägt das meist nicht viel bei. Statt Unterhaltung und gemeinschaftlichem Spiel wird dafür pausenlos am Handy gespielt oder gesurft. Ich kann das jeden Tag im Bus beobachten, wo ich beinahe die Einzige bin, die um sich blicken oder aus dem Fenster sehen kann!

Selbständig werden in der realen Welt

Wir Älteren haben auch täglich den Schulweg hin und retour gemeistert. Das gehört zum Selbständigwerden. Selbstkompetenz entwickeln ist allemal besser, als wegen jeder Kleinigkeit via Handy nach Hilfe zu rufen. Es geht um die psychische und physische Entwicklung der Kleinen, sie brauchen die geistige und körperliche Auseinandersetzung mit der realen Außenwelt! Es geht weiters um die Förderung eines kritischen Umgangs der Jugendlichen mit dem Internet. Sonst müssen Google & Co fürderhin vielleicht gar nicht mehr viel tun, um ihre Followerherde im Zaum zu halten und genau dorthin zu dirigieren, wo sie sie haben möchten.  Dabei macht es keinen Unterschied, ob es um Konsum oder um politische Entscheidungen geht. Die Frage für die Krise westlicher Demokratien ist lediglich, wann eine kritische Masse erreicht ist. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der unabhängige gute Journalismus gerät in diesem Zusammenhang immer mehr unter Druck. Eine Entwicklung, die katastrophale Auswirkungen haben kann. Wir sehen es gerade in der Coronakrise.

Manchen mag das zu extrem erscheinen, zu schwarzgemalt. Ich denke, die Auswirkungen von Fake News und Internetblasen der letzten Jahre sprechen für sich. Betrachten wir nur die rechte Community, die europaweit agiert oder wahlentscheidende Agitationen ausländischer Internetakteure. Wie einfach war es offensichtlich, tausende junge Männer und Frauen direkt aus dem Jugendzimmer nach Syrien zum IS zu locken?

Werden jetzt in der Coronakrise Familien mehr miteinander reden? Werden sie streiten, sich versöhnen, wenigstens gemeinsam vor dem Fernseher sitzen? Oder werden die meisten in ihren Zimmern in aller Ruhe nun täglich mehr Stunden mit Instagram, Snap Chat und Co. verbringen?

Ich warte darauf, dass sich endlich Ärzte und Psychologen zu Wort melden. Jedes Virus, jeder Nahrungsmittelzusatz sorgt für mehr Aufregung als die mögliche, schleichende Entfremdung, der viele Jugendliche und zunehmend auch Kinder anheimfallen.

Margit Neuböck
(AHS-Lehrerin für Deutsch und Musik)

 

E-Learning mit Bravour

Na, wer sagt’s denn: Wir kriegen das mit dem E-Learning schon hin. Seit gestern läuft der Betrieb über die Lernplattform – und ja, es funktioniert. Beziehungsweise: Es klappt nicht nur so irgendwie, nein, es funktioniert viel besser als gedacht. Gestern Nachmittag war für einige Stunden kein Hineinkommen, weil das System überlastet war. Ansonsten aber läuft’s wie geschmiert.

Unsere SchülerInnen sind super: Sie sind versiert im Umgang mit den elektronischen Medien, sie sind fix und sie sind motiviert. Ich merke es in der Kommunikation mit den SchülerInnen via E-Mail und „Nachrichtendienst“, ich sehe es auch an meiner eigenen Tochter: Ja, die jungen Menschen, die können das.

Und wir LehrerInnen? Auch wir schaffen es. Einige meiner KollegInnen sind ohnehin bereits richtige Füchse im Nutzen von Lernplattformen, aber auch Menschen wie ich, die bisher kaum mit „Moodle“ gearbeitet hatten, waren bereits gestern Vormittag in der Lage, das Tool zu verwenden. Tja, ich habe nichts anderes erwartet. Denn: Erstens macht es Spaß, etwas Neues auszuprobieren, und zweitens sind wir es gewöhnt, flexibel zu sein. Schule funktioniert ja nie so perfekt, effizient und exakt planbar, wie sich das manche „ExpertInnen“ vielleicht wünschen. Man sieht aber in Zeiten wie diesen, dass Anpassungsvermögen gepaart mit schneller Auffassungsgabe (hej, sonst wären wir nicht LehrerInnen geworden!) sowie der über Jahre trainierte Umgang mit ständig sich verändernden komplexen Situationen schon ihren Wert haben. Hinzu kommt: Die enge Beziehung, die wir zu unseren SchülerInnen haben, trägt auch jetzt. Ja, ich bin davon überzeugt, dass das neue Lernen auch deshalb so gut funktioniert, weil wir einander gut kennen, weil wir unsere SchülerInnen mögen und sie uns – zumindest im Grunde 😉 – auch.

Nur aufgrund der tragfähigen Beziehung funktioniert das Lernen via Lernplattform aber auch nicht: Wer im schulischen Rahmen wahrlich Großes leistet in diesen Tagen, das sind unsere KollegInnen von der IT. Binnen kürzester Zeit haben sie für uns alle eine übersichtliche Struktur geschaffen, Zugänge aktiviert, Tutorials erstellt. Sie beantworten all unsere Fragen (die klugen, die weniger klugen und sogar die saublöden) in Windeseile und ermöglichen uns – die wir zu Hause sitzen -, dass wir arbeiten, lernen, experimentieren, uns austauschen und kommunizieren können.

Apropos großartig: Eine Mutter hat sich via E-Mail heute bei unserem Direktor, den IT-KollegInnen und bei uns allen für unsere Arbeit bedankt. Ich zitiere:

„Das soll Ihnen und Ihren KollegInnen einmal jemand nachmachen: binnen weniger Tage und Stunden heißt es ein online-Lernprogramm für den häuslichen Unterricht auf die Beine zu stellen und sicherzustellen, dass auch ohne regulären Unterricht Lernstoff vermittelt werden kann: das gelingt mit Bravour!

Herzlichen Dank für diese rasche und unglaublich professionelle Umsetzung!!

Ein ganz großes Danke an alle Lehrerinnen und Lehrer, die in dieser Ausnahmesituation bestens vorbereitet, geduldig und hilfsbereit die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern gestalten und ohne großes Aufheben diese schwierige Situation wunderbar meistern.

Dafür haben Sie sich eigentlich einen Preis verdient, denn das ist einfach nur prima!“

🙂

(nemo)

E-Learning, Freewriting & Co. Erste Notizen aus dem virtuellen Klassenzimmer

Und plötzlich ist alles anders. Erschien mir das Handy noch vor wenigen Wochen als Wochenendzerstörer, ist es jetzt fast so etwas wie ein Normalitätsbewahrer. Ja, auch die eigene Skepsis der digitalen Welt gegenüber muss grundsätzlich überdacht werden. So schnell können sich die Vorzeichen ändern.

Ab Montag werden wir also versuchen, unsere SchülerInnen via Lernplattform zu unterrichten. Wir am WRG sind angehalten, täglich Aufgaben auf „Moodle“ zu stellen und den Schülern zu kommunizieren, bis wann sie diese erledigen und die Ergebnisse ihrerseits hochladen müssen. Sodann werden wir – wiederum auf digitalem Weg – korrigieren und kommentieren.

Bislang haben nur wenige Lehrende in den Schulen das so gemacht – für ebenso lehrerkritische wie digitalisierungsgläubige JournalistInnen natürlich ein veritables No-Go. Gerade gestern war im „Standard“ wieder zu lesen, wie „erschreckend“ es sei, dass gerade einmal 30 Prozent der Schulen für E-Learning gerüstet sind. Ja, unfassbar und wirklich erschreckend. – Hä, warum eigentlich?

Ganz ehrlich, es gibt kaum etwas, was mich derzeit weniger erschreckt. Mag sein, dass wir noch nicht für E-Learning gerüstet waren – aber ja, jetzt werden wir uns rüsten. Und wir kriegen das hin, wir lernen schnell. Wir Lehrerinnen und Lehrer, wir können das nämlich, auch wenn sich das so manche/r Journalist/in nicht vorstellen kann oder mag.

Außerdem – und das erscheint mir wirklich das Gebot der Stunde zu sein – gilt es, in erster Linie einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Alarmismus zu verfallen. Wie die nächsten Wochen genau ablaufen werden, weiß ohnehin noch keiner. Wir werden uns bemühen, unsere Arbeit und unsere Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen. Ob und wie es gelingen wird, wird man sehen.

Ich werde jedenfalls meine SchülerInnen in meinen virtuellen Deutschstunden auch dazu auffordern, zunächst einmal zehn Minuten lang Freewriting zu betreiben. Das habe ich mit den Klassen besprochen, das haben wir gestern noch einmal geübt. Aus den Freewritings soll eine Art Tagebuch des Ausnahmezustands entstehen. Ob und was wir später daraus machen werden, weiß ich noch nicht. Fürs Erste gilt es, täglich innezuhalten und über unseren nunmehrigen Alltag nachzudenken. Das tut gut und fördert Texte zutage. Texte, die – wenn sie jetzt nicht geschrieben werden – später jedenfalls nicht mehr so geschrieben werden können.

Ja, und ich habe meinen SchülerInnen geraten, diese Freewritings mit der Hand anzufertigen. Ganz analog. Das Handy sollen sie für die Zeit des Schreibens ausschalten und weglegen. Die Aufforderung werde ich auf digitalem Wege vielleicht noch ein paarmal wiederholen müssen. Aber nur weil jetzt alles anders ist, sind die Gefahren von ständigem Handygebrauch ja nicht weg: dieses komische Gefühl zum Beispiel, permanent online sein zu müssen, die Angst davor, etwas zu verpassen, dabei nichts mehr wirklich zuwege zu bringen und sich stattdessen in Unkonzentriertheit zu verlieren. Ja, ich sehe geradezu meine Verantwortung als Pädagogin darin, dazu beizutragen, dass dieses Gefühl nicht zum Dauerzustand wird.

In diesem Sinne: Ich bin froh, dass wir die digitale Welt nutzen können, um weiter unterrichten und mit unseren Schülern in Kontakt bleiben zu können. Dennoch werde ich auch weiterhin den Segnungen des Analogen, der Handschrift, dem Haptischen das Wort reden. Ich werde digitalisierte Lernangebote und Tools nützen und gleichzeitig die SchülerInnen eben auch zum analogen Arbeiten, zu Freewritings, zum Bücherlesen, zum Nachdenken auffordern. Und ich hoffe, dass auch die Coronakrise nicht zur vollständigen Digitalisierung des Klassenzimmers führen wird. In ein paar Wochen, vielleicht erst in ein paar Monaten können wir unsere SchülerInnen hoffentlich alle wieder ganz normal und real in der Schule treffen. Und vielleicht sogar auch wieder einmal eine Schulstunde ganz ohne technische Hilfsmittel mit ihnen zubringen.

(nemo)

Das Handy als Wochenendzerstörer

Das Handy sei ein Unterrichtszerstörer, meinte der Kabarettist und Lehrer Andreas Ferner kürzlich in einem Zeitungsinterview. Als betroffene Lehrerin und Mutter gehe ich einen Schritt weiter und sage: Das Handy zerstört nicht nur den Unterricht, nein, es zerstört auch das Familienleben. Und zwar massiv! Das Irre dabei: Ich rede hier nicht von der privaten und individuellen Handysucht des Nachwuchses, die in den Griff zu kriegen schon Herausforderung genug ist. Nein, es ist die Schule in ihrem Digitalisierungswahn, die bis in das Wochenendprogramm der Familien hineinfunkt.

Aus irgendeinem Grund musste mein Kind für den Englischunterricht ein Kochvideo drehen. Als Hausaufgabe. Was lustig und harmlos klingen mag, stellte in Wirklichkeit eine echte Belastung für das Familienleben dar. Tagelang waren wir (!) mit dieser Hausübung beschäftigt. Denn es reichte natürlich nicht, einfach ein Video zu drehen, nein, es musste auch noch bearbeitet und geschnitten werden. So wie man das halt macht in Zeiten von Instagram und Youtube. Die Schüler haben zwar noch nicht eine einzige Informatik-Stunde in ihrem bisherigen Unterricht genossen, geschweige denn, dass sie irgendwann einmal auch nur in Ansätzen gelernt hätten, wie man Videos schneidet – aber, als ob es geradezu eine Selbstverständlichkeit wäre, wird erwartet, dass sie es können und tun.

Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es wirklich so ist, wird dabei vorausgesetzt, dass alle Kinder ein funktionierendes Smartphone auf dem neuesten technischen Stand haben. Bei uns ist das aber derzeit nicht so. Also schlug ich vor, das Video am Computer zu schneiden. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass auch das Betriebssystem des Laptops (auf dem ich gerade diesen Beitrag schreibe) schon zu alt für die kostenlos im App-Store verfügbaren Videoschnittprogramme ist. Mit solchen Eventualitäten kann der moderne Englischlehrer aber natürlich nicht rechnen. Damit sich das Töchterlein nicht mit einem ungeschnittenen Video vor der Klasse blamiert, musste schließlich mein Handy upgedatet werden, damit schlussendlich doch noch eine Möglichkeit gefunden wurde, die entsprechende App herunterzuladen und das Video einigermaßen professionell zu bearbeiten. Ist ja alles kein Problem.

Zu den technischen Widrigkeiten kommt: Dass das jugendliche Kind fast das ganze Wochenende mit dem Handy hantierte und vor dem Bildschirm saß, kümmert offenbar niemanden. Während der Woche gibt es aufgrund der langen Schultage keine Möglichkeit, längere Zeit aktiv an der frischen Luft zu verbringen. Aber wen stört’s, wenn dann der halbe Samstag und der gesamte Sonntag ebenfalls mit dem Smartphone in der Hand zugebracht werden? Wahrscheinlich gehen Lehrer davon aus, dass eh alle Schüler mittlerweile ihre gesamte Freizeit mit dem Handy verbringen. Da ist es dann schon egal, wenn ein Teil der Handyzeit für die Hausübung aufgewendet werden muss. Bin ich echt die einzige Retro-Mutter, die das anders sieht?

Ah ja, und das Ergebnis? Zugegeben, es ist ein ansprechendes und auch recht witziges Video geworden. Und ja, es beeindruckt mich schon auch, wie gewandt so ein jugendlicher Mensch quasi intuitiv mit einem Videoschnittprogramm umgeht. Aber, nur um das noch einmal klarzustellen: Mein Kind besucht weder einen speziellen Informatik- noch einen Multimedia-Zweig an irgendeiner Fachschule. Nein, wir sprechen von einer Hausaufgabe an einem ganz normalen Gymnasium. Und es ging auch nicht um die Herstellung eines Videos per se, nein, es handelte sich um eine schnöde Hausaufgabe im Englischunterricht. Wie sinnvoll so eine Aufgabe ist bzw. ob der Inhalt des Videos auch nur annähernd den technischen Aufwand und die vielen Stunden vor dem Bildschirm rechtfertigt, scheint eine Frage zu sein, die sich niemand mehr stellt. Digitalisiert muss werden, und zwar am besten alles.

(nemo)

 

Schreiben. Ja, auch mit der Hand!

Meine siebenjährige Nichte quält sich gerade mit dem Erlernen der Schreibschrift. Die Tätigkeit erscheint ihr anstrengend und langweilig, die Schreibhausübung vermiest ihr den Tag. Noch besteht Hoffnung, dass sie irgendwann die Hürde nimmt und dann mühelos und vielleicht sogar gerne schreiben wird. Aber auch im Gymnasium trifft man auf Kinder, die Schreiben grässlich finden und die Schreibschrift mangels ausreichender Beherrschung ablehnen. Lieber „fetzen“ sie Buchstaben in Druckschrift irgendwie und ebenso schnell wie unleserlich aufs Papier, als sich mit der verbundenen Schrift anzufreunden. Sobald wie möglich gehen sie dazu über, ihre Texte zu tippen. Freiwilliges Schreiben mit der Hand erscheint ihnen undenkbar.

Ja, braucht man denn die Schreibschrift überhaupt noch?, fragen sich manche. Schon vor einigen Jahren hat Finnland für Schlagzeilen gesorgt, weil man dort fortan darauf verzichten wollte, den Kindern in der Schule Schreiben mit der Hand beizubringen. Tippkompetenz reiche, so die Aussage.

Ich habe diese Diskussion nicht weiterverfolgt und weiß nicht, was aus den finnischen Plänen geworden ist. Vielleicht haben die Finnen sogar recht: Es reicht wahrscheinlich für vieles im Leben, wenn man in der Schule lernt, Texte zu tippen und digital zu bearbeiten. Bei Vorlesungen an der Uni schreibt fast keiner mehr mit, stattdessen arbeitet man mit Skripten und Powerpointfolien. Auch für die meisten Berufe wird’s reichen, wenn man zu tippen vermag, und privat hantieren die allermeisten Menschen sowieso am liebsten mit Bildern und Textbausteinen auf ihren digitalen Geräten. Wozu also wirklich mühsam eine Handschrift erlernen, wenn sie dann doch keiner braucht?

Hm. Was genau man alles im Leben braucht, weiß ja keiner so recht. Schon gar nicht im Vorhinein. Manchmal braucht man plötzlich mehr oder anderes, als man gemeinhin dachte. Und überhaupt ist das mit dem Brauchen so eine relative Sache. Darüber habe ich schon einmal im Zusammenhang mit dem schulischen Literaturunterricht geschrieben. Was das Schreiben mit der Hand betrifft, mache ich zum Beispiel täglich die Erfahrung, dass ich meine Handschrift brauche – notwendig und dringend. Zwar schreibe ich schon auch viel mit dem Computer oder dem Smartphone. Aber noch mehr schreibe ich mit der Hand: Tagebuch schreibe ich mit der Hand. Wenn ich mir über irgendetwas klar werden will, schreibe ich mit der Hand. Ich ordne meine Gedanken, Vorhaben und Aufgaben, indem ich sie mit der Hand niederschreibe. Ich schreibe Karten und manchmal sogar Briefe mit der Hand. Ich verwende Notizbücher, Kalender, Blöcke, Zettel – und all diese leeren Seiten, Blätter und Papiere fülle ich mit meiner Handschrift.

Schreiben und insbesondere das Schreiben mit der Hand gehört zu meinem Leben wie Lesen, Gehen oder Radfahren. Ja, Schreiben gehört zu mir und unser Verhältnis ist noch inniger, wenn ich die Buchstaben, Wörter und Sätze mit dem Stift in meiner Hand zu Papier bringe. Die Verbindung zu meinem Kopf und zu meiner Seele erscheint mir im handschriftlichen Schreibprozess viel unmittelbarer, als wenn mir eine Maschine beim „Aufzeichnen“ hilft. Es ist das (im Vergleich zum Tippen) langsame Werden der Buchstaben, das Sichzusammenfügen der Buchstaben zu Wörtern, der Rhythmus, der sich mit der Handbewegung einstellt, das kontinuierliche Befüllen der Seite und das (zumindest meistens) recht regelmäßige, aber eben doch individuelle Schriftbild, das schließlich entsteht. All das macht die Besonderheit eines handschriftlichen Textes aus.

Im Schreibhandeln verflüssigen sich die Gedanken. Manchmal ist es zunächst ein holpriges Stolpern, nach und nach aber kommt etwas in Gang und schließlich „fließt es aus der Feder“. Gleichzeitig ordnen sich die Gedanken im Schreiben wie von selbst. Immer wieder bin ich darüber erstaunt, dass sich scheinbar ohne bewusstes Zutun kohärente Texte formen. Ja, eigentlich fügen sich die Wörter und Sätze oft sogar harmonischer aneinander, wenn der Kopf nicht allzu sehr mit Konstruieren und Überlegen beschäftigt ist.

Mein Kind hat kürzlich bei einer Deutschschularbeit eine Geschichte verfasst, die mir irgendwie nur als Ergebnis handschriftlicher Fertigung denkbar scheint. Ausgangspunkt für die Geschichte war ein Impulsbild (Drei lachende Männer auf einem Motorrad) oder eine Überschrift (Glasperlentage). Das Kind hat beide Impulse miteinander verbunden und zunächst ausführlich über die Überschrift reflektiert. Über eine Seite lang machte sie sich Gedanken über das Wort „Glasperlentage“ und überlegte, was das für Tage sein könnten. Erst dann entspann sich die Geschichte: drei Männer, die sich an einem heißen Sommertag eher zufällig gemeinsam auf einem Motorrad wiederfinden, durch die Landschaft brausen und dabei von so etwas wie einem Glücks- und Freiheitsgefühl gestreift werden.

Nicht nur als Mutter, auch als Deutschlehrerin war ich beeindruckt von dem Text. Er ist so lang, dass das Kind in den fünfzig Minuten, die für die Schularbeit zur Verfügung standen, nicht einmal mehr zum Durchlesen gekommen ist. Aber der Text ist vollkommen kohärent und wie aus einem Guss, und er könnte kaum schöner sein. Ob man so einen Text zustande brächte, wenn man den Text konstruieren, immer wieder Wörter verbessern oder einzelne Absätze umstellen würde, wie man es zu tun pflegt, wenn man tippt? Ich weiß es nicht. Ich vermute, eher nicht. 

Noch einmal auf eine ganz andere, existentielle Weise ist mir selbst vor ein paar Monaten die Kostbarkeit und das Glück des handschriftlichen Schreibens erfahrbar geworden. Nach dem Tod meines geliebten Menschen war ich wie versteinert und konnte praktisch kein Wort mehr zu Papier bringen. Eine Schreibgruppe für Trauernde, die ich in meiner Not aufsuchte, brachte in dieser Situation Abhilfe. Wir sollten in diesem Rahmen darüber schreiben, welche Gefühle bei uns derzeit da seien. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe angefangen, ganz langsam ein paar Wörter aufs Papier zu malen. Ohne dass ich es steuern konnte, kamen mir die Tränen und auf einmal begann meine Hand wie von selbst zu schreiben. Ich schrieb und schrieb und hörte erst auf, als die Schreibbegleiterin uns dazu aufforderte. Was genau ich dort in dieser Schreibgruppe geschrieben hatte, erschien mir lange als unwesentlich. Ich war so froh, endlich aus meiner innerlichen Versteinerung befreit worden und schreibend für einen Moment zur Ruhe gekommen zu sein. Den entstandenen Text wollte ich gar nicht lesen. Ja, ich dachte, es wäre ein einziges Durcheinander, ein unverständliches Etwas, das ich da zu Papier gebracht hatte.

Wochen später nahm ich erstmals wieder mein Schreibheft zur Hand. Nun wollte ich wissen, was ich da eigentlich geschrieben hatte. Das Ergebnis ließ mich staunen und machte mich ebenso sprachlos wie dankbar: Da stand alles genauso, wie ich es erlebt hatte. Da fand sich ein Text, der von der ersten Zeile an vollkommen kohärent war und meine damalige Situation so stimmig auf den Punkt brachte, wie ich es nie auf andere Weise vermocht hätte. Ob mir das auch am Computer gelungen wäre? Nein, da bin ich mir sicher, mit dem Computer wäre das so nicht möglich gewesen.

Auch ich bin froh, dass es Tastaturen und Textverarbeitungsprogramme gibt, dass man Entwürfe speichern und später bearbeiten und umschreiben kann. Aber ein Leben ohne ausgeprägte Handschrift? Ein Leben, in dem ich nicht mehr in der Lage wäre, mit meiner eigenen Hand einen Text zu verfassen, in dem mir stets eine Maschine beim Buchstaben-, Wörter- und Sätzeformen behilflich sein müsste? Das erschiene mir, als würde mir jemand einreden wollen, man bräuchte in Zeiten des Automobils eigentlich auch das Gehen nicht mehr ordentlich erlernen. Und das klingt doch heute schon wieder ziemlich überkommen, oder etwa nicht?

(nemo)

 

 

Lehrer-Bewertungs-App

Angesichts der allgemeinen Bewertungsmanie konnte es wohl nicht ausbleiben, dass man nun auch für LehrerInnen Sternchen vergeben kann. Ich wollte mich eigentlich auch gar nicht einmischen in die Diskussion um diese Lehrer-Bewertungs-App. Aber dann habe ich einen Satz gelesen, der mir in diesem Zusammenhang zumindest be- und nachdenkenswert scheint. Er stammt aus einem ganz anderen Kontext, hat nichts mit der gegenwärtigen Diskussion zu tun. Aber ich finde, man sollte als Lehrerin oder als Lehrer immer wieder einmal daran denken, wenn man sein pädagogisches Tun und Handeln reflektiert. Der Satz lautet: „Nichts macht manipulierbarer und feiger als der Wunsch, von möglichst vielen Menschen gemocht und gelobt zu werden!“¹

Was es für einen selbst bedeutet, wenn man permanent damit rechnen muss, in seinem Handeln und Tun öffentlich bewertet zu werden, möge jeder für sich einschätzen.

(nemo)

¹Melanie Wolfers: Freunde fürs Leben. Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, adeo 2016, S. 111.