Studientag Neue Autorität und Achtsamkeit (Fortbildung)

Wie komme ich als Deutsch- und Informatiklehrerin zu diesem Thema? Noch dazu, wenn im Titel zwei Begriffe vorkommen, die sich für mich recht eigenartig anhören. „Neue Autorität“, wenn die alte schon damals noch als Schülerin für mich recht fragwürdig war? Gegen „Achtsamkeit“ ist ja an sich nichts einzuwenden, aber meine Vorgehensweise ist ja eher mit Schwung an eine Sache herangehen und damit andere mitzuziehen.

Da ist es gut, dass ich eine mittlerweile erwachsene Tochter habe, die mich auf die Bedeutung von Themen aufmerksam macht, die mich bisher noch nicht so interessiert haben. Diesmal also „Neue Autorität“. Und das Programm der Privaten PH der Diözese Linz sah recht vielversprechend aus. Wer nachschauen will, hier kann das Programm eingesehen werden. Und das Bildungshaus Schloss Puchberg in Wels ist ein schönes Ambiente für eine Veranstaltung mit 250 PädagogInnen.

Die Keynotes hielt die Familientherapeutin und Psychologin Helle Jensen, die ihren Vortrag sehr sympathisch damit begann, dass sie ihre frühe Bekanntheit in Dänemark einer Zusammenarbeit mit Jesper Juul zu verdanken hatte. Und sie kam schnell zu ihrem Thema:
Entwicklung und Lernen geht nur über Beziehung und diese kann man als Lehrperson nur durch Achtsamkeit, Empathie und persönliche Autorität herstellen. Aber sie hat sehr viel mehr Wichtiges gesagt und das Bildungs-TV war dabei und hat alles aufgezeichnet. Es ist gut investierte Zeit, sich das kurze Interview und die längeren Keynotes selber anzuschauen. Am besten hat mir gefallen, dass sie SchülerInnen und LehrerInnen im Blick hat und ihre Ideen für beide etwas tun können. Überhaupt hat mich schon immer gestört, dass man entweder zum Unterrichten begabt war oder eben nicht und dass in der LehrerInnenausbildung auf die Beziehungsarbeit in der Klasse überhaupt nicht eingegangen wurde. Jensen zeigt mit viel Erfahrung Möglichkeiten auf, wie man alle Kinder erreichen kann.
Absolute Empfehlung!

Ich bin mit einem kleinen Bücherstapel und Ideen für SchülerInnen, KollegInnen und Schule nach Salzburg zurückgefahren. Die Weiterbeschäftigung ist garantiert! Unter anderem auch über die Verbindung zur Resonanz nachzudenken.

juhudo

 

Fortbildungsmonat November

Ich weiß ja nicht, wieso, weshalb und warum, aber – zumindest für mich – scheint sich der November als DER Monat der Fortbildung zu etablieren. Das Programm ist ja immer schon ab Juli buchbar, da schaue ich immer gleich, was mich und meine SchülerInnen weiterbringen kann und melde mich einmal an. Man weiß ja nicht, welche Lehrveranstaltungen dann wirklich abgehalten werden, falls sich nicht genügend TeilnehmerInnen anmelden.

Das hat für heuer bedeutet:

Ich war also von 21 Schultagen fünf ganze Schultage plus einen Samstag und einen Abend mit Fortbildung beschäftigt (außerdem auch noch in den Herbstferien zwei Tage mit „Intuition in der Tiererziehung“). Damit ist aber fast alles für dieses Schuljahr abgehakt, mein Kopf ist voller neuer Inputs und ich habe kaum Zeit, alles zu verarbeiten und vielleicht das eine oder andere an meine KollegInnen zu bringen.

Man muss mir aber schon die Frage gestatten, warum sich so viele Termine um den November gruppieren – es geht ja nicht nur mir so. Da ich auch Personalvertreterin bin und über die Entscheidungen unseres Direktors, wer zu welcher Fortbildung gehen darf, informiert werde, erfahre ich, dass so manche Kollegin verzichten muss, da sonst zu viele LehrerInnen gleichzeitig aus dem Schulbetrieb weg wären und der Unterricht nicht mehr vollständig gehalten werden könnte.

Es wäre schön, wenn da ein bisschen besser verteilt würde, aber für eine Analyse des PH-Programms habe ich keine Zeit. Da berichte ich lieber über zwei meiner Fortbildungen, aber jeweils in einem eigenen Beitrag.

juhudo

Alltag in einer Wiener Brennpunktschule

Günter Kaindlstorfer hat ein, wie ich finde, sehr schönes Feature über die Neue Mittelschule Staudingerstraße 6 in Wien gestaltet. Zu hören war es gestern in den „Hörbildern“ auf Ö1, sechs Tage lang kann man es noch nachhören. Man bekommt einen vielfältigen und unaufgeregten Eindruck über die kleineren und größeren Schwierigkeiten im schulischen Zusammenleben von Kindern aus 22 Nationen, über engagierte und empathische LehrerInnen, über Kinder, die gerne lachen und lernen, über sozial benachteiligte junge Menschen und „Stehaufmandln“. Empfehlung! (nemo)

Hier der Link zu der Sendung.

 

Schule heute: Alles, nur keine Zeit

Wenn ich an meine Zeit als Schülerin zurückdenke, überkommt mich ein zwiespältiges Gefühl: Meine Eltern befanden, ich solle nach der Hauptschule eine Handelsakademie besuchen, um auf diese Weise neben der Schule auch eine kaufmännische Ausbildung zu erlangen. Zwar bin ich nicht ungern in diese Schule gegangen, aber die Fächerauswahl und die Ausrichtung der Schule betrübten mich, damals ebenso wie heute: Rechnungswesen, BWL, Stenographie – das waren die Fächer, mit denen man am meisten Zeit verbrachte. Biologie war eigentlich Warenkunde, Geschichte spielte kaum eine Rolle und Englisch sowie Französisch wurden als Wirtschaftssprache verstanden und umfassten ab einem gewissen Niveau hauptsächlich Handelskorrespondenz. Es gab weder Unterricht in Kunst noch in Musik und hätte es Deutsch und Religion nicht gegeben, wäre ich bildungsmäßig gänzlich verhungert und verdurstet. Trotzdem bin ich, wie gesagt, gerne in die Schule gegangen. Meine Devise hieß: Hauptsache Schule, Hauptsache lernen.

Wenn ich heute an die Zeit in der Handelsakademie denke, sind es vor allem zwei Dinge, die ich nach wie vor uneingeschränkt positiv finde. Es sind dies zum einen meine Lehrer und zum anderen die viele Zeit, die uns Schülern zur Verfügung stand. Nicht, dass ich lauter Premium-Lehrer gehabt hätte. Aber die meisten fand ich gut, manche sogar sehr gut. Nie hatte ich das Gefühl, unter einem Lehrer oder einer Lehrerin zu leiden. Ganz im Gegenteil, wir Schüler hatten ein angenehmes, entspanntes Verhältnis zu unseren Lehrern.

Was die Struktur betrifft, überzeugt mich bis heute die fünf Jahre umfassende Form der Sekundarstufe 2. Im Wesentlichen sind es die beiden letzten Jahre, d. h. die zwölfte und dreizehnte Schulstufe, die mir in Erinnerung geblieben sind. Von den ersten drei Jahren hat sich nicht rasend viel nachhaltig eingeprägt. Mir scheint, ich war in dieser Zeit hauptsächlich mit dem sozialen Gefüge und meinem eigenen Platz in der Klasse, mit der Pubertät und dem Erwachsenwerden beschäftigt. Von den Lerninhalten blieb wenig in Erinnerung. Abseits der sozialen Belange spielte die Schule eine absolute Nebenrolle. Dabei führte ich ein durchaus eintöniges Leben, Langeweile war bei Gott kein Fremdwort für mich. Sicher, am Wochenende musste fortgegangen, wochentags viel Musik gehört, Volleyball gespielt und gelesen werde. Insgesamt aber war neben der Schule wenig los – und Schule fand im Übrigen auch samstags statt.

Auf den ersten Blick erscheint der Befund also wenig spektakulär: Neben der Schule gab es nicht viel zu tun und in der Schule war das zu absolvierende Programm auch nicht allzu dicht. Geschenkt wurde einem allerdings auch nichts: Nach dem ersten Jahr wurde meine Klasse mit der Parallelklasse zusammengelegt. So mancher Schüler hatte bloß sein neuntes Schuljahr absolviert und die Schule danach verlassen. Andere hatten das erste Jahr ganz einfach nicht geschafft. Die Durchfallquote war insgesamt beeindruckend: Von den über dreißig Schülern in der zweiten Klasse blieben sage und schreibe zwölf übrig, die es ohne Wiederholung bis in die fünfte Klasse schafften. Aber mir ging das Lernen leicht von der Hand, Zeit dafür gab es genug und im Übrigen erwartete niemand überschäumendes Interesse für das zu Lernende. So vergingen ganze drei Jahre, ohne dass viel Nennenswertes passiert wäre.

Erst ab der vorletzten Klasse hatte ich das Gefühl, in meinem schulischen Sein angekommen zu sein. Ab dieser Zeit fühlte ich mich mehr oder weniger erwachsen, konnte mich für mir wichtige Dinge engagieren, hatte eine kämpferische Einstellung gegenüber den vielen geistlosen Zumutungen, interessierte mich für Politik und Gesellschaft, wusste, was ich wollte und was nicht. Erst ab diesem Zeitpunkt konnte ich mein Potenzial so entfalten, dass ich bis heute damit einigermaßen zufrieden bin. Die abschließende Matura ist mir dabei als echter Höhepunkt meiner persönlichen Entwicklung in Erinnerung.

Für die Herausbildung eines kritischen (Selbst-)Bewusstseins bedurfte es in meinem Fall, davon bin ich überzeugt, der vielen Zeit und der vergleichsweise geringen Erwartungen in den Jahren davor. Wenn ich mir dagegen anschaue, wie dicht das Programm ist, das Schüler heute zu absolvieren haben, wird mir ganz schummrig. Von Vornherein fehlt in den Allgemeinbildenden Höheren Schulen ein ganzes Jahr, müssen unsere Schüler doch in insgesamt nur vier Jahren Oberstufe bis zur Reifeprüfung gebracht werden. Bereits ab der sechsten Klasse (10. Schulstufe) wird zielstrebig in Richtung Matura gearbeitet und die neue Oberstufe mit ihren semestrierten Lehrplänen und Prüfungen soll künftig noch zusätzlich für mehr Effizienz sorgen. In der siebten Klasse (11. Schulstufe) – zu einem Zeitpunkt, zu dem ich damals immer noch keinen einzigen Gedanken an die Matura verschwendete – müssen sich unsere Schüler bereits ihr VWA-Thema suchen und selbiges einreichen. Es wird von ihnen erwartet, dass sie wissen, wofür sie sich interessieren und womit sie sich intensiv befassen wollen. Und sie müssen die Arbeit dann auch noch selbständig und eigenverantwortlich außerhalb des Unterrichts schreiben.

Sicher, wir zunehmend professionalisierten Lehrer stehen den Schülern zur Seite: Wir coachen, wir portionieren, wir motivieren und betreuen. Wir sagen ihnen exakt, was sie wissen müssen, wozu sie etwas lernen sollen und in Zehntelprozent genau, wieviel sie können müssen, um eine positive Note zu erhalten. Wir lernen in Fortbildungsveranstaltungen und regelmäßigen Netzwerktreffen, wie wir unsere Schüler direkt und effizient dahin bringen, wo wir sie haben wollen: Alle Kompetenzen der „nicht kompensierbaren wesentlichen Bereiche“ eines jeden Faches zumindest weitgehend, besser zur Gänze oder gar darüber hinausgehend erreicht, die ebenfalls kompetenzorientierte Matura bestanden, auf dass sie in weiterer Folge ebenso schnell und effizient durchs Studium hetzen können – vorausgesetzt, sie schaffen die Aufnahmsprüfungen …

Angesichts des herrschenden Tempos und des zielgerichteten Vorgehens überkommt mich mindestens ein ebenso zwiespältiges Gefühl, wie wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke. Vieles von dem, was meine Schüler lernen dürfen, erscheint mir inhaltlich interessanter und zumindest theoretisch erfüllender als das, was ich zu lernen hatte. Aber mir kommt schon vor, dass wir sie zu stark unter Druck setzen, von ihnen viel zu früh verlangen, zielstrebig und effizient zu funktionieren. Wir muten ihnen weniger „Stoff“ als früher zu, lassen kaum jemanden „durchfallen“, dafür trainieren und messen wir permanent ihre Kompetenzen, gönnen ihnen keine Verschnaufpause und pushen sie in einem fort durch ihre Schulzeit. Auf der Strecke bleibt möglicherweise so etwas wie Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung. Aber, was weiß ich, vielleicht kann man ja selbst das optimieren und beschleunigen … (nemo)

 

Die Woche vor den Ferien

Und wieder ist der Schulschluss da. In den nächsten Wochen werden wir uns erholen, den Sommer genießen, abschalten und anschließend wieder Neues aufnehmen, Ideen entwickeln, manches vorbereiten, insgesamt aber Zeit für anderes als Schule haben. Das ist gut so. Und, davon bin ich überzeugt, wichtig, um mit Elan, Engagement und Freude den Lehrberuf ausüben zu können. Der Neid der WutbürgerInnen – der um diese Jahreszeit auftritt wie das Amen im Gebet – wird hoffentlich unbemerkt an uns abprallen.

Wie schön, aber eben auch anstrengend die Woche vor Schulschluss ist, will sicherlich kein Wutbürger wissen. Auch andere Leute meinen oft, da würde überhaupt nichts mehr getan. Weit gefehlt, kann ich nur sagen: In dieser Woche findet unglaublich viel gemeinsames Leben, Soziales, Emotionales, Zwischenmenschliches statt. Schule ist viel mehr als Unterricht und stures Lernen und nicht wenig von dem, was Schule eben auch ist, findet in der letzten Schulwoche geballt statt. Im Prinzip ist diese Woche  gleichzeitig Ernte, Pflege und Aufbereitung des sozialen Nährbodens. Ein solcher Nährboden ist meines Erachtens unerlässlich, damit das Unterfangen Schule überhaupt gelingen kann. Wie gut also, dass es diese Woche gibt! Und, um in meiner allzeit beliebten Gartenbaumetaphorik zu bleiben: Wie wichtig, dass der Nährboden jetzt ein bisschen Ruhe bekommt!

Ein Beispiel für das, was in der letzten Schulwoche stattfindet, sind die Happy Days, die bei uns am Montag und Dienstag auf dem Plan stehen. Schüler können sich ihre Kurse selbst wählen und sich per Internet dafür anmelden. Im Angebot gab’s auch diesmal wieder alles, was das Herz begehrt (und was wir LehrerInnen so können): Sportliches, Musisches, Soziales, Gesellschaftliches, Kulturelles, Aufregendes, Entspannendes, Lustiges, Ernstes, Spielerisches, Praktisches, Geistiges, Kulinarisches, Kreatives. Einfach ein Potpourri an allem Möglichen, was im Unterricht während des Jahres oft zu kurz kommt und trotzdem spannend, interessant und/oder lehrreich ist.

Eine Kollegin und ich wollten in diesem Jahr den UnterstufenschülerInnen ein bisschen Lust auf Französisch machen. Am Montag haben wir deshalb den kleinen Nick (Le petit Nicolas) in den Mittelpunkt des Vormittags gestellt. Wir haben den Erst- und ZweitklässlerInnen, die diesen Kurs gebucht hatten, den kleinen Nick und die anderen Figuren vorgestellt, wir haben ihnen Geschichten vorgelesen, Bilder zum Ausmalen gegeben, ein paar französische Wörter gelernt, Croissants gegessen und uns den Film „Der kleine Nick macht Ferien“ angesehen. Ein ruhiger, entspannter und lustiger Vormittag. Nichts Sensationelles, aber doch ein gelungener Kurs, der den TeilnehmerInnen und uns gut gefallen hat.

Für mich besonders schön ist, dass man bei den Happy Days endlich einmal genug Zeit für eine Sache hat und nicht nach 50 Minuten wieder aufhören, die Klasse, die Schulstufe und das Fach wechseln muss. Wir haben uns am Montag volle vier Stunden lang mit dem kleinen Nick beschäftigt, dazwischen gegessen und getrunken, ein bisschen geplaudert und dann wieder weitergemacht. Kein Schüler verlangte nach einer Pause und wir dachten irgendwie auch nicht daran. IMG_5540.JPG

Ebenso erfolgreich war der Dienstag: Wir haben ein Klassenzimmer in eine französische Crêperie verwandelt, anschließend Crêpes gebacken und ausführlich getestet. Der ganze Vormittag war eine schöne, runde und sehr befriedigende Sache, die allen Beteiligten Freude bereitete und die Kreativität und praktische Kompetenz der Schülerinnen förderte. Er bot ihnen und uns ein sowohl haptisches (es wurde gezeichnet, geschrieben, gebastelt, foliert, ausgeschnitten, geschmückt) als auch optisches (der Raum sah am Ende einfach wunderschön aus) sowie geschmackliches (die „Probecrêpes“ waren geradezu köstlich) Gesamterlebnis. IMG_5542

Und durch den Kurs am Vormittag konnten wir am Nachmittag beim Schulfest eine französische Crêperie betreiben, die ihrem Namen alle Ehre machte und weit mehr war als nur eine Essstation. Ein paar Erstklässlerinnen liefen zur Höchstform auf und „schupften“ den ganzen Betrieb. Bereits um 20.30 Uhr war weit und breit kein Teig mehr in Sicht, sämtliche Nougatcremes, Marmeladen und andere süße Füllungen verschmiert (und wir gierig allein nach dem Geruch von Pikantem). 🙂IMG_5537.JPG

Das Schulfest war natürlich ein Highlight und so schön, dass manch einer nicht und nicht nach Hause gehen wollte. Allein, dass so viele Ex-SchülerInnen kamen und mit uns feiern wollten, zeigt den positiven Stellenwert, den Schule für viele im Leben hat.

Am Tag danach, also gestern, gab’s dann den KV-Tag: Ein Tag, an dem man im Klassenverbund noch einmal einen Ausflug, eine Wanderung oder Ähnliches unternimmt. Ich bin mit meiner Klasse und der Partnerklasse auf einen großen Spielplatz gewandert, dort haben wir Tischtennis, Volleyball und Fußball gespielt, wir haben gepicknickt und gequatscht.

Heute war Aufräumen und Tische putzen angesagt, danach fand die Schlusskonferenz statt und anschließend haben wir LehrerInnen das Schuljahr im Kollegenkreis ausklingen lassen.

Morgen gibt’s dann die Zeugnisse. Vielen meiner SchülerInnen werde ich zum guten, manchen sogar zum ausgezeichneten Erfolg gratulieren, einige ermutigen, die Ferien nicht nur, aber auch zum Nachlernen zu nutzen, von ein paar aus unserer Klasse müssen wir uns verabschieden (zum Beispiel von der amerikanischen Gastschülerin, die dieses Jahr bei uns war). Wie jedes Jahr werde ich versuchen, allen ein paar Worte mitzugeben. Manchmal neige ich in solchen Situationen ein bisschen zum Pathos. Das müssen sie über sich ergehen lassen. Ich brauch‘ das – und sie kennen mich eh. (nemo)

 

 

Der Tag danach

Noch einmal Fasching heute. Weil das gestern so eine tolle Sache war. Aber auch, weil meine Klasse um ein Haar nicht mitgemacht hätte. Und weil heute, am Tag danach, eine Schülerin aus eben dieser Klasse geschrieben hat: „Ich war gestern ziemlich stolz auf meine Klasse.“

Viele Schülerinnen und Schüler in meiner Klasse sind eher schüchtern und zurückhaltend. Sie stehen nicht gerne im Mittelpunkt und scheuen die große Bühne. Im Sportunterricht haben die Mädchen einen rhythmischen Besentanz eingeübt. Den wollten sie am Faschingsdienstag beim großen Schulprojekt (über das Doris ja schon geschrieben hat) aufführen. Die (wenigen) Jungs sollten entweder mittanzen oder den Rhythmus klopfen.

Aber niemand in der Klasse war davon wirklich begeistert. Noch vor wenigen Tagen war die Lust auf den Auftritt gleich null. Sie waren unsicher und hatten Angst, sich mit ihrem Tanz zu blamieren. Grottenlangweilig und urpeinlich kam ihnen die Sache vor, je näher der Faschingsdienstag rückte, desto schlimmer wurde es. Offenbar hatten am Montag viele sogar vor, am nächsten Tag nicht in die Schule zu kommen.

Schlussendlich waren bis auf zwei alle da. „Ehrlich gesagt wollte ich lieber daheim bleiben und hab mir dann aber gedacht, dass das den anderen gegenüber unfair ist“, hat ein Mädchen heute geschrieben. Viele kamen kostümiert, alle mehr oder weniger gut gelaunt. In der ersten Stunde wurde der Tanz noch einige Male geprobt. Und dann ging’s in die Turnhalle, wo der große Event stattfand. Meine Klasse musste lange warten, viele waren vor ihnen dran. Aber – und das war nach dieser Vorgeschichte nicht unbedingt zu erwarten – die Aufführung gelang. Möglicherweise war’s nicht genial, aber es war gut. Ziemlich gut sogar. Eigentlich auch originell. Keine andere Klasse präsentierte etwas Ähnliches. Und das Schönste: Die allermeisten hatten Spaß daran, fanden selbst, dass der Tanz gut gelungen ist und ihr Auftritt weder peinlich noch langweilig war. „Man konnte sehen, was wir als Klasse alles schaffen können“, „Ich bin zwar noch immer der Meinung, dass ich nicht dabei sein hätte müssen, aber ich hab’s für die Klasse getan“,  „Ich finde es schön, dass die ganze Schule zusammenkommt“ und auch „Ich genoss es sogar, auf der Bühne zu stehen“, durfte ich heute lesen. 🙂

Heute habe ich übrigens sämtliche Klassen, die ich unterrichte, nach ihrer Meinung zu unserem großen Faschingsprojekt gefragt. Die einen schriftlich, die anderen mündlich. Dabei hat sich gezeigt, dass fast alle  von dieser Veranstaltung angetan sind und den Wert für sie selbst, für ihre Klassengemeinschaft und für die Schulgemeinschaft erkennen. Sicher, es dauert lang (5 volle Stunden!) und die Bühnen- bzw. Zuschauersituation im Turnsaal ist wahrlich suboptimal. Aber wir haben nun einmal 32 Klassen und weder Aula noch Festsaal. Das lässt sich nicht ändern. Trotzdem, dass das Faschingsprojekt eine super Sache ist, das spüren alle. Das Wichtigste daran ist nicht, welche Klasse schlussendlich den besten Beitrag liefert und gewinnt (obwohl mitunter echt Meisterliches geboten wird und sich vielerlei Begabungen zeigen). Das Wichtigste ist, dass wir alle, Groß und Klein, SchülerInnen, LehrerInnen und der Direktor einen Tag gemeinsam verbringen, an dem viele Kategorien, die Schule normalerweise ausmachen, ausgehebelt sind, an dem wir uns alle gleichermaßen zum Affen machen und gemeinsam darüber lachen dürfen.

Vielleicht war es ja Zufall, dass die Stimmung heute, am Tag danach, in meiner Klasse so viel besser war als in der letzten Zeit. Schon lange war die Beteiligung am Unterricht nicht mehr so lebhaft und intensiv wie heute. Vielleicht aber auch nicht… (nemo)

PS: Auf unserer neuen Schulhomepage gibt’s übrigens schon jede Menge Fotos vom gestrigen Event.

Unterwegs mit Groß und Klein. Ein Wandertag der extrafeinen Sorte

Mit 29 coolen 16-Jährigen und 24 lieben 10-Jährigen begaben wir uns heute Vormittag auf die große Wiese nach Hellbrunn. Der Grund für unseren Ausflug war, dass sich meine sechste Klasse eine erste Klasse als Patenklasse gewünscht hatte. Und die Erstklässlerinnen (in diesem Fall ist es eine reine Mädchenklasse) wollten ein paar der ganz großen SchülerInnen kennenlernen, auf dass sie neben uns LehrerInnen noch jemanden an der Schule haben, dem sie Löcher in den Bauch fragen können.img_1832

Wir machten uns also auf den Weg und erlebten einen dieser Tage, an denen ich felsenfest davon überzeugt bin, dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Beruf geben kann als den meinigen. Nicht, dass unser Ausflugsziel so spektakulär gewesen wäre. Auch nicht, dass unser Ausflugsprogramm so einzigartig gewesen wäre. Aber die Freude, die gute Laune, der Spaß, das Zwischenmenschliche, die gelungenen Kontaktaufnahmen, das gemeinsame Spielen und das alles bei prächtigem Herbstwetter in einer wunderbaren Umgebung – LehrerInnenherz, was willst du mehr?

Mit zwei einander unbekannten Klassen zogen wir los, mit einer gemeinsamen Gruppe kehrten wir zurück. Dazwischen ereignete sich folgendes: 1. Wir jausneten zusammen. 2. Wir erkundeten den Spielplatz. 3. Wir ließen die SchülerInnen zwei Kreise bilden, die Kleinen innen, die Großen außen. Dann sollten sie sich ihrem Gegenüber vorstellen und sich z.B. über ihr Lieblingsessen, ihr Lieblingskinderbuch oder das Coolste am WRG austauschen. Immer wenn wir klatschten, rückten die Großen um einen Schritt nach rechts und das Austauschen begann von neuem. 4. Wir bildeten gemischte 4er- bzw. 5er-Teams und ließen sie in der Natur verschiedene Dinge suchen: Etwas, das weich ist; etwas, das ein Geräusch macht; etwas, das ganz gerade ist; etwas, das gut riecht. Etcetera. 10 Dinge sollte jede Gruppe finden und danach aus diesen Dingen ein Bild legen. 5. Wir machten einen „Ausstellungsrundgang“ und schauten uns die Bilder an. Jede Gruppe erklärte kurz ihr Bild und alle erhielten für ihr Bemühen und ihre Kreativität Applaus. img_1821

Dann war der Vormittag auch schon wieder fast vorbei und wir wanderten zurück. Was ich da auf dem Heimweg in der Hellbrunner Allee mitansehen durfte, ließ mein Lehrerinnenherz gleich mehrmals hüpfen: Große und Kleine einträchtig nebeneinander, sie schwatzten und lachten, sie fragten sich aus und erzählten, über den Größenunterschied von bis zu zwei Köpfen hinweg, dass es eine wahre Freude war.

Welche Argumente auch immer für eine gemeinsame Schule der 6-bis 14-Jährigen existieren mögen, ich bin und bleibe ein Fan der Langform des Gymnasiums, bei der 10- bis 18-Jährige gemeinsam unterrichtet werden! (nemo)

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