Manga in der Schulbibliothek

Manga sind DIE Renner unserer Schulbibliothek. Dragonball, Naruto, Detektiv Conan und Inu Yasha werden dauergelesen, manchmal sogar mehrmals hintereinander. Aber viele Manga sind für ältere Jugendliche und Erwachsene gedacht und es ist nicht immer leicht, aus der Masse der seit einigen Jahren in großer Zahl übersetzten Manga die passenden herauszufiltern. Das hab ich vor ein paar Jahren schon einmal versucht.

In dieser Osterferienwoche hatte ich gleich zweimal die Gelegenheit mich mit Experten zu unterhalten. Das erste Mal bei der Austria Comic Con in Wels und dann mit dem Besitzer eines sehr netten, kleinen Comicbookshops in Bamberg.

Aus Wels nahm ich folgende Tipps mit:

  • My Hero Academia
    51slvj4cnhl._sx326_bo1204203200_Fast alle Menschen haben Superkräfte, sogenannte Macken. Was ist aber mit einem Jungen, der keine besitzt, aber das Herz und die Einstellung eines wahren Superhelden? Er versucht sein Bestes, um in die Schule der SuperheldenanwärterInnen zu gelangen …
    Könnten wir ankaufen, 21 Bände bisher.
  • One-Punchman
    Trotzdem zwei kleine Burschen mir diesen Manga dringend empfohlen haben, finde ich einen Helden, der ein Monster mit jeweils nur einem Schlag vernichten kann und sich ob der langweiligen Kämpfe ärgert, nicht ausreichend, damit wir die Serie kaufen. Aber ich lese ja auch immer nur den ersten Band …
  • Merry Nightmare. Jäger der Albträume
    ist mir ein bisschen zu chaotisch in Handlung und Zeichenstil. Die Idee zum Manga würde mir ja gefallen: Wenn wir die Traumwelt besuchen können, dann können Wesen aus der Traumwelt auch zu uns. Und ein Mädchen ohne Gedächtnis muss seinen Weg zurück finden.

Aus Bamberg stammen folgende erste Bände:

  • Magi
    Zwei schrullige, lustige Burschen, die Aladin und Ali Baba heißen, wollen in einer 1000-und-eine-Nacht-Welt ihr Glück machen. Aladin hat einen schüchternen Dschinn in seiner Flöte dabei. Könnten wir nehmen, muss aber nicht sein.

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  • The Legend of Zelda. Twilight Prinzess
    Ein Klassiker, den es auch als Nintendospiel gibt. Es geht wie immer um den Kampf des Guten gegen das Böse. Ein Elf, der nie mehr kämpfen wollte, muss wieder zur Waffe greifen, um dem Dorf zu helfen, in dem er jetzt lebt. Vier Bände, das geht.

 

 

  • 51l8boibixl._ac_ul654_ql65_The Rising of the Shield Hero
    Dieser Manga würde Burschen und Mädchen gefallen. Vier Menschen werden in ein Computerspiel gezogen und müssen das Land vor dem Untergang retten. Leider hat einer nur die Kraft der Verteidigung und er hat es deswegen nicht leicht. Er sucht sich eine Mitstreiterin, die er erst ausbilden muss, da er zu Beginn einfach noch kaum Ressourcen hat. Neben My Hero Academia gefällt mit dieser Manga am besten. Acht Bände bisher.

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Außerdem hab ich auf der Comicon erfahren, datrumpfkarten_gefacc88chertss es seit vier Jahren ein österreichisches Superheldencomic gibt: ASH. Austrian Superheros. Gar nicht schlecht, Helden mit Lokalkolorit und Charaktere wie Captain Austria, das Donauweibchen, Lady Heumarkt und den Bürokraten. Dazu gibt es sogar auch schon ein Quartett.

Ja, auch solche Themen können zum  LehrerInnensein gehören ;-).

juhudo

Als wir der Hilfe bedurften. Schule als Gesellschaftsutopie

Als wir der Hilfe unserer Mitmenschen bedurften, war sie da. So intensiv, mannigfaltig und wahrhaftig, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Familie, Freunde, Verwandte und Bekannte, Menschen von nah und fern, warfen – als bei uns nach dem Tod des geliebten Menschen ein großes IMG_5121Blackout drohte – ihr Notstromaggregat für uns an und sorgten dafür, dass das Licht nicht ausging und auch weiterhin nicht ausgehen wird. Hier im Schulblog will ich von jener Hilfe berichten, die uns von der Schulgemeinschaft zuteil wurde.

Dass ich in einer Schule mit einer stabilen, herzlichen und mich immer wieder beglückenden Schulgemeinschaft arbeite, weiß ich, seit ich in dieser Schule unterrichte. Was das über die Normalität hinaus in einer Krisensituation bedeutet, durfte ich kürzlich erfahren. Die Schulgemeinschaft wurde mir in diesen Tagen und Wochen zu nichts Geringerem als einem Lebensanker.

KollegInnen umarmten und trösteten mich, sie kamen bei mir zu Hause vorbei und brachten Essen für uns, Lasagne und Quiche, Suppe, Kuchen, Macarons und Schokolade. Auch vor der Tür warteten immer wieder kleine Aufmerksamkeiten auf uns, Honig und Nüsse, Blumen und Karten. Auf sämtlichen Kanälen, die uns zur Verfügung stehen, trafen Grüße, IMG_4994Botschaften und Nachrichten für uns ein. Die genau richtigen Gedichte und Bücher, die schönsten Blumen und Kerzen, tröstende Briefe und liebevolle Gedanken erreichten uns. Von allen Seiten wurde mir in der Schule Hilfe angeboten. Kolleginnen und Kollegen nahmen mir Arbeit ab, Sekretariat, Administration und Direktion halfen zusammen, um mir das Leben zu erleichtern.

Meine AchtklässlerInnen schenkten mir zwei Steine, einen für mich, einen für mein Kind. Jeder Einzelne von ihnen hatte die Steine in die Hand genommen und uns Kraft geschickt. Mit dem Handy und mit dem Stift drückten sie mir ihr Mitgefühl aus, ebenso wie die FünftklässlerInnen, die ich in Französisch unterrichte. Den DrittklässlerInnen fielen die Worte schwer, sie nähten mir ein Polsterherz, aus weinrotem Stoff, so schön wie nur möglich. Meine Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und sogar SchülerInnen, die ich gar nicht oder schon lange nicht mehr unterrichte, schrieben uns und dachten an uns. Immer noch sehe ich in so vielen Blicken, auf dem Gang oder beim Buffet, wie kleine und große Menschen mit mir mitfühlen.

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Ist meine Schule eine singuläre Ausnahme, die einzige Schule, an der so etwas möglich ist? Nein. Meine Schule ist großartig und für mich die schönste Schule, an der ich sein kann. Aber auch von KollegInnen aus benachbarten Schulen kam Hilfe. Und auch meine Tochter erlebt an ihrer Schule, einem anderen Salzburger Gymnasium, eine wunderbare Welle der Anteilnahme und der Unterstützung. Ihre Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie die Direktorin, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sowie deren Eltern bilden ein dichtes und stabiles Netz für sie. Meine Tochter wird in ihrer Schule, ebenso wie ich in der meinen, gehalten und getragen, vom ersten Augenblick an, bis heute und darüber hinaus.

Schule ist Leben, Schule ist ein Ort des Lernens und Miteinanderseins. Beziehung und Resonanz sind die Säulen, auf dem all das fußt. Kein Programm oder System, keine Noten und keine Qualitätsstandards, keine Norm und keine Bildungsdokumentation können irgendetwas von dem erzählen, worauf es im schulischen Zusammenleben von Menschen eigentlich ankommt. In unserer Ausnahmesituation hat sich das soziale Gefüge der Schule in seiner ganzen Kraft und Schönheit bewährt. Wir bedurften der Hilfe und die Hilfe war da.

Wie wäre es, wenn wir alle auch im Normalfall ein bisschen öfter auf das achten würden, was da ist, was im Miteinander der Schule funktioniert und klappt? Wie wäre es, wenn Herzensbildung als integraler und wesentlicher Bestandteil von schulischer Bildung betrachtet würde? Als menschlicher Auftrag, nicht weniger wichtig als jedes einzelne Fach mit seinen Inhalten und zu erwerbenden Kompetenzen? Eine Kollegin zum Beispiel, die in diesem Jahr zum ersten Mal Klassenvorständin ist, wird jedes Mal, wenn sie in ihrer Klasse unterrichtet, von einer ganzen Kinderschar abgeholt. Ihre Schüler warten schon in der Pause vor dem Konferenzzimmer auf sie und begleiten sie dann auf dem Weg in den Klassenraum. Erzählen solche Kleinigkeiten nicht eine andere Geschichte von Schule, eine vom Gelingen des Miteinanders? 

„Alles könnte anders sein“ heißt das neue Buch von Harald Welzer. In einem Interview, das im heutigen Standard erschienen ist (aber offenbar nur in der Printversion verfügbar ist), sagt der Soziologe: „Auf Probleme schaue ich in diesem Buch bewusst nicht. Ich versuche, andere Wege aufzuzeigen. Zum Beispiel wende ich mich der Beziehung der Menschen untereinander zu. Es ist das Paradox zu beobachten, dass wir einen permanenten Wohlstandszuwachs verzeichnen, aber die Menschen sich aggressiv verhalten, unter Ängsten leiden und gereizt sind. Wollen wir nicht eine freundliche Gesellschaft, in der man keine Angst hat und freundlich miteinander umgeht? Das ist eine konkrete Utopie, die auch zu verwirklichen ist.“

Sowohl in meiner Schule als auch in der Schule meiner Tochter und zweifellos in vielen anderen Schulen auch ist das, was Welzer „Gesellschaftsutopie“ nennt, bereits seit Langem Wirklichkeit.

(nemo)

Angst, Verlogenheit, Niedertracht – und Hoffnung

Dank Philipp Bloms ebenso schöner wie gescheiter und wirklich nachdenklich stimmender Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele weiß ich so früh wie überhaupt noch nie, womit ich den Unterricht im Herbst beginnen werde. Die Textsorte Rede wollte ich mit den Achtklässlern ohnehin gleich zu Beginn wiederholen. 🙂

Nachdenklich gemacht hat mich am vergangenen Wochenende aber auch ein Kommentar im Standard: „Niedertracht als Nationalkostüm“ betitelte Petra Stuiber ihre Analyse der derzeitigen Politik in Österreich.

Bei den gegenwärtig stattfindenden Salzburger Hochschulwochen schließlich geht es in diesem Jahr ebenfalls um das Thema Angst. Die Vorträge beleuchten dieses so dominante Gefühl von ganz verschiedenen Seiten.

Die drei Quellen haben mich zu folgender Reflexion inspiriert:

Die Angst vor der Zukunft treibt die Menschen um. Wir spüren, dass unsere Lebensweise nicht mehr lange vereinbar ist mit unserem Planeten, weder in ökologischer noch in ökonomischer Hinsicht. Viele haben Angst, selbst zu den Verlierern zu zählen, wenn die verfügbaren Dinge nicht mehr für alle reichen. Das Gefühl, dass in unserer Welt etwas massiv nicht stimmt, trügt die Menschen nicht. Von der Politik aber kommt allzu oft eine verlogene Antwort, eine Antwort, die die Menschen zwar hören, die sie aber nicht glauben können. Und sie haben recht, wenn sie den einfachen Antworten, den Verheißungen auf Wohlstand für alle, auf stetes Wirtschaftswachstum und umfassende Sicherheit nicht glauben. Hinter den Antworten steckt tatsächlich häufig nichts anderes als der Versuch, sich selbst zu profilieren, und damit das Bemühen um die Karriere, den eigenen Wohlstand und die eigene Zukunft.

Politiker, die außer hohlen Phrasen, Gelaber und Gefasel wenig hervorbringen, sind ärgerlich. Aber es gibt Schlimmeres: Schlimmer nämlich sind jene, die nicht nur labern und faseln, sondern darüber hinaus die Ängste der Menschen ganz bewusst schüren und die Ausbildung niederer Instinkte bedienen. Menschen, die Angst haben und diese Angst durch Neid, Missgunst und Niedertracht zu kompensieren versuchen, vergiften im wahrsten Sinne des Wortes unser aller Zusammenleben. Frei nach dem Motto: Wenn ich selbst Angst habe und spüre, dass ich betrogen werde, sollen es diejenigen, die noch schlechter dran sind als ich, ausbaden. Dadurch verbessert sich zwar meine eigene Lage nicht, aber ich habe ein Ventil gefunden, durch das ich Dampf ablassen und mich so zumindest vorübergehend besser fühlen kann. Solange es anderen noch schlechter geht als mir, kann ich auf jemanden hinabblicken und mich dadurch selbst erhöhen. Derweilen lachen sich die Brandstifter ins Fäustchen und streifen ihre Gagen ein.

Dieser Mechanismus bedroht unser aller Leben. Er vergiftet das gesellschaftliche Klima, in dem wir leben, und untergräbt die Grundfesten der Demokratie. Die Brandstifter und ihre willfährigen Gehilfen gerieren sich als „lupenreine Demokraten“, faseln von Freiheit, den Werten der westlichen Welt und von Menschenwürde und schüren gleichzeitig Angst sowie Neid, Missgunst und Niedertracht. Sie schaffen sich damit die Voraussetzungen, um Gesetze zu verschärfen, Gelder zu kürzen und Menschen gegeneinander auszuspielen, bauen den Staat um und sichern sich ihre Pfründe. Man gebe den Menschen die Lizenz zur Niedertracht und erhalte im Gegenzug einen Freibrief zur Umgestaltung der Gesellschaft gemäß den eigenen Vorstellungen – und für den eigenen Vorteil.

Was tun angesichts dieser Entwicklungen? Die Missstände benennen, aufzeigen, immer wieder. Widerstand leisten, handeln, sich engagieren. Und die Hoffnung nicht aufgeben. Die Hoffnung auf ein anständigeres Leben, auf eine gerechtere Zukunft, auf bessere Menschen. Auf Menschen, die sich durch das Schicksal anderer, aber auch durch Kunst und Kultur berühren lassen, auf Menschen, die sich ihrer eigenen Menschlichkeit besinnen.

Der Glaube sei ein Programm zur Verschönerung der Welt, hat gestern ein Theologe in seinem Vortrag gesagt. Auch wenn für einen selbst der Glaube an Gott kein taugliches Mittel darstellt – der Arbeit an der Verschönerung der Welt bedarf es jedenfalls. (nemo)

 

 

 

 

Vom zivilisatorischen Niveau

Ganz was anderes heute: Im Morgengrauen habe ich in der Zeitung ein Gespräch mit einem Theaterregisseur gelesen, das mich einigermaßen beunruhigt hat. Es geht darin um die gesellschaftlichen Zustände in einem Land, zu dem ich keine besondere Verbindung habe. Das Land spielt, wiewohl es sich in Europa befindet, wenig Rolle in meinem Leben. Die geschilderten gesellschaftlichen und politischen Zustände aber sind erschreckend. Irgendwie packte mich heute in der Früh das Grauen.

Ich mache ein Experiment und gebe Teile des Artikels wieder – ohne jedoch das Land zu nennen, von dem die Rede ist. Ich kennzeichne die Veränderungen durch Auslassungszeichen:

Seine Landsleute hätten (…) nie gelernt, mit demokratischem Rüstzeug umzugehen. „Man hat uns gesagt, ihr könnt alle vier Jahre wählen gehen, den Rest erledigen wir.“ Eine Krankenpflegerin habe sich unlängst, so erzählt Schilling, an die Öffentlichkeit gewagt, um die schlechten Arbeitsbedingungen in (…) Spitälern anzuprangern, und kein einziger Kollege sei ihr beigestanden, obwohl jeder wisse, wie miserabel die Situation sei. Oder: Ein Universitätslehrer habe bei einer Demonstration die Verschlechterung im Bildungswesen beklagt und sei zwei Tage später von seinem Vorgesetzten ermahnt worden, es kein zweites Mal mehr zu tun. „Alle kuschen. Der existenzielle und psychische Druck ist enorm. Die Regierung hat das perfekt in der Hand.“ Es sprudelt aus Schilling heraus. Dabei geht es dem vielfach ausgezeichneten Regisseur und Gründer des heute nur noch als Produktionsplattform geführten (…)-Theaters nicht um seine Person oder die ihn betreffende Ächtung, sondern um den schlechten Befund von Mündigkeit und des Miteinanders, von dem verstärkt die Rede ist, seit sich weite Teile der europäischen Gesellschaften bedroht fühlen. „Die Menschen verhalten sich (…) mittlerweile wie im Mittelalter!“, sagt er.

Die rechtsnationale (…)-Partei betreibe auf allen Ebenen Angstpropaganda: Angst vor Brüssel, (…) Angst vor Migranten usw. „Und dann tritt (Name des Ministerpräsidenten) heraus und sagt, ich beschütze euch. Das ist die Geste des Königs!“ Und weiter: „Die Menschen fürchten sich mehr vor Migranten als vor dem Niedergang der Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen! Das ist doch gegen jeden Wert, das ist Antikultur. Das beunruhigt mich sehr. Was passiert hier mit unserem zivilisatorischen Niveau!?“

Das ganze Interview gibt’s hier.

(nemo)

 

Pariser Exzerpte

Gleich mehrere meiner alten Ordner landeten gestern im Altpapiercontainer. Literatur und Bürgerkrieg, kulturelles Gedächtnis, französische Gegenwartsautorinnen und mindestens fünf Mappen mit Materialien rund um die Dissertation. Jorge Semprúns literarische Auseinandersetzung mit Buchenwald lautete das Thema der Arbeit. 2004 wurde sie fertiggestellt, 2006 publiziert. Eine im Jahr 2017 notwendig gewordene häusliche Entrümpelungsaktion zum Anlass zu nehmen, um kiloweise solcher Kopien, Exzerpte, Mitschriften, Unterlagen und Artikel zu entsorgen, mag nun nicht gerade als überstürztes Unterfangen durchgehen. Dennoch, die Ratio allein ist eben nicht damit befasst, wenn es um Erinnerung, Vergangenheit und andere identitätsstiftende Faktoren geht. An jedem einzelnen Blatt hängt noch ein bisschen von damals dran, und genau das ist der Grund, warum es mir so schwer fällt, die alten Sachen wegzuwerfen.

Außerdem weiß ich noch genau, wie mühsam und langwierig, allerdings auch befriedigend und aufregend der Prozess des Akquirierens und Zusammentragens war, damals ganz zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Lächerliche anderthalb Jahrzehnte und doch wirkt manches, als entstammte es einer gänzlich anderen Zeit.

Ich hatte damals ein Stipendium, das es mir ermöglichte, ebenso intensiv wie exklusiv an der Dissertation zu arbeiten. Über ein halbes Jahr verbrachte ich in Paris, pilgerte beinahe täglich in die französische Nationalbibliothek, recherchierte, exzerpierte und las. Las und exzerpierte. Die BNF war Anfang 2000 noch nicht lange in ihr neues Domizil nach Tolbiac im Süden von Paris übersiedelt. Der ganze Betrieb in dieser modernen Bibliothek lief natürlich bereits computerisiert, so manches ältere Werk wurde einem schon damals nur mehr auf Mikrofilm ausgehändigt. Die meisten Bücher aber, zumindest die, die ich brauchte, konnte man via Computer bestellen und bekam sie sodann in ihrer physischen Gestalt.

Kurios aus meiner österreichischen Sicht war, dass das Kopieren nicht nur streng limitiert (höchstens 10 % eines Buches!), sondern darüber hinaus auch noch sündteuer war. Außerdem durfte man die Bücher – um ihre Rücken nicht zu beschädigen – nicht einfach aufklappen und auf den Kopierapparat drücken. Man war angehalten Seite für Seite abzulichten, was den Preis noch einmal verdoppelte. Den Kopien haftete somit etwas ebenso Kostbares wie fast Unanständiges an. Was blieb mir also übrig, als zu lesen und zu exzerpieren, zu exzerpieren und zu lesen, mit (oder auch ohne) Laptop tagein, tagaus stundenlang in der Bibliothek zu sitzen und zu arbeiten.

Dutzende, ja hunderte Karteikarten füllte ich auf diese Weise mit Notizen über das Gelesene. Der Informations- und Wissenszuwachs verlief nicht sprunghaft, sondern gleichmäßig, begrenzt, dafür aber stetig. Manchmal sehne ich mich noch heute nach dieser ruhigen und konzentrierten Form des Arbeitens. Wenn ich daran denke, wie aufgeregt viele (auch ich selbst) ständig im Netz herumklicken, anstatt endlich einmal ein Buch (oder auch nur einen Aufsatz) ordentlich zu lesen. Und wie schwierig es geworden ist, zum Beispiel mit der VWA befasste SchülerInnen vom Bücherlesen oder gar vom Sinn des Exzerpierens zu überzeugen!

Vielen Bibliotheksbenutzern begegnete ich bei meiner damaligen Arbeit in der BNF täglich, manchmal ergaben sich in den Kaffeepausen unverbindliche Gespräche oder vereinzelt sogar interessante Kontakte. Ein paarmal verabredete ich mich mit befreundeten DoktorandInnen zu bestimmten Zeiten im Café. Wobei, die Arbeitsatmosphäre im Untergeschoss („Rez-de-Jardin“), dort, wo sich die Forschungsbibliothek befand (im Gegensatz zur öffentlichen Bibliothek im Erdgeschoss, „Haut-de-Jardin“), war so seriös und streng, dass Begriffe wie „Café“ in diesem Zusammenhang schon fast frivol klingen. An jeder Ecke des riesigen rechteckigen Baus fand sich ein kleiner gläserner Kobel, in dem man das im durchsichtigen Plastiksackerl Mitgebrachte verzehren durfte. Mehr an Zerstreuungsangebot gab’s nicht. In einem der vier Glaswürfel konnte man frischen Kaffee und ein paar Kleinigkeiten zum Essen erwerben, in den anderen musste es ein Automat tun. Dass die ganze Angelegenheit nicht zur Unterhaltung gedacht war, sondern es sich beim unteren „Gartensegment“ um eine ernsthafte Forschungseinrichtung handelte, wurde dem Besucher bereits beim Eingang klar gemacht. Mehrere schwere, doppelte Türen und lange, schmale Rolltreppen schleusten die Forschungswilligen mit ihren transparenten Plastikumhängetaschen nach unten. Zum Lachen konnte man in einen anderen Keller gehen. Und zu dem so genannten Garten führte keine Tür hinaus.

Es mag heimeligere oder auch prachtvollere Bibliotheken geben, effizient war mein Forschungsaufenthalt in der BNF jedenfalls. Die ruhige Arbeitsatmosphäre, die zahllosen Bücher, das viele Lesen und die unmittelbare und kontinuierliche Verarbeitung des Gelesenen in Form von Exzerpten ermöglichten es, dass ich gleich nach der Rückkehr aus Paris mit dem Schreiben anfangen konnte und das Geschriebene von Anfang an eine gewisse Substanz aufwies.

Und dass das mit der Effizienz nicht allzu sehr übertrieben wurde, dafür sorgte in meinem Fall schon Paris selbst. Allein das erhebende Gefühl, das mich täglich überkam, nachdem ich die klimatisierte Bibliothek verlassen hatte, ist unbeschreiblich. À nous deux, Paris, und das jeden Tag aufs Neue – bis, ja bis ich wieder nach Hause fuhr, die Monate und Jahre ins Land zogen und bis die gestrige Entrümpelungsaktion die Erinnerung an diese doch schon lange vergangene Zeit wieder aufleben hat lassen. Gut, dass ein paar der Erinnerungen jetzt hier im Blog verewigt sind, sonst müsste ich glatt noch einmal beim Altpapiercontainer vorbeispazieren. 😉

(nemo)

Leichtigkeit und Schönheit

Die besten Bücher kriegt man oft geschenkt. Und in diesen Tagen hat man (endlich) Zeit, sie zu lesen. So geschehen mit einem Comic bzw. einer Graphic Novel von Catherine Meurisse, den/die mir eine Freundin aus Frankreich bereits im Oktober hat zukommen lassen. La Légèretè (Die Leichtigkeit) heißt das Buch. Es geht darin um die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Jänner 2015 und um die Frage, wie man nach diesem Ereignis mit diesem Trauma weiterleben kann. Catherine Meurisse war Zeichnerin bei dem Satireblatt und entkam damals, anders als viele ihrer Redaktionskollegen, nur knapp mit dem Leben. In bzw. mit dem Buch versucht sie nun, mit der Katastrophe fertig zu werden und ihre Leichtigkeit wieder zurückzugewinnen.

„Eine Meditation über Schrecken und Schönheit“ wurde das Buch, das vor wenigen Wochen auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, kürzlich in der Frankfurter Rundschau genannt. Das trifft, finde ich, ziemlich genau zu. Als Betrachterin/Leserin leidet man mit der Autorin mit und muss trotzdem immer wieder lachen, wenn es ihr gelingt, die Dinge wie nebenher auf den Punkt zu bringen. Die Verbindung von Bild und Text tut das ihre, um die richtige Mischung zwischen Schwere und Leichtigkeit zu erzeugen.

Letztlich ist es die Schönheit, die den Schrecken und die Trauer zu überwinden hilft – die Schönheit der Kunst, die Schönheit der Natur, die Schönheit der Freundschaft. Schönheit tout court. Am Ende des Buches heißt es: „Ich will wachsam bleiben, aufmerksam dem kleinsten Zeichen von Schönheit gegenüber.“ Und: „Diese Schönheit, die mich rettet, indem sie mir die Leichtigkeit zurückgibt.“ Wie gesagt, die besten Bücher bekommt man oft geschenkt. (nemo)

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Moi, ce qui m’a soudain paru le plus précieux, après le 7 janvier, c’est l’amitié et la culture. – Moi, c’est la beauté.
– C’est pareil.

So long, Leonard

Ich war so dreizehn oder vierzehn, als es neben dem Buchklub der Jugend, der für den Kauf von vier Jugendbüchern pro Jahr sorgte, und dem Filmklub der Schule, der uns im Lauf der Zeit mit Citizen Cane, Professione Reporter, Der Mann, den sie Pferd nannten, Z oder Der Schüler Gerber bekannt machte,  auch ein Schallplattenpendant zum Buchklub gab, von dem ich nicht mehr weiß, wie er genannt wurde. Schallplattenklub? Hm. Ziel aller drei Initiativen war es jedenfalls, uns mit einem Grundstock guter Bücher, Filme oder eben Musik zu versorgen.

Jedenfalls gab es ein Heftchen, das der damit betraute Lehrer während einer Unterrichtsstunde in der Klasse auflegte und mich nach meinen Wünschen fragte – und ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich auswählen sollte und ziemlich unter Zeitdruck stand. Klassisches wollte ich nicht und so fragte ich ihn, was er mir empfehlen würde und er schlug mir die Songs of Leonard Cohen und Live in Central Park von Simon and Garfunkel vor. Meine ersten beiden Langspielplatten! Wie gut die Tipps waren, sollte ich bald herausfinden. Die Stereoanlage in der Familie besaß mein Bruder, der bisher damit den Familiensound bestimmt hatte, daher musste ich mich mit ihm ins Einvernehmen setzen oder meine LPs dann spielen, wenn er nicht da war. Jedenfalls hab ich sie beide immer wieder angehört (auch weil es drei Monate bis zur nächsten gedauert hat 😉 ).

LPs haben zwei Seiten, die jeweils so 18 Minuten Musik auf einer Seite haben, man kann also auch nicht weg, man muss ja öfter umdrehen oder neu beginnen, so habe ich meine beiden Platten stundenlang auf- und abgehört und vor allem Leonard Cohen hat eine Saite in mir zum Klingen gebracht, die eigentlich überhaupt nicht zu meinem Wesen gehört – die Melancholische. Mein Musikgeschmack wurde sicher durch diese Tracks geprägt und seitdem kann es mir in Popsongs gar nicht traurig genug zugehen. Und zu Cohen bin ich immer wieder zurückgekehrt, in den letzten Jahren mit Dear Heather, Old Ideas (Going Home), Popular Problems  und so vor vier Wochen You Want It Darker. Ich hab mich gefreut, dass er noch viel geschrieben und gesungen hat und fast jedesmal bin ich in mein Cohen-Verhalten, die Songs immer und immer wieder anzuhören, zurückgefallen.

Danke für die lebenslange Begleitung, danke für die vielen Stunden, die mich Melancholie gelehrt haben, danke für Lieder, mit denen ich so richtig traurig sein konnte und in denen ich mich immer noch verlieren kann. Jetzt gerade ist es Dance Me to The End of Love. Schön, dass die Songs bleiben, schade, dass es keine neuen mehr geben kann. Danke Leonard und so long.
(juhudo)

Side A

  1. Suzanne“ – 3:48
  2. „Master Song“ – 5:55
  3. „Winter Lady“ – 2:15
  4. „The Stranger Song“ – 5:00
  5. „Sisters of Mercy“ – 3:32
Side B
  1. So Long, Marianne“ – 5:38
  2. „Hey, That’s No Way to Say Goodbye“ – 2:55
  3. „Stories of the Street“ – 4:35
  4. „Teachers“ – 3:01
  5. One of Us Cannot Be Wrong“ – 4:23