„Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand.“

Endlich bin ich wieder online! Eine kaputte Festplatte hat mich tagelang von der virtuellen Welt isoliert. Es fühlt sich, musste ich feststellen, doch schon recht komisch für mich an, wenn ich von zu Hause aus nicht ins Internet kann. Einige Kolleginnen haben ja gemeint, sie würden noch weitgehend netzfrei arbeiten und leben können (wobei: die haben alle Smartphones und ich nicht!), ich jedoch habe gemerkt, dass ich mich ohne Netzzugang schon eher amputiert fühle. Beispiel Französisch-Schularbeit: Wie soll ich die zusammenstellen, ohne dass ich im Internet nach passenden Materialien suche? Zwar bin ich ein Fan des Aufgaben-selbst-Zusammenstellens, kenne auch keine Scheu vor den neuen Formaten und bastle fröhlich vor mich hin – aber zumindest für Hörbeispiele oder geeignete Lesetexte brauche ich schon das Netz.

Sicher, eine ordentliche Lehrerin hat Ordner voll mit Arbeitsblättern und Unterlagen und sammelt praktisch täglich, was sie für den Unterricht brauchen könnte. Aber erstens bin ich nicht ordentlich (was dazu führt, dass ich häufig länger fürs Suchen als für sonstwas brauche) und zweitens habe ich mir das einfach schon so angewöhnt, dass ich zwar auch andauernd sammle – Zeitungsartikel zum Beispiel – diese dann aber eh verlege und bei Bedarf lieber im Netz suche und ausdrucke.

Welcher Weg schneller ist? Ich weiß es nicht. Denn, ok, ich bin unordentlich und dankbar, dass es virtuelle Suchdienste gibt. Gleichzeitig aber musste ich während meiner internetlosen Tage feststellen, dass ich plötzlich viel mehr (Frei-)Zeit hatte. Rumsurfen ist ein Zeitfresser par excellence, das kann ich nun aus eigener Erfahrung bestätigen.

Mir fiel dieser Tage auch wieder einmal ein, wie es früher so war. Vor zwanzig Jahren habe ich ein Studienjahr in Bordeaux verbracht. Damals hatte so gut wie niemand von meinen FreundInnen einen E-Mail-Account. Internet war für die meisten noch ein Fremdwort. Wenn wir mit den Daheimgebliebenen kommunizieren wollten, schrieben wir Briefe (unzählige!) oder wir telefonierten. Letzteres aber war ganz schön teuer und außerdem konnte man von der WG aus, in der ich wohnte, nicht ins Ausland telefonieren. Um telefonieren zu können, musste ich mich bei den Telefonkabinen anstellen. Gerade abends, zum Spartarif, bildeten sich da oft lange Schlangen.

Aber apropos old style: Meine DrittklässlerInnen haben heute noch einmal ihre Balladen vor zwei anderen Schulklassen aufgeführt. In Gruppen zu fünft oder sechst hatten sie in den vergangenen Unterrichtsstunden eine Ballade auswendig gelernt und inszeniert. „Die Brück‘ am Tay“, „Die Bürgschaft“, „Der Handschuh“, „John Maynard“ und den „Zauberlehrling“ hatten sie sich dafür ausgesucht.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Sie haben sich den Text und die Rollen aufgeteilt, sie haben sich in der Gruppe arrangiert, sie haben sich für die Dramatisierung etwas einfallen lassen. Ausnahmslos alle konnten bereits letzten Freitag den Text, alle haben sich beteiligt und eingebracht, alle waren auf der Bühne. Ich war echt beeindruckt. Manche sind richtig talentiert, andere wachsen über sich hinaus, einigen fällt das Auftreten schwer. Sie haben es trotzdem geschafft, sich zu überwinden.

Ein wirklich schönes Erlebnis für uns alle. Ja, und ich glaube, die Balladen sind ihnen schlussendlich gar nicht mehr so jenseitig vorgekommen, wie es ihnen anfangs aufgrund der für sie so fremd klingenden Sprache erschien. „Das Spielen der Balladen war echt voll cool“, habe ich in ihren Reflexionen lesen dürfen – geschrieben von einem, der so ein Urteil über den Deutschunterricht nicht leichtfertig fällt. Schöne Osterferien! (nemo)

Ansprache zum 1. Geburtstag

Tja. Ein Jahr ist vergangen und wir bloggen immer noch. 89 Artikel, 14.680 Zugriffe, 8117 BesucherInnen und an unserem tollsten Tag glatte 2954 Views! Ein bisschen stolz sind wir schon auf uns und unseren Textausstoß. Eigentlich aber war das gar nicht so schwer. Im Blog lässt sich nämlich vieles schneller sagen als in einem (vor-)wissenschaftlichen Aufsatz. Erstens formuliert es sich leichter und lockerer, nicht jede Behauptung muss zu einem vollständigen Argument ausformuliert werden, und drittens, ein Klick – und der Text ist publiziert. Wir bemühen uns zwar schon um journalistische Sorgfalt, aber nicht unbedingt um Perfektion. Wir geben unsere Meinung und unsere Erfahrungen wieder, Allgemeingültigkeit aber streben wir nicht an.

Unser Blog-Kosmos ist die Schule mit allem, was dazugehört. Ab und zu machen wir kleine Expeditionen in angrenzende Galaxien, meist aber bleiben wir auf unserer WRG- Raumstation.

Hingehört & draufgeschaut – und nachgedacht. Über den Titel haben wir uns lange den Kopf zerbrochen. Unzählige andere haben wir verworfen und ob wir mit dem gewählten zufrieden sein sollten, wussten wir auch nicht so recht. Aber ohne Titel kein Blog. Und jetzt, ein Jahr danach, finden wir, dass der Titel eigentlich ziemlich gut passt. Wir versuchen tatsächlich hinzuhören und draufzuschauen – auf das, was uns SchülerInnen, Eltern und KollegInnen erzählen, auf das, was uns in den Medien über „uns“ berichtet wird, auf das, was unser Dienstgeber von uns erwartet und fordert – und finden bei all dem, dass Nachdenken zumeist nicht schaden würde, ja, mitunter sogar dringend notwendig wäre… In diesen Fällen sind wir zur Stelle. Denken nach und schreiben drüber. So einfach ist das.

Welche Themen sind es denn nun, die uns im ersten Jahr so umgetrieben haben?
Von der neuen Reifeprüfung in der 8. Klasse bis zu den SchulanfängerInnen in der 1. Klasse, vom punktuellen Ereignis in der Schule bis zu grundsätzlichen bildungspolitischen Fragen, von pädagogischen Inhalten in Deutsch (und ein bisschen auch in Französisch) bis zu Problemen des Unterrichts mit digitalen Medien, vom Schüleraustausch bis zur LehrerInnenfortbildung, von der Reflexion über Lesen und Schreiben bis zum sozialen Lernen, von der Kompetenzorientierung bis zu dem, was Bildung auch sein könnte – über all das haben wir bereits nachgedacht. Das meiste davon wird uns wohl auch im zweiten Jahr beschäftigen. Aber wer weiß das schon so genau. Denn wir wollen ja auch nicht ständig über das Gleiche schreiben. So manches wird man noch einmal sagen müssen (und noch einmal und noch einmal …), ein paar neue Themen werden sich hoffentlich ergeben und an dem einen oder anderen werden wir auch in Zukunft nicht vorbeikönnen, ohne unseren Senf dazugeben zu MÜSSEN.

Apropos Kosmos: So richtig begeistert hat uns die Tatsache, dass wir quasi weltweit gelesen, ok, möglicherweise nur angeklickt werden. Kambodscha, Usbekistan, Réunion, Myanmar, Georgien, Nepal, Chile, Katar – ja sogar unter maledivischen Palmen werden wir gefunden. (WordPress versorgt uns da mit motivierenden Karten und Statistiken – siehe unten.)
Wir fragen uns: Dient unser Blog im Urlaub zur Fortbildung? Zur bloßen Belustigung? Oder handelt es sich gar um schnöde Fehlklicks? Wenn uns DAS jemand erklären könnte …

Und damit wären wir auch schon bei unserem abschließenden „Wunsch ans Universum“: Ein paar Kommentare und Gastkommentare mehr könnten wir schon vertragen. Ja, wir würden uns regelrecht darüber freuen. Schließlich haben wir unseren Blog auch mit dem Gedanken gestartet, uns mit KollegInnen stärker zu vernetzen und auszutauschen. Uns ist klar, dass insgesamt in den Blog-Universen nicht allzu viel kommentiert wird. Den Wunsch danach geben wir dennoch nicht auf. In diesem Sinne: Fühlt euch eingeladen! (juhudo & nemo)

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Schule und digitale Bildung

Ein Thema im Spannungsfeld zwischen Handyverbot, digitalen Schulbüchern, Anschuldigungen, dass LehrerInnen sich angeblich den neuen Medien verweigern und dem Ministerium, das das ganze System efit21 machen möchte. Ich werde es hier vermutlich nicht ansatzweise erschöpfend behandeln können, aber einmal einige Aspekte  zusammentragen. Berufen dazu fühle ich mich, weil ich seit vielen Jahren alles Mögliche dazu ausprobiert und gelernt habe und auch einiges in meinen Klassen angewandt habe.

So etwa 2007 habe ich Lernplattformen und das, was man unter Web 2.0 verstanden hat, für mich und mein eigenes Lernen entdeckt. Ich bin enthusiastisch in diese neue Lernwelt eingetaucht und habe großes Potential für die Schule gesehen. Ich habe viele Fortbildungen besucht und das berufbegleitende Masterstudium eEducation an der Donau Uni Krems absolviert. Im Kreis von etwa zwanzig weiteren Studierenden habe ich zwei Jahre lang – immer zwischen Schule und Uni – Konzepte für meine Klassen entwickelt und ausprobiert, Projekte erarbeitet und eine Masterarbeit geschrieben, die sich mit Personal Learning Environments von Jugendlichen beschäftigt.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ich auch Klassenvorständin einer 5. Klasse, die teilzentrale neue Reifeprüfung sollte erstmals vorbereitet werden und ich war voll guter Hoffnung mit meiner Klasse gemeinsam mein vorbereitetes Konzept auszuprobieren und hoffentlich gemeinsam weiterzuentwickeln. Dazu gehörte, das Lernen mit Hilfe von

  • digitalen Mindmaps zu organisieren,
  • in ePortfolios zu reflektieren,
  • und  den Lernstoff mit Wikis zu verwalten und zu teilen.

Daneben sollten noch einige kleinere Tools zum Vokabeln lernen oder zum Pod- und Videocasts Erstellen zum Einsatz kommen.

Meine SchülerInnen waren nicht so begeistert. Einige hätten schon ganz  gerne mitgemacht, aber die meisten erklärten nach dem ersten Semester, dass sie lieber analog weiterarbeiten würden, da es doch einige Arbeit erforderte, sich die oben genannten Programme anzueignen („Ja, im Internet recherchieren schon, aber…“) und sie nicht soviel Zeit am Computer verbringen wollten („Können wir nicht wieder in einer Mappe schreiben?“). OK. Personal Learning Environment bedeutet, die „dass der Lernende diese Umgebung unter seiner Kontrolle hat und seine Lern- und Arbeitsumgebung individuell gestaltet, um Wissen zu entwickeln und mit anderen zu teilen“. Druck ausüben ist dabei nicht vorgesehen. Also, offene Türen rennt man auch bein den SchülerInnen nicht ein, wenn der Spaß aufhört und Arbeit anfängt, auch nicht mit dem PC.

Was ganz gut funktioniert, sind kleinere Lerneinheiten zu abgegrenzten Themen, wenn die Kids Lernpfaden folgen können und kleinere Lernprodukte erstellen können. Diese vorzubereiten dauert nur einfach zu lange, wenn man so wie ich im Fach Deutsch immer wieder mehrere Jahre warten muss, bis ich mich wieder in einer Klassenstufe finde, in der ich so eine Lektion vorbereitet habe – und wahrscheinlich passt sie dann nicht zu der neuen Klasse. Informatik dagegen findet nur in den fünften Klassen statt, da lässt sich viel wieder verwenden und auch mit den KollegInnen teilen.Die UnterrrichtspraktikantInnen freuen sich immer darüber.

Viele Kolleginnen und Kollegen benutzen unsere 2(!) Computerräume (für 32 Klassen) für die eine oder andere Unterrichtsstunde. E-Learning im engeren Sinn wird wenig betrieben, weil mit vielen Problemen und Unabwägbarkeiten zu kämpfen ist:

  • Kein Computerraum ist frei.
  • Das Schulnetzwerk wird gelegentlich durch einen alten Router „ausgebremst“. Wenn LehrerInnen eher selten die PCs benutzen und es klappt dann irgendetwas nicht, fördert das das Vertrauen in die neuen Medien nicht.
  • Lose Netzwerkkabel, ausgesteckte Bildschirmkabel, vertauschte Tasten auf der Tastatur kommen zwar selten vor, weil unsere SchülerInnen sehr zuverlässig sind, aber sie kommen vor und bremsen manchmal eine ganze Gruppe aus.
  • Wenn alle SchülerInnen alleine arbeiten sollen, muss man sie in zwei Räumen arbeiten lassen. Sie zu unterstützen kann ganz schön anstrengend werden.
  • SchülerInnen wissen ihre Passwörter nicht.
  • Manche Internetseiten sind aus Sicherheitsgründen.nicht erreichbar – das kann man aber bei der Vorbereitung von zuhause aus nicht erkennen.

Außerdem ist E-Learning (oder besser: Lernen mit digitalen Medien) an sich und ohne didaktisches Konzept nicht effektiver als analoges Lernen. Es erweitert die Lernmethoden – nicht mehr und nicht weniger. Ich wollte, es wäre anders. Aber was wir eigentlich benötigen ist die soziale Gruppe, die Klasse, die Beziehungen zu anderen Lernenden und Lehrenden. Deshalb kann ich mich eines tiefen Seufzers nicht erwehren, wenn ich zum Beispiel von eBooks statt analoger Schulbücher lese. Die Kosten, die wirklich tolle digitale Medien verursachen, sind wahrscheinlich so hoch, dass wir stattdessen PDFs erhalten werden. Keine Vernetzung mit anderen Schulen, keine länderübergreifenden Projekte, keine interaktiven Visualisierungen, Filme beim Antippen eines Bildes. Vielleicht einen Link auf eine gute Website. Das, was an tollen Möglichkeiten erreicht werden könnte, die wirklich mehr bieten als der Druck, kostet den Verlagen einfach zuviel. kindle-300x171

Nichts gegen eBooks, sie haben viele Vorteile und ob man sie mag oder nicht liegt am persönlichen Geschmack, aber das Lernen revolutionieren sie nicht. Und mit welchen digitalen Geräten die SchülerInnen ausgestattet werden, werden wir sehen.

(juhudo)

 

 

 

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Personal_Learning_Environment