Höher, besser, schneller, mehr

heißt die Radiokolleg-Reihe auf Ö1, die diese Woche ausgestrahlt wurde. Dank der Semesterferien konnte ich sie mir sogar zum Sendetermin um 9 Uhr morgens anhören. Radiohören als gleichermaßen entschleunigende wie geistig anregende Tätigkeit an unterrichtsfreien Tagen (oder auch wenn ich einmal krank bin), aber ebenso beim Kochen oder beim (seltenen) Autofahren. Sendungen, die ich verpasse, höre ich manchmal am Wochenende nach, dank „7 Tage Ö1“. Sendungen, die mir ganz besonders gut gefallen, bzw. Sendungen, die ich vielleicht für die Schule brauchen könnte, lade ich als Podcast herunter. Ein „Download-Abo“ macht’s möglich.

Radiohören tut mir gut. Allerdings muss es schon Ö1 sein, manchmal Bayern 2. (Der Bayerische Rundfunk stellt übrigens ein geradezu phantastisches Angebot an Podcasts gratis zur Verfügung – siehe Link!) Was anderes kommt für mich kaum mehr in Frage, seit auch auf FM4 andauernd Werbung läuft. Auf Ö1 schätze ich die meist ruhige Art, die den Sender prägt. Manchmal gibt es Musik, die ich nicht aushalte – Operetten zum Beispiel -, meist jedoch gefällt mir die Musik, zumindest halbwegs. Trotzdem bevorzuge ich eindeutig Sprechsendungen wie eben das Radiokolleg.

„Die Maßlosigkeit als tickende Zeitbombe“ steht im Untertitel zum dieswöchigen Radiokolleg. Es geht um unsere Leistungs- und Optimierungsgesellschaft, um die Gier, um den ständigen Drang nach mehr, sei es in der Wirtschaft, der Arbeitswelt, der Ausbeutung der Umwelt oder auch der eigenen Leistung. Im ersten Teil der Reihe wurde Heinrich Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral zitiert. Mehr als 50 Jahre alt, aber immer noch gut, eigentlich aktueller denn je. Denn in unserer gegenwärtigen Welt erscheint die Zufriedenheit des armen Fischers als vollkommen anachronistisch, die Lebensauffassung des rastlosen Touristen als weitverbreitete Normalität. Selbst in der Schule ist das fast blinde Streben nach höher, besser, schneller, mehr nicht mehr wegzudenken – und immer mehr Menschen sind der Ansicht, dass Schule unbedingt wie die „Welt da draußen“ funktionieren müsse, inklusive massivem Leistungsdruck und Optimierung. Die Zeit zum Innehalten und zum Nachdenken, zum kreativen Ausprobieren, Diskutieren und möglicherweise wieder Verwerfen wird immer spärlicher. Die Frage, was tun wir da eigentlich und wozu, wird immer seltener gestellt. Stattdessen strampeln wir fleißig im Hamsterrad mit, das dafür stetig besser und schneller … (nemo)

Wer liest schon Studien…

Anscheinend keiner. Oder jedenfalls niemand, der eine gute Schlagzeile bildung-auf-einen-blick-2015braucht. In dieser Woche ist wieder einmal kolportiert und beanstandet worden, dass nur ein Fünftel der Kinder einen bildungsmäßigen Aufstieg gegenüber den Eltern erfährt. Hat sich komisch angefühlt, wie immer.

Heute lese ich, dass man derselben Studie1 entnehmen kann: „Für Österreich bedeutet dies: Wenn der Vater eine Lehre abgeschlossen und die Tochter maturiert hat, gilt das nicht als Bildungsaufstieg; wenn die Mutter einen Handelsschulabschluss hat und der Sohn HTL-Ingenieur wurde, gilt es ebenfalls nicht als Bildungsaufstieg. Damit wird die gesamte Vielfalt des österreichischen allgemeinen und berufsbildenden Schulsystems ignoriert. Kein Wunder, dass auf dem Papier nur jedes fünfte Kind die Bildungsleiter hinaufklettert.“ Kommt meinen Erfahrungen eher entgegen.

Dass  Studien, die 730 (!) Seiten Umfang haben, kaum durchgeackert werden können, ist verständlich. Aber die Schnellschüsse, die nach einem Blick darauf losgelassen werden, verzerren vieles.

Übrigens: Die angeführte Studie nennt sich „Bildung auf einen Blick 2015“.

(juhudo)

 

1 Wer lesen will – alles online: http://www.keepeek.com/Digital-Asset-Management/oecd/education/bildung-auf-einen-blick-2015_eag-2015-de#page1

Von Wichtigem und weniger Wichtigem: A Paris et ailleurs

Samstagabend, die Anstrengungen der Woche sind deutlich spürbar. Zu viel war los, als dass es schon nach nur einem Tag vergangen wäre. Schon seit Tagen krächzende Stimme, trotzdem habe ich versucht zu unterrichten. Die eine Klasse hatte Schularbeit, die anderen haben bald. Daneben viel zu organisieren und zu besprechen. Kulturprojekt, Schüleraustausch, Mentoring. Drei richtige Brocken, zusätzlich. Gestern Abend ein Opernbesuch mit zwanzig Schülern. Il mondo della luna. Interessant, wie viele Menschen einen ansprechen, wenn man mit Schülern abends in die Oper geht. Deshalb, weil die Schüler so brav sind, und deshalb, weil die Leute es gut finden, dass wir versuchen, den jungen Menschen die Welt des Theaters, der Musik, der Oper zu eröffnen.

Heute Vormittag Gang zur Polizei. Schon wieder ist mein Fahrrad weg. Im Vorzimmer der Wachstube drei schwarze Männer. Einer liegt unter der Bank, zwei sitzen. Sie kippen fast herunter, weil ihnen ständig die Augen zufallen. Ich spreche sie an. Sie haben seit sechs Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Aus Gambia kommen sie, wollen hier Asyl beantragen. Von Libyen aus sind sie mit einem Flüchtlingsboot übers Meer gefahren. Mein gestohlenes Fahrrad kommt mir nichtig vor. Fast eine halbe Stunde beschäftige ich mit meiner Bagatelle den zuständigen Beamten, bis meine Diebstahlsmeldung komplett ist.

Im Standard von heute schon wieder der Verweis darauf, dass weniger Schüler pro Klasse keine Verbesserung der Unterrichtsqualität bedeuten würden. Auch die Hattie-Studie belege das. Hat eigentlich irgend jemand von denen schon einmal Deutsch-Schularbeiten oder Hausübungen korrigiert? Ab 20 merkst du jedes zusätzliche Heft, ab 20 hängt es sich richtig an. Ab 20 merkst du auch jeden einzelnen Schüler in der Klasse. Oder umgekehrt: Du bemerkst ihn eben nicht. Außer er stört. Dann bemerkst du den und übersiehst fünf andere.

Ja, wir sollen individualisieren und jeden Einzelnen fördern, wir dürfen keinen zurücklassen und sollen allen gerecht werden, wir mögen darauf achten, dass sich alle in der Klasse wohl fühlen und gleichzeitig die Bildungsstandards erreichen. Alles kein Problem, es scheint bloß uns Lehrern so vorzukommen, als ob das Erreichen all dieser Ziele auch irgendetwas mit der Anzahl der uns anvertrauten jungen Menschen zu tun habe. Die Experten wissen, da besteht kein nachweisbarer Zusammenhang. Alles bloß gefühlte Wirklichkeit. Beim Wetter scheint es uns einzuleuchten, dass auch die „gefühlte Kälte“ relevant ist, aber in der Schule, nein, da sind’s nur die Lehrer, die sich’s bequem einrichten wollen.

Es ist frustrierend. Es ist zum Ärgern. Es betrübt mich. Das gestohlene Fahrrad ebenso wie diese ständigen unqualifizierten und falschen Aussagen. Was aber ist das alles gegen den Wahnsinn, der letzte Nacht in Paris los war? Angesichts des Terrors ist alles lächerlich, möchte man mit Thomas Bernhard sagen. (nemo)

peace-for-paris

„Die Narzissmus-Falle“. Kommunikation in Zeiten der Digitalisierung

Kürzlich fand die 64. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg statt. Eine renommierte und traditionsreiche pädagogische Fachtagung, organisiert vom Katholischen Bildungswerk in Kooperation mit der Caritas Österreich und der Universität Salzburg. Das Thema dieses Jahr lautete Einander anerkennen.

Ich war (leider) nur bei einem Vortrag, der mich insbesondere auch im Zusammenhang mit dem Betreiben des Blogs interessierte: Bernhard Pörksen, ein Medienwissenschaftler aus Tübingen, referierte zum Thema „Die Narzissmusfalle. Selbstpräsentation, Anerkennungssuche und Reputationsrisiken im digitalen Zeitalter“. In dem Vortrag ging es quasi um das Zerrbild von Anerkennung, nämlich um die übersteigerte Suche nach Anerkennung und deren mögliche Konsequenzen in und durch digitale Medien.

Pörksen machte drei Dilemmata aus, die sich im Umgang mit digitalen Medien ergeben: das Narzissmus-Dilemma, das Kontroll-Dilemma, das Reputations-Dilemma. Einige „Kernideen“ dieser Dilemmata will ich hier wiedergeben:

1. Wir leben in einer Kultur der Selbstanpreisung, die Gesellschaft fordert permanentes Selbstlob. „Ich sende, also bin ich.“ Auf diese Weise werden Superstars und Bluffer produziert, die jedoch beim kleinsten Regelverstoß vorgeführt werden.

2. Kommunikation unter digitalen Bedingungen löst sich von den Kontexten der Produktion, was zu gravierenden Missverständnissen führen kann. Der Weg, den digitale Botschaften gehen, kann vom Sender nicht kontrolliert werden, mitunter erzeugt ein Kontrollversuch sogar einen noch fataleren Kontrollverlust.

3. Wir schaffen im Netz ein „Anarchiv“ unseres eigenen Lebens, digitale Schrumpfbiographien, die aus digitalen Informationsfetzen, die ad infinitum im Netz kreisen, bestehen.

Pörksen wies darauf hin, dass mediale Kommunikation immer schon Überraschungen hervorbrachte, in Zeiten digitaler Kommunikation klaffe jedoch die Sender- und Empfängerseite extrem auseinander. „Mobile-Mitmach-Medien“ würden eine radikale Ausweitung der Anerkennungs- und Abwertungszone produzieren. Die Erkenntnis aus den unlösbaren Problemen, die durch digitale Kommunikation entstehen, und deren Konsequenz beschrieb Pörksen folgendermaßen: 1. Unsere Reputation ist permanent gefährdet. 2. Wir müssen bei unserem Tun das mögliche Riesenpublikum immer mitdenken. 3. Wir können zumindest hoffen, dass sich zunehmend eine Art journalistisches Bewusstsein, also die Orientierung am Kriterium der Relevanz,  entwickelt.

Interessante Gedanken, nicht grundsätzlich neu, aber schön auf den Punkt gebracht und in ihren Konsequenzen zu Ende gedacht. Allein die Tatsache, dass Pörksen die Probleme rund um die digitale Kommunikation als Dilemmata beschrieb und dadurch klar machte, dass diesen Problemen nicht zu entkommen ist, erscheint mir wichtig.

Wenn ich nun die Erkenntnisse aus dem Vortrag mit unserem Blog, mit meiner persönlichen Lust am Bloggen, zusammendenke, was ergibt sich daraus? Natürlich verfolge ich, verfolgen wir eine Art journalistisches Bewusstsein im Rahmen unseres Nachdenkens über Schule und Bildung. Auch denken wir das mögliche Riesenpublikum irgendwie mit, wenn wir posten. Schließlich haben wir sogar schon einmal tatsächlich erlebt, was ein digitaler Schneeballeffekt ist. Und ja, unsere Reputation, an der wir mit diesem Blog natürlich auch arbeiten, ist dadurch gleichzeitig  permanent gefährdet. Auch unsere Nachrichten lösen sich aus den Entstehungskontexten, nicht alles, was in der unmittelbaren Betroffenheit passend scheint, muss dies auch nach Monaten noch sein.

Nicht, dass ich mir deshalb ernsthaft Sorgen machen würde. Es erscheint mir, sagen wir, höchst unwahrscheinlich, dass sich aus meinen Blog-Einträgen unter den gegebenen Bedingungen ein massives und/oder folgenreiches Abwertungsproblem ergeben könnte. Dennoch: Unvorstellbar ist es nicht, schließlich können sich auch gesellschaftliche Bedingungen ändern. Dass etwas unwahrscheinlich ist, ändert außerdem nichts an der grundsätzlichen Tatsache des Dilemmatischen.

Viel wahrscheinlicher erscheint mir allerdings der „normale“ Weg der meisten Nachrichten, Botschaften, Neuigkeiten, Erkenntnisse oder Mitteilungen: jener über die Irrelevanz hinein ins Vergessen. Da, wie es immer heißt, das Netz jedoch nichts vergisst, bleibt die Frage: Was passiert mit all dem Informations- und Datenmüll, der im Netz herumschwirrt. Nichts? Absturz und Reset? Oder doch die dystopische Vorstellung einer Supermacht, die sich aus den digitalen Schrumpfbiographien die Wirklichkeit eines Menschen zusammenbastelt, der dann realiter noch so heftig widersprechen kann, aber nicht mehr gehört und verstanden wird?

Ansätze in diese Richtung gibt es ja bereits. Und auch Pörksen skizzierte in seinem Vortrag ein paar haarsträubende und tragische Beispielfälle für die Verselbständigung und Uneinholbarkeit digitaler Informationen, die veritable „Shitstorms“ nach sich zogen. Mir kommt vor, dass diesbezüglich eigentlich ein viertes Dilemma ausgemacht werden könnte, das mit dem doppelten Phänomen der Globalisierung zu tun hat. Warum doppelt? Jede Nachricht im Netz ist global verfügbar. Daraus ergibt sich ein Relevanz- Dilemma, und zwar sowohl auf der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite der Nachricht. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich poste, ist für Menschen auf der anderen Seite der Erde relevant. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich über ein mediales Einzelschicksal in Korea lese, ist für mich relevant. Oder eben doch.

Früher konnte man gewiss sein, dass einen das sprichwörtlich in China umfallende Fahrrad nicht zu interessieren braucht. Unter digitalen Bedingungen könnte es sein, dass es sehr wohl etwas mit einem selbst zu tun hat, da es unter digitalen Bedingungen grundsätzlich gleich wichtig sein kann, ob das Fahrrad in China umfällt oder mir auf den Fuß. Das heißt, einerseits kann das Schicksal einer Koreanerin, deren Foto über ihr politisch inkorrektes Verhalten im Netz zu einer Art Menschenhatz führt, als symptomatisch und deshalb relevant für die Gefahren digitaler Kommunikation gelten, andererseits kann man in den Weiten des global agierenden Internets natürlich Beispiele und Beweise für alles finden. Weshalb mir das Einzelschicksal, und sei es noch so tragisch, dann schon auch wieder einigermaßen irrelevant erscheint.

Viel relevanter als der irgendwo ausgebrochene Shitstorm erscheint mir die Gefahr der systematischen digitalen Zuschreibung, das, was ich oben als dystopische Vorstellung bezeichnet habe: wenn sämtliche Spuren (bzw. die, die von Machthabern als relevant erachtet werden), die man im Netz hinterlässt, zusammengefügt und verwendet würden, um einem Menschen seinen Identitätsnachweis zu verpassen, und sämtliche Handlungsmöglichkeiten und -spielräume dieses Menschen sodann auf diese Identität reduziert würden. Das ergibt eine wahrlich beunruhigende Vorstellung. (nemo)

Ödnis, die zweite: Der Zwang ins Seichte

Ich frage mich: Was bedeutet es eigentlich, wenn eine Gesellschaft meint, gänzlich ohne Literatur auszukommen – und zwar bis hin in ihre höchsten Bildungsschichten? Eine Ahnung davon kann man erhalten, wenn man sich die gegenwärtige Konzeption der zentralen Deutschmatura ansieht: Bei dieser Form der Reifeprüfung wird Sprache fast vollständig von ihren literarischen Erzeugnissen abgelöst. Beinahe alle Aufgabenstellungen (5 von 6) beziehen sich ausschließlich auf Zeitungstexte. Das, so könnte man meinen, wäre per se noch kein Vergehen, aber die Tücke liegt – wie meistens – im Detail und offenbart sich erst bei genauerem Hinsehen.

Die gegenwärtige Zentralmatura suggeriert, dass Sprachkompetenz gänzlich ohne Kenntnis von Literatur, ja eigentlich ohne jeglichen „Input“ von Literatur funktioniert. Denn – so die Suggestion – wozu soll Literatur schon gut sein, wenn es doch bloß darum geht, klar und nachvollziehbar zu formulieren? Dass diese Auffassung jedoch grundsätzlich falsch und ein vielleicht sogar fataler Irrtum ist, will ich versuchen, am Beispiel der aktuellen Aufgabenstellungen aufzuzeigen:

1. Wenn Sprache ohne Literatur auskommen muss, wird sie ihres vitalsten, produktivsten und aussagekräftigsten Teils beschnitten und stattdessen eingeschränkt auf jenen Teil, der im Bereich des Floskelhaften, des bereits Gesagten und ständig Wiederholten, des Klischees verharrt. Konsequenterweise stützt sich der „Input“ der journalistischen Texte auf Studien und Umfragen, auf Expertenaussagen und Meinungen von Redakteuren. Die Rede ist dann von der „bunten Vielfalt alternativer Familienformen“, von „On-off-Beziehungen“, den „Boomerang-Children“, dem falschen („Wow, du bist toll!“) und richtigen („Wow, das hast du toll gemacht!“) „Feedback“, den „Übermüttern wie Heidi Klum“ oder der „Imageaufbesserung der Lehre“. Mit solchen und ähnlichen Formulierungen werden die Themen in den Textbeilagen behandelt und mit Hilfe solcher Texte dürfen unsere SchülerInnen ihre Sprachkompetenz unter Beweis stellen.

2. Durch die Ausgrenzung von Literatur wird eine Pseudoklarheit im Bereich der Sprache geschaffen, die als solche völlig fiktiv ist, aber so lange perpetuiert wird, bis sie scheinbar zur Realität wird. Am augenfälligsten wird das im Bereich der zu verfassenden Textsorten und der Arbeitsaufträge. Da werden plötzlich Leserbriefe, Kommentare oder Meinungsreden zu genau definierbaren Textsorten, als ob es eine Formel gäbe, mit und nach der man einen Text zu produzieren hat. Eine Frage wie „Braucht ein Leserbrief eine Anrede?“ ist die Konsequenz aus dieser Haltung. Als ob es darauf ankäme! Oder aber es wird eine Erörterung – eine der wenigen Textsorten, die man tatsächlich in ihrem Aufbau genau beschreiben kann und die einer literarischen Sprachbetrachtung am nächsten kommt, – durch die Arbeitsaufträge und Längenvorgaben so verunstaltet, dass sie als solche kaum mehr zu erkennen ist. Da  heißt es beim Thema 3 (Armut und soziale Gerechtigkeit):

  • Geben Sie die unterschiedlichen im Bericht genannten Gründe für Armut wieder.
  • Erläutern Sie, ausgehend von den Aussagen der Befragten, was Sie persönlich unter sozialer Gerechtigkeit verstehen.
  • Diskutieren Sie die im Bericht zitierte Ansicht „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“.

Jeder möge sich selbst an dieser „Erörterung“ (540 bis 660 Wörter!) versuchen. Demjenigen, der auf der Basis dieser Vorgaben und der Textbeilage aus dem SchülerStandard, die sich auf eine Studie namens „Jugend und Zeitgeist“ stützt, eine ordentliche Erörterung zustande bringt, sei herzlich gratuliert.

3. Durch den Verzicht auf Literatur bleiben Inhalte vollkommen an der Oberfläche, Themen können mitnichten angemessen durchdrungen werden. Man betrachte einmal mehr die ausgewählten Textbeilagen: Diese bleiben (fast) zur Gänze auf die unmittelbare Gegenwart bezogen und unterziehen keines der drei Themen einer ungewöhnlichen oder neuen Betrachtungsweise. Abgesehen von der literarischen Erzählung verschafft keine Textbeilage den MaturantInnen neue Einsichten in ein Thema! Und genauso oberflächlich wie die Textbeilagen die Themen behandeln, sollen die Arbeiten der MaturantInnen ausfallen. Man braucht ja vergleichbare Texte mit vergleichbarem Inhalt, vergleichbarer Struktur und vergleichbarer Sprache.

Und zu allem Überfluss hat selbst die literarische Aufgabenstellung nur wenig mit Literatur zu tun. Zwar handelt es sich bei einem der zwei Inputtexte des ersten Themas tatsächlich um einen literarischen Text, die Aufgabenstellung aber schafft es auch hier, in erster Linie vergleichbare Erkenntnisse zu Tage zu fördern.

Grundprinzip dieser Matura scheint die Prämisse zu sein, den Problemen nur ja nicht auf den Grund zu gehen, nur ja der allmählichen „Verfertigung der Gedanken beim Schreiben“ zuvorzukommen (und stattdessen Vorgefertigtes reproduzieren zu lassen) und nur ja nicht in die Tiefe zu gehen. So wird ironischerweise genau jener „Zwang zur Tiefe“, um den es in Patrick Süskinds Erzählung geht, nämlich der klischeehafte Kunstsprech des Kritikers am Ende der Erzählung, zum paradoxen Sinnbild dieser Matura. Da heißt es:

Allerdings scheint zuletzt doch im Individuellen der Keim zu jenem tragischen Ende angelegt. Denn spricht nicht schon aus ihren ersten, noch scheinbar naiven Arbeiten jene erschreckende Zerrissenheit, ablesbar schon an der eigenwilligen, der Botschaft dienlichen Mischtechnik, jene hineinverdrehte, spiralenförmig sich verbohrende und zugleich hoch emotionsbeladene, offensichtlich vergebliche, Auflehnung der Kreatur gegen das eigene Selbst? Jener verhängnisvolle, fast möchte ich sagen: gnadenlose Zwang zur Tiefe?

Wir verwehren unseren Schülern jegliche „Tiefenerfahrung“ und zwingen sie stattdessen in die allerseichtesten Gewässer. Gleichzeitig gaukeln wir ihnen vor, dass sie „ganz toll“ schwimmen können („wow“) – wissend, dass es eigentlich ganz andere Schwimmkünste bräuchte, um wirklich freischwimmen zu können.

Wenn eine Gesellschaft meint, selbst bei der Reifeprüfung in ihrer Landes- und Bildungssprache ohne Literatur auszukommen, heißt das schlichtweg: Es scheint uns nicht wichtig zu sein, dass mediale Diskurse durchdrungen, dass gesellschaftspolitische Probleme sprachlich fundiert analysiert, dass Zusammenhänge und Muster erkannt, dass neue Erkenntnisse gewonnen werden. Angesichts der Herausforderungen, vor der unsere Welt steht, eine einigermaßen beunruhigende Perspektive. (nemo)

Maikäfer, flieg!

Heute wurde in den Salzburger Nachrichten über unseren Blog berichtet. Ja, über diesen hier! Die Journalistin Michaela Hessenberger stellte unter dem Titel Lehrerinnen schreiben Klartext unser Forum vor. Ausführlich, wohlwollend, verständig. Am meisten freut uns der Untertitel: „Zwei Salzburger Lehrerinnen zeigen in ihrem Blog, dass die Schule Zeit und Liebe in Anspruch nimmt.“ Ja, exakt, das ist es, Zeit und Liebe. Wie schön, wenn man verstanden wird! Und dann gab’s auch gleich noch ein Dossier über die Zentralmatura, in dem auch wir vom WRG zur Sprache kommen: Ich würde in meinem Unterricht darauf achten, „den Schülern genug Raum zu verschaffen, um sich mit Literatur und eigenem Denken auseinanderzusetzen“. Und ich würde „Lernen als starke Beziehungsarbeit, nicht als Modell der reinen Überprüfbarkeit“ verstehen, steht da. Wow. Genauso wollte ich verstanden werden.

Richtig euphorisch mochte man werden an diesem Samstagvormittag. Das Interview mit der Bildungsministerium im Ö1-Mittagsjournal holte einen dann aber eh wieder auf den Boden der Realität zurück…

In drei Tagen findet sie also statt, die Deutschmatura, und dann wird’s bestimmt wieder viel dazu zu sagen geben. Deshalb will ich heute einmal über etwas ganz anderes schreiben. Über das Buch Maikäfer, flieg! von Christine Nöstlinger nämlich. Ich habe es kürzlich mit den ZweitklässlerInnen (6. Schulstufe) gelesen und einmal mehr hat es mich – und auch die Kinder – begeistert. Mit welch lakonischer Sprache Christine Nöstlinger vom Kriegsende in Wien schreibt, wie sie stereotype Bilder und Klischees aufbricht, wie humorvoll sie die Erlebnisse der achtjährigen Christel betrachtet, das ist ein wahrer Lesegenuss. Gleichzeitig beschönigt sie nichts. Da ist die Rede von der Hannitante, die drei Häuser weiter wohnt und die der Krieg und die Bomben verrückt gemacht haben. Da begegnet die Großmutter, die zu Beginn als wütende, zornige und mutige Frau beschrieben wird, dem Mädchen wenige Wochen später, nach den Bombenangriffen, als kleine, zittrige und jämmerliche Alte. Und da wird die Freundschaft mit dem Russen Cohn erzählt. Während die Nachbarin fast irr aus Angst vor den Russen wird, erlebt Christel eine Freundschaft mit dem russischen Soldaten, der als Koch eingesetzt wird und den die anderen als den hässlichsten, stinkendsten und verrücktesten Menschen, der ihnen je begegnet ist, beschreiben:

Ich liebte den Koch, weil er kein Krieg war. Nichts an ihm war Krieg, gar nichts. Er war ein Soldat und hatte kein Gewehr und keine Pistole. Er hatte eine Uniform, aber die war ein Lumpensammlergewand. Er war Russe und konnte Deutsch reden. Er war ein Feind und hatte eine sanfte, tiefe Schlafliedstimme. Er war ein Sieger und bekam Tritte, dass er quer durch die Lusthausküche flog. Er hieß Cohn. Er kam aus Leningrad. Dort war er ein Schneider. Cohn hat mir viel erzählt. Und am Ende hat er immer gesagt: „Macht nix, macht nix, Frau!“

Christel verbringt die letzten Kriegstage und die erste Zeit danach gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester sowie einer anderen Familie in einer Villa in Neuwaldegg. Ihr eigenes Zuhause in Hernals wurde zerbombt und da kam das Angebot der Frau von Braun, auf ihre Villa aufzupassen, weil sie selbst nach Tirol floh, gerade recht. In dieser noblen Wohngegend erlebt Christel den Mai 1945, die Ankunft der Russen, die Lebensmittelknappheit, aber auch beinahe idyllische Tage im parkartigen Garten des Hauses. Am Ende müssen Christel und ihre Familie die Villa wieder verlassen und ziehen zurück in die Stadt: „Meine Mutter saß neben der dicken Frau auf dem Kutschbock. ‚Na‘, rief sie, ‚los geht’s! Schau dir noch einmal alles gut an!‘ Ich schloss die Augen.“

Dieses offene Ende haben wir zum Anlass genommen, um eine Fortsetzung zu schreiben. Eine kleine Auswahl besonders gelungener Texte möchte ich hier anhängen. Nicht allen SchülerInnen war es möglich, sich in die Lebensumstände zu Kriegsende ganz hineinzufühlen. Aber sie haben sich von dem Roman berühren lassen, haben sich für die Ereignisse und Erlebnisse interessiert und sie haben sich auf – wie ich finde – beeindruckende Weise bemüht, den Ton und die Stimmung des Textes zu treffen. Beispielsweise …

… Elena H.: Ich schloss die Augen. Ich wollte mir nicht mehr alles anschauen. Ich wusste, wie es hier aussah. Oft genug bin ich im Garten herumgelaufen, war oft genug im Haus auf Entdeckungstour gegangen. Ich kannte die Villa und den Garten in- und auswendig. Weiterlesen