Danke, Christine Nöstlinger!

Vor einigen Wochen las ich in der Zeitung, Christine Nöstlinger habe aufgehört Kinderbücher zu schreiben. Ihr fehle das Verständnis für die heutige Lebenswelt der Kinder. „Wie soll ich denn wissen, was Kinder bewegt, wenn sie einen halben Tag lang über dem Smartphone sitzen und irgendetwas mit zwei Daumen drauf tun? Außerdem, wenn ich so höre, was heutige Kinder gern lesen, ist das hauptsächlich Fantasy, und die liegt mir so was von fern“, sagte die Autorin in einem Interview.

Eigentlich wollte ich Christine Nöstlinger daraufhin einen Brief schreiben. (Zwei ehemalige Kolleginnen brachten mich auf diese Idee.) Ich wollte ihr versichern, ihre Entscheidung verstehen zu können. Ich wollte ihr aber auch widersprechen und ihr von meinen Erfahrungen in der Schule und zu Hause berichten. Dort wie da habe ich nämlich mit Kindern zu tun, die ihre Bücher nach wie vor sehr gerne lesen – auch wenn, vielleicht aber auch weil ihnen vieles darin fremd geworden ist. 51qWmq54yYL._SL500_AA300_

In der Schule hat Maikäfer, flieg! einen Fixplatz auf unserer Lektüreliste in den zweiten (oder dritten) Klassen. Das Buch handelt vom Ende des Zweiten Weltkrieges und der Ankunft der Russen in Wien. Fast alles in diesem Buch ist den heutigen SchülerInnen fremd, trotzdem lieben sie es. Es ist die wunderbare Freundschaft mit Cohn, dem Koch, es ist das widerborstige Verhalten von Christel, der Protagonistin, es ist die Kombination von traurigen und schönen Momenten, die das Buch so liebenswert machen. Gut ist, dass es seit ein paar Jahren auch eine Verfilmung des Buches gibt. Manches wird dadurch konkreter und besser vorstellbar. Der Ton des Filmes aber ist ein anderer als der des Buches: Das Buch wirkt leichter und nicht so ernst, es ist an vielen Stellen irgendwie näher bei den Kindern als der Film.

Auch wenn manche SchülerInnen am Anfang oft nicht genau wissen, was sie von dem Buch halten sollen, „funktioniert“ es immer noch. Am Ende sind alle froh, dass sie das Buch gelesen haben, und beteuern, nun viel besser zu verstehen, was „Krieg“ bedeutet. Außerdem lädt das Buch zum Schreiben ein. Die beiden letzten Sätze des Buches lauten: „‚Schau dir noch einmal alles gut an!‘ Ich schloss die Augen.“ Was liegt näher, als davon ausgehend einen Schreibauftrag für einen inneren Monolog zu formulieren? Geradezu wundervolle Texte habe ich da schon zu lesen bekommen …

Ebenso wie Maikäfer, flieg! bei den Elf-, Zwölfjährigen immer noch ankommt, 512CIc9U5yLfunktionieren auch die meisten anderen Bücher von Christine Nöstlinger immer noch. Ganz besonders wurden und werden bei mir zu Hause die Geschichten vom Franz und die Geschichten von Mini geliebt. Immer sind es der schnoddrige Ton, die Ehrlichkeit und der Humor, die diese Bücher auszeichnen. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte „Mini ist die Größte“:

Die Mini (eigentlich heißt das Mädchen ja Hermine Zipfel) leidet darunter, dass sie außer ihrer exorbitanten Körpergröße nichts wirklich Besonderes an sich hat. Sie würde gerne bewundert werden, kann auch vieles, aber eben nichts so gut, dass die anderen davon beeindruckt sind. Als sie der Mutter ihr Leid klagt, lacht diese und sagt: „Du bist halt ein normales Durchschnittskind! Damit wirst du dich abfinden müssen.“ Abfinden aber will sich Mini nicht, stattdessen versucht sie mit besonderen Mathematikkenntnissen zu glänzen. Auch das führt jedoch nicht zum erhofften Erfolg. Doch da eilt ihr das Schicksal zu Hilfe: Unmittelbar vor der Theateraufführung verletzt sich die für die Hauptrolle vorgesehene Freundin und Mini erhält ihre Chance: Sie springt ein und brilliert in der „Hasenrolle“. Endlich wird ihr von allen Seiten Bewunderung zuteil, die ganze Klasse, Mama, Papa, Oma 3287349-01und sogar der Bruder sind stolz auf sie: „Bitte, der Hase war meine Schwester!“, posaunt der Moritz im Turnsaal herum. Und die Mini? Die denkt sich: „Na, jetzt wissen endlich alle, dass ich auch was kann!“ Damit ist sie dann aber auch schon zufrieden – denn: „Einmal ordentlich bewundert worden zu sein, das reichte ihr!“

Solche Geschichten sind schlichtweg großartig, auch für heutige Kinder. Das wollte ich Christine Nöstlinger schreiben.

Dann kam die Meldung von ihrem Tod.

Im Schaufenster der Buchhandlung meines Vertrauens habe ich nun vor ein paar Tagen diese Zusammenstellung gefunden:

IMG_9755

„Danke, Christine Nöstlinger!“ Ja, das wollte ich ihr auch schreiben. (nemo)

 

 

Schuljahr 2017/18: Was bleibt und was mich gefreut hat

Das Schuljahr 2017/18 ist vorbei. Vor uns liegen neun Wochen Ferien. Zeit, um sich zu erholen, um zu urlauben, um zu lesen, um sich weiterzubilden, um nachzudenken, aber auch, um das vergangene Schuljahr nach- und das neue vorzubereiten.

Heute habe ich meinen Schreibtisch zu Hause aufgeräumt. Zahllose Kopien und Zettel wurden entsorgt, Bücher verräumt, Mappen zumindest woanders hingelegt. 😉 Was, habe ich mich gefragt, bleibt eigentlich von einem Schuljahr in materieller Hinsicht? Unbestreitbar ist, dass sämtliche Materialien, selbst die Schulbücher, wahnsinnig schnell veralten. Der beschleunigte Alterungsprozess betrifft dabei weniger das Wissen, das in den Büchern gespeichert ist, als die Gestalt, die materialisierte Form der Bücher. In geradezu wahnwitzigem Tempo werfen die Schulbuchverlage mittlerweile neue Bücher oder aktualisierte Auflagen auf den Markt.

Noch viel drastischer ist die Halbwertszeit natürlich bei Zeitungsartikeln und Kopien. Am Ende eines Schuljahres erscheint kaum etwas davon aufbewahrenswert – und selbst wenn ich etwas aufbewahre, dann finde ich es hernach entweder eh nicht mehr oder vergesse, dass ich es überhaupt jemals hatte. Auf manches stoße ich später mehr oder weniger per Zufall in digitalisierter Form wieder. Vieles aber geht einfach verloren. Wahrscheinlich muss das in Zeiten des Überflusses, des Zuviels, der ständigen Verfügbarkeit so sein, damit man nicht selbst in der Materialflut untergeht. Ein irgendwie seltsamer und allzu flotter Entwertungs- und Verschleuderungsprozess bleibt das Ganze dennoch.

Angesichts der materiellen Ebbe, die bei mir gerade herrscht, will ich mich fragen, was eigentlich in immaterieller Hinsicht von diesem Schuljahr bleibt. Was ist und soll mir in Erinnerung bleiben?

Die Brüssel- und Amsterdam-Reise sowie das gesamte „Europa schreiben“-Projekt waren sicherlich das Highlight. Ich selbst denke heute anders über Europa nach, kenne mich besser aus, bemerke und verstehe vieles, was mir vor Projektbeginn gar nicht aufgefallen wäre. Den SchülerInnen geht es bestimmt ähnlich. Ganz besonders hat mich in diesem Zusammenhang der Präsentationsabend gefreut. Die Schüler haben irgendwann begonnen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, das Projekt wirklich zu ihrem zu machen. Dass dies passieren würde, war zu Beginn des Schuljahres nicht abzusehen und auch nicht unbedingt zu erwarten. Gerade heute habe ich übrigens noch eine schöne Rückmeldung aus Brüssel zu unserer Textesammlung bekommen. Der Verlauf dieses Kulturprojekts hätte echt nicht besser sein können.

Auch einen schönen Verlauf nahm die Literatur- und Leseerziehung in diesem Jahr. Zu Beginn des Jahres habe ich mich noch über die mangelnde Leselust meiner SiebtklässlerInnen beschwert. Am Ende haben wir gemeinsam Adalbert Stifters „Brigitta“ gelesen – und wirklich fast alle haben etwas daran gefunden. Mit den Zweitklässlern habe ich „Herr der Diebe“, „Freak“, „Als mein Vater ein Busch wurde“ und „Maikäfer, flieg!“ gelesen. Bei der gemeinsamen Reflexion wurde jedes Buch zumindest einmal als Favorit genannt. Am allermeisten Zustimmung aber fand „Maikäfer, flieg!“ – und das hat mich wiederum gefreut.

Noch mehr gefreut hat mich etwas, was vielleicht wie eine Kleinigkeit aussieht, mir aber als extrem wertvoll erscheint: SchülerInnen der fünften Klassen, die ich in diesem Jahr nicht mehr, aber in der Unterstufe vier Jahre lang in Deutsch unterrichtet hatte, haben mich angestrahlt und freundlich begrüßt, mich manchmal sogar gefragt, wie’s mir gehe, wenn sie mir zufällig im Schulhaus begegnet sind. Vielleicht erscheint das banal, ist es aber, glaube ich, nicht. Ich deute diese freundlichen Gesten als Ausdruck einer über mehrere Jahre gewachsenen Verbundenheit, einer resonanten Form von Lehrer-Schüler-Beziehung, die über den Unterricht hinausweist und bestehen bleibt, auch wenn ich nicht mehr die Lehrerin dieser jungen Menschen bin. Für mich zählt das zum Schönsten, was einem als LehrerIn passieren kann.

Eine ähnliche Resonanz habe ich bei den Französisch-Schülerinnen gespürt, die in diesem Jahr ihre Schullaufbahn abgeschlossen haben. Eine Schülerin ist nach der Matura extra noch einmal in die Schule gekommen, um mir ein selbst gebasteltes Fotoalbum zu überreichen. Sie hat sich für den Unterricht bedankt und sich von mir verabschiedet. Großartiger geht eigentlich nicht, finde ich.

In diesem Sinne: Schöne Ferien allen, denen das Glück beschieden ist, Ferien zu haben!

(nemo)

 

Die Kraft des Erzählens: Von Boccaccio bis Astrid Lindgren

Wenn sich meine mittlerweile elfjährige Tochter wünscht, ich möge ihr eine Geschichte von den Kindern aus Bullerbü vorlesen, ist meistens eine Krankheit im Anmarsch. Im Zustand der Schwäche, der Erschöpfung, der Müdigkeit und der Schmerzen bieten ihr diese alten Geschichten Trost, Entspannung und Stabilität. Als sie so zwischen fünf und neun war, haben wir die Bullerbü-Geschichten ebenso wie die von Madita oder jene von Michel aus Lönneberga ohne Unterlass gelesen. Gefühlte hundertmal musste ich „Ole hat einen losen Zahn“, „Sommertag mit 1480176-01Läusen“ oder das lustige Leben auf der Festwiese von Hultsfred zum Besten geben. Auch ich hatte diese Geschichten in meiner Kindheit geliebt, wie gut sie sind, wurde mir erst durch mein eigenes Kind bewusst.

Was mich derzeit beschäftigt, ist die Bedeutung und Kraft des Erzählens in prekären oder belastenden Situationen. Sei es während einer Krankheit, sei es vor dem Einschlafen, sei es beim Wandern – all diese tendenziell und potenziell krisenhaften Momente sind für Kinder durch Geschichten leichter zu ertragen. Die Geschichten bieten Ablenkung, schaffen stabilisierende Rahmen und vermitteln ein wohliges Gefühl der Sicherheit. Was für einen Wert das darstellt, kann man nicht hoch genug schätzen.

Zu der Kraft der Geschichten kommt bei Kindern allerdings noch ein zentrales Element, nämlich die Kraft der zwischenmenschlichen Beziehung. Denn es macht einen Unterschied, ob die Geschichten vom Band kommen oder ob eine Bezugsperson die Geschichten erzählt bzw. vorliest. Nicht, dass deshalb Hörbücher weniger wertvoll wären, natürlich nicht, aber gerade für kleinere Kinder scheint es von zentraler Bedeutung zu sein, dass zu der Kraft der Geschichten die Kraft der zwischenmenschlichen Beziehung hinzukommt. Aus dieser, man könnte fast sagen, archetypischen Situation entsteht sodann ein Kraftreservoir, das die gesamte Entwicklung eines Kindes positiv zu beeinflussen vermag.

Abgesehen von dem krisenbewältigenden Potenzial von Geschichten ermöglicht Vorlesen bzw. Erzählen natürlich auch einfach ein lustvolles Abtauchen in andere Welten, es befördert ein selbstreflexives Einüben von Verhaltensmustern und -strategien, es regt zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung mit Eigenem und Fremdem an. Auch diesbezüglich haben die Bücher von Astrid Lindgren viel zu bieten: Wenn ich daran denke, wie gleichermaßen fasziniert, aber auch erbost mein Kind über das Verhalten von Karlsson vom Dach ist, wie sehr sie sich mit Pippi Langstrumpf identifiziert, wie herzhaft sie über die subtilen Reibereien zwischen Madita und ihrer Schwester Lisabet lachen kann. Der Kosmos, den Astrid Lindgren mit ihren Figuren aufspannt, ist zutiefst beeindruckend und für Kinder wie Eltern nichts anderes als ein Geschenk. Wie viel diese Frau von Kindern verstanden hat!

Ein ganz anderes Buch hat dieser Tage mein eigenes Nachdenken über die Kraft und Bedeutung des Erzählens angeregt: die literaturwissenschaftliche Studie über den poetologischen Zusammenhang von Muße und Erzählen, die bereits seit einiger Zeit auf meinem Schreibtisch liegt. Es bedurfte einer gewissen Zeit der eigenen Muße, damit ich endlich dazukam, dieses Buch über die Muße zu lesen. 10234_00_detail

Der Autor Thomas Klinkert, Professor für französische Literaturwissenschaft an der Uni Zürich, untersucht in dieser Studie zentrale Werke der europäischen Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart unter dem Aspekt von Muße und Erzählen und führt vor, wie in diesen Texten das Erzählen aus Situationen der Muße heraus entfaltet und reflektiert wird. Muße wird als „eine besondere Form des Erlebens, als eine von der Normalität des Alltags unterscheidbare, von ihr abgehobene Zeitlichkeit, in der sich Möglichkeiten eröffnen, die sonst nicht gegeben sind“ (S. 1), verstanden. Von besonderer Bedeutung sind dabei bestimmte heterotopische Räume, welche die Erfahrung von Muße befördern.

Exemplarisch kann das an Boccaccios Decamerone gezeigt werden: Um sich vor der in Florenz wütenden Pest in Sicherheit zu bringen, fliehen zehn junge Menschen aus der Stadt in einen ländlichen locus amoenus, wo sie sich der trostspendenden Ruhe und Muße hingeben können, indem sie einander zehn mal zehn Geschichten erzählen und somit sowohl eine Ordnung etablieren als auch Sinn produzieren. Der Zusammenhang von Muße und Erzählen lässt sich hierbei als Ausdruck eines „anthropologischen Programms der Stressbewältigung“ (S. 198) verstehen. Egal, ob bei Boccaccio, Michel de Montaigne, Miguel de Cervantes, Rousseau, Stifter oder Proust – das Erzählen steht in all diesen Texten in einem Spannungsverhältnis von Rückzug bzw. Muße und einer mehr oder weniger bedrohlichen Wirklichkeit. Das Erleben der Muße hebt sich vom Kontinuum der vergehenden Zeit ab und öffnet ein Moment der Freiheit – und bleibt doch gleichzeitig „dialektisch an den Tod als an ihr Gegenteil gekoppelt“ (S. 10). Erst dieses Moment der Freiheit aber ermöglicht das Erzählen und somit die Entstehung des jeweiligen Werks.

Gerade die literarischen Beispiele veranschaulichen also in ihrem Inhalt wie in ihrer Struktur das Potenzial des Erzählens. Erzählen als diskursiver Gegenentwurf zum Alltag, zur Vergänglichkeit, zur Bedrohung, der zudem die eigenen Produktionsbedingungen zu reflektieren vermag. Es bedarf der Erfahrung von Muße, um diese wirkmächtige Kraft entstehen zu lassen. Was, so frage ich mich, diese Überlegungen weiterdenkend, passiert eigentlich mit einer Gesellschaft der Ruhelosigkeit, die keine Muße mehr kennt? Eine solche Gesellschaft könnte wohl keine Erzählungen mehr hervorbringen und wäre in letzter Konsequenz dem Tod schutz- und gnadenlos ausgeliefert. Doch auch wenn man nicht so weit denken will und um noch einmal auf Astrid Lindgren zurückzukommen: Vielleicht gehen Momente der Muße, wiewohl positiv mit Vorstellungen von Ruhe, Rückzug und Kontemplation besetzt, häufiger als man denkt mit Momenten der Krise einher. Die literarischen Beispiele legen diesen Konnex jedenfalls nahe. Aber auch die Beispiele aus dem Alltag – Krankheit, die Zeit des Schlafengehens, körperliche Ermüdung beim Wandern – weisen, wenn auch keine existenzielle oder bedrohliche Krise, doch ein latent oder zumindest potenziell krisenhaftes Element auf. In diesen Momenten brauchen Kinder Geschichten zur Stärkung. Die positive Nachricht wäre dann: Das Leben produziert gewissermaßen von selbst, ob wir wollen oder nicht, Momente der Ruhe, die das Erleben von Muße erlauben. Zumindest die Möglichkeit zum Geschichtenerzählen bleibt also auch in einer ansonsten ruhe- und rastlosen Gesellschaft bestehen. 🙂

(nemo)

PS: Übrigens, gestern war Österreichischer Vorlesetag

Weihnachten feiern in der Schule

Weihnachten lebt von Ritualen und das ist gut so. Bei uns an der Schule heißt das: Zuerst das alljährliche Fußballturnier, dann die Weihnachtsfeiern in der Kirche und in der Klasse (und anschließend das Zusammensitzen mit KollegInnen im Kaffeekammerl 🙂 ). Über das Fußballturnier gibt es auf der Schulhomepage bereits eine umfassende Berichterstattung: alle Ergebnisse, Fotos und einen ausführlichen Kommentar. Über die heurigen Weihnachtsfeiern will ich nachfolgend ein wenig erzählen:

Jedes Jahr organisiert das Team der ReligionslehrerInnen eine Weihnachtsfeier für die Unter- und eine für die Oberstufe. Dass die Veranstaltung eine ökumenische Feier sein soll, darüber herrscht Konsens, wie sie konkret ablaufen soll, darüber gibt es unter den Religionslehrern durchaus unterschiedliche Auffassungen. Trotzdem gelang es auch in diesem Jahr wieder, zwei wirklich schöne und besinnliche Feiern auszurichten, die, soweit ich gehört habe, bei den allermeisten SchülerInnen gut ankamen.

Bei der Unterstufenfeier war es offenbar mit der Geräuschkulisse während der Feier nicht ganz einfach, bei der Oberstufenfeier, wo ich mit meiner Klasse war, hielt sich das Getratsche absolut in Grenzen. Cool fand ich die zwei Achtklässlerinnen, die sich mit der Gitarre vor die über 200 MitschülerInnen hinstellten und wunderschön zweistimmig sangen. Beeindruckt haben mich auch die SchülerInnen, die ihre selbst geschriebenen gesellschafts- und konsumkritischen Texte und Fürbitten vorlasen. Und auf die zum Nachdenken anregende Predigt des evangelischen Pfarrers und Religionslehrers war auch in diesem Jahr Verlass. Insgesamt eine schöne, ruhige Stunde, die nach den vielen dichten und anstrengenden Wochen tatsächlich ein Innehalten bewirkte und ein Gefühl der Entspannung hervorrief.

Wirklich schade und für mich letztendlich auch unbefriedigend bleibt die Tatsache, dass unsere muslimischen SchülerInnen an der Weihnachtsfeier nicht teilnehmen. Ich würde mir eine Feier für die ganze Schule wünschen, die alle miteinschließt – aber natürlich, einer Weihnachtsfeier, so reduziert „gottesdienstmäßig“ sie auch sein mag, ist nun einmal die christliche Perspektive inhärent. Trotzdem, wie schön wäre es, wenn die muslimischen SchülerInnen – so wie viele konfessionslose und orthodoxe – mitfeiern und ihre Sichtweisen und Stimmen einbringen würden. (Im Gegenzug fände ich es übrigens genauso schön, wenn wir einmal zum Mitfeiern eines islamischen Festes eingeladen würden.)

Nach der Weihnachtsfeier in der Kirche haben wir mit unseren Klassen in der Schule gefeiert. Auch dieses Ritual gefällt mir. Meine Klasse kennt mich eh und weiß, dass ich zu solchen Anlässen gern ein wenig pathetisch werde. Unter einem schönen Sesselkreis und einer Runde, bei der jeder sagt, was er oder sie den anderen wünscht oder mitgeben will, tu ich’s nicht. Und ich selbst muss natürlich auch immer eine kleine Ansprache halten. 🙂

Außerdem suche ich jedes Jahr nach schönen Texten, die ich meinen SchülerInnen vorlesen kann. In diesem Jahr habe ich mich für zwei Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert entschieden: Nachts schlafen die Ratten doch und Die Küchenuhr – zwei meiner absoluten Lieblingstexte. Wir üben in Deutsch ja gerade die Interpretation narrativer Texte, Borchert-Kurzgeschichten gehören da zum Standardprogramm. Nicht sehr originell also, meine Auswahl, und trotzdem ist bei der Lektüre etwas passiert, was mit Hilfe guter Literatur möglich ist: ein kleiner magischer Moment, der sich einstellte, und der unsere diesjährige Klassenweihnachtsfeier zu einer besonderen machte.

Ich konnte es richtig hören, wie die SchülerInnen zunächst innerlich stöhnten, als ich mit meinen Texten daherkam. Zu Beginn gab es Getuschel und vielsagende Blicke, die herumgeschickt wurden. Die Aufmerksamkeit war, sagen wir, enden wollend. Nach und nach aber wurde es ruhig. Und als die SchülerInnen dann verstanden, wovon in diesen Geschichten die Rede ist, wurden sie richtiggehend ergriffen. Auf einmal war genau jene Resonanz da, die ich so oft in der Klasse vermisse. Die wunderbaren Texte haben uns alle gemeinsam berührt und plötzlich war Weihnachten im Klassenzimmer. Nur einen Moment lang, aber es war da.

(nemo)

 

Die Sache mit den Ethnien. „Kleines Land“ von Gaël Faye

Wer weiß eigentlich, wo Burundi liegt? produkt-13679Ich hätte das zentralafrikanische Land bis vor Kurzem wohl nicht auf Anhieb lokalisieren können. Dieser Tage aber habe ich einen Roman gelesen, der mir das Land nähergebracht hat – seine paradiesischen Seiten, aber auch seine grauenhafte jüngere Geschichte.

Kleines Land heißt das Buch, das in diesem Herbst in deutscher Übersetzung bei Piper erschienen ist. In Frankreich ist Petit pays – so der Originaltitel – 2016 herausgekommen; sein Autor Gaël Faye hat dort sogleich mehrere renommierte Literaturpreise dafür bekommen. Und in der Tat handelt es sich bei dem Buch um einen beeindruckenden Roman:

Es ist die Geschichte des Jungen Gabriel, der als Sohn eines Franzosen und einer Ruanderin in den achtziger und neunziger Jahren in Burundi aufwächst. Man erfährt, wie privilegiert er als Halb-Europäer den Schwarzen gegenüber ist, wie er mit seinen Freunden Mangos klaut, aber auch, wie die Ehe seiner Eltern in die Brüche geht. Viel wird von der Lebensfreude und der Sehnsucht nach den glücklichen Tagen der Kindheit spürbar. Von Anfang an aber schwebt das Unheil über den Menschen in diesem Land. Fassbar wird es an der Familie der Mutter, die bereits vor vielen Jahren aus Ruanda vertrieben wurde und für die Burundi von Anfang an ein Exil und keine Heimat darstellt. Anfang der neunziger Jahre flammt der Konflikt zwischen Hutus und Tutsis wieder auf und gerät diesmal völlig außer Kontrolle. Er reißt sowohl Burundi also auch – und in noch viel größerem Ausmaß – Ruanda mit in den Abgrund. Die Geschichte, die Gaël Faye erzählt, endet in einer einzigen Katastrophe.

m_petit-pays-de-gael-faye.jpg

Der Autor lebt heute in Paris und ist ein bekannter Rapper. Ebenso wie seinen Ich-Erzähler Gaby lassen ihn Burundi und Ruanda nicht los, auch wenn es nicht sein eigenes Leben ist, das er in dem Buch erzählt. Aber es ist spürbar, wie wichtig ihm die Geschichte ist. Das Buch überzeugt von Anfang an und lässt einen am Ende tieftraurig zurück. Man fragt sich, ebenso wie der Erzähler, wie es bloß so weit kommen konnte.

Ich zitiere nachfolgend den Prolog und verlinke den ebenso wundervollen Song „Petit Pays“ von Gaël Fayes Album Pili Pili sur un croissant au beurre aus dem Jahr 2013.

Ich weiß wirklich nicht, wie die Geschichte angefangen hat.
Dabei hat Papa uns das mal im Pick-up erklärt.
„In Burundi es es wie in Ruanda, versteht ihr? Da leben drei verschiedene Gruppen, Ethnien heißt das. Hutu gibt es am meisten, die sind klein und haben eine dicke Nase.“
„Wie Donatien“, habe ich ihn gefragt.
„Nein, der ist Zairer, das ist was anderes. Wie unser Koch Prothé zum Beispiel. Dann gibt es noch Pygmäen, die Twa. Aber das sind so wenige, dass wir sie vernachlässigen können, sagen wir mal, die zählen nicht. Und dann gibt es die Tutsi, wie eure Mama. Die sind viel weniger als die Hutu, groß und dünn und mit schmaler Nase, und man weiß nie, was sie denken. Du zum Beispiel“, hat er gesagt und dabei mit dem Finger auf mich gezeigt, „du bist ein typischer Tutsi, Gabriel, bei dir weiß man auch nie, was dir durch den Kopf geht.“
Da hab ich dann auch nicht mehr gewusst, was ich denke. Und was sollte man auch von dem Ganzen halten? Also habe ich Papa gefragt:
„Kommt der Krieg zwischen Tutsi und Hutu daher, dass sie in verschiedenen Gegenden wohnen?“
„Nein, sie leben ja im selben Land.“
„Dann sprechen sie nicht dieselbe Sprache?“
„Doch, sie sprechen dieselbe Sprache.“
„Vielleicht haben sie nicht denselben Gott?“
„Doch, sie haben denselben Gott.“
„Aber … warum machen sie dann Krieg?“
„Weil sie nicht die gleiche Nase haben.“
Damit war die Diskussion beendet. Trotzdem komisch. Papa hat das, glaub ich, nie richtig verstanden. Jedenfalls hab ich ab da immer drauf geachtet, wie groß die Leute sind und was für eine Nase sie haben. Wenn ich mit meiner kleinen Schwester Ana in der Stadt einkaufen war zum Beispiel, haben wir immer geraten, wer Hutu ist und wer Tutsi, und ständig miteinander getuschelt:
„Der mit der weißen Hose ist bestimmt ein Hutu, weil er so klein ist und eine dicke Nase hat.“
„Ja, und der mit dem Hut, der ist so riesig groß und dünn und hat eine ganz schmale Nase, das ist ein Tutsi.“
„Der dort in dem gestreiften Hemd ist auch ein Hutu.“
„Quatsch, schau doch hin, der ist groß und dürr.“
„Ja, aber er hat eine dicke Nase!“
Da sind uns Zweifel gekommen an der Sache mit den Ethnien. Papa wollte sowieso nicht, dass wir darüber reden. Kinder sollen sich nicht in die Politik einmischen, fand er. Aber wir konnten gar nicht anders. Die merkwürdige Atmosphäre wurde von Tag zu Tag schlimmer. Auch in der Schule ist es bald losgegangen mit diesem Du-bist-doch-Hutu-du-bist-doch-Tutsi-Ärger. Sogar bei einer Vorführung von Cyrano de Bergerac hat einer krakeelt: „Das ist doch ein Tutsi – mit der Nase!“ Etwas lag in der Luft. Und das konnte man riechen, egal, mit welcher Nase.

Gaël Faye: Kleines Land, aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann, München: Piper 2017

(nemo)

Bücher als Zumutung

Dienstagmorgen, 8 Uhr, zweiter Tag des neuen Schuljahres. Die erste Deutschstunde in meiner Klasse steht an. Womit soll ich beginnen? Was könnte den SiebtklässlerInnen Freude machen? Wie mache ich Ihnen zu Beginn des Schuljahres wieder ein bisschen Lust auf Deutsch? Mit einem Buch natürlich. Was sonst?

Also schnappe ich mir den Klassensatz von Bernhard Schlinks Der Vorleser und mache mich auf den Weg in den dritten Stock. Zugegeben, gleich zu Beginn ein Klassiker, Goethe, Schiller oder Lessing in Form eines abgegriffenen Reclam-Heftes, würde möglicherweise ein bisschen abrupt anmuten. Nein, es soll schon etwas Gefälliges sein, Gegenwartsliteratur, ein Bestseller mit mitreißendem Inhalt, verpackt in ein gar nicht so unansehnliches Diogenes-Taschenbuch.

Im Gang des dritten Stockes begegne ich einer meiner Schülerinnen und bitte sie, mir ein paar Bücher abzunehmen, bevor der Stapel kippt. Hilfsbereit und freundlich eilt sie herbei – angesichts der Bücher aber fällt ihr alles hinunter: „Nicht im Ernst. Ein Buch. Und das in der ersten Schulwoche!“

Wie viele der anderen ebenso unwillig reagiert haben, weiß ich nicht, die Schülerin war vor mir im Klassenraum. Als ich eintrat, hatten sie sich weitgehend gefasst. Natürlich müssen Sechzehn- oder Siebzehnjährige angesichts von schulischer Lektüre nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen. Das blanke Entsetzen aber beim Anblick eines Buches gibt mir schon zu denken.

Nun ist es nicht so, dass meine Klasse grundsätzlich widerwillig wäre oder die bisherigen Lektüren verweigert hätte. Nein, eigentlich konnte ich den meisten doch immer etwas von der Schönheit, Sinnhaftigkeit, Bedeutsamkeit und Relevanz der bisher gelesenen Bücher und ihrer Inhalte vermitteln. Und so wird es hoffentlich auch diesmal sein. Wenn wir in ein paar Wochen über den Vorleser reflektieren werden, wird das Urteil nicht vernichtend ausfallen. Das spüre ich. Möglicherweise wird sogar die ob eines Buches in der ersten Schulwoche geradezu fassungslose Schülerin etwas darin finden, das ihr gefällt und/oder das sie zum Nachdenken bringt.

Was allerdings schon auffällt, ist, dass die Haltung Büchern gegenüber immer problematischer wird: „Ok, im Deutschunterricht gehört’s halt irgendwie dazu, manches ist dann eh ganz interessant, aber eigentlich, wenn wir ehrlich sind, ist Literatur überflüssig und eine Zumutung.“ Die SchülerInnen würden es vielleicht nicht so formulieren, aber diese Einstellung greift um sich. Und wir reden hier nicht von der Berufsschule, sondern von der Oberstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule.

Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich vielfältig: Smartphone und Internet gehören zweifellos dazu. Wischen, Bilder und Videos betrachten, Chatten und das Lesen von Kürzestnachrichten ist bequemer und zumindest auf den ersten Blick fesselnder. Die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, Bildung einzig im Hinblick auf den wirtschaftlichen Erfolg zu funktionalisieren, kommt hinzu. Wozu bitte soll Literatur gut sein? Geld kann man genauso gut verdienen, wenn man nichts gelesen hat. Und die uns als alleinselig machend verkaufte Kompetenzorientierung in den Lehrplänen trägt das ihre dazu bei. Selbst wenn uns noch so viele Bildungsexperten ständig das Gegenteil einzureden versuchen, die Verschiebung von verbindlichen Inhalten einerseits und mitunter verwertungsfreier Literaturbetrachtung andererseits hin zu Kompetenzen, die ihrerseits anhand von mehr oder weniger beliebigen Inhalten ausgebildet werden können, entzieht der Literatur zunehmend den Raum und auch den Nährboden.

„Aber ihr dürft doch eh weiterhin Literatur unterrichten.“ „Auch bei der Zentralmatura gibt es ein Thema, in dem ein literarischer Text vorkommt.“ „Der Unterricht darf und soll doch ohnehin viel mehr umfassen, als das, was bei der Matura abgetestet wird.“ Mit solchen und ähnlichen Argumenten wird man gerne bedacht, wenn man Kritik an den kompetenzorientierten Lehrplänen und ihren Messinstrumenten äußert. Ja, eh, stimmt natürlich alles. Aber dass im Zuge der jüngeren Bildungsreformen Haltungen verändert, Wichtigkeiten verschoben und gesellschaftliche Diskurse, in deren Zentrum Funktionalisierung steht, angefeuert wurden, lässt sich auch nicht leugnen. Die Auswirkungen von all dem kann man in der Schule täglich beobachten. Das aber will man nicht hören. Denn die Beobachtungen von LehrerInnen sind bloß empirisch nicht belegbare Behauptungen. Studien würden da ja zu ganz anderen Ergebnissen kommen …

Nur gut, dass einem Konrad Paul Liessmann wieder einmal aus der Seele schreibt. „Belesenheit ist eine Provokation“, lautet der Titel des Essays, der im heutigen Standard nachzulesen ist. Es handelt sich dabei um einen Vorabdruck aus seinem demnächst erscheinenden Buch Bildung als Provokation, auf das ich mich jetzt schon freue. Da heißt es:

Die Provokation literarischer Bildung besteht nicht zuletzt in der persönlichkeitsverändernden Kraft der Literatur, die unmerklich vonstattengeht, keinen Zielvorstellungen folgt, nicht operationalisierbar und deshalb auch nicht kontrollierbar und prüfbar ist. Dass es eine Form der Bildung gibt, die sich dem Zugriff der qualitätssichernden Behörden entzieht, weil sie sich aus einer informellen Beziehung zwischen Schüler und Lehrer entspinnen mag, kratzt an all jenen Quantifizierungs- und Messbarkeitschimären, ohne die die gegenwärtige Bildungsforschung ebenso wenig auszukommen glaubt wie die Bildungsorganisation.

Literatur aber hat eine Gestalt. Sie erscheint in der Form des Buches, Lesen als avancierte kulturelle Praxis ist ohne das Buch nicht denkbar. Die aktuell forciert betriebene Digitalisierung von Schulen und Universitäten, die sich alles Heil von Geräten und nicht von Ideen erwartet, verhindert in großem Maßstab die Entwicklung jedes Interesses für die Literatur. (…) Das Interesse für Literatur wird geweckt, wenn man im richtigen Moment das richtige Buch in die Hand gedrückt bekommt und sich dadurch die Chance eröffnet, zu einem Leser zu werden.

Daran kann sich eine Deutschlehrerin aufrichten – selbst in Zeiten, in denen SchülerInnen beim Anblick eines Buches das Gesicht herunterfällt.

(nemo)

 

Gegen die Verdummung. Literatur als Seelenfutter

In seiner Rede zur Literatur hat der Schriftsteller Franzobel kürzlich viel Schönes und Wahres über die Literatur und ihre Notwendigkeit gesagt. Hier ein paar Zitate:

Es wird immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung.

Literatur ist Kampf – gegen die Verdummung, Herzlosigkeit, Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher.

Die größte, ständig lauernde Gefahr für jede homogene Gesellschaft besteht darin, dass sie plötzlich durch religiöse, ethnische, rassische oder andere, vielleicht sogar triviale, lächerliche Grenzen (zum Beispiel Kopftücher, lange Nasen oder eine Vorliebe für Burritos) zerteilt wird und Demagogen (politische Führer, welche unter Anführungszeichen gehören) die einzelnen Gruppen aufeinanderhetzen. Der Balkankrieg, Ruanda, die Ukraine, Syrien. Wir dachten, so etwas gäbe es nicht mehr. Weit gefehlt. Im Grunde wird die ganze homogene Menschheit so zerteilt. Und wenn es jemand schafft, uns zu zeigen, dass wir Mitteleuropäer derselben Spezies angehören wie die Chinesen, Senegalesen, Burmesen, Peruaner, Hawaiianer, Kenianer, Jemeniten oder wer auch immer, diese Menschen dieselben Empfindungen, Sorgen, Wünsche haben wie wir, dann die Literatur. Darum hat sie auch die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer.

(nemo)