Weihnachten feiern in der Schule

Weihnachten lebt von Ritualen und das ist gut so. Bei uns an der Schule heißt das: Zuerst das alljährliche Fußballturnier, dann die Weihnachtsfeiern in der Kirche und in der Klasse (und anschließend das Zusammensitzen mit KollegInnen im Kaffeekammerl 🙂 ). Über das Fußballturnier gibt es auf der Schulhomepage bereits eine umfassende Berichterstattung: alle Ergebnisse, Fotos und einen ausführlichen Kommentar. Über die heurigen Weihnachtsfeiern will ich nachfolgend ein wenig erzählen:

Jedes Jahr organisiert das Team der ReligionslehrerInnen eine Weihnachtsfeier für die Unter- und eine für die Oberstufe. Dass die Veranstaltung eine ökumenische Feier sein soll, darüber herrscht Konsens, wie sie konkret ablaufen soll, darüber gibt es unter den Religionslehrern durchaus unterschiedliche Auffassungen. Trotzdem gelang es auch in diesem Jahr wieder, zwei wirklich schöne und besinnliche Feiern auszurichten, die, soweit ich gehört habe, bei den allermeisten SchülerInnen gut ankamen.

Bei der Unterstufenfeier war es offenbar mit der Geräuschkulisse während der Feier nicht ganz einfach, bei der Oberstufenfeier, wo ich mit meiner Klasse war, hielt sich das Getratsche absolut in Grenzen. Cool fand ich die zwei Achtklässlerinnen, die sich mit der Gitarre vor die über 200 MitschülerInnen hinstellten und wunderschön zweistimmig sangen. Beeindruckt haben mich auch die SchülerInnen, die ihre selbst geschriebenen gesellschafts- und konsumkritischen Texte und Fürbitten vorlasen. Und auf die zum Nachdenken anregende Predigt des evangelischen Pfarrers und Religionslehrers war auch in diesem Jahr Verlass. Insgesamt eine schöne, ruhige Stunde, die nach den vielen dichten und anstrengenden Wochen tatsächlich ein Innehalten bewirkte und ein Gefühl der Entspannung hervorrief.

Wirklich schade und für mich letztendlich auch unbefriedigend bleibt die Tatsache, dass unsere muslimischen SchülerInnen an der Weihnachtsfeier nicht teilnehmen. Ich würde mir eine Feier für die ganze Schule wünschen, die alle miteinschließt – aber natürlich, einer Weihnachtsfeier, so reduziert „gottesdienstmäßig“ sie auch sein mag, ist nun einmal die christliche Perspektive inhärent. Trotzdem, wie schön wäre es, wenn die muslimischen SchülerInnen – so wie viele konfessionslose und orthodoxe – mitfeiern und ihre Sichtweisen und Stimmen einbringen würden. (Im Gegenzug fände ich es übrigens genauso schön, wenn wir einmal zum Mitfeiern eines islamischen Festes eingeladen würden.)

Nach der Weihnachtsfeier in der Kirche haben wir mit unseren Klassen in der Schule gefeiert. Auch dieses Ritual gefällt mir. Meine Klasse kennt mich eh und weiß, dass ich zu solchen Anlässen gern ein wenig pathetisch werde. Unter einem schönen Sesselkreis und einer Runde, bei der jeder sagt, was er oder sie den anderen wünscht oder mitgeben will, tu ich’s nicht. Und ich selbst muss natürlich auch immer eine kleine Ansprache halten. 🙂

Außerdem suche ich jedes Jahr nach schönen Texten, die ich meinen SchülerInnen vorlesen kann. In diesem Jahr habe ich mich für zwei Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert entschieden: Nachts schlafen die Ratten doch und Die Küchenuhr – zwei meiner absoluten Lieblingstexte. Wir üben in Deutsch ja gerade die Interpretation narrativer Texte, Borchert-Kurzgeschichten gehören da zum Standardprogramm. Nicht sehr originell also, meine Auswahl, und trotzdem ist bei der Lektüre etwas passiert, was mit Hilfe guter Literatur möglich ist: ein kleiner magischer Moment, der sich einstellte, und der unsere diesjährige Klassenweihnachtsfeier zu einer besonderen machte.

Ich konnte es richtig hören, wie die SchülerInnen zunächst innerlich stöhnten, als ich mit meinen Texten daherkam. Zu Beginn gab es Getuschel und vielsagende Blicke, die herumgeschickt wurden. Die Aufmerksamkeit war, sagen wir, enden wollend. Nach und nach aber wurde es ruhig. Und als die SchülerInnen dann verstanden, wovon in diesen Geschichten die Rede ist, wurden sie richtiggehend ergriffen. Auf einmal war genau jene Resonanz da, die ich so oft in der Klasse vermisse. Die wunderbaren Texte haben uns alle gemeinsam berührt und plötzlich war Weihnachten im Klassenzimmer. Nur einen Moment lang, aber es war da.

(nemo)

 

Trotz allem. Sprach-, Kultur-, Klassen- und sonstige Reisen

Mit Schülern zu verreisen ist eine höchst ambivalente Sache: Es gehört zum Schönsten, Bleibendsten und Beglückendsten, was Schule zu bieten hat, für SchülerInnen wie für LehrerInnen. Gleichzeitig ist es aus Lehrersicht auch ein anstrengendes, gefährliches und mitunter quälendes Unterfangen. Derzeit treibt uns die Organisation der mehrtägigen Schulveranstaltungen – so der Terminus technicus – wieder um. Bis zur ersten Sitzung des Schulgemeinschaftsausschusses (SGA) in der nächsten Woche müssen alle geplanten Projekte eingereicht sein, damit sie auf Genehmigung hoffen können.

Mittlerweile gibt es ja mehr Argumente, die gegen das Verreisen mit Schülern sprechen als dafür: 1. Reisen kosten (viel) Geld. Für die Schulen und wohl auch für so manche Familie stellen die Reisekosten eine zunehmend untragbare finanzielle Belastung dar. Selbst wenn man sich bemüht, die Reisekosten niedrig zu halten, was mir zum Beispiel ein echtes Anliegen ist, kommt einiges zusammen. 2. Reisen sind im Schulalltag schwer unterzubringen, besonders wenn es um klassenübergreifende Unternehmungen geht. Mal ist die eine Klasse weg, mal die andere. Wenn man eine Sprache unterrichtet und Schüler aus drei verschiedenen Klassen in der Gruppe sitzen, kann das ganz schön nervend und im Hinblick auf unser zu absolvierendes Programm für die Zentralmatura auch stressig sein. Noch schwieriger ist in dieser Hinsicht nur noch die Organisation eines Schüleraustausches. Da muss man dann die Termine gleich zweier Schulen unter einen Hut bringen. Die Kollegin, die sich in diesem Jahr um den Austausch mit La Rochelle bemüht, kann ein Lied davon singen.

3. Reisen stellen ein immenses Risiko für die Lehrer dar. Im Grunde ist man als LehrerIn davon abhängig, dass alles gut geht und niemandem etwas passiert. Sollte tatsächlich einmal einem Schüler etwas zustoßen, will ich mir die Folgen davon gar nicht ausmalen. Das heißt aber, dass man, will man mit Schülern verreisen, ganz einfach vom Glück abhängig ist. Ein Risiko, das manche Kollegen nicht mehr bereit sind, in Kauf zu nehmen. 4. Die Organisation von Reisen bedeutet einen zeitlichen Aufwand, der ganz einfach nicht abgegolten wird. Man plant das zur Gänze in seiner Freizeit – je individueller und kostengünstiger, desto aufwendiger. Wie viele Stunden ich mitunter zubringe, um ein attraktives Programm zu erstellen, eine ordentliche Unterkunft zu finden und Sparpreise für Bahn, Bus oder auch einmal einen Flug zu ergattern, will ich selbst nicht wissen.

Trotz dieser Einwände sitze ich auch dieser Tage wieder und plane, überlege, berate mich mit KollegInnen im In- und Ausland. Meine siebte Klasse darf heuer ins Ausland fahren. In der fünften Klasse waren wir in Kärnten auf Sportwoche, in der sechsten in Wien, nun wäre, was die schulinterne Regelung betrifft, die Auslandsreise im Rahmen des Kulturprojekts dran. Allerdings, auch inhaltlich spießt es sich gerade: Ich verstehe die Reise als sinnvolle Ergänzung zu einem thematisch ausgerichteten Kulturprojekt, für meine Klasse steht die Reise im Vordergrund – das zu absolvierende Kulturprojekt kratzt sie weniger. Ein paar Tage bleiben uns noch für den Annäherungsprozess. Mal sehen, was dabei herauskommt …

(nemo)

PS: Am Ende des letzten Schuljahres waren wir mit den Französisch-Schülern in Paris. Ein Schüler hat ein Video gedreht und es auf Youtube gepostet. Auch im Bericht über die Paris-Tage ist das Video nun verlinkt (ganz am Ende des Artikels).

 

 

Die Woche vor den Ferien

Und wieder ist der Schulschluss da. In den nächsten Wochen werden wir uns erholen, den Sommer genießen, abschalten und anschließend wieder Neues aufnehmen, Ideen entwickeln, manches vorbereiten, insgesamt aber Zeit für anderes als Schule haben. Das ist gut so. Und, davon bin ich überzeugt, wichtig, um mit Elan, Engagement und Freude den Lehrberuf ausüben zu können. Der Neid der WutbürgerInnen – der um diese Jahreszeit auftritt wie das Amen im Gebet – wird hoffentlich unbemerkt an uns abprallen.

Wie schön, aber eben auch anstrengend die Woche vor Schulschluss ist, will sicherlich kein Wutbürger wissen. Auch andere Leute meinen oft, da würde überhaupt nichts mehr getan. Weit gefehlt, kann ich nur sagen: In dieser Woche findet unglaublich viel gemeinsames Leben, Soziales, Emotionales, Zwischenmenschliches statt. Schule ist viel mehr als Unterricht und stures Lernen und nicht wenig von dem, was Schule eben auch ist, findet in der letzten Schulwoche geballt statt. Im Prinzip ist diese Woche  gleichzeitig Ernte, Pflege und Aufbereitung des sozialen Nährbodens. Ein solcher Nährboden ist meines Erachtens unerlässlich, damit das Unterfangen Schule überhaupt gelingen kann. Wie gut also, dass es diese Woche gibt! Und, um in meiner allzeit beliebten Gartenbaumetaphorik zu bleiben: Wie wichtig, dass der Nährboden jetzt ein bisschen Ruhe bekommt!

Ein Beispiel für das, was in der letzten Schulwoche stattfindet, sind die Happy Days, die bei uns am Montag und Dienstag auf dem Plan stehen. Schüler können sich ihre Kurse selbst wählen und sich per Internet dafür anmelden. Im Angebot gab’s auch diesmal wieder alles, was das Herz begehrt (und was wir LehrerInnen so können): Sportliches, Musisches, Soziales, Gesellschaftliches, Kulturelles, Aufregendes, Entspannendes, Lustiges, Ernstes, Spielerisches, Praktisches, Geistiges, Kulinarisches, Kreatives. Einfach ein Potpourri an allem Möglichen, was im Unterricht während des Jahres oft zu kurz kommt und trotzdem spannend, interessant und/oder lehrreich ist.

Eine Kollegin und ich wollten in diesem Jahr den UnterstufenschülerInnen ein bisschen Lust auf Französisch machen. Am Montag haben wir deshalb den kleinen Nick (Le petit Nicolas) in den Mittelpunkt des Vormittags gestellt. Wir haben den Erst- und ZweitklässlerInnen, die diesen Kurs gebucht hatten, den kleinen Nick und die anderen Figuren vorgestellt, wir haben ihnen Geschichten vorgelesen, Bilder zum Ausmalen gegeben, ein paar französische Wörter gelernt, Croissants gegessen und uns den Film „Der kleine Nick macht Ferien“ angesehen. Ein ruhiger, entspannter und lustiger Vormittag. Nichts Sensationelles, aber doch ein gelungener Kurs, der den TeilnehmerInnen und uns gut gefallen hat.

Für mich besonders schön ist, dass man bei den Happy Days endlich einmal genug Zeit für eine Sache hat und nicht nach 50 Minuten wieder aufhören, die Klasse, die Schulstufe und das Fach wechseln muss. Wir haben uns am Montag volle vier Stunden lang mit dem kleinen Nick beschäftigt, dazwischen gegessen und getrunken, ein bisschen geplaudert und dann wieder weitergemacht. Kein Schüler verlangte nach einer Pause und wir dachten irgendwie auch nicht daran. IMG_5540.JPG

Ebenso erfolgreich war der Dienstag: Wir haben ein Klassenzimmer in eine französische Crêperie verwandelt, anschließend Crêpes gebacken und ausführlich getestet. Der ganze Vormittag war eine schöne, runde und sehr befriedigende Sache, die allen Beteiligten Freude bereitete und die Kreativität und praktische Kompetenz der Schülerinnen förderte. Er bot ihnen und uns ein sowohl haptisches (es wurde gezeichnet, geschrieben, gebastelt, foliert, ausgeschnitten, geschmückt) als auch optisches (der Raum sah am Ende einfach wunderschön aus) sowie geschmackliches (die „Probecrêpes“ waren geradezu köstlich) Gesamterlebnis. IMG_5542

Und durch den Kurs am Vormittag konnten wir am Nachmittag beim Schulfest eine französische Crêperie betreiben, die ihrem Namen alle Ehre machte und weit mehr war als nur eine Essstation. Ein paar Erstklässlerinnen liefen zur Höchstform auf und „schupften“ den ganzen Betrieb. Bereits um 20.30 Uhr war weit und breit kein Teig mehr in Sicht, sämtliche Nougatcremes, Marmeladen und andere süße Füllungen verschmiert (und wir gierig allein nach dem Geruch von Pikantem). 🙂IMG_5537.JPG

Das Schulfest war natürlich ein Highlight und so schön, dass manch einer nicht und nicht nach Hause gehen wollte. Allein, dass so viele Ex-SchülerInnen kamen und mit uns feiern wollten, zeigt den positiven Stellenwert, den Schule für viele im Leben hat.

Am Tag danach, also gestern, gab’s dann den KV-Tag: Ein Tag, an dem man im Klassenverbund noch einmal einen Ausflug, eine Wanderung oder Ähnliches unternimmt. Ich bin mit meiner Klasse und der Partnerklasse auf einen großen Spielplatz gewandert, dort haben wir Tischtennis, Volleyball und Fußball gespielt, wir haben gepicknickt und gequatscht.

Heute war Aufräumen und Tische putzen angesagt, danach fand die Schlusskonferenz statt und anschließend haben wir LehrerInnen das Schuljahr im Kollegenkreis ausklingen lassen.

Morgen gibt’s dann die Zeugnisse. Vielen meiner SchülerInnen werde ich zum guten, manchen sogar zum ausgezeichneten Erfolg gratulieren, einige ermutigen, die Ferien nicht nur, aber auch zum Nachlernen zu nutzen, von ein paar aus unserer Klasse müssen wir uns verabschieden (zum Beispiel von der amerikanischen Gastschülerin, die dieses Jahr bei uns war). Wie jedes Jahr werde ich versuchen, allen ein paar Worte mitzugeben. Manchmal neige ich in solchen Situationen ein bisschen zum Pathos. Das müssen sie über sich ergehen lassen. Ich brauch‘ das – und sie kennen mich eh. (nemo)

 

 

Schulische Lebenselixiere

Gleich an zwei Abenden durfte ich in dieser Woche schulische Lebenselixiere zu mir nehmen. Mitunter braucht man solche, gerade gegen Ende eines fordernden Schuljahres. Nicht die Noten, nicht die Orientierung an Kompetenzen, nicht die standardisierten Prüfungsformate und auch nicht Kriterien wie Qualität, Optimierung, Professionalisierung, Output oder sonst ein Begriff aus der „schönen neuen Schulwelt“ standen an diesen zwei Abenden im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Sache, die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, der anstrengende, aber spannende Weg miteinander.

dialogAm Dienstag war ich zur Maturafeier einer Klasse eingeladen, in der ich eigentlich gar nicht unterrichtet hatte. Zumindest nicht in der achten Klasse. Aber es war die erste Klasse, die ich vor sieben Jahren als Unterrichtspraktikantin am WRG in Deutsch bekam. Daraus begründete sich für mich eine Art besondere Beziehung. Im letzten Jahr durfte ich einen Teil der SchülerInnnen dann außerdem noch in Französisch unterrichten. Und auch dadurch – nicht zuletzt durch die gemeinsame Reise nach La Rochelle – hat sich die Art von besonderer Beziehung noch einmal bestätigt (auch wenn wir im letzten Jahr, als sie in der siebten Klasse waren, durchaus auch ein paar Konflikte auszutragen hatten). Insgeheim hatte ich ein bisschen darauf gehofft, dass mich die Klasse zu ihrer Maturafeier einladen würde; als die Einladung tatsächlich erfolgte, habe ich mich voll gefreut.

Das Schönste an der Maturafeier war das, was ich dort beobachten konnte: MaturantInnen mit ihren Eltern und LehrerInnen, die den Erfolg der Matura, aber mehr noch die in acht gemeinsam verbrachten Jahren entstandene Beziehung zelebrierten. Eine Klassenvorständin, die in ihrer Rede jedem einzelnen Schüler, jeder einzelnen Schülerin sagte, was sie an ihm oder ihr schätzt und mag, so ehrlich und authentisch, dass alle im Raum berührt waren. SchülerInnen, die sich bei den Lehrern „das Du-Wort abholen kamen“, die eine Lehrerin zum Abschied drücken wollten, einfach „weil Sie, äh Du, so ein netter Mensch bist“, Eltern, die sich bei KollegInnen für das außerordentliche Engagement bedankten und sich mir gegenüber an Besonderheiten des Fachunterrichts „damals in der zweiten Klasse“ erinnerten, SchülerInnen und LehrerInnen, die bis spät in die Nacht gemeinsam feierten, lachten und scherzten. Ich durfte den Schlusspunkt einer schulischen Laufbahn miterleben, der so nur möglich war, weil dahinter (bzw. zeitlich davor) mehrere Jahre standen, in denen das Menschliche die oberste Stelle einnahm. Diese MaturantInnen haben zahlreiche standardisierte oder auch individuell zusammengestellte Prüfungen abgelegt, sie weisen nunmehr vielfältige Kompetenzen auf, sie verfügen über Wissen und Können, weil sich all dies und noch viel mehr in den meisten Fällen am Ende eben doch einstellt – wenn das Bestreben ihrer Lehrer in erster Linie auf Bildung, auf die Entwicklung, Forderung und Förderung der jungen Menschen ausgerichtet ist. (Ob sich allerdings umgekehrt Bildung auch einstellen würde, wenn das Bestreben der Lehrer einzig auf Kompetenzerwerb und Standards ausgerichtet ist, erscheint mir viel fraglicher zu sein.)

Etwas ganz anderes und doch irgendwie Ähnliches stand am Mittwochabend auf PlakatWIenerWelten2dem Programm. Meine sechste Klasse lud zur Präsentation ihres diesjährigen Kulturprojektes. Sie hatten verschiedene Orte in Wien fotografisch in Szene gesetzt, nun wurden ausgewählte Arbeiten in der Galerie Fotohof ausgestellt. Aufgrund der Kooperation mit dieser Institution und der Gastfreundschaft von Hermann Seidl – die SchülerInnen hatten bei ihm den vorbereitenden Fotoworkshop absolviert – hatten sie die einzigartige Gelegenheit, eigene künstlerische Arbeiten in einer richtigen Galerie auszustellen. Am Mittwochabend fand also gewissermaßen die Vernissage statt – und was es für eine Vernissage wurde!

Eltern, Großeltern, Freunde und LehrerkollegInnen fanden sich ein, um die Fotografien zu betrachten. Zu sehen bekamen sie echt Großartiges. Wir wussten bereits in Wien, dass die SchülerInnen interessante und ungewöhnliche Fotos gemacht hatten. In der nunmehrigen thematischen Zusammenstellung und mit künstlerischer Unterstützung des BE-Lehrers aber entstanden Fotocollagen, die uns alle vom Hocker rissen.

Die SchülerInnen meiner Klasse sind zum Großteil introvertiert, im Unterricht wirken sie manchmal ein bisschen teilnahmslos und lahm. Nicht nur ich hatte mich in diesem Jahr immer wieder mehr oder weniger vergeblich bemüht, sie für Inhalte zu interessieren oder ihren kritischen Geist zu wecken. Gerade in letzter Zeit waren zudem einige Konflikte zu lösen und Probleme zu besprechen. Und, ja, das Engagement für den Präsentationsabend schien mir noch letzte Woche auch nicht wirklich überwältigend. Umso mehr erstaunte und erfreute mich das, was wir am Mittwochabend zu sehen bekamen. Künstlerische Werke der Extraklasse und fröhliche junge Menschen, die – auf ihre Art – stolz auf die Ergebnisse waren. Eltern, die ebenso beeindruckt waren wie wir LehrerInnen. Und endlich konnte ich die SchülerInnen an diesem Abend wieder einmal richtig loben und mich bei ihnen für ihre Arbeit bedanken!

Wo meine Klasse in zwei Jahren stehen wird, wie sich ihre eigene Maturafeier gestalten wird, weiß ich nicht. Hoffentlich werden einige der pädagogischen Versuche und Maßnahmen gelingen, die wir den SchülerInnen angedeihen lassen und auch zumuten müssen. Dass solche gemeinsamen Erlebnisse wie jenes am Mittwochabend das sind, worauf es ankommt und was Schule im Kern ausmacht, davon bin ich überzeugt.

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PS: Die Fotocollage ganz oben trägt übrigens den Titel „Dialoge“.

(nemo)

Verdichtete Zeit oder Ein Highlight jagt das andere

Ein bisschen gar viel ist los in meinem derzeitigen Lehrerinnenleben. Am Dienstag dieser Woche fand unser großer pädagogischer Tag statt. Der erste seit sieben Jahren. Die Vorbereitung desselben war üppig, der Tag selbst schließlich ebenso intensiv wie beflügelnd. Wer sind wir als WRG? Wo wollen wir im Jahr 2025 stehen? Was sind unsere Visionen und wie können wir die in den vorgegebenen Rahmen umsetzen? Das waren die Themen, die uns an diesem Tag begleiteten. Ein Highlight, das mehr als einen ausführlichen Blogbeitrag verdienen würde – allein, es fehlt die Zeit. Bereits gestern, am Tag danach, stand nämlich schon wieder so viel anderes auf der Tagesordnung, dass die nachbereitende Reflexion noch warten muss.

Heute bereits das nächste Highlight, über das es ebenso viel zu erzählen gäbe und das ebenfalls der genaueren schriftlichen Betrachtung harren muss: Seit Anfang März halte ich einmal wöchentlich am Fachbereich Germanistik der Uni Salzburg eine Lehrveranstaltung zum Thema „Interkultureller Deutschunterricht“. Das Thema begeistert mich, die Studierenden gehen mit. Jeden Donnerstag erfreue ich mich an der gemeinsamen Reflexion zu Fragen wie Sprache und Identität, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Identität und Alterität, transkultureller literarischer Bildung, Mehrsprachigkeit und globalem Lernen.

Und das dritte Highlight dieser Tage scharrt schon in den Löchern: Unmittelbar nach Ostern fahre ich mit meiner Klasse nach Wien. Wir kombinieren unser diesjähriges Kulturprojekt – eine fotografische Auseinandersetzung mit öffentlichen Räumen – mit einer Kulturreise in die Hauptstadt. Auf dem Programm stehen Ausstellungs- und Theaterbesuche sowie Projektarbeit an Orten wie dem Prater, verschiedenen Märkten, dem Heldenplatz oder der Mariahilfer Straße. Nicht nur die SchülerInnen freuen sich darauf.

All diese Dinge sind wunderbar, bereichernd und stellen so etwas wie die Würze in einem Lehrerinnenleben dar. Das Problem dabei ist, dass es auch zu würzig werden kann und die allzu schnelle Abfolge von Aktivitäten, Projekten und Veranstaltungen bzw. die Gleichzeitigkeit derselben mitunter überfordert. Ich nehme mir einfach immer wieder zu viel vor und komme dann vor lauter Planung, Terminkoordination, Vor- und Nachbereitung, Informationsweitergabe und all dem anderen, was ja auch noch da ist, ins Trudeln. Ohne es eigentlich zu wollen, leiste ich mit meiner gesteigerten Aktivität der allgemeinen Beschleunigung Vorschub und trage zur kollektiven Erschöpfung, die unsere Gesellschaft kennzeichnet, bei. Das Schuljahr mit seinen Highlights rauscht an mir vorbei und reißt mich mit. Ich glaub, ich sollte bremsen. (nemo)

Unterwegs mit Groß und Klein. Ein Wandertag der extrafeinen Sorte

Mit 29 coolen 16-Jährigen und 24 lieben 10-Jährigen begaben wir uns heute Vormittag auf die große Wiese nach Hellbrunn. Der Grund für unseren Ausflug war, dass sich meine sechste Klasse eine erste Klasse als Patenklasse gewünscht hatte. Und die Erstklässlerinnen (in diesem Fall ist es eine reine Mädchenklasse) wollten ein paar der ganz großen SchülerInnen kennenlernen, auf dass sie neben uns LehrerInnen noch jemanden an der Schule haben, dem sie Löcher in den Bauch fragen können.img_1832

Wir machten uns also auf den Weg und erlebten einen dieser Tage, an denen ich felsenfest davon überzeugt bin, dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Beruf geben kann als den meinigen. Nicht, dass unser Ausflugsziel so spektakulär gewesen wäre. Auch nicht, dass unser Ausflugsprogramm so einzigartig gewesen wäre. Aber die Freude, die gute Laune, der Spaß, das Zwischenmenschliche, die gelungenen Kontaktaufnahmen, das gemeinsame Spielen und das alles bei prächtigem Herbstwetter in einer wunderbaren Umgebung – LehrerInnenherz, was willst du mehr?

Mit zwei einander unbekannten Klassen zogen wir los, mit einer gemeinsamen Gruppe kehrten wir zurück. Dazwischen ereignete sich folgendes: 1. Wir jausneten zusammen. 2. Wir erkundeten den Spielplatz. 3. Wir ließen die SchülerInnen zwei Kreise bilden, die Kleinen innen, die Großen außen. Dann sollten sie sich ihrem Gegenüber vorstellen und sich z.B. über ihr Lieblingsessen, ihr Lieblingskinderbuch oder das Coolste am WRG austauschen. Immer wenn wir klatschten, rückten die Großen um einen Schritt nach rechts und das Austauschen begann von neuem. 4. Wir bildeten gemischte 4er- bzw. 5er-Teams und ließen sie in der Natur verschiedene Dinge suchen: Etwas, das weich ist; etwas, das ein Geräusch macht; etwas, das ganz gerade ist; etwas, das gut riecht. Etcetera. 10 Dinge sollte jede Gruppe finden und danach aus diesen Dingen ein Bild legen. 5. Wir machten einen „Ausstellungsrundgang“ und schauten uns die Bilder an. Jede Gruppe erklärte kurz ihr Bild und alle erhielten für ihr Bemühen und ihre Kreativität Applaus. img_1821

Dann war der Vormittag auch schon wieder fast vorbei und wir wanderten zurück. Was ich da auf dem Heimweg in der Hellbrunner Allee mitansehen durfte, ließ mein Lehrerinnenherz gleich mehrmals hüpfen: Große und Kleine einträchtig nebeneinander, sie schwatzten und lachten, sie fragten sich aus und erzählten, über den Größenunterschied von bis zu zwei Köpfen hinweg, dass es eine wahre Freude war.

Welche Argumente auch immer für eine gemeinsame Schule der 6-bis 14-Jährigen existieren mögen, ich bin und bleibe ein Fan der Langform des Gymnasiums, bei der 10- bis 18-Jährige gemeinsam unterrichtet werden! (nemo)

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Schulschlussbonus

So eine letzte Schulwoche hat’s in sich. Wer glaubt, da würde nichts mehr stattfinden, der irrt gewaltig. Denn: Wir schließen ab, räumen auf, putzen, schmeißen weg, sprechen uns ab, organisieren und planen. Wir machen Ausflüge, übernachten in der Schule, blicken auf ein Schuljahr zurück, resümieren, geben einander gute Wünsche mit, lachen, weinen, feiern und beschenken einander. Wir begehen vielerlei Abschluss- und Abschiedsrituale.

So eine letzte Schulwoche ist gleichzeitig eine der schönsten, aber auch eine der anstrengendsten Wochen im Jahr. Und nur weil sie beides gleichzeitig ist, ist sie so schön (aber eben auch so anstrengend). Wer diesen Zusammenhang nicht versteht, versteht nichts von der Schule und auch nichts vom Lehrerberuf.

Wir LehrerInnen bekommen am Ende eines Schuljahres ehrlichen Dank von unseren Schülern und deren Eltern. Dieser Dank ist unser Bonus. Ich hab das irgendwann schon einmal in diesem Blog gesagt: Manager bekommen Boni in Form von Geld, wir bekommen Boni in Form von Dank. Nicht, dass ich mich nicht über Geld freuen könnte, aber ich zumindest möchte nicht mit den Managern tauschen.

Meine Klasse hat mich gestern mit einer Textesammlung überrascht. Während des Schuljahres haben wir immer wieder Freewritings durchgeführt. Manch einer hat bisweilen ein bisschen die Augen verdreht, wenn ich die Klasse wieder einmal gebeten habe, einen Stift sowie das Freewritingheft zur Hand zu nehmen und im „Freischreibmodus“ Lerninhalte, Phasen, Befindlichkeiten oder Ereignisse zu reflektieren. Viele haben es aber auch gerne gemacht und auch diejenigen, die sich ein bisschen dazu aufraffen mussten, haben schlussendlich immer Texte produziert, die genau richtig waren. Denn das ist ja das Schöne am Freewriting, man muss sich nur aufraffen und loslegen. Nach zehn Minuten kommt etwas dabei raus, das genau dem entspricht, was gefordert war: ein Text. Aus diesen Texten haben wir dann selbst ausgesuchte Passagen vorgelesen oder jeder hat seinen Text zu Hause überarbeiten müssen, oder wir haben die Texte in der Klasse aufgelegt und die anderen durften Kommentare dazuschreiben. Ich bin überzeugt, dass bei dieser Art des schriftlichen Nachdenkens viel passiert und dass es den Schülern gut tut.

Und gestern, am letzten Schultag, hat mich meine Klasse also mit einer eigenständig durchgeführten und selbst zusammengestellten Reflexion über das Schuljahr überrascht. Im Vorwort heißt es:

Mit diesem Heft wollen wir den Faden der Freewritings wieder aufnehmen und uns herzlich bei Ihnen für Ihr Engagement in diesem Schuljahr bedanken. Sie haben dieses Jahr mit Ihrer Motivation und Ihrer guten Laune bereichert und davon wollen wir Ihnen nun ein Stück zurückgeben. Auf den folgenden Seiten finden Sie unsere Eindrücke zum ersten Schuljahr in der Oberstufe – mit Ihnen. Also, viel Spaß beim Lesen und erholsame Ferien wünscht Ihnen Ihre 5ak.

Was genau die Schüler und Schülerinnen auf den folgenden Seiten geschrieben haben, das bleibt bei mir. Sie haben Ihre Texte nämlich mir ganz persönlich geschenkt. Aber das viele Lob, der Dank, die ehrlichen, berührenden und persönlichen Gedanken und die dahinter spürbare Zuneigung sowie die Wertschätzung, die mir meine Klasse entgegenbringt, machen mich zutiefst glücklich und zufrieden. Die Texte geben mir Kraft und Freude – und motivieren und beflügeln mich schon jetzt für das nächste Schuljahr.

Ich bin an diesem heutigen ersten Feriensamstag echt erschöpft und freue mich gleichzeitig schon wieder darauf, meine Schülerinnen und Schüler im September wieder zu sehen. Davor aber brauche ich Erholung und Ferien. Ich muss meine SchülerInnen über den Sommer ein Stück weit vergessen dürfen, damit ich danach wieder bereit sein kann, mich in das Abenteuer Schule und die Beziehungsarbeit mit ihnen zu stürzen. Was für einen wunderbaren Beruf ich doch habe! Schöne Ferien allerseits! (nemo)