VWA again

Jetzt gehen uns schon bald die  Wiederholungswörter für die Überschriften der VWA-Postings aus. Was wir in den letzten Jahren darüber geschrieben haben, gilt alles noch. (VWA Runde 2 und VWA reloaded: Und jährlich grüßt das Murmeltier und noch ein paar andere. )
Ich möchte jetzt nur eine kleine Themenbilanz ziehen, darüber nämlich, womit mich die SchülerInnen in den letzten fünf Jahren konfrontiert haben. Keine/r von ihnen befand sich zur Zeit der VWA bei mir im Unterricht, fünf von ihnen kannte ich von einer unverbindlichen Übung in der 2. Klasse her, eine aus dem Informatikunterricht der 5. Klasse.

2015
Der Contergan-Fall: eine Aufarbeitung, inwieweit es möglich war, dass es zu einer so großen Zahl an Opfern kommen konnte und wie die Konsequenzen für die Betroffenen und die erzeugende Pharmafirma aussehen.
Narration von Computerspielen: Anhand des Computerspiels „A tale of Two Sons“ wird eine Verbindung zum klassischen Drama dargestellt.

2016
Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Ohne Literatur geht es bei mir nicht, deshalb werden mehrere Jugendbücher und ihr mehr oder weniger seriöser Umgang mit dem Thema Selbstverletzung analysiert.
BUSHIDO – vom Ehrenkodex zum Blockbuster: Der Weg des Kriegers von japanischen Aufzeichnungen bis zu „Der letzte Samurai“.

2017
Kulturelle Körperkunst: Maori-Tattoos und ihre kulturelle Bedeutung in Geschichte und Gegenwart.
Mangas – japanische Bildgeschichten: Die unterschiedlichen Manga-Arten werden erklärt und ein Fokus auf die speziellen Mädchenmangas gelegt und welche Rollenbilder sie zeigen und verfestigen.
Der romantische Pirat: Das Bild des Piraten in der Literatur und neuen Verfilmungen (Fluch der Karibik 🙂 )

2018
Kommunikation zwischen Mensch und Pferd: Kommunikation von Menschen und Pferden im Allgemeinen und inwieweit die Arbeit mit Pferden sich in den letzten Jahren durch die Kenntnisse darüber verbessert hat.
Die Veränderung des Urheberrechts durch die digitalen Medien: Urheberrecht und Creative Commons – welche neuen Anforderungen an ein Urheberrecht gestellt werden.

2019
Censorship – The FCC’s Regulation of Profanity and its effects on the usage of swear words in American broadcast TV series: die erste Arbeit auf Englisch. Inwieweit die Verwendung von Schimpfwörtern in amerikanischen Fernsehserien reguliert wird und ob sich daran gehalten wird.

2020 (coming soon!)
Das Darknet und der Drogenhandel
Manipulation durch Printmedien am Beispiel des Brexit

Also ich habe jedes Mal einiges dazugelernt!
(juhudo)

 

Netzwerktreffen Deutsch – das 16.?

Mit angemessen negativer Grundeinstellung musste ich wieder an einem der jedes Semester stattfindenden NETZWERKTREFFEN teilnehmen. Dieselbe Vortragende, deretwegen ich das letzte Mal – vor einem Jahr- beschlossen habe, NIE mehr wieder an einem solchen teilzunehmen. Ohne genauer darauf einzugehen, ich habe nie zuvor eine unprofessionellere Vorbereitung erlebt. Aber der Vorgesetzte hat angewiesen und so sitze ich nun in der EINZIGEN Fortbildung, die ich besuchen MUSS. Das gefällt mir natürlich nicht, aber ich bin ja nicht zum Spaß da. Wer mich allerdings kennt, weiß, dass ich beinahe sowas wie ein Fortbildungsjunkie bin. Nur die Qualität dieser “Netzwerktreffen” hat von Anfang an (2011?) viel zu wünschen übrig gelassen, und es gab auch schon die eine oder andere Auseinandersetzung und Diskussion deswegen. Wenn es nicht so wäre, könnte es durchaus sein, dass ich FREIWILLIG hier wäre. Und falls ich mich nicht irre, waren die drei einzigen Themen bisher die Bildungsstandards, die Neue Reifeprüfung und jetzt seit ein paar Jahren eben die NOST. Für ausreichende Wiederholungen ist jedenfalls gesorgt, damit gewisse Daten, Fakten und Einstellungen in die trägen LehrerInnengehirne gelangen können.

Die Vortragende gibt uns zu Anfang die Aufgabe, unsere Einstellung zur NOST (neue Oberstufe) mit Karteikarten auf einer Leine anzuklammern: Wer ist für die NOST und wer ist skeptisch? (Nicht dagegen!) Die Kärtchen dafür sollen an der Fensterseite (im Licht) an einer Wäscheleine aufgehängt werden. Wir sollen doch „mutig“ gegenüber Neuerungen sein! Doch die weitaus größte Anzahl der Kärtchen hängt im ablehnenden Bereich.

Meine eh schon niedrige Toleranzgrenze sinkt weiter. Wir sollen anscheinend positive Erfahrungen von KollegInnen mitgeteilt bekommen, in deren Schulen die NOST ausprobiert wird. Die Kollegin, deren Schule aus diesem System wieder ausgestiegen ist, kommt nicht. Warum, erfahren wir nicht. Es sind nur wenige Schulen zum ersten vorgesehenen Zeitpunkt eingestiegen, drei AHS, einige BHS – und es gab bei diesen wenigen auch wieder Ausstiege, als es möglich war. Meist waren es einzelne DirektorInnen, die das Projekt unbedingt verfolgen wollten.

Nost1

Kommt die NOST überhaupt und wenn, wann? Bildungsminister Faßmann hat ja eine weitere Verschiebung möglich gemacht und veranlasst, dass erst einmal evaluiert wird, bevor sie alle umsetzen müssen. Danke!  (Während ihrer Einleitung hält die Vortragende immer einen A3 Block mit Bulletpoints in die Höhe. Quasi Powerpoint-Folie, aber nicht lesbar. Und sie meint, dass es ja nicht unbedingt Powerpoint sein muss. Aber es gäb ja Tafeln oder Flipcharts… Aber, da wir alle Punkte über die NOST eh schon kennen, macht es fast gar nix, dass man das nicht lesen kann.)

7 VORTEILE siehe Foto 😉

Nost3

„Es gibt ein tolles Frühwarnsystem…“ – als ob es bisher keines gäbe …

Was mich wieder einmal unglaublich nervt: Es steht da eine thematisch aufgerüstete Lehrperson vor mir, die offensichtlich den Auftrag hat, uns die Unsinnigkeit unserer Skepsis vor Augen zu halten und unsere Meinung um 180° zu drehen. Ihre euphemisierende Wortwahl lässt für mich keinen anderen Schluss zu.

6 NACHTEILE siehe Foto!

Die Aufzählung der Nachteile ist wesentlich kürzer als die Aufzählung der Vorteile. (Aber sie hält tapfer ihren Block hoch.)

Nost4

Erfreulicherweise geht es auch anders. Die Kollegin und der Kollege aus den NOST-Schulen berichten ganz sachlich über ihre Erfahrungen und verschweigen auch nicht, dass nicht alle KollegInnen an ihren Schulen der Meinung sind, dass es sich um eine Verbesserung handelt. Bei der Einführung erhoffte sich die eine Schule Wettbewerbsvorteile und an der anderen war es das Projekt eines Direktors, der die Neuerung unbedingt durchsetzen wollte.

Schule 1:
2017 eine Idee des Direktors ohne Abstimmung. Er konnte weder Eltern noch Lehrer ins Boot holen und ließ nach einem Jahr auch keinen Ausstieg zu. Widerstand gegen die NOST kam offen auf, Konfrontation, wieder Entspannung, keine Abstimmung, aber nix Spezielles mehr.  Die große Mehrheit der LehrerInnen ist nach wie vor dagegen, bei den SchülerInnen ist Entspannung eingetreten – naja. Die Kollegin selber aber findet mittlerweile das Bewertungssystem gut, da zum Beispiel ja auch Literaturgeschichte zu einem nicht kompensierbaren Bereich erklärt werden kann.

Schule 2:
Die AHS am Land sah eine Chance für sich,  Schüler mit der Hoffnung, nicht sitzenbleiben zu können, an sich zu binden (statt HAK etc.) Kein Ausstieg, weil nicht klar war, wie es weitergehen sollte, und dann unterschiedliche Systeme in einer Oberstufe. NOST-Phase – altes System – NOST Phase 2 (von der wir noch nichts wissen). „Wir haben eine gewisse Routine und auch einen Pragmatismus entwickelt …“ „Wir haben uns ganz schön eingerichtet …“ LehrerInnen und SchülerInnen sind nicht mehr so dagegen …

Ein BORG ist ausgestiegen mit der Begründung, dass das Systen nicht für die Schulform passt.

Fazit:

  1. Wieder einmal zwei Stunden lang Zuhören über etwas, mit dem wir seit Jahren befasst sind.
  2. Gut war es, einmal unmittelbare Erfahrungen von fachlich kundigen KollegInnen zu hören.
  3. Der große Vorteil für die SchülerInnen hat sich mir wieder nicht erschlossen, die großen Nachteile für die LehrerInnen jedoch erneut.
  4. Vor der dritten Stunde bin ich gegangen. Die anderen TeilnehmerInnen sollten sich in Gruppen weiter mit den Vor- und Nachteilen befassen. Durchgemischt nach den Karteikarten, die wir zuvor aufgehängt hatten, damit die „SkeptikerInnen“ doch noch an diesem Nachmittag überzeugt werden. Irgendwie wie auf einer Tupperparty …

juhudo

Der Trost runder Dinge (Lesetagebuch)

Manchmal gehen Wünsche ganz schnell in Erfüllung. Mitte letzter Woche wünschte ich mir in einem Gespräch mit einem gleichdenkenden Kollegen einen neuen Band Erzählungen von Clemens Setz und – voilà – am Freitag lese ich davon. Die zentrale Welser Buchhandlung hatte leider am Samstagnachmittag geschlossen, aber in der Bahnhofsbuchhandlung in Salzburg lag am Sonntag ein kleiner Stapel für mich bereit. „Der Trost runder Dinge“ heißt der 314 Seiten starke Band, diesmal mit keiner Erzählung gleichlautenden Namens darin.

Ich bin ja seit dem Erscheinen von „Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes“ ein Fan von Clemens Setz, am besten gefallen mir seine Erzählungen und Gedichte, weil da sein untergründiger Blickwinkel auf die Welt und was er dort findet, für mich am eindrucksvollsten zu erkennen ist. Und mit seinen Texten als Klassenlektüre habe ich schon spannende Erfahrungen machen dürfen.

Und mit dem neuen Band habe ich mir vorgenommen, meine Leseeindrücke unmittelbar aufzuschreiben. Lesetagebücher erwarte ich mir ja hin und wieder von meinen SchülerInnen, wobei ich gerne – neben kurzen inhaltlichen Passagen – den Fokus auf „Ist dir etwas Besonderes aufgefallen?“ oder „Sind die Verhaltensweisen der ProtagonistInnen nachvollziehbar“  lege. Also schreibe ich auch über das Sonderbare, das was mich irritiert, und das, was mir gefällt.

12. Februar, Vormittag

Manchmal werde ich ja geradezu gezwungen, ein Buch von hinten zu beginnen, wenn sich nämlich das Inhaltsverzeichnis dort befindet. Zwanzig Titel, der letzte heißt Jugend. Da ich von hinten nach vorne zurückblättere und er nur drei Seiten lang ist, beginne ich gleich einmal damit: Ein Kind erfährt von seinem gerade überaus glücklichen Vater, dass sein Körper wieder auf etwa zwanzig Jahre zurückgesetzt worden sei, ein Farbwechsel durch einen Kometeneinschlag auf dem Jupiter sei die Ursache. Aber da dem Vater klar wird, dass er in diesem Alter noch keine Kinder hatte, lässt er aber ziemlich verzweifelt zu, dass seine Zellen wieder altern. „Es wäre schön, wenn die Jugend tatsächlich irgendwo in der Zukunft auf uns warten würde.“ (S 315)

Die zweite Geschichte Vorgehen ereignete sich ebenfalls beim Zurückblättern, weil nur wenige Zeilen lang. Ein Uhrmacher und ein kleines Ungeheuer erinnern mich an die Kinderbücher von Sven Nordquist.

Dann gezielt ausgesucht: Spam. Ich mag an Setz gerne, wie er sich mit Besonderheiten des Internets auseinandersetzt. Zum Beispiel liest er aus einem Wikipedia-Eintrag über Bibi Blocksberg ein wunderbar trauriges Gedicht heraus und auch in Spam bedient er sich eines Internetphänomens, nämlich einer dieser Mails, in denen in Translaterdeutsch ein Millionenbetrag angekündigt und für dessen Übermittlung Finanzierung erbeten wird. Es wird hier zwar auch um Geld gebeten, aber der Grund ist ein ganz anderer und  die „Übersetzung“ ist oft wunderbar poetisch, geradezu innig.

„Die Minuten zu zweit auf dieser im Sommer Sitzgelegenheit haben mir stark im Gedächnis, dass zwar über die Jahre flieht und sich an die Zeit verloren, aber dennoch noch als wäre es gerade mal gestern in den Sternen geschrieben.“ (S 149)

Oder:

„Und daher hoffe ich so, dass diese meine automatisch durch Translate.template Sprachen reisende E-Mail-Nachricht im Internet verfielfältigt, immer weiter zu schicken und zu schicken übersetzen senden automatisch, bis wir dich finden, in dem Bart und der Form deines Alters bei ungefähr sechzig Jahre genau nach meiner dieser hypothetischen Dauer.“ (S 155)

Die zwei Tode. Wieder zur wenige Zeilen, wieder gegenseitiges Erkennen zweier Kreaturen, ein bisschen wie in Vorgehen. Schön!

Kvaløya, die Wal-Insel. Dorthin reisen die Ich-Erzählerin und das Or. Wir erfahren über das Or, dass es nicht einfach ist, mit ihm zu verreisen. Man kann ein Buch auf ihm ablegen und es knurrt leise im Schlaf. Es reagiert auf viele Dinge, als erfahre es sie zum ersten Mal. Es stellt ein Problem in Hotels und Restaurants dar. Nicht einmal Hunde kommunizieren mit ihm. Es kann traurig erscheinen und sich am Bein der Erzählerin festklammern. Sätze wie „Langsam, aufgehalten von vielen Nebensächlichkeiten, gelangten wir in ein Viertel, das zu keiner echten Gassenbildung fähig war. Die Häuser hier standen da, als hätten sie noch zu beraten, wie sie dereinst verbunden zu werden wünschten.“ (S 44) oder „Nur die Boote räusperten sich an der Kaimauer“ (S 45) stellen die eigentliche Handlung dar. Und das Or reagiert auf Grimassen.

13. Februar Abend

In Die Gesichter in den Liftspiegeln der Hochhäuser sehnt sich ein wieder  namenloser Er-Erzähler nach einer Beziehung. „Im Internet gab es so viele Frauen, dass er darüber oft in Wut geriet.“ (S 105) Ich habe mir in Laufe des Lesen ein schreckliches Ende vorgestellt, aber der Autor lässt mich nicht dorthin gelangen…

Das Schulfoto: Diese Geschichte erinnert mich an einige aus dem „Mahlstädter Kind“. Eine Schuldirektorin und ein Vater befinden sich in einem äußerst peinlichen Gespräch über eine sehr (oder zu?) weitgehende Form der Inklusion. Die Tatsachen werden nur sehr langsam aufgedeckt und die Gesprächspartner befinden sich in einer spannenden Situation von Argumenten, Ausflüchten und Peinlichkeiten.

Ein Mann, der als Kellner und Pedell jobt, geht eine zuerst sexuelle Beziehung mit einer blinden Frau ein. Wunderbar, als er aber zum ersten Mal ihre Wohnung betritt, stehen überall ordinärste Schimpfwörter an den Wänden, den Türklinken, sogar auf dem Vertilator.  Das lenkt den Ich-Erzähler ab und jedesmal, wenn er wieder kommt, kann er nicht umhin, weiter und weiter zu lesen, aber es ist im unmöglich, das Thema bei seiner Freundin anzuschneiden. Das einzige unbelastete Wort findet sich auf einer Sessellehne und lautet Otter Otter Otter – es wird zu so etwas wie einem Mantra zwischen den „Swearwords“. Aber aus vierzehn Tagen werden zwei Wochen und der Erzähler muss sich diesem Thema doch einmal stellen…

16. Februar, Abend

Das alte Haus. Eine Geschichte mit unerwarteten Wendungen, in der der Ich-Erzähler ein Haus besucht. Er behauptet, dort als Kind gewohnt zu haben, doch diese Erinnerungslücken! Und der Leihanzug und der Teaser!

Suzy nimmt einen ganz schön mit. Der sechzehnjährige, aus einer gutbürgerlichen Familie stammende Marcel hinterlässt seine Telefonnummer in der Toilette eines Lokals, in dem er und seine Freunde sich aufhalten, um

„Frauen anzusehen, die dort als stille Sci-Fi-Sendbotinnen von Tisch zu Tisch gingen, auch das unerwartete Wunder an der Metallstange hatten sie minutenlang bestaunt: eine nackte Frau, die sich allein mit dem Innendruck ihrer Kniekehle einen Meter über dem Boden halten konnte. “ (S 295)

Es kommen erste Anrufe, Marcel gibt sich als Zehnjähriger aus, dessen Mutter eine Prostituierte ist und der mit Strafe zu rechnen hat, weil er ans Handy gegangen ist. Er beginnt diese Gespräche zu genießen, sie wirken sich positiv auf sein Selbstbewusstsein aus und sein Leben wird irgendwie intensiver. Doch dann will ihn jemand aus dieser Situation „retten“ und er beginnt alle Anrufer über seine Täuschung aufzuklären. Als noch eine Frau anruft, überlegt er sich Aufklärungen wie: „Am Anfang war’s schon cool. So als würdest du einen Radiosender von einem anderen Kontinent empfangen.“ (S 311)

17. Februar, Vormittag

Zauberer. Ah, daher stammt der Titel des Bandes. „Die meisten Dinge in der Stadt wirken im Winter um vieles weicher und runder, und der allgemeine Trost runder Dinge ist etwas, für das die Dauer eines Menschenlebens glücklicherweise nicht ausreicht, um dagegen immun zu werden“. (S 199) Dieser Trost scheint für Annamaria, die Mutter eines im Koma liegenden Mannes etwas Vielfältiges und gleichzeitig Einschlägiges zu sein. Und einfach macht sie es ihrem Besucher wirklich nicht.

[… bald geht’s weiter, aber der Text will jetzt schon online gehen …]

juhudo

„Finden ohne Suchen“. Flanieren in der Bibliothek

Teresa Präauer hat vor einiger Zeit einen schönen Text über den Wert von Freihandbibliotheken geschrieben. Ihr Plädoyer für diese Art von Bibliothek, in der die Bücher präsent sind, herausgenommen, aber auch wieder zurückgestellt werden können, haben wir heute im Wahlpflichtfach Deutsch zum Anlass genommen, um uns in der schuleigenen Bibliothek herumzutreiben. Wir wollten Bücher finden, ohne wirklich danach zu suchen – erst recht nicht mittels einer Suchmaschine. Nach einiger Zeit des „Flanierens in der Bibliothek“ haben wir uns zusammengesetzt und „Blindes Texte-Raten“ gespielt – ungefähr so, wie es Teresa Präauer am Ende ihres Artikels beschreibt: Man liest die erste Seite eines Buches vor und die anderen raten, wer es geschrieben haben könnte. Ist es ein zeitgenössischer oder schon ein älterer Text? Wurde er von einem Mann oder einer Frau verfasst? Handelt es sich um deutschsprachige oder übersetzte Literatur?

Wie immer wurde uns die Zeit zu kurz – auch deshalb allerdings, weil wir uns davor noch den Filmtrailer angeschaut haben, den drei der SchülerInnen im Rahmen ihres Deutschunterrichts zu Juli Zehs Corpus Delicti gedreht hatten. Die anderen KursteilnehmerInnen (und ich) waren von der dramatischen Qualität des Trailers begeistert. Ganz nebenbei und (fast) ohne mein Zutun wurde auf diese Weise zusätzlicher „Stoff“ besprochen. Wir haben über den Inhalt des Romans und über die Autorin geredet, ich habe die Begriffe „Dystopie“ und „engagierte Literatur“ beigesteuert – und die SchülerInnen, die nicht am Filmprojekt beteiligt waren, haben ein Buch kennengelernt, das ein paar vielleicht sogar bis zum nächsten Mal (oder auch später einmal) lesen werden …

(nemo)

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

518yqITusqL._AC_US327_QL65_Immer auf der Suche nach Literatur, die auch Literaturgeschichte vermitteln kann, bin ich auf „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gestoßen. Es geht darin um Annette von Droste-Hülshoff, die als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen gilt. Ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört meiner Meinung nach zumindest zum erweiterten Literaturkanon für die Schule, mit ihrer Lyrik habe ich mich noch nicht viel auseinandergesetzt, aber in meinem bevorzugten Unterstufenbuch findet sich die Ballade „Der Knabe im Moor“, mit der man einiges anfangen kann.

Den Gedanken, den Roman als Klassensatz für unsere Schule anzuschaffen, habe ich allerdings sofort angesichts der Seitenzahl verworfen: 592! Das darf man niemandem antun, der das nicht von selber will. Und auch bei mir lief das Buch ja nur unter ferner liefen, ich wollte es ja nicht für mich persönlich lesen und mein Stapel der ungelesenen Bücher (Tsundoku!) ist konstant hoch, also griff ich auf meine Alternative zurück: Hörbuch. 15 Stunden und 12 Minuten vorgelesen von Karen Duve selber. Und was soll ich sagen? Der Text hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.

Es geht nicht nur um die Liebesgeschichte einer jungen, nicht ganz so angepassten Frau vor zweihundert Jahren, es wird ein Sittengemälde rund um die Familie, die Kontakte mit den Brüdern Grimm, Heinrich Heine, Clemens Brentano und anderen hatte, die sich auf das altdeutsche Kulturgut zurückbesinnen wollten, gezeigt. Ich konnte mit den Figuren Reisen auf furchtbaren Straßen erleben, ich empfand die Langeweile von Freifräuleins, die keine Aufgabe im Leben haben, wenn sie nicht geheiratet werden, und deren Wert innerhalb der Familie nur mäßig ist, wenn sie eigene Gedanken kompromisslos vertreten. Ich wunderte mich über die skurrilen Figuren der Grimms oder der altdeutsch gesinnten Studenten in Göttingen, der Freunde von August von Droste zu Hülshoff. Ich fror mit Heinrich Straube, dem mittellosen Studenten, den Annette wirklich zu lieben glaubt, wenn er sein Zimmer auf die Temperatur von 14 oder 15 Grad heizen kann. Und wie lange die Beförderung eines Briefes dauerte …

Natürlich ist er nicht standesgemäß und kommt für eine Verbindung nicht in Frage, aber Annette hat ja auch nicht wirklich die Möglichkeit herauszufinden, wie das ist, jemanden zu lieben, und da sie selbst innerhalb ihrer Familie kaum Anerkennung bekommt – im Gegenteil, sie wird vor allem von ihren Brüdern klein gehalten – , findet sie es schön, dass sich jemand ihrer Gedichte annimmt. In einer wunderbaren Szene küsst Straube sie unbeholfen, doch die junge, sehr kurzsichtige Frau sieht seine schlechten Zähne und riecht seinen strengen „Flausch“ (Mantel) – das lässt also nicht direkt Verliebtheit zu. Doch es entsteht eine Seelenverwandtschaft, die beide letztendlich unglücklich macht. Die Kussszene wird übrigens im Abstand von mehreren hundert Seiten aus der Sicht beider Beteiligter geschildert. Er empfindet seine Nase als zu groß und seine Brille verrutscht – sie lässt alles über sich ergehen und beobachtet ihre Empfindungen.

In dem „kurzen Sommer“ finden mehrere Männer das unangepasste Freifräulein anziehend und das lässt letztendlich auch die Beziehung zu Straube nicht weiter entstehen. Richtig sympathisch wird einem diese Annette von Droste-Hülshoff nicht, aber man erkennt das Potenzial einer Frau, die vor 200 Jahren für unpassend gehalten wird und sich nicht entwickeln darf.

Karen Duve hat gut recherchiert und einen historischen Roman geschrieben, dessen Figuren lebendig werden und etwas über den Beginn des 19. Jahrhunderts erzählen. Die starrsinnigen, eigenbrötlerischen Grimms, der extrovertierte Heinrich Heine, der immer wieder in Gesprächen bewunderte Goethe, August von Droste-Hülshoff, der Heinrich Straube als neuen Goethe verehrt und finanziell unterstützt, die Schwestern und Tanten der Familien Droste-Hülshoff und Haxthausen und ihre Lebensumstände sind in diesem Roman gut aufgehoben und ich konnte ein Stück des Weges mit ihnen zurücklegen und erfahren, wofür sie ich interessiert haben. Ich hab mich ungern von ihnen getrennt, aber ich bin sehr froh, dass ich nicht in dieser Zeit leben musste. (juhudo)

Im Kulturjournal des NDR kann man ein bisschen etwas über den Roman von Karen Duve selbst erfahren:

Und hier kann man die erste Viertelstunde des Hörbuchs ausprobieren:

Mein 2018-Kalender. Ein Jahresrückblick

Bevor ich meinen Tischkalender vom gerade noch nicht vergangenen Jahr durch einen neuen ersetze, habe ich ihn noch einmal durchgeblättert. Was hatte ich mir im Laufe des Jahres notiert? Was davon war bloß dem Tagesgeschäft geschuldet und kann getrost entsorgt werden, was davon ist es wert, hier und jetzt erwähnt zu werden?

Der allerwichtigste Kalender ist ja eigentlich mein Kopf. Solange nicht allzu viele Termine anstehen, solange die Zeiten nicht gar zu dicht werden, reicht mein Gedächtnis aus. Zur materiellen Unterstützung habe ich einen Moleskine-Kalender in der Schultasche, um Termine und Dinge zu notieren. Häufig genügt es aber, die Termine und Dinge dort einzutragen, nachschauen tu ich selten. Wie gesagt, das Gedächtnis funktioniert. Meistens halt und solange sich nichts überschlägt.

Den Tischkalender auf dem Schreibtisch zu Hause benutze ich vor allem, um Listen zu erstellen, wenn ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Oder um etwas zu notieren, was ich nicht vergessen will. Also, fangen wir von vorne an:

Gleich auf der ersten Seite im Januar 2018 steht: „Mami ist die beste!“ Auch klein geschrieben ist das das Beste und Schönste, was auf dem Kalender steht. Danke, allerbestes Kind!

Daneben habe ich ein paar „Poolthemen“ für die Französisch-Matura notiert: Essen und Trinken, Kleidung sowie Gesundheit. Quasi menschliche Grundbedürfnisse, die man als MaturantIn aus einem „Themenpool“ ziehen kann, um sie sodann vier Minuten monologisch und acht Minuten dialogisch zu zerreden. Dazu ist aus meiner Sicht bereits alles gesagt.

Gehaltvoller wird’s im Februar. Da steht: „allgemeine Menschenbildung“ und danach: „Was ist Kunst/Literatur? Die besten und exzeptionellsten Formen, in denen Menschen über ihr Menschsein nachgedacht haben.“ Lernen mit und durch Literatur sei „exemplarisches Lernen mit Hervorbringungen des Menschen, wo das Menschsein zur Disposition gestellt wird“. Ich erinnere mich, so (oder so ähnlich) hat Konrad Paul Liessmann das bei einer Podiumsdiskussion beschrieben. Gut, dass ich das auf meinem Kalender festgehalten habe!

Darunter ist zu lesen: „Literaturunterricht als Ort migrationsgeschichtlicher Praxis“. Oh ja, das verweist auf das Lehrwerk Deutschunterricht in der Migrationsgesellschaft. Eine Einführung von Heidi Rösch. Das Buch verwende ich im Konversatorium iu„Interkultureller Deutschunterricht“, das ich am Fachbereich Germanistik der Uni Salzburg immer wieder einmal halte. Darüber wollte ich längst schon einmal ausführlicher in diesem Blog berichten. Neujahrsvorsatz!

Im März sind gleich mehrere Telefonnummern aus Belgien, Holland und Deutschland vermerkt; „Bahnhof DB“ steht auch da. Ja, natürlich, da habe ich intensiv an der Klassenreise gewerkelt. Im Rahmen des Kulturprojektes „Europa schreiben“ sind wir Ende April nach Brüssel und Amsterdam gefahren. Ein schulisches Highlight des Jahres 2018.

Im April eine Liste mit Dingen, die unbedingt zu tun waren: „Koffer einbuchen“, „Garage“ und ähnliche damals unaufschiebbare Sachen sind vermerkt. Das schulische Highlight des Jahres 2018 hatte seine Schatten vorausgeworfen …

Bereits Anfang Mai findet sich die Notiz „Happy Days“. Ich erinnere mich gut daran, es ist nämlich jedes Jahr um diese Zeit das Gleiche: Man ist voll im Schulstress, es gibt tausend Dinge zu tun, weitere tausend stehen an – und man muss sich überlegen, was man in der letzten Schulwoche Anfang Juli bei den so genannten Happy Days anbieten will. Wenn’s dann so weit ist, finde ich das Angebot großartig. Die Seite, auf der die Kurse (inklusive Kurzbeschreibung, Dauer, Treffpunkt, ev. Kosten etc.) übers Internet einzusehen und von den SchülerInnen zu buchen sind, ist zudem ziemlich professionell gemacht. Aber jedes Jahr Anfang Mai würde ich die Happy Days am liebsten verwünschen. Ebenso wie ich im Mai 2018 die „Abrechnung Brüssel“ am liebsten verwünscht hätte …

Im Juni findet sich dann die Auflistung „was ich im Blog schreiben will“. All das also, wofür ich, wie es im Juni halt so ist, keine Zeit gefunden habe. Jedenfalls steht auch da schon „Uni-Lehrveranstaltung“ – in diesem Fall allerdings bezog es sich auf die Übung „Literatur- und Mediendidaktik“, die ich im Sommersemester zum Thema „Flucht und Migration in Literatur, Film und Comic“ gehalten habe. Im Juli habe ich dazu iu-2Aspekte/Inhalte notiert, die von den Studierenden in ihrer Lehrveranstaltungsreflexion als besonders gelungen hervorgehoben wurden: die Methode Freewriting, den Besuch im Literaturhaus mit der Ausstellung „Der Riss“, den Kinobesuch und die anschließende Diskussion zum Film-Buch-Vergleich von Anna Seghers „Transit“, die Leitfragen für eine postmigrantische Lesart von Heidi Rösch, die Einbeziehung der Gattungen Film (Christian Petzold: „Transit“ und Philippe Lioret: „Welcome“) und Graphic Novel (Reinhard Kleist: „Der Traum von Olympia“), den Gedanken „Schreiben ist Verankerung im Ich“ von Elisabeth Kössmeier und generell das Thema und die Textauswahl.

Eine Liste mit Fortbildungsveranstaltungen an der PH füllt ein Juli-Blatt, die Auflistung jener Theaterstücke, die ich für das Schauspielhaus-Abo mit meiner Klasse ausgewählt habe (Das goldene Vlies, Jugend ohne Gott, Die Physiker und Die Hauptstadt) ein August-Blatt.

Im September gab es außer ein paar Kleinigkeiten („Stadtbibliothek verlängern“) nichts zu notieren. Irgendwie erstaunlich, aber für mich schon nachvollziehbar: Die Sommerferien 2018 waren wirklich erholsam gewesen, der Kopf frei und aufnahmebereit. Alles, was zu tun war, wurde entweder nur geistig oder im Moleskine notiert.

„Bedeutung von Literatur als SprachSPIEL“ steht im Oktober einfach so da. Aber ich weiß schon wieder, das habe ich mir im Zusammenhang mit den Tagen der Literaturdidaktik in Wien notiert. Da ging es diesmal um „Literarisches Lernen im Kontext Sprachlicher Bildung“ und u. a. um Humor als Unterrichtsprinzip. Auch darüber wollte ich ja schon längst schreiben. Neujahrsvorsatz!

Im November lese ich „Gutachten für Diplomarbeit“, „Themenpool für Deutsch-Matura“ und „Portfolios korrigieren“. Ja, der November war dicht. „Gutachten für Diplomarbeit“ bezieht sich auf eine Tätigkeit, die ich nun schon zweimal wahrgenommen habe, nämlich Diplomarbeiten zu begutachten, die für einen Preis der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung vorgeschlagen wurden.

Tja, und danach findet sich noch eine Liste: Eine Namensliste von Menschen, bei denen ich mich zu Weihnachten bedanken wollte, denen ich eine Kleinigkeit schenken wollte. Es gelingt mir eh nie, all das umzusetzen, was ich mir vornehme, und auch in dieser Liste finden sich ein paar Menschen, denen ich schlussendlich dann doch wieder nichts geschenkt habe. Trotzdem: Vieles ist sich ausgegangen, so manches wurde umgesetzt, etliches habe ich geschafft, einigen gedankt. Ein paar unerledigte Altlasten dürfen zu Neujahrsvorsätzen mutieren. Ist eh nur Zahlenspielerei, das mit dem neuen Jahr. Aber: Danke, Anne, Eva, Doris, Christiane, Gerda, Claudia und all den anderen KollegInnen, denen ich das längst schon (wieder) einmal sagen wollte!

(nemo)

 

 

 

 

Silent Walk

Mit meinen SchülerInnen aus dem Wahlpflichtfach Deutsch habe ich letzte Woche einen „Silent Walk“ zum Christkindlmarkt durchgeführt. Unser Ansinnen war es, ganz aufmerksam und ohne zu reden von der Schule bis zum Domplatz zu gehen und dabei so viele Eindrücke wie möglich aus der Umgebung aufzunehmen.

Zuerst haben wir ein paar nachdenklich stimmende Texte von Walter Müller gelesen, danach sind wir losmarschiert. Vor dem Dom haben wir uns getroffen und kurz ein paar Eindrücke ausgetauscht. Um unsere Gedanken gleich schriftlich festhalten zu können, haben wir uns einfach in den Dom gesetzt und eine halbe Stunde lang geschrieben, iu-3bevor wir dann noch einen Punsch zu uns genommen haben und wieder zur Schule zurückspaziert sind.

Gestern haben wir einander die vor einer Woche begonnenen und während der Woche be- und überarbeiteten Texte vorgelesen. Jede(r) einzelne SchülerIn hatte etwas geschrieben, alle haben sich auf ihre Weise mit Weihnachten, mit den Versprechungen, Verheißungen und „Verquerungen“ von Weihnachten auseinandergesetzt.

So wie die SchülerInnen sich gegenseitig und mir ihre Texte vorlesen, so lese auch ich ihnen die meinen vor. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein gemeinsames Arbeiten und Austauschen, wie es schöner nicht sein könnte. Für mich Schule at its best.

(nemo)

Bevor es Nacht wird im Advent

Verlassene Gassen, grauer Asphalt
Von leeren Blicken der Weg gesäumt
Eingehüllt in eine Decke sitzt
An jeder Ecke jemand und wartet.

Bleiche Gesichter treiben vorüber
Erwartungsvoll den Blick gesenkt
Wie Kranke hängen sie an ihrem Tropf
Zugedröhnt und in sich verkabelt.

Besinnungslos essen und noch viel mehr trinken
Festgehalten im Bild, gleich mehrfach verschickt
Nebenan das Christkind, es verkauft seine Lose
Kein Wunder wird’s geben, nicht heut nicht und morgen.

Vor dem Dom stehen Kinder und singen stumm
Die Dunkelheit erst bringt uns die Hoffnung zurück
Hell erleuchtet die Stadt und erlöst nun vom Tage –
Vom heute gewesenen Tage.

Salzburg, 11.12.2018