Gastbeitrag: Von der Angst zu ergrauen und anderen Widernissen des Corona-Alltags

Freitag, der 13. (!) März: Es zeichnet sich ab, dass nach der Schließung der Schulen – aus einer solchen komme ich gerade – bald auch viele Geschäfte für geraume Zeit zugesperrt werden. Also mache ich mich auf den Weg, um noch das Wichtigste zu besorgen. Was ist das Wichtigste? Gerüchten zufolge handelt es sich dabei um Klopapier. Ich parke das Auto in der Glockengasse – unglaublich viele Parkplätze stehen zur Verfügung – und mache mich auf den Weg durch die befremdlich verwaist wirkende Linzergasse. Eine Frau kommt mir entgegen, in der Hand zwei Großpackungen meines Lieblingsklopapiers. Wo wird sie wohl herkommen? Ich verdränge die Frage und setze unbeirrt meinen Weg fort.

„Mein Problem war bloß: Ich hatte keinen Stoff. – Ich hoffe, es denkt jetzt keiner, ich meine Hasch und das Opium. (…) Was ich also meine, ist: ich hatte keinen Lesestoff.“  (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., Frankfurt am Main 1976, S. 31f.)

In der ebenfalls kaum frequentierten Buchhandlung sehe ich mich, wie sonst auch immer, vor die Qual der Wahl gestellt, aber diesmal erscheint diese noch dringlicher. Letztendlich nehme ich den sicher erscheinenden Weg: zwei Buchpreisträger, einmal Frankfurt, einmal Leipzig, also einmal Saša Stanišić, einmal Lutz Seiler. Und dann – man kann ja nie wissen, was kommt – muss etwas her, das lange Zeit vorhält, am besten etwas aus meiner Liste unbedingt noch zu lesender Klassiker. Die Entscheidung fällt, und zwar zugunsten von Thomas Manns Der Zauberberg. Vielleicht das Buch zur Stunde?

„Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!“ (Thomas Mann: Der Zauberberg, Frankfurt am Main, 22. Auflage, 2019, S. 10)

Das klingt verheißungsvoll, vor allem, wenn man sich, biblisch geschult, die Bedeutung der Zahl Sieben vor Augen führt. Außerdem, nun viel profaner gedacht, hat dieses Buch 1002 Seiten, und zwar – ein Schelm, wer Böses denkt – von ganz ausgezeichneter feiner und für Papier sehr weicher Qualität. Auch die Größe der Seiten passt. Und man wäre ja nicht die Erste, die auf dem Klo liest.

„Der Garten war dunkel wie ein Loch. Ich rannte mir fast überhaupt nicht meine olle Birne an der Pumpe und an den Bäumen da ein, bis ich das Plumpsklo fand. (…) Und kein Papier, Leute. Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen. Um irgendetwas zu erkennen, war es zu dunkel. Ich opferte also zunächst die Deckel, dann die Titelseite und dann die letzten Seiten, wo erfahrungsgemäß das Nachwort steht, das sowieso kein Aas liest. Bei Licht stellte ich fest, daß ich tatsächlich völlig exakt gearbeitet hatte.“ (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., S. 35)

Auf dem Rückweg zum Auto und später im Supermarkt war ich die Gelassenheit in Person. Wen schrecken schon leergeräumte Regale in der Körperhygieneabteilung, wenn man die Tasche voller Papier hat.

Ach ja: Am Abend desselben Freitags überlief es mich siedend heiß, als mir einfiel, dass ich nicht mehr genug Wasserstoffperoxid und Farbe zuhause hätte, um ein plötzliches Ergrauen zu verhindern. Man will sich ja nicht gänzlich gehen lassen. Deshalb ein Danke an die Freundin, die mir – und sich selbst – diesbezüglich aus der Patsche half. Es reicht laut Karl Lagerfeld ja angeblich schon die Jogginghose, um die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Andrea Haslauer
(AHS-Lehrerin für Deutsch und Religion)

 

E-Learning, Freewriting & Co. Erste Notizen aus dem virtuellen Klassenzimmer

Und plötzlich ist alles anders. Erschien mir das Handy noch vor wenigen Wochen als Wochenendzerstörer, ist es jetzt fast so etwas wie ein Normalitätsbewahrer. Ja, auch die eigene Skepsis der digitalen Welt gegenüber muss grundsätzlich überdacht werden. So schnell können sich die Vorzeichen ändern.

Ab Montag werden wir also versuchen, unsere SchülerInnen via Lernplattform zu unterrichten. Wir am WRG sind angehalten, täglich Aufgaben auf „Moodle“ zu stellen und den Schülern zu kommunizieren, bis wann sie diese erledigen und die Ergebnisse ihrerseits hochladen müssen. Sodann werden wir – wiederum auf digitalem Weg – korrigieren und kommentieren.

Bislang haben nur wenige Lehrende in den Schulen das so gemacht – für ebenso lehrerkritische wie digitalisierungsgläubige JournalistInnen natürlich ein veritables No-Go. Gerade gestern war im „Standard“ wieder zu lesen, wie „erschreckend“ es sei, dass gerade einmal 30 Prozent der Schulen für E-Learning gerüstet sind. Ja, unfassbar und wirklich erschreckend. – Hä, warum eigentlich?

Ganz ehrlich, es gibt kaum etwas, was mich derzeit weniger erschreckt. Mag sein, dass wir noch nicht für E-Learning gerüstet waren – aber ja, jetzt werden wir uns rüsten. Und wir kriegen das hin, wir lernen schnell. Wir Lehrerinnen und Lehrer, wir können das nämlich, auch wenn sich das so manche/r Journalist/in nicht vorstellen kann oder mag.

Außerdem – und das erscheint mir wirklich das Gebot der Stunde zu sein – gilt es, in erster Linie einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Alarmismus zu verfallen. Wie die nächsten Wochen genau ablaufen werden, weiß ohnehin noch keiner. Wir werden uns bemühen, unsere Arbeit und unsere Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen. Ob und wie es gelingen wird, wird man sehen.

Ich werde jedenfalls meine SchülerInnen in meinen virtuellen Deutschstunden auch dazu auffordern, zunächst einmal zehn Minuten lang Freewriting zu betreiben. Das habe ich mit den Klassen besprochen, das haben wir gestern noch einmal geübt. Aus den Freewritings soll eine Art Tagebuch des Ausnahmezustands entstehen. Ob und was wir später daraus machen werden, weiß ich noch nicht. Fürs Erste gilt es, täglich innezuhalten und über unseren nunmehrigen Alltag nachzudenken. Das tut gut und fördert Texte zutage. Texte, die – wenn sie jetzt nicht geschrieben werden – später jedenfalls nicht mehr so geschrieben werden können.

Ja, und ich habe meinen SchülerInnen geraten, diese Freewritings mit der Hand anzufertigen. Ganz analog. Das Handy sollen sie für die Zeit des Schreibens ausschalten und weglegen. Die Aufforderung werde ich auf digitalem Wege vielleicht noch ein paarmal wiederholen müssen. Aber nur weil jetzt alles anders ist, sind die Gefahren von ständigem Handygebrauch ja nicht weg: dieses komische Gefühl zum Beispiel, permanent online sein zu müssen, die Angst davor, etwas zu verpassen, dabei nichts mehr wirklich zuwege zu bringen und sich stattdessen in Unkonzentriertheit zu verlieren. Ja, ich sehe geradezu meine Verantwortung als Pädagogin darin, dazu beizutragen, dass dieses Gefühl nicht zum Dauerzustand wird.

In diesem Sinne: Ich bin froh, dass wir die digitale Welt nutzen können, um weiter unterrichten und mit unseren Schülern in Kontakt bleiben zu können. Dennoch werde ich auch weiterhin den Segnungen des Analogen, der Handschrift, dem Haptischen das Wort reden. Ich werde digitalisierte Lernangebote und Tools nützen und gleichzeitig die SchülerInnen eben auch zum analogen Arbeiten, zu Freewritings, zum Bücherlesen, zum Nachdenken auffordern. Und ich hoffe, dass auch die Coronakrise nicht zur vollständigen Digitalisierung des Klassenzimmers führen wird. In ein paar Wochen, vielleicht erst in ein paar Monaten können wir unsere SchülerInnen hoffentlich alle wieder ganz normal und real in der Schule treffen. Und vielleicht sogar auch wieder einmal eine Schulstunde ganz ohne technische Hilfsmittel mit ihnen zubringen.

(nemo)

Literatur und Leben – in Wissenschaft und Schule

Kürzlich habe ich mit einer vierten Klasse den Jugendroman Der Schrei des Löwen von Ortwin Ramadan gelesen. Ich habe das Buch nun bereits einige Male im Unterricht eingesetzt und darüber auch schon hier im Blog geschrieben. Es geht darin um einen nigerianischen Jungen namens Yoba, der gemeinsam mit seinem Bruder Chioke versucht, nach Europa zu gelangen und ums Leben kommt, als das überfüllte Boot im Mittelmeer kentert. Die Kapitel, die Yoba und seinen Bruder auf dem Weg durch die Sahara begleiten, werden von Kapiteln unterbrochen, in denen Julian, ein deutscher der_schrei_des_loewen-9783551310170_xxlJunge, der mit seiner Familie Urlaub in Sizilien macht, im Mittelpunkt steht. Julian stößt eines Tages beim Tauchen auf eine Leiche und findet das Tagebuch des Ertrunkenen. Gewiefte LeserInnen wissen bereits an dieser Stelle, die sich ungefähr in der Mitte des Buches findet, dass es sich bei dem Toten um Yoba handelt. Die meisten aber hoffen bis zum Schluss, dass es doch jemand anderer ist. Denn dass der Protagonist, mit dem sie sich während des Lesens identifizieren, dem sie sich eng verbunden fühlen, einfach stirbt, wollen sie nicht wahrhaben. Zu sehr wünschen sie sich, dass doch alles gut ausgehen möge.

Aufgabe der SchülerInnen war es, in einem Lesetagebuch einzelne Kapitel aus der Perspektive von Yoba in Form von inneren Monologen wiederzugeben. Ich wollte, dass sich die SchülerInnen in die Figur einfühlen, dass sie die Ereignisse ganz aus der Innensicht schildern. Dabei sind viele sehr kluge und berührende innere Monologe entstanden. Außerdem habe ich die SchülerInnen natürlich gefragt, was ihnen an dem Buch gefallen hat, wie es ihnen bei der Lektüre ergangen ist, was sie beeindruckt/gelangweilt/interessiert hat oder was auch immer es zu dem Buch aus ihrer Sicht zu sagen gibt.

Fast allen hat das Buch gut gefallen. Einige Kapitel fanden sie etwas langatmig, insgesamt aber zeigten sie sich von der Lektüre recht angetan. Ein Mädchen sagte, sie würde gerne auch authentische Berichte von Flüchtlingen lesen. Man wisse nämlich nicht, wie es Yoba in Wirklichkeit gegangen sei, denn der Autor könne ja schließlich nicht dabeigewesen sein. Am allermeisten aber zeigten sich die SchülerInnen vom Tod des Protagonisten irritiert. Dass es Yoba nicht übers Mittelmeer schafft, sondern auf der Überfahrt ertrinkt, hat alle berührt und nachhaltig beschäftigt. Man habe ein Happy End erwartet und dann so etwas. „Aber die Hauptfigur darf doch nicht sterben“, hat ein Schüler gesagt. 

Anschließend haben wir in einem gemeinsamen Gespräch nachgedacht: über das Leben und den Tod und über die Notwendigkeit des Geschichtenerzählens; über unser aller Bedürfnis danach, dass Geschichten gut ausgehen, und auch darüber, wie Geschichten die Erinnerung an Menschen bewahren können. Wir haben überlegt, welche Unterschiede es zwischen einem autobiographischen Bericht und einem Roman gibt, wir haben darüber gesprochen, dass ein Er-Erzähler den Protagonisten sterben lassen kann, wohingegen ein Ich-Erzähler, der retrospektiv über sein eigenes Leben schreibt, überleben muss. Wir haben über das exemplarische Schicksal des Yoba gesprochen und darüber, wie gern wir hätten, dass wenigstens sein Bruder (dem nach seiner Rettung die Abschiebung „nach Afrika“ in Aussicht gestellt wird) es nach Europa schafft.

Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie aufmerksam die dreizehn-, vierzehnjährigen SchülerInnen erzähltheoretische Besonderheiten von Literatur wahrnehmen und Phänomene ansprechen, über die man aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive lange nachdenken kann. Im Grunde haben sie mit dem, was sie spontan zu dem Buch zu sagen hatten, zentrale Fragen der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung angesprochen. Zusammen mit dem, was ich in der Diskussion beigesteuert habe, indem ich sie auf bestimmte Fährten wie die Erzählperspektive, die Gattung und die Funktion des Erzählens geführt habe, ergab das eine ganz schön erkenntnisreiche Stunde, finde ich. 

Mich beglücken solche Diskussionen. Denn in meiner Zeit als Literaturwissenschaftlerin habe ich mich immer wieder mit der Funktion des Erzählens im Spannungsfeld von Erinnern und Vergessen sowie den erzähltheoretischen Besonderheiten autobiographischen Erzählens beschäftigt. Inhaltlich ging es in den Texten, mit denen ich mich beschäftigt habe, zumeist um Konzentrationslagererfahrungen, die Shoah, um Fragen der Zeugenschaft, der Bewahrung von Erinnerung und der Weitergabe dieses Gedächtnisses. Texte, in denen Fluchterfahrungen thematisiert werden, sind an die Theorien, die im Zuge der Auseinandersetzung mit KZ- und Holocaustliteratur gewonnen wurden, absolut anschlussfähig.

Am intensivsten und längsten habe ich mich den Texten Jorge Semprúns (1923-2011) gewidmet. Der spanische Autor, der die meisten seiner Bücher auf Französisch geschrieben hat, hat sich über mehrere Jahrzehnte immer wieder aufs Neue mit seiner Buchenwald-Erfahrung auseinandergesetzt und diese in den umfassenden Komplex des nationalsozialistischen, aber auch des stalinistischen Terrors eingebunden. Mir ist es in meiner Dissertation (2004 bzw. als Monographie 2006) darum gegangen aufzuzeigen, wie sich Semprúns Konzept von Zeugenschaft entwickelt und verändert und wie es ihm mit Hilfe literarischer (intertextueller) Bezüge möglich wird, die Wahrheit seines Ichs zu erzählen.

Daneben habe ich mich eine Zeit lang mit Erinnerungstexten französischer, italienischer und spanischer Mauthausen-Überlebender beschäftigt. Peter Kuon, Ordinarius an der Salzburger Romanistik, hat viel dazu geforscht und publiziert. Ich habe am Rande in diesem Forschungsprojekt mitgearbeitet. Die Texte, mit denen wir es zu tun hatten, stammten zum allergrößten Teil nicht von Schriftstellern, waren also keine literarischen Texte im engeren Sinn. Vielmehr waren es Aufzeichnungen ehemaliger KZ-Häftlinge, die ihre Erfahrungen bezeugen und mit ihren Texten dazu beitragen wollten, dass das, was sie erlebt haben, nicht vergessen wird. Immer wieder ist in diesen Texten auch von dem Dilemma, dass man vom Unvorstellbaren, von der Ausweglosigkeit, vom Tod erzählt und doch selbst überlebt hat, die Rede.

In einem Aufsatz schließlich, der 2014 in dem Band Katastrophe und Gedächtnis (hrsg. von Thomas Klinkert und Günter Oesterle) erschienen ist, habe ich über die Leistung des Ich-Erzählers in literarischen Texten (u. a. in Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész) nachgedacht und versucht aufzuzeigen, wie durch die Präsenz des Erzählers in der erzählten Welt und den extremen Belastungen, mit denen die Erzählerfigur beim Erzählen der Katastrophe konfrontiert wird, Erinnerung lebendig gehalten werden kann. In Texten wie Roman eines Schicksallosen entsteht eine subjektive Erfahrungswahrheit, die sich in ein kollektives Gedächtnis der Shoah einschreibt und sich diesem gleichzeitig widersetzt bzw. jede Art von kollektivem Gedächtnis problematisiert.

Ja, und ein bisschen von all dem durfte ich neulich in die Diskussion über Der Schrei des Löwen einbringen. Schon sehr befriedigend, finde ich.

(nemo)

Bevor ich’s vergess‘: Eine Steigerung ist möglich

Bevor ich auch noch vergesse, dass ich mir den Text, den ich mir im Oktober extra aus der Zeitung ausgeschnitten und längst schon verlegt habe, eigentlich aufheben wollte, sichere ich ihn im Blog. Er ist eh zeitlos relevant und bietet sich gerade dieser Tage wieder als Alternative zu all dem Guten oder aber als Erinnerung daran, dass nicht nur das Supere steigerbar ist, an. Außerdem empfehlen sich die Dramolette Antonio Fians, die samstags gerne im Standard abgedruckt werden, soundso – ob als Jahresrückblick daheim oder in der Schule, ob beim Frühstück oder aber danach. (nemo)

Antonio Fian: Steigerung

Das Strandbad in Klagenfurt an einem nebligen Oktobermorgen 2019

(Das Strandbad in Klagenfurt an einem nebligen Oktobermorgen 2019, menschenleer bis auf, am Ende des Steges, zwei ehemalige Beachvolleyball-Nachwuchsspieler in schwarzen Stiefeln, schwarzen Hosen und schwarzen Jacken mit der Aufschrift „Security“. Sie werfen Kieselsteine ins Wasser.)

DER ERSTE: Summa vuabei, ha?
DER ZWEITE: Schaut aus.
DER ERSTE: Schas, oda?
DER ZWEITE: Eh.
(Pause)
DER ZWEITE: Noch vül schasa is, doss danoch glei onfongt Winta.

DER ERSTE: Konn ma nit sogn.
DER ZWEITE: Ah so? Host du schon amol g’heat, doss noch Heabst nit glei onfongt Winta?
DER ERSTE: Dos man i nit. Schasa. Konn ma nit sogn.
DER ZWEITE: Warum nit? Is vielleicht nit schasa Winta wia Heabst?
DER ERSTE: Schon. Oba Schas Hauptwuat. Ka Steigerung. Drum konn man nit sogn schasa, konn ma lei sogn, Winta greßara Schas wia Heabst.
DER ZWEITE: Von mia aus, wonnst manst …
(Lange Pause. Kieselsteine.)

DER ERSTE: Und weast segn, See wead heia aa wieda nit zuagfrian.
DER ZWEITE: Eh. Des is sowieso des Oascheste.
(Vorhang)

(Antonio Fian, 18.10.2019)

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen. Eine unvollständige Liste

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen:

  • für jeden einzelnen Besuch, jeden Anruf, jede Nachricht und alle guten Wünsche und Gedanken, die mich erreichen.
  • für alles, was mir meine Kolleginnen bringen und für mich tun.
  • fürs Kennenlernen von Barbara Pachl-Eberhart. Ich habe ihr Buch Vier minus drei gelesen, ich habe ihren Newsletter bestellt. Ich habe bereits viele Schreibtipps von ihr erhalten und ich will alle Bücher von ihr lesen.
  • für die Geschenke meiner (Ex-)SchülerInnen: ein Blumenstrauß aus Sonnenblumen und Rosen, ein Gutschein für eine Fahrt nach Wien mit Theater- oder Opernbesuch (gemeinsam mit meiner liebsten Reisekollegin!).
  • für die Freewritings, die sie für mich angefertigt haben und in ein Album geklebt haben. Für alles, was in diesen Texten steht.
  • dafür, dass ich die Maturazeugnisse meiner Klasse unterschreiben konnte. (Eine Kollegin hat sie mir nach Hause gebracht und anschließend wieder in die Schule gefahren.)
  • für meine Zeitungsabos: Der Standard kommt täglich, am Samstag kommen auch die Salzburger Nachrichten. Für die vielen guten und interessanten Zeitungsartikel, die ich täglich lese.
  • für das Radioprogramm von Ö1. Für Du holde Kunst heute Morgen mit den Lieblingsgedichten von Peter Matic (sieben Tage lang kann man die Sendung noch nachhören), für die Kabarett- und Konzertübertragungen vom Donauinselfest.
  • für die Stimme und die Intonation von Peter Matic.
  • dafür, dass ich auf meiner Couch liegen darf, Radio hören und lesen kann.
  • dafür, dass ich meine Tochter am Freitag zum Bus begleiten und ihr winken konnte, bis der Bus um die Ecke gebogen war. (Sie fuhr mit ihrer Klasse auf meeresbiologische Woche nach Premantura.)
  • dafür, dass ich weinen und lachen kann.
  • für meine beiden Katzen Tonio und Nina, die sich gerne auf mich drauflegen, mich lieb anschauen und schnurren.
  • für alles, was meine Eltern, meine Schwester, meine kleine Nichte und meine Schwägerin (die mich vom Krankenhaus abgeholt hat und sich neben vielem anderen um die Blumen am Grab kümmert) für mich tun. Und dafür, dass auch meine anderen Schwägerinnen und Nichten an mich denken. Und meine lieben, lieben Freundinnen sowieso.
  • für das schöne Sommerwetter und den abkühlenden Regen.
  • für das Geschenk, dass ich wieder schreiben kann.
  • für die vielen Buchtipps, die ich dieser Tage erhalte, und für das Buch Darm mit Charme von Giulia Enders, dessen Lektüre mir früher peinlich gewesen wäre und das ich jetzt mit großem Vergnügen lese. 🙂
  • für die Musik von I Muvrini (ganz besonders für das Album Invicta), die Songs von Calexico und das neue Album von Bruce Springsteen. Und für die Musik von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn Bartholdy.
  • dafür, dass ich wieder (fast) alles essen kann und mir alles so gut schmeckt.
  • dafür, dass liebe Menschen für mich einkaufen und kochen.
  • für meine beiden neunjährigen Nachbarsjungen, die einfach bei mir klingeln, mir und meinen Katzen Zeichnungen und Selbstgebasteltes schenken. Wir essen gemeinsam Melone, quatschen ein bisschen und ich lese ihnen Michel aus Lönneberga vor.
  • für mein Tagebuch und den Blog – und dass meine selbst geschriebenen Wort bei mir sind.
  • für das Verständnis meiner Schulleitung (Direktion, Administration und Sekretariat), die einfach alles, was zu regeln ist, für mich regeln.
  • für meinen so gut funktionierenden Körper und das Jojoba-Körperöl, das ich geschenkt bekommen habe, mit dem ich öle und öle.
  • für meine neue Hausärztin, bei der ich mich gut aufgehoben fühle, und dafür, dass sie für mich einen Antrag auf Erholung gestellt hat.
  • für die Kirchenglocken und das Zwitschern der Vögel.
  • für die Erinnerungen an unsere wundervollen Sommer in Korsika.
  • und für noch so vieles mehr.

(nemo)

 

 

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

518yqITusqL._AC_US327_QL65_Immer auf der Suche nach Literatur, die auch Literaturgeschichte vermitteln kann, bin ich auf „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gestoßen. Es geht darin um Annette von Droste-Hülshoff, die als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen gilt. Ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört meiner Meinung nach zumindest zum erweiterten Literaturkanon für die Schule, mit ihrer Lyrik habe ich mich noch nicht viel auseinandergesetzt, aber in meinem bevorzugten Unterstufenbuch findet sich die Ballade „Der Knabe im Moor“, mit der man einiges anfangen kann.

Den Gedanken, den Roman als Klassensatz für unsere Schule anzuschaffen, habe ich allerdings sofort angesichts der Seitenzahl verworfen: 592! Das darf man niemandem antun, der das nicht von selber will. Und auch bei mir lief das Buch ja nur unter ferner liefen, ich wollte es ja nicht für mich persönlich lesen und mein Stapel der ungelesenen Bücher (Tsundoku!) ist konstant hoch, also griff ich auf meine Alternative zurück: Hörbuch. 15 Stunden und 12 Minuten vorgelesen von Karen Duve selber. Und was soll ich sagen? Der Text hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.

Es geht nicht nur um die Liebesgeschichte einer jungen, nicht ganz so angepassten Frau vor zweihundert Jahren, es wird ein Sittengemälde rund um die Familie, die Kontakte mit den Brüdern Grimm, Heinrich Heine, Clemens Brentano und anderen hatte, die sich auf das altdeutsche Kulturgut zurückbesinnen wollten, gezeigt. Ich konnte mit den Figuren Reisen auf furchtbaren Straßen erleben, ich empfand die Langeweile von Freifräuleins, die keine Aufgabe im Leben haben, wenn sie nicht geheiratet werden, und deren Wert innerhalb der Familie nur mäßig ist, wenn sie eigene Gedanken kompromisslos vertreten. Ich wunderte mich über die skurrilen Figuren der Grimms oder der altdeutsch gesinnten Studenten in Göttingen, der Freunde von August von Droste zu Hülshoff. Ich fror mit Heinrich Straube, dem mittellosen Studenten, den Annette wirklich zu lieben glaubt, wenn er sein Zimmer auf die Temperatur von 14 oder 15 Grad heizen kann. Und wie lange die Beförderung eines Briefes dauerte …

Natürlich ist er nicht standesgemäß und kommt für eine Verbindung nicht in Frage, aber Annette hat ja auch nicht wirklich die Möglichkeit herauszufinden, wie das ist, jemanden zu lieben, und da sie selbst innerhalb ihrer Familie kaum Anerkennung bekommt – im Gegenteil, sie wird vor allem von ihren Brüdern klein gehalten – , findet sie es schön, dass sich jemand ihrer Gedichte annimmt. In einer wunderbaren Szene küsst Straube sie unbeholfen, doch die junge, sehr kurzsichtige Frau sieht seine schlechten Zähne und riecht seinen strengen „Flausch“ (Mantel) – das lässt also nicht direkt Verliebtheit zu. Doch es entsteht eine Seelenverwandtschaft, die beide letztendlich unglücklich macht. Die Kussszene wird übrigens im Abstand von mehreren hundert Seiten aus der Sicht beider Beteiligter geschildert. Er empfindet seine Nase als zu groß und seine Brille verrutscht – sie lässt alles über sich ergehen und beobachtet ihre Empfindungen.

In dem „kurzen Sommer“ finden mehrere Männer das unangepasste Freifräulein anziehend und das lässt letztendlich auch die Beziehung zu Straube nicht weiter entstehen. Richtig sympathisch wird einem diese Annette von Droste-Hülshoff nicht, aber man erkennt das Potenzial einer Frau, die vor 200 Jahren für unpassend gehalten wird und sich nicht entwickeln darf.

Karen Duve hat gut recherchiert und einen historischen Roman geschrieben, dessen Figuren lebendig werden und etwas über den Beginn des 19. Jahrhunderts erzählen. Die starrsinnigen, eigenbrötlerischen Grimms, der extrovertierte Heinrich Heine, der immer wieder in Gesprächen bewunderte Goethe, August von Droste-Hülshoff, der Heinrich Straube als neuen Goethe verehrt und finanziell unterstützt, die Schwestern und Tanten der Familien Droste-Hülshoff und Haxthausen und ihre Lebensumstände sind in diesem Roman gut aufgehoben und ich konnte ein Stück des Weges mit ihnen zurücklegen und erfahren, wofür sie ich interessiert haben. Ich hab mich ungern von ihnen getrennt, aber ich bin sehr froh, dass ich nicht in dieser Zeit leben musste. (juhudo)

Im Kulturjournal des NDR kann man ein bisschen etwas über den Roman von Karen Duve selbst erfahren:

Und hier kann man die erste Viertelstunde des Hörbuchs ausprobieren:

Habe ich eigentlich schon erzählt … Wahlpflichtfach Deutsch

Dass ich gerne unterrichte und mit ziemlicher Begeisterung Lehrerin bin, habe ich eventuell schon ein-, zweimal erzählt. 😉 Es gibt aber auch Seiten am Lehrberuf, die ich nicht mag: die Bürokratie, die Notengebung, die 50-Minuten-Einheiten, die großen Klassen, die immer strenger werdenden Vorgaben und Standardisierungsbestrebungen „von oben“. Ein wahres Geschenk, bei dem all das, was ich an der Schule nicht mag, keine Rolle spielt, ist das Wahlpflichtfach Deutsch, das erstmals nach vielen Jahren an unserer Schule wieder zustande gekommen ist. Die Rahmenbedingungen sind geradezu großartig: 10 SchülerInnen, die sich für Literatur und Sprache interessieren und die gerne lesen und schreiben, keine Vorgaben „von oben“ und jede Woche hundert Minuten am Stück.

Mein Ansinnen ist es, die SchülerInnen zwei Jahre lang in „andere Welten“ und „andere Zeiten“ zu entführen. „Bewegung und Stillstand“ dient uns als Leitmotiv in diesem Jahr. Wir wollen literarische Texte lesen und Filme anschauen, in denen Bewegung und Stillstand eine Rolle spielen, wir wollen unsere Gedanken und uns selbst in Bewegung bringen, wir wollen ausprobieren, was es für uns heißt, in Bewegung zu sein und wieder still zu stehen. Und all diese Erfahrungen, Gedanken und Ideen sollen in eigene Texte einfließen.

Mit Bildern als Schreibimpulsen haben wir begonnen. Die nächste Stunde haben wir dem Gedicht Auf der Schwelle des Hauses von Günter Kunert gewidmet. Jeder hat versucht, ein Gedicht nach diesem Muster zu verfassen. Und weil es irgendwie dazugepasst hat (und die Bücher in der Schule gerade verfügbar waren), haben wir Sibylle Bergs Roadmovie und „Märchen für alle“ mit dem Titel Habe ich dir eigentlich schon erzählt … gelesen. Plötzlich waren wir auf dem Weg in die DDR. Wahrlich eine andere Welt und eine andere Zeit! Kurz habe ich mich allerdings schon gefragt, ob das jetzt das richtige Reiseziel gleich für den Anfang sein würde. Die SchülerInnen aber sind sofort darauf eingestiegen und haben voll mitgetan. Drei hatten das Buch von Sibylle Berg bereits im Deutschunterricht gelesen, denen habe ich Christa Wolfs Der geteilte Himmel mitgegeben. Na, da habe ich mich erst recht gefragt! Aber auch das hat funktioniert. Die drei Schülerinnen haben es zwar nicht geschafft, das Buch zur Gänze zu lesen, waren jedoch von der Sprache und der Geschichte irgendwie schon angetan. Ich habe ihnen dann noch ein bisschen etwas über die DDR erklärt, ihnen eine Stelle vorgelesen, die ich selbst sehr berührend finde, und ihnen einen Ausschnitt aus der Verfilmung gezeigt. Wir haben insbesondere auf die Ästhetik des Films geachtet und über die Unterschiede zu heutigen Filmen gesprochen. Am Ende der Stunde habe ich ihnen noch ein paar Zitate aus Sibylle Bergs Roman ausgeteilt und sie dazu ermuntert, zu Hause einen Text zu einem der Zitate zu verfassen. Mit einem Lied von Gerhard Gundermann habe ich die SchülerInnen letzte Woche entlassen.

Heute wollte ich das fortgesetzt schöne Herbstwetter nutzen, um mit der Gruppe einen Spaziergang durch die Stadt auf den Spuren Georg Trakls zu machen. Davor haben wir uns noch kurz in der Schulbibliothek zusammengesetzt und die Schülerinnen haben jene Texte vorgelesen, die sie zu Hause geschrieben hatten. Bis auf zwei haben alle die freiwillige Hausübung gemacht! Und was für schöne Texte da heute vorgelesen wurden, hat mich echt beeindruckt.

Dann sind wir losmarschiert: Wir haben bei Trakls Geburtshaus am Waagplatz begonnen, sind durch die Linzer Gasse und den Mirabellgarten bis zur Christuskirche in die Schwarzstraße spaziert. Ich habe ein bisschen etwas erzählt, wir haben die Gedichte gelesen, und mehrfach habe ich ein „voll schön“ vernommen. Am Ende des Spaziergangs habe ich den Schülerinnen gesagt, wo sich weitere Tafeln mit Trakl-Gedichten in Salzburg befinden. Es würde mich nicht wundern, wenn die eine oder andere die Orte noch in dieser Woche aufsuchen würde. Bis zur nächsten Woche ein Gedicht zu verfassen, das entweder ein Motiv bzw. eine Verfahrensweise aus den Trakl-Gedichten aufnimmt oder das unseren heutigen Spaziergang mit den Gedichten zusammenzubringen versucht, wollen jedenfalls alle ausprobieren.

Ich glaub, das nennt man Deutschlehrerinnentraum, was mir da gerade widerfährt.

(nemo)