„Schnarchen und Schlafen ist besser als Dichten und Denken“. Deutschmatura 2020 zum Zweiten

Noch einmal Deutschmatura 2020, nun aber endlich zum Thema eins: Zwar haben sich nur die allerwenigsten MaturantInnen auf die Interpretation des literarischen Textes gestürzt, der zu interpretierende Text aber ist jedenfalls nicht daran schuld. Der Prosatext von Robert Walser, der den schlichten Titel „Basta“ trägt, ist nämlich ein wahres Kleinod und regt gut hundert Jahre nach seinem Erscheinen wunderbar zum Denken an. Besser hätte das literarische Thema in diesem Jahr gar nicht passen können, finde ich.

Der vor Ironie strotzende Text zeichnet das Porträt eines durch und durch entindividualisierten Menschen, der sich selbst als „guten Bürger“ bezeichnet und sich in immer wiederkehrenden Ausformungen der eigenen Durchschnittlichkeit selbstbewusst versichert. Gleich zu Beginn heißt es: „Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel.“

Viel mehr an (Nicht-)Profil, als bereits an diesem ersten Satz deutlich wird, wird der Protagonist – der zumindest aus heutiger Sicht genauso gut auch eine Protagonistin sein könnte – im Laufe des Textes nicht mehr gewinnen. Er legt Wert darauf, selbst nicht viel zu denken, „scharfes Denken“ lieber „leitenden Staatsmännern“ zu überlassen und sich damit zu begnügen,  ein „Glas Bier in aller Vernunft“ zu trinken und gut zu essen. Er lebt gerne gemütlich, zieht es vor, seinen Kopf nicht anzustrengen und „fühlt weder hinten noch vorn Verantwortung“. Als zufrieden mit sich und der Welt, ordentlich und ganz und gar ungefährlich stellt sich dieser Max Mustermann dar. Nur ja nicht selbst denken, lautet seine Devise. Denn „wer viel denkt, macht sich unbeliebt“ und „wer viel denkt, dem tut der Kopf weh“.

Die Selbstbeschreibung des „guten Bürgers“ erschöpft sich in floskelhaftem Sprechen und setzt sich wie in einer Endlosschleife fort. Auch der am Ende jedes Absatzes getätigte Ausruf „und damit basta!“ erweist sich bloß als rhetorisches Blabla: Im nächsten Absatz geht es genauso weiter wie davor. Das Porträt hat keinen Anfang und kein Ende, es beschränkt sich auf die ständige Wiederholung des immer Gleichen. Der daraus entstehende Menschentypus kann somit nicht einmal den Status eines Anti-Helden für sich beanspruchen.

Die Karikatur des „guten Bürgers“, die sich wie die Antithese zum mündigen Bürger ausnimmt, könnte eindringlicher nicht sein: Sie formt sich zum Bild des ebenso zeitlosen wie allzeitaktuellen unpolitischen und selbstzufriedenen Mitläufers par excellence. Robert Walsers Text ist ein kluges und tiefgründiges Prosastück, das in seinem ironischen Grundton die Haltung breiter Gesellschaftsschichten zu demaskieren vermag.

Und wie bei den anderen Maturathemen kommt vor dem Hintergrund der Geschehnisse in den letzten Monaten noch einmal eine Extraportion Demaskierungskraft dazu. Denn während selbständiges Denken bislang zumindest an Schulen, Universitäten und in qualitätsvollen Medien immer wieder eingemahnt wurde, ist es in den letzten Monaten auch an diesen Fronten ziemlich ruhig geworden. Ja, in den Zeiten der Pandemie wurde/wird der selbst denkende Mensch plötzlich allerorts nur mehr als Störfaktor betrachtet. Normalerweise, ja normalerweise darf man schon kritisch sein, im Ausnahmezustand aber, wenn’s um ‚die Gesundheit‘ geht, erübrigt sich jeder Diskurs, da zerbricht man sich lieber nicht mehr selbst den Kopf. Dann, ja dann überlässt man das Denken wirklich besser den leitenden Staatsmännern und folgt ganz „kopflos und gedankenlos“ allem, was von diesen medial verkündet wird. Tja, vor der Ironie der Wirklichkeit gewinnt die Ironie des literarischen Textes noch einmal an Schärfe dazu.

„Scharfes Denken liegt mir stillem Mitglied der menschlichen Gesellschaft gänzlich fern und glücklicherweise nicht nur mir, sondern Legionen von solchen, die, wie ich, mit Vorliebe gut essen und nicht viel denken, so und so viele Jahre alt sind, dort und dort erzogen worden sind, säuberliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind wie ich, und gute Bürger sind wie ich, und denen scharfes Denken ebenso fern liegt wie mir und damit basta!“

(nemo)

Gastbeitrag: Von der Angst zu ergrauen und anderen Widernissen des Corona-Alltags

Freitag, der 13. (!) März: Es zeichnet sich ab, dass nach der Schließung der Schulen – aus einer solchen komme ich gerade – bald auch viele Geschäfte für geraume Zeit zugesperrt werden. Also mache ich mich auf den Weg, um noch das Wichtigste zu besorgen. Was ist das Wichtigste? Gerüchten zufolge handelt es sich dabei um Klopapier. Ich parke das Auto in der Glockengasse – unglaublich viele Parkplätze stehen zur Verfügung – und mache mich auf den Weg durch die befremdlich verwaist wirkende Linzergasse. Eine Frau kommt mir entgegen, in der Hand zwei Großpackungen meines Lieblingsklopapiers. Wo wird sie wohl herkommen? Ich verdränge die Frage und setze unbeirrt meinen Weg fort.

„Mein Problem war bloß: Ich hatte keinen Stoff. – Ich hoffe, es denkt jetzt keiner, ich meine Hasch und das Opium. (…) Was ich also meine, ist: ich hatte keinen Lesestoff.“  (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., Frankfurt am Main 1976, S. 31f.)

In der ebenfalls kaum frequentierten Buchhandlung sehe ich mich, wie sonst auch immer, vor die Qual der Wahl gestellt, aber diesmal erscheint diese noch dringlicher. Letztendlich nehme ich den sicher erscheinenden Weg: zwei Buchpreisträger, einmal Frankfurt, einmal Leipzig, also einmal Saša Stanišić, einmal Lutz Seiler. Und dann – man kann ja nie wissen, was kommt – muss etwas her, das lange Zeit vorhält, am besten etwas aus meiner Liste unbedingt noch zu lesender Klassiker. Die Entscheidung fällt, und zwar zugunsten von Thomas Manns Der Zauberberg. Vielleicht das Buch zur Stunde?

„Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!“ (Thomas Mann: Der Zauberberg, Frankfurt am Main, 22. Auflage, 2019, S. 10)

Das klingt verheißungsvoll, vor allem, wenn man sich, biblisch geschult, die Bedeutung der Zahl Sieben vor Augen führt. Außerdem, nun viel profaner gedacht, hat dieses Buch 1002 Seiten, und zwar – ein Schelm, wer Böses denkt – von ganz ausgezeichneter feiner und für Papier sehr weicher Qualität. Auch die Größe der Seiten passt. Und man wäre ja nicht die Erste, die auf dem Klo liest.

„Der Garten war dunkel wie ein Loch. Ich rannte mir fast überhaupt nicht meine olle Birne an der Pumpe und an den Bäumen da ein, bis ich das Plumpsklo fand. (…) Und kein Papier, Leute. Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen. Um irgendetwas zu erkennen, war es zu dunkel. Ich opferte also zunächst die Deckel, dann die Titelseite und dann die letzten Seiten, wo erfahrungsgemäß das Nachwort steht, das sowieso kein Aas liest. Bei Licht stellte ich fest, daß ich tatsächlich völlig exakt gearbeitet hatte.“ (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., S. 35)

Auf dem Rückweg zum Auto und später im Supermarkt war ich die Gelassenheit in Person. Wen schrecken schon leergeräumte Regale in der Körperhygieneabteilung, wenn man die Tasche voller Papier hat.

Ach ja: Am Abend desselben Freitags überlief es mich siedend heiß, als mir einfiel, dass ich nicht mehr genug Wasserstoffperoxid und Farbe zuhause hätte, um ein plötzliches Ergrauen zu verhindern. Man will sich ja nicht gänzlich gehen lassen. Deshalb ein Danke an die Freundin, die mir – und sich selbst – diesbezüglich aus der Patsche half. Es reicht laut Karl Lagerfeld ja angeblich schon die Jogginghose, um die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Andrea Haslauer
(AHS-Lehrerin für Deutsch und Religion)

 

Literatur und Leben – in Wissenschaft und Schule

Kürzlich habe ich mit einer vierten Klasse den Jugendroman Der Schrei des Löwen von Ortwin Ramadan gelesen. Ich habe das Buch nun bereits einige Male im Unterricht eingesetzt und darüber auch schon hier im Blog geschrieben. Es geht darin um einen nigerianischen Jungen namens Yoba, der gemeinsam mit seinem Bruder Chioke versucht, nach Europa zu gelangen und ums Leben kommt, als das überfüllte Boot im Mittelmeer kentert. Die Kapitel, die Yoba und seinen Bruder auf dem Weg durch die Sahara begleiten, werden von Kapiteln unterbrochen, in denen Julian, ein deutscher der_schrei_des_loewen-9783551310170_xxlJunge, der mit seiner Familie Urlaub in Sizilien macht, im Mittelpunkt steht. Julian stößt eines Tages beim Tauchen auf eine Leiche und findet das Tagebuch des Ertrunkenen. Gewiefte LeserInnen wissen bereits an dieser Stelle, die sich ungefähr in der Mitte des Buches findet, dass es sich bei dem Toten um Yoba handelt. Die meisten aber hoffen bis zum Schluss, dass es doch jemand anderer ist. Denn dass der Protagonist, mit dem sie sich während des Lesens identifizieren, dem sie sich eng verbunden fühlen, einfach stirbt, wollen sie nicht wahrhaben. Zu sehr wünschen sie sich, dass doch alles gut ausgehen möge.

Aufgabe der SchülerInnen war es, in einem Lesetagebuch einzelne Kapitel aus der Perspektive von Yoba in Form von inneren Monologen wiederzugeben. Ich wollte, dass sich die SchülerInnen in die Figur einfühlen, dass sie die Ereignisse ganz aus der Innensicht schildern. Dabei sind viele sehr kluge und berührende innere Monologe entstanden. Außerdem habe ich die SchülerInnen natürlich gefragt, was ihnen an dem Buch gefallen hat, wie es ihnen bei der Lektüre ergangen ist, was sie beeindruckt/gelangweilt/interessiert hat oder was auch immer es zu dem Buch aus ihrer Sicht zu sagen gibt.

Fast allen hat das Buch gut gefallen. Einige Kapitel fanden sie etwas langatmig, insgesamt aber zeigten sie sich von der Lektüre recht angetan. Ein Mädchen sagte, sie würde gerne auch authentische Berichte von Flüchtlingen lesen. Man wisse nämlich nicht, wie es Yoba in Wirklichkeit gegangen sei, denn der Autor könne ja schließlich nicht dabeigewesen sein. Am allermeisten aber zeigten sich die SchülerInnen vom Tod des Protagonisten irritiert. Dass es Yoba nicht übers Mittelmeer schafft, sondern auf der Überfahrt ertrinkt, hat alle berührt und nachhaltig beschäftigt. Man habe ein Happy End erwartet und dann so etwas. „Aber die Hauptfigur darf doch nicht sterben“, hat ein Schüler gesagt. 

Anschließend haben wir in einem gemeinsamen Gespräch nachgedacht: über das Leben und den Tod und über die Notwendigkeit des Geschichtenerzählens; über unser aller Bedürfnis danach, dass Geschichten gut ausgehen, und auch darüber, wie Geschichten die Erinnerung an Menschen bewahren können. Wir haben überlegt, welche Unterschiede es zwischen einem autobiographischen Bericht und einem Roman gibt, wir haben darüber gesprochen, dass ein Er-Erzähler den Protagonisten sterben lassen kann, wohingegen ein Ich-Erzähler, der retrospektiv über sein eigenes Leben schreibt, überleben muss. Wir haben über das exemplarische Schicksal des Yoba gesprochen und darüber, wie gern wir hätten, dass wenigstens sein Bruder (dem nach seiner Rettung die Abschiebung „nach Afrika“ in Aussicht gestellt wird) es nach Europa schafft.

Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie aufmerksam die dreizehn-, vierzehnjährigen SchülerInnen erzähltheoretische Besonderheiten von Literatur wahrnehmen und Phänomene ansprechen, über die man aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive lange nachdenken kann. Im Grunde haben sie mit dem, was sie spontan zu dem Buch zu sagen hatten, zentrale Fragen der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung angesprochen. Zusammen mit dem, was ich in der Diskussion beigesteuert habe, indem ich sie auf bestimmte Fährten wie die Erzählperspektive, die Gattung und die Funktion des Erzählens geführt habe, ergab das eine ganz schön erkenntnisreiche Stunde, finde ich. 

Mich beglücken solche Diskussionen. Denn in meiner Zeit als Literaturwissenschaftlerin habe ich mich immer wieder mit der Funktion des Erzählens im Spannungsfeld von Erinnern und Vergessen sowie den erzähltheoretischen Besonderheiten autobiographischen Erzählens beschäftigt. Inhaltlich ging es in den Texten, mit denen ich mich beschäftigt habe, zumeist um Konzentrationslagererfahrungen, die Shoah, um Fragen der Zeugenschaft, der Bewahrung von Erinnerung und der Weitergabe dieses Gedächtnisses. Texte, in denen Fluchterfahrungen thematisiert werden, sind an die Theorien, die im Zuge der Auseinandersetzung mit KZ- und Holocaustliteratur gewonnen wurden, absolut anschlussfähig.

Am intensivsten und längsten habe ich mich den Texten Jorge Semprúns (1923-2011) gewidmet. Der spanische Autor, der die meisten seiner Bücher auf Französisch geschrieben hat, hat sich über mehrere Jahrzehnte immer wieder aufs Neue mit seiner Buchenwald-Erfahrung auseinandergesetzt und diese in den umfassenden Komplex des nationalsozialistischen, aber auch des stalinistischen Terrors eingebunden. Mir ist es in meiner Dissertation (2004 bzw. als Monographie 2006) darum gegangen aufzuzeigen, wie sich Semprúns Konzept von Zeugenschaft entwickelt und verändert und wie es ihm mit Hilfe literarischer (intertextueller) Bezüge möglich wird, die Wahrheit seines Ichs zu erzählen.

Daneben habe ich mich eine Zeit lang mit Erinnerungstexten französischer, italienischer und spanischer Mauthausen-Überlebender beschäftigt. Peter Kuon, Ordinarius an der Salzburger Romanistik, hat viel dazu geforscht und publiziert. Ich habe am Rande in diesem Forschungsprojekt mitgearbeitet. Die Texte, mit denen wir es zu tun hatten, stammten zum allergrößten Teil nicht von Schriftstellern, waren also keine literarischen Texte im engeren Sinn. Vielmehr waren es Aufzeichnungen ehemaliger KZ-Häftlinge, die ihre Erfahrungen bezeugen und mit ihren Texten dazu beitragen wollten, dass das, was sie erlebt haben, nicht vergessen wird. Immer wieder ist in diesen Texten auch von dem Dilemma, dass man vom Unvorstellbaren, von der Ausweglosigkeit, vom Tod erzählt und doch selbst überlebt hat, die Rede.

In einem Aufsatz schließlich, der 2014 in dem Band Katastrophe und Gedächtnis (hrsg. von Thomas Klinkert und Günter Oesterle) erschienen ist, habe ich über die Leistung des Ich-Erzählers in literarischen Texten (u. a. in Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész) nachgedacht und versucht aufzuzeigen, wie durch die Präsenz des Erzählers in der erzählten Welt und den extremen Belastungen, mit denen die Erzählerfigur beim Erzählen der Katastrophe konfrontiert wird, Erinnerung lebendig gehalten werden kann. In Texten wie Roman eines Schicksallosen entsteht eine subjektive Erfahrungswahrheit, die sich in ein kollektives Gedächtnis der Shoah einschreibt und sich diesem gleichzeitig widersetzt bzw. jede Art von kollektivem Gedächtnis problematisiert.

Ja, und ein bisschen von all dem durfte ich neulich in die Diskussion über Der Schrei des Löwen einbringen. Schon sehr befriedigend, finde ich.

(nemo)

„Mehr Markt, weniger Goethe“ denn: „Dichter kennen kaum Dilemmas“

Eine Doppelseite zum Thema Bildung im heutigen Standard. Nach Lektüre der beiden Artikel darf ich nachfolgend die in einem der beiden Artikel aufgeworfene Frage Wie viel Wirtschaft braucht die Schule? kurz umreißen und sodann das angedeutete bildungspolitische Dilemma – Mehr Markt, weniger Goethe – mit Hilfe des anderen Artikels beantworten und als scheinbares entlarven. Hier mein ebenso einfacher wie praktikabler Lösungsvorschlag:

Jawohl, ein eigenes Fach Wirtschaft in allen Schulen ist unumgänglich. Finanzprodukte wie Aktien und Anleihen müssen endlich besser verstanden werden (oberste Priorität für SchülerInnen!), und dafür braucht es Financial Literacy – was sonst? Wenn ein Fach neu eingeführt wird, muss natürlich ein anderes gestrichen werden. Und da, würde ich sagen, bietet sich Deutsch an. Grundkenntnisse in Schreiben und Lesen können weiterhin vermittelt werden, der gesamte Bereich Literatur aber kann getrost eingespart werden. Denn: Im Alltag sind wir zwar ständig mit widerstreitenden moralischen Maximen konfrontiert, aber: „Dichter kennen kaum Dilemmas. Bei ihnen ist (nämlich) alles einfach.“

Ja, Freunde, so sieht’s aus. Euer Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen und solche Sachen, die könnt ihr euch in die Haare schmieren. Heutzutage braucht’s ganz was anderes!

PS: Das Glanzstück intelligenter Aussagen über „Ethiker und Dichter“ findet sich in einem Interview mit einem deutschen Psychologen, der an der Uni Konstanz eine Arbeitsgruppe zur Moral- und Demokratiekompetenz leitet. Zu der Einschätzung, Dichter würden keine Dilemmata kennen, kommt er offenbar aufgrund eines Brecht-Zitats (!), mit dem ihn die Interviewerin konfrontiert. Das muss man sich echt auf der Zunge zergehen lassen. Ich frage mich: Wie viel Unsinn darf man eigentlich verzapfen?

(nemo)

 

Bevor ich’s vergess‘: Eine Steigerung ist möglich

Bevor ich auch noch vergesse, dass ich mir den Text, den ich mir im Oktober extra aus der Zeitung ausgeschnitten und längst schon verlegt habe, eigentlich aufheben wollte, sichere ich ihn im Blog. Er ist eh zeitlos relevant und bietet sich gerade dieser Tage wieder als Alternative zu all dem Guten oder aber als Erinnerung daran, dass nicht nur das Supere steigerbar ist, an. Außerdem empfehlen sich die Dramolette Antonio Fians, die samstags gerne im Standard abgedruckt werden, soundso – ob als Jahresrückblick daheim oder in der Schule, ob beim Frühstück oder aber danach. (nemo)

Antonio Fian: Steigerung

Das Strandbad in Klagenfurt an einem nebligen Oktobermorgen 2019

(Das Strandbad in Klagenfurt an einem nebligen Oktobermorgen 2019, menschenleer bis auf, am Ende des Steges, zwei ehemalige Beachvolleyball-Nachwuchsspieler in schwarzen Stiefeln, schwarzen Hosen und schwarzen Jacken mit der Aufschrift „Security“. Sie werfen Kieselsteine ins Wasser.)

DER ERSTE: Summa vuabei, ha?
DER ZWEITE: Schaut aus.
DER ERSTE: Schas, oda?
DER ZWEITE: Eh.
(Pause)
DER ZWEITE: Noch vül schasa is, doss danoch glei onfongt Winta.

DER ERSTE: Konn ma nit sogn.
DER ZWEITE: Ah so? Host du schon amol g’heat, doss noch Heabst nit glei onfongt Winta?
DER ERSTE: Dos man i nit. Schasa. Konn ma nit sogn.
DER ZWEITE: Warum nit? Is vielleicht nit schasa Winta wia Heabst?
DER ERSTE: Schon. Oba Schas Hauptwuat. Ka Steigerung. Drum konn man nit sogn schasa, konn ma lei sogn, Winta greßara Schas wia Heabst.
DER ZWEITE: Von mia aus, wonnst manst …
(Lange Pause. Kieselsteine.)

DER ERSTE: Und weast segn, See wead heia aa wieda nit zuagfrian.
DER ZWEITE: Eh. Des is sowieso des Oascheste.
(Vorhang)

(Antonio Fian, 18.10.2019)

Blau: Die Genese eines Kulturprojekts am Puls der Zeit

Viel lese bzw. höre ich dieser Tage über die Farbe Blau: Der deutsche Wissenschaftsautor Kai Kupferschmidt hat kürzlich ein Buch mit dem Titel Blau. Wie die Schönheit in die Welt kommt veröffentlicht. Ich habe im Radio davon erfahren. Auch auf dem Frankoromanistentag, einem Kongress zur französischen Sprach-, Literatur und 31+f6MVoAvL._SX285_BO1,204,203,200_Kulturwissenschaft, der nächstes Jahr in Wien stattfindet, wird die Farbe Blau verhandelt. Dem Programm entnehme ich, dass es dort eine Sektion zur wissenschaftlichen Betrachtung der „starken Farbe Blau“ geben soll. Blau also, wohin das mediale Auge blickt.

Bereits vor ein paar Jahren, als in der Kunsthalle Wien eine Ausstellung mit dem Titel Blue Times lief, musste ich schmunzeln: Hatten wir doch in der Schule schon im Jahr 2012 ein Kulturprojekt zur Farbe Blau durchgeführt – und ordentlich zu kämpfen, um unsere „Klientel“ von der Sinnhaftigkeit eines solchen Projektes zu überzeugen. Ein bisschen Genugtuung verspüre ich schon, wenn ich nun von den aktuellen Auseinandersetzungen im Wissenschafts- und Kunstbereich lese. Da waren wir offenbar ganz schön am Puls der Zeit mit unserem schulischen Kulturprojekt. Unsere SchülerInnen sahen das damals allerdings ein bisschen anders …

Ich erinnere mich daran, wie meine Kollegin und ich – beide hellauf begeistert von der Idee, zur Farbe Blau ein fächerübergreifendes Kulturprojekt anzuzetteln – auf einhellige Ablehnung bei den SchülerInnen stießen: Was bitte soll das sein, ein Projekt zu einer Farbe? Was wir überaus cool, anregend und spannend fanden, fiel bei den SchülerInnen ganz einfach durch. Intensive Überzeugungsarbeit war nötig, fast hätten wir alles hingeschmissen, bevor es uns schließlich gelang, den 16-Jährigen wenigstens die (passive) Bereitschaft, sich auf das Experiment einzulassen, abzutrotzen.

Kern der Auseinandersetzung sollten Gedichte sein, in denen die Farbe Blau ein wichtiges Motiv darstellt. Im Reclam-Verlag gab es das dazupassende Heftchen mit einer Sammlung „blauer Gedichte“. Je ein Gedicht sollten sich die SchülerInnen aussuchen, es in Gruppen bearbeiten und filmisch umsetzen. Im Vorfeld bereiteten wir das kulturelle Feld mit Bildern (Yves Klein), Filmen (Drei Farben: Blau) und Musik (Blues) auf und 31WZTNAgOtL._SX322_BO1,204,203,200_untersuchten die kulturellen Konnotationen dieser Farbe. Anschließend besorgten wir die Reclam-Hefte, organisierten einen Filmworkshop, beantragten das nötige Geld. Wir warfen uns wirklich ins Zeug. Unsere Begeisterung übertrug sich dennoch kaum merklich auf die Schüler. Einzig die in Aussicht gestellte Exkursion nach München (Der Blaue Reiter im Lenbachhaus) sowie eine mehrtägige Kulturreise nach Berlin lockten sie einigermaßen hinter dem Ofen hervor. Aus heutiger Sicht denke ich mir: Wahnsinn, was wir uns damals für dieses Kulturprojekt angetan haben! Als Bezahlung für uns lockte gerade einmal eine halbe Werteinheit pro Lehrkraft. Jede zweite Woche durften wir dafür gegen den jugendlichen Widerstand und die Lethargie der SechstklässlerInnen ankämpfen. Hart verdientes Brot, wahrlich.

Aber ja, unsere Hartnäckigkeit sollte sich noch bezahlt machen: Im Laufe des Jahres fingen die SchülerInnen nach und nach Feuer. Zuerst nur ein paar, schließlich immer mehr. Als ihre experimentellen Kurzfilme unter Dach und Fach waren, waren die meisten von dem Projekt schon recht angetan. Die Exkursion ins Lenbachhaus machten sie dann schon richtiggehend gerne mit und die Reise nach Berlin – auf den Spuren der Farbe Blau in der Stadt, in verschiedenen Museen und in der Street Art – fanden sie schlussendlich ebenso cool wie wir selbst. Bei der „Blauen Nacht“, bei der das Projekt vorgestellt und die Filme und Fotos den Eltern sowie der interessierten Schulöffentlichkeit gezeigt wurden, war durchaus so etwas wie allgemeiner Stolz spürbar.

Im vollen Ausmaß wurde ihnen das, was ihnen mit diesem Kulturprojekt geboten worden war, allerdings erst nach Projektende bewusst. Mit dem Abstand von mehreren Jahren fanden sie das Projekt so richtig toll. Beim ersten Maturatreffen schwelgte man in Erinnerungen an die megacoolen Tage in Berlin und fand, dass wir da in der Sechsten eigentlich voll das innovative, hippe Kulturprojekt durchgezogen hätten. Als Highlight des Abends wurden die experimentellen Kurzfilme von damals gezeigt – und wir bekamen sozusagen unseren späten Lohn.

(nemo)

 

Peter Handkes poetische Anverwandlung von Welt. Fortbildung nicht nur für Lehrerinnen

Vor mittlerweile auch schon wieder sieben Jahren habe ich an der PH Salzburg im Rahmen der LehrerInnen-Fortbildung einmal ein Seminar mit Hans Höller zu Peter Handke organisiert. Daran habe ich mich gestern erinnert, nachdem verkündet war, dass Peter Handke den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten würde. Ich habe mich an das Seminar erinnert, in dem wir einen ganzen Tag lang über Peter Handkes Texte gesprochen hatten, intensiv den Worten Handkes nachspürend und gänzlich frei von didaktischen 42344Umsetzungszwängen. Angeleitet von Hans Höller, der damals gerade seine Studie Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945: Das Werk Peter Handkes publiziert hatte, haben wir uns gemeinsam in ein immer tieferes Textverständnis begeben und waren am Ende des Seminars beglückt über die poetischen Einsichten, die wir gemeinsam an diesem Tag gewonnen hatten, auseinandergegangen. Sicher, jene KollegInnen, die von Fortbildungen didaktische Handlungsanleitungen und fertige Unterrichtsentwürfe erwarten, hatten sich von vornherein nicht angemeldet für diese Veranstaltung. Jene aber, die gekommen waren, durften sich einen Tag lang wieder als ganze GermanistInnen fühlen. Die Frage nach der Umsetzbarkeit im Unterricht und den zu erwerbenden Kompetenzen wurde nicht gestellt. Und das war im Jahr 2012 überhaupt nicht selbstverständlich, galten doch zu dieser Zeit Fortbildungsveranstaltungen zur neuen Matura und zum kompetenzorientierten Unterrichten als das einzig Relevante (und ein bisschen auch als das einzig Glückseligmachende) für (Deutsch-)LehrerInnen …

Tatsächlich spielt Peter Handke im schulischen Deutschunterricht relativ wenig Rolle. Wunschloses Unglück wird immer wieder gerne gelesen, manchmal vielleicht auch die Publikumsbeschimpfung. Die späteren Texte entziehen sich der schnellen schulischen Verwertbarkeit, sind für Jugendliche wahrscheinlich auch nicht so unmittelbar geeignet. Man bräuchte wohl viel mehr Zeit und Muße für die Beschäftigung mit Literatur, damit man so weit käme, um sich Handke-Texten mit Schülern sinnvoll und ernsthaft zu widmen. Obwohl, man müsste es vielleicht einmal versuchen, manches hat sich in den letzten Jahren ja auch wieder geändert. Das gegenwärtige Interesse an Achtsamkeit könnte möglicherweise ein Türöffner sein.

Noch lebendiger als das PH-Seminar, von dem ich eingangs erzählt habe, ist mir selbst die eigene Vorbereitung darauf in Erinnerung: Um als Organisatorin nicht allzu blank dazustehen, habe ich in den Sommerferien davor Mein Jahr in der 81dQ8bptgZLNiemandsbucht gelesen. Ich war mit Handke-Texten kaum bewandert, das Buch stand seit Jahren ungelesen im heimischen Bücherregal. Man könne ja einmal hineinlesen, dachte ich mir. – Und dann hatte ich es plötzlich mit einem Leseerlebnis zu tun, wie es mir so noch nie zuteil geworden war. Der Text entwickelte von der ersten Seite an eine Art von stiller Sogwirkung, die mich nicht mehr losließ. Diese poetische Anverwandlung von Welt, diese Betrachtungen und Fragen nahmen mich mit auf eine Reise, deren Nachwirkung bis heute anhält, ohne dass ich überhaupt noch sagen könnte, worum es in dem Buch eigentlich ging. Ja, um eine Verwandlung ging es, das weiß ich noch.

Ich glaub‘, die Reise mach‘ ich nochmal.

(nemo)

Gedichte als Manifestation von Sinn, Freiheit und Mut

Muss Kunst immer einen Sinn haben?, wurde neulich in einer Radiosendung gefragt. Auf diese Frage ließe sich antworten: Kunst muss nicht nur einen Sinn haben, Kunst hat einen Sinn. Immer und per se. Weil Kunst ohne Sinn nicht existieren würde. Weil Sinn dem Kunstwerk inhärent ist.

Es ist wie mit der Kommunikation: Man kann nicht nicht kommunizieren. Ebensowenig kann man Kunst ohne Sinn schaffen. Freilich kann der Sinn eines Kunstwerks auch darin bestehen, Unsinn zu erzeugen. Die Dadaisten wollten das mit ihrer Kunst: Nonsens zu erzeugen war der Sinn ihrer Kunstproduktion. Unsinn ist aber eben nicht Abwesenheit von Sinn.

Selbstverständlich aber kann Kunst zwecklos sein. Ja, der Sinn eines Kunstwerks misst  sich sogar am Zwecklosen. Kein Zweck, sondern das bloße Sein ist der Sinn von Kunst. Somit haftet der Sinn dem Kunstwerk im Moment seiner Realisierung unwiderruflich an. Kunst entsteht in der Hingabe an das schöpferische Tun, im Stoppen von Zeit und Zweck. Auf diese Weise entsteht Sinn, der für den Kunstproduzenten und in weiterer Folge auch für den Rezipienten als Freiheit erfahrbar wird.

Wie sich dieser Prozess in der Dichtung darstellt, darüber spricht Hilde Domin in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die den schönen Titel Das Gedicht als Augenblick von Freiheit tragen:

Dichtung und Liebe haben nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit gemeinsam: beide sind zweckfrei. Dienen keinem „Um zu“, sondern sind um ihrer selbst willen da, wie alles, worauf es in Wahrheit ankommt. Schreiben – und demnach auch Lesen – setzt dies Innehalten voraus, das Sich-Befreien vom ‚Funktionieren‘. Nur im Innehalten, nur wenn die programmierte und programmierende Zeit stillsteht, kann der Mensch zu sich selber kommen, zu jenem Augenblick der Selbstbegegnung, der im Gedicht auf ihn wartet. (S. 49f.)

Bereits in einem früheren Text mit dem Titel Warum einer tut, was er tut benennt sie den Versuch, mit Sprache die Wirklichkeit zu verändern, als Movens ihres Schreibens und zeichnet nach, wie sich die schöpferische Beschäftigung mit der Sprache als Akt der Befreiung darstellt. In den Vorlesungen heißt es hierzu:

Dichtung entsteht zwar unter Notwendigkeit. Aber dennoch in Freiheit. Sie ist geradezu eine Manifestation von Freiheit. Das heißt, sie kommt nicht von außen, sondern aus dem Menschen selbst: aus seiner Phoenixnatur, seinem Wiederauferstehungsvermögen, seiner allerinnersten Kraft. (S. 37)

In dieser allerinnersten Kraft liege das Wahrhaftige der eigenen Stimme. Hilde Domin bezeichnet das Schreiben (und, da sich Dichtung mit jedem Leser/jeder Leserin erneuert, auch das Lesen) als ein „Training in Wahrhaftigkeit“. Um seine Erfahrung aber überhaupt formulieren zu können, brauche der Schreibende Mut. Dieser Mut ist ein dreifacher:

der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität. Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein. (…) Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der andern zu glauben. Denn wenn er auch nicht ‚für andere‘ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ‚um zu‘, so müßte er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, daß das Wort ein Du erreicht. Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet. (S. 52)

Damit die Wirklichkeit „benennbar und gestaltbar“ wird, ist es unabdingbar, dass die Sprache, ja, dass jedes Wort stimmt. Nur dann können Gedichte ihre Kraft entfalten:

Jede kleinste Verschiebung zwischen dem Wort und der mit dem Wort gemeinten Wirklichkeit zerstört Orientierung und macht Wahrhaftigkeit von vornherein unmöglich. Niemand aber ist eine feinere Waage für die Worte als der Lyriker. Deshalb erfüllt das Gedicht, das Sprache erneuert und lebendig hält, eine Funktion für alle, denn es hilft die Wirklichkeit, die sich unablässig entziehende, benennbar und gestaltbar zu machen.

Mir kommt das alles, obgleich es keinesfalls neu ist, gerade wieder ungemein aktuell vor. Gedichte erscheinen wie ein Gegenmittel zu all dem Floskelhaften und dem sprachlichen Müll, der uns andauernd umgibt – sei es in der Werbung, in den Warteschleifen diverser „Hotlines“, in den (sozialen) Medien oder in der Politik …

PS: Auch im letzten brennstoff, der von Heini Staudinger herausgegebenen Zeitschrift des GEA-Verlags, wurde Hilde Domin zitiert. Ist mir schon öfter aufgefallen, dass ich selbst ein bisschen wie diese Waldviertler ticke. 🙂

(nemo)

 

 

 

 

 

Poetische Wegbegleiterinnen II: Hilde Domin und die Notwendigkeit der Bitte

Über Umwege bin ich auf Hilde Domin gestoßen: Die Wiederholung eines Ö1-Menschenbildes über Ute Karin Höllrigl, das anlässlich ihres 80. Geburtstags im Sommer ausgestrahlt wurde, hat mich mit der analytischen Psychologin und Traumforscherin bekannt gemacht. Ich habe mir mehrere Bücher von ihr ausgeborgt, eines davon hat mich besonders angesprochen: Vertrauenswege heißt es und es ist eine Art Dialog zwischen Großmutter und Enkelin. Den ganzen Sommer über habe ich immer wieder in diesem Buch geschmökert und mich mit Ute Karin Höllrigls Gedanken und Ausführungen befasst.

Ute Karin Höllrigl beruft sich häufig auf die Lyrik, auf Gedichte von Ingeborg Bachmann, Rainer Maria Rilke und eben Hilde Domin. Insbesondere das Gedicht mit dem schlichten Titel Bitte hat es ihr – und mittlerweile auch mir, die ich zwar ein paar Hilde Domin-Gedichte gekannt hatte, dieses aber nicht – angetan.

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Eine Bitte ist irgendwie ein recht seltsames Ding und scheint so gar nicht in unsere gegenwärtige Welt zu passen. Was wir brauchen, kaufen wir uns und gegen Risiken schützen uns Versicherungen. Wenn wir also Bitten äußern, dann sind sie meist Ausdruck bloßer Rhetorik. Nach dem Motto: „Wir bitten Sie, den fälligen Betrag umgehend einzuzahlen.“ Zahlt man nicht, folgt die Mahnung. Bitten sind also meist nur höfliche Versionen von Aufforderungen, denen unbedingt nachzukommen ist.

Die echte Bitte hingegen kann nicht auf Erfüllung bestehen. Die echte Bitte ist nicht mehr als eine Art Hoffnung, die erfüllt werden, die aber ebenso zurückgewiesen werden, ja, die sogar unerhört bleiben kann. Eine echte Bitte ist mit einem Risiko verbunden und setzt so etwas wie Vertrauen voraus. Man muss dem Anderen vertrauen, um ihn um etwas bitten zu können. Denn selbst wenn der Andere meiner Bitte nicht nachkommen kann, sollte er sie zumindest ernst nehmen und sich mit ihr auseinandersetzen, damit ich mich gehört fühlen kann. Wo dieses Vertrauensverhältnis nicht gewährleistet ist, kann man schlecht eine echte Bitte äußern. Eine Bitte scheint vielen Menschen (deshalb?) problematisch und ein Ausdruck von Schwäche zu sein. Man braucht etwas vom Anderen, das man selbst nicht hinkriegen würde. Man wird dadurch vom Anderen abhängig.

Immer wieder begegnet man Menschen, die sogar kleine Bitten des Alltags höchst ungern äußern, ja, die Hilfsangebote ausschlagen und darauf beharren, die Aufgabe selbst bewältigen zu können. Die betagte Nachbarin, zum Beispiel, die alleine im zweiten Stock lebt, das Schicksal, alleine zu leben bedauert, und deren Sehkraft mittlerweile so eingeschränkt ist, dass es ihr Schwierigkeiten bereitet, sich außerhalb der eigenen Wohnung zu orientieren. Aber jemanden um Hilfe zu bitten kommt nicht in Frage. Auch das Angebot, ihr zu helfen, für sie oder mit ihr einkaufen zu gehen und die Beteuerung, dass man es gerne mache, führt zu nichts. „Nein, so lange ich es alleine schaffe, mache ich es selbst. Ich brauche niemanden.“

Ja, ich glaube, ich habe auch schon oft so ähnlich reagiert und keine Bitte geäußert, das Angebot der Hilfe nicht angenommen und darauf beharrt, es alleine zu schaffen. Solange es nicht unumgänglich ist, kommt uns echtes Bitten echt komisch vor.

Dagegen nun Hilde Domins Bitte. Da stellt sich die Frage nicht, ob man Hilfe annehmen kann oder nicht. Sie spricht vom Existentiellen. In dieser Situation hat man nicht die Wahl, um Hilfe zu bitten oder es alleine zu schaffen, ja, die Bitte zielt auch weniger auf Hilfe im Sinne von Abhilfe ab als auf Hilfe im Sinne von Selbsterkenntnis. „Durchnäßt bis auf die Herzhaut“ kann es nur darum gehen, die richtige Bitte zu äußern, jene Bitte nämlich, die taugt. Die Bitte, „immer versehrter und immer heiler“ zu sich selbst entlassen zu werden. Die Alternative zu dieser Bitte ist nicht weniger als der eigene Untergang.

BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

Und daß wir aus der Flut
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden

Über Hilde Domin muss ich noch mehr schreiben. Ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die ich gerade gelesen habe, begeistern mich … (nemo)

Poetische Wegbegleiter I: Eugenio Montale

Meriggiare pallido e assorto
presso un rovente muro d’orto
ascoltare tra i pruni e gli sterpi
schiocchi di merli, frusci di serpi.

Im Studienjahr 2005/2006 war ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der Uni Mannheim tätig. Eine halbe Stelle durfte ich dort bekleiden. Mittwochs setzte ich mich fünfeinhalb Stunden lang in den Zug, um anzureisen, freitags ging’s wieder retour. Untergebracht war ich im Gästehaus der Universität, dort hatte ich eine kleine Einzimmerwohnung gemietet. Einen Großteil des Verdiensts fraßen die Reise- und Unterkunftskosten, die Erfahrung war trotzdem unbezahlbar. Außerdem strebte ich damals ja noch eine Karriere im Wissenschaftsbetrieb an, eine Stelle an einer ausländischen Uni war für einen halbwegs erfolgsversprechenden Lebenslauf also ohnehin unumgänglich. Und mein Liebster, der zu jener Zeit in Shkodra, Albanien weilte, lieferte mir auch keinen Grund, um nicht nach Mannheim zu pendeln.

Zur größten Herausforderung zählte für mich, dass ich gleich im Wintersemester ein Proseminar zur italienischen Literatur halten sollte. Zur italienischen Literatur wohlgemerkt, nicht zur französischen. Wie sollte ich, die doch Französisch und nicht Italienisch studiert hatte, das bewerkstelligen? Sicher, ich hatte in den Jahren an der Salzburger Romanistik schon ein wenig im Bereich der Italianistik mitgearbeitet und auch ein paar Lehrveranstaltungen besucht, aber gleich ein eigenes Proseminar? Der Gedanke ließ mich innerlich wie äußerlich erbleichen. Im Sommer davor reiste ich nach Rom. Ja auch, um ein bisschen Farbe zu bekommen 😉 , vor allem aber, um einen Intensiv-Sprachkurs zu besuchen. Denn wenngleich das Proseminar nicht in italienischer Sprache abzuhalten war, waren einigermaßen solide Italienischkenntnisse doch unabdingbar. Noch dazu, wo in Mannheim zahlreiche Kinder italienischer Einwandererfamilien studierten …

Nelle crepe del suolo o su la veccia
spiar le file di rosse formiche
ch’ora si rompono ed ora s’intrecciano
a sommo di minuscole biche.

Montale und die moderne italienische Lyrik suchte ich mir als Thema für mein Proseminar aus. Nicht, dass ich bereits viel Ahnung von Eugenio Montale gehabt hätte. Aber zumindest was den Umgang mit Gedichten anging, war ich firm. Und den Rest eignete ich mir an. Ich las und las, wissenschaftliche Aufsätze und Bücher, Gedichtbände und Übersetzungen. Und ich lernte schon in den Sommerferien ein Gedicht von Montale auswendig: Meriggiare pallido e assorto, ein Gedicht aus Ossi di seppia, Montales erstem Gedichtband. Zumindest dieses eine Gedicht wollte ich immer mit mir tragen, in Salzburg und Mannheim, bei Tag und bei Nacht, beim Radfahren und Spazierengehen, im Zug und auf welchem Bahnhof auch immer ich gerade auf einen Anschluss warten musste.

Osservare tra frondi il palpitare
lontano di scaglie di mare
mentre si levano tremuli scricchi
di cicale dai calvi picchi.

Meriggiare pallido e assorto erinnerte mich – wie passend für den Genoveser Montale – an einen Urlaub in Ligurien, ein Jahr zuvor, aber auch an Reisen mit dem Fahrrad im Südwesten Frankreichs. Das Gedicht thematisiert das Erleben südlicher Hitze zur Mittagszeit. Es verkörpert einen Augenblick des erschöpften Innehaltens, der geschärften Sinneswahrnehmung inmitten der sommerlich trockenen, stacheligen Landschaft – im Hintergrund das Meer, nah und fern gleichzeitig. Ich konnte diese träge mittägliche Befindlichkeit so gut nachempfinden, meinte das Schlagen der Amseln, das Rascheln der Schlangen und das Zirpen der Grillen hören zu können. Und ich liebte die vierte Strophe, in der sich die Erstarrung auflöst und in Bewegung übergeht. Was folgt, ist das Staunen des Dichters darüber, mit wieviel Mühe das Leben einhergeht, und – fast zeitgleich – die glasklare Erkenntnis, dass der Mühsal nicht zu entkommen ist. 

E andando nel sole che abbaglia
sentire con triste meraviglia
com’è tutta la vita e il suo travaglio
in questo seguitare una muraglia
che ha in cima cocci aguzzi di bottiglia.

Am Schluss steht das Bild der Mauer mit den spitzen Glasscherben oben drauf. Doch auch wenn die Mauer unüberwindlich scheint, der veränderte Rhythmus und der fließend weiche Klang am Ende eines jeden Verses der vierten Strophe erlauben meines Erachtens in der und durch die Sprache einen Blick darüber hinaus.

Ja, dieses Gedicht hat mich das ganze Semester lang begleitet. Dass mir das Proseminar schließlich gut gelungen ist, hat mich damals richtig stolz und glücklich gemacht. Meriggiare pallido e assorto kann ich heute, fast vierzehn Jahre später, immer noch auswendig.

(nemo)