Bücher als Zumutung

Dienstagmorgen, 8 Uhr, zweiter Tag des neuen Schuljahres. Die erste Deutschstunde in meiner Klasse steht an. Womit soll ich beginnen? Was könnte den SiebtklässlerInnen Freude machen? Wie mache ich Ihnen zu Beginn des Schuljahres wieder ein bisschen Lust auf Deutsch? Mit einem Buch natürlich. Was sonst?

Also schnappe ich mir den Klassensatz von Bernhard Schlinks Der Vorleser und mache mich auf den Weg in den dritten Stock. Zugegeben, gleich zu Beginn ein Klassiker, Goethe, Schiller oder Lessing in Form eines abgegriffenen Reclam-Heftes, würde möglicherweise ein bisschen abrupt anmuten. Nein, es soll schon etwas Gefälliges sein, Gegenwartsliteratur, ein Bestseller mit mitreißendem Inhalt, verpackt in ein gar nicht so unansehnliches Diogenes-Taschenbuch.

Im Gang des dritten Stockes begegne ich einer meiner Schülerinnen und bitte sie, mir ein paar Bücher abzunehmen, bevor der Stapel kippt. Hilfsbereit und freundlich eilt sie herbei – angesichts der Bücher aber fällt ihr alles hinunter: „Nicht im Ernst. Ein Buch. Und das in der ersten Schulwoche!“

Wie viele der anderen ebenso unwillig reagiert haben, weiß ich nicht, die Schülerin war vor mir im Klassenraum. Als ich eintrat, hatten sie sich weitgehend gefasst. Natürlich müssen Sechzehn- oder Siebzehnjährige angesichts von schulischer Lektüre nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen. Das blanke Entsetzen aber beim Anblick eines Buches gibt mir schon zu denken.

Nun ist es nicht so, dass meine Klasse grundsätzlich widerwillig wäre oder die bisherigen Lektüren verweigert hätte. Nein, eigentlich konnte ich den meisten doch immer etwas von der Schönheit, Sinnhaftigkeit, Bedeutsamkeit und Relevanz der bisher gelesenen Bücher und ihrer Inhalte vermitteln. Und so wird es hoffentlich auch diesmal sein. Wenn wir in ein paar Wochen über den Vorleser reflektieren werden, wird das Urteil nicht vernichtend ausfallen. Das spüre ich. Möglicherweise wird sogar die ob eines Buches in der ersten Schulwoche geradezu fassungslose Schülerin etwas darin finden, das ihr gefällt und/oder das sie zum Nachdenken bringt.

Was allerdings schon auffällt, ist, dass die Haltung Büchern gegenüber immer problematischer wird: „Ok, im Deutschunterricht gehört’s halt irgendwie dazu, manches ist dann eh ganz interessant, aber eigentlich, wenn wir ehrlich sind, ist Literatur überflüssig und eine Zumutung.“ Die SchülerInnen würden es vielleicht nicht so formulieren, aber diese Einstellung greift um sich. Und wir reden hier nicht von der Berufsschule, sondern von der Oberstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule.

Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich vielfältig: Smartphone und Internet gehören zweifellos dazu. Wischen, Bilder und Videos betrachten, Chatten und das Lesen von Kürzestnachrichten ist bequemer und zumindest auf den ersten Blick fesselnder. Die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, Bildung einzig im Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg zu funktionalisieren, kommt hinzu. Wozu bitte soll Literatur gut sein? Geld kann man genauso gut verdienen, wenn man nichts gelesen hat. Und die uns als alleinselig machend verkaufte Kompetenzorientierung in den Lehrplänen trägt das ihre dazu bei. Selbst wenn uns noch so viele Bildungsexperten ständig das Gegenteil einzureden versuchen, die Verschiebung von verbindlichen Inhalten einerseits und mitunter verwertungsfreier Literaturbetrachtung andererseits hin zu Kompetenzen, die ihrerseits anhand von mehr oder weniger beliebigen Inhalten ausgebildet werden können, entzieht der Literatur zunehmend den Raum und auch den Nährboden.

„Aber ihr dürft doch eh weiterhin Literatur unterrichten.“ „Auch bei der Zentralmatura gibt es ein Thema, in dem ein literarischer Text vorkommt.“ „Der Unterricht darf und soll doch ohnehin viel mehr umfassen, als das, was bei der Matura abgetestet wird.“ Mit solchen und ähnlichen Argumenten wird man gerne bedacht, wenn man Kritik an den kompetenzorientierten Lehrplänen und ihren Messinstrumenten äußert. Ja, eh, stimmt natürlich alles. Aber dass im Zuge der jüngeren Bildungsreformen Haltungen verändert, Wichtigkeiten verschoben und gesellschaftliche Diskurse, in deren Zentrum Funktionalisierung steht, angefeuert wurden, lässt sich auch nicht leugnen. Die Auswirkungen von all dem kann man in der Schule täglich beobachten. Das aber will man nicht hören. Denn die Beobachtungen von LehrerInnen sind bloß empirisch nicht belegbare Behauptungen. Studien würden da ja zu ganz anderen Ergebnissen kommen …

Nur gut, dass einem Konrad Paul Liessmann wieder einmal aus der Seele schreibt. „Belesenheit ist eine Provokation“, lautet der Titel des Essays, der im heutigen Standard nachzulesen ist. Es handelt sich dabei um einen Vorabdruck aus seinem demnächst erscheinenden Buch Bildung als Provokation, auf das ich mich jetzt schon freue. Da heißt es:

Die Provokation literarischer Bildung besteht nicht zuletzt in der persönlichkeitsverändernden Kraft der Literatur, die unmerklich vonstattengeht, keinen Zielvorstellungen folgt, nicht operationalisierbar und deshalb auch nicht kontrollierbar und prüfbar ist. Dass es eine Form der Bildung gibt, die sich dem Zugriff der qualitätssichernden Behörden entzieht, weil sie sich aus einer informellen Beziehung zwischen Schüler und Lehrer entspinnen mag, kratzt an all jenen Quantifizierungs- und Messbarkeitschimären, ohne die die gegenwärtige Bildungsforschung ebenso wenig auszukommen glaubt wie die Bildungsorganisation.

Literatur aber hat eine Gestalt. Sie erscheint in der Form des Buches, Lesen als avancierte kulturelle Praxis ist ohne das Buch nicht denkbar. Die aktuell forciert betriebene Digitalisierung von Schulen und Universitäten, die sich alles Heil von Geräten und nicht von Ideen erwartet, verhindert in großem Maßstab die Entwicklung jedes Interesses für die Literatur. (…) Das Interesse für Literatur wird geweckt, wenn man im richtigen Moment das richtige Buch in die Hand gedrückt bekommt und sich dadurch die Chance eröffnet, zu einem Leser zu werden.

Daran kann sich eine Deutschlehrerin aufrichten – selbst in Zeiten, in denen SchülerInnen beim Anblick eines Buches das Gesicht herunterfällt.

(nemo)

 

Gegen die Verdummung. Literatur als Seelenfutter

In seiner Rede zur Literatur hat der Schriftsteller Franzobel kürzlich viel Schönes und Wahres über die Literatur und ihre Notwendigkeit gesagt. Hier ein paar Zitate:

Es wird immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung.

Literatur ist Kampf – gegen die Verdummung, Herzlosigkeit, Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher.

Die größte, ständig lauernde Gefahr für jede homogene Gesellschaft besteht darin, dass sie plötzlich durch religiöse, ethnische, rassische oder andere, vielleicht sogar triviale, lächerliche Grenzen (zum Beispiel Kopftücher, lange Nasen oder eine Vorliebe für Burritos) zerteilt wird und Demagogen (politische Führer, welche unter Anführungszeichen gehören) die einzelnen Gruppen aufeinanderhetzen. Der Balkankrieg, Ruanda, die Ukraine, Syrien. Wir dachten, so etwas gäbe es nicht mehr. Weit gefehlt. Im Grunde wird die ganze homogene Menschheit so zerteilt. Und wenn es jemand schafft, uns zu zeigen, dass wir Mitteleuropäer derselben Spezies angehören wie die Chinesen, Senegalesen, Burmesen, Peruaner, Hawaiianer, Kenianer, Jemeniten oder wer auch immer, diese Menschen dieselben Empfindungen, Sorgen, Wünsche haben wie wir, dann die Literatur. Darum hat sie auch die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer.

(nemo)

 

18 Leseabenteuer in 4 Jahren

Mit den Viertklässlern habe ich darüber nachgedacht, was wir in der Unterstufe eigentlich alles gemeinsam gelesen haben. 18 Titel sind uns eingefallen:

Löcher, Nichts, Der überaus starke Willibald, Berts gesammelte Katastrophen, Emil und die Detektive, Krabat, Simpel, Rennschwein Rudi Rüssel, Herzslam, Odysseus, Herr der Diebe, Maikäfer, flieg!, Lena, Mio, mein Mio, Vorstadtkrokodile, Der Schrei des Löwen, Herr Bello, Malala.

Zu einigen dieser Bücher haben wir intensiver gearbeitet, andere nur gelesen und besprochen, bei einigen haben wir uns im Anschluss an die Lektüre noch den Film angeschaut, ein paar auch in einer dramatisierten Version im Theater gesehen. In Form des von mir immer wieder eingesetzten Freewritings habe ich die Schüler und Schülerinnen nun ein bisschen über ihre Lektüreerfahrungen reflektieren lassen. Welches Buch ist dir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben? Welche Bücher hast du gerne gelesen, welche weniger? Was hast du für dich durch die Lektüre gelernt? Was bedeutet Lesen generell für dich?

Nach dem Freewriting sollten die SchülerInnen ihr Heft offen auf dem Platz liegen lassen und in der Klasse herumgehen, die Reflexionen anderer lesen und kurz kommentieren. Herausgekommen ist dabei ein durchaus intensives Nachdenken über den Stellenwert des Lesens, über Lieblingslektüren und über den Sinn von Klassenlektüren. Die Favoriten der meisten SchülerInnen waren Der Schrei des Löwen, Löcher, Krabat und Simpel, einzelnen gefiel Herzslam und Lena am besten. Weniger gut kam bei vielen Mio, mein Mio an. Fast alle konnten der Lektüre insgesamt doch einiges abgewinnen, für einige bleibt Lesen dennoch eine rein schulische Angelegenheit.

Hier wieder ein paar Statements im O-Ton – mit ganz leichten Eingriffen in die Zeichensetzung meinerseits 😉 :

„Ich glaube, dass mich das Buch Der Schrei des Löwen in gewisser Weise verändert hat. Denn durch Yoba und seinen Bruder habe ich die Situation von Flüchtlingen verstanden.“

Krabat hätte ich privat nie gelesen, es hat mir aber doch gefallen.“

„Ich persönlich lese in meiner Freizeit fast nie etwas, deswegen finde ich es schon gut, dass wir über die 4 Jahre in Deutsch immer wieder Bücher gelesen haben.“

„Lesen bedeutet für mich, einen anderen Ort oder eine andere Welt kennenzulernen.“

„Grundsätzlich spielt Lesen eine große und bedeutende Rolle in meinem Leben. Allerdings habe ich nicht die Ausdauer, ein 300 Seiten Buch konsequent zu lesen. Ich bin ein Fan von Comics und Zeitschriften. Ein Grund dafür ist, dass ich die Freiheit, mir selbst ein Bild von einer Geschichte zu machen, nicht mag. Ich will Bilder!“

„Ich habe gelernt, dass man sich erst einmal in ein Buch hineinlesen und versuchen muss sich hineinzuversetzen, bevor man es beurteilt. Dass man nicht gleich nach den ersten Seiten sein Urteil fällt.“

„Ich bin bei allen Büchern in die Geschichte eingetaucht, habe versucht, mich in die Personen hineinzuversetzen, die Realität zu vergessen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das ist mir bei dem Buch Simpel gut gelungen, weswegen es mir auch am besten gefallen hat. Man konnte sich irgendwie gut in die Situation hineinversetzen, mit Simpel, der eine anstrengende, aber liebevolle Person ist, und seinem Bruder, der ihn, obwohl es für ihn schwierig ist, nicht in die Anstalt schickt.“

„Am lebhaftesten kann ich mich noch an Löcher erinnern. Ich erinnere mich noch an jede Person und an alle Details.“

„Alles in allem waren die meisten Bücher gut zu lesen, obwohl ich nicht so der Leser bin.“

(nemo)

Patenklasse bei „Nichts“

Die vierte Klasse, in der ich unterrichte, hatte in diesem Schuljahr die außerordentliche Gelegenheit, als Patenklasse ein Theaterstück zu begleiten. Patenklasse zu sein heißt, dass man bei der Erarbeitung und Inszenierung eines Stückes dabei sein und gleichzeitig selbst aktiv werden darf. Für die SchülerInnen kann auf diese Weise Theater richtiggehend zum Erlebnis werden. Sie beobachten den Entstehungsprozess und überlegen darüber hinaus selbst, wie sie beispielsweise das Bühnenbild gestalten oder wie sie eine bestimmte Szene spielerisch umsetzen würden. IMG_4755

Meine ViertklässlerInnen waren Patenklasse bei dem Stück „Nichts – was im Leben wichtig ist“, das in der Regie von Petra Schönwald vor zwei Wochen am Schauspielhaus Salzburg Premiere hatte. Das „Stück“ ist eigentlich ein Roman von Janne Teller, der vor einigen Jahren aufgrund seiner Thematik für Aufregung gesorgt hat. Es geht darin um eine Gruppe Jugendlicher, die ihrem Klassenkameraden Pierre Anthon beweisen wollen, dass es etwas gibt, das Bedeutung hat. Er verunsichert seine Mitschüler mit dem Satz „Nichts bedeutet irgendetwas“ dermaßen, dass sie beginnen einen Berg aus Bedeutung zusammenzutragen. Was zunächst harmlos beginnt, steigert sich bald zu einem grausamen Unterfangen, bei dem keiner den anderen schont und jeder etwas noch Bedeutsameres auf den Berg legen muss. Die Spirale aus Angst, Wut und Rache dreht sich, bis sich am Ende des Buches der Zorn der Jugendlichen an Pierre Anthon entlädt und der Unruhestifter zu Tode kommt.

Für Vierzehnjährige ist dieses Buch ganz schön heftig. Ich hätte es nicht mit der Klasse gelesen, wenn wir nicht die Gelegenheit gehabt hätten, die Theaterproduktion zu begleiten. Nur durch die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik, die im Zuge der Probenbesuche gegeben war, denke ich, dass die Lektüre vertretbar war. Wiewohl ich auch dazusagen muss, dass ich von dem Buch insgesamt nicht restlos überzeugt bin. Meines Erachtens wird nicht plausibel, warum die Aussage von Pierre Anthon die anderen derart aus der Bahn wirft. Er selbst setzt sich in den Pflaumenbaum und beschließt, nichts mehr zu tun. Dass die anderen dadurch so provoziert werden, dass sie im wörtlichen Sinn alles tun, um ihm das Gegenteil zu beweisen (was natürlich ohnehin scheitern muss), erschließt sich weder mir, noch konnten es meine Schüler nachvollziehen. Des Weiteren fehlt, finde ich, am Ende eine Erkenntnis, eine nachträgliche Einsicht bzw. Reflexion des eigenen Fehlverhaltens. Die Ich-Erzählerin ist im Grunde auch acht Jahre nach den fürchterlichen Ereignissen kaum zu einer selbstkritischen Haltung fähig. Das lässt einen irgendwie unzufrieden zurück.

Was trotz dieser Mängel an dem Buch interessant ist, ist der gruppendynamische Prozess, der die Handlung vorantreibt und irgendwann nicht mehr zu stoppen ist. Jeder der Jugendlichen sucht die Schwachstelle eines anderen und sticht gnadenlos zu.  Genau dieser Prozess ist es auch, der mich an der dramatischen Umsetzung am meisten überzeugt hat. Die Bühnenfassung kann die Schwachstellen des Buches nicht korrigieren, sie schafft es aber, den grausamen Vorgang, der zwischen den Jugendlichen abläuft, grandios darzustellen und aufzuzeigen. Und sie gibt der Geschichte darüber hinaus einen sinnvollen Rahmen, indem sie mit der Erzählgegenwart acht Jahre nach den Ereignissen einsetzt und die Handlung wie eine Rückblende inszeniert. Dadurch gewinnt das Stück gegenüber der Textvorlage eindeutig an Plausibilität.

Die SchülerInnen waren von der schauspielerischen Darbietung begeistert. Sie konnten unter anderem mitverfolgen, wie sich ein Stück etwa durch den Einsatz von Licht verändert. Und sie durften selbst, angeleitet von einer „richtigen Regisseurin“, ein paar Szenen entwerfen und ausprobieren. Patenklasse zu sein ist eine einzigartige Gelegenheit Theater zu erleben, und Patenklasse bei dieser Version von „Nichts“ zu sein, war etwas, was unser Schuljahr wirklich bereichert hat. (nemo)

Pariser Exzerpte

Gleich mehrere meiner alten Ordner landeten gestern im Altpapiercontainer. Literatur und Bürgerkrieg, kulturelles Gedächtnis, französische Gegenwartsautorinnen und mindestens fünf Mappen mit Materialien rund um die Dissertation. Jorge Semprúns literarische Auseinandersetzung mit Buchenwald lautete das Thema der Arbeit. 2004 wurde sie fertiggestellt, 2006 publiziert. Eine im Jahr 2017 notwendig gewordene häusliche Entrümpelungsaktion zum Anlass zu nehmen, um kiloweise solcher Kopien, Exzerpte, Mitschriften, Unterlagen und Artikel zu entsorgen, mag nun nicht gerade als überstürztes Unterfangen durchgehen. Dennoch, die Ratio allein ist eben nicht damit befasst, wenn es um Erinnerung, Vergangenheit und andere identitätsstiftende Faktoren geht. An jedem einzelnen Blatt hängt noch ein bisschen von damals dran, und genau das ist der Grund, warum es mir so schwer fällt, die alten Sachen wegzuwerfen.

Außerdem weiß ich noch genau, wie mühsam und langwierig, allerdings auch befriedigend und aufregend der Prozess des Akquirierens und Zusammentragens war, damals ganz zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Lächerliche anderthalb Jahrzehnte und doch wirkt manches, als entstammte es einer gänzlich anderen Zeit.

Ich hatte damals ein Stipendium, das es mir ermöglichte, ebenso intensiv wie exklusiv an der Dissertation zu arbeiten. Über ein halbes Jahr verbrachte ich in Paris, pilgerte beinahe täglich in die französische Nationalbibliothek, recherchierte, exzerpierte und las. Las und exzerpierte. Die BNF war Anfang 2000 noch nicht lange in ihr neues Domizil nach Tolbiac im Süden von Paris übersiedelt. Der ganze Betrieb in dieser modernen Bibliothek lief natürlich bereits computerisiert, so manches ältere Werk wurde einem schon damals nur mehr auf Mikrofilm ausgehändigt. Die meisten Bücher aber, zumindest die, die ich brauchte, konnte man via Computer bestellen und bekam sie sodann in ihrer physischen Gestalt.

Kurios aus meiner österreichischen Sicht war, dass das Kopieren nicht nur streng limitiert (höchstens 10 % eines Buches!), sondern darüber hinaus auch noch sündteuer war. Außerdem durfte man die Bücher – um ihre Rücken nicht zu beschädigen – nicht einfach aufklappen und auf den Kopierapparat drücken. Man war angehalten Seite für Seite abzulichten, was den Preis noch einmal verdoppelte. Den Kopien haftete somit etwas ebenso Kostbares wie fast Unanständiges an. Was blieb mir also übrig, als zu lesen und zu exzerpieren, zu exzerpieren und zu lesen, mit (oder auch ohne) Laptop tagein, tagaus stundenlang in der Bibliothek zu sitzen und zu arbeiten.

Dutzende, ja hunderte Karteikarten füllte ich auf diese Weise mit Notizen über das Gelesene. Der Informations- und Wissenszuwachs verlief nicht sprunghaft, sondern gleichmäßig, begrenzt, dafür aber stetig. Manchmal sehne ich mich noch heute nach dieser ruhigen und konzentrierten Form des Arbeitens. Wenn ich daran denke, wie aufgeregt viele (auch ich selbst) ständig im Netz herumklicken, anstatt endlich einmal ein Buch (oder auch nur einen Aufsatz) ordentlich zu lesen. Und wie schwierig es geworden ist, zum Beispiel mit der VWA befasste SchülerInnen vom Bücherlesen oder gar vom Sinn des Exzerpierens zu überzeugen!

Vielen Bibliotheksbenutzern begegnete ich bei meiner damaligen Arbeit in der BNF täglich, manchmal ergaben sich in den Kaffeepausen unverbindliche Gespräche oder vereinzelt sogar interessante Kontakte. Ein paarmal verabredete ich mich mit befreundeten DoktorandInnen zu bestimmten Zeiten im Café. Wobei, die Arbeitsatmosphäre im Untergeschoss („Rez-de-Jardin“), dort, wo sich die Forschungsbibliothek befand (im Gegensatz zur öffentlichen Bibliothek im Erdgeschoss, „Haut-de-Jardin“), war so seriös und streng, dass Begriffe wie „Café“ in diesem Zusammenhang schon fast frivol klingen. An jeder Ecke des riesigen rechteckigen Baus fand sich ein kleiner gläserner Kobel, in dem man das im durchsichtigen Plastiksackerl Mitgebrachte verzehren durfte. Mehr an Zerstreuungsangebot gab’s nicht. In einem der vier Glaswürfel konnte man frischen Kaffee und ein paar Kleinigkeiten zum Essen erwerben, in den anderen musste es ein Automat tun. Dass die ganze Angelegenheit nicht zur Unterhaltung gedacht war, sondern es sich beim unteren „Gartensegment“ um eine ernsthafte Forschungseinrichtung handelte, wurde dem Besucher bereits beim Eingang klar gemacht. Mehrere schwere, doppelte Türen und lange, schmale Rolltreppen schleusten die Forschungswilligen mit ihren transparenten Plastikumhängetaschen nach unten. Zum Lachen konnte man in einen anderen Keller gehen. Und zu dem so genannten Garten führte keine Tür hinaus.

Es mag heimeligere oder auch prachtvollere Bibliotheken geben, effizient war mein Forschungsaufenthalt in der BNF jedenfalls. Die ruhige Arbeitsatmosphäre, die zahllosen Bücher, das viele Lesen und die unmittelbare und kontinuierliche Verarbeitung des Gelesenen in Form von Exzerpten ermöglichten es, dass ich gleich nach der Rückkehr aus Paris mit dem Schreiben anfangen konnte und das Geschriebene von Anfang an eine gewisse Substanz aufwies.

Und dass das mit der Effizienz nicht allzu sehr übertrieben wurde, dafür sorgte in meinem Fall schon Paris selbst. Allein das erhebende Gefühl, das mich täglich überkam, nachdem ich die klimatisierte Bibliothek verlassen hatte, ist unbeschreiblich. À nous deux, Paris, und das jeden Tag aufs Neue – bis, ja bis ich wieder nach Hause fuhr, die Monate und Jahre ins Land zogen und bis die gestrige Entrümpelungsaktion die Erinnerung an diese doch schon lange vergangene Zeit wieder aufleben hat lassen. Gut, dass ein paar der Erinnerungen jetzt hier im Blog verewigt sind, sonst müsste ich glatt noch einmal beim Altpapiercontainer vorbeispazieren. 😉

(nemo)

Zeitung in der Schule

Mit zwei Schulklassen habe ich in diesem Jahr ein Zeitungsprojekt durchgeführt. Nichts Großes, aber trotzdem recht wirkungsvoll. Über die Servicestelle ZiS (Zeitung in der Schule) haben wir die Möglichkeit, verschiedene österreichische Tages-, aber auch Wochenzeitungen und Magazine in Klassenstärke zu bestellen. Die Zeitungen werden uns dann vier Wochen lang kostenlos geliefert. Im Anschluss an die Aktion können sich die SchülerInnen die Zeitung ihrer Wahl gratis für weitere vier Wochen nach Hause bestellen.

Den Viertklässlern (aber auch den Sechstklässlern, mit denen ich das Zeitungsprojekt im Dezember durchgeführt habe) hat die Aktion gut gefallen. Wir haben zunächst Teile des entsprechenden Kapitels im Schulbuch durchgearbeitet. Anhand der aktuellen Ausgaben der Zeitungen konnten die Ausführungen veranschaulicht, konkretisiert und aktualisiert werden. Danach haben die SchülerInnen selbständig mit den Zeitungen gearbeitet und bestimmte Arbeitsaufgaben für eine Art Zeitungsportfolio erledigt.

Besonders der Vergleich verschiedener Zeitungen erschien in diesem Zusammenhang gewinnbringend. Dadurch wurden den SchülerInnen bestehende Unterschiede in Bezug auf Layout, Themen, Schwerpunkte, aber auch hinsichtlich der Qualität der Inhalte vor Augen geführt. Den Unterschied zwischen einer ihrem Anspruch nach „meinungsbildenden“ und einer „meinungsmachenden“ Zeitung haben, glaube ich, wirklich alle verstanden.

Ob die Vierzehnjährigen auch tatsächlich zu künftigen Zeitungslesern werden, ist natürlich trotzdem nicht gesagt. Ebenso wie die Online-Ausgaben zum bloßen Überfliegen, Herumsurfen und Weiterklicken einladen, werden die Print-Ausgaben gerne einfach nur durchgeblättert. Fotos und Schlagzeilen, viel mehr wird meist nicht wahrgenommen. Hängen bleiben die Jungs dann tendenziell beim Sport, die Mädchen bei den Society-Seiten. Und alle gemeinsam lockt in erster Linie das Kleinformat.

Wie so oft ist das richtige Lesen der Knackpunkt. Egal, ob Zeitungsprojekt oder Recherche für Referate bzw. später dann für die VWA – das sinnerfassende Lesen von Zeitungsartikeln (oder Sachbüchern) ist anstrengend und erfordert Zeit. Des Öfteren müsste man dabei unbekannte Begriffe klären, Stellen mitunter zweimal lesen und sich generell über einen längeren Zeitraum konzentrieren. Mir kommt vor, an der Bereitschaft, sich auf längere oder schwierigere Texte einzulassen, mangelt es bisweilen gravierend. Irgendwie will kaum jemand mehr den Inhalten so richtig auf den Grund gehen. (nemo)

Fake News oder Der überaus starke Willibald

Der Autor Willi Fährmann hat schon 1983 eine kleine Parabel geschrieben, die sich mit den Themen Demokratie, Diktatur, Solidarität und Machterhalt beschäftigt. Und Fake News – obwohl es diesen Begriff zumindest im deutschsprachigen Raum damals sicher noch nicht gegeben hat. Da Fährmanns ProtagonistInnen aber Mäuse sind, funktioniert die Geschichte heute noch ganz genau so wie damals.

Bei Fake News handelt es sich um – man kann es nicht anders nennen – Lügen, die durch mediale Verbreitung, oft professionell aufgemacht, für wahr gehalten werden können, wenn sich niemand die Mühe macht, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Gerade heute gibt es dazu auch einen Artikel im Standard.
Im Fall des „überaus starken Willibalds“ funktioniert das so:

„Denkt  euch nur“, sagte er [der Mäusehugo] und riss die Augen weit auf, „eine große, getigerte Katz soll um das Haus herumschleichen.“ (S 15)

Dazu kommt noch eine alte Story über einen eventuell vor Jahren einmal gefressenen Mäuseopa und die Demokratie, in der die Gruppe bisher gelebt hat, wird aus der Furcht vor der „Katz“, die bisher niemand gesehen hat und auch nicht sehen wird, abgeschafft, ein Sündenbock (die Lillimaus) und ein Diktator werden gefunden.

„Wir brauchen kein langes Gerede“, sagte der schlaue Mäusejosef. „Wenn einer ganz allein zu bestimmen hat, dann geht alles schneller. Ruck, zuck.“
Die dicke Hermannmaus rief: „Wir brauchen keine Wahl. Wir brauchen keinen Präsidenten. Was wir in diesem Haus brauchen, ist ein Mäuseboss. Punktum.“ (S 19)

Und schon wird der Präsident abgesetzt (obwohl er bis 99 und damit immer alle Mäuse zählen kann) und der überaus starke Willibald

reckte sich hoch und rief mit feierlichem Ton: „In gefährlichen Zeiten braucht ein Rudel einen richtigen Boss. Ich werde euer Boss sein. Punktum. Ich, der überaus starke Willibald. So wahr ich einen kräftigen, langen Mäuseschwanz mein eigen nennen kann.“ (S 20)

Die Handlung nimmt ihren Lauf, die Mäuse werden durch unnötige Aufgaben „beschäftigt“ und Willibald und seine Gefolgsleute zementieren ihre Macht ein. Die übrigen Mäuse, die zuvor ein sehr glückliches Leben hatten, müssen jede Nacht Erbsen ausstreuen und morgens wieder einsammeln, Türme aus Bausteinen bauen, sie werden in verschiedene Räume aufgeteilt (die, die angepasster sind, wohnen näher an der Speisekammer) und bespitzelt.
Diese Geschichte geht gut aus, denn die Mäuse wehren sich dann irgendwann einmal doch und Willibald büßt ein Stück seines Schwanzes ein, der ja seine besondere Qualifikation ausgedrückt hat.

Mit dieser Lektüre kann man auch in einer ersten Klasse viele demokratiepolitisch wichtige Themen besprechen. Meiner heurigen Ersten hat sie ganz gut gefallen, die Buben haben ihr die Durchschittsnote 1-2, die Mädchen eher 2- gegeben.

Zum Abschluss noch meine persönliche Lieblingsstelle, sie stammt noch aus der Zeit der Demokratie:

16195144_10212176849804661_7528684405473440915_nDas größte Vergnügen für die Mäuse war eine Weltreise rund um den Globus. Dieses ziemlich große Modell der Erdkugel stand mitten in der Bibliothek. Seine Achse wurde von einem kunstvoll geschnitzten hölzernen Gestell gehalten. Wenn eine Maus von dem Holzständer auf den Globus kletterte, dann begann der sich selbst zu drehen. Die Maus musste laufen, wenn sie nicht von dem Erdball herunterrutschen wollte. Der Globus drehte sich schneller und schneller. Die Maus aber lief und lief und kam doch nicht vorwärts. Mit flinken Beinen tippelte sie über China und Japan hinweg und überquerte den riesigen Stillen Ozean in weniger als drei Sekunden. Amerika glitt unter ihr dahin und der Atlantische Ozean, schließlich Portugal, Spanien, das Mittelmeer, Italien und Griechenland. Die Türkei und ein Zipfel von Russland wurden berührt und dann ging es wieder von vorn los: China, Japan, der riesige Stille Ozean… (S 8-9)

(Der überaus starke Willibald schafft es übrigens zweiunddreißigmal, die Erde zu umrunden.)

Willi Fährmann: Der überaus starke Willibald.
19. Aufl., Würzburg 2006 (es gibt sicher schon mehr 😉 )

Nachtrag:
Ich hab bei BR 24 ein sehr brauchbares Video zum Erkennen von Fake News gefunden:

(juhudo)