Lehrerin sein ist wie … das Bestellen eines „Blumenbeets“

Meiner Klasse gewidmet  

Immer wieder einmal drängt sich mir im Zusammenhang mit meinem Tun als Lehrerin die Metapher des Gartenbaus auf: Ich selbst betrachte mich des Öfteren als Gärtnerin, meine SchülerInnen sind die Pflänzchen, die ich hege und umsorge, an deren Wachstum ich mich erfreue. Schulschluss und noch viel mehr die Matura erscheinen mir als Zeit des Erntens und auch als Zeit des „Erntedanks“.

Meine achte Klasse hat diese Metapher – unbewusst bewusst – aufgenommen und weitergesponnen. Im Herbst vergangenen Jahres haben sie sich für das sogenannte Spaßfoto als buntes Obst und Gemüse verkleidet. Ich durfte die Gärtnerin mimen und prüfen, ob sie schon reif seien. Es war ihre Idee. Mir hat sie gefallen.

8A_SPASS-520x368

Jetzt, zur Zeit des Erntens, bin ich ausgefallen. Aufgrund einer akut notwendig gewordenen Operation konnte ich nicht bei ihrer Maturafeier dabei sein. Ich konnte keine Rede für sie schreiben, schon gar nicht hätte ich sie halten können und noch weniger hätte ich Kraft zum Feiern gehabt. Gemeinsamer „Erntedank“ war nicht.

Trotzdem habe ich so vieles an Ernte erhalten. Das kostbarste Geschenk aus unserem gemeinsamen Garten ist das Album mit den Freewritings, das sie mir zukommen ließen. Darin finden sich neben den Freewritings Fotos, Karten von unseren Theaterbesuchen und Fahrscheine von unseren gemeinsamen Klassenreisen nach Brüssel, Amsterdam, Wien und Linz. Und ganz am Anfang des Albums findet sich ein Gedicht, verfasst von Elena D. Daneben klebt das Foto von unserer ebenso symbolischen wie lustig gemeinten „Reifeprüfung“. (Da das Foto ohnehin im Internet auffindbar ist, habe ich mir erlaubt, es auch in den Blog zu stellen.) Das Gedicht möchte ich zitieren:

Das Blumenbeet

Die Gärtnerin kümmert sich um die Jungpflanzen im Beet:
viele bunte verschiedene Pflanzen,
die sich im Garten verschanzen.
Alles ist dabei, von Avocados bis zu Erbsen
und jedem Einzelnen wächst die Gärtnerin sehr zu Herzen.
Liebevoll pflegt und hegt sie das Beet,
gibt ihnen Wasser, Liebe und schaut, dass die Sonne richtig steht.
Allmählich sprießen die Pflanzen in die Höhe.
Nun ist es Zeit sich zu verabschieden und sich in der Welt zu verteilen.
Wer weiß schon, in welchem Garten die Pflanzen liegenbleiben?
Doch mit Sicherheit kann man eines sagen:
Tief im Herzen werden sie für immer die Gärtnerin tragen.

Kann eine Klassenvorständin schönere Erntegaben zur Matura von ihren SchülerInnen erhalten? Ich fühle mich unendlich beschenkt.

(nemo)

 

 

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen. Eine unvollständige Liste

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen:

  • für jeden einzelnen Besuch, jeden Anruf, jede Nachricht und alle guten Wünsche und Gedanken, die mich erreichen.
  • für alles, was mir meine Kolleginnen bringen und für mich tun.
  • fürs Kennenlernen von Barbara Pachl-Eberhart. Ich habe ihr Buch Vier minus drei gelesen, ich habe ihren Newsletter bestellt. Ich habe bereits viele Schreibtipps von ihr erhalten und ich will alle Bücher von ihr lesen.
  • für die Geschenke meiner (Ex-)SchülerInnen: ein Blumenstrauß aus Sonnenblumen und Rosen, ein Gutschein für eine Fahrt nach Wien mit Theater- oder Opernbesuch (gemeinsam mit meiner liebsten Reisekollegin!).
  • für die Freewritings, die sie für mich angefertigt haben und in ein Album geklebt haben. Für alles, was in diesen Texten steht.
  • dafür, dass ich die Maturazeugnisse meiner Klasse unterschreiben konnte. (Eine Kollegin hat sie mir nach Hause gebracht und anschließend wieder in die Schule gefahren.)
  • für meine Zeitungsabos: Der Standard kommt täglich, am Samstag kommen auch die Salzburger Nachrichten. Für die vielen guten und interessanten Zeitungsartikel, die ich täglich lese.
  • für das Radioprogramm von Ö1. Für Du holde Kunst heute Morgen mit den Lieblingsgedichten von Peter Matic (sieben Tage lang kann man die Sendung noch nachhören), für die Kabarett- und Konzertübertragungen vom Donauinselfest.
  • für die Stimme und die Intonation von Peter Matic.
  • dafür, dass ich auf meiner Couch liegen darf, Radio hören und lesen kann.
  • dafür, dass ich meine Tochter am Freitag zum Bus begleiten und ihr winken konnte, bis der Bus um die Ecke gebogen war. (Sie fuhr mit ihrer Klasse auf meeresbiologische Woche nach Premantura.)
  • dafür, dass ich weinen und lachen kann.
  • für meine beiden Katzen Tonio und Nina, die sich gerne auf mich drauflegen, mich lieb anschauen und schnurren.
  • für alles, was meine Eltern, meine Schwester, meine kleine Nichte und meine Schwägerin (die mich vom Krankenhaus abgeholt hat und sich neben vielem anderen um die Blumen am Grab kümmert) für mich tun. Und dafür, dass auch meine anderen Schwägerinnen und Nichten an mich denken. Und meine lieben, lieben Freundinnen sowieso.
  • für das schöne Sommerwetter und den abkühlenden Regen.
  • für das Geschenk, dass ich wieder schreiben kann.
  • für die vielen Buchtipps, die ich dieser Tage erhalte, und für das Buch Darm mit Charme von Giulia Enders, dessen Lektüre mir früher peinlich gewesen wäre und das ich jetzt mit großem Vergnügen lese. 🙂
  • für die Musik von I Muvrini (ganz besonders für das Album Invicta), die Songs von Calexico und das neue Album von Bruce Springsteen. Und für die Musik von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn Bartholdy.
  • dafür, dass ich wieder (fast) alles essen kann und mir alles so gut schmeckt.
  • dafür, dass liebe Menschen für mich einkaufen und kochen.
  • für meine beiden neunjährigen Nachbarsjungen, die einfach bei mir klingeln, mir und meinen Katzen Zeichnungen und Selbstgebasteltes schenken. Wir essen gemeinsam Melone, quatschen ein bisschen und ich lese ihnen Michel aus Lönneberga vor.
  • für mein Tagebuch und den Blog – und dass meine selbst geschriebenen Wort bei mir sind.
  • für das Verständnis meiner Schulleitung (Direktion, Administration und Sekretariat), die einfach alles, was zu regeln ist, für mich regeln.
  • für meinen so gut funktionierenden Körper und das Jojoba-Körperöl, das ich geschenkt bekommen habe, mit dem ich öle und öle.
  • für meine neue Hausärztin, bei der ich mich gut aufgehoben fühle, und dafür, dass sie für mich einen Antrag auf Erholung gestellt hat.
  • für die Kirchenglocken und das Zwitschern der Vögel.
  • für die Erinnerungen an unsere wundervollen Sommer in Korsika.
  • und für noch so vieles mehr.

(nemo)

 

 

Schönheit und Schrecken der Schule. Ein ebenso metaphorischer wie ungeschminkter Bericht vom Schwimmen

Hier sitze ich nun an meinem wunderbaren Schreibtisch, den der geliebte Mensch vor ein paar Jahren extra für mich aus edlem Kirschholz gefertigt hat. Über zwei Wochen konnte ich nicht an diesem Tisch Platz nehmen und die Tatsache, dass ich es jetzt erstmals wieder kann, treibt mir fast die Tränen in die Augen.

Was ist passiert? Mitten unter der Matura, quasi auf hoher schulischer See, drohte ich plötzlich unterzugehen. Wenn mein Körper nicht „SOS“ gefunkt beziehungsweise die Notbremse gezogen und mich aus der schulischen See hinauskatapultiert hätte, wäre ich vielleicht, ich weiß es nicht, wirklich „ertrunken“. Zu Pfingsten musste ich operiert werden, seit einer Woche bin ich wieder zu Hause. Nunmehr geht alles ganz langsam. So langsam, wie ich es mir in meinem bisherigen Leben gar nicht für mich hätte vorstellen können. So langsam, wie mein Körper und ich es jetzt halt brauchen.

∗ ∗ ∗

Wie habe ich mich gefreut, Anfang März nach dem plötzlichen Tod des geliebten Menschen, als ich wieder in die Schule gehen konnte. Das Mitgefühl, die freundlichen Blicke, die tröstenden Worte, die Lebendigkeit und die Wärme taten mir so gut. Ich fühlte mich aufgehoben im Kreise meiner KollegInnen und SchülerInnen. Wie eine große Familie erlebte ich die Schulgemeinschaft, jeden Tag erfreute ich mich daran, dass ich Teil dieser Familie sein durfte, dass diese Familie Bestand hatte, dass in der Schule Normalität im besten und schönsten Sinne herrschte. Wir hatten unseren Platz dort, mein Schicksal und ich. Dafür bin ich bis heute und – wenn ich das so sagen darf – werde ich für immer dankbar sein.

Nach und nach veränderten sich die Dinge, zuerst unmerklich und dann immer merklicher. Als ich es so richtig gemerkt habe, da war es jedoch schon zu spät für mich. Da war ich sozusagen schon zu weit vom Ufer entfernt. Die vierstündige Schularbeit der achten Klasse, so etwas wie eine Probematura, war der erste Stein auf dem Weg ins Wasser gewesen. Die Arbeit war anstrengend, die Arbeit war fordernd, aber ich war froh und stolz, dass ich die Arbeit bewältigen konnte. Gleich anschließend ging es Schlag auf Schlag. Nicht nur die großen Steine wurden spitzer, auch die vielen kleinen. Aber ich schaffte den Weg. Auf einmal war ich im Wasser und konnte losschwimmen. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte – wohl wissend, dass es immer so gewesen war, jedes Jahr aufs Neue -, das war die Sogwirkung des Schulwassers. Ja, mit einem Mal, noch bevor ich wieder umdrehen und meine Schwimmübungen beenden konnte, riss es mich mit. Eben noch vorsichtig mich über die Steine hinwegtastend, prüfend, ob ich den steinigen Zugang und das doch noch recht kühle Wasser überhaupt schon aushalten würde, kam die Schule als riesige Welle daher und nahm mich mit. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, „Stopp“ zu rufen, ich konnte nur mehr mitschwimmen. Aber siehe da, es klappte. Es fühlte sich nicht einmal schlecht an, das Gewässer war mir vertraut – und ja, schwimmen kann ich. Das habe ich gründlich gelernt und schon des Öfteren bis zur Erschöpfung praktiziert.

Matura mit meiner Klasse, VWA-Präsentationen, Korrektur der schriftlichen Deutsch-Matura, Vorbereitung der mündlichen Deutsch-Matura, Verantwortungsgefühl für 26 MaturantInnen, Abschluss mit und Abschiednehmen von meiner achten Klasse, Empathie und Verpflichtung auch den vielen anderen SchülerInnen gegenüber. Nicht weniger als der ganzen Schule fühlte ich mich moralisch verpflichtet. So wie früher halt. Besprechungen und Vorbereitungen fürs Schuljahresende, Planungen bereits für das nächste Schuljahr, Mitleiden mit den enttäuschten MaturantInnen, Mitfreuen mit den erfolgreichen und darüber hinaus noch Mitleben mit jenen SchülerInnen, die sich beispielsweise auf eine Klassenreise freuten. Letzte Schularbeiten, Notengebung, Abschluss und Präsentation der Jahresprojekte als Dreingabe. So viele Ideen, so viele Termine, so viele Kleinigkeiten, um die ich mich – wie immer – kümmerte. Und daneben noch der Versuch, Mama und Papa gleichzeitig für das eigene Kind zu sein. Denn wenn die Schule auch noch so anstrengend ist, ich noch so erschöpft bin, das eigene Kind darf nicht darunter leiden!

So schwamm und schwamm ich, immer verzweifelter, und merkte anfangs kaum, dann aber immer deutlicher, wie es mich nach unten zog, wie ich mich nur mehr mit größter Kraftanstrengung an der Oberfläche halten konnte. Wo war der Platz für meine Trauer? Wo war der Raum für meine Schwäche? Wo war die Zeit für Regeneration? Ja, wo war eigentlich ich?

Dass mich mein eigener Körper nun sozusagen vor dem Ertrinken gerettet hat, ist ein Glück, das ich vielleicht gar nicht verdient habe. Aber wer weiß denn schon, ob man sein Glück verdient hat oder nicht? Es ist ganz einfach ein Geschenk, eines der schönsten und größten, die ich jemals bekommen habe. Ein Geschenk, das ich gerne annehme, das ich ganz fest bei mir halten werde, das so kostbar wie mein Leben ist. Das Geschenk beinhaltet eine Chance – und diese Chance werde ich versuchen wahrzunehmen.

Schwimmen ist derzeit nicht. Aber im kühlen Schatten liegt es sich geradezu paradiesisch. Im Moment brauche ich nicht einmal den Blick aufs Wasser. Noch dazu, wo täglich Kolleginnen vorbeikommen, mir ein bisschen frische Luft zufächeln und mich mit kräftigenden „Cocktails“ versorgen. Obwohl ich auf unbestimmte Zeit nicht mitschwimmen kann, lassen sie mich nicht einfach links liegen, sondern umsorgen mich und passen darauf auf, dass ich nicht zu schnell wieder Gefahr laufe, von der riesigen Schulwelle mitgerissen zu werden. Denn auch wenn jetzt die Sommerferien vor der Tür stehen und die schulische See mehrere Wochen lang zur Ruhe kommen wird, ist die grundsätzliche Gefahr des erneuten Mitgerissenwerdens natürlich noch lange nicht gebannt. Ja, meine Kolleginnen, die schauen auf mich.

Schule ist wunderschön, Schule kann aber auch schrecklich sein. Meistens ist sie beides irgendwie gleichzeitig, und die Herausforderung besteht vielleicht darin, das schrecklich Schöne aushalten zu können, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

So, und jetzt lege ich mich wieder hin! 🙂

(nemo)

Als wir der Hilfe bedurften. Schule als Gesellschaftsutopie

Als wir der Hilfe unserer Mitmenschen bedurften, war sie da. So intensiv, mannigfaltig und wahrhaftig, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Familie, Freunde, Verwandte und Bekannte, Menschen von nah und fern, warfen – als bei uns nach dem Tod des geliebten Menschen ein großes IMG_5121Blackout drohte – ihr Notstromaggregat für uns an und sorgten dafür, dass das Licht nicht ausging und auch weiterhin nicht ausgehen wird. Hier im Schulblog will ich von jener Hilfe berichten, die uns von der Schulgemeinschaft zuteil wurde.

Dass ich in einer Schule mit einer stabilen, herzlichen und mich immer wieder beglückenden Schulgemeinschaft arbeite, weiß ich, seit ich in dieser Schule unterrichte. Was das über die Normalität hinaus in einer Krisensituation bedeutet, durfte ich kürzlich erfahren. Die Schulgemeinschaft wurde mir in diesen Tagen und Wochen zu nichts Geringerem als einem Lebensanker.

KollegInnen umarmten und trösteten mich, sie kamen bei mir zu Hause vorbei und brachten Essen für uns, Lasagne und Quiche, Suppe, Kuchen, Macarons und Schokolade. Auch vor der Tür warteten immer wieder kleine Aufmerksamkeiten auf uns, Honig und Nüsse, Blumen und Karten. Auf sämtlichen Kanälen, die uns zur Verfügung stehen, trafen Grüße, IMG_4994Botschaften und Nachrichten für uns ein. Die genau richtigen Gedichte und Bücher, die schönsten Blumen und Kerzen, tröstende Briefe und liebevolle Gedanken erreichten uns. Von allen Seiten wurde mir in der Schule Hilfe angeboten. Kolleginnen und Kollegen nahmen mir Arbeit ab, Sekretariat, Administration und Direktion halfen zusammen, um mir das Leben zu erleichtern.

Meine AchtklässlerInnen schenkten mir zwei Steine, einen für mich, einen für mein Kind. Jeder Einzelne von ihnen hatte die Steine in die Hand genommen und uns Kraft geschickt. Mit dem Handy und mit dem Stift drückten sie mir ihr Mitgefühl aus, ebenso wie die FünftklässlerInnen, die ich in Französisch unterrichte. Den DrittklässlerInnen fielen die Worte schwer, sie nähten mir ein Polsterherz, aus weinrotem Stoff, so schön wie nur möglich. Meine Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und sogar SchülerInnen, die ich gar nicht oder schon lange nicht mehr unterrichte, schrieben uns und dachten an uns. Immer noch sehe ich in so vielen Blicken, auf dem Gang oder beim Buffet, wie kleine und große Menschen mit mir mitfühlen.

IMG_5120

Ist meine Schule eine singuläre Ausnahme, die einzige Schule, an der so etwas möglich ist? Nein. Meine Schule ist großartig und für mich die schönste Schule, an der ich sein kann. Aber auch von KollegInnen aus benachbarten Schulen kam Hilfe. Und auch meine Tochter erlebt an ihrer Schule, einem anderen Salzburger Gymnasium, eine wunderbare Welle der Anteilnahme und der Unterstützung. Ihre Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie die Direktorin, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sowie deren Eltern bilden ein dichtes und stabiles Netz für sie. Meine Tochter wird in ihrer Schule, ebenso wie ich in der meinen, gehalten und getragen, vom ersten Augenblick an, bis heute und darüber hinaus.

Schule ist Leben, Schule ist ein Ort des Lernens und Miteinanderseins. Beziehung und Resonanz sind die Säulen, auf dem all das fußt. Kein Programm oder System, keine Noten und keine Qualitätsstandards, keine Norm und keine Bildungsdokumentation können irgendetwas von dem erzählen, worauf es im schulischen Zusammenleben von Menschen eigentlich ankommt. In unserer Ausnahmesituation hat sich das soziale Gefüge der Schule in seiner ganzen Kraft und Schönheit bewährt. Wir bedurften der Hilfe und die Hilfe war da.

Wie wäre es, wenn wir alle auch im Normalfall ein bisschen öfter auf das achten würden, was da ist, was im Miteinander der Schule funktioniert und klappt? Wie wäre es, wenn Herzensbildung als integraler und wesentlicher Bestandteil von schulischer Bildung betrachtet würde? Als menschlicher Auftrag, nicht weniger wichtig als jedes einzelne Fach mit seinen Inhalten und zu erwerbenden Kompetenzen? Eine Kollegin zum Beispiel, die in diesem Jahr zum ersten Mal Klassenvorständin ist, wird jedes Mal, wenn sie in ihrer Klasse unterrichtet, von einer ganzen Kinderschar abgeholt. Ihre Schüler warten schon in der Pause vor dem Konferenzzimmer auf sie und begleiten sie dann auf dem Weg in den Klassenraum. Erzählen solche Kleinigkeiten nicht eine andere Geschichte von Schule, eine vom Gelingen des Miteinanders? 

„Alles könnte anders sein“ heißt das neue Buch von Harald Welzer. In einem Interview, das im heutigen Standard erschienen ist (aber offenbar nur in der Printversion verfügbar ist), sagt der Soziologe: „Auf Probleme schaue ich in diesem Buch bewusst nicht. Ich versuche, andere Wege aufzuzeigen. Zum Beispiel wende ich mich der Beziehung der Menschen untereinander zu. Es ist das Paradox zu beobachten, dass wir einen permanenten Wohlstandszuwachs verzeichnen, aber die Menschen sich aggressiv verhalten, unter Ängsten leiden und gereizt sind. Wollen wir nicht eine freundliche Gesellschaft, in der man keine Angst hat und freundlich miteinander umgeht? Das ist eine konkrete Utopie, die auch zu verwirklichen ist.“

Sowohl in meiner Schule als auch in der Schule meiner Tochter und zweifellos in vielen anderen Schulen auch ist das, was Welzer „Gesellschaftsutopie“ nennt, bereits seit Langem Wirklichkeit.

(nemo)

Zwei Tage Linz

Eigentlich wollte ich mit mit meinen Achtklässlern auf die Alm. Am Beginn des neuen und für die SchülerInnen letzten Schuljahres hoch hinaus und gestärkt wieder zurück – das war die Idee. Dann aber wurde die Wettervorhersage für die vergangenen zwei Tage zu schlecht. Im Eilverfahren habe ich am Freitag versucht, ein Alternativprogramm für Linz zu erstellen – wissend, dass die Dinge in der IMG_2658oberösterreichischen Landeshauptstadt oft leichter gehen als anderswo. Und tatsächlich, Linz hat uns auch diesmal nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil: Nach ein paar Stunden Internet- und Telefonarbeit war alles reserviert. Zugfahrt, Jugendherberge, Theater- und Ausstellungsbesuch. Ich war selbst beeindruckt, zumal sich die Kosten für die SchülerInnen auf nicht einmal 60 Euro pro Person belaufen sollten.

Highlight am gestrigen Tag war die Improtheatervorstellung im Theater Phönix. Die SchauspielerInnen reagierten auf Zuruf, vor uns entstanden die lustigsten und skurrilsten Szenen, es wurde gesungen und gespielt auf Teufel komm raus. Wirklich ein gelungener Abend. Highlight am heutigen Tag war der Besuch des IMG_2669„Höhenrausches“. Verschiedene Kunstinstallationen zum Thema „Das andere Ufer“ und ein Rundgang über den Dächern von Linz. Auf diese Weise wird den Schülern die Begegnung mit moderner Kunst wirklich schmackhaft gemacht. Meine Klasse war davon (fast) so begeistert wie ich.

Ach ja, alle 26 SchülerInnen waren in Linz dabei, alle waren zufrieden. Eine echte Freude, wie’s läuft, wenn man nach mittlerweile über drei Jahren und etlichen gemeinsamen Reisen schon so richtig zusammengespielt ist. Klassenvorstandsglück halt! 🙂

(nemo)

Zweite Schulwoche, zweiter Tag. Ein Schnelldurchlauf

In der Früh gleich die Französisch-Anfänger. Meine neue Französisch-Gruppe ist klein, aber fein. Die große Mehrheit will Spanisch lernen, wir sind eine Minderheit. Heute haben wir das französische Alphabet gelernt. Und ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr ganz viel mit Musik zu arbeiten.

Danach zwei Stunden ohne Unterricht. Ich organisiere einen zweitägigen Wandertag für die achte Klasse. Telefonat mit der Alm, Termin vereinbart, Rahmenbedingungen in Erfahrung gebracht. Gleich damit zum Chef. Der Direktor muss den Ausflug genehmigen. Grundsätzlich keine Hexerei, möchte man meinen. Doch: Die Anzahl der Schulveranstaltungen pro Klasse ist streng geregelt. Sowohl die Kosten als auch die Zeit spielen dabei eine Rolle. Im vorliegenden Fall sind die Kosten nicht das Problem, die entfallende Unterrichtszeit schon. In meiner Brust schlagen drei Herzen gleichzeitig: Als Klassenvorständin weiß ich, wie wertvoll gemeinsame Unternehmungen für die Klassengemeinschaft und die Stimmung in der Klasse sind und wie förderlich das wiederum für ein gutes Lernklima und die Beziehung zu den und zwischen den Schülern ist. Als Französisch-Lehrerin weiß ich, wie lähmend es ist, wenn in den Sprachgruppen, die sich ja immer aus mehreren Klassen zusammensetzen, andauernd ein paar weg sind. Und als Lehrerin einer Maturaklasse stresst es mich, wenn schon wieder kostbarer Fachunterricht ausfällt: Hilfe, wie sollen die in ein paar Monaten maturieren?? Insgesamt ein leidiges und ziemlich komplexes Thema.

In der verbleibenden „freien“ Stunde bereite ich mit einer Kollegin alles für den VWA Kick-off-Tag vor. Der Termin in der nächsten Woche ist fixiert, die Bibliotheksführungen für den Nachmittag haben wir bereits vereinbart. Damit aber alles funktioniert, gilt es noch vieles zu bedenken und zu organisieren: Wir brauchen LehrerInnen aus allen Fächern, also müssen die KollegInnen informiert und Listen zum Eintragen aufgelegt werden. Außerdem brauchen wir Räume, wir müssen die SiebtklässlerInnen informieren, wir müssen die entsprechenden Formulare aktualisieren und ausdrucken, wir dürfen nicht vergessen, dem Hausmeister Bescheid zu geben, wir benötigen einen Laptop und müssen überprüfen, ob der Beamer funktioniert.

Unsere Planungsarbeit findet in der Teeküche statt. In dem Raum stehen zwei Computer (juhui, einer davon ist frei!), dort findet sich eine Sitzgruppe, da steht auch der Kopierer – und ja, da wird gerade unsere neue Kaffeemaschine geliefert. Ziemlich viel Ablenkung, aber immerhin, sowohl der Computer als auch das Internet funktionieren …

Haarscharf geht sich alles aus, bevor ich wieder in den Unterricht eile. Die SchülerInnen der achten Klasse sind mit der Ballorganisation beschäftigt, ich will ihnen die Neuigkeiten bezüglich Wandertag mitteilen, außerdem muss ich noch abklären, wer von ihnen jetzt eigentlich bei der Reise nach Genf zum CERN dabei ist. Erst heute habe ich überhaupt erfahren, dass eine solche Reise von Physik aus geplant ist. Und in Deutsch muss ich auch weiterkommen. Für die Besprechung der Klassenangelegenheiten ist keine Stunde vorgesehen. Alles geht auf Kosten meines Deutschunterrichts. Und die Textsorte Rede müssen wir dringend und unbedingt üben. Vom Weiterkommen in der Literaturgeschichte ganz zu schweigen.

So, jetzt aber etwas essen, der Magen knurrt bereits. Auf dem Weg zum Buffet treffe ich eine Kollegin, die noch schnell die Sache mit den Kästchen im Konferenzzimmer besprechen will. Wir haben insgesamt viel zu wenig Platz für unsere Materialien, um die verschließbaren Kästchen herrscht ein echtes G’riss. Ok, die alten Bücher müssen weg, aber wohin bloß mit all den Sachen?

Nach der Mittagspause wartet bereits eine Schülerin auf mich. Sie schreibt an ihrer VWA, ich bin ihre Betreuungslehrerin. Wir setzen uns in die Bibliothek und feilen an ihrem Konzept. Ich gebe ihr noch ein paar Literaturtipps und ermuntere sie, jetzt aber wirklich ins Schreiben zu kommen.

Eigentlich ist schon ganz schön viel passiert an diesem Tag. Mein Highlight aber steht noch aus: Wahlpflichtfach Deutsch. Zehn SchülerInnen haben sich angemeldet, heute findet es zum ersten Mal statt. Den ganzen Sommer lang habe ich mich auf diesen Kurs gefreut, beim Radfahren so viele Ideen gesammelt, wie ich das Fach anlegen werde. Ich will mit den SchülerInnen Texte lesen, Filme anschauen, Bilder betrachten. Sie sollen selbst kreativ werden, eigene Texte verfassen. Ich will mit ihnen gemeinsam herausfinden, was sie bewegt, und sie dazu anregen, ihre Erfahrungen in Sprache zu übersetzen. In der ersten Stunde will ich mit Bildern arbeiten: Jeder darf sich eine der schönen Karten aussuchen, die ich auf dem Boden auslege, und einen Text dazu schreiben. Ohne Vorgabe, ohne Einschränkung.

Nach einer individuellen Schreibphase kehren die SchülerInnen in den Klassenraum zurück. Ich bitte sie nun, zu zweit spazieren zu gehen und gemeinsam über ihre Bilder und ihre Texte zu sprechen, sich die Texte gegenseitig vorzulesen, und dabei immer in Bewegung zu bleiben. Als alle wieder zurück sind, frage ich, wer seinen Text vorlesen möchte. Wir wollen die Texte nicht beurteilen, sie uns nur anhören. Wenn jemand nicht vorlesen möchte, ist es auch in Ordnung. Aber siehe da: Jeder liest seinen Text vor, am Ende lese auch ich meinen vor. Ich bin beeindruckt, was in diesen insgesamt zwei Stunden passiert ist, was für interessante, fesselnde, witzige, nachdenklich stimmende, kreative Texte entstanden sind – und ich spüre, ich bin nicht die Einzige, die sich am Ende dieses Nachmittags bereits auf nächste Woche freut.

Der Schultag war lang und anstrengend. Ich bin müde und glücklich gleichzeitig. Für morgen ist noch nichts vorbereitet, nur gut, dass es noch nichts zu korrigieren gibt. Als ich am Abend im Bett noch schnell die Lesehausübung, die ich den Drittklässlern gegeben habe, machen will, fallen mir nach ein paar Seiten die Augen zu. Ja, ja, die Schule hat mich wieder voll im Griff.

(nemo)

 

 

 

 

Was täglich in der Schule so passiert …

ist jedenfalls eine ganze Menge.  Ja, die Tage und Wochen sind wieder einmal so dicht, dass ich nicht und nicht dazukomme, über all das zu schreiben, worüber ich gerne schreiben würde. Ok, möglicherweise ist nicht alles von dem, was täglich so passiert, unbedingt mitteilenswert, trotzdem, zumindest ein paar Dinge will ich kurz erwähnen bzw. auflisten:

  • unsere große Reise im Rahmen des Kulturprojekts steht vor der Tür. Am Sonntag fliegen wir nach Brüssel, am Donnerstag geht’s weiter nach Amsterdam. In Brüssel stehen in erster Linie Besuche bei verschiedenen EU-Institutionen auf dem Programm, in Amsterdam der Besuch mehrerer Museen und natürlich die Stadt selbst. Zudem haben die SchülerInnen verschiedene Schreibaufgaben zu erledigen. Unser Projekt trägt ja den Titel „Europa schreiben“.
  • Apropos „Europa schreiben“: Die Schreibwerkstätten, die eine Schriftstellerin mit den SchülerInnen bereits durchgeführt hat und noch durchführen wird, sind großartig. Es ist beeindruckend, was für schöne, interessante, lustige, poetische und ungewöhnliche Texte beim kreativen Schreiben herauskommen – auch von Schülern, die sich mit dem informierend-analytisch-argumentativen Schreiben im Deutschunterricht wahnsinnig plagen.
  • Apropos Reise: Eine Exkursion nach Brüssel wird erfreulicherweise vom Land gefördert. Nicht nur, dass mich das Verbindungsbüro des Landes zur EU bei der Programmerstellung unterstützt und sämtliche Termine für uns vereinbart hat. Wir bekommen auch noch eine finanzielle Förderung! Informationen finden sich auf der Homepage des Landes Salzburg.
  • Es herrscht Schularbeitenhochsaison. Die SiebtklässlerInnen hatten letzte Woche eine Erörterung zu schreiben, die ZweitklässlerInnen durften heute eine Eulenspiegel-Geschichte in einen Bericht umformulieren. Das letzte Wochenende war wieder einmal ein reines Korrigierwochenende.
  • Die SchülerInnen der achten Klassen müssen bis Ende dieser Woche beurteilt werden. Danach ist der normale Unterricht für sie vorbei, sie arbeiten ohnehin nur mehr auf die Matura hin. Vom Französischunterricht bleibt denjenigen, die in Französisch nicht zur Matura antreten, kaum etwas. Ihre Sprachkompetenz hat bereits in den letzten Wochen spür- und messbar abgenommen. Zu viel anderes hat sie permanent beschäftigt (nicht zuletzt die VWA), der normale Unterricht erscheint zunehmend unwichtig. Seit Weihnachten fokussiert sich alles auf die Matura, der Regelunterricht in der achten Klasse kommt mir schon eher wie eine Farce vor.
  • Apropos normaler Unterricht: Was mich ebenfalls stört, sind die dauernden Abwesenheiten der Schüler. Nicht nur, dass viele wirklich häufig krank sind, sie haben auch unglaublich viele Arzttermine. Außerdem fällt mir auf, dass immer mehr Familien um Freistellung ihrer Kinder bitten, damit sie bereits einen Tag früher auf Urlaub fahren bzw. später zurückkommen können. (Ähnliches war kürzlich auch in einem Artikel („Womit Lehrer kämpfen“) im Standard zu lesen.) Neulich hat mir eine Schülerin gesagt, sie habe nicht zum Nachmittagsunterricht erscheinen können, weil sie arbeiten musste, und eine andere hatte eine Fahrstunde, die sich keinesfalls verschieben ließ. Ok, wenn Schularbeit ist, sind sie da (sonst müssen sie nämlich nachschreiben), der normale Unterricht aber erscheint ihnen offenbar entbehrlich. Und wenn ich darauf beharre, dass es in der Schule Anwesenheitspflicht gebe, reagieren sie verständnislos.
  • Mit den ZweitklässlerInnen habe ich das Buch Als mein Vater ein Busch wurde gelesen. Vom Verlag gibt es recht brauchbares Unterrichtsmaterial frei im Netz verfügbar. Wir spielen zudem einige Szenen nach. Noch ist die Dramatisierung nicht aufführungsreif, man kann jedoch bereits erkennen, wie berührend viele Szenen wirken, wenn man sie nachspielen lässt.
  • Und über meine Lehrveranstaltung zum Thema „Flucht und Migration in Literatur, Filmen und Comics“, die ich in diesem Semester an der Uni halte, will ich irgendwann auch einmal berichten.

(nemo)

Weihnachten feiern in der Schule

Weihnachten lebt von Ritualen und das ist gut so. Bei uns an der Schule heißt das: Zuerst das alljährliche Fußballturnier, dann die Weihnachtsfeiern in der Kirche und in der Klasse (und anschließend das Zusammensitzen mit KollegInnen im Kaffeekammerl 🙂 ). Über das Fußballturnier gibt es auf der Schulhomepage bereits eine umfassende Berichterstattung: alle Ergebnisse, Fotos und einen ausführlichen Kommentar. Über die heurigen Weihnachtsfeiern will ich nachfolgend ein wenig erzählen:

Jedes Jahr organisiert das Team der ReligionslehrerInnen eine Weihnachtsfeier für die Unter- und eine für die Oberstufe. Dass die Veranstaltung eine ökumenische Feier sein soll, darüber herrscht Konsens, wie sie konkret ablaufen soll, darüber gibt es unter den Religionslehrern durchaus unterschiedliche Auffassungen. Trotzdem gelang es auch in diesem Jahr wieder, zwei wirklich schöne und besinnliche Feiern auszurichten, die, soweit ich gehört habe, bei den allermeisten SchülerInnen gut ankamen.

Bei der Unterstufenfeier war es offenbar mit der Geräuschkulisse während der Feier nicht ganz einfach, bei der Oberstufenfeier, wo ich mit meiner Klasse war, hielt sich das Getratsche absolut in Grenzen. Cool fand ich die zwei Achtklässlerinnen, die sich mit der Gitarre vor die über 200 MitschülerInnen hinstellten und wunderschön zweistimmig sangen. Beeindruckt haben mich auch die SchülerInnen, die ihre selbst geschriebenen gesellschafts- und konsumkritischen Texte und Fürbitten vorlasen. Und auf die zum Nachdenken anregende Predigt des evangelischen Pfarrers und Religionslehrers war auch in diesem Jahr Verlass. Insgesamt eine schöne, ruhige Stunde, die nach den vielen dichten und anstrengenden Wochen tatsächlich ein Innehalten bewirkte und ein Gefühl der Entspannung hervorrief.

Wirklich schade und für mich letztendlich auch unbefriedigend bleibt die Tatsache, dass unsere muslimischen SchülerInnen an der Weihnachtsfeier nicht teilnehmen. Ich würde mir eine Feier für die ganze Schule wünschen, die alle miteinschließt – aber natürlich, einer Weihnachtsfeier, so reduziert „gottesdienstmäßig“ sie auch sein mag, ist nun einmal die christliche Perspektive inhärent. Trotzdem, wie schön wäre es, wenn die muslimischen SchülerInnen – so wie viele konfessionslose und orthodoxe – mitfeiern und ihre Sichtweisen und Stimmen einbringen würden. (Im Gegenzug fände ich es übrigens genauso schön, wenn wir einmal zum Mitfeiern eines islamischen Festes eingeladen würden.)

Nach der Weihnachtsfeier in der Kirche haben wir mit unseren Klassen in der Schule gefeiert. Auch dieses Ritual gefällt mir. Meine Klasse kennt mich eh und weiß, dass ich zu solchen Anlässen gern ein wenig pathetisch werde. Unter einem schönen Sesselkreis und einer Runde, bei der jeder sagt, was er oder sie den anderen wünscht oder mitgeben will, tu ich’s nicht. Und ich selbst muss natürlich auch immer eine kleine Ansprache halten. 🙂

Außerdem suche ich jedes Jahr nach schönen Texten, die ich meinen SchülerInnen vorlesen kann. In diesem Jahr habe ich mich für zwei Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert entschieden: Nachts schlafen die Ratten doch und Die Küchenuhr – zwei meiner absoluten Lieblingstexte. Wir üben in Deutsch ja gerade die Interpretation narrativer Texte, Borchert-Kurzgeschichten gehören da zum Standardprogramm. Nicht sehr originell also, meine Auswahl, und trotzdem ist bei der Lektüre etwas passiert, was mit Hilfe guter Literatur möglich ist: ein kleiner magischer Moment, der sich einstellte, und der unsere diesjährige Klassenweihnachtsfeier zu einer besonderen machte.

Ich konnte es richtig hören, wie die SchülerInnen zunächst innerlich stöhnten, als ich mit meinen Texten daherkam. Zu Beginn gab es Getuschel und vielsagende Blicke, die herumgeschickt wurden. Die Aufmerksamkeit war, sagen wir, enden wollend. Nach und nach aber wurde es ruhig. Und als die SchülerInnen dann verstanden, wovon in diesen Geschichten die Rede ist, wurden sie richtiggehend ergriffen. Auf einmal war genau jene Resonanz da, die ich so oft in der Klasse vermisse. Die wunderbaren Texte haben uns alle gemeinsam berührt und plötzlich war Weihnachten im Klassenzimmer. Nur einen Moment lang, aber es war da.

(nemo)

 

Trotz allem. Sprach-, Kultur-, Klassen- und sonstige Reisen

Mit Schülern zu verreisen ist eine höchst ambivalente Sache: Es gehört zum Schönsten, Bleibendsten und Beglückendsten, was Schule zu bieten hat, für SchülerInnen wie für LehrerInnen. Gleichzeitig ist es aus Lehrersicht auch ein anstrengendes, gefährliches und mitunter quälendes Unterfangen. Derzeit treibt uns die Organisation der mehrtägigen Schulveranstaltungen – so der Terminus technicus – wieder um. Bis zur ersten Sitzung des Schulgemeinschaftsausschusses (SGA) in der nächsten Woche müssen alle geplanten Projekte eingereicht sein, damit sie auf Genehmigung hoffen können.

Mittlerweile gibt es ja mehr Argumente, die gegen das Verreisen mit Schülern sprechen als dafür: 1. Reisen kosten (viel) Geld. Für die Schulen und wohl auch für so manche Familie stellen die Reisekosten eine zunehmend untragbare finanzielle Belastung dar. Selbst wenn man sich bemüht, die Reisekosten niedrig zu halten, was mir zum Beispiel ein echtes Anliegen ist, kommt einiges zusammen. 2. Reisen sind im Schulalltag schwer unterzubringen, besonders wenn es um klassenübergreifende Unternehmungen geht. Mal ist die eine Klasse weg, mal die andere. Wenn man eine Sprache unterrichtet und Schüler aus drei verschiedenen Klassen in der Gruppe sitzen, kann das ganz schön nervend und im Hinblick auf unser zu absolvierendes Programm für die Zentralmatura auch stressig sein. Noch schwieriger ist in dieser Hinsicht nur noch die Organisation eines Schüleraustausches. Da muss man dann die Termine gleich zweier Schulen unter einen Hut bringen. Die Kollegin, die sich in diesem Jahr um den Austausch mit La Rochelle bemüht, kann ein Lied davon singen.

3. Reisen stellen ein immenses Risiko für die Lehrer dar. Im Grunde ist man als LehrerIn davon abhängig, dass alles gut geht und niemandem etwas passiert. Sollte tatsächlich einmal einem Schüler etwas zustoßen, will ich mir die Folgen davon gar nicht ausmalen. Das heißt aber, dass man, will man mit Schülern verreisen, ganz einfach vom Glück abhängig ist. Ein Risiko, das manche Kollegen nicht mehr bereit sind, in Kauf zu nehmen. 4. Die Organisation von Reisen bedeutet einen zeitlichen Aufwand, der ganz einfach nicht abgegolten wird. Man plant das zur Gänze in seiner Freizeit – je individueller und kostengünstiger, desto aufwendiger. Wie viele Stunden ich mitunter zubringe, um ein attraktives Programm zu erstellen, eine ordentliche Unterkunft zu finden und Sparpreise für Bahn, Bus oder auch einmal einen Flug zu ergattern, will ich selbst nicht wissen.

Trotz dieser Einwände sitze ich auch dieser Tage wieder und plane, überlege, berate mich mit KollegInnen im In- und Ausland. Meine siebte Klasse darf heuer ins Ausland fahren. In der fünften Klasse waren wir in Kärnten auf Sportwoche, in der sechsten in Wien, nun wäre, was die schulinterne Regelung betrifft, die Auslandsreise im Rahmen des Kulturprojekts dran. Allerdings, auch inhaltlich spießt es sich gerade: Ich verstehe die Reise als sinnvolle Ergänzung zu einem thematisch ausgerichteten Kulturprojekt, für meine Klasse steht die Reise im Vordergrund – das zu absolvierende Kulturprojekt kratzt sie weniger. Ein paar Tage bleiben uns noch für den Annäherungsprozess. Mal sehen, was dabei herauskommt …

(nemo)

PS: Am Ende des letzten Schuljahres waren wir mit den Französisch-Schülern in Paris. Ein Schüler hat ein Video gedreht und es auf Youtube gepostet. Auch im Bericht über die Paris-Tage ist das Video nun verlinkt (ganz am Ende des Artikels).

 

 

Die Woche vor den Ferien

Und wieder ist der Schulschluss da. In den nächsten Wochen werden wir uns erholen, den Sommer genießen, abschalten und anschließend wieder Neues aufnehmen, Ideen entwickeln, manches vorbereiten, insgesamt aber Zeit für anderes als Schule haben. Das ist gut so. Und, davon bin ich überzeugt, wichtig, um mit Elan, Engagement und Freude den Lehrberuf ausüben zu können. Der Neid der WutbürgerInnen – der um diese Jahreszeit auftritt wie das Amen im Gebet – wird hoffentlich unbemerkt an uns abprallen.

Wie schön, aber eben auch anstrengend die Woche vor Schulschluss ist, will sicherlich kein Wutbürger wissen. Auch andere Leute meinen oft, da würde überhaupt nichts mehr getan. Weit gefehlt, kann ich nur sagen: In dieser Woche findet unglaublich viel gemeinsames Leben, Soziales, Emotionales, Zwischenmenschliches statt. Schule ist viel mehr als Unterricht und stures Lernen und nicht wenig von dem, was Schule eben auch ist, findet in der letzten Schulwoche geballt statt. Im Prinzip ist diese Woche  gleichzeitig Ernte, Pflege und Aufbereitung des sozialen Nährbodens. Ein solcher Nährboden ist meines Erachtens unerlässlich, damit das Unterfangen Schule überhaupt gelingen kann. Wie gut also, dass es diese Woche gibt! Und, um in meiner allzeit beliebten Gartenbaumetaphorik zu bleiben: Wie wichtig, dass der Nährboden jetzt ein bisschen Ruhe bekommt!

Ein Beispiel für das, was in der letzten Schulwoche stattfindet, sind die Happy Days, die bei uns am Montag und Dienstag auf dem Plan stehen. Schüler können sich ihre Kurse selbst wählen und sich per Internet dafür anmelden. Im Angebot gab’s auch diesmal wieder alles, was das Herz begehrt (und was wir LehrerInnen so können): Sportliches, Musisches, Soziales, Gesellschaftliches, Kulturelles, Aufregendes, Entspannendes, Lustiges, Ernstes, Spielerisches, Praktisches, Geistiges, Kulinarisches, Kreatives. Einfach ein Potpourri an allem Möglichen, was im Unterricht während des Jahres oft zu kurz kommt und trotzdem spannend, interessant und/oder lehrreich ist.

Eine Kollegin und ich wollten in diesem Jahr den UnterstufenschülerInnen ein bisschen Lust auf Französisch machen. Am Montag haben wir deshalb den kleinen Nick (Le petit Nicolas) in den Mittelpunkt des Vormittags gestellt. Wir haben den Erst- und ZweitklässlerInnen, die diesen Kurs gebucht hatten, den kleinen Nick und die anderen Figuren vorgestellt, wir haben ihnen Geschichten vorgelesen, Bilder zum Ausmalen gegeben, ein paar französische Wörter gelernt, Croissants gegessen und uns den Film „Der kleine Nick macht Ferien“ angesehen. Ein ruhiger, entspannter und lustiger Vormittag. Nichts Sensationelles, aber doch ein gelungener Kurs, der den TeilnehmerInnen und uns gut gefallen hat.

Für mich besonders schön ist, dass man bei den Happy Days endlich einmal genug Zeit für eine Sache hat und nicht nach 50 Minuten wieder aufhören, die Klasse, die Schulstufe und das Fach wechseln muss. Wir haben uns am Montag volle vier Stunden lang mit dem kleinen Nick beschäftigt, dazwischen gegessen und getrunken, ein bisschen geplaudert und dann wieder weitergemacht. Kein Schüler verlangte nach einer Pause und wir dachten irgendwie auch nicht daran. IMG_5540.JPG

Ebenso erfolgreich war der Dienstag: Wir haben ein Klassenzimmer in eine französische Crêperie verwandelt, anschließend Crêpes gebacken und ausführlich getestet. Der ganze Vormittag war eine schöne, runde und sehr befriedigende Sache, die allen Beteiligten Freude bereitete und die Kreativität und praktische Kompetenz der Schülerinnen förderte. Er bot ihnen und uns ein sowohl haptisches (es wurde gezeichnet, geschrieben, gebastelt, foliert, ausgeschnitten, geschmückt) als auch optisches (der Raum sah am Ende einfach wunderschön aus) sowie geschmackliches (die „Probecrêpes“ waren geradezu köstlich) Gesamterlebnis. IMG_5542

Und durch den Kurs am Vormittag konnten wir am Nachmittag beim Schulfest eine französische Crêperie betreiben, die ihrem Namen alle Ehre machte und weit mehr war als nur eine Essstation. Ein paar Erstklässlerinnen liefen zur Höchstform auf und „schupften“ den ganzen Betrieb. Bereits um 20.30 Uhr war weit und breit kein Teig mehr in Sicht, sämtliche Nougatcremes, Marmeladen und andere süße Füllungen verschmiert (und wir gierig allein nach dem Geruch von Pikantem). 🙂IMG_5537.JPG

Das Schulfest war natürlich ein Highlight und so schön, dass manch einer nicht und nicht nach Hause gehen wollte. Allein, dass so viele Ex-SchülerInnen kamen und mit uns feiern wollten, zeigt den positiven Stellenwert, den Schule für viele im Leben hat.

Am Tag danach, also gestern, gab’s dann den KV-Tag: Ein Tag, an dem man im Klassenverbund noch einmal einen Ausflug, eine Wanderung oder Ähnliches unternimmt. Ich bin mit meiner Klasse und der Partnerklasse auf einen großen Spielplatz gewandert, dort haben wir Tischtennis, Volleyball und Fußball gespielt, wir haben gepicknickt und gequatscht.

Heute war Aufräumen und Tische putzen angesagt, danach fand die Schlusskonferenz statt und anschließend haben wir LehrerInnen das Schuljahr im Kollegenkreis ausklingen lassen.

Morgen gibt’s dann die Zeugnisse. Vielen meiner SchülerInnen werde ich zum guten, manchen sogar zum ausgezeichneten Erfolg gratulieren, einige ermutigen, die Ferien nicht nur, aber auch zum Nachlernen zu nutzen, von ein paar aus unserer Klasse müssen wir uns verabschieden (zum Beispiel von der amerikanischen Gastschülerin, die dieses Jahr bei uns war). Wie jedes Jahr werde ich versuchen, allen ein paar Worte mitzugeben. Manchmal neige ich in solchen Situationen ein bisschen zum Pathos. Das müssen sie über sich ergehen lassen. Ich brauch‘ das – und sie kennen mich eh. (nemo)