Rappen im Französisch-Unterricht

Eine wirklich überzeugende Fortbildungsveranstaltung habe ich heute besucht: Mathias Schillmöller von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg hat uns, einer Gruppe von FranzösischlehrerInnen, gezeigt, wie man Rap, Beat und Rhythmus im Französisch-Unterricht einsetzen kann. Seien es französisch klingende Laute, neue Vokabeln, 562337_coverVerbkonjugationen, Phrasen oder kleine Gedichte – alles bleibt besser im Gedächtnis, wenn man es rappt. Ganz abgesehen davon, dass das rhythmische Sprechen Spaß macht und – wenn man es in Gruppen arrangiert – auch echt gut klingt.

Ich bin jedenfalls hochmotiviert und werde gleich morgen ausprobieren, wie ich das heute Gelernte meinen SchülerInnen vermitteln kann. Tchac, ouf, boum-boum, zing …

Außerdem bietet sich diese Form des Umgangs mit Sprache natürlich für den fächerübergreifenden Projektunterricht an: Ich träume bereits von einem künftigen Kulturprojekt, in dem Sprachen-, Musik-, Sport- und BE- bzw. TEC/TEX-LehrerInnen zusammenarbeiten, um zu irgendeinem Thema, das SchülerInnen wie LehrerInnen inspiriert (ganz spontan würden mir da Themen wie Zukunft oder Zusammenleben in den Sinn kommen), eine gemeinsame Performance auf die Beine zu stellen. Un de ces rêves à réaliser …

(nemo)

Studientag Neue Autorität und Achtsamkeit (Fortbildung)

Wie komme ich als Deutsch- und Informatiklehrerin zu diesem Thema? Noch dazu, wenn im Titel zwei Begriffe vorkommen, die sich für mich recht eigenartig anhören. „Neue Autorität“, wenn die alte schon damals noch als Schülerin für mich recht fragwürdig war? Gegen „Achtsamkeit“ ist ja an sich nichts einzuwenden, aber meine Vorgehensweise ist ja eher mit Schwung an eine Sache herangehen und damit andere mitzuziehen.

Da ist es gut, dass ich eine mittlerweile erwachsene Tochter habe, die mich auf die Bedeutung von Themen aufmerksam macht, die mich bisher noch nicht so interessiert haben. Diesmal also „Neue Autorität“. Und das Programm der Privaten PH der Diözese Linz sah recht vielversprechend aus. Wer nachschauen will, hier kann das Programm eingesehen werden. Und das Bildungshaus Schloss Puchberg in Wels ist ein schönes Ambiente für eine Veranstaltung mit 250 PädagogInnen.

Die Keynotes hielt die Familientherapeutin und Psychologin Helle Jensen, die ihren Vortrag sehr sympathisch damit begann, dass sie ihre frühe Bekanntheit in Dänemark einer Zusammenarbeit mit Jesper Juul zu verdanken hatte. Und sie kam schnell zu ihrem Thema:
Entwicklung und Lernen geht nur über Beziehung und diese kann man als Lehrperson nur durch Achtsamkeit, Empathie und persönliche Autorität herstellen. Aber sie hat sehr viel mehr Wichtiges gesagt und das Bildungs-TV war dabei und hat alles aufgezeichnet. Es ist gut investierte Zeit, sich das kurze Interview und die längeren Keynotes selber anzuschauen. Am besten hat mir gefallen, dass sie SchülerInnen und LehrerInnen im Blick hat und ihre Ideen für beide etwas tun können. Überhaupt hat mich schon immer gestört, dass man entweder zum Unterrichten begabt war oder eben nicht und dass in der LehrerInnenausbildung auf die Beziehungsarbeit in der Klasse überhaupt nicht eingegangen wurde. Jensen zeigt mit viel Erfahrung Möglichkeiten auf, wie man alle Kinder erreichen kann.
Absolute Empfehlung!

Ich bin mit einem kleinen Bücherstapel und Ideen für SchülerInnen, KollegInnen und Schule nach Salzburg zurückgefahren. Die Weiterbeschäftigung ist garantiert! Unter anderem auch über die Verbindung zur Resonanz nachzudenken.

juhudo

 

Fortbildungsmonat November

Ich weiß ja nicht, wieso, weshalb und warum, aber – zumindest für mich – scheint sich der November als DER Monat der Fortbildung zu etablieren. Das Programm ist ja immer schon ab Juli buchbar, da schaue ich immer gleich, was mich und meine SchülerInnen weiterbringen kann und melde mich einmal an. Man weiß ja nicht, welche Lehrveranstaltungen dann wirklich abgehalten werden, falls sich nicht genügend TeilnehmerInnen anmelden.

Das hat für heuer bedeutet:

Ich war also von 21 Schultagen fünf ganze Schultage plus einen Samstag und einen Abend mit Fortbildung beschäftigt (außerdem auch noch in den Herbstferien zwei Tage mit „Intuition in der Tiererziehung“). Damit ist aber fast alles für dieses Schuljahr abgehakt, mein Kopf ist voller neuer Inputs und ich habe kaum Zeit, alles zu verarbeiten und vielleicht das eine oder andere an meine KollegInnen zu bringen.

Man muss mir aber schon die Frage gestatten, warum sich so viele Termine um den November gruppieren – es geht ja nicht nur mir so. Da ich auch Personalvertreterin bin und über die Entscheidungen unseres Direktors, wer zu welcher Fortbildung gehen darf, informiert werde, erfahre ich, dass so manche Kollegin verzichten muss, da sonst zu viele LehrerInnen gleichzeitig aus dem Schulbetrieb weg wären und der Unterricht nicht mehr vollständig gehalten werden könnte.

Es wäre schön, wenn da ein bisschen besser verteilt würde, aber für eine Analyse des PH-Programms habe ich keine Zeit. Da berichte ich lieber über zwei meiner Fortbildungen, aber jeweils in einem eigenen Beitrag.

juhudo

Zweite Schulwoche, zweiter Tag. Ein Schnelldurchlauf

In der Früh gleich die Französisch-Anfänger. Meine neue Französisch-Gruppe ist klein, aber fein. Die große Mehrheit will Spanisch lernen, wir sind eine Minderheit. Heute haben wir das französische Alphabet gelernt. Und ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr ganz viel mit Musik zu arbeiten.

Danach zwei Stunden ohne Unterricht. Ich organisiere einen zweitägigen Wandertag für die achte Klasse. Telefonat mit der Alm, Termin vereinbart, Rahmenbedingungen in Erfahrung gebracht. Gleich damit zum Chef. Der Direktor muss den Ausflug genehmigen. Grundsätzlich keine Hexerei, möchte man meinen. Doch: Die Anzahl der Schulveranstaltungen pro Klasse ist streng geregelt. Sowohl die Kosten als auch die Zeit spielen dabei eine Rolle. Im vorliegenden Fall sind die Kosten nicht das Problem, die entfallende Unterrichtszeit schon. In meiner Brust schlagen drei Herzen gleichzeitig: Als Klassenvorständin weiß ich, wie wertvoll gemeinsame Unternehmungen für die Klassengemeinschaft und die Stimmung in der Klasse sind und wie förderlich das wiederum für ein gutes Lernklima und die Beziehung zu den und zwischen den Schülern ist. Als Französisch-Lehrerin weiß ich, wie lähmend es ist, wenn in den Sprachgruppen, die sich ja immer aus mehreren Klassen zusammensetzen, andauernd ein paar weg sind. Und als Lehrerin einer Maturaklasse stresst es mich, wenn schon wieder kostbarer Fachunterricht ausfällt: Hilfe, wie sollen die in ein paar Monaten maturieren?? Insgesamt ein leidiges und ziemlich komplexes Thema.

In der verbleibenden „freien“ Stunde bereite ich mit einer Kollegin alles für den VWA Kick-off-Tag vor. Der Termin in der nächsten Woche ist fixiert, die Bibliotheksführungen für den Nachmittag haben wir bereits vereinbart. Damit aber alles funktioniert, gilt es noch vieles zu bedenken und zu organisieren: Wir brauchen LehrerInnen aus allen Fächern, also müssen die KollegInnen informiert und Listen zum Eintragen aufgelegt werden. Außerdem brauchen wir Räume, wir müssen die SiebtklässlerInnen informieren, wir müssen die entsprechenden Formulare aktualisieren und ausdrucken, wir dürfen nicht vergessen, dem Hausmeister Bescheid zu geben, wir benötigen einen Laptop und müssen überprüfen, ob der Beamer funktioniert.

Unsere Planungsarbeit findet in der Teeküche statt. In dem Raum stehen zwei Computer (juhui, einer davon ist frei!), dort findet sich eine Sitzgruppe, da steht auch der Kopierer – und ja, da wird gerade unsere neue Kaffeemaschine geliefert. Ziemlich viel Ablenkung, aber immerhin, sowohl der Computer als auch das Internet funktionieren …

Haarscharf geht sich alles aus, bevor ich wieder in den Unterricht eile. Die SchülerInnen der achten Klasse sind mit der Ballorganisation beschäftigt, ich will ihnen die Neuigkeiten bezüglich Wandertag mitteilen, außerdem muss ich noch abklären, wer von ihnen jetzt eigentlich bei der Reise nach Genf zum CERN dabei ist. Erst heute habe ich überhaupt erfahren, dass eine solche Reise von Physik aus geplant ist. Und in Deutsch muss ich auch weiterkommen. Für die Besprechung der Klassenangelegenheiten ist keine Stunde vorgesehen. Alles geht auf Kosten meines Deutschunterrichts. Und die Textsorte Rede müssen wir dringend und unbedingt üben. Vom Weiterkommen in der Literaturgeschichte ganz zu schweigen.

So, jetzt aber etwas essen, der Magen knurrt bereits. Auf dem Weg zum Buffet treffe ich eine Kollegin, die noch schnell die Sache mit den Kästchen im Konferenzzimmer besprechen will. Wir haben insgesamt viel zu wenig Platz für unsere Materialien, um die verschließbaren Kästchen herrscht ein echtes G’riss. Ok, die alten Bücher müssen weg, aber wohin bloß mit all den Sachen?

Nach der Mittagspause wartet bereits eine Schülerin auf mich. Sie schreibt an ihrer VWA, ich bin ihre Betreuungslehrerin. Wir setzen uns in die Bibliothek und feilen an ihrem Konzept. Ich gebe ihr noch ein paar Literaturtipps und ermuntere sie, jetzt aber wirklich ins Schreiben zu kommen.

Eigentlich ist schon ganz schön viel passiert an diesem Tag. Mein Highlight aber steht noch aus: Wahlpflichtfach Deutsch. Zehn SchülerInnen haben sich angemeldet, heute findet es zum ersten Mal statt. Den ganzen Sommer lang habe ich mich auf diesen Kurs gefreut, beim Radfahren so viele Ideen gesammelt, wie ich das Fach anlegen werde. Ich will mit den SchülerInnen Texte lesen, Filme anschauen, Bilder betrachten. Sie sollen selbst kreativ werden, eigene Texte verfassen. Ich will mit ihnen gemeinsam herausfinden, was sie bewegt, und sie dazu anregen, ihre Erfahrungen in Sprache zu übersetzen. In der ersten Stunde will ich mit Bildern arbeiten: Jeder darf sich eine der schönen Karten aussuchen, die ich auf dem Boden auslege, und einen Text dazu schreiben. Ohne Vorgabe, ohne Einschränkung.

Nach einer individuellen Schreibphase kehren die SchülerInnen in den Klassenraum zurück. Ich bitte sie nun, zu zweit spazieren zu gehen und gemeinsam über ihre Bilder und ihre Texte zu sprechen, sich die Texte gegenseitig vorzulesen, und dabei immer in Bewegung zu bleiben. Als alle wieder zurück sind, frage ich, wer seinen Text vorlesen möchte. Wir wollen die Texte nicht beurteilen, sie uns nur anhören. Wenn jemand nicht vorlesen möchte, ist es auch in Ordnung. Aber siehe da: Jeder liest seinen Text vor, am Ende lese auch ich meinen vor. Ich bin beeindruckt, was in diesen insgesamt zwei Stunden passiert ist, was für interessante, fesselnde, witzige, nachdenklich stimmende, kreative Texte entstanden sind – und ich spüre, ich bin nicht die Einzige, die sich am Ende dieses Nachmittags bereits auf nächste Woche freut.

Der Schultag war lang und anstrengend. Ich bin müde und glücklich gleichzeitig. Für morgen ist noch nichts vorbereitet, nur gut, dass es noch nichts zu korrigieren gibt. Als ich am Abend im Bett noch schnell die Lesehausübung, die ich den Drittklässlern gegeben habe, machen will, fallen mir nach ein paar Seiten die Augen zu. Ja, ja, die Schule hat mich wieder voll im Griff.

(nemo)

 

 

 

 

ditact 2018 – reingeschnuppert

Ich weiß jetzt nicht genau, seit wie vielen Jahren die Ditact im Frühling meine Aufmerksamkeit findet, aber heuer war ich mir erstmals sicher, in den Ferien zu der Veranstaltungszeit anwesend zu sein, und habe mich für zwei Workshops angemeldet – vor allem in Hinblick darauf, für das erste „richtige“ Jahr mit der „Digitalen Grundbildung“ neue Ideen mitnehmen zu können.

Die Leiterinnen der Ditact wollen Folgendes:

ditact

Es gibt zwei Wochen lang sehr viele Kurse – wer möchte, kann hier einmal für das Jahr 2018 schnuppern – und die meisten sind nicht für Informatikerinnen, sondern für Informatikinteressierte ausgerichtet. In der zweiten Woche geht es auch um „IT & Didaktik“, und ich habe an den Workshops Informatik aktiv erleben und Fake News & Social Media teilgenommen. Meine Erkenntnisse schreibe ich wieder in Form von Mikroartikeln auf.

Thema Informatik aktiv erleben. Spielerische und interessante Unterrichtsstunden ohne Computer.
Referentin: Petra Nußdorfer
Story Die Aufgaben, die an uns LehrerInnen mit der Digitalen Grundbildung herangetragen werden, gehen weit über Mediendidaktik hinaus. Auch informatisches Grundwissen soll unseren SchülerInnen vermittelt werden. Da dieses Wissen nicht allgemein vorhanden ist, bin ich auf der Suche nach Material, das zum Beispiel auch einfach einmal in Supplierstunden eingesetzt werden kann, und auf so etwas habe ich in in diesem Workshop gehofft.
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Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Wie haben ein ganzes Heftchen von Aufgaben mitbekommen und konnten einiges ausprobieren. Die Themen reichten von Binärrechnen und Kryptographie (zB End to End-Verschlüsselungen bei WhatsApp) über Sortieren und verschiedene Algorithmen bis zu Pixelgrafik und analogen Programmiereinstiegsspielen.

Die Übungen auszuprobieren hat viel Spaß gemacht und wir TeilnehmerInnen (es war auch ein Kollege dabei) hatten viel Gelegenheit uns auch untereinander Tipps zu geben.

Informatische Grundbegriffe lassen sich auch ohne Computer vermitteln. Idealerweise werden sie natürlich dann dort umgesetzt, aber einiges kann auch so erkannt werden – und es macht Spaß es gemeinsam umzusetzen. Wie bekomme ich die Aufgaben unter die SchülerInnen?

So etwas wie ein Informatikkofer  gefüllt mit den nötigen Materialien wäre toll. Und dass er in manche Supplierstunden mitgenommen wird!

Die junge Referentin Petra Nußdorfer unterrichtet neben Informatik auch Bildnerische Erziehung und das merkt man auch an ihren kreativen Unterrichtsideen, an denen sie uns teilhaben ließ. Sie wird anscheinend nächstes Jahr wieder bei der Ditact dabeisein und ich kann sie nur weiterempfehlen, man kann bei ihr viel Kreatives lernen!

Einige weitere Quellen:

 

Mein zweiter Workshop:

Thema
Fake News & Social Media. Anregungen für den Unterricht

Referentin: Sonja Messner

Story Der bei uns relativ neue Begriff Fake News ist vom Inhalt her natürlich schon immer ein Thema in der Medienerziehung („Zeitungsente“). Aber wie und warum Falschmeldungen innerhalb der sozialen Medien eine solche Wucht bekommen können, darüber wollte ich mir etwas „wissenschaftlichen“ Input holen.
Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Inhaltlich gab es jetzt für mich nicht soooo viel Neues, aber ich erhielt eine gute didaktische Struktur, wie man mit SchülerInnen das Thema besprechen kann. Und den Tipp über das relativ neue Onlineportal Addendum, das Dietrich Mateschitz gehört. Außerdem, dass die Journalisten der Washington Post immer gleich vier verschiedene Überschriften zu ihren Artikeln mitliefern müssen – damit ein zur momentanen Situation passender ausgewählt werden kann ;-). Nix Neues: Meiner Meinung nach eines der wichtigsten demokratiepolitischen Themen! Es muss unbedingt immer wieder mit unseren SchülerInnen besprochen werden! Hier nicht so viele: Es gibt viel Material im Internet. Seiten wie Mimikama oder Kobuk sind hilfreich, Safer Internet und Klicksafe.de auch.

Eine gute Idee: SchülerInnen Fake News selbst produzieren lassen!

Auch für Sonja Messner eine klare Empfehlung. Die Medienpädagogin, die bei Akzente arbeitet, kennt sich aus und hat sich viel mit diesem Thema beschäftigt.

juhudo

Angst, Verlogenheit, Niedertracht – und Hoffnung

Dank Philipp Bloms ebenso schöner wie gescheiter und wirklich nachdenklich stimmender Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele weiß ich so früh wie überhaupt noch nie, womit ich den Unterricht im Herbst beginnen werde. Die Textsorte Rede wollte ich mit den Achtklässlern ohnehin gleich zu Beginn wiederholen. 🙂

Nachdenklich gemacht hat mich am vergangenen Wochenende aber auch ein Kommentar im Standard: „Niedertracht als Nationalkostüm“ betitelte Petra Stuiber ihre Analyse der derzeitigen Politik in Österreich.

Bei den gegenwärtig stattfindenden Salzburger Hochschulwochen schließlich geht es in diesem Jahr ebenfalls um das Thema Angst. Die Vorträge beleuchten dieses so dominante Gefühl von ganz verschiedenen Seiten.

Die drei Quellen haben mich zu folgender Reflexion inspiriert:

Die Angst vor der Zukunft treibt die Menschen um. Wir spüren, dass unsere Lebensweise nicht mehr lange vereinbar ist mit unserem Planeten, weder in ökologischer noch in ökonomischer Hinsicht. Viele haben Angst, selbst zu den Verlierern zu zählen, wenn die verfügbaren Dinge nicht mehr für alle reichen. Das Gefühl, dass in unserer Welt etwas massiv nicht stimmt, trügt die Menschen nicht. Von der Politik aber kommt allzu oft eine verlogene Antwort, eine Antwort, die die Menschen zwar hören, die sie aber nicht glauben können. Und sie haben recht, wenn sie den einfachen Antworten, den Verheißungen auf Wohlstand für alle, auf stetes Wirtschaftswachstum und umfassende Sicherheit nicht glauben. Hinter den Antworten steckt tatsächlich häufig nichts anderes als der Versuch, sich selbst zu profilieren, und damit das Bemühen um die Karriere, den eigenen Wohlstand und die eigene Zukunft.

Politiker, die außer hohlen Phrasen, Gelaber und Gefasel wenig hervorbringen, sind ärgerlich. Aber es gibt Schlimmeres: Schlimmer nämlich sind jene, die nicht nur labern und faseln, sondern darüber hinaus die Ängste der Menschen ganz bewusst schüren und die Ausbildung niederer Instinkte bedienen. Menschen, die Angst haben und diese Angst durch Neid, Missgunst und Niedertracht zu kompensieren versuchen, vergiften im wahrsten Sinne des Wortes unser aller Zusammenleben. Frei nach dem Motto: Wenn ich selbst Angst habe und spüre, dass ich betrogen werde, sollen es diejenigen, die noch schlechter dran sind als ich, ausbaden. Dadurch verbessert sich zwar meine eigene Lage nicht, aber ich habe ein Ventil gefunden, durch das ich Dampf ablassen und mich so zumindest vorübergehend besser fühlen kann. Solange es anderen noch schlechter geht als mir, kann ich auf jemanden hinabblicken und mich dadurch selbst erhöhen. Derweilen lachen sich die Brandstifter ins Fäustchen und streifen ihre Gagen ein.

Dieser Mechanismus bedroht unser aller Leben. Er vergiftet das gesellschaftliche Klima, in dem wir leben, und untergräbt die Grundfesten der Demokratie. Die Brandstifter und ihre willfährigen Gehilfen gerieren sich als „lupenreine Demokraten“, faseln von Freiheit, den Werten der westlichen Welt und von Menschenwürde und schüren gleichzeitig Angst sowie Neid, Missgunst und Niedertracht. Sie schaffen sich damit die Voraussetzungen, um Gesetze zu verschärfen, Gelder zu kürzen und Menschen gegeneinander auszuspielen, bauen den Staat um und sichern sich ihre Pfründe. Man gebe den Menschen die Lizenz zur Niedertracht und erhalte im Gegenzug einen Freibrief zur Umgestaltung der Gesellschaft gemäß den eigenen Vorstellungen – und für den eigenen Vorteil.

Was tun angesichts dieser Entwicklungen? Die Missstände benennen, aufzeigen, immer wieder. Widerstand leisten, handeln, sich engagieren. Und die Hoffnung nicht aufgeben. Die Hoffnung auf ein anständigeres Leben, auf eine gerechtere Zukunft, auf bessere Menschen. Auf Menschen, die sich durch das Schicksal anderer, aber auch durch Kunst und Kultur berühren lassen, auf Menschen, die sich ihrer eigenen Menschlichkeit besinnen.

Der Glaube sei ein Programm zur Verschönerung der Welt, hat gestern ein Theologe in seinem Vortrag gesagt. Auch wenn für einen selbst der Glaube an Gott kein taugliches Mittel darstellt – der Arbeit an der Verschönerung der Welt bedarf es jedenfalls. (nemo)

 

 

 

 

Warum lernen eben doch mehr ist als Kompetenzen anhäufen

Im Rahmen eines Workshops bei den Tagen der Literaturdidaktik haben wir kürzlich darüber nachgedacht, wie schwierig es eigentlich ist, eine andere Perspektive einzunehmen. Wenn es um interkulturelles Lernen geht, wird dies ja immer gefordert bzw. als zentrale Kompetenz definiert.

Eine Referentin hat uns mit einem Beispiel aus ihrer literaturdidaktischen Forschung konfrontiert, bei dem man sehen konnte, welche Herausforderung im geforderten Perspektivenwechsel eigentlich liegt: Schüler sollten im Englischunterricht eine Rede anlässlich einer Thanksgiving-Feier halten, entweder aus der Perspektive der Nachkommen weißer Siedler oder aus der Perspektive der Native Americans. Die Schüler wurden während des ganzen Unterrichtsprozesses gefilmt. Man konnte also die gehaltenen Reden sehen, aber auch das, was während der Vorbereitung gesprochen wurde.

An dem Beispiel wurde zweierlei deutlich: 1. Es gelang den Schülern in ihrer Rede nur teilweise, eine andere Perspektive einzunehmen. 2. Dennoch gelang ganz schön viel. Als Fazit konnte festgehalten werden: Der geforderte Perspektivenwechsel klappt zwar nicht wirklich, aber wenn man den Perspektivenwechsel als Versuch und das ganze Unternehmen als Experimentierfeld versteht, werden dadurch wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglicht. Allerdings, und das ist der Knackpunkt, zeigen sich die nur während der Vorbereitung der Rede in der Partnerarbeit, in der tatsächlich gehaltenen Rede ist davon kaum mehr etwas auffindbar.

Hm. Jetzt bin ich kein Fan der derzeit herrschenden Empirieversessenheit in den Bildungswissenschaften. Die Tendenz, Unterrichtssituationen als Forschungsfeld immer intensiver zu beackern, löst ein gewisses Unbehagen bei mir aus. Allerdings hat die Unterrichtsbeobachtung tatsächlich etwas zu Tage gefördert, was ansonsten unbemerkt geblieben wäre, nämlich, wieviel Lernen mitunter im Unterricht passiert, ohne dass es am Ergebnis messbar wird. Vielleicht zeige sich an diesem Beispiel ja, dass der Weg wichtiger als das Produkt sei, hat die Referentin abschließend gesagt.

Noch einmal hm bzw. anders gehmt: Was sagt uns das Beispiel eigentlich über die omnipräsente Kompetenzorientierung? Kompetenzen werden immer vom Ende her gedacht. Es wird das Ergebnis gemessen, es wird danach gefragt, was die Schüler können (sollen). Dadurch wird unser ganzes pädagogisches Handeln angeblich viel wirkungsvoller, Unterricht praxisrelevanter und Schüler handlungsfähiger. An dem Beispiel der Thanksgiving-Reden aber wurde sichtbar – um es überspitzt zu formulieren -, was die Schüler nicht können. Und trotzdem haben sie etwas gelernt, sie haben etwas ausprobiert und dabei sogar wichtige Fragen aufgeworfen. Am Ergebnis ihres Tuns aber lässt es sich nicht messen.

Das Beispiel zeigt meines Erachtens, wieviel im Unterricht vonstatten geht und wie wenig davon mit dem Kompetenzbegriff fassbar wird. Genau das ist es, was viele LehrerInnen immer wieder betonen. Die gegenwärtige Pädagogik und Bildungspolitik aber sind versessen darauf zu wissen, was bei all diesen Prozessen herauskommt. Dass Prozesse in jedem Fall viel komplexer und mehr sind als Ergebnisse, dürfte (müsste) zwar einleuchten, wird aber ständig außer Acht gelassen. „Der Weg ist das Ziel“ ist ein vielbemühter Spruch beim Wandern. Der geht mir zwar auch auf die Nerven, denn es geht schon meistens um das Ziel auch irgendwie. In der Schule aber scheint es immer öfter nur mehr um das Ziel zu gehen.

Dazu passt im Übrigen auch das Interview mit Christoph Türcke, das im heutigen Standard erschienen ist. Es geht darin um die Ökonomisierung des Bildungsbetriebs, um neue autoritäre Strukturen und implizit auch um das Menschenbild, das sich hinter all den Effizienzfantasien verbirgt. Auf die Frage „Sie stoßen sich auch am ‚Kompetenzwahn‘ der Bildungspolitik. Warum?“ antwortet Türcke:

Weil ein behavioristisch verkürzter Kompetenzbegriff um sich greift. Gegen Kompetenz, also sachkundig für etwas zuständig sein, kann ja niemand etwas haben. Aber wenn ganz eng gefasste, isolierte Verhaltensweisen Kompetenzen sein sollen (…), dann werden eigentlich Maschinenvorstellungen umgesetzt. Wirklich genau umschreibbare Kompetenzen haben nur Maschinen – in Gestalt ihrer Prorgramme. Maschinen sind, solange sie funktionieren, reine Könner. Sie haben Kompetenz pur, es ist aber nichts dahinter.

(nemo)