Europa schreiben

Vor ein paar Tagen präsentierten wir den Eltern, Freunden und KollegInnen unser diesjähriges Kulturprojekt. Im Foyer der Schule lasen und inszenierten die 2SchülerInnen Gedichte, Reflexionen und Geschichten, die sie im Laufe des Jahres verfasst hatten. Bei Getränken und Snacks konnten die Gäste lauschen und sich ein Bild von unserer einjährigen Auseinandersetzung mit Europa machen.

Außerdem haben wir ein kleines Büchlein mit ausgewählten Texten zum Thema Europa, zum Thema Reisen, zu Brüssel und Amsterdam zusammengestellt. Viele der Texte sind während der vier Schreibwerkstätten mit Gerlinde Weinmüller entstanden. Auch wir Lehrerinnen sowie Gerlinde Weinmüller selbst haben meistens mitgeschrieben. Drei Gedichte der Salzburger Lyrikerin haben Eingang in das Heft gefunden. Ich darf sie nachfolgend auch hier abdrucken. 🙂

Gerlinde Weinmüller

hierzulande

das mittelmeer durchpflügen
mit der kraft eines stiers
der grenzen auf die hörner nimmt
und all die blauen worte
die man hierzulande
schutzengellosen flüchtlingen
an den kopf wirft

was da mitreisen könnte

mein liniertes schreibbuch
mein gespitzter bleistift
meine festen wanderschuhe
meine rote bürste
mein violetter schal
meine grauen berührungsängste
meine gelbe neugier
meine blaue sehnsucht und
dein letzter brief an mich
in dem steht
komm wieder gut heim

am ende der reise

das leben ist wie ein buch
mit leeren seiten
die nicht nur du beschreibst

schicksal
nennen die einen
deinen ghostwriter
zufall die anderen
manche nennen ihn sogar
gott

du lehnst dich entspannt zurück
du weißt
am ende der reise
bleibt dein leben ein buch
das gelesen werden wird

 

Eine Matura zum Abarbeiten

Abgearbeitet is‘, die diesjährige Zentralmatura. Die Kompensationsprüfungen stehen noch aus, dann aber ist der Haupttermin 2017/18 auch schon wieder passé. In Mathematik sind offenbar mehr Schüler als in den letzten Jahren durchgefallen, in Deutsch und in den Fremdsprachen scheint österreichweit alles im grünen Bereich. Die noch folgenden mündlichen Prüfungen werden bekanntermaßen nicht zentral gestellt.

Drei Jahre nach ihrer Einführung hat sich die Aufregung um die Zentralmatura – abgesehen von den schlechten Mathe-Ergebnissen – weitgehend gelegt. Wie bei so vielen Hypes, Empörungsanlässen und medialen Skandalen ist die Aufregung zunächst riesengroß, wenig später folgt Lethargie und danach wär’s eigentlich eh schon fast wieder Zeit für eine Reform und damit für einen neuen Anlass, sich aufzuregen. Wir sind eine Erregungsgesellschaft. Peter Sloterdijk wusste das bereits vor Jahren.

Auch wenn also die gegenwärtige Zentralmatura fast keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt, soll hier doch noch einmal ein Blick auf die Deutsch- und auf die Französisch-Matura geworfen werden. Denn: Besser ist es nicht geworden, was wir den Maturanten da vorsetzen. Gut, die Qualität der Inputtexte der heurigen Deutschmatura ist solide. Da leistet man sich keine Schnecke mehr. Das eigentliche Problem aber, die Form dieser Matura, ist immer noch gleich (schlecht).

Wobei, „schlecht“ trifft’s eigentlich nicht. Die Deutschmatura ist nicht „schlecht“, sie ist nur öde, unlustig und zäh. Nach wie vor wird genau vorgegeben, was man zu tun hat, nach wie vor muss man zwei Texte verfassen, immer noch gehören diese zwei Texte zwei unterschiedlichen Textsorten an: Textinterpretation und Leserbrief, Sachtextanalyse und Kommentar, Erörterung und Zusammenfassung. Bei jedem der drei Themenpakete wird erwartet, dass die SchülerInnen den Inhalt des Inputtextes wiedergeben, den Text analysieren/interpretieren bzw. das Thema argumentativ durchdringen, den Text beurteilen bzw. zum Thema Stellung nehmen können. Genau so wie es die kompetenzorientieren Aufgaben halt vorsehen.

Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich schon vor drei Jahren beschrieben – das Problem ist, es ödet heute noch genauso wie damals. Alle drei Themen des heurigen Jahres (1. Literatur-Kunst-Kultur, 2. Respekt, 3. Entscheidungen treffen) sind grundsätzlich nicht uninteressant, sämtliche Packungsbeilagen in Ordnung – die Deutschmatura ist dennoch nichts anderes als ein Auftrag zum Abarbeiten und Erfüllen. Der Schüler wird veranlasst zu beweisen, dass er in der Lage ist, dem vorab definierten Standard zu entsprechen. Weder Originalität noch Kreativität sind gefragt, weder soll die Schülerin zeigen können, was sie alles weiß und kann, noch soll sie den eng gesetzten Rahmen der Vorgaben sprengen. Stattdessen sollen die beiden brav zwei Normtexte produzieren und ihre Schreibkompetenzen unter Beweis stellen. Herausfordernd und lustvoll ist das nicht und soll es wahrscheinlich auch nicht sein. Die Zeiten, in denen es bei einer Deutschmatura auf eigene Ideen und individuelle Gedankenführung ankam, in denen eine Deutschmatura (auch) Freude bereiten, in denen man auf eine gelungene Deutschmatura sogar stolz sein durfte, in denen man bei einer Deutschmatura aber auch grandios scheitern konnte, sind vorbei. „Goethe und ich“ lautete das Maturathema einer Bekannten, „Die Frau in der Literatur der letzten hundert Jahre“ mein eigenes. Textbeilagen gab es weder hier noch dort, dafür durfte man auf alles rekurrieren, was man wusste und zu dem Thema in der und durch die Literatur gelernt hatte.

Noch schlimmer als in Deutsch ist das Bemühen um Standardisierung in den Fremdsprachen. Egal, ob Englisch, Spanisch oder Französisch – die Klausuren unterscheiden sich nur hinsichtlich des Sprachniveaus. Alles andere ist gleich, sowohl formal als auch inhaltlich. Zuerst müssen vier Lesetexte abgearbeitet werden, danach vier Hörtexte sowie vier Texte, in denen die Sprache im Kontext überprüft wird, bevor schließlich zwei Texte geschrieben werden müssen. Alles ordentlich, alles feldgetestet, alles normiert. Es ist wirklich ein einziges Abarbeiten der Texte und Aufgaben, was hier verlangt wird. Nicht, dass es anspruchslos wäre, überhaupt nicht. So manche(r) von uns wäre verzweifelt, hätte man ihm oder ihr einen Hörtext zweimal vorgespielt, erwartet, dass er oder sie die richtige Antwort aus mehreren in Frage kommenden findet und zuordnet, bevor 45 Sekunden später der nächste Hörtext startet…

Nein, so leicht wie manche behaupten ist sie nicht, die Zentralmatura, weder in Deutsch noch in den Fremdsprachen, von Mathematik ganz zu schweigen. Dazu kommt auch noch die VWA, die die Schüler bereits im Vorfeld verfassen und präsentieren müssen und die so manchem die Zeit zum Lernen der Maturafächer über Gebühr verknappt. Aber öde ist sie, grässlich öde und uninspirierend. Sie befördert einen mechanistischen Zugang zum Denken und verdirbt auch dem Letzten noch die Freude daran. Am Ende der Schulkarriere steht das formalistische Abarbeiten der Maturaaufgaben. Das versteht man in Zeiten der Kompetenzorientierung als Reife. Genormt, vermessen und standardisiert: Hurra, die Automatisierung kann kommen!

(nemo)

Kulturtechnik Schreiben

Was nicht alles zu kurz kommt in der Schule! Wir bräuchten mehr Zeit für dies und noch viel mehr für das. Ständig erreichen uns neue Forderungen, welche Kompetenzen unsere Schüler auch noch erwerben sollten. Andauernd wird festgestellt, was sie zu schlecht können, was sie besser können müssten, woran es in der Schule mangelt und wo diese gleich ganz versagt. Ziemlich weit oben auf der „Bestenliste der schulischen Versäumnisse“ liegt der Dauerbrenner Lesen & Schreiben, quasi ein Klassiker der „Mangelkompetenzen“.

Übers Lesen habe ich in letzter Zeit öfter nachgedacht, heute soll wieder einmal aufs Schreiben draufgeschaut werden. Woran liegt es, dass Schreiben zu einer schier unüberwindlichen Hürde geworden ist?

In einer Folge von Biene Maja – ich weiß nicht mehr genau in welcher – stöhnt der faule Willi: „Ach, immer dieses Fliegen. Ich hab’s nie richtig gelernt.“ Wie so vieles, was Willi sagt, klingt das lustig. Eine Biene, die nicht richtig fliegen kann! Nun hinkt der Vergleich zwischen der den Bienen angeborenen Fähigkeit zu fliegen und der den Menschen eben nicht angeborenen Fähigkeit zu schreiben natürlich gewaltig – dennoch: Schreiben ist eine elementare Kulturtechnik, die alphabetisierte Menschen normalerweise so erlernen können, dass sie ihnen leicht von der Hand geht. Wenn man sieht, wie viele alte Menschen flüssig und selbstverständlich korrekt schreiben, obwohl sie keine höhere Schule besucht haben, und wie viele Kinder und Jugendliche selbst im Gymnasium Schreiben mühsam finden und Schwierigkeiten haben, es korrekt auszuführen, fragt man sich allerdings, was da in den letzten Jahren passiert ist.

Für mich liegt auf der Hand, dass die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags die Hauptschuld an dieser Entwicklung trägt. Wenn schon kleine Kinder häufiger tippen als schreiben, bleibt die Geläufigkeit auf der Strecke. Jede handschriftliche Notiz, die über ein paar Wörter hinausgeht, wird dann zur Qual. Von der fehlenden Übung des korrekten Schreibens ganz zu schweigen. Ja, aber auf Computer, Tablet oder Smartphone schreibe man ja auch, wird von sich fortschrittlich wähnender Seite dagegengehalten. Und überhaupt würden Kinder heute sogar mehr als früher schreiben, schließlich kommunizieren sie vorwiegend schriftlich über Whatsapp & Co.

Aus meiner Sicht werden da mindestens zwei Dinge durcheinandergebracht. Schreiben lernt man, indem man einen Stift in die Hand nimmt und schreibt. Unterschiedliche und feine Handbewegungen, Rhythmus und Gefühl spielen dabei eine wichtige Rolle. Tippen ist eine ganz andere, was Bewegung, Rhythmus und Gefühl anbelangt, vergleichsweise grobmotorische Tätigkeit, die erst dann zum Einsatz kommen sollte, wenn die Handschrift wirklich ausgeprägt ist. Und auch danach muss immer wieder mit der Hand geschrieben werden, weil man nur durch häufiges und längeres Schreiben Leichtigkeit und Sicherheit bei diesem Tun entwickelt. Auch die zahlreichen Fehler in der Rechtschreibung, die Schüler heute machen, haben nämlich viel mit mangelnder Übung zu tun. Wörter und Sätze immer wieder korrekt, rhythmisch und lesbar schreiben würde in vielen Fällen zum Erfolg führen – so wirklich cool und fortschrittlich kommt eine solche Forderung aber natürlich nicht daher.

Zu der Vermischung von Tippen und Schreiben kommt aber noch etwas: Die angeblich schriftliche Kommunikation, die per Smartphone ausgeübt wird, besteht vielfach nämlich nur aus Textbausteinen, Bildern und Fotos und hat nicht nur nichts mit Schreiben, sondern auch mit Schriftlichkeit wenig zu tun. Im Ausnahmefall entsteht in der Whatsapp-Kommunikation ein kurzer Text, in den meisten Fällen sind es, wenn überhaupt, bloß unzusammenhängende Wörter oder Halbsätze.

Die so genannte „schriftliche“ Kommunikation, die von Kindern und Jugendlichen heute betrieben wird, führt insofern eher vom Schreiben weg, als dass sie ein wirkliches Schreiben bedeuten würde. Dass die neue Form des Schreibens etwas anderes ist, spiegelt sich übrigens auch in der Sprache der Kinder wider: Anstatt jemandem zu schreiben, schreiben sie „mit jemandem“: So wie man mit jemandem spricht, chattet oder zockt, schreibt man also neuerdings mit jemandem. Das andere Schreiben aber hat man – ebenso wie Willi das Fliegen – nie richtig gelernt. Vielleicht sollte man es ja in der Schule mehr üben. Allerdings, bei all dem, was wir auch noch tun müssen, bleibt dafür wirklich keine Zeit. Und ziemlich retro ist es obendrein, wo fürderhin doch schon im Kindergarten digitale Grundkompetenzen vermittelt werden sollen! (nemo)

PS: Um einen ganz anderen Aspekt von Schreiben, nämlich um den Zusammenhang von Schreiben, Peinlichkeit und Öffentlichkeit dreht sich ein interessanter Artikel von Juli Zeh, den ich neulich gelesen habe. Ich verlinke den Artikel hier: Privatsphäre und Literatur: Ich bin, was ich verberge

PS2: Ein in diesem Zusammenhang relevanter Buchtitel ist mir dieser Tage noch untergekommen: Maria-Anna Schulze Brüning / Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen (Piper). Ich glaub, da muss ich mal reinschauen …

 

„Ein Wettrennen namens Bildung“

… heißt der Artikel, den ich kürzlich im Standard veröffentlicht habe. Der Titel  stammt nicht von mir, ich finde aber, dass er recht gut passt. Das Bild, das zu dem Artikel gestellt wurde, gefällt mir weniger. Es lenkt den Fokus meines Erachtens zu sehr in Richtung Gesamtschule. Darum geht’s in dem Beitrag zwar auch, aber nicht im Kern.

Einige Menschen haben mich gefragt, wie man eigentlich dazu kommt, einen Artikel im Standard zu publizieren. In meinem Fall war’s so: Es gibt in dieser Tageszeitung eine Rubrik namens „Kommentar der anderen“, in der meinungsorientierte Beiträge unterschiedlicher Art und Herkunft, die über die Dimension eines Leserbriefs hinausgehen, erscheinen. Als Standard-Leserin, wie ich eine bin, kennt man diese. Alles, was ich also tun musste, war, meinen Text an die Redaktion zu schicken – und ein wenig zu kürzen.

Ich nehme an, das zuständige Redaktionsteam liest die eingehenden Beiträge und entscheidet dann, welche davon gedruckt werden und welche nicht. Nach welchen Kriterien die Texte ausgewählt werden, weiß ich nicht. Wenn ein Thema gerade nicht passt, vielleicht zu spezifisch ist oder der Platz im Printmedium fehlt, wird man an die Redaktion des Online-Standards verwiesen. Dann erscheint der Text dort als Userkommentar.

Mich freut jedenfalls, dass man in einer österreichweit erscheinenden Qualitätszeitung ebenso einfach wie ausführlich Stellung beziehen kann. Aber auch die Tatsache, dass man mit einem Zeitungsartikel nach wie vor – zumindest im kleinen Stil – Debatten auslösen, Reaktionen hervorrufen, Diskussionen anzetteln kann, finde ich gut. Nicht, dass mich jeder Online-Kommentar begeistern würde 😉 , aber die vielen positiven, zustimmenden, weiterdenkenden und auch die freundlich-kritischen Stellungnahmen im Internet oder auch per Mail stimmen mich zuversichtlich. Offenbar gibt es schon immer noch eine Diskussionskultur, die diesen Namen verdient.

(nemo)

PS: Obwohl der Platz, der mir vom Standard für meinen Beitrag eingeräumt wurde, durchaus üppig ist, war der Text, so wie ich ihn ursprünglich verfasst hatte, noch um einiges länger. Vor allem meine eigene Biographie wollte ich gerne etwas ausführlicher darstellen. Mir kommt vor, dass in der längeren Version eben doch mehr Zwischentöne und Nuancierungen vernehmbar sind, die insgesamt ein authentischeres Bild ergeben und vielleicht auch meine These ein bisschen besser erklären. Deshalb habe ich mir gedacht, ich stelle die Originalversion des Textes einfach hier in den Blog: Bildungsmythen und Diskurse

 

 

Pariser Exzerpte

Gleich mehrere meiner alten Ordner landeten gestern im Altpapiercontainer. Literatur und Bürgerkrieg, kulturelles Gedächtnis, französische Gegenwartsautorinnen und mindestens fünf Mappen mit Materialien rund um die Dissertation. Jorge Semprúns literarische Auseinandersetzung mit Buchenwald lautete das Thema der Arbeit. 2004 wurde sie fertiggestellt, 2006 publiziert. Eine im Jahr 2017 notwendig gewordene häusliche Entrümpelungsaktion zum Anlass zu nehmen, um kiloweise solcher Kopien, Exzerpte, Mitschriften, Unterlagen und Artikel zu entsorgen, mag nun nicht gerade als überstürztes Unterfangen durchgehen. Dennoch, die Ratio allein ist eben nicht damit befasst, wenn es um Erinnerung, Vergangenheit und andere identitätsstiftende Faktoren geht. An jedem einzelnen Blatt hängt noch ein bisschen von damals dran, und genau das ist der Grund, warum es mir so schwer fällt, die alten Sachen wegzuwerfen.

Außerdem weiß ich noch genau, wie mühsam und langwierig, allerdings auch befriedigend und aufregend der Prozess des Akquirierens und Zusammentragens war, damals ganz zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Lächerliche anderthalb Jahrzehnte und doch wirkt manches, als entstammte es einer gänzlich anderen Zeit.

Ich hatte damals ein Stipendium, das es mir ermöglichte, ebenso intensiv wie exklusiv an der Dissertation zu arbeiten. Über ein halbes Jahr verbrachte ich in Paris, pilgerte beinahe täglich in die französische Nationalbibliothek, recherchierte, exzerpierte und las. Las und exzerpierte. Die BNF war Anfang 2000 noch nicht lange in ihr neues Domizil nach Tolbiac im Süden von Paris übersiedelt. Der ganze Betrieb in dieser modernen Bibliothek lief natürlich bereits computerisiert, so manches ältere Werk wurde einem schon damals nur mehr auf Mikrofilm ausgehändigt. Die meisten Bücher aber, zumindest die, die ich brauchte, konnte man via Computer bestellen und bekam sie sodann in ihrer physischen Gestalt.

Kurios aus meiner österreichischen Sicht war, dass das Kopieren nicht nur streng limitiert (höchstens 10 % eines Buches!), sondern darüber hinaus auch noch sündteuer war. Außerdem durfte man die Bücher – um ihre Rücken nicht zu beschädigen – nicht einfach aufklappen und auf den Kopierapparat drücken. Man war angehalten Seite für Seite abzulichten, was den Preis noch einmal verdoppelte. Den Kopien haftete somit etwas ebenso Kostbares wie fast Unanständiges an. Was blieb mir also übrig, als zu lesen und zu exzerpieren, zu exzerpieren und zu lesen, mit (oder auch ohne) Laptop tagein, tagaus stundenlang in der Bibliothek zu sitzen und zu arbeiten.

Dutzende, ja hunderte Karteikarten füllte ich auf diese Weise mit Notizen über das Gelesene. Der Informations- und Wissenszuwachs verlief nicht sprunghaft, sondern gleichmäßig, begrenzt, dafür aber stetig. Manchmal sehne ich mich noch heute nach dieser ruhigen und konzentrierten Form des Arbeitens. Wenn ich daran denke, wie aufgeregt viele (auch ich selbst) ständig im Netz herumklicken, anstatt endlich einmal ein Buch (oder auch nur einen Aufsatz) ordentlich zu lesen. Und wie schwierig es geworden ist, zum Beispiel mit der VWA befasste SchülerInnen vom Bücherlesen oder gar vom Sinn des Exzerpierens zu überzeugen!

Vielen Bibliotheksbenutzern begegnete ich bei meiner damaligen Arbeit in der BNF täglich, manchmal ergaben sich in den Kaffeepausen unverbindliche Gespräche oder vereinzelt sogar interessante Kontakte. Ein paarmal verabredete ich mich mit befreundeten DoktorandInnen zu bestimmten Zeiten im Café. Wobei, die Arbeitsatmosphäre im Untergeschoss („Rez-de-Jardin“), dort, wo sich die Forschungsbibliothek befand (im Gegensatz zur öffentlichen Bibliothek im Erdgeschoss, „Haut-de-Jardin“), war so seriös und streng, dass Begriffe wie „Café“ in diesem Zusammenhang schon fast frivol klingen. An jeder Ecke des riesigen rechteckigen Baus fand sich ein kleiner gläserner Kobel, in dem man das im durchsichtigen Plastiksackerl Mitgebrachte verzehren durfte. Mehr an Zerstreuungsangebot gab’s nicht. In einem der vier Glaswürfel konnte man frischen Kaffee und ein paar Kleinigkeiten zum Essen erwerben, in den anderen musste es ein Automat tun. Dass die ganze Angelegenheit nicht zur Unterhaltung gedacht war, sondern es sich beim unteren „Gartensegment“ um eine ernsthafte Forschungseinrichtung handelte, wurde dem Besucher bereits beim Eingang klar gemacht. Mehrere schwere, doppelte Türen und lange, schmale Rolltreppen schleusten die Forschungswilligen mit ihren transparenten Plastikumhängetaschen nach unten. Zum Lachen konnte man in einen anderen Keller gehen. Und zu dem so genannten Garten führte keine Tür hinaus.

Es mag heimeligere oder auch prachtvollere Bibliotheken geben, effizient war mein Forschungsaufenthalt in der BNF jedenfalls. Die ruhige Arbeitsatmosphäre, die zahllosen Bücher, das viele Lesen und die unmittelbare und kontinuierliche Verarbeitung des Gelesenen in Form von Exzerpten ermöglichten es, dass ich gleich nach der Rückkehr aus Paris mit dem Schreiben anfangen konnte und das Geschriebene von Anfang an eine gewisse Substanz aufwies.

Und dass das mit der Effizienz nicht allzu sehr übertrieben wurde, dafür sorgte in meinem Fall schon Paris selbst. Allein das erhebende Gefühl, das mich täglich überkam, nachdem ich die klimatisierte Bibliothek verlassen hatte, ist unbeschreiblich. À nous deux, Paris, und das jeden Tag aufs Neue – bis, ja bis ich wieder nach Hause fuhr, die Monate und Jahre ins Land zogen und bis die gestrige Entrümpelungsaktion die Erinnerung an diese doch schon lange vergangene Zeit wieder aufleben hat lassen. Gut, dass ein paar der Erinnerungen jetzt hier im Blog verewigt sind, sonst müsste ich glatt noch einmal beim Altpapiercontainer vorbeispazieren. 😉

(nemo)

Marie von Ebner-Eschenbach / Josephine von Knorr. Briefwechsel 1851-1908

Dieser Tage hat mich ein besonderes Paket ereilt: Der in zwei Bänden edierte und in einer gediegenen Ausgabe bei De Gruyter erschienene Briefwechsel zwischen Marie von Ebner-Eschenbach und Josephine von Knorr. Über ein halbes Jahrhundert lang, von 1851 bis 1908, schrieben die beiden Schriftstellerinnen einander rund 800 Briefe, nun wurden diese erstmals veröffentlicht und wissenschaftlich erschlossen. 41htgausngl-_sx353_bo1204203200_

Ulrike Tanzer, Professorin an der Uni Innsbruck, hat das Editionsprojekt geleitet; gemeinsam mit Irene Fußl, Lina Maria Zangerl und Gabriele Radecke hat sie die Korrespondenz in Form einer kritischen und kommentierten Ausgabe herausgegeben. Zwei dicke Bücher mit insgesamt über 1200 Seiten!

Dass ich dieses beeindruckende Werk dieser Tage erhalten habe, hat damit zu tun, dass ich ganz am Rande an dem Projekt beteiligt war: Vor allem Josephine von Knorr, die unbekannte der beiden Schriftstellerinnen, hat in ihre Briefe immer wieder französische Sätze und Wörter einfließen lassen. Diese habe ich transkribiert und übersetzt.

Mitunter war es ein zähes Unterfangen, die handschriftlichen Briefe zu entziffern. Bereits meine im Gesamtkontext minimalen Textmengen ergaben zahlreiche Stunden Arbeit. Betrachtet man nun das fertige Werk, wird erahnbar, wie viele Jahre an Arbeit da drinnen stecken. Mit Hochachtung und Bewunderung denke ich daran, wie Irene Fußl damals noch an der alten Germanistik in Salzburg Brief um Brief transkribiert und kommentiert hat. Alleine der Stellenkommentar ist unglaublich!

Und worüber schreiben nun die beiden Dichterinnen? In erster Linie dokumentiert der Briefwechsel die lange Freundschaft zwischen den beiden Frauen, ihre schriftstellerische Existenz und ihr privates wie gesellschaftliches Umfeld. Es ist viel die Rede von familiären Belangen, von Reisen und Besuchen, von Krankheiten, von Einschränkungen, auch von den Schwierigkeiten als Frau schriftstellerisch tätig zu sein. Besonders das Schicksal Josephine von Knorrs, ihre zunehmende Vereinsamung, ihre immer zahlreicher und belastender werdenden Leiden, ihre berufliche Erfolglosigkeit finde ich sehr berührend, wohl auch, weil ich, aufgrund des größeren Anteils französischer Passagen, mehr mit ihren Briefen zu tun hatte als mit jenen der natürlich viel berühmteren Marie von Ebner-Eschenbach.

Josephine von Knorr verbrachte mehrere Jahre in Paris, und auch in Salzburg hielt sie sich immer wieder einmal auf.  Interessant – und durchaus nachvollziehbar -, was sie über diese beiden Städte schreibt!

Ich kenne nun schon ziemlich die Umgebung Salzburgs, welche mit Recht gerühmt wird. Bey schönem Wetter ist es herrlich hier – mais comme ce qu’il y de plus beau est souvent aussi ce qui est le plus menacé regnet es hier ungemein viel, so daß die schöne Natur viel im Schleyer sich verhüllt. (Brief 220 vom 9. Juni 1861, S. 220)

Daß ich gerne in Paris bin wißt Ihr; ich kann es nur wiederholen, ja ich möchte hier Wurzeln fassen können – es sagt mir mein Leben sehr zu wenn ich es mit dem Druck der Heimat vergleiche athme ich tief auf und wenn Du dich an mein Gedicht: „Dämmerstunde“ erinnerst, so könnte ich hier fast sagen:
„Und erlöst von ihren Qualen
Würde eine Seele sein!“ (Brief 572 vom 3. April 1878, S. 427)

Zweifellos ist so eine kritische Edition in erster Linie für die Literaturwissenschaft von Bedeutung. Vor allem die erste Phase des Briefwechsels scheint für die Germanistik interessant zu sein, weil sie die „bislang kaum erforschte Zeit der schriftstellerischen Anfänge Ebner-Eschenbachs“ (S. XII) betrifft. Aber auch durch eine nicht-germanistische Brille betrachtet, gibt dieser Briefwechsel einiges her (zumal in einer so schönen und sorgfältig edierten Ausgabe): Die Korrespondenz zweier gebildeter Frauen über so viele Jahre zu verfolgen, ist nämlich tatsächlich ein spannendes Unterfangen. Gerade die Form der Briefe erlaubt es einem, den Gedanken der Frauen dabei ziemlich nahe zu kommen. Tja, und dass das Französische einen selbstverständlichen Platz in der damaligen Kommunikation zweier österreichischer Schriftstellerinnen einnahm, ist zwar nicht unbedingt wesentlich für die Briefe, aber jedenfalls auch schön – mag diese Einschätzung meinetwegen auch zur Gänze der Perspektive einer mit dem schwindenden Interesse an dieser wunderbaren Sprache geplagten Französischlehrerin geschuldet sein … (nemo)

 

 

 

 

Erleben und Erzählen: Bordeaux, einstens

Erzählen und (Er-)Leben stellen, so Jean-Paul Sartre in La nausée (Der Ekel), zwei gegensätzliche Modi dar: Die Dinge ereignen sich in die eine Richtung und wir erzählen sie in die Gegenrichtung. Damit aus dem banalsten Erlebnis ein Abenteuer werde, müsse man es bloß erzählen. Denn solange man sich im Modus des Erlebens befinde, passiere nichts, die Ereignisse fügten sich einfach aneinander. Erst durch das Erzählen werde aus dem Erlebten eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende.

Eine Form des Erzählens, die ich in diesem Sommer häufig praktiziere, ist jene des Sich Erinnerns. Mein aktueller Erlebensmodus ist vielfach vom Erinnerungs- bzw. Erzählmodus überlagert, anders gesagt, ich verknüpfe aktuelle Ereignisse praktisch umgehend mit Erinnerungen und mache so daraus (Lebens-)Erzählungen. Wahrscheinlich ist das einfach eine Alterserscheinung oder zumindest ein Beweis dafür, dass man doch schon recht viel erlebt hat. „J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“ („Ich habe mehr Erinnerungen, als wär‘ ich tausend Jahre alt“), heißt es in einem Spleen-Gedicht von Baudelaire. (An das Gedicht muss ich denken, aber eigentlich wegen Jorge Semprún, der in einem seiner Erinnerungsbücher das Baudelaire-Gedicht zitiert.)

Ein Beispiel für meine gegenwärtige Erinnerungsproduktion sind die beiden Festspielaufführungen, die ich mir in den letzten Tagen angeschaut habe: Samuel Becketts Endspiel (Fin de partie) und die Mozart-Oper Don Giovanni. Beide Inszenierungen waren ein wahrer Genuss und beide Erlebnisse haben bei mir sofort den Erinnerungsmotor angeworfen.

Fin de partie und Don Giovanni bzw. Dom Juan standen auf dem Programm eines Theaterseminars, das ich vor vielen Jahren (1994-95!) während meines Auslandsstudienjahres an der Université III in Bordeaux besuchte. Charles Mazouer hieß der Professor, bei dem wir, drei Salzburger Erasmus-Studentinnen, ein Jahr lang im Seminar saßen. Unter dem Gesichtspunkt der Herr-Knecht-Thematik (maître et valet) wurden Theaterstücke aus mehreren Jahrhunderten analysiert, darunter eben Dom Juan von Molière und Fin de partie von Samuel Beckett. Daneben gab es auch eine praktische Einführung ins Theaterspielen, sozusagen als Ergänzung zum theoretischen Seminar. Auch da taten wir wacker mit. Gemeinsam mit meiner Freundin blieb ich sogar über das Praktikum hinaus bei der Gruppe. Am Ende des Jahres führten wir ein Stück von Eugène Ionesco (Jeux de massacre) auf, wir zwei germanophones unter lauter Muttersprachlern. 41WSBXSKEPL._SX195_(Und später spielten wir dann auch in Salzburg in der Französisch-Theatergruppe mit.)

Das Erasmus-Auslandsjahr war etwas ganz Besonderes, nicht nur – aber auch! – in sprachlicher Hinsicht. Es öffnete und weitete meinen Horizont auf eine Weise, wie es ein Studium ausschließlich in Österreich nie vermocht hätte. Bordeaux hatte für uns damals durchaus etwas Exotisches, ein Erasmus-Jahr war ein veritables Abenteuer. Heute, in Zeiten von Internet, EU und internationalen Studiengängen erscheint das alles nicht mehr so nachvollziehbar. Aber damals, im Jahr 1994, war Österreich eben noch nicht bei der EU, es gab praktisch noch kein Internet (und ergo auch keine E-Mails), und das Erasmus-Programm war in Österreich gerade mal zwei Jahre alt. Von unseren Vorgängerinnen bekamen wir ein altes Vorlesungsverzeichnis in die Hand gedrückt, mehr Infos über das Studienangebot gab’s nicht. Während der Zeit in Bordeaux schrieben wir zahllose Briefe, erst ab dem Frühjahr (Österreich trat Anfang 1995 der EU bei) trudelten diese verlässlich binnen einer Woche zu Hause ein (und umgekehrt), davor konnte der einfache Postweg schon auch mal zwei Wochen umfassen. Telefon gab’s in meiner WG zwar, man konnte jedoch keine Gespräche ins Ausland tätigen. Um nach Hause zu telefonieren, musste man sich also bei einer Kabine anstellen. Gerade am Abend bildeten sich dort oft lange Schlangen. Und ein Handy hatte überhaupt noch niemand. Ja, wenn man das so zusammenschreibt, kann man es selbst fast nicht mehr glauben. Obwohl es damals natürlich lange nicht so seltsam war, wie es heute erscheint, sondern einfach normal.

Dadurch, dass die Möglichkeiten mit den Daheimgebliebenen zu kommunizieren so eingeschränkt waren, fühlten wir uns in Bordeaux ebenso fern wie frei. Auch das kann man heute kaum mehr nachvollziehen. So ein Studienjahr in Westfrankreich fühlte sich an wie ein Leben fast am anderen Ende der Welt. Sicher, zu Weihnachten fuhren die meisten Erasmus-Studenten nach Hause, danach aber ging es für uns erst so richtig los. Denn im Gegensatz zu vielen Studierenden heute verbrachten wir ja ein ganzes Studienjahr im Ausland. Und ein ganzes Studienjahr ist definitiv mehr als die Summe aus zwei Semestern – sowohl in sprachlicher als auch in sozialer Hinsicht.

Was die Sprache betrifft, tat sich der große Sprung erst irgendwann im März. Ab da ging alles spürbar leichter, ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich im Französischen allmählich wie ein Fisch im Wasser. Und was das Soziale betrifft, war’s ebenso. Diejenigen, die schon nach einem Semester wieder abreisten, brauchten sich nach Weihnachten gar nicht mehr richtig anzustrengen. Für sie waren die Wochen bereits gezählt. Für uns allerdings bedeutete die Zeit nach den Weihnachtsferien die härteste im Jahresverlauf. Zu diesem Zeitpunkt hieß es nämlich, sich um ein vollständiges Leben vor Ort zu bemühen. Zu lange erschien die Zeit bis zu den Sommerferien, als dass man weiterhin „Uni-Tourist“ auf Abruf bleiben konnte.

Ein zentraler Integrationsfaktor war für uns zweifellos das Theater. Das gemeinsame Erarbeiten eines Stücks, die ständigen Proben, die viele gemeinsam verbrachte Zeit schweißten uns mit den französischen Studierenden zusammen. Während viele Erasmus-StudentInnen doch recht häufig unter sich blieben, hatten wir viel mehr Anschluss an die dortigen StudentInnen. Daraus entstanden Freundschaften, von denen manche noch lange fortdauerten.

All das (und noch viel mehr) kann so ein Besuch bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2016 aufrufen – zumal wenn man mit genau jener Person ins Theater bzw. in die Oper geht, mit der man damals gemeinsam in Bordeaux war. 🙂 „Vieux linge! Toi – je te garde.“ („Altes Linnen! Dich behalt ich.“), sagt Hamm am Ende von Fin de partie. Allein dieser Satz vermag das Bordeaux-Erinnerungsgebäude aufzuschließen. Wenn ich ihn metaphorisch als Erinnerungsfetzen lese, taugt er darüber hinaus als Symbol dafür, dass von einem Auslandsstudienjahr weit mehr bleibt als verwertbare Zeugnisse oder ECTS-Punkte und mein damaliges Lehramtsstudium gerade durch dieses Jahr in Bordeaux die Fixierung auf das Lehramt verlor und einen viel weiteren Horizont annahm – auch wenn das jetzt alles mit Becketts Endspiel wiederum nur sehr indirekt zu tun hat. (nemo)