Resonanzachse Schule

Neun Ferienwochen liegen hinter uns. Wochen, in denen man zu sich kommen konnte, in denen man neues ausprobieren, andere Welten kennenlernen, Literatur, Kunst und Kultur genießen konnte, ohne sich sofort überlegen zu müssen, wie man’s vermitteln soll. Wochen, in denen man Muße erleben durfte, in denen man neue Ideen auf sich zukommen und den Geist kreativ herumschweifen lassen konnte. Am Ende dieser langen Ferienzeit stellt sich tatsächlich wieder fast kindliche Freude auf die Schule ein. Man freut sich darauf, die SchülerInnen ebenso wie die KollegInnen wiederzusehen, man strotzt vor neuen Ideen und Vorhaben, selbst das Schulgebäude scheint einen anzulachen. Ja, die Freude auf die Schule – vielleicht ist sie sogar das Wertvollste, das uns die langen Ferien bescheren.

Der richtige Zeitpunkt also, um noch schnell Hartmut Rosas Konzept von Resonanz ein bisschen genauer zu erklären:

Wie bereits erwähnt, untersucht Rosa in seinem Buch unsere Beziehung zur Welt 58626unter dem Vorzeichen von Resonanz. Resonanz ist, so Rosa, ein Beziehungsmodus, in dem sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und transformieren. Das setzt voraus, dass sowohl Subjekt als auch Welt mit je eigener Stimme sprechen, dass also nicht einfach eine Echokammer der eigenen Wertvorstellungen gesucht wird. Vielmehr versteht Rosa Resonanz als eine Form der lebendigen Antwortbeziehung, durch die sich ein Subjekt die Welt anverwandelt und dabei selbst verändert wird.

Den Gegenbegriff zur Resonanz bildet Entfremdung. Entfremdung ist jene „Form der Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt einander indifferent oder feindlich (repulsiv) und mithin innerlich unverbunden gegenüberstehen.“ (S. 316)

Unsere gegenwärtige Welt, die sich essentiell auf Ressourcen, Steigerung und Effizienz gründet, verwandelt viele potentiell resonante Beziehungen in stumme. Gleichzeitig ist die Sehnsucht der meisten Menschen nach Resonanz ungebrochen. Allerdings lässt sich diese nicht rein willentlich und schon gar nicht instrumentell herstellen. Die einzige Möglichkeit ist, möglichst stabile Resonanzachsen (Familie, Freundschaft, Arbeit, Natur, Kunst etc.) auszubilden und so dafür zu sorgen, dass Resonanzerfahrungen möglich werden.

Anstatt Resonanzerfahrungen zu ermöglichen, werden also immer mehr Bereiche des Lebens einer Logik von Beschleunigung und Steigerung unterworfen. Resonanzversprechende Erfahrungen hingegen werden in Nischenbereiche des Lebens verdrängt. Die Idee des guten Lebens, wie Rosa sie beschreibt, propagiert  stattdessen eine andere Verteilung. Gutes Leben würde bedeuten, dass wir zu einem besseren Gleichgewicht zwischen notwendiger stummer, technischer Weltbeziehung und möglicher antwortender, resonanter Weltbeziehung finden.

Schule jedenfalls kann so eine stabile Resonanzachse sein. Es liegt an uns allen – Lehrern wie Schülern – Unterricht, Lernen, Schulleben nicht als Form einer stummen Beziehung, sondern als lebendige Antwortbeziehung zu begreifen. Möge es uns trotz aller Widrigkeiten gelingen, eine Haltung zu bewahren oder anzunehmen, die zahlreiche und vielfältige Erfahrungen von Resonanz ermöglicht. Nicht nur zu Schulbeginn.

(nemo)

 

Die Kraft des Erzählens: Von Boccaccio bis Astrid Lindgren

Wenn sich meine mittlerweile elfjährige Tochter wünscht, ich möge ihr eine Geschichte von den Kindern aus Bullerbü vorlesen, ist meistens eine Krankheit im Anmarsch. Im Zustand der Schwäche, der Erschöpfung, der Müdigkeit und der Schmerzen bieten ihr diese alten Geschichten Trost, Entspannung und Stabilität. Als sie so zwischen fünf und neun war, haben wir die Bullerbü-Geschichten ebenso wie die von Madita oder jene von Michel aus Lönneberga ohne Unterlass gelesen. Gefühlte hundertmal musste ich „Ole hat einen losen Zahn“, „Sommertag mit 1480176-01Läusen“ oder das lustige Leben auf der Festwiese von Hultsfred zum Besten geben. Auch ich hatte diese Geschichten in meiner Kindheit geliebt, wie gut sie sind, wurde mir erst durch mein eigenes Kind bewusst.

Was mich derzeit beschäftigt, ist die Bedeutung und Kraft des Erzählens in prekären oder belastenden Situationen. Sei es während einer Krankheit, sei es vor dem Einschlafen, sei es beim Wandern – all diese tendenziell und potenziell krisenhaften Momente sind für Kinder durch Geschichten leichter zu ertragen. Die Geschichten bieten Ablenkung, schaffen stabilisierende Rahmen und vermitteln ein wohliges Gefühl der Sicherheit. Was für einen Wert das darstellt, kann man nicht hoch genug schätzen.

Zu der Kraft der Geschichten kommt bei Kindern allerdings noch ein zentrales Element, nämlich die Kraft der zwischenmenschlichen Beziehung. Denn es macht einen Unterschied, ob die Geschichten vom Band kommen oder ob eine Bezugsperson die Geschichten erzählt bzw. vorliest. Nicht, dass deshalb Hörbücher weniger wertvoll wären, natürlich nicht, aber gerade für kleinere Kinder scheint es von zentraler Bedeutung zu sein, dass zu der Kraft der Geschichten die Kraft der zwischenmenschlichen Beziehung hinzukommt. Aus dieser, man könnte fast sagen, archetypischen Situation entsteht sodann ein Kraftreservoir, das die gesamte Entwicklung eines Kindes positiv zu beeinflussen vermag.

Abgesehen von dem krisenbewältigenden Potenzial von Geschichten ermöglicht Vorlesen bzw. Erzählen natürlich auch einfach ein lustvolles Abtauchen in andere Welten, es befördert ein selbstreflexives Einüben von Verhaltensmustern und -strategien, es regt zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung mit Eigenem und Fremdem an. Auch diesbezüglich haben die Bücher von Astrid Lindgren viel zu bieten: Wenn ich daran denke, wie gleichermaßen fasziniert, aber auch erbost mein Kind über das Verhalten von Karlsson vom Dach ist, wie sehr sie sich mit Pippi Langstrumpf identifiziert, wie herzhaft sie über die subtilen Reibereien zwischen Madita und ihrer Schwester Lisabet lachen kann. Der Kosmos, den Astrid Lindgren mit ihren Figuren aufspannt, ist zutiefst beeindruckend und für Kinder wie Eltern nichts anderes als ein Geschenk. Wie viel diese Frau von Kindern verstanden hat!

Ein ganz anderes Buch hat dieser Tage mein eigenes Nachdenken über die Kraft und Bedeutung des Erzählens angeregt: die literaturwissenschaftliche Studie über den poetologischen Zusammenhang von Muße und Erzählen, die bereits seit einiger Zeit auf meinem Schreibtisch liegt. Es bedurfte einer gewissen Zeit der eigenen Muße, damit ich endlich dazukam, dieses Buch über die Muße zu lesen. 10234_00_detail

Der Autor Thomas Klinkert, Professor für französische Literaturwissenschaft an der Uni Zürich, untersucht in dieser Studie zentrale Werke der europäischen Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart unter dem Aspekt von Muße und Erzählen und führt vor, wie in diesen Texten das Erzählen aus Situationen der Muße heraus entfaltet und reflektiert wird. Muße wird als „eine besondere Form des Erlebens, als eine von der Normalität des Alltags unterscheidbare, von ihr abgehobene Zeitlichkeit, in der sich Möglichkeiten eröffnen, die sonst nicht gegeben sind“ (S. 1), verstanden. Von besonderer Bedeutung sind dabei bestimmte heterotopische Räume, welche die Erfahrung von Muße befördern.

Exemplarisch kann das an Boccaccios Decamerone gezeigt werden: Um sich vor der in Florenz wütenden Pest in Sicherheit zu bringen, fliehen zehn junge Menschen aus der Stadt in einen ländlichen locus amoenus, wo sie sich der trostspendenden Ruhe und Muße hingeben können, indem sie einander zehn mal zehn Geschichten erzählen und somit sowohl eine Ordnung etablieren als auch Sinn produzieren. Der Zusammenhang von Muße und Erzählen lässt sich hierbei als Ausdruck eines „anthropologischen Programms der Stressbewältigung“ (S. 198) verstehen. Egal, ob bei Boccaccio, Michel de Montaigne, Miguel de Cervantes, Rousseau, Stifter oder Proust – das Erzählen steht in all diesen Texten in einem Spannungsverhältnis von Rückzug bzw. Muße und einer mehr oder weniger bedrohlichen Wirklichkeit. Das Erleben der Muße hebt sich vom Kontinuum der vergehenden Zeit ab und öffnet ein Moment der Freiheit – und bleibt doch gleichzeitig „dialektisch an den Tod als an ihr Gegenteil gekoppelt“ (S. 10). Erst dieses Moment der Freiheit aber ermöglicht das Erzählen und somit die Entstehung des jeweiligen Werks.

Gerade die literarischen Beispiele veranschaulichen also in ihrem Inhalt wie in ihrer Struktur das Potenzial des Erzählens. Erzählen als diskursiver Gegenentwurf zum Alltag, zur Vergänglichkeit, zur Bedrohung, der zudem die eigenen Produktionsbedingungen zu reflektieren vermag. Es bedarf der Erfahrung von Muße, um diese wirkmächtige Kraft entstehen zu lassen. Was, so frage ich mich, diese Überlegungen weiterdenkend, passiert eigentlich mit einer Gesellschaft der Ruhelosigkeit, die keine Muße mehr kennt? Eine solche Gesellschaft könnte wohl keine Erzählungen mehr hervorbringen und wäre in letzter Konsequenz dem Tod schutz- und gnadenlos ausgeliefert. Doch auch wenn man nicht so weit denken will und um noch einmal auf Astrid Lindgren zurückzukommen: Vielleicht gehen Momente der Muße, wiewohl positiv mit Vorstellungen von Ruhe, Rückzug und Kontemplation besetzt, häufiger als man denkt mit Momenten der Krise einher. Die literarischen Beispiele legen diesen Konnex jedenfalls nahe. Aber auch die Beispiele aus dem Alltag – Krankheit, die Zeit des Schlafengehens, körperliche Ermüdung beim Wandern – weisen, wenn auch keine existenzielle oder bedrohliche Krise, doch ein latent oder zumindest potenziell krisenhaftes Element auf. In diesen Momenten brauchen Kinder Geschichten zur Stärkung. Die positive Nachricht wäre dann: Das Leben produziert gewissermaßen von selbst, ob wir wollen oder nicht, Momente der Ruhe, die das Erleben von Muße erlauben. Zumindest die Möglichkeit zum Geschichtenerzählen bleibt also auch in einer ansonsten ruhe- und rastlosen Gesellschaft bestehen. 🙂

(nemo)

PS: Übrigens, gestern war Österreichischer Vorlesetag

Die Sache mit den Ethnien. „Kleines Land“ von Gaël Faye

Wer weiß eigentlich, wo Burundi liegt? produkt-13679Ich hätte das zentralafrikanische Land bis vor Kurzem wohl nicht auf Anhieb lokalisieren können. Dieser Tage aber habe ich einen Roman gelesen, der mir das Land nähergebracht hat – seine paradiesischen Seiten, aber auch seine grauenhafte jüngere Geschichte.

Kleines Land heißt das Buch, das in diesem Herbst in deutscher Übersetzung bei Piper erschienen ist. In Frankreich ist Petit pays – so der Originaltitel – 2016 herausgekommen; sein Autor Gaël Faye hat dort sogleich mehrere renommierte Literaturpreise dafür bekommen. Und in der Tat handelt es sich bei dem Buch um einen beeindruckenden Roman:

Es ist die Geschichte des Jungen Gabriel, der als Sohn eines Franzosen und einer Ruanderin in den achtziger und neunziger Jahren in Burundi aufwächst. Man erfährt, wie privilegiert er als Halb-Europäer den Schwarzen gegenüber ist, wie er mit seinen Freunden Mangos klaut, aber auch, wie die Ehe seiner Eltern in die Brüche geht. Viel wird von der Lebensfreude und der Sehnsucht nach den glücklichen Tagen der Kindheit spürbar. Von Anfang an aber schwebt das Unheil über den Menschen in diesem Land. Fassbar wird es an der Familie der Mutter, die bereits vor vielen Jahren aus Ruanda vertrieben wurde und für die Burundi von Anfang an ein Exil und keine Heimat darstellt. Anfang der neunziger Jahre flammt der Konflikt zwischen Hutus und Tutsis wieder auf und gerät diesmal völlig außer Kontrolle. Er reißt sowohl Burundi also auch – und in noch viel größerem Ausmaß – Ruanda mit in den Abgrund. Die Geschichte, die Gaël Faye erzählt, endet in einer einzigen Katastrophe.

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Der Autor lebt heute in Paris und ist ein bekannter Rapper. Ebenso wie seinen Ich-Erzähler Gaby lassen ihn Burundi und Ruanda nicht los, auch wenn es nicht sein eigenes Leben ist, das er in dem Buch erzählt. Aber es ist spürbar, wie wichtig ihm die Geschichte ist. Das Buch überzeugt von Anfang an und lässt einen am Ende tieftraurig zurück. Man fragt sich, ebenso wie der Erzähler, wie es bloß so weit kommen konnte.

Ich zitiere nachfolgend den Prolog und verlinke den ebenso wundervollen Song „Petit Pays“ von Gaël Fayes Album Pili Pili sur un croissant au beurre aus dem Jahr 2013.

Ich weiß wirklich nicht, wie die Geschichte angefangen hat.
Dabei hat Papa uns das mal im Pick-up erklärt.
„In Burundi es es wie in Ruanda, versteht ihr? Da leben drei verschiedene Gruppen, Ethnien heißt das. Hutu gibt es am meisten, die sind klein und haben eine dicke Nase.“
„Wie Donatien“, habe ich ihn gefragt.
„Nein, der ist Zairer, das ist was anderes. Wie unser Koch Prothé zum Beispiel. Dann gibt es noch Pygmäen, die Twa. Aber das sind so wenige, dass wir sie vernachlässigen können, sagen wir mal, die zählen nicht. Und dann gibt es die Tutsi, wie eure Mama. Die sind viel weniger als die Hutu, groß und dünn und mit schmaler Nase, und man weiß nie, was sie denken. Du zum Beispiel“, hat er gesagt und dabei mit dem Finger auf mich gezeigt, „du bist ein typischer Tutsi, Gabriel, bei dir weiß man auch nie, was dir durch den Kopf geht.“
Da hab ich dann auch nicht mehr gewusst, was ich denke. Und was sollte man auch von dem Ganzen halten? Also habe ich Papa gefragt:
„Kommt der Krieg zwischen Tutsi und Hutu daher, dass sie in verschiedenen Gegenden wohnen?“
„Nein, sie leben ja im selben Land.“
„Dann sprechen sie nicht dieselbe Sprache?“
„Doch, sie sprechen dieselbe Sprache.“
„Vielleicht haben sie nicht denselben Gott?“
„Doch, sie haben denselben Gott.“
„Aber … warum machen sie dann Krieg?“
„Weil sie nicht die gleiche Nase haben.“
Damit war die Diskussion beendet. Trotzdem komisch. Papa hat das, glaub ich, nie richtig verstanden. Jedenfalls hab ich ab da immer drauf geachtet, wie groß die Leute sind und was für eine Nase sie haben. Wenn ich mit meiner kleinen Schwester Ana in der Stadt einkaufen war zum Beispiel, haben wir immer geraten, wer Hutu ist und wer Tutsi, und ständig miteinander getuschelt:
„Der mit der weißen Hose ist bestimmt ein Hutu, weil er so klein ist und eine dicke Nase hat.“
„Ja, und der mit dem Hut, der ist so riesig groß und dünn und hat eine ganz schmale Nase, das ist ein Tutsi.“
„Der dort in dem gestreiften Hemd ist auch ein Hutu.“
„Quatsch, schau doch hin, der ist groß und dürr.“
„Ja, aber er hat eine dicke Nase!“
Da sind uns Zweifel gekommen an der Sache mit den Ethnien. Papa wollte sowieso nicht, dass wir darüber reden. Kinder sollen sich nicht in die Politik einmischen, fand er. Aber wir konnten gar nicht anders. Die merkwürdige Atmosphäre wurde von Tag zu Tag schlimmer. Auch in der Schule ist es bald losgegangen mit diesem Du-bist-doch-Hutu-du-bist-doch-Tutsi-Ärger. Sogar bei einer Vorführung von Cyrano de Bergerac hat einer krakeelt: „Das ist doch ein Tutsi – mit der Nase!“ Etwas lag in der Luft. Und das konnte man riechen, egal, mit welcher Nase.

Gaël Faye: Kleines Land, aus dem Französischen von Brigitte Große und Andrea Alvermann, München: Piper 2017

(nemo)

Bildungsziel Freiheit

Was bedeutet Freiheit? Und: Ist die westliche Kultur noch zu retten? Diesen Fragen geht Carlo Strenger in seinem Essay Abenteuer Freiheit¹ nach. Ich hatte mir ja vorgenommen, dieses Buch in den Ferien zu lesen und das Vorhaben umgehend realisiert. Und da sich der Band ebenso schnell wie gut liest, kann ich heute schon darüber schreiben. 🙂

Strenger räumt gleich einmal gründlich mit dem Mythos, Freiheit sei etwas, auf das wir selbstverständlich ein Anrecht hätten, auf. Ebensowenig wie Glück sei Freiheit einfach so zu erlangen. Ganz im Gegenteil, Freiheit brauche Anstrengung, Freiheit brauche Disziplin, und weder Freiheit noch Glück ständen uns einfach so zu.

Mit Sigmund Freud oder auch dem Existentialismus geht Strenger davon aus, dass die menschliche Existenz grundsätzlich tragisch ist. Wir Menschen sind uns unserer Freiheit bewusst, können sie jedoch nicht ertragen. Und am Ende wartet der Tod. Kein metaphysisches System kann den modernen Menschen vor dieser Gewissheit bewahren. Gleichzeitig kann aber auch kein metaphysisches System einen Anspruch auf Absolutheit erheben. „Wer nicht in einer (…) abgeschotteten Welt lebt, muss mit dem Bewusstsein zurechtkommen, dass kein Glaubenssystem ein Monopol auf absolute Wahrheit beanspruchen kann.“ (108) In diesem Spannungsfeld verortet Strenger unsere Freiheit: Sie befreit uns nicht vom Tod, aber sie ermöglicht es uns, mit dem Leben autonom umzugehen.

Damit wir Freiheit tatsächlich leben können, müssen wir uns permanent mit den Grundbedingungen unseres Daseins auseinandersetzen. Freiheit ist weder ein für alle Mal noch für alle Menschen einfach so zu haben, Freiheit kann nur in einem steten Prozess der Reflexion verteidigt und immer nur vorläufig erworben werden. Und Freiheit hat ihren Preis: Es erfordert vielerlei Anstrengungen, um als Mensch autonom zu werden und um als Gesellschaft die freiheitliche Ordnung aufrechtzuerhalten, sowie die Einsicht, dass sämtliche Bemühungen letztlich immer nur partiell erfolgreich sein können.

Wenn uns also auch weiterhin an unserer freiheitlichen Ordnung gelegen ist, sollten wir bereit sein dafür zu kämpfen. Weder die vorherrschende Konsummentalität noch die ausschließliche Konzentration auf die eigene Karriere würden nämlich ausreichen, um die Werte unserer westlichen Welt zu sichern. Unmissverständlich stellt Strenger klar:

Der Westen, wie wir ihn kennen, wird nicht überleben, wenn seine Bewohner glauben, die freiheitliche Ordnung sei ein unumstößliches Naturgesetz wie die Schwerkraft, und wenn der durch sie eröffnete Freiraum allein als Spielraum für Karriere und Unterhaltung betrachtet wird. Stattdessen müssen wir die nachwachsenden Generationen so erziehen, dass sie bereit sind, für liberale Grundwerte zu kämpfen. (114)

Wie aber kann so eine Erziehung gelingen? Durch die Auseinandersetzung mit dem Erbe der freiheitlichen Ordnung, durch die Aneignung dieses Erbes, durch das Studium der grundlegenden Texte, durch die kritische Diskussion relevanter Fragen. Durch tatsächliche und umfassende Bildung, könnte man zusammenfassen.

In der Schlussfolgerung, dass einzig Bildung die Werte der westlichen Welt retten kann, liegt die wirkliche Relevanz des Essays, der sich als „Wegweiser für unsichere Zeiten“ versteht. Strenger verweist Konzepte wie „das wahre Selbst“, das es nur zu befreien gälte, um zu einem autonomen Menschen zu werden, ins Reich der Mythen. Er zeigt aber auch, dass neoliberale Konzepte und ihr umfassender Glaube an Effizienz und Wachstum ebensowenig zielführend sind.

Wie man es drehen und wenden mag: Es führt kein Weg an einer humanistisch orientierten Bildung vorbei, wenn man es mit dem Freiheitsbegriff wirklich ernst meint. Konsequent weitergedacht müssten m. E. aber auch Zauberworte wie beste Bildung für alle, die im gegenwärtigen Bildungsdiskurs Hochkonjunktur haben, ins Reich der Mythen verabschiedet werden. Tatsächliche Erziehung zur Freiheit mittels Bildung bedeutet ebenso anspruchsvolle wie zeitintensive Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Zivilisation, sie führt nicht automatisch zu einem glücklichen Leben in Wohlstand. Ja, sie hat auch nichts mit Erfolgsgarantie oder Karrierevorteil zu tun. Sie macht nicht fit für die Zukunft. Allein deshalb meinen viele Menschen sehr gerne darauf verzichten zu können.

Wie viel jedoch davon abhängt, ob es trotz allem gelingt, genügend junge Menschen für die Idee der Freiheit solcherart zu begeistern, dass sie bereit sind, sich dafür anzustrengen, macht Carlo Strenger ganz am Ende seines Essays klar. Er schreibt:

Der Liberalismus ist keine Heilslehre, mit der ein Paradies auf Erden geschaffen werden soll. Angesichts der barbarischen Alternativen sehe ich in der Kompetenz, mit den Entbehrungen der Freiheit zu leben, jedoch eine großartige zivilisatorische Errungenschaft. Es hängt von uns ab, ob es gelingt, den nachfolgenden Generationen die Fähigkeit zu vermitteln, den Schmerz der Freiheit auszuhalten und die Schönheit des Abenteuers Freiheit zu erkennen. (116)

Das nenne ich einen Auftrag, sowohl für die Schule als auch für die Uni!

(nemo)

¹ Carlo Strenger: Abenteuer Freiheit. Ein Wegweiser für unsichere Zeiten, Berlin: Suhrkamp 2017

 

Das Stinktier oder die Verwegenheit der deutschen Sprache

Mir ist ein kleines Bilderbuch zufällig in die Hände gefallen. (Ich liebe Bilderbücher und nenne eine erkleckliche Anzahl davon mein eigen.) Der Text stammt von Mac Barnett, die Bilder von Patrick McDonnel und die Übersetzung von Barbara Küper.

Es handelt sich um eine kleine Parabel, in der ein ganz durchschnittliches Männchen  von einem Stinktier verfolgt wird. Wir erfahren nichts darüber, warum das passiert, aber wir erleben die kreativen Versuche mit, das kleine Raubtier wieder loszuwerden. Ein Konzertbesuch, Riesenrad fahren oder die Flucht durch die Kanalisation bleiben erfolglos und erst der Kauf eines neuen Hauses mit dazugehörigem Umzug hilft. Doch dann: Das namenlose Männchen vermisst seinen Verfolger und macht sich selbst auf die Suche. Als er das Stinktier endlich findet, beschließt er: „Ich glaube, ich werde es im Auge behalten, um sicherzugehen, damit es mir nicht noch mal folgt.“

Ich mache mich gern auf die Suche nach dem englischen Original, wenn mir ein Buch so gut gefällt. Die Kindle-Vorschau macht es möglich, zumindest ein paar Seiten zu vergleichen und oft ist es so, dass mir die Ursprungssprache besser gefällt. Hier nicht. Es ist doch unvergleichlich einfallsreicher von „ich trödelte“ als von „I slowed“ oder „Ich schlug viele verwegene Haken“ als von „I took many wild turns“ zu lesen. Die „verwegenen Haken“ haben es mir besonders angetan!

Für mich ist das ein tolles Beispiel, was eine einfühlsame und kreative Übersetzung aus einer ohnehin schon sehr liebenswerten Geschichte herausholen kann. Die Illustrationen im Stil der 50-er Jahre tragen ihren Teil dazu bei. Das Büchlein läuft unter dem Genre Bilderbuch oder Kinderbuch, doch es ist auf jeden Fall eines, an dem auch Erwachsene Gefallen finden können.

Geschenktipp!

(juhudo)

Leichtigkeit und Schönheit

Die besten Bücher kriegt man oft geschenkt. Und in diesen Tagen hat man (endlich) Zeit, sie zu lesen. So geschehen mit einem Comic bzw. einer Graphic Novel von Catherine Meurisse, den/die mir eine Freundin aus Frankreich bereits im Oktober hat zukommen lassen. La Légèretè (Die Leichtigkeit) heißt das Buch. Es geht darin um die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Jänner 2015 und um die Frage, wie man nach diesem Ereignis mit diesem Trauma weiterleben kann. Catherine Meurisse war Zeichnerin bei dem Satireblatt und entkam damals, anders als viele ihrer Redaktionskollegen, nur knapp mit dem Leben. In bzw. mit dem Buch versucht sie nun, mit der Katastrophe fertig zu werden und ihre Leichtigkeit wieder zurückzugewinnen.

„Eine Meditation über Schrecken und Schönheit“ wurde das Buch, das vor wenigen Wochen auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, kürzlich in der Frankfurter Rundschau genannt. Das trifft, finde ich, ziemlich genau zu. Als Betrachterin/Leserin leidet man mit der Autorin mit und muss trotzdem immer wieder lachen, wenn es ihr gelingt, die Dinge wie nebenher auf den Punkt zu bringen. Die Verbindung von Bild und Text tut das ihre, um die richtige Mischung zwischen Schwere und Leichtigkeit zu erzeugen.

Letztlich ist es die Schönheit, die den Schrecken und die Trauer zu überwinden hilft – die Schönheit der Kunst, die Schönheit der Natur, die Schönheit der Freundschaft. Schönheit tout court. Am Ende des Buches heißt es: „Ich will wachsam bleiben, aufmerksam dem kleinsten Zeichen von Schönheit gegenüber.“ Und: „Diese Schönheit, die mich rettet, indem sie mir die Leichtigkeit zurückgibt.“ Wie gesagt, die besten Bücher bekommt man oft geschenkt. (nemo)

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Moi, ce qui m’a soudain paru le plus précieux, après le 7 janvier, c’est l’amitié et la culture. – Moi, c’est la beauté.
– C’est pareil.

Bitte alle mitspielen. Aber wenigstens mit Gebiss!

Ich habe kürzlich den Film Toni Erdmann gesehen. Er hat mich nachhaltig beeindruckt. Was für ein großartiger und vielschichtiger Film! Ein Vater mit falschen Zähnen und Perücke, der sich als Toni Erdmann ausgibt und sich so, mal den Coach, mal den Botschafter mimend, in das Leben seiner Tochter hineinreklamiert. Es ist geradezu grandios, zu welch skurrilen Begegnungen und Situationen es dabei kommt. Was für ein Typ!

Aber mindestens ebenso verrückt und leider gar nicht komisch erscheint das Leben, das die Tochter führt. Ines heißt sie und ist als Unternehmensberaterin aktuell in Bukarest tätig, gedanklich aber bereits auf dem Sprung nach Schanghai, Singapur oder wohin auch immer. „Wo du überall rumkommst“, stellt am Ende des Films ein Nachbar bewundernd fest. Ja, wo die überall rumkommt und vor allem, was die dort macht!

„Unternehmensberatung“ ist nichts anderes als der euphemistische Begriff dafür, dass Ines Conradi lokale Unternehmen fit für die Übernahme durch internationale Investoren macht. Das bedeutet, dass sie ihren Kunden dazu rät, verschiedene Bereiche „outzusourcen“, was konkret wiederum nichts anderes heißt, als dass sie den Investoren gute Gründe für Entlassungen zur Hand gibt. Das ist ihr Auftrag und den führt sie aus, quasi ohne mit der Wimper zu zucken. Die Realität im Land, das Leben der Menschen spielt dabei überhaupt keine Rolle, ja, die Businnesfrau kommt nicht einmal in Kontakt damit. Sie lebt und arbeitet in einem von Internationalität geprägten abgehobenen Mikrokosmos, der an den Alltag der Menschen in Rumänien kaum bis gar nicht anstreift. Shopping, Essen, Ausgehen, Sex – alles findet innerhalb dieses Mikrokosmos statt. Auch wenn Ines „ins Land“ muss, etwa um eine Außenstelle aufzusuchen, bleibt sie im wörtlichen wie im übertragenen Sinn vom Leben der Menschen unberührt: Wie selbstverständlich wird sie von einem Chauffeur dorthin gebracht, die Fahrt wird entweder zum Arbeiten oder zum Schlafen genutzt. Vor Ort steigt sie aus, setzt sich den obligatorischen Schutzhelm auf, stakst ein bisschen herum, lässt sich die Situation von einem Mittelsmann erklären und braust wieder ab. Was mit den Arbeitern geschieht, nimmt sie nicht einmal richtig wahr, geschweige denn, dass sie sich für die individuellen Schicksale interessieren würde. Was zählt, ist nur die eigene Performance.

So ungefähr gestaltet sich das Leben von Ines Conradi, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater stören kommt. Aber auch dann wird nicht alles ganz anders, ihr Alltag wird nur ein bisschen skurriler und dadurch in seiner ganzen Absurdität fassbarer. Durch die Präsenz und das Treiben ihres Vaters alias Toni Erdmann wird bloß deutlicher, was hier eigentlich insgesamt gespielt wird. Der Vater steckt sich das falsche Gebiss in den Mund und spielt Toni Erdmann, die Tochter zwängt sich ins Business-Outfit und „spielt“ die Unternehmensberaterin. Nichts anderes als ein großes Spiel ist es nämlich, das da gegeben wird. Auch die Hauptakteure, wie Ines eine ist, würden das wohl nicht in Abrede stellen. Selbst dass man theoretisch auch ein ganz anderes Spiel spielen könnte, ist diesen Playern bewusst, nur steht halt nun mal dieses auf dem Programm – und immerhin kann man dabei gutes Geld machen, und in der Welt rumkommen tut man auch. Ob das Spiel zynisch ist? Man stellt sich diese Frage nicht. Und spielte man das Spiel nicht selbst, täte es jemand anderer und überhaupt kann sich ohnehin niemand aus der Verantwortung stehlen, zumindest mittelbar ist doch jeder Nutznießer des Systems.

An dieser Stelle wird aber auch deutlich, dass die vermeintlichen Player eigentlich bloße Mitspieler und als solche veritable Gefangene des Systems sind. Der pensionierte Musiklehrer Winfried Conradi ist hingegen bloß ein ganz kleines Rädchen im Spiel des Kapitalismus und darüber hinaus von anderen, zwischenmenschlichen Beweggründen angetrieben und so kann er als Toni Erdmann quasi den Narren geben kann. Eine wirkliche Alternative hat auch er nicht zu bieten. Ein bisschen stören und die Absurdität des Ganzen bewusst machen, mehr ist nicht drin. Ihm geht es aber ohnehin nur um seine Tochter und im Zusammenspiel mit dieser kommt es zu einigen berührenden Situationen, in denen erahnbar wird, wieviel Liebe diese Vater-Tochter-Beziehung zusammenhält und auch, worauf es im Leben eigentlich wirklich ankommt.

Ines aber ist als mittelgroßes Rädchen bereits aktive Mitspielerin im System und als solche zwar persönlich austauschbar, in ihrer Funktion jedoch notwendiger Teil des Ganzen. Dass sie sich am Ende des Films das Gebiss des Vaters versuchshalber selbst in den Mund steckt, mag ein kleiner Hoffnungsschimmer für sie persönlich sein, für das große Ganze ist diese Entwicklung aber natürlich vollkommen irrelevant. Obwohl – vielleicht sollten wir uns alle so ein Gebiss zulegen und öfter mal ein bisschen Zähne zeigen. Und sei es nur, um zu schauen, was passiert. Zum Beispiel die Schüler bei einer Schularbeit mit einem nicht- kompetenzorientierten Problemaufsatz alten Stils (und ohne Wortanzahl) überraschen: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“, würde sich als Thema anbieten. Als Minirädchen sollte man seine Spieloptionen zumindest nicht ganz ungenutzt lassen. (nemo)