Schulschlussbetrachtungen aus der Ferne

Die letzte Woche eines Schuljahres hat es bekanntlich in sich: Projekttage (bei mir an der Schule heißen sie Happy Days, bei meiner Tochter „Musendays“), Schulfest, KV-Tag, Aufräumen, Schlusskonferenz, Abschluss- und Abschiedsfeiern, Schulschlussgottesdienst, Danksagungen, Zeugnisverteilung. Ganz schön viel, was da zusammenkommt. Viele Menschen, die wenig oder gar nichts mit Schule zu tun haben, haben dennoch häufig den Eindruck, in der letzten Schulwoche passiere eh nichts mehr. Wie kann das sein?

Dass nichts mehr passiert, heißt aus Schülersicht oft einfach nur, dass nichts mehr zu lernen ist. Wenn es keine Tests und Schularbeiten mehr gibt, wenn die Noten längst feststehen, wenn kein „Stoff“ mehr unterrichtet wird, ja, wenn man nicht einmal mehr Hefte und Bücher mitzunehmen braucht, passiert in der Wahrnehmung von

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Schulfest-Crêperie 2019

Jugendlichen nichts mehr. Die einen finden Gefallen daran, die anderen bezeichnen diese Woche als sinnlos. Trotzdem möchten die allermeisten Jugendlichen die letzte Schulwoche nicht missen. Denn Sinnlosigkeit allein ist für sie noch kein hinreichender Grund, um Dinge wie Schulfest oder Projekttage, Eis essen oder Ausflüge in Frage zu stellen. Schließlich möchte man ja auch nicht bis zum letzten Tag pauken müssen. Da nimmt man selbst einen anstrengenden Wandertag in Kauf.

Problematischer scheint mir die Perspektive mancher Eltern zu sein. Da gibt es gar nicht so wenige, die der Ansicht sind, die Lehrer würden in der letzten Schulwoche eine zusätzliche Ferienwoche abfeiern. Alles, was nach dem Stichtag des Notenschlusses erfolgt, erscheint ihnen nicht nur als überflüssig, sondern eigentlich als Betrug an ihrem Nachwuchs. Ineffizienz des Systems, allgemeiner Schlendrian oder eben Faulheit der Lehrer sind die Parameter, mit denen sie den Schulbetrieb zu Schulschluss beurteilen. Ich erinnere mich an den Leserbrief eines Vaters, der vor einiger Zeit einmal öffentlich hochgerechnet hat, wieviel wertvolle Unterrichtszeit seinen Kindern auf diese Weise verloren ginge und um wieviel klüger Österreichs Schüler und Schülerinnen sein könnten, wenn das anders liefe. 

Menschen, die gar nichts mit der Schule zu tun haben, haben dagegen oft überhaupt keine Vorstellung, was sich zu Schulschluss in der Schule abspielt. Ich erinnere mich selbst daran, dass ich damals, als ich noch nicht Lehrerin war und kein Schulkind hatte, mitunter gar nicht richtig mitgekriegt hatte, wann die Ferien anfingen. Von dem schulischen Trubel, der dem Ferienbeginn vorausgeht, hatte ich nur mehr eine vage, wenngleich angenehme Assoziationen weckende Ahnung. Für mich als Schülerin war die Zeit vor der Zeugnisverteilung ja fast die schönste überhaupt gewesen. Sie fühlte sich einfach großartig an. Meist war das Wetter prächtig, das Leben lustig und vor einem lagen wochenlange, noch nicht einmal angeknabberte Ferien.

Die Schule bildet einen eigenen, von außen manchmal seltsam anmutenden Kosmos. Wenn man nichts mit ihr zu tun hat, kann sie einem wie ein fremder und sehr weit entfernter Planet vorkommen. Auch ich habe in diesem Jahr nur aus der Ferne zugeschaut, wie die Schule das Stück, das sie über das Schuljahr hinweg aufgeführt hatte, mit einem mehrere Takte umfassenden Paukenschlag und Trommelwirbel beendete. Trotzdem habe ich mitbekommen, was meine Kolleginnen und Kollegen in diesen Tagen wieder geleistet haben. Auch habe ich miterlebt, wie angetan meine Tochter vom Programm der letzten Schultage war. Ich weiß natürlich, dass die letzte Woche für LehrerInnen mitnichten eine zusätzliche Ferienwoche darstellt. Das Abschließen eines Schuljahres ist in jedem Fall saumäßig anstrengend, im besten Fall ist es gleichzeitig lustig, schön und erhebend.

Ich finde ja, dass die letzte Schulwoche mindestens genauso relevant ist wie die Wochen davor. Dass da nichts mehr passieren würde, stimmt jedenfalls nicht. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach stimmt nicht einmal, dass die Schüler in dieser Woche nichts mehr lernen würden. Ganz im Gegenteil. Allenfalls könnte man darüber diskutieren, was schulisches Lernen eigentlich umfassen sollte. Ob die Verwandlung eines Klassenzimmers mittels selbst Gebasteltem in eine französische Crêperie und der anschließende Verkauf eigenständig fabrizierter Crêpes dem strengen Vater aus dem Leserbrief wohl Lernerfahrung genug für seinen Nachwuchs wäre? Wohl kaum.

Jetzt aber Schluss mit Schule. Schöne Sommerferien! 🙂

(nemo)

Als wir der Hilfe bedurften. Schule als Gesellschaftsutopie

Als wir der Hilfe unserer Mitmenschen bedurften, war sie da. So intensiv, mannigfaltig und wahrhaftig, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Familie, Freunde, Verwandte und Bekannte, Menschen von nah und fern, warfen – als bei uns nach dem Tod des geliebten Menschen ein großes IMG_5121Blackout drohte – ihr Notstromaggregat für uns an und sorgten dafür, dass das Licht nicht ausging und auch weiterhin nicht ausgehen wird. Hier im Schulblog will ich von jener Hilfe berichten, die uns von der Schulgemeinschaft zuteil wurde.

Dass ich in einer Schule mit einer stabilen, herzlichen und mich immer wieder beglückenden Schulgemeinschaft arbeite, weiß ich, seit ich in dieser Schule unterrichte. Was das über die Normalität hinaus in einer Krisensituation bedeutet, durfte ich kürzlich erfahren. Die Schulgemeinschaft wurde mir in diesen Tagen und Wochen zu nichts Geringerem als einem Lebensanker.

KollegInnen umarmten und trösteten mich, sie kamen bei mir zu Hause vorbei und brachten Essen für uns, Lasagne und Quiche, Suppe, Kuchen, Macarons und Schokolade. Auch vor der Tür warteten immer wieder kleine Aufmerksamkeiten auf uns, Honig und Nüsse, Blumen und Karten. Auf sämtlichen Kanälen, die uns zur Verfügung stehen, trafen Grüße, IMG_4994Botschaften und Nachrichten für uns ein. Die genau richtigen Gedichte und Bücher, die schönsten Blumen und Kerzen, tröstende Briefe und liebevolle Gedanken erreichten uns. Von allen Seiten wurde mir in der Schule Hilfe angeboten. Kolleginnen und Kollegen nahmen mir Arbeit ab, Sekretariat, Administration und Direktion halfen zusammen, um mir das Leben zu erleichtern.

Meine AchtklässlerInnen schenkten mir zwei Steine, einen für mich, einen für mein Kind. Jeder Einzelne von ihnen hatte die Steine in die Hand genommen und uns Kraft geschickt. Mit dem Handy und mit dem Stift drückten sie mir ihr Mitgefühl aus, ebenso wie die FünftklässlerInnen, die ich in Französisch unterrichte. Den DrittklässlerInnen fielen die Worte schwer, sie nähten mir ein Polsterherz, aus weinrotem Stoff, so schön wie nur möglich. Meine Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und sogar SchülerInnen, die ich gar nicht oder schon lange nicht mehr unterrichte, schrieben uns und dachten an uns. Immer noch sehe ich in so vielen Blicken, auf dem Gang oder beim Buffet, wie kleine und große Menschen mit mir mitfühlen.

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Ist meine Schule eine singuläre Ausnahme, die einzige Schule, an der so etwas möglich ist? Nein. Meine Schule ist großartig und für mich die schönste Schule, an der ich sein kann. Aber auch von KollegInnen aus benachbarten Schulen kam Hilfe. Und auch meine Tochter erlebt an ihrer Schule, einem anderen Salzburger Gymnasium, eine wunderbare Welle der Anteilnahme und der Unterstützung. Ihre Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie die Direktorin, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sowie deren Eltern bilden ein dichtes und stabiles Netz für sie. Meine Tochter wird in ihrer Schule, ebenso wie ich in der meinen, gehalten und getragen, vom ersten Augenblick an, bis heute und darüber hinaus.

Schule ist Leben, Schule ist ein Ort des Lernens und Miteinanderseins. Beziehung und Resonanz sind die Säulen, auf dem all das fußt. Kein Programm oder System, keine Noten und keine Qualitätsstandards, keine Norm und keine Bildungsdokumentation können irgendetwas von dem erzählen, worauf es im schulischen Zusammenleben von Menschen eigentlich ankommt. In unserer Ausnahmesituation hat sich das soziale Gefüge der Schule in seiner ganzen Kraft und Schönheit bewährt. Wir bedurften der Hilfe und die Hilfe war da.

Wie wäre es, wenn wir alle auch im Normalfall ein bisschen öfter auf das achten würden, was da ist, was im Miteinander der Schule funktioniert und klappt? Wie wäre es, wenn Herzensbildung als integraler und wesentlicher Bestandteil von schulischer Bildung betrachtet würde? Als menschlicher Auftrag, nicht weniger wichtig als jedes einzelne Fach mit seinen Inhalten und zu erwerbenden Kompetenzen? Eine Kollegin zum Beispiel, die in diesem Jahr zum ersten Mal Klassenvorständin ist, wird jedes Mal, wenn sie in ihrer Klasse unterrichtet, von einer ganzen Kinderschar abgeholt. Ihre Schüler warten schon in der Pause vor dem Konferenzzimmer auf sie und begleiten sie dann auf dem Weg in den Klassenraum. Erzählen solche Kleinigkeiten nicht eine andere Geschichte von Schule, eine vom Gelingen des Miteinanders? 

„Alles könnte anders sein“ heißt das neue Buch von Harald Welzer. In einem Interview, das im heutigen Standard erschienen ist (aber offenbar nur in der Printversion verfügbar ist), sagt der Soziologe: „Auf Probleme schaue ich in diesem Buch bewusst nicht. Ich versuche, andere Wege aufzuzeigen. Zum Beispiel wende ich mich der Beziehung der Menschen untereinander zu. Es ist das Paradox zu beobachten, dass wir einen permanenten Wohlstandszuwachs verzeichnen, aber die Menschen sich aggressiv verhalten, unter Ängsten leiden und gereizt sind. Wollen wir nicht eine freundliche Gesellschaft, in der man keine Angst hat und freundlich miteinander umgeht? Das ist eine konkrete Utopie, die auch zu verwirklichen ist.“

Sowohl in meiner Schule als auch in der Schule meiner Tochter und zweifellos in vielen anderen Schulen auch ist das, was Welzer „Gesellschaftsutopie“ nennt, bereits seit Langem Wirklichkeit.

(nemo)

Vom Wert des Spielens

Spielen sei die beste Form des Lernens sagt Elisabeth Menasse-Wiesbauer, die Leiterin des Zoom-Kindermuseums (Wien) in einem Interview mit dem „Standard“. Viele Volksschulen hätten Elemente alternativer pädagogischer Konzepte übernommen, die auch aufs Spielen setzen. Aber kaum sei die Volksschule vorbei, werde es wieder rigider. Einen Grund dafür sieht sie in den Schulreformen der letzten Jahre:

Die Schulreformen der letzten Jahre sind immer mehr in Richtung Evaluierung und Vergleichbarkeit gegangen, die Lehrkräfte werden mit Bürokratie auf Trab gehalten. Wenn sie ein Spezialgebiet begeistert, können sie das den Kindern kaum mehr vermitteln, weil so wahnsinnig viel Stoff abgehakt werden muss. Das ist eine Art Gleichschaltung und Entindividualisierung des Unterrichts. Ich kenne viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die darunter leiden.

Allerdings ortet die Museumsdirektorin auch bei vielen Eltern eine zunehmende Verengung des Bildungsbegriffs:

In der Anfangszeit des Zoom musste man ihnen genau erklären, dass die Kinder hier im Mittelpunkt stehen und sich allein durch die Ausstellung bewegen können. Auch unser spielerischer Zugang war vielen Eltern fremd. Dann gab es eine lange Phase der Zustimmung zu unserem Konzept. Jetzt kippt das gerade wieder. Wir haben Eltern, die uns sagen: „Also ein bisschen mehr Wissen müsste man da schon vermitteln.“ Der Bildungsbegriff wird bei manchen wieder enger.

Eltern möchten ihre Kinder „fit machen fürs Leben“, dabei – so Menasse-Wiesbauer – würden Kinder ja auch lernen, „indem sie einfach etwas tun“.

Dem Interview zur Seite stelle ich ein Zitat von Astrid Lindgren, in dem die Autorin beschreibt, worauf es im Leben wirklich ankommt:

Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist – dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer ist. Was auch geschieht, was man auch erlebt, man hat diese Welt in seinem Inneren, an die man sich halten kann.

(Die Quelle, aus der das Zitat stammt, liefere ich noch nach.)

(nemo)

Studientag Neue Autorität und Achtsamkeit (Fortbildung)

Wie komme ich als Deutsch- und Informatiklehrerin zu diesem Thema? Noch dazu, wenn im Titel zwei Begriffe vorkommen, die sich für mich recht eigenartig anhören. „Neue Autorität“, wenn die alte schon damals noch als Schülerin für mich recht fragwürdig war? Gegen „Achtsamkeit“ ist ja an sich nichts einzuwenden, aber meine Vorgehensweise ist ja eher mit Schwung an eine Sache herangehen und damit andere mitzuziehen.

Da ist es gut, dass ich eine mittlerweile erwachsene Tochter habe, die mich auf die Bedeutung von Themen aufmerksam macht, die mich bisher noch nicht so interessiert haben. Diesmal also „Neue Autorität“. Und das Programm der Privaten PH der Diözese Linz sah recht vielversprechend aus. Wer nachschauen will, hier kann das Programm eingesehen werden. Und das Bildungshaus Schloss Puchberg in Wels ist ein schönes Ambiente für eine Veranstaltung mit 250 PädagogInnen.

Die Keynotes hielt die Familientherapeutin und Psychologin Helle Jensen, die ihren Vortrag sehr sympathisch damit begann, dass sie ihre frühe Bekanntheit in Dänemark einer Zusammenarbeit mit Jesper Juul zu verdanken hatte. Und sie kam schnell zu ihrem Thema:
Entwicklung und Lernen geht nur über Beziehung und diese kann man als Lehrperson nur durch Achtsamkeit, Empathie und persönliche Autorität herstellen. Aber sie hat sehr viel mehr Wichtiges gesagt und das Bildungs-TV war dabei und hat alles aufgezeichnet. Es ist gut investierte Zeit, sich das kurze Interview und die längeren Keynotes selber anzuschauen. Am besten hat mir gefallen, dass sie SchülerInnen und LehrerInnen im Blick hat und ihre Ideen für beide etwas tun können. Überhaupt hat mich schon immer gestört, dass man entweder zum Unterrichten begabt war oder eben nicht und dass in der LehrerInnenausbildung auf die Beziehungsarbeit in der Klasse überhaupt nicht eingegangen wurde. Jensen zeigt mit viel Erfahrung Möglichkeiten auf, wie man alle Kinder erreichen kann.
Absolute Empfehlung!

Ich bin mit einem kleinen Bücherstapel und Ideen für SchülerInnen, KollegInnen und Schule nach Salzburg zurückgefahren. Die Weiterbeschäftigung ist garantiert! Unter anderem auch über die Verbindung zur Resonanz nachzudenken.

juhudo

 

Fortbildungsmonat November

Ich weiß ja nicht, wieso, weshalb und warum, aber – zumindest für mich – scheint sich der November als DER Monat der Fortbildung zu etablieren. Das Programm ist ja immer schon ab Juli buchbar, da schaue ich immer gleich, was mich und meine SchülerInnen weiterbringen kann und melde mich einmal an. Man weiß ja nicht, welche Lehrveranstaltungen dann wirklich abgehalten werden, falls sich nicht genügend TeilnehmerInnen anmelden.

Das hat für heuer bedeutet:

Ich war also von 21 Schultagen fünf ganze Schultage plus einen Samstag und einen Abend mit Fortbildung beschäftigt (außerdem auch noch in den Herbstferien zwei Tage mit „Intuition in der Tiererziehung“). Damit ist aber fast alles für dieses Schuljahr abgehakt, mein Kopf ist voller neuer Inputs und ich habe kaum Zeit, alles zu verarbeiten und vielleicht das eine oder andere an meine KollegInnen zu bringen.

Man muss mir aber schon die Frage gestatten, warum sich so viele Termine um den November gruppieren – es geht ja nicht nur mir so. Da ich auch Personalvertreterin bin und über die Entscheidungen unseres Direktors, wer zu welcher Fortbildung gehen darf, informiert werde, erfahre ich, dass so manche Kollegin verzichten muss, da sonst zu viele LehrerInnen gleichzeitig aus dem Schulbetrieb weg wären und der Unterricht nicht mehr vollständig gehalten werden könnte.

Es wäre schön, wenn da ein bisschen besser verteilt würde, aber für eine Analyse des PH-Programms habe ich keine Zeit. Da berichte ich lieber über zwei meiner Fortbildungen, aber jeweils in einem eigenen Beitrag.

juhudo

Alltag in einer Wiener Brennpunktschule

Günter Kaindlstorfer hat ein, wie ich finde, sehr schönes Feature über die Neue Mittelschule Staudingerstraße 6 in Wien gestaltet. Zu hören war es gestern in den „Hörbildern“ auf Ö1, sechs Tage lang kann man es noch nachhören. Man bekommt einen vielfältigen und unaufgeregten Eindruck über die kleineren und größeren Schwierigkeiten im schulischen Zusammenleben von Kindern aus 22 Nationen, über engagierte und empathische LehrerInnen, über Kinder, die gerne lachen und lernen, über sozial benachteiligte junge Menschen und „Stehaufmandln“. Empfehlung! (nemo)

Hier der Link zu der Sendung.

 

Schule heute: Alles, nur keine Zeit

Wenn ich an meine Zeit als Schülerin zurückdenke, überkommt mich ein zwiespältiges Gefühl: Meine Eltern befanden, ich solle nach der Hauptschule eine Handelsakademie besuchen, um auf diese Weise neben der Schule auch eine kaufmännische Ausbildung zu erlangen. Zwar bin ich nicht ungern in diese Schule gegangen, aber die Fächerauswahl und die Ausrichtung der Schule betrübten mich, damals ebenso wie heute: Rechnungswesen, BWL, Stenographie – das waren die Fächer, mit denen man am meisten Zeit verbrachte. Biologie war eigentlich Warenkunde, Geschichte spielte kaum eine Rolle und Englisch sowie Französisch wurden als Wirtschaftssprache verstanden und umfassten ab einem gewissen Niveau hauptsächlich Handelskorrespondenz. Es gab weder Unterricht in Kunst noch in Musik und hätte es Deutsch und Religion nicht gegeben, wäre ich bildungsmäßig gänzlich verhungert und verdurstet. Trotzdem bin ich, wie gesagt, gerne in die Schule gegangen. Meine Devise hieß: Hauptsache Schule, Hauptsache lernen.

Wenn ich heute an die Zeit in der Handelsakademie denke, sind es vor allem zwei Dinge, die ich nach wie vor uneingeschränkt positiv finde. Es sind dies zum einen meine Lehrer und zum anderen die viele Zeit, die uns Schülern zur Verfügung stand. Nicht, dass ich lauter Premium-Lehrer gehabt hätte. Aber die meisten fand ich gut, manche sogar sehr gut. Nie hatte ich das Gefühl, unter einem Lehrer oder einer Lehrerin zu leiden. Ganz im Gegenteil, wir Schüler hatten ein angenehmes, entspanntes Verhältnis zu unseren Lehrern.

Was die Struktur betrifft, überzeugt mich bis heute die fünf Jahre umfassende Form der Sekundarstufe 2. Im Wesentlichen sind es die beiden letzten Jahre, d. h. die zwölfte und dreizehnte Schulstufe, die mir in Erinnerung geblieben sind. Von den ersten drei Jahren hat sich nicht rasend viel nachhaltig eingeprägt. Mir scheint, ich war in dieser Zeit hauptsächlich mit dem sozialen Gefüge und meinem eigenen Platz in der Klasse, mit der Pubertät und dem Erwachsenwerden beschäftigt. Von den Lerninhalten blieb wenig in Erinnerung. Abseits der sozialen Belange spielte die Schule eine absolute Nebenrolle. Dabei führte ich ein durchaus eintöniges Leben, Langeweile war bei Gott kein Fremdwort für mich. Sicher, am Wochenende musste fortgegangen, wochentags viel Musik gehört, Volleyball gespielt und gelesen werde. Insgesamt aber war neben der Schule wenig los – und Schule fand im Übrigen auch samstags statt.

Auf den ersten Blick erscheint der Befund also wenig spektakulär: Neben der Schule gab es nicht viel zu tun und in der Schule war das zu absolvierende Programm auch nicht allzu dicht. Geschenkt wurde einem allerdings auch nichts: Nach dem ersten Jahr wurde meine Klasse mit der Parallelklasse zusammengelegt. So mancher Schüler hatte bloß sein neuntes Schuljahr absolviert und die Schule danach verlassen. Andere hatten das erste Jahr ganz einfach nicht geschafft. Die Durchfallquote war insgesamt beeindruckend: Von den über dreißig Schülern in der zweiten Klasse blieben sage und schreibe zwölf übrig, die es ohne Wiederholung bis in die fünfte Klasse schafften. Aber mir ging das Lernen leicht von der Hand, Zeit dafür gab es genug und im Übrigen erwartete niemand überschäumendes Interesse für das zu Lernende. So vergingen ganze drei Jahre, ohne dass viel Nennenswertes passiert wäre.

Erst ab der vorletzten Klasse hatte ich das Gefühl, in meinem schulischen Sein angekommen zu sein. Ab dieser Zeit fühlte ich mich mehr oder weniger erwachsen, konnte mich für mir wichtige Dinge engagieren, hatte eine kämpferische Einstellung gegenüber den vielen geistlosen Zumutungen, interessierte mich für Politik und Gesellschaft, wusste, was ich wollte und was nicht. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte ich mein Potenzial so entfalten, dass ich bis heute damit einigermaßen zufrieden bin. Die abschließende Matura ist mir dabei als echter Höhepunkt meiner persönlichen Entwicklung in Erinnerung.

Für die Herausbildung eines kritischen (Selbst-)Bewusstseins bedurfte es in meinem Fall, davon bin ich überzeugt, der vielen Zeit und der vergleichsweise geringen Erwartungen in den Jahren davor. Wenn ich mir dagegen anschaue, wie dicht das Programm ist, das Schüler heute zu absolvieren haben, wird mir ganz schummrig. Von Vornherein fehlt in den Allgemeinbildenden Höheren Schulen ein ganzes Jahr, müssen unsere Schüler doch in insgesamt nur vier Jahren Oberstufe bis zur Reifeprüfung gebracht werden. Bereits ab der sechsten Klasse (10. Schulstufe) wird zielstrebig in Richtung Matura gearbeitet und die neue Oberstufe mit ihren semestrierten Lehrplänen und Prüfungen soll künftig noch zusätzlich für mehr Effizienz sorgen. In der siebten Klasse (11. Schulstufe) – zu einem Zeitpunkt, zu dem ich damals immer noch keinen einzigen Gedanken an die Matura verschwendete – müssen sich unsere Schüler bereits ihr VWA-Thema suchen und selbiges einreichen. Es wird von ihnen erwartet, dass sie wissen, wofür sie sich interessieren und womit sie sich intensiv befassen wollen. Und sie müssen die Arbeit dann auch noch selbständig und eigenverantwortlich außerhalb des Unterrichts schreiben.

Sicher, wir zunehmend professionalisierten Lehrer stehen den Schülern zur Seite: Wir coachen, wir portionieren, wir motivieren und betreuen. Wir sagen ihnen exakt, was sie wissen müssen, wozu sie etwas lernen sollen und in Zehntelprozent genau, wieviel sie können müssen, um eine positive Note zu erhalten. Wir lernen in Fortbildungsveranstaltungen und regelmäßigen Netzwerktreffen, wie wir unsere Schüler direkt und effizient dahin bringen, wo wir sie haben wollen: Alle Kompetenzen der „nicht kompensierbaren wesentlichen Bereiche“ eines jeden Faches zumindest weitgehend, besser zur Gänze oder gar darüber hinausgehend erreicht, die ebenfalls kompetenzorientierte Matura bestanden, auf dass sie in weiterer Folge ebenso schnell und effizient durchs Studium hetzen können – vorausgesetzt, sie schaffen die Aufnahmsprüfungen …

Angesichts des herrschenden Tempos und des zielgerichteten Vorgehens überkommt mich mindestens ein ebenso zwiespältiges Gefühl, wie wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke. Vieles von dem, was meine Schüler lernen dürfen, erscheint mir inhaltlich interessanter und zumindest theoretisch erfüllender als das, was ich zu lernen hatte. Aber mir kommt schon vor, dass wir sie zu stark unter Druck setzen, von ihnen viel zu früh verlangen, zielstrebig und effizient zu funktionieren. Wir muten ihnen weniger „Stoff“ als früher zu, lassen kaum jemanden „durchfallen“, dafür trainieren und messen wir permanent ihre Kompetenzen, gönnen ihnen keine Verschnaufpause und pushen sie in einem fort durch ihre Schulzeit. Auf der Strecke bleibt möglicherweise so etwas wie Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung. Aber, was weiß ich, vielleicht kann man ja selbst das optimieren und beschleunigen … (nemo)