„Finden ohne Suchen“. Flanieren in der Bibliothek

Teresa Präauer hat vor einiger Zeit einen schönen Text über den Wert von Freihandbibliotheken geschrieben. Ihr Plädoyer für diese Art von Bibliothek, in der die Bücher präsent sind, herausgenommen, aber auch wieder zurückgestellt werden können, haben wir heute im Wahlpflichtfach Deutsch zum Anlass genommen, um uns in der schuleigenen Bibliothek herumzutreiben. Wir wollten Bücher finden, ohne wirklich danach zu suchen – erst recht nicht mittels einer Suchmaschine. Nach einiger Zeit des „Flanierens in der Bibliothek“ haben wir uns zusammengesetzt und „Blindes Texte-Raten“ gespielt – ungefähr so, wie es Teresa Präauer am Ende ihres Artikels beschreibt: Man liest die erste Seite eines Buches vor und die anderen raten, wer es geschrieben haben könnte. Ist es ein zeitgenössischer oder schon ein älterer Text? Wurde er von einem Mann oder einer Frau verfasst? Handelt es sich um deutschsprachige oder übersetzte Literatur?

Wie immer wurde uns die Zeit zu kurz – auch deshalb allerdings, weil wir uns davor noch den Filmtrailer angeschaut haben, den drei der SchülerInnen im Rahmen ihres Deutschunterrichts zu Juli Zehs Corpus Delicti gedreht hatten. Die anderen KursteilnehmerInnen (und ich) waren von der dramatischen Qualität des Trailers begeistert. Ganz nebenbei und (fast) ohne mein Zutun wurde auf diese Weise zusätzlicher „Stoff“ besprochen. Wir haben über den Inhalt des Romans und über die Autorin geredet, ich habe die Begriffe „Dystopie“ und „engagierte Literatur“ beigesteuert – und die SchülerInnen, die nicht am Filmprojekt beteiligt waren, haben ein Buch kennengelernt, das ein paar vielleicht sogar bis zum nächsten Mal (oder auch später einmal) lesen werden …

(nemo)

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

518yqITusqL._AC_US327_QL65_Immer auf der Suche nach Literatur, die auch Literaturgeschichte vermitteln kann, bin ich auf „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gestoßen. Es geht darin um Annette von Droste-Hülshoff, die als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen gilt. Ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört meiner Meinung nach zumindest zum erweiterten Literaturkanon für die Schule, mit ihrer Lyrik habe ich mich noch nicht viel auseinandergesetzt, aber in meinem bevorzugten Unterstufenbuch findet sich die Ballade „Der Knabe im Moor“, mit der man einiges anfangen kann.

Den Gedanken, den Roman als Klassensatz für unsere Schule anzuschaffen, habe ich allerdings sofort angesichts der Seitenzahl verworfen: 592! Das darf man niemandem antun, der das nicht von selber will. Und auch bei mir lief das Buch ja nur unter ferner liefen, ich wollte es ja nicht für mich persönlich lesen und mein Stapel der ungelesenen Bücher (Tsundoku!) ist konstant hoch, also griff ich auf meine Alternative zurück: Hörbuch. 15 Stunden und 12 Minuten vorgelesen von Karen Duve selber. Und was soll ich sagen? Der Text hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.

Es geht nicht nur um die Liebesgeschichte einer jungen, nicht ganz so angepassten Frau vor zweihundert Jahren, es wird ein Sittengemälde rund um die Familie, die Kontakte mit den Brüdern Grimm, Heinrich Heine, Clemens Brentano und anderen hatte, die sich auf das altdeutsche Kulturgut zurückbesinnen wollten, gezeigt. Ich konnte mit den Figuren Reisen auf furchtbaren Straßen erleben, ich empfand die Langeweile von Freifräuleins, die keine Aufgabe im Leben haben, wenn sie nicht geheiratet werden, und deren Wert innerhalb der Familie nur mäßig ist, wenn sie eigene Gedanken kompromisslos vertreten. Ich wunderte mich über die skurrilen Figuren der Grimms oder der altdeutsch gesinnten Studenten in Göttingen, der Freunde von August von Droste zu Hülshoff. Ich fror mit Heinrich Straube, dem mittellosen Studenten, den Annette wirklich zu lieben glaubt, wenn er sein Zimmer auf die Temperatur von 14 oder 15 Grad heizen kann. Und wie lange die Beförderung eines Briefes dauerte …

Natürlich ist er nicht standesgemäß und kommt für eine Verbindung nicht in Frage, aber Annette hat ja auch nicht wirklich die Möglichkeit herauszufinden, wie das ist, jemanden zu lieben, und da sie selbst innerhalb ihrer Familie kaum Anerkennung bekommt – im Gegenteil, sie wird vor allem von ihren Brüdern klein gehalten – , findet sie es schön, dass sich jemand ihrer Gedichte annimmt. In einer wunderbaren Szene küsst Straube sie unbeholfen, doch die junge, sehr kurzsichtige Frau sieht seine schlechten Zähne und riecht seinen strengen „Flausch“ (Mantel) – das lässt also nicht direkt Verliebtheit zu. Doch es entsteht eine Seelenverwandtschaft, die beide letztendlich unglücklich macht. Die Kussszene wird übrigens im Abstand von mehreren hundert Seiten aus der Sicht beider Beteiligter geschildert. Er empfindet seine Nase als zu groß und seine Brille verrutscht – sie lässt alles über sich ergehen und beobachtet ihre Empfindungen.

In dem „kurzen Sommer“ finden mehrere Männer das unangepasste Freifräulein anziehend und das lässt letztendlich auch die Beziehung zu Straube nicht weiter entstehen. Richtig sympathisch wird einem diese Annette von Droste-Hülshoff nicht, aber man erkennt das Potenzial einer Frau, die vor 200 Jahren für unpassend gehalten wird und sich nicht entwickeln darf.

Karen Duve hat gut recherchiert und einen historischen Roman geschrieben, dessen Figuren lebendig werden und etwas über den Beginn des 19. Jahrhunderts erzählen. Die starrsinnigen, eigenbrötlerischen Grimms, der extrovertierte Heinrich Heine, der immer wieder in Gesprächen bewunderte Goethe, August von Droste-Hülshoff, der Heinrich Straube als neuen Goethe verehrt und finanziell unterstützt, die Schwestern und Tanten der Familien Droste-Hülshoff und Haxthausen und ihre Lebensumstände sind in diesem Roman gut aufgehoben und ich konnte ein Stück des Weges mit ihnen zurücklegen und erfahren, wofür sie ich interessiert haben. Ich hab mich ungern von ihnen getrennt, aber ich bin sehr froh, dass ich nicht in dieser Zeit leben musste. (juhudo)

Im Kulturjournal des NDR kann man ein bisschen etwas über den Roman von Karen Duve selbst erfahren:

Und hier kann man die erste Viertelstunde des Hörbuchs ausprobieren:

Mein 2018-Kalender. Ein Jahresrückblick

Bevor ich meinen Tischkalender vom gerade noch nicht vergangenen Jahr durch einen neuen ersetze, habe ich ihn noch einmal durchgeblättert. Was hatte ich mir im Laufe des Jahres notiert? Was davon war bloß dem Tagesgeschäft geschuldet und kann getrost entsorgt werden, was davon ist es wert, hier und jetzt erwähnt zu werden?

Der allerwichtigste Kalender ist ja eigentlich mein Kopf. Solange nicht allzu viele Termine anstehen, solange die Zeiten nicht gar zu dicht werden, reicht mein Gedächtnis aus. Zur materiellen Unterstützung habe ich einen Moleskine-Kalender in der Schultasche, um Termine und Dinge zu notieren. Häufig genügt es aber, die Termine und Dinge dort einzutragen, nachschauen tu ich selten. Wie gesagt, das Gedächtnis funktioniert. Meistens halt und solange sich nichts überschlägt.

Den Tischkalender auf dem Schreibtisch zu Hause benutze ich vor allem, um Listen zu erstellen, wenn ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Oder um etwas zu notieren, was ich nicht vergessen will. Also, fangen wir von vorne an:

Gleich auf der ersten Seite im Januar 2018 steht: „Mami ist die beste!“ Auch klein geschrieben ist das das Beste und Schönste, was auf dem Kalender steht. Danke, allerbestes Kind!

Daneben habe ich ein paar „Poolthemen“ für die Französisch-Matura notiert: Essen und Trinken, Kleidung sowie Gesundheit. Quasi menschliche Grundbedürfnisse, die man als MaturantIn aus einem „Themenpool“ ziehen kann, um sie sodann vier Minuten monologisch und acht Minuten dialogisch zu zerreden. Dazu ist aus meiner Sicht bereits alles gesagt.

Gehaltvoller wird’s im Februar. Da steht: „allgemeine Menschenbildung“ und danach: „Was ist Kunst/Literatur? Die besten und exzeptionellsten Formen, in denen Menschen über ihr Menschsein nachgedacht haben.“ Lernen mit und durch Literatur sei „exemplarisches Lernen mit Hervorbringungen des Menschen, wo das Menschsein zur Disposition gestellt wird“. Ich erinnere mich, so (oder so ähnlich) hat Konrad Paul Liessmann das bei einer Podiumsdiskussion beschrieben. Gut, dass ich das auf meinem Kalender festgehalten habe!

Darunter ist zu lesen: „Literaturunterricht als Ort migrationsgeschichtlicher Praxis“. Oh ja, das verweist auf das Lehrwerk Deutschunterricht in der Migrationsgesellschaft. Eine Einführung von Heidi Rösch. Das Buch verwende ich im Konversatorium iu„Interkultureller Deutschunterricht“, das ich am Fachbereich Germanistik der Uni Salzburg immer wieder einmal halte. Darüber wollte ich längst schon einmal ausführlicher in diesem Blog berichten. Neujahrsvorsatz!

Im März sind gleich mehrere Telefonnummern aus Belgien, Holland und Deutschland vermerkt; „Bahnhof DB“ steht auch da. Ja, natürlich, da habe ich intensiv an der Klassenreise gewerkelt. Im Rahmen des Kulturprojektes „Europa schreiben“ sind wir Ende April nach Brüssel und Amsterdam gefahren. Ein schulisches Highlight des Jahres 2018.

Im April eine Liste mit Dingen, die unbedingt zu tun waren: „Koffer einbuchen“, „Garage“ und ähnliche damals unaufschiebbare Sachen sind vermerkt. Das schulische Highlight des Jahres 2018 hatte seine Schatten vorausgeworfen …

Bereits Anfang Mai findet sich die Notiz „Happy Days“. Ich erinnere mich gut daran, es ist nämlich jedes Jahr um diese Zeit das Gleiche: Man ist voll im Schulstress, es gibt tausend Dinge zu tun, weitere tausend stehen an – und man muss sich überlegen, was man in der letzten Schulwoche Anfang Juli bei den so genannten Happy Days anbieten will. Wenn’s dann so weit ist, finde ich das Angebot großartig. Die Seite, auf der die Kurse (inklusive Kurzbeschreibung, Dauer, Treffpunkt, ev. Kosten etc.) übers Internet einzusehen und von den SchülerInnen zu buchen sind, ist zudem ziemlich professionell gemacht. Aber jedes Jahr Anfang Mai würde ich die Happy Days am liebsten verwünschen. Ebenso wie ich im Mai 2018 die „Abrechnung Brüssel“ am liebsten verwünscht hätte …

Im Juni findet sich dann die Auflistung „was ich im Blog schreiben will“. All das also, wofür ich, wie es im Juni halt so ist, keine Zeit gefunden habe. Jedenfalls steht auch da schon „Uni-Lehrveranstaltung“ – in diesem Fall allerdings bezog es sich auf die Übung „Literatur- und Mediendidaktik“, die ich im Sommersemester zum Thema „Flucht und Migration in Literatur, Film und Comic“ gehalten habe. Im Juli habe ich dazu iu-2Aspekte/Inhalte notiert, die von den Studierenden in ihrer Lehrveranstaltungsreflexion als besonders gelungen hervorgehoben wurden: die Methode Freewriting, den Besuch im Literaturhaus mit der Ausstellung „Der Riss“, den Kinobesuch und die anschließende Diskussion zum Film-Buch-Vergleich von Anna Seghers „Transit“, die Leitfragen für eine postmigrantische Lesart von Heidi Rösch, die Einbeziehung der Gattungen Film (Christian Petzold: „Transit“ und Philippe Lioret: „Welcome“) und Graphic Novel (Reinhard Kleist: „Der Traum von Olympia“), den Gedanken „Schreiben ist Verankerung im Ich“ von Elisabeth Kössmeier und generell das Thema und die Textauswahl.

Eine Liste mit Fortbildungsveranstaltungen an der PH füllt ein Juli-Blatt, die Auflistung jener Theaterstücke, die ich für das Schauspielhaus-Abo mit meiner Klasse ausgewählt habe (Das goldene Vlies, Jugend ohne Gott, Die Physiker und Die Hauptstadt) ein August-Blatt.

Im September gab es außer ein paar Kleinigkeiten („Stadtbibliothek verlängern“) nichts zu notieren. Irgendwie erstaunlich, aber für mich schon nachvollziehbar: Die Sommerferien 2018 waren wirklich erholsam gewesen, der Kopf frei und aufnahmebereit. Alles, was zu tun war, wurde entweder nur geistig oder im Moleskine notiert.

„Bedeutung von Literatur als SprachSPIEL“ steht im Oktober einfach so da. Aber ich weiß schon wieder, das habe ich mir im Zusammenhang mit den Tagen der Literaturdidaktik in Wien notiert. Da ging es diesmal um „Literarisches Lernen im Kontext Sprachlicher Bildung“ und u. a. um Humor als Unterrichtsprinzip. Auch darüber wollte ich ja schon längst schreiben. Neujahrsvorsatz!

Im November lese ich „Gutachten für Diplomarbeit“, „Themenpool für Deutsch-Matura“ und „Portfolios korrigieren“. Ja, der November war dicht. „Gutachten für Diplomarbeit“ bezieht sich auf eine Tätigkeit, die ich nun schon zweimal wahrgenommen habe, nämlich Diplomarbeiten zu begutachten, die für einen Preis der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung vorgeschlagen wurden.

Tja, und danach findet sich noch eine Liste: Eine Namensliste von Menschen, bei denen ich mich zu Weihnachten bedanken wollte, denen ich eine Kleinigkeit schenken wollte. Es gelingt mir eh nie, all das umzusetzen, was ich mir vornehme, und auch in dieser Liste finden sich ein paar Menschen, denen ich schlussendlich dann doch wieder nichts geschenkt habe. Trotzdem: Vieles ist sich ausgegangen, so manches wurde umgesetzt, etliches habe ich geschafft, einigen gedankt. Ein paar unerledigte Altlasten dürfen zu Neujahrsvorsätzen mutieren. Ist eh nur Zahlenspielerei, das mit dem neuen Jahr. Aber: Danke, Anne, Eva, Doris, Christiane, Gerda, Claudia und all den anderen KollegInnen, denen ich das längst schon (wieder) einmal sagen wollte!

(nemo)

 

 

 

 

Silent Walk

Mit meinen SchülerInnen aus dem Wahlpflichtfach Deutsch habe ich letzte Woche einen „Silent Walk“ zum Christkindlmarkt durchgeführt. Unser Ansinnen war es, ganz aufmerksam und ohne zu reden von der Schule bis zum Domplatz zu gehen und dabei so viele Eindrücke wie möglich aus der Umgebung aufzunehmen.

Zuerst haben wir ein paar nachdenklich stimmende Texte von Walter Müller gelesen, danach sind wir losmarschiert. Vor dem Dom haben wir uns getroffen und kurz ein paar Eindrücke ausgetauscht. Um unsere Gedanken gleich schriftlich festhalten zu können, haben wir uns einfach in den Dom gesetzt und eine halbe Stunde lang geschrieben, bevor wir dann noch einen Punsch zu uns genommen haben und wieder zur Schule zurückspaziert sind.

Gestern haben wir einander die vor einer Woche begonnenen und während der Woche be- und überarbeiteten Texte vorgelesen. Jede(r) einzelne SchülerIn hatte etwas geschrieben, alle haben sich auf ihre Weise mit Weihnachten, mit den Versprechungen, Verheißungen und „Verquerungen“ von Weihnachten auseinandergesetzt.

So wie die SchülerInnen sich gegenseitig und mir ihre Texte vorlesen, so lese auch ich ihnen die meinen vor. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein gemeinsames Arbeiten und Austauschen, wie es schöner nicht sein könnte. Für mich Schule at its best.

(nemo)

Bevor es Nacht wird im Advent

Verlassene Gassen, grauer Asphalt
Von leeren Blicken der Weg gesäumt
Eingehüllt in eine Decke sitzt
An jeder Ecke jemand und wartet.

Bleiche Gesichter treiben vorüber
Erwartungsvoll den Blick gesenkt
Wie Kranke hängen sie an ihrem Tropf
Zugedröhnt und in sich verkabelt.

Besinnungslos essen und noch viel mehr trinken
Festgehalten im Bild, gleich mehrfach verschickt
Nebenan das Christkind, es verkauft seine Lose
Kein Wunder wird’s geben, nicht heut nicht und morgen.

Vor dem Dom stehen Kinder und singen stumm
Die Dunkelheit erst bringt uns die Hoffnung zurück
Hell erleuchtet die Stadt und erlöst nun vom Tage –
Vom heute gewesenen Tage.

Salzburg, 11.12.2018

 

Orthographie und Interpunktion (Fortbildung)

Über eine Veranstaltung im November möchte ich gerne noch berichten: Es ist ja vielleicht ein bisschen komisch, dass ich mich noch für Fortbildungen zu den obigen Themen interessiere, aber wenn Wolfgang Schörkhuber, der Fachdidaktik im Fach Deutsch an der Uni unterrichtet, Fortbildungen für die PH Salzburg organisiert, an der HAK Neumarkt unterrichtet und ein Schulbuch verfasst hat (das ist das, was ich von ihm weiß ;-), aber es gibt sicher noch viel mehr…), eine Fortbildung empfiehlt, weiß ich, dass ich mich dafür interessieren sollte. Er hatte bisher immer, wenn ich dabei war, hervorragende Vortragende verpflichtet, die in intessanten Bereichen forschen. Bei Rechtschreibung und Grammatik denk ich mir ja immer, dass da noch was gehen muss.

Dieses Mal war Astrid Müller, Professorin für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Uni Hamburg für eine Vorlesung und einen Workshop-Tag eingeladen.1 Ich war beide Male anwesend, einmal sogar mit Hund.

Am Abend des 15. November hielt Prof. Müller eine Vorlesung im Unipark. Die Zusammenarbeit zwischen Universität und PH ermöglicht solche Veranstaltungen überhaupt erst, da die Kosten geteilt werden können. Astrid Müller berichtete über aktuelle Entwicklungen in der Orthographie- und Interpunktionsdidaktik. Ein beträchtlicher Anteil (so zwischen 14% und 22%) der SchülerInnen in Deutschland erreichen die Mindesstandards in den Tests nicht. Für Österreich gibt es keine Werte, da „bei der Standardüberprüfung für die 8. Schulstufe 2016 eine Neuskalierung erfolgte“. (Da hab ich wieder einmal nix davon mitbekommen…).

Besonders häufig sind jedenfalls Fehler bei

  • der satzinternen Großschreibung
  • der Getrennt- und Zusammenschreibung (die auch mit der letzten Rechtschreibreform zusammenhängen)
  • und der Interpunktion – oder eigentlich nur der Beistrichsetzung. Sie ist auch noch die Hauptfehlerquelle von Studierenden.

Aus diesen Analysen enstanden die Forschungsfrage „Unterstützt ein an der Struktur orientierter Rechtschreibunterricht die Leistungen im Bereich Wortschreibung besser als ein phänomen- und regelorientierter Unterricht?“ und entsprechende Versuche in 15 Hamburger Schul- und zehn Vergleichsklassen über den Zeitraum eines Semesters hinweg. In der Arbeit mit dem Silbenhaus zum Beispiel werden zweisilbige Wörter eingesetzt und die Verdopplung von Konsonanten (oder eben nicht) gemeinsam mit den Kinder untersucht. Zweisilbige Wörter deswegen, weil die meisten von ihnen zum nativen Wortschatz gehören. (Die meisten Mehrsilber dagegen nicht, sie sind Fremdwörter und funktionieren anders.)

Also:

  • Die meisten deutschen Wörter sind zweisilbig (außer „Ebene“).
  • Fast alle haben ein „e“ in der Reduktionssilbe.
  • Der Anfangsrand der zweiten Silbe beginnt immer mit einem Diphthong.Silbenhaus

Der Vorteil der Methode mit dem Silbenhaus liegt darin, dass die SchülerInnen die Struktur eines Wortes sehen und sich damit selbst erarbeiten können. Ähnliche Erkenntnisse gibt es auch zur satzinternen Großschreibung und zur Beistrichsetzung.

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Besonders spannend bei den Lösungsansätzen von Prof. Müllers Forschungsgruppe ist, dass sie völlig pragmatisch sind. Sie orientieren sich an den Fehlerhäufigkeiten und daran, dass Rechtschreibkenntnisse im Berufsleben immer noch eine wichtige Rolle einnehmen. Die häufigsten Schwierigkeiten werden analysiert und trainiert. Was man umgehen kann – z.B. die Silbentrennung – wird umgangen. Ihre Hauptzielgruppe sind Kinder der Grundschule und der Sekundarstufe 1 und für diese hat Müller gemeinsam mit Melanie Bangel „Wörtern und Sätzen auf der Spur. Mein Rechtschreibheft“2 herausgebracht. Ich werde es ausprobieren, ich glaube auch, dass Kinder diese Übungen sehr gerne machen werden und sie auch Erfolge sehen werden.

(juhudo)

1 Sie ist auch eine der HarausgeberInnen von Praxis Deutsch. Zeitschrift für den Deutschunterricht.
2 Müller, Astrid und Bangel, Melanie: Wörter und Sätzen auf der Spur. Mein Rechtschreibheft. 2. Aufl., Seelze 2018.

Hundestunde

Ich habe mich in den letzten Monaten unter anderem damit beschäftigt, mit meiner Hündin Caramba die Ausbildung zum Therapiehundeteam zu machen. Das hat von April bis Ende November gedauert und falls sich jemand für eine ausführliche Dokumentation interessiert, kann sie hier nachgelesen werden.

Heute war es für uns das erste Mal, dass wir „professionell“ in der Schule gearbeitet haben. In den ersten Klassen stehen Haustiere auf dem Lehrplan und Hunde gehören da natürlich dazu. So wurden wir in die 1D eingeladen, um über Hundesprache zu informieren. Das Thema scheint mir wichtig, da es zu dem einen oder anderen Unfall wohl nicht kommen würde, wenn sich sowohl HundehalterInnen als auch jene, die es nicht sind, besser bei dem Verhalten der Vierbeiner auskennen würden.

Der Freitag ist ein Tag, an dem ich nur zwei Stunden unterrichte, aber weitere zwei Stunden in der Schulbibliothek arbeite. Eine davon wurde zur Hundestunde umgewidmet, die davor verbrachten wir bei den Büchern. Meist ist während der Stunde nicht so viel los (außer, wenn Unterricht stattfindet), aber diesmal schickte eine Kollegin etwa zwölf Kinder während einer Supplierstunde herüber – und die entdeckten ganz schnell meine Hündin und waren in ihrer Freude nicht zu bremsen. Daher wurde spontan gefüttert, getrickst und gestreichelt – Caramba hatte ihren Spaß, aber eigentlich sollte ihr „Job“ ja erst beginnen.

Zu Beginn der nächsten Stunde ging es dann in die 1D. Die Kinder erwarteten uns mit einem weiten Sesselkreis und Caramba stellte sich damit vor, dass sie jede/r füttern (mit der Hand oder mit Hilfe eines Löffels) und streicheln durfte und wir vorzeigten, was wir so an Tricks draufhaben. Anschließend hatte sie Pause und ich zeigte die Fotos zur Hundesprache, zum Erkennen von Stress und Angst und zu den höflichen Beschwichtigungssignalen, die ich (in wirklich vielen Stunden) zusammengesucht und in eine Präsentation verpackt hatte. Die Kinder haben eine gute Beobachtungsgabe und verstanden und spürten ganz schnell, wie es um die Hunde auf den Bildern stand.

Abschließend lief Caramba brav durch zwanzig Kinderbeine durch und machte mit beinahe jedem Kind ihre Kunststücke wie Rolle, Pfote geben, High Five, Nasentouch oder Männchen, was – glaube ich – allen am besten gefiel. Mir hat diese Stunde sehr viel Spaß gemacht und meinem Hundemädel auch.

Danach musste sie noch zwei Stunden im Informatikraum durchhalten, ich hatte ja noch zu unterrichten. Die erste Stunde verschlief sie, aber auch mit den neuen Klassen musste wieder ein bisschen gestreichelt werden. Sie war wieder dabei. Am Nachmittag war dann außer einer Entspannungsrunde nichts mehr los. Die Arbeit eines Therapiehundes ist  so anstrengend, dass geschlafen werden musste. Und auch die nächsten Tage sollte nicht allzuviel passieren, damit Caramba sich richtig erholen und wieder einmal  eingesetzt werden kann.

Aber was mich besonders freut, ist – abgesehen davon, dass das Arbeiten mit meiner Hündin so gut klappt und dass sie ganz offensichtlich Freude an den Kindern hat und ziemlich stressresistent ist -, dass es so viel Lächeln in die Gesichter der SchülerInnen zaubert, wenn sie in der Schule einem Hund begegnen. Einige wenige fürchten sich aber auch und es wäre sehr schön, wenn wir da in Zukunft ein bisschen helfen könnten.

juhudo

 

 

 

 

Die Geringschätzung pädagogischen Handelns und Wirkens durch die empirische Bildungswissenschaft

Ein Grund dafür, warum ich die langen Ferien im Sommer brauche, ist der Umstand, dass ich während des Schuljahres – also von September bis Anfang Juli – fast dauernd mit meinen Schülern beschäftigt bin: in der Schule während des Unterrichts, am Schreibtisch zu Hause beim Korrigieren – aber bei weitem nicht nur dort. Meine Gedanken kreisen, wenn ich nicht ohnehin konkret am schulischen Planen, Organisieren oder Administrieren bin, oftmals von früh bis spät, wochentags wie wochenends, um mein Fach und meine Schülerinnen und Schüler. Ich überlege, wie ich es am besten anstellen könnte, dass sie das, was mir wichtig erscheint, verstehen, was ich unternehmen könnte, damit sie das, was sie wissen und können sollten, besser begreifen, ob es nicht einen Text, ein Lied, einen Film gäbe, der sie in dieser Hinsicht zum Denken anregen würde, wie ich sie dazu bringen könnte, sich mit jenem Thema kritisch zu befassen.

(Deutsch-)Lehrerin zu sein ist eine gleichermaßen schöne und lustvolle wie anstrengende und extrem arbeitsintensive Tätigkeit. Es ist eine Tätigkeit, die mitunter an die Substanz geht. Ohne Erholungspausen nach acht, neun Wochen – etwa in den Weihnachts- oder Semesterferien – wäre die Tätigkeit schlichtweg nicht auszuhalten. Denn sie beschränkt sich nicht auf festgelegte Arbeitszeiten, sie findet auch beim Frühstück, unter der Dusche oder beim Laufen statt (da habe ich oft die besten Ideen!). Zu den stundenlangen Korrekturen von Hausübungen und Schularbeiten kommt eben immer noch die Beschäftigung mit Themen, Inhalten und Texten und der Frage, wie bringe ich es an die Schüler. Einzig in den Sommerferien komme ich aus diesem Kreislauf heraus.

Der einzige Grund, warum ich die enorme Arbeitsbelastung auf mich nehme: Ich will etwas für meine Schüler. Sie sind mir nicht egal. Ich verstehe meine Arbeit als Kombination aus fachlicher und erzieherischer Tätigkeit, die in erster Linie auf die Persönlichkeitsbildung der jungen Menschen abzielt. Das Engagement trägt Früchte, bisweilen gar prächtige, es zeitigt Erfolge und klappt häufig gut. Manchmal allerdings gelingt mein Tun nicht so, wie ich es gerne hätte, das erzeugt mitunter Frustration. Insgesamt aber beschert mir meine Tätigkeit ein intensives Glücksgefühl aufgrund der Resonanz, die ich zu spüren bekomme. Als Lehrerin präge ich meine Schüler durch mein Tun und durch mein Sein. Dahinter aber steht der Einsatz meiner ganzen Person und in so manchen Wochen (fast) meiner ganzen Zeit.

So wie mir geht es vielen KollegInnen, das glaube ich sagen zu können. Wir (Deutsch-)LehrerInnen arbeiten fast alle an der Belastungsgrenze. Dass bei unseren SchülerInnen trotzdem sprachliche und fachliche Defizite, mitunter auch gravierende, bestehen, ist uns bewusst. Der intensive Einsatz im Bemühen um sprachlich-fachliche Vermittlung muss ohne Erfolgsgarantie auskommen ebenso wie die Sorge um die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen naturgemäß kein Ergebnis proportional zum Einsatz hervorbringen kann.

Ein wenig stutzig kann man allerdings werden, wenn die neue Bildungswissenschaft auftritt und uns DeutschlehrerInnen – durch Studien und Statistiken immunisiert – erklärt, wo Defizite bestehen, welche Kompetenzen die Schüler nicht oder nicht ausreichend beherrschen und was wir dagegen unternehmen sollen. Anhand von so genannten Schülerperformanzen, die bei zentralen Testungen wie der Messung der Bildungsstandards oder der zentralen Reifeprüfung erhoben und anschließend „geratet“ werden, wird festgestellt, wie genau die vorab definierten Standards erreicht wurden – oder eben nicht. Objektiviert, anonymisiert und abstrahiert. Welche Persönlichkeiten, welche Menschen hinter den Zahlen stehen, spielt keine Rolle, ja es wird nicht einmal ausreichend reflektiert, wie die Daten zustandekommen. Übrig bleiben von Schülern mit ihrer individuellen Entwicklung, von spezifischen Schulklassen mit ihrer je eigenen Dynamik in Balkendiagramme gegossene Zahlen, die – und das ist das eigentliche Problem – mithin von der Öffentlichkeit oder auch von der Schulbehörde als relevanter erachtet werden als die Einschätzung von uns Lehrern.

Bei verpflichtenden Netzwerktreffen, wie wir kürzlich wieder einmal eines zu absolvieren hatten, werden wir LehrerInnen dann mit diesen Forschungsergebnissen konfrontiert und sozusagen „nachgeschult“. Gerüstet mit PowerPoint-Folien und Diagrammen erklärt man uns beispielsweise, dass es mit der Argumentationskompetenz der österreichischen Maturanten nicht zum Besten bestellt ist. Es wird uns angeraten, bereits in der Unterstufe anzufangen, Argumentationskompetenz aufzubauen, und es wird uns gezeigt, wie wir diese Kompetenz im Hinblick auf die bei der Matura gefragten Textsorten trainieren können.

Nicht, dass man sich nicht die eine oder andere Anregung von so einem verordneten „kollegialen Austausch“ mitnehmen kann (wiewohl sämtliche Ideen und Vorschläge in jedem x-beliebigen Lehrbuch zu finden sind und die Analyseergebnisse wahrlich keine neuen Erkenntnisse beinhalten). Die dahinter stehende Grundhaltung uns LehrerInnen, unserer fachlichen Qualifikation und unserem pädagogischen Wirken gegenüber empfinde ich jedoch als geringschätzig. Wenn ich in den Stunden des Netzwerktreffens alleine spazieren gegangen wäre oder mich informell mit einer Kollegin ausgetauscht, vielleicht deren Rat in Bezug auf diesen Schüler oder jene Klasse eingeholt hätte, hätte ich ein Vielfaches an guten Ideen und Anregungen erhalten. Ganz abgesehen davon, dass die meisten von uns an so einem Nachmittag im November ohnehin Schularbeiten zu korrigieren haben.

Für unsere SchülerInnen werden wir trotzdem auch weiterhin und ohne Unterlass weiterarbeiten. Ehrliche und ernst gemeinte Wertschätzung uns und unserem Tun gegenüber würde vielleicht aber auch nicht schaden – ob deren Auswirkung allerdings statistisch relevant im Hinblick auf unsere Performanz als LehrerInnen wäre, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen.

(nemo)