Schreiben. Ja, auch mit der Hand!

Meine siebenjährige Nichte quält sich gerade mit dem Erlernen der Schreibschrift. Die Tätigkeit erscheint ihr anstrengend und langweilig, die Schreibhausübung vermiest ihr den Tag. Noch besteht Hoffnung, dass sie irgendwann die Hürde nimmt und dann mühelos und vielleicht sogar gerne schreiben wird. Aber auch im Gymnasium trifft man auf Kinder, die Schreiben grässlich finden und die Schreibschrift mangels ausreichender Beherrschung ablehnen. Lieber „fetzen“ sie Buchstaben in Druckschrift irgendwie und ebenso schnell wie unleserlich aufs Papier, als sich mit der verbundenen Schrift anzufreunden. Sobald wie möglich gehen sie dazu über, ihre Texte zu tippen. Freiwilliges Schreiben mit der Hand erscheint ihnen undenkbar.

Ja, braucht man denn die Schreibschrift überhaupt noch?, fragen sich manche. Schon vor einigen Jahren hat Finnland für Schlagzeilen gesorgt, weil man dort fortan darauf verzichten wollte, den Kindern in der Schule Schreiben mit der Hand beizubringen. Tippkompetenz reiche, so die Aussage.

Ich habe diese Diskussion nicht weiterverfolgt und weiß nicht, was aus den finnischen Plänen geworden ist. Vielleicht haben die Finnen sogar recht: Es reicht wahrscheinlich für vieles im Leben, wenn man in der Schule lernt, Texte zu tippen und digital zu bearbeiten. Bei Vorlesungen an der Uni schreibt fast keiner mehr mit, stattdessen arbeitet man mit Skripten und Powerpointfolien. Auch für die meisten Berufe wird’s reichen, wenn man zu tippen vermag, und privat hantieren die allermeisten Menschen sowieso am liebsten mit Bildern und Textbausteinen auf ihren digitalen Geräten. Wozu also wirklich mühsam eine Handschrift erlernen, wenn sie dann doch keiner braucht?

Hm. Was genau man alles im Leben braucht, weiß ja keiner so recht. Schon gar nicht im Vorhinein. Manchmal braucht man plötzlich mehr oder anderes, als man gemeinhin dachte. Und überhaupt ist das mit dem Brauchen so eine relative Sache. Darüber habe ich schon einmal im Zusammenhang mit dem schulischen Literaturunterricht geschrieben. Was das Schreiben mit der Hand betrifft, mache ich zum Beispiel täglich die Erfahrung, dass ich meine Handschrift brauche – notwendig und dringend. Zwar schreibe ich schon auch viel mit dem Computer oder dem Smartphone. Aber noch mehr schreibe ich mit der Hand: Tagebuch schreibe ich mit der Hand. Wenn ich mir über irgendetwas klar werden will, schreibe ich mit der Hand. Ich ordne meine Gedanken, Vorhaben und Aufgaben, indem ich sie mit der Hand niederschreibe. Ich schreibe Karten und manchmal sogar Briefe mit der Hand. Ich verwende Notizbücher, Kalender, Blöcke, Zettel – und all diese leeren Seiten, Blätter und Papiere fülle ich mit meiner Handschrift.

Schreiben und insbesondere das Schreiben mit der Hand gehört zu meinem Leben wie Lesen, Gehen oder Radfahren. Ja, Schreiben gehört zu mir und unser Verhältnis ist noch inniger, wenn ich die Buchstaben, Wörter und Sätze mit dem Stift in meiner Hand zu Papier bringe. Die Verbindung zu meinem Kopf und zu meiner Seele erscheint mir im handschriftlichen Schreibprozess viel unmittelbarer, als wenn mir eine Maschine beim „Aufzeichnen“ hilft. Es ist das (im Vergleich zum Tippen) langsame Werden der Buchstaben, das Sichzusammenfügen der Buchstaben zu Wörtern, der Rhythmus, der sich mit der Handbewegung einstellt, das kontinuierliche Befüllen der Seite und das (zumindest meistens) recht regelmäßige, aber eben doch individuelle Schriftbild, das schließlich entsteht. All das macht die Besonderheit eines handschriftlichen Textes aus.

Im Schreibhandeln verflüssigen sich die Gedanken. Manchmal ist es zunächst ein holpriges Stolpern, nach und nach aber kommt etwas in Gang und schließlich „fließt es aus der Feder“. Gleichzeitig ordnen sich die Gedanken im Schreiben wie von selbst. Immer wieder bin ich darüber erstaunt, dass sich scheinbar ohne bewusstes Zutun kohärente Texte formen. Ja, eigentlich fügen sich die Wörter und Sätze oft sogar harmonischer aneinander, wenn der Kopf nicht allzu sehr mit Konstruieren und Überlegen beschäftigt ist.

Mein Kind hat kürzlich bei einer Deutschschularbeit eine Geschichte verfasst, die mir irgendwie nur als Ergebnis handschriftlicher Fertigung denkbar scheint. Ausgangspunkt für die Geschichte war ein Impulsbild (Drei lachende Männer auf einem Motorrad) oder eine Überschrift (Glasperlentage). Das Kind hat beide Impulse miteinander verbunden und zunächst ausführlich über die Überschrift reflektiert. Über eine Seite lang machte sie sich Gedanken über das Wort „Glasperlentage“ und überlegte, was das für Tage sein könnten. Erst dann entspann sich die Geschichte: drei Männer, die sich an einem heißen Sommertag eher zufällig gemeinsam auf einem Motorrad wiederfinden, durch die Landschaft brausen und dabei von so etwas wie einem Glücks- und Freiheitsgefühl gestreift werden.

Nicht nur als Mutter, auch als Deutschlehrerin war ich beeindruckt von dem Text. Er ist so lang, dass das Kind in den fünfzig Minuten, die für die Schularbeit zur Verfügung standen, nicht einmal mehr zum Durchlesen gekommen ist. Aber der Text ist vollkommen kohärent und wie aus einem Guss, und er könnte kaum schöner sein. Ob man so einen Text zustande brächte, wenn man den Text konstruieren, immer wieder Wörter verbessern oder einzelne Absätze umstellen würde, wie man es zu tun pflegt, wenn man tippt? Ich weiß es nicht. Ich vermute, eher nicht. 

Noch einmal auf eine ganz andere, existentielle Weise ist mir selbst vor ein paar Monaten die Kostbarkeit und das Glück des handschriftlichen Schreibens erfahrbar geworden. Nach dem Tod meines geliebten Menschen war ich wie versteinert und konnte praktisch kein Wort mehr zu Papier bringen. Eine Schreibgruppe für Trauernde, die ich in meiner Not aufsuchte, brachte in dieser Situation Abhilfe. Wir sollten in diesem Rahmen darüber schreiben, welche Gefühle bei uns derzeit da seien. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe angefangen, ganz langsam ein paar Wörter aufs Papier zu malen. Ohne dass ich es steuern konnte, kamen mir die Tränen und auf einmal begann meine Hand wie von selbst zu schreiben. Ich schrieb und schrieb und hörte erst auf, als die Schreibbegleiterin uns dazu aufforderte. Was genau ich dort in dieser Schreibgruppe geschrieben hatte, erschien mir lange als unwesentlich. Ich war so froh, endlich aus meiner innerlichen Versteinerung befreit worden und schreibend für einen Moment zur Ruhe gekommen zu sein. Den entstandenen Text wollte ich gar nicht lesen. Ja, ich dachte, es wäre ein einziges Durcheinander, ein unverständliches Etwas, das ich da zu Papier gebracht hatte.

Wochen später nahm ich erstmals wieder mein Schreibheft zur Hand. Nun wollte ich wissen, was ich da eigentlich geschrieben hatte. Das Ergebnis ließ mich staunen und machte mich ebenso sprachlos wie dankbar: Da stand alles genauso, wie ich es erlebt hatte. Da fand sich ein Text, der von der ersten Zeile an vollkommen kohärent war und meine damalige Situation so stimmig auf den Punkt brachte, wie ich es nie auf andere Weise vermocht hätte. Ob mir das auch am Computer gelungen wäre? Nein, da bin ich mir sicher, mit dem Computer wäre das so nicht möglich gewesen.

Auch ich bin froh, dass es Tastaturen und Textverarbeitungsprogramme gibt, dass man Entwürfe speichern und später bearbeiten und umschreiben kann. Aber ein Leben ohne ausgeprägte Handschrift? Ein Leben, in dem ich nicht mehr in der Lage wäre, mit meiner eigenen Hand einen Text zu verfassen, in dem mir stets eine Maschine beim Buchstaben-, Wörter- und Sätzeformen behilflich sein müsste? Das erschiene mir, als würde mir jemand einreden wollen, man bräuchte in Zeiten des Automobils eigentlich auch das Gehen nicht mehr ordentlich erlernen. Und das klingt doch heute schon wieder ziemlich überkommen, oder etwa nicht?

(nemo)

 

 

Geschichten schreiben und veröffentlichen

Ich habe eine Geschichte geschrieben. Ja, eine Geschichte. Das wollte ich schon lange tun, genau genommen, seit es die Internetplattform story.one gibt. Ein Kollege hatte mir letztes Jahr davon erzählt, ich hab’s damals auch gleich meinen SchülerInnen weitererzählt und sie ermutigt, doch einfach einmal eine kurze Geschichte zu schreiben und sie dort zu veröffentlichen.

Nun habe ich in den Salzburger Nachrichten von einem Schreibwettbewerb gelesen. Unter dem Stichwort #salzburglove kann man noch bis zum 15. Dezember auf story.one eine Geschichte mit Salzburgbezug veröffentlichen. Einige davon werden dann auch in der Zeitung abgedruckt. Da habe ich mir gedacht, das wäre doch was für unsere SchülerInnen. Und dann habe ich mir gedacht: Ich könnte ja eigentlich auch selbst. Also habe ich eine Geschichte geschrieben. Sie heißt Aus der Stadt.

Ein bisschen Überwindung hat es mich schon gekostet. Aber, wenn man auf story.one ein bisschen herumschmökert, sieht man, wie viele Menschen einfach so ihre Geschichten erzählen. Die eine spricht einen mehr an, die andere weniger. Jedenfalls aber macht es Spaß, so viele Geschichten von so vielen verschiedenen Menschen zu sehen und zu lesen. Das hat mich ermutigt, auch selbst loszulegen. Vielleicht schreibe ich einfach bald wieder eine Geschichte.

(nemo)

Der Wunsch zu schreiben

Dieser Tage verspüre ich den Wunsch, den Beginn des diesjährigen Schuljahres mit meinen Gedanken, Anekdoten und Reflexionen aus der Ferne zu begleiten. Notizen vom Beckenrand sozusagen, denn ein Mitschwimmen im Schulgeschehen ist mir immer noch nicht möglich. Zu fundamental war der Zusammenbruch im Frühsommer, als dass über die Ferien alles wieder verheilt wäre. Es fällt mir schwer, am Beckenrand zu sitzen und nicht mitmischen zu können. Und doch ist es auch ein Geschenk, nicht mitschwimmen zu müssen. Denn bei allem, was mir widerfahren ist, bemerke ich doch das viele Glück, das ich habe. Dazu zählt auch eine funktionierende Krankenversicherung.

Das Schuljahr mit meinen Gedanken begleiten, das wollte ich eigentlich jedes Jahr. Von Zeit zu Zeit ist es gelungen, nicht zuletzt ist auch der Blog in den vergangenen Jahren gehörig angewachsen, wenngleich sich das Wachstum in letzter Zeit doch recht verlangsamt hat. Immer schon fehlte mir die Zeit fürs Schreiben. Wenn ich denke, was es alles zu schreiben gegeben hätte, was mir von all dem, was da so täglich in der Schule passierte, als mitteilenswert erschien, dann sind die existierenden Blogeinträge ja allenfalls ein Bruchteil dessen, was ich immer schreiben wollte. Denn allzu oft ließ der Schulalltag einfach kein Schreiben zu. 

Nun habe ich Zeit. Aber was gibt es aus der Ferne überhaupt zu schreiben? Schule lebt vom Geschehen, und wenn man nicht dabei ist, kann man auch nicht viel dazu sagen. Andererseits könnte ein bisschen Abstand auch ganz guttun, um einen anderen Blick auf die Schule zu werfen. Es müssen ja nicht die Geschichten aus dem Inneren sein. Wie wir wissen, gibt es viel über die Schule zu sagen. So mancher Experte hat auch nicht das Gefühl, er müsste die Schule unbedingt von Innen her kennen, um darüber zu urteilen. Und Manches kriegt man ja auch von Außen mit: Gerade gestern konnte man medial wieder einmal erfahren, wie teuer das österreichische Schulsystem denn nicht sei. Zu hohe Lehrergehälter und zu kleine Klassen, das alte Lied. 26 SchülerInnen sind derzeit in der Klasse meiner Tochter. Zu wenige?

Aber: Darf ich denn überhaupt? Ist es legitim, über Schule nachzudenken, wenn man krankgeschrieben ist? Andererseits: Wer sollte es mir verbieten? Die Frage muss wohl eher lauten: Ist es sinnvoll, über Schule nachzudenken, wenn man nicht in der Schule ist? Mache ich es mir zu leicht, wenn ich mich an den Computer setze und schreibe, obwohl ich mich erholen sollte? Andererseits: Wenn ich es gern tue, ist es dann nicht vielleicht meiner Erholung zuträglich?

Viele Fragen. Warum verspüre ich überhaupt den Drang zu schreiben, noch dazu öffentlich? Würde es nicht reichen, für mich selbst zu schreiben? Hm. Ich weiß es nicht, wie gesagt, ich verspüre den Drang dazu, meine Gedanken einer Öffentlichkeit mitzuteilen. Geht es dabei in erster Linie um Geltungssucht? Oder ist es legitim, mitreden zu wollen, wenn man das Gefühl hat, man habe etwas zu sagen. Muss ich mich für das Gefühl, ich habe etwas zu sagen, genieren? Anders gefragt: Habe ich überhaupt etwas zu sagen oder habe ich nur ein vages Gefühl?

Ganz schön verworren. Mit ein Grund für die vielen Fragen, die ich mir stelle, ist das Buch, das ich gerade lese: Trau dich, es ist dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein heißt es. iu-6Das Buch stammt von Melanie Wolfers. Es ist Teil dieser Ratgeberliteratur, die ich früher immer ein wenig belächelt habe. Jetzt merke ich, wie wichtig solche Bücher sind und wie gut mir Bücher wie jenes von Melanie Wolfers tun. Es sind die relevanten Fragen über mein Leben, die sich mir beim Lesen aufdrängen, jene Fragen, um die ich mich schon oft herumgedrückt habe.

Die Fragen über die Sinnhaftigkeit des Bloggens sind da wohl die banaleren. Obwohl, sie rühren schon auch an den Grund des Eingemachten, nämlich an die Frage nach dem generellen Sinn. Wofür lebe ich? Was ist das, was ich – und zwar wirklich ich – geben kann? Wie oft schon habe ich behauptet, ich würde gern mehr schreiben. Allzu oft schon hatte ich den Eindruck, ich müsste Geschehnisse für andere festhalten, niederschreiben, bewahren. Immer wieder kamen mir Erlebnisse erst als wirklich vor, nachdem ich sie beschrieben hatte. Beschrieben, aufgeschrieben, festgehalten, nicht nur besprochen. Und doch blieb es häufig bei dem Wunsch zu schreiben. Umgesetzt habe ich den Wunsch allzu oft nicht. Fehlende Zeit lautete die Generalausrede. Manchmal habe ich es dann aber auch wieder als befreiend erlebt, nicht alles aufschreiben zu müssen. Und doch kam der Wunsch, das Gefühl, ja die Sehnsucht nach dem Schreiben immer wieder zurück.

Man kann es einfach wieder einmal versuchen. (nemo)

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen. Eine unvollständige Liste

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen:

  • für jeden einzelnen Besuch, jeden Anruf, jede Nachricht und alle guten Wünsche und Gedanken, die mich erreichen.
  • für alles, was mir meine Kolleginnen bringen und für mich tun.
  • fürs Kennenlernen von Barbara Pachl-Eberhart. Ich habe ihr Buch Vier minus drei gelesen, ich habe ihren Newsletter bestellt. Ich habe bereits viele Schreibtipps von ihr erhalten und ich will alle Bücher von ihr lesen.
  • für die Geschenke meiner (Ex-)SchülerInnen: ein Blumenstrauß aus Sonnenblumen und Rosen, ein Gutschein für eine Fahrt nach Wien mit Theater- oder Opernbesuch (gemeinsam mit meiner liebsten Reisekollegin!).
  • für die Freewritings, die sie für mich angefertigt haben und in ein Album geklebt haben. Für alles, was in diesen Texten steht.
  • dafür, dass ich die Maturazeugnisse meiner Klasse unterschreiben konnte. (Eine Kollegin hat sie mir nach Hause gebracht und anschließend wieder in die Schule gefahren.)
  • für meine Zeitungsabos: Der Standard kommt täglich, am Samstag kommen auch die Salzburger Nachrichten. Für die vielen guten und interessanten Zeitungsartikel, die ich täglich lese.
  • für das Radioprogramm von Ö1. Für Du holde Kunst heute Morgen mit den Lieblingsgedichten von Peter Matic (sieben Tage lang kann man die Sendung noch nachhören), für die Kabarett- und Konzertübertragungen vom Donauinselfest.
  • für die Stimme und die Intonation von Peter Matic.
  • dafür, dass ich auf meiner Couch liegen darf, Radio hören und lesen kann.
  • dafür, dass ich meine Tochter am Freitag zum Bus begleiten und ihr winken konnte, bis der Bus um die Ecke gebogen war. (Sie fuhr mit ihrer Klasse auf meeresbiologische Woche nach Premantura.)
  • dafür, dass ich weinen und lachen kann.
  • für meine beiden Katzen Tonio und Nina, die sich gerne auf mich drauflegen, mich lieb anschauen und schnurren.
  • für alles, was meine Eltern, meine Schwester, meine kleine Nichte und meine Schwägerin (die mich vom Krankenhaus abgeholt hat und sich neben vielem anderen um die Blumen am Grab kümmert) für mich tun. Und dafür, dass auch meine anderen Schwägerinnen und Nichten an mich denken. Und meine lieben, lieben Freundinnen sowieso.
  • für das schöne Sommerwetter und den abkühlenden Regen.
  • für das Geschenk, dass ich wieder schreiben kann.
  • für die vielen Buchtipps, die ich dieser Tage erhalte, und für das Buch Darm mit Charme von Giulia Enders, dessen Lektüre mir früher peinlich gewesen wäre und das ich jetzt mit großem Vergnügen lese. 🙂
  • für die Musik von I Muvrini (ganz besonders für das Album Invicta), die Songs von Calexico und das neue Album von Bruce Springsteen. Und für die Musik von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn Bartholdy.
  • dafür, dass ich wieder (fast) alles essen kann und mir alles so gut schmeckt.
  • dafür, dass liebe Menschen für mich einkaufen und kochen.
  • für meine beiden neunjährigen Nachbarsjungen, die einfach bei mir klingeln, mir und meinen Katzen Zeichnungen und Selbstgebasteltes schenken. Wir essen gemeinsam Melone, quatschen ein bisschen und ich lese ihnen Michel aus Lönneberga vor.
  • für mein Tagebuch und den Blog – und dass meine selbst geschriebenen Wort bei mir sind.
  • für das Verständnis meiner Schulleitung (Direktion, Administration und Sekretariat), die einfach alles, was zu regeln ist, für mich regeln.
  • für meinen so gut funktionierenden Körper und das Jojoba-Körperöl, das ich geschenkt bekommen habe, mit dem ich öle und öle.
  • für meine neue Hausärztin, bei der ich mich gut aufgehoben fühle, und dafür, dass sie für mich einen Antrag auf Erholung gestellt hat.
  • für die Kirchenglocken und das Zwitschern der Vögel.
  • für die Erinnerungen an unsere wundervollen Sommer in Korsika.
  • und für noch so vieles mehr.

(nemo)

 

 

4 Jahre Blog. Ein Interview mit uns selbst

Frage: Euren Blog gibt es jetzt seit vier Jahren. Was sagt ihr dazu?

nemo: Nicht schlecht! Ich bin erstaunt, wie schnell die vier Jahre mit dem Blog vergangen sind. Gleichzeitig finde ich, der Blog gehört mittlerweile voll und ganz zu uns. Auch wenn ich – wie in letzter Zeit – weniger häufig schreibe, begleitet mich der Blog eigentlich ständig. Gar nicht so selten denke ich darüber nach, was ich schreiben würde, wenn ich Zeit zum Schreiben hätte. Es gibt für mich also neben dem existierenden Blog noch einen virtuellen Blog.

juhudo: 234 Beiträge, einige Entwürfe in der Warteschleife, fast 38.000 Aufrufe von rund um den Globus erstaunen und beeindrucken mich immer wieder. Okay, Grönland und die meisten afrikanischen und arabischen Länder ignorieren uns noch – und viele Leute sind sicher einfach nur „hereingestolpert“. Also nicht, dass ich glaube, wir würden demnächst die Weltherrschaft übernehmen, aber wir scheinen doch einige regelmäßige LeserInnen aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch zum Beispiel aus den USA, Frankreich oder Hongkong zu haben. DeutschlehrerInnen vermute ich. Auf jeden Fall lesen viel mehr Menschen unsere Texte, als wenn es keinen Blog gäbe.
Länder 2019

Frage: Was war für euch das bisherige Blog-Highlight?

nemo: Hm. Am aufregendsten fand ich diesen einen Tag im Mai 2015, an dem die Blogstatistik so explodiert ist und wir unser kleines virales Wunder erlebt haben. Ich weiß noch genau, es war spannend und gleichzeitig auch ein bisschen gruselig: Was haben wir geschrieben? Warum gibt es plötzlich so viele Zugriffe? Einerseits blogt man ja für die Öffentlichkeit, andererseits wird einem in so einem Moment bewusst, dass das Gepostete nicht mehr einzuholen ist, sobald man den Knopf gedrückt hat. Man sollte also schon überlegen, bevor man auf den Knopf drückt…

juhudo: Ja, eindeutig – das war grenzgenial spannend. Wir haben uns an dem Tag ja auch immer wieder zwischendurch angerufen und uns gemeinsam gewundert. Die Ursache muss schon darin gelegen haben, dass die Salzburger Nachrichten über uns geschrieben haben und ich den Artikel auf Facebook mit meinen etwa sechzig „FreundInnen“ geteilt habe. Das sind ja nicht viele, aber die haben anscheinend auch wieder geteilt …

Frage: Was ist eurer Ansicht nach die Aufgabe eures Blogs?

nemo: Weißt du noch, wie lange wir überlegt haben, wie wir unseren Blog nennen wollen? Aber eigentlich finde ich den Namen immer noch passend. Hinhören, draufschauen und nachdenken – der Dreierschritt gefällt mir. Allerdings: Ob das schon genug an „Aufgabe“ ist? Andererseits: Brauchen wir überhaupt eine „Aufgabe“? Na ja, irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass unser Blog eine Aufgabe hat. „Aus der Schule plaudern“ und „kritisch über Bildung nachdenken“. Ja, ich glaube, das sehe ich als die Aufgabe unseres Blogs. Was nicht heißt, dass wir nicht auch ganz was anderes schreiben dürfen.

juhudo: Naja, Aufgabe. Für mich muss ein Blog erst einmal mir persönlich dienen, da er ja doch einiges an Arbeit verlangt und kein Geld damit zu verdienen ist. Also sollte er in erster Linie unser Wissensmanagement befördern: Fortbildungen, interessante Bücher, Erinnerungen an Unterricht, der gut funktioniert hat. Dann kommt der bildungspolitische Anteil: Einer unserer Wünsche war und ist ja, aus unserer Schule zu berichten, unsere Erlebnisse und Erfahrungen mit anderen zu teilen, falls sich jemand dafür interessiert. Dazu ist ein Blog perfekt, er drängt sich niemandem auf, LeserInnen müssen aktiv darauf zugehen. Allerdings ist das vielleicht ja auch seine Schwäche.

Frage: Was bedeutet der Blog für euch persönlich?

nemo: Mir hilft der Blog, Dinge durchzudenken und im Formulieren Klarheit zu erlangen. So zu schreiben, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin, ist anstrengend und braucht meistens mehr Zeit und Energie, als ich vorher dachte. Aber es ist eben auch befriedigend, wenn das, was ich sagen will, im Schreiben Konturen annimmt, fassbar und deutlich wird. Außerdem hilft mir der Blog bei der Organisation von Wissen. Dass man online verfügbare Inhalte so einfach verlinken kann, kommt mir entgegen. Dadurch muss ich weniger oft nach einem Artikel suchen, den ich irgendwo hingelegt habe und partout nicht finde, wenn ich ihn brauche… Und nicht zuletzt befördert der Blog auch die Kommunikation mit anderen. Es gibt zwar nur wenige Kommentare zu unseren Beiträgen, aber in der Realität werde ich schon häufig von KollegInnen oder FreundInnen auf den Blog angesprochen. Ah ja, und noch etwas: Der Blog ist mittlerweile auch so etwas wie eine praktische Visitenkarte und Referenz. Wenn ich etwas über mich erzählen will, sei es im beruflichen oder im privaten Kontext, verweise ich gerne auf den Blog. – Und wir wurden immerhin schon zweimal ins Ministerium eingeladen. Hey, ohne Blog wäre uns das nicht passiert!

juhudo: Ich bin immer wieder erstaunt über die Vielfalt an Themen, über die wir schon geschrieben haben. Und dass DEINE Texte immer in die Tiefe gehen und du Themen gründlich durchleuchtest, das finde ich supercalifragilisticexpialigetisch, also außergewöhnlich. Aber worüber ich mich wirklich freue, ist, dass ich auch meine eigenen Postings – überhaupt mit etwas Abstand – interessant und gut geschrieben finde. Und dass ich mich immer wieder frage, ob sie denn auch wirklich meiner Feder entsprungen sind. Ein sehr altmodisches Bild für das Tippen am Notebook. 😉

Frage: Worüber schreibt ihr am liebsten?

nemo: Ich liebe es, von den Freuden des Lehrberufs zu erzählen, und ebenso gerne wettere ich gegen meiner Ansicht nach verfehlte Entwicklungen in der Bildungspolitik und/oder Bildungsforschung. Mitunter mache ich mir Sorgen, dass ich zu sehr ins Schwärmen gerate und allzu begeistert aus der Schule berichte. Dann wieder befürchte ich, alles immer kritisieren zu müssen und kein gutes Haar an Schulreformen lassen zu können. Ich hoffe, es gleicht sich immer wieder mal aus.

juhudo: Bildungspolitik zu kommentieren freut mich im Moment nicht. Ich bin froh, dass gerade etwas Ruhe herrscht, ich hatte ja doch einige Zeit das Gefühl immer hinterherzuhecheln. Und das mir, die unglaublich gern neue Dinge ausprobiert und schaut, was sich damit anfangen lässt. Momentan schreibe ich hauptsächlich über Fortbildungen und das eine oder andere Buch. In den nächsten Tagen schicke ich einmal mein „Lesetagebuch“ über den neuen Erzählungsband von Clemens Setz los. Aber manchmal muss ich auch einfach etwas loswerden. Meinen ersten beruflichen Blogeintrag überhaupt habe ich vor zehn Jahren (oha, für den Blick in die Vergangenheit sind Blogs auch gut, inklusive Überraschungen!) geschrieben und damit meinen ersten, jetzt eher vernachlässigten Blog gestartet. Aber eigentlich schreibe ich am liebsten darüber, wenn in der Klasse etwas gut geklappt hat. (Aber anschließend gehe ich ja in die nächste und vergesse gleich wieder darauf.)

Frage: Was veranlasst euch einen Blogbeitrag zu schreiben, was hindert euch daran?

nemo: Fehlende Zeit ist wohl der Hinderungsgrund Nummer eins. Hauptmotivator ist ganz einfach die Lust zu schreiben und allgemein die Lust mitzureden, am Diskurs teilzunehmen.

juhudo: Nach der Aufregung der ersten zwei Jahre hat sich der Enthusiasmus halt ein bissl gelegt. UND es kommt dazu, dass ich ja über viel, das mich bewegt, schon geschrieben habe. Ich will mich ja auch nicht andauernd wiederholen. Manchmal starte ich auch ein Thema – ich sage nur Entwürfe – und es stellt sich dann doch nicht als sooo spannend heraus. Hinhören, draufschauen und nachdenken ist nicht genug – unter einer Stunde niederschreiben geht’s kaum einmal, eher dauert es länger.

Frage: Und was wünscht ihr euch für die nächsten vier Jahre?

nemo: Ein bisschen mehr Zeit zum Schreiben und vielleicht ein paar mehr Leserinnen und Leser?

juhudo: Ich wünsch mir eigentlich nur, dass es mit uns beiden weiter so gut klappt! Und wenn ich auf das Thema „Aufgabe des Blogs“ zurückkommen darf: Um aus der Schule berichten zu kommen, wären halt der eine oder andere Gastbeitrag oder Kommentar wichtig. Aber das Bedürfnis scheint nicht bei so vielen vorhanden zu sein. Insofern sind wir auch was Besonderes. 😉

Frage: Braucht es euren Blog überhaupt (noch)?

nemo: Hm. Weiß ich nicht. Die Welt braucht unseren Blog nicht. Ich selbst aber bin froh, dass es ihn gibt. Ein Blog ist ein einfach handhabbares Medium, um der interessierten Öffentlichkeit etwas mitzuteilen. Gleichzeitig ermöglicht es eine profunde diskursive Auseinandersetzung mit Themen, nicht nur so eine Fotoposterei. Das gefällt mir.

juhudo: Genau! WIR brauchen ihn. Und das reicht!

Letzte Frage: Seid ihr zufrieden mit der Resonanz auf euren Blog oder wollt ihr etwas tun, um die Reichweite zu vergrößern?

nemo: Wie gesagt, ein paar mehr LeserInnen könnten’s schon sein. Vielleicht sollten wir wieder einmal ein bisschen lauter trommeln, dass es uns gibt. Cool finde ich übrigens, dass die Zugriffe auf unseren Blog nach wie vor von der ganzen Welt aus erfolgen. Natürlich stammen die meisten Zugriffe aus Österreich und Deutschland, aber für einen deutschsprachigen, extrem textlastigen Blog sind wir ganz schön international (siehe oben).

juhudo: Wir sind kein kommerzielles Unternehmen und das ist gut so.  Ich mag das Unaufdringliche des Blogs, grundsätzlich genügt er sich selbst, wer mag, kann partizipieren. Wir sind unabhängig, im wahrsten Sinn des Wortes. Aber, wenn ich die Meldung von WordPress „deine Statistik befindet sich im Aufschwung“ erhalte und mir die Weltkarte mit den Zugriffen anschaue, gefällt mir das schon sehr. Soviel zur Contenance!

Vielen Dank, juhudo und nemo, für das Interview. Fehlt nur noch ein neues Geburtstagsfoto von euch. 🙂

Silent Walk

Mit meinen SchülerInnen aus dem Wahlpflichtfach Deutsch habe ich letzte Woche einen „Silent Walk“ zum Christkindlmarkt durchgeführt. Unser Ansinnen war es, ganz aufmerksam und ohne zu reden von der Schule bis zum Domplatz zu gehen und dabei so viele Eindrücke wie möglich aus der Umgebung aufzunehmen.

Zuerst haben wir ein paar nachdenklich stimmende Texte von Walter Müller gelesen, danach sind wir losmarschiert. Vor dem Dom haben wir uns getroffen und kurz ein paar Eindrücke ausgetauscht. Um unsere Gedanken gleich schriftlich festhalten zu können, haben wir uns einfach in den Dom gesetzt und eine halbe Stunde lang geschrieben, iu-3bevor wir dann noch einen Punsch zu uns genommen haben und wieder zur Schule zurückspaziert sind.

Gestern haben wir einander die vor einer Woche begonnenen und während der Woche be- und überarbeiteten Texte vorgelesen. Jede(r) einzelne SchülerIn hatte etwas geschrieben, alle haben sich auf ihre Weise mit Weihnachten, mit den Versprechungen, Verheißungen und „Verquerungen“ von Weihnachten auseinandergesetzt.

So wie die SchülerInnen sich gegenseitig und mir ihre Texte vorlesen, so lese auch ich ihnen die meinen vor. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein gemeinsames Arbeiten und Austauschen, wie es schöner nicht sein könnte. Für mich Schule at its best.

(nemo)

Bevor es Nacht wird im Advent

Verlassene Gassen, grauer Asphalt
Von leeren Blicken der Weg gesäumt
Eingehüllt in eine Decke sitzt
An jeder Ecke jemand und wartet.

Bleiche Gesichter treiben vorüber
Erwartungsvoll den Blick gesenkt
Wie Kranke hängen sie an ihrem Tropf
Zugedröhnt und in sich verkabelt.

Besinnungslos essen und noch viel mehr trinken
Festgehalten im Bild, gleich mehrfach verschickt
Nebenan das Christkind, es verkauft seine Lose
Kein Wunder wird’s geben, nicht heut nicht und morgen.

Vor dem Dom stehen Kinder und singen stumm
Die Dunkelheit erst bringt uns die Hoffnung zurück
Hell erleuchtet die Stadt und erlöst nun vom Tage –
Vom heute gewesenen Tage.

Salzburg, 11.12.2018

 

Poetry Slam

Und hier noch zwei der großartigen Texte, die beim Poetry Slam der 3D vorgetragen und performt wurden:

Ein reicher Ritter namens Ralph reitet mit seinem Rappen
in der rabenschwarzen Nacht, neben ihm seine Knappen.
Er reitet rundherum im Robinien-Ritterwald herum.
Sein Ritterpferd rennt ruhig dahin, Raben krächzen vor sich hin.
Ralph raubt es den Atem, als er sieht, was hier geschieht:
Räuberrüpel rangeln um einen Riesen-Rosenkohl.
Daher ist es Ritter Ralph nicht besonders wohl.
In rasantem Galopp geht’s nach Haus zurück,
da hat er noch ein ganz schönes Stück.
Doch so leicht soll’s für ihn nicht werden
Ein dunkles Grollen schallt aus den Bergen.
Da sieht er schon in weiter Ferne
Einen Drachen, und die mag er gar nicht gerne.
„Hilfe!“, ruft eine holde Maid.
Der Ritter weiß, der Schrei ist nicht weit.
Doch der Drache macht ihm Angst und Bange,
er weiß, da lebt er nicht mehr lange.
„Steh nicht so blöd da, rette mich!“, schreit die Maid ganz fürchterlich.
„Der Drache hat mir den Nagel abgebrochen,
und Maniküre ist erst wieder in zwei Wochen.
Morgen habe ich eine Party im Schloss Hellbrunn
Und um eine Shoppingtour komme ich auch nicht herum.
Ich brauche dringend ein neues Kleid,
denn das alte ist mir viel zu weit.
Darum beeile dich! Rette mich!“
Doch mit so einer Tussi gibt sich Ritter Ralph nicht ab
Und reitet nach Hause, kurz und knapp.

(Leona und Selina)

Wenn die Motte miefende Mäuse mag
Wär‘ das ein Stabreim und der wär‘ arg
Und das wäre wirklich schlimm
Denn für Stabreime fehlt mir der Sinn

Ich finde ein Stabreim ist kein Gedicht
Ich hoffe das find nicht nur ich
Der einzig wahre Reim ist der Reim
Ich hoffe das geht nicht nur in meinen Kopf rein
Denn irgendwas fehlt dem Stabreim
Aber was soll es sein?

Vielleicht ist es ja so ganz gut
Denn bei Stabreimen bekomm ich die Wut
Der Stabreim gehört in Vulkanglut
Sicher findet das auch Groot

Oder soll ich mein Urteil überdenken
Und der Welt einen Stabreim schenken?
Aber nein, das wäre ein Graus
Deswegen ist das Gedicht jetzt aus

Aber zum Schluss noch
Ein Stabreim doch
Wenn die Motte miefende Mäuse mag müssen die Menschen miefende Klamotten mögen

(Gregor)