Und noch ein Plädoyer für die Literatur

Eine Schule ohne Shakespeare, Virginia Woolf oder Joachim Ringelnatz (warum nicht?) ist eine ärmere Schule und eine Universität auch. Diese Überzeugung verbindet die Schreiber der folgenden Seiten.

Literatur schafft Abstand von täglichen Sorgen und Zwängen, öffnet das große Reich des Möglichen, erlaubt es, anders darüber nachzudenken, wer wir sind, zu wem wir gehören, wer die Eigenen sind und wer die Fremden. Sie ermöglicht neues Denken, gerade, weil sie keinen Nutzen hat. All diese Argumente wird der Leser in unseren Beiträgen finden; dazu auch Vorschläge, was wir tun könnten, damit Romane, Dramen, Lyrik, Drehbücher oder Comics mit mehr Lust gelehrt und studiert würden.¹

Das Zitat stammt aus dem Vorwort zum Dossier Literaturwissenschaft in schwierigen Zeiten, das kürzlich als elfter Band der Zeitschrift HeLix erschienen ist. Wolfram cover_issue_4299_de_deAichinger (Uni Wien), Christian Grünnagel (Uni Bochum) und Sabine Mandler (Uni Gießen) haben das Dossier herausgegeben; versammelt wurden darin mehrere Beiträge, die im Sommer 2016 bei einer Tagung an der Uni Gießen diskutiert wurden.

Mein eigener Beitrag lautet: Wozu Literatur und warum eigentlich? Schulischer Fremdsprachenunterricht in Zeiten der Kompetenzorientierung am Beispiel der zweiten lebenden Fremdsprache in Österreich. Darin versuche ich (einmal mehr), gegen die Reduktion von (fremd-)sprachlicher Bildung auf kommunikative Kompetenz anzuschreiben. Der „offizielle Zug“ (Lehrplan, Reifeprüfung) scheint mir im Bereich der Fremdsprachen mittlerweile ziemlich abgefahren zu sein. Daran wird sich wohl so schnell nichts mehr ändern, zumindest nicht in eine inhaltlich anspruchsvollere Richtung. Dennoch bin ich aktuell sogar wieder etwas zuversichtlicher als noch vor zwei, drei Jahren. Nicht, dass sich an der Gesamtsituation etwas verbessert hätte, aber im Unterricht selbst ist doch trotz aller kompetenzorientierten Vorgaben immer noch mehr an individueller Gestaltung möglich als damals gedacht.

Umso mehr kommt es darauf an (und jetzt zitiere ich mich selbst), „darauf zu achten, was für eine Haltung angehende Lehrer während ihres Studiums annehmen, mit welcher Haltung sie in die Schule kommen und in weiterer Folge ihre Schüler prägen. Genau aus diesem Grund scheint es mir von immenser Bedeutung zu sein, dass Lehramtsstudierende aller Sprachenfächer – nicht nur Germanistikstudierende! – während ihres Studiums intensiv mit Literatur in Kontakt geraten – und nicht nur in Kontakt. Sie sollten so viel Literaturstudium betreiben, dass sie zu verstehen beginnen, was Literatur kann und weiß. Erst wenn dieser Verstehensprozess wirklich in Gang gekommen ist, sollten sie auf die Schüler losgelassen werden. Denn einmal in Gang gebracht, wird der Prozess nicht mehr umkehrbar sein und mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Herausbildung einer eigenständigen, zumindest ansatzweise kritischen und (selbst-)reflexiven Haltung führen.“

LehrerInnen, die eine mit und an Literatur geschulte Haltung einnehmen, können vielleicht dem vorherrschenden formalistischen und funktionalistischen Bildungsdiskurs ein bisschen besser entgegenwirken. Auch im Fremdsprachenunterricht  kann darauf nicht verzichtet werden. (nemo)

¹ Wolfram Aichinger / Christian Grünnagel: Schwere und leichte Texte – Die Zeitmaschine: ein Nachtrag verstreuter Gedanken, in: HeLix 11 (2018), S. 1-9, hier: S. 1.

 

Französisch auf Tournee

Ein Mitarbeiter des Französischen Kulturinstituts in Wien war gestern bei uns zu Gast, um den Viertklässlern ein bisschen Lust auf die französische Sprache zu machen. Der sympathische Belgier Denis brachte den Schülern spielerisch ein paar Wörter bei, sie lernten die Zahlen und nebenbei auch, wo man überall Französisch spricht. Die Initiative firmiert unter dem Namen France Tour und kann von Schulen in ganz Österreich gebucht werden. Mal sehen, ob sich im nächsten Jahr bei uns ein paar mehr für Französisch entscheiden. Der gestrige Tag jedenfalls hat den Schülern Spaß gemacht. (nemo)

Zweite Schulwoche, zweiter Tag. Ein Schnelldurchlauf

In der Früh gleich die Französisch-Anfänger. Meine neue Französisch-Gruppe ist klein, aber fein. Die große Mehrheit will Spanisch lernen, wir sind eine Minderheit. Heute haben wir das französische Alphabet gelernt. Und ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr ganz viel mit Musik zu arbeiten.

Danach zwei Stunden ohne Unterricht. Ich organisiere einen zweitägigen Wandertag für die achte Klasse. Telefonat mit der Alm, Termin vereinbart, Rahmenbedingungen in Erfahrung gebracht. Gleich damit zum Chef. Der Direktor muss den Ausflug genehmigen. Grundsätzlich keine Hexerei, möchte man meinen. Doch: Die Anzahl der Schulveranstaltungen pro Klasse ist streng geregelt. Sowohl die Kosten als auch die Zeit spielen dabei eine Rolle. Im vorliegenden Fall sind die Kosten nicht das Problem, die entfallende Unterrichtszeit schon. In meiner Brust schlagen drei Herzen gleichzeitig: Als Klassenvorständin weiß ich, wie wertvoll gemeinsame Unternehmungen für die Klassengemeinschaft und die Stimmung in der Klasse sind und wie förderlich das wiederum für ein gutes Lernklima und die Beziehung zu den und zwischen den Schülern ist. Als Französisch-Lehrerin weiß ich, wie lähmend es ist, wenn in den Sprachgruppen, die sich ja immer aus mehreren Klassen zusammensetzen, andauernd ein paar weg sind. Und als Lehrerin einer Maturaklasse stresst es mich, wenn schon wieder kostbarer Fachunterricht ausfällt: Hilfe, wie sollen die in ein paar Monaten maturieren?? Insgesamt ein leidiges und ziemlich komplexes Thema.

In der verbleibenden „freien“ Stunde bereite ich mit einer Kollegin alles für den VWA Kick-off-Tag vor. Der Termin in der nächsten Woche ist fixiert, die Bibliotheksführungen für den Nachmittag haben wir bereits vereinbart. Damit aber alles funktioniert, gilt es noch vieles zu bedenken und zu organisieren: Wir brauchen LehrerInnen aus allen Fächern, also müssen die KollegInnen informiert und Listen zum Eintragen aufgelegt werden. Außerdem brauchen wir Räume, wir müssen die SiebtklässlerInnen informieren, wir müssen die entsprechenden Formulare aktualisieren und ausdrucken, wir dürfen nicht vergessen, dem Hausmeister Bescheid zu geben, wir benötigen einen Laptop und müssen überprüfen, ob der Beamer funktioniert.

Unsere Planungsarbeit findet in der Teeküche statt. In dem Raum stehen zwei Computer (juhui, einer davon ist frei!), dort findet sich eine Sitzgruppe, da steht auch der Kopierer – und ja, da wird gerade unsere neue Kaffeemaschine geliefert. Ziemlich viel Ablenkung, aber immerhin, sowohl der Computer als auch das Internet funktionieren …

Haarscharf geht sich alles aus, bevor ich wieder in den Unterricht eile. Die SchülerInnen der achten Klasse sind mit der Ballorganisation beschäftigt, ich will ihnen die Neuigkeiten bezüglich Wandertag mitteilen, außerdem muss ich noch abklären, wer von ihnen jetzt eigentlich bei der Reise nach Genf zum CERN dabei ist. Erst heute habe ich überhaupt erfahren, dass eine solche Reise von Physik aus geplant ist. Und in Deutsch muss ich auch weiterkommen. Für die Besprechung der Klassenangelegenheiten ist keine Stunde vorgesehen. Alles geht auf Kosten meines Deutschunterrichts. Und die Textsorte Rede müssen wir dringend und unbedingt üben. Vom Weiterkommen in der Literaturgeschichte ganz zu schweigen.

So, jetzt aber etwas essen, der Magen knurrt bereits. Auf dem Weg zum Buffet treffe ich eine Kollegin, die noch schnell die Sache mit den Kästchen im Konferenzzimmer besprechen will. Wir haben insgesamt viel zu wenig Platz für unsere Materialien, um die verschließbaren Kästchen herrscht ein echtes G’riss. Ok, die alten Bücher müssen weg, aber wohin bloß mit all den Sachen?

Nach der Mittagspause wartet bereits eine Schülerin auf mich. Sie schreibt an ihrer VWA, ich bin ihre Betreuungslehrerin. Wir setzen uns in die Bibliothek und feilen an ihrem Konzept. Ich gebe ihr noch ein paar Literaturtipps und ermuntere sie, jetzt aber wirklich ins Schreiben zu kommen.

Eigentlich ist schon ganz schön viel passiert an diesem Tag. Mein Highlight aber steht noch aus: Wahlpflichtfach Deutsch. Zehn SchülerInnen haben sich angemeldet, heute findet es zum ersten Mal statt. Den ganzen Sommer lang habe ich mich auf diesen Kurs gefreut, beim Radfahren so viele Ideen gesammelt, wie ich das Fach anlegen werde. Ich will mit den SchülerInnen Texte lesen, Filme anschauen, Bilder betrachten. Sie sollen selbst kreativ werden, eigene Texte verfassen. Ich will mit ihnen gemeinsam herausfinden, was sie bewegt, und sie dazu anregen, ihre Erfahrungen in Sprache zu übersetzen. In der ersten Stunde will ich mit Bildern arbeiten: Jeder darf sich eine der schönen Karten aussuchen, die ich auf dem Boden auslege, und einen Text dazu schreiben. Ohne Vorgabe, ohne Einschränkung.

Nach einer individuellen Schreibphase kehren die SchülerInnen in den Klassenraum zurück. Ich bitte sie nun, zu zweit spazieren zu gehen und gemeinsam über ihre Bilder und ihre Texte zu sprechen, sich die Texte gegenseitig vorzulesen, und dabei immer in Bewegung zu bleiben. Als alle wieder zurück sind, frage ich, wer seinen Text vorlesen möchte. Wir wollen die Texte nicht beurteilen, sie uns nur anhören. Wenn jemand nicht vorlesen möchte, ist es auch in Ordnung. Aber siehe da: Jeder liest seinen Text vor, am Ende lese auch ich meinen vor. Ich bin beeindruckt, was in diesen insgesamt zwei Stunden passiert ist, was für interessante, fesselnde, witzige, nachdenklich stimmende, kreative Texte entstanden sind – und ich spüre, ich bin nicht die Einzige, die sich am Ende dieses Nachmittags bereits auf nächste Woche freut.

Der Schultag war lang und anstrengend. Ich bin müde und glücklich gleichzeitig. Für morgen ist noch nichts vorbereitet, nur gut, dass es noch nichts zu korrigieren gibt. Als ich am Abend im Bett noch schnell die Lesehausübung, die ich den Drittklässlern gegeben habe, machen will, fallen mir nach ein paar Seiten die Augen zu. Ja, ja, die Schule hat mich wieder voll im Griff.

(nemo)

 

 

 

 

Schuljahr 2017/18: Was bleibt und was mich gefreut hat

Das Schuljahr 2017/18 ist vorbei. Vor uns liegen neun Wochen Ferien. Zeit, um sich zu erholen, um zu urlauben, um zu lesen, um sich weiterzubilden, um nachzudenken, aber auch, um das vergangene Schuljahr nach- und das neue vorzubereiten.

Heute habe ich meinen Schreibtisch zu Hause aufgeräumt. Zahllose Kopien und Zettel wurden entsorgt, Bücher verräumt, Mappen zumindest woanders hingelegt. 😉 Was, habe ich mich gefragt, bleibt eigentlich von einem Schuljahr in materieller Hinsicht? Unbestreitbar ist, dass sämtliche Materialien, selbst die Schulbücher, wahnsinnig schnell veralten. Der beschleunigte Alterungsprozess betrifft dabei weniger das Wissen, das in den Büchern gespeichert ist, als die Gestalt, die materialisierte Form der Bücher. In geradezu wahnwitzigem Tempo werfen die Schulbuchverlage mittlerweile neue Bücher oder aktualisierte Auflagen auf den Markt.

Noch viel drastischer ist die Halbwertszeit natürlich bei Zeitungsartikeln und Kopien. Am Ende eines Schuljahres erscheint kaum etwas davon aufbewahrenswert – und selbst wenn ich etwas aufbewahre, dann finde ich es hernach entweder eh nicht mehr oder vergesse, dass ich es überhaupt jemals hatte. Auf manches stoße ich später mehr oder weniger per Zufall in digitalisierter Form wieder. Vieles aber geht einfach verloren. Wahrscheinlich muss das in Zeiten des Überflusses, des Zuviels, der ständigen Verfügbarkeit so sein, damit man nicht selbst in der Materialflut untergeht. Ein irgendwie seltsamer und allzu flotter Entwertungs- und Verschleuderungsprozess bleibt das Ganze dennoch.

Angesichts der materiellen Ebbe, die bei mir gerade herrscht, will ich mich fragen, was eigentlich in immaterieller Hinsicht von diesem Schuljahr bleibt. Was ist und soll mir in Erinnerung bleiben?

Die Brüssel- und Amsterdam-Reise sowie das gesamte „Europa schreiben“-Projekt waren sicherlich das Highlight. Ich selbst denke heute anders über Europa nach, kenne mich besser aus, bemerke und verstehe vieles, was mir vor Projektbeginn gar nicht aufgefallen wäre. Den SchülerInnen geht es bestimmt ähnlich. Ganz besonders hat mich in diesem Zusammenhang der Präsentationsabend gefreut. Die Schüler haben irgendwann begonnen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, das Projekt wirklich zu ihrem zu machen. Dass dies passieren würde, war zu Beginn des Schuljahres nicht abzusehen und auch nicht unbedingt zu erwarten. Gerade heute habe ich übrigens noch eine schöne Rückmeldung aus Brüssel zu unserer Textesammlung bekommen. Der Verlauf dieses Kulturprojekts hätte echt nicht besser sein können.

Auch einen schönen Verlauf nahm die Literatur- und Leseerziehung in diesem Jahr. Zu Beginn des Jahres habe ich mich noch über die mangelnde Leselust meiner SiebtklässlerInnen beschwert. Am Ende haben wir gemeinsam Adalbert Stifters „Brigitta“ gelesen – und wirklich fast alle haben etwas daran gefunden. Mit den Zweitklässlern habe ich „Herr der Diebe“, „Freak“, „Als mein Vater ein Busch wurde“ und „Maikäfer, flieg!“ gelesen. Bei der gemeinsamen Reflexion wurde jedes Buch zumindest einmal als Favorit genannt. Am allermeisten Zustimmung aber fand „Maikäfer, flieg!“ – und das hat mich wiederum gefreut.

Noch mehr gefreut hat mich etwas, was vielleicht wie eine Kleinigkeit aussieht, mir aber als extrem wertvoll erscheint: SchülerInnen der fünften Klassen, die ich in diesem Jahr nicht mehr, aber in der Unterstufe vier Jahre lang in Deutsch unterrichtet hatte, haben mich angestrahlt und freundlich begrüßt, mich manchmal sogar gefragt, wie’s mir gehe, wenn sie mir zufällig im Schulhaus begegnet sind. Vielleicht erscheint das banal, ist es aber, glaube ich, nicht. Ich deute diese freundlichen Gesten als Ausdruck einer über mehrere Jahre gewachsenen Verbundenheit, einer resonanten Form von Lehrer-Schüler-Beziehung, die über den Unterricht hinausweist und bestehen bleibt, auch wenn ich nicht mehr die Lehrerin dieser jungen Menschen bin. Für mich zählt das zum Schönsten, was einem als LehrerIn passieren kann.

Eine ähnliche Resonanz habe ich bei den Französisch-Schülerinnen gespürt, die in diesem Jahr ihre Schullaufbahn abgeschlossen haben. Eine Schülerin ist nach der Matura extra noch einmal in die Schule gekommen, um mir ein selbst gebasteltes Fotoalbum zu überreichen. Sie hat sich für den Unterricht bedankt und sich von mir verabschiedet. Großartiger geht eigentlich nicht, finde ich.

In diesem Sinne: Schöne Ferien allen, denen das Glück beschieden ist, Ferien zu haben!

(nemo)

 

„Ich hätte auch Französisch wählen sollen“

Kürzlich bei der Maturafeier einer achten Klasse: Nur eine der MaturantInnen aus dieser Klasse hatte den Französisch-Unterricht besucht, ein paar Latein, der Großteil Spanisch. Die eine Schülerin war rundum zufrieden mit ihrer Sprachenwahl, gleich zwei andere waren rückblickend der Ansicht, dass auch sie Französisch wählen hätten sollen.

Ähnliche Situationen erleben wir Französisch-Lehrerinnen immer wieder: SchülerInnen, die in der sechsten oder siebten Klasse, bei der Matura oder gar erst Jahre danach draufkommen, dass Französisch doch mehr Relevanz hat, als sie gedacht hatten, dass die Noten in Französisch doch nicht schlechter sind als in Spanisch, dass diejenigen, die Französisch gewählt haben, doch sehr zufrieden sind mit dem Zusatzprogramm, das wir ihnen bieten können: Schüleraustausch mit La Rochelle, Paris-Reisen, Sprachassistentin etc.

Nicht, dass ich nun falsch verstanden werde. Ich schätze alle Sprachen und betrachte jede Sprache, die man lernt oder zu der man einen persönlichen Bezug hat, als wirkliche Bereicherung.  Ich habe überhaupt nichts gegen Spanisch und schätze meine Spanisch-Kolleginnen über alle Maßen. Als Romanistin sind mir alle romanischen Sprachen ans Herz gewachsen und zumindest so weit vertraut, dass ich vieles verstehen kann. Ich liebe Spanisch ebenso wie Portugiesisch und fast so wie Italienisch und Französisch. Einzig das Rumänische kenne ich zu wenig, als dass ich etwas darüber sagen könnte.

Schade ist einfach nur, dass sich so viele an unserer Schule für Spanisch und so wenige für Französisch entscheiden. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber auch wieder recht simpel: In der vierten Klasse finden die allermeisten Spanisch einfach viel cooler als Französisch. Latino-Musik, Salsa, Urlaub in Mallorca oder Barcelona erscheint Dreizehnjährigen emotional vielversprechender als verstaubte Chansons, Existentialismus, Rotwein oder gar Käse (um nur ein paar Klischees anzuführen). Als Urlaubsland ist Frankreich in vielen Familien nicht präsent und die Sprache erscheint auf den ersten Blick einfach nur unaussprechlich. Zudem kommt die mir immer recht amerikanisch anmutende Einschätzung, dass Spanisch viel wichtiger sei als Französisch. Wenn ich entgegne, dass gerade in Europa Französisch eine viel wichtigere Rolle spiele als Spanisch, ernte ich meist ungläubige Blicke. Ja, und dass so mancher Elternteil selbst in der Schule einen mitunter doch recht qualvollen Französisch-Unterricht, in dem jeder vergessene Accent gnadenlos geahndet wurde, genossen hat, steigert die Lust auf Französisch natürlich auch nicht.

Erst wenn die SchülerInnen älter werden, relativieren sich so manche Vorurteile. Dann aber ist es für uns zu spät. Die zweite Fremdsprache wählt man in der vierten Klasse, danach ist der Zug abgefahren. Bei den morgen und übermorgen anstehenden Happy Days bietet eine Kollegin „Französisch für Anfänger“ an, ich selbst beschäftige mich gemeinsam mit einer anderen Kollegin wieder mit dem „kleinen Nick“. Beide Kurse stoßen auf reges Interesse bei den UnterstufenschülerInnen. Ob die Kurse dazu beitragen, dass sich in der vierten Klasse, wenn der Klassentenor wieder „Spanisch ist so cool“ lautet, ein paar mehr für Französisch entscheiden, ist trotzdem nicht gesagt. So mancher wird wohl auch weiterhin erst bei der Maturafeier oder danach bedauern, in der Schule nicht doch Französisch gelernt zu haben. (nemo)

Initiationsritual Matura?

Ja, ja, die Matura. Vor ein paar Wochen hatte ich noch gedacht, sie würde keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken – und schon setzten wilde Diskussionen über Sinn und Unsinn der Matura im Allgemeinen und der Mathematikmatura im Besonderen ein. So kann man sich täuschen.

Gerade habe ich eine Diskussionssendung auf Ö1 über das „Initiationsritual Matura“ gehört. Anwesend waren eine Maturantin aus Wien sowie der Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien. Interessant, was da so gesagt wurde – und was man bei uns an der Schule in diesen Tagen der mündlichen Matura ja auch selbst wieder beobachten kann: Die Matura in der nunmehrigen Form ist im Wesentlichen eine aufwendige, Stress und Angst erzeugende und insgesamt wenig förderliche Angelegenheit. Immer mehr Menschen meinen sogar, man sollte sie schlichtweg abschaffen.

Schon erstaunlich, wohin man’s gebracht hat in gerade einmal drei Jahren Zentralmatura! Auch ich, eigentlich ja ein Fan des Initiationsrituals Matura, neige mittlerweile dazu, die Matura, so wie sie sich jetzt darstellt, für entbehrlich zu halten. Allerdings finde ich, genau so wie es Stefan Hopmann am Ende der Sendung gesagt hat, dass es eher darum gehen sollte, die Matura wieder zu dem zu machen, was sie einmal war, nämlich eine Gelegenheit für SchülerInnen, am Ende der Schullaufbahn zu zeigen, was sie gelernt haben und was sie wissen und können.

Was die Matura einmal war, habe ich vor einiger Zeit schon einmal versucht ausführlich darzustellen (in Die Reife in Zeiten der Kompetenzorientierung ist es nachzulesen). Man bot den SchülerInnen tatsächlich die Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen, sich als reife Persönlichkeiten zu präsentieren, mit ihrem Wissen und ihren eigenen Stärken zu punkten. Insbesondere die mündliche Matura, der Schlusspunkt dieser Inszenierung, verfolgte dieses Ziel. Noch vor vier Jahren konnte ich das schöne Ritual beobachten und mich mit meinen Maturantinnen an ihrer Leistung, an ihrem Können und ihrem Wissen erfreuen.

Und jetzt? Jetzt ist die mündliche Matura ein für Schüler wie Lehrer quälender und ermüdender Akt, der fast nichts mehr von dem Großartigen hat, das ihm einst anhaftete. Ein Kandidat nach dem anderen zieht sein Thema aus dem Themenpool und los geht’s. Eine Englischprüfung nach der anderen, eine Psychologieprüfung nach der anderen. Im Vordergrund steht nicht mehr der junge Mensch, im Vordergrund steht der Themenpool, allenfalls noch die Kompetenzen, über die der jeweilige Kandidat in einem bestimmten Fach verfügt und die von der Kommission überprüft werden. Alles schön messbar, alles (zumindest auf dem Papier!) perfekt vergleichbar. Wer’s nicht glaubt, möge sich die Beurteilungsskalen anschauen, mit denen man in den Fremdsprachen die sprachlichen Kompetenzen zu messen hat.

Die Maturantin, die gestern bei mir in Französisch maturiert hatte, absolvierte heute Vormittag ihre zweite Prüfung. Und erst am kommenden Dienstag wird sie dann ihre Matura unter Dach und Fach haben. Was das außer Erschöpfung und einem Gefühl des „Und das war’s jetzt?“ ergeben soll, ist mir schleierhaft.

Gut, die SchülerInnen kennen’s nicht anders und wissen nicht, wie erhebend so eine mündliche Matura noch vor Kurzem sein konnte. Wir LehrerInnen aber wissen’s und es macht mich immer noch fassungslos, wie leichtfertig man das alles über Bord geworfen hat. Bis vor vier Jahren begleitete man als LehrerIn die Maturanten durch ihre Prüfungen. Man bekam etwas aus den anderen Fächern mit, man sah die individuellen Stärken und ja, manchmal auch Schwächen der jungen Menschen. Die Kommission saß einen halben Tag lang zusammen, es wurden alle Fächer geprüft, die sich der jeweilige Kandidat ausgesucht hatte. Am Ende hielt der oder die Vorsitzende eine Ansprache und die gesamte Kommission gratulierte den Kandidaten. Nicht, dass das nicht anstrengend war. Aber: Das hatte Stil, das hatte Würde. Und das war, bis hin zu den Fragen, persönlich auf die jeweiligen Maturanten zugeschnitten.

Aber nein, das musste weg. Das Einzige, was die Bildungspolitik in diesem schönen Ritual offenbar zu sehen vermochte, war die Tatsache, dass es – so wie im Übrigen alle am Menschen orientierten Systeme – die Möglichkeit bot, in die eine oder andere Richtung ausgenutzt zu werden. Dass es den allermeisten LehrerInnen jedoch darum ging, mit den persönlich zugeschnittenen Fragen, jenen Menschen, die sie jahrelang unterrichtet hatten, in deren Interessen und Stärken entgegenzukommen, ihnen eine Plattform zu bieten, sich präsentieren zu können, nahm man entweder nicht wahr oder man wollte es nicht mehr haben.

Im Endeffekt ist die neue Form der Matura weniger ein Initiationsritual als vielmehr ein ritualisierter technokratischer Kompetenzscan – und eigentlich ein Betrug an den jungen Menschen: Man versprach Vergleichbarkeit und schuf Ödnis, man versprach Kompetenzorientierung und schuf Vermessung, man versprach Individualisierung und schuf Einheitsbrei. Nicht mehr der Mensch zählt, sondern das auf allen Ebenen standardisierte Prüfungsformat.

Gratulation zur nicht bestandenen Reifeprüfung, kann man da nur sagen!

(nemo)

 

Eine Matura zum Abarbeiten

Abgearbeitet is‘, die diesjährige Zentralmatura. Die Kompensationsprüfungen stehen noch aus, dann aber ist der Haupttermin 2017/18 auch schon wieder passé. In Mathematik sind offenbar mehr Schüler als in den letzten Jahren durchgefallen, in Deutsch und in den Fremdsprachen scheint österreichweit alles im grünen Bereich. Die noch folgenden mündlichen Prüfungen werden bekanntermaßen nicht zentral gestellt.

Drei Jahre nach ihrer Einführung hat sich die Aufregung um die Zentralmatura – abgesehen von den schlechten Mathe-Ergebnissen – weitgehend gelegt. Wie bei so vielen Hypes, Empörungsanlässen und medialen Skandalen ist die Aufregung zunächst riesengroß, wenig später folgt Lethargie und danach wär’s eigentlich eh schon fast wieder Zeit für eine Reform und damit für einen neuen Anlass, sich aufzuregen. Wir sind eine Erregungsgesellschaft. Peter Sloterdijk wusste das bereits vor Jahren.

Auch wenn also die gegenwärtige Zentralmatura fast keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt, soll hier doch noch einmal ein Blick auf die Deutsch- und auf die Französisch-Matura geworfen werden. Denn: Besser ist es nicht geworden, was wir den Maturanten da vorsetzen. Gut, die Qualität der Inputtexte der heurigen Deutschmatura ist solide. Da leistet man sich keine Schnecke mehr. Das eigentliche Problem aber, die Form dieser Matura, ist immer noch gleich (schlecht).

Wobei, „schlecht“ trifft’s eigentlich nicht. Die Deutschmatura ist nicht „schlecht“, sie ist nur öde, unlustig und zäh. Nach wie vor wird genau vorgegeben, was man zu tun hat, nach wie vor muss man zwei Texte verfassen, immer noch gehören diese zwei Texte zwei unterschiedlichen Textsorten an: Textinterpretation und Leserbrief, Sachtextanalyse und Kommentar, Erörterung und Zusammenfassung. Bei jedem der drei Themenpakete wird erwartet, dass die SchülerInnen den Inhalt des Inputtextes wiedergeben, den Text analysieren/interpretieren bzw. das Thema argumentativ durchdringen, den Text beurteilen bzw. zum Thema Stellung nehmen können. Genau so wie es die kompetenzorientieren Aufgaben halt vorsehen.

Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich schon vor drei Jahren beschrieben – das Problem ist, es ödet heute noch genauso wie damals. Alle drei Themen des heurigen Jahres (1. Literatur-Kunst-Kultur, 2. Respekt, 3. Entscheidungen treffen) sind grundsätzlich nicht uninteressant, sämtliche Packungsbeilagen in Ordnung – die Deutschmatura ist dennoch nichts anderes als ein Auftrag zum Abarbeiten und Erfüllen. Der Schüler wird veranlasst zu beweisen, dass er in der Lage ist, dem vorab definierten Standard zu entsprechen. Weder Originalität noch Kreativität sind gefragt, weder soll die Schülerin zeigen können, was sie alles weiß und kann, noch soll sie den eng gesetzten Rahmen der Vorgaben sprengen. Stattdessen sollen die beiden brav zwei Normtexte produzieren und ihre Schreibkompetenzen unter Beweis stellen. Herausfordernd und lustvoll ist das nicht und soll es wahrscheinlich auch nicht sein. Die Zeiten, in denen es bei einer Deutschmatura auf eigene Ideen und individuelle Gedankenführung ankam, in denen eine Deutschmatura (auch) Freude bereiten, in denen man auf eine gelungene Deutschmatura sogar stolz sein durfte, in denen man bei einer Deutschmatura aber auch grandios scheitern konnte, sind vorbei. „Goethe und ich“ lautete das Maturathema einer Bekannten, „Die Frau in der Literatur der letzten hundert Jahre“ mein eigenes. Textbeilagen gab es weder hier noch dort, dafür durfte man auf alles rekurrieren, was man wusste und zu dem Thema in der und durch die Literatur gelernt hatte.

Noch schlimmer als in Deutsch ist das Bemühen um Standardisierung in den Fremdsprachen. Egal, ob Englisch, Spanisch oder Französisch – die Klausuren unterscheiden sich nur hinsichtlich des Sprachniveaus. Alles andere ist gleich, sowohl formal als auch inhaltlich. Zuerst müssen vier Lesetexte abgearbeitet werden, danach vier Hörtexte sowie vier Texte, in denen die Sprache im Kontext überprüft wird, bevor schließlich zwei Texte geschrieben werden müssen. Alles ordentlich, alles feldgetestet, alles normiert. Es ist wirklich ein einziges Abarbeiten der Texte und Aufgaben, was hier verlangt wird. Nicht, dass es anspruchslos wäre, überhaupt nicht. So manche(r) von uns wäre verzweifelt, hätte man ihm oder ihr einen Hörtext zweimal vorgespielt, erwartet, dass er oder sie die richtige Antwort aus mehreren in Frage kommenden findet und zuordnet, bevor 45 Sekunden später der nächste Hörtext startet…

Nein, so leicht wie manche behaupten ist sie nicht, die Zentralmatura, weder in Deutsch noch in den Fremdsprachen, von Mathematik ganz zu schweigen. Dazu kommt auch noch die VWA, die die Schüler bereits im Vorfeld verfassen und präsentieren müssen und die so manchem die Zeit zum Lernen der Maturafächer über Gebühr verknappt. Aber öde ist sie, grässlich öde und uninspirierend. Sie befördert einen mechanistischen Zugang zum Denken und verdirbt auch dem Letzten noch die Freude daran. Am Ende der Schulkarriere steht das formalistische Abarbeiten der Maturaaufgaben. Das versteht man in Zeiten der Kompetenzorientierung als Reife. Genormt, vermessen und standardisiert: Hurra, die Automatisierung kann kommen!

(nemo)