Vom zivilisatorischen Niveau

Ganz was anderes heute: Im Morgengrauen habe ich in der Zeitung ein Gespräch mit einem Theaterregisseur gelesen, das mich einigermaßen beunruhigt hat. Es geht darin um die gesellschaftlichen Zustände in einem Land, zu dem ich keine besondere Verbindung habe. Das Land spielt, wiewohl es sich in Europa befindet, wenig Rolle in meinem Leben. Die geschilderten gesellschaftlichen und politischen Zustände aber sind erschreckend. Irgendwie packte mich heute in der Früh das Grauen.

Ich mache ein Experiment und gebe Teile des Artikels wieder – ohne jedoch das Land zu nennen, von dem die Rede ist. Ich kennzeichne die Veränderungen durch Auslassungszeichen:

Seine Landsleute hätten (…) nie gelernt, mit demokratischem Rüstzeug umzugehen. „Man hat uns gesagt, ihr könnt alle vier Jahre wählen gehen, den Rest erledigen wir.“ Eine Krankenpflegerin habe sich unlängst, so erzählt Schilling, an die Öffentlichkeit gewagt, um die schlechten Arbeitsbedingungen in (…) Spitälern anzuprangern, und kein einziger Kollege sei ihr beigestanden, obwohl jeder wisse, wie miserabel die Situation sei. Oder: Ein Universitätslehrer habe bei einer Demonstration die Verschlechterung im Bildungswesen beklagt und sei zwei Tage später von seinem Vorgesetzten ermahnt worden, es kein zweites Mal mehr zu tun. „Alle kuschen. Der existenzielle und psychische Druck ist enorm. Die Regierung hat das perfekt in der Hand.“ Es sprudelt aus Schilling heraus. Dabei geht es dem vielfach ausgezeichneten Regisseur und Gründer des heute nur noch als Produktionsplattform geführten (…)-Theaters nicht um seine Person oder die ihn betreffende Ächtung, sondern um den schlechten Befund von Mündigkeit und des Miteinanders, von dem verstärkt die Rede ist, seit sich weite Teile der europäischen Gesellschaften bedroht fühlen. „Die Menschen verhalten sich (…) mittlerweile wie im Mittelalter!“, sagt er.

Die rechtsnationale (…)-Partei betreibe auf allen Ebenen Angstpropaganda: Angst vor Brüssel, (…) Angst vor Migranten usw. „Und dann tritt (Name des Ministerpräsidenten) heraus und sagt, ich beschütze euch. Das ist die Geste des Königs!“ Und weiter: „Die Menschen fürchten sich mehr vor Migranten als vor dem Niedergang der Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen! Das ist doch gegen jeden Wert, das ist Antikultur. Das beunruhigt mich sehr. Was passiert hier mit unserem zivilisatorischen Niveau!?“

Das ganze Interview gibt’s hier.

(nemo)

 

Patenklasse bei „Nichts“

Die vierte Klasse, in der ich unterrichte, hatte in diesem Schuljahr die außerordentliche Gelegenheit, als Patenklasse ein Theaterstück zu begleiten. Patenklasse zu sein heißt, dass man bei der Erarbeitung und Inszenierung eines Stückes dabei sein und gleichzeitig selbst aktiv werden darf. Für die SchülerInnen kann auf diese Weise Theater richtiggehend zum Erlebnis werden. Sie beobachten den Entstehungsprozess und überlegen darüber hinaus selbst, wie sie beispielsweise das Bühnenbild gestalten oder wie sie eine bestimmte Szene spielerisch umsetzen würden. IMG_4755

Meine ViertklässlerInnen waren Patenklasse bei dem Stück „Nichts – was im Leben wichtig ist“, das in der Regie von Petra Schönwald vor zwei Wochen am Schauspielhaus Salzburg Premiere hatte. Das „Stück“ ist eigentlich ein Roman von Janne Teller, der vor einigen Jahren aufgrund seiner Thematik für Aufregung gesorgt hat. Es geht darin um eine Gruppe Jugendlicher, die ihrem Klassenkameraden Pierre Anthon beweisen wollen, dass es etwas gibt, das Bedeutung hat. Er verunsichert seine Mitschüler mit dem Satz „Nichts bedeutet irgendetwas“ dermaßen, dass sie beginnen einen Berg aus Bedeutung zusammenzutragen. Was zunächst harmlos beginnt, steigert sich bald zu einem grausamen Unterfangen, bei dem keiner den anderen schont und jeder etwas noch Bedeutsameres auf den Berg legen muss. Die Spirale aus Angst, Wut und Rache dreht sich, bis sich am Ende des Buches der Zorn der Jugendlichen an Pierre Anthon entlädt und der Unruhestifter zu Tode kommt.

Für Vierzehnjährige ist dieses Buch ganz schön heftig. Ich hätte es nicht mit der Klasse gelesen, wenn wir nicht die Gelegenheit gehabt hätten, die Theaterproduktion zu begleiten. Nur durch die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik, die im Zuge der Probenbesuche gegeben war, denke ich, dass die Lektüre vertretbar war. Wiewohl ich auch dazusagen muss, dass ich von dem Buch insgesamt nicht restlos überzeugt bin. Meines Erachtens wird nicht plausibel, warum die Aussage von Pierre Anthon die anderen derart aus der Bahn wirft. Er selbst setzt sich in den Pflaumenbaum und beschließt, nichts mehr zu tun. Dass die anderen dadurch so provoziert werden, dass sie im wörtlichen Sinn alles tun, um ihm das Gegenteil zu beweisen (was natürlich ohnehin scheitern muss), erschließt sich weder mir, noch konnten es meine Schüler nachvollziehen. Des Weiteren fehlt, finde ich, am Ende eine Erkenntnis, eine nachträgliche Einsicht bzw. Reflexion des eigenen Fehlverhaltens. Die Ich-Erzählerin ist im Grunde auch acht Jahre nach den fürchterlichen Ereignissen kaum zu einer selbstkritischen Haltung fähig. Das lässt einen irgendwie unzufrieden zurück.

Was trotz dieser Mängel an dem Buch interessant ist, ist der gruppendynamische Prozess, der die Handlung vorantreibt und irgendwann nicht mehr zu stoppen ist. Jeder der Jugendlichen sucht die Schwachstelle eines anderen und sticht gnadenlos zu.  Genau dieser Prozess ist es auch, der mich an der dramatischen Umsetzung am meisten überzeugt hat. Die Bühnenfassung kann die Schwachstellen des Buches nicht korrigieren, sie schafft es aber, den grausamen Vorgang, der zwischen den Jugendlichen abläuft, grandios darzustellen und aufzuzeigen. Und sie gibt der Geschichte darüber hinaus einen sinnvollen Rahmen, indem sie mit der Erzählgegenwart acht Jahre nach den Ereignissen einsetzt und die Handlung wie eine Rückblende inszeniert. Dadurch gewinnt das Stück gegenüber der Textvorlage eindeutig an Plausibilität.

Die SchülerInnen waren von der schauspielerischen Darbietung begeistert. Sie konnten unter anderem mitverfolgen, wie sich ein Stück etwa durch den Einsatz von Licht verändert. Und sie durften selbst, angeleitet von einer „richtigen Regisseurin“, ein paar Szenen entwerfen und ausprobieren. Patenklasse zu sein ist eine einzigartige Gelegenheit Theater zu erleben, und Patenklasse bei dieser Version von „Nichts“ zu sein, war etwas, was unser Schuljahr wirklich bereichert hat. (nemo)

W wie Wind und Wetter im wunderbaren Wien

SAM_0165Blöd, wenn die Klassenreise nach Wien gerade während eines massiven Kälteeinbruchs im April stattfindet. Mein Gott, wie schön hätte es sein können, bei frühlingshaften Temperaturen durch die Stadt zu flanieren, unter blühenden Bäumen zu verweilen und sich die eine oder andere Melange im Freien einzuverleiben. Aber nein, Schnee, Regen, Wind und eine Eiseskälte scheuchten uns durch die Straßen. Und das, wo die SchülerInnen fotografisch auf Exkursion gehen, öffentliche Räume ins Bild nehmen, sich selbst und andere vor Ort inszenieren sollten. „Wiener Welten“ haben wir unser diesjähriges Kulturprojekt betitelt, die Feldarbeit dafür hatten wir uns alle ein bisschen leichter vorgestellt. Aber heutzutage kann man sich einfach auf gar nichts mehr verlassen, nicht einmal in Wien macht der Herrgott – Schas hin oder her – dauerhaft a schön’s Wetter. 😉

Was soll’s, toll war’s trotzdem. Sehr toll sogar. Wien ist einfach eine Pracht und das dortige Kulturleben jedes Mal wieder ein Genuss. Außerdem waren die Schüler wirklich tapfer, haben wacker fotografiert und ja, in künstlerischer Hinsicht können Orte wie der Prater oder die Wiener Parks vom schlechten Wetter auch gewinnen. Hatte ja nie jemand behauptet, dass es leicht und bequem sein müsste, Kunst zu produzieren. Und zwischen den Projektarbeitsphasen hatten wir eh Indoor-Programm. Die eigene künstlerische Betätigung der SchülerInnen wurde durch mehrere Ausstellungsbesuche ergänzt. Und was das betrifft, kann man in Wien einfach aus dem Vollen schöpfen.

Angefangen haben wir am Dienstagnachmittag mit einem Besuch des Dialogs im Dunkeln. Dabei begibt man sich, geführt von einem blinden Menschen, auf einen Rundgang in völliger Dunkelheit, bei dem sowohl der Gehör- und der Geruch- als auch der Tast- und Geschmacksinn geschärft werden. Eine beeindruckende und spannende Erfahrung und für uns gerade auch im Rahmen dieser speziellen Wientage ein gelungener Kontrast zu der darauffolgenden mehrtägigen visuellen Auseinandersetzung mit Farbe und Licht.

Als äußerst gelungen empfanden wir alle, SchülerInnen wie LehrerInnen, den Besuch der Albertina am Mittwoch. Wir hatten eine Führung durch die Egon Schiele-Ausstellung gebucht und gleich zwei hervorragende KunstvermittlerInnen bekommen. Kombiniert mit den beeindruckenden Schiele-Zeichnungen ein wirklicher Glücksfall, der sich so weder bei der tags darauf besuchten Carl Spitzweg/Erwin Wurm-Ausstellung im Leopold Museum noch bei der Daniel Richter-Ausstellung im 21er Haus wiederholte. Zwar sind auch diese beiden Ausstellungen ebenso wie die Museen mit ihren Sammlungen insgesamt grandios, die Kunstvermittlung aber konnte nicht im selben Ausmaß IMG_4725überzeugen. Zumindest bei der Daniel Richter-Ausstellung waren allerdings die Bilder für die Jugendlichen trotzdem mitreißend. Der ironische Grundton und die feine spitze Klinge der Carl Spitzweg-Bilder oder auch der Erwin Wurm-Skulpturen fand hingegen bei den Schülern etwas weniger Anklang. Was es, unabhängig vom persönlichen Gefallen, generell für ein Glück und Privileg ist, solche Museen besuchen zu können, solche Meisterwerke zu Gesicht zu bekommen, ist vielen SchülerInnen einfach noch nicht bewusst. Dafür ist auch ihr Hunger auf Kunst (noch?) zu wenig ausgeprägt. Wie wertvoll und wichtig Unternehmungen und Begegnungen dieser Art trotzdem sind, wissen wir LehrerInnen – und zwar einfach aufgrund unseres pädagogischen Gespürs, ganz ohne dass es uns eine Studie, Zahlen oder gar ein Bildungsexperte bestätigen müssten.

Dasselbe gilt im Übrigen für den Bereich des Theaters: Am Donnerstagnachmittag hatten wir eine interessante Führung im Burgtheater, am Abend sahen wir uns dort Molières eingebildeten Kranken an. Die schrille Inszenierung von Herbert Fritsch kann man, man muss sie nicht mögen. Mir selbst gefiel vor allem der Teil nach der Pause ausgezeichnet. Unabhängig davon aber war es ein Genuss, diese schauspielerischen Leistungen geboten zu bekommen. Auch vom Theaterbesuch war natürlich nicht die ganze Klasse im selben Ausmaß begeistert. Vielleicht müsste man auch schon mehr gesehen haben, theatermäßig versierter sein als es die meisten 16-Jährigen sein können, um eine solche Inszenierung entsprechend schätzen zu können. Trotzdem gilt auch hier: Wenn es gelingt, auch nur ein paar nachhaltig vom Wert des Theaters zu überzeugen, erscheint mir unsere Mission geglückt. IMG_4734

Natürlich fragt man sich selbst immer wieder, wieviel die Jugendlichen von solchen Kulturtagen mitnehmen und wie vieles an ihnen abprallt oder unbemerkt vorbeirauscht. Vielfach können wir nur darauf vertrauen, dass sich früher oder später bei den meisten etwas tut, dass all diese Erfahrungen sie prägen und reicher machen. Zwei starke Indizien dafür, dass dem so ist, haben wir noch in Wien bzw. auf der Heimreise erhalten: Erstens haben die SchülerInnen Fotos gemacht, wie wir sie ihnen kaum zugetraut hätten. Motive, die sie in den Ausstellungen gesehen hatten, Einstellungen, die sie im vorbereitenden Fotografie-Workshop kennengelernt hatten, Sujets, denen sie in Wien in anderen Zusammenhängen begegnet waren, fanden sich in vielen ihrer Arbeiten wieder. Jetzt müssen die Fotos noch ausgewählt, nachbearbeitet und aufbereitet werden, aber auf die Ausstellung freue ich mich schon jetzt!

Und zweitens hatten wir im Zug nach Salzburg noch eine andere schöne Begegnung: Zufällig befand sich eine ehemalige Schülerin aus unserer Schule im gleichIMG_4731en Waggon. Mit welcher Freude die sich zu uns setzte, wie klug sie über ihre Schulzeit reflektiert, wie gern sie an die Zeit bei uns im WRG zurückdenkt und wie differenziert sie schon heute über Bildung, Kunst und Theater nachdenkt, hat uns ebenso beeindruckt wie gefreut. Ein wirklich schönes Erlebnis für uns, wenn man sich be- und angereichert mit so vielen Eindrücken und glücklich darüber, dass alles geklappt hat und niemandem etwas passiert ist, auf der Heimfahrt befindet. Müde, unglaublich müde ist man nach so einer Reise, müde und gleichzeitig dankbar für die wunderbaren Tage in Wien, Wind und Wetter zum Trotz. – Außerdem: Am letzten Tag schien eh die Sonne. 🙂 (nemo)

PS: Und wie immer habe ich die SchülerInnen gleich im Zug ein bisschen über die Wien-Tage reflektieren lassen. Hier ein paar Statements:

Unsere Unterkunft hat mich ein wenig an ein Gefängnis erinnert, als wir sie zum ersten Mal sahen, aber sie war eigentlich voll okay.

I love all the art and history of artists in Wien, and it was really great to be able to be on tours.

Hin und wieder war es ein bisschen anstrengend, den Fotoapparat überall hinzuschleppen.

Am besten hat mir an der Wienwoche gefallen, dass wir eigenständig sein und uns frei bewegen durften.

Am Anfang war ich etwas skeptisch, ob mir die Ausstellungen gefallen würden, aber ich bin positiv überrascht. Ich habe die Ausstellungen sehr interessant gefunden und mir haben sogar ein paar Bilder gefallen.

Was mir nicht gefallen hat, war das Wetter, aber das kann man ja nicht bestimmen.

Das Fotoprojekt war mal einfach, mal schwierig. Am schwersten war die Porträtfotografie, weil man doch den Mut aufbringen muss, die Personen erst einmal zu fragen.

Am Mittwoch haben wir gefroren wie noch nie und sind waschelnass geworden. Am Donnerstag ist es schon besser gewesen und am letzten Tag haben wir wohl doppelt so viele Fotos wie in den beiden vorigen Tagen gemeinsam geschossen. Auf der Donauinsel herrschte traumhaftes Wetter und wir hatten eine Wahnsinnskulisse.

Das Programm war cool. Besonders haben mir die Ausstellungen von Egon Schiele und Daniel Richter gefallen.

Mir persönlich hat die Führung in der Albertina am besten gefallen. Wir hatten dort eine sehr gute Führerin, die alles sehr interessant berichtet hat.

Das Theater war sehr ausgefallen und ich war begeistert von den Schauspielern.

Mir hat die Reise gut gefallen. Vor allem, dass wir Wien großteils allein erforschen und erkunden durften.

Mir hat das Fotoprojekt sehr „getaugt“. Es fühlte sich gar nicht wie Arbeit an.

Ich freue mich SEHR auf die Ausstellung und auch auf weitere Schulausflüge mit dieser coolen Klasse.

Erleben und Erzählen: Bordeaux, einstens

Erzählen und (Er-)Leben stellen, so Jean-Paul Sartre in La nausée (Der Ekel), zwei gegensätzliche Modi dar: Die Dinge ereignen sich in die eine Richtung und wir erzählen sie in die Gegenrichtung. Damit aus dem banalsten Erlebnis ein Abenteuer werde, müsse man es bloß erzählen. Denn solange man sich im Modus des Erlebens befinde, passiere nichts, die Ereignisse fügten sich einfach aneinander. Erst durch das Erzählen werde aus dem Erlebten eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende.

Eine Form des Erzählens, die ich in diesem Sommer häufig praktiziere, ist jene des Sich Erinnerns. Mein aktueller Erlebensmodus ist vielfach vom Erinnerungs- bzw. Erzählmodus überlagert, anders gesagt, ich verknüpfe aktuelle Ereignisse praktisch umgehend mit Erinnerungen und mache so daraus (Lebens-)Erzählungen. Wahrscheinlich ist das einfach eine Alterserscheinung oder zumindest ein Beweis dafür, dass man doch schon recht viel erlebt hat. „J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“ („Ich habe mehr Erinnerungen, als wär‘ ich tausend Jahre alt“), heißt es in einem Spleen-Gedicht von Baudelaire. (An das Gedicht muss ich denken, aber eigentlich wegen Jorge Semprún, der in einem seiner Erinnerungsbücher das Baudelaire-Gedicht zitiert.)

Ein Beispiel für meine gegenwärtige Erinnerungsproduktion sind die beiden Festspielaufführungen, die ich mir in den letzten Tagen angeschaut habe: Samuel Becketts Endspiel (Fin de partie) und die Mozart-Oper Don Giovanni. Beide Inszenierungen waren ein wahrer Genuss und beide Erlebnisse haben bei mir sofort den Erinnerungsmotor angeworfen.

Fin de partie und Don Giovanni bzw. Dom Juan standen auf dem Programm eines Theaterseminars, das ich vor vielen Jahren (1994-95!) während meines Auslandsstudienjahres an der Université III in Bordeaux besuchte. Charles Mazouer hieß der Professor, bei dem wir, drei Salzburger Erasmus-Studentinnen, ein Jahr lang im Seminar saßen. Unter dem Gesichtspunkt der Herr-Knecht-Thematik (maître et valet) wurden Theaterstücke aus mehreren Jahrhunderten analysiert, darunter eben Dom Juan von Molière und Fin de partie von Samuel Beckett. Daneben gab es auch eine praktische Einführung ins Theaterspielen, sozusagen als Ergänzung zum theoretischen Seminar. Auch da taten wir wacker mit. Gemeinsam mit meiner Freundin blieb ich sogar über das Praktikum hinaus bei der Gruppe. Am Ende des Jahres führten wir ein Stück von Eugène Ionesco (Jeux de massacre) auf, wir zwei germanophones unter lauter Muttersprachlern. 41WSBXSKEPL._SX195_(Und später spielten wir dann auch in Salzburg in der Französisch-Theatergruppe mit.)

Das Erasmus-Auslandsjahr war etwas ganz Besonderes, nicht nur – aber auch! – in sprachlicher Hinsicht. Es öffnete und weitete meinen Horizont auf eine Weise, wie es ein Studium ausschließlich in Österreich nie vermocht hätte. Bordeaux hatte für uns damals durchaus etwas Exotisches, ein Erasmus-Jahr war ein veritables Abenteuer. Heute, in Zeiten von Internet, EU und internationalen Studiengängen erscheint das alles nicht mehr so nachvollziehbar. Aber damals, im Jahr 1994, war Österreich eben noch nicht bei der EU, es gab praktisch noch kein Internet (und ergo auch keine E-Mails), und das Erasmus-Programm war in Österreich gerade mal zwei Jahre alt. Von unseren Vorgängerinnen bekamen wir ein altes Vorlesungsverzeichnis in die Hand gedrückt, mehr Infos über das Studienangebot gab’s nicht. Während der Zeit in Bordeaux schrieben wir zahllose Briefe, erst ab dem Frühjahr (Österreich trat Anfang 1995 der EU bei) trudelten diese verlässlich binnen einer Woche zu Hause ein (und umgekehrt), davor konnte der einfache Postweg schon auch mal zwei Wochen umfassen. Telefon gab’s in meiner WG zwar, man konnte jedoch keine Gespräche ins Ausland tätigen. Um nach Hause zu telefonieren, musste man sich also bei einer Kabine anstellen. Gerade am Abend bildeten sich dort oft lange Schlangen. Und ein Handy hatte überhaupt noch niemand. Ja, wenn man das so zusammenschreibt, kann man es selbst fast nicht mehr glauben. Obwohl es damals natürlich lange nicht so seltsam war, wie es heute erscheint, sondern einfach normal.

Dadurch, dass die Möglichkeiten mit den Daheimgebliebenen zu kommunizieren so eingeschränkt waren, fühlten wir uns in Bordeaux ebenso fern wie frei. Auch das kann man heute kaum mehr nachvollziehen. So ein Studienjahr in Westfrankreich fühlte sich an wie ein Leben fast am anderen Ende der Welt. Sicher, zu Weihnachten fuhren die meisten Erasmus-Studenten nach Hause, danach aber ging es für uns erst so richtig los. Denn im Gegensatz zu vielen Studierenden heute verbrachten wir ja ein ganzes Studienjahr im Ausland. Und ein ganzes Studienjahr ist definitiv mehr als die Summe aus zwei Semestern – sowohl in sprachlicher als auch in sozialer Hinsicht.

Was die Sprache betrifft, tat sich der große Sprung erst irgendwann im März. Ab da ging alles spürbar leichter, ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich im Französischen allmählich wie ein Fisch im Wasser. Und was das Soziale betrifft, war’s ebenso. Diejenigen, die schon nach einem Semester wieder abreisten, brauchten sich nach Weihnachten gar nicht mehr richtig anzustrengen. Für sie waren die Wochen bereits gezählt. Für uns allerdings bedeutete die Zeit nach den Weihnachtsferien die härteste im Jahresverlauf. Zu diesem Zeitpunkt hieß es nämlich, sich um ein vollständiges Leben vor Ort zu bemühen. Zu lange erschien die Zeit bis zu den Sommerferien, als dass man weiterhin „Uni-Tourist“ auf Abruf bleiben konnte.

Ein zentraler Integrationsfaktor war für uns zweifellos das Theater. Das gemeinsame Erarbeiten eines Stücks, die ständigen Proben, die viele gemeinsam verbrachte Zeit schweißten uns mit den französischen Studierenden zusammen. Während viele Erasmus-StudentInnen doch recht häufig unter sich blieben, hatten wir viel mehr Anschluss an die dortigen StudentInnen. Daraus entstanden Freundschaften, von denen manche noch lange fortdauerten.

All das (und noch viel mehr) kann so ein Besuch bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2016 aufrufen – zumal wenn man mit genau jener Person ins Theater bzw. in die Oper geht, mit der man damals gemeinsam in Bordeaux war. 🙂 „Vieux linge! Toi – je te garde.“ („Altes Linnen! Dich behalt ich.“), sagt Hamm am Ende von Fin de partie. Allein dieser Satz vermag das Bordeaux-Erinnerungsgebäude aufzuschließen. Wenn ich ihn metaphorisch als Erinnerungsfetzen lese, taugt er darüber hinaus als Symbol dafür, dass von einem Auslandsstudienjahr weit mehr bleibt als verwertbare Zeugnisse oder ECTS-Punkte und mein damaliges Lehramtsstudium gerade durch dieses Jahr in Bordeaux die Fixierung auf das Lehramt verlor und einen viel weiteren Horizont annahm – auch wenn das jetzt alles mit Becketts Endspiel wiederum nur sehr indirekt zu tun hat. (nemo)

 

Multimediale Inszenierungen. Ein Kulturprojekt

Morgen Abend ist es soweit: Unser diesjähriges Kulturprojekt wird präsentiert. Drei Kurzfilme, ein Hörspiel, ein kleines Theaterstück. Alles von den Schülern selbst ausgedacht und umgesetzt. Eine richtig große Sache. plakat%204%20%2c%20bearbeitet

Angefangen hatte es damit, dass wir uns mit dem Begriff „Inszenierung“ auseinandersetzten. Wir überlegten, was alles inszeniert wird und  wie die verschiedenen Dinge im Alltag und in der Kunst inszeniert werden. Wir gingen in die Oper, wir gingen ins Theater, wir gingen zur Performance von Jaromir Konecny. In weiterer Folge wollten wir selbst tätig werden.

Durch die Kooperation mit dem Literaturhaus Salzburg wurde vieles möglich, was den Rahmen eines normalen Kulturprojekts an unserer Schule gesprengt hätte: Künstler wie Christoph Wortberg oder Christian Sattlecker unterstützten die SchülerInnen beim Drehbuchschreiben, Filmprofis vom Studio West halfen ihnen beim Drehen und Schneiden. Peter Fuschelberger, der Leiter des Jungen Literaturhauses weiß, was es für Kulturprojekte dieser Größenordnung und Qualität braucht und hat sich auch selbst voll ins Zeug gelegt. Und auch wir Lehrerinnen waren nicht untätig.

Das Geld für unser Unterfangen kam übrigens vom Land Salzburg, von KulturKontakt Austria, vom Elternverein unserer Schule und – der größte Brocken – vom Literaturhaus. Und morgen dann also die große Präsentation. Wir sind gespannt!

In den letzten beiden Deutschstunden habe ich die SchülerInnen noch einmal darüber reflektieren lassen, was es heißt, so ein Kulturprojekt durchzuführen. Hier ein paar Statements:

Was es heißt, (sich) zu inszenieren …

Wir alle kennen es: Eines Morgens wacht man auf und will nicht in die Schule gehen. Die Lösung: Man inszeniert Kopfschmerzen. Dieses Thema haben wir zu unserem diesjährigen Kulturprojekt gemacht. Nein, wir haben nicht das ganze Jahr Kopfschmerzen gehabt und sind zu Hause gesessen. Wir haben uns in Szene gesetzt!

Was es heißt, an einem Kulturprojekt zu arbeiten …

Um ehrlich zu sein dachte ich mir zu Beginn des Schuljahres nicht, dass wir so viel Zeit in dieses Projekt investieren würden. Letztendlich aber waren die vielen Stunden Arbeit es auf jeden Fall wert.

Auch wenn es nicht leicht war, lernten wir auch, dass nicht alles gleich von Anfang an wie am Schnürchen laufen muss. Selbst wenn die Ideen noch so gut sind, manchmal können sie mit den vorhandenen Möglichkeiten einfach nicht umgesetzt werden.

Was es heißt, ein Plakat zu gestalten …

Acht Schulstunden. Das sind insgesamt 400 Minuten, die wir damit verbracht haben, plakat1Plakate für das heurige Kulturprojekt zu gestalten. Am Anfang haben wir alle unterschätzt, wie aufwendig es ist, ein Plakat zu entwerfen.

 Was es heißt, ein Theaterstück zu schreiben …

Allein schon eine gute Handlung zu erfinden war schwer, da wir immer wieder neue und bessere Ideen hatten, die wir auch in dem Stück haben wollten. So haben wir immer wieder von ganz vorne angefangen.

Jeder will etwas anderes, jeder hat andere Vorstellungen und Ideen. Wenn dann das Thema klar ist, wird es auch nicht leichter. Wie fängt man an? Wie lautet der erste Satz?

Was es heißt, einen Film zu drehen …

Arg, was da alles zu organisieren ist: vom Drehbuch über die Statisten bis hin zum Drehort.

Wir haben ziemlich lange am Drehbuch geschrieben, und als wir damit fertig waren, haben uns die Profis gesagt, dass es viel zu lang sei und es gar nicht möglich wäre, das alles an einem Tag zu drehen. Also wurde das Drehbuch gekürzt.

Man muss Geduld haben und manchmal kann es auch nervig sein, eine Szene gefühlte hundertmal zu drehen. Aber schlussendlich hat man dann doch ein gutes Gefühl und ist sogar stolz darauf.

Alles in allem war es lustig, einen Film zu drehen. Es gab natürlich auch anstrengende Aspekte, aber man kann von einem schulischen Projekt ja nicht erwarten, dass es nur lustig ist. plakat2

Bei der letzten Szene musste ich mit einem Bobby Car einen kleinen Hügel hinunterfahren. Ich habe mir oft das Lachen verkneifen müssen, da auch immer wieder Fußgänger vorbeispazierten und mich anstarrten. Vor allem bin ich gefühlte zwanzigmal den Hügel hinabgerollt.

Einen Film zu drehen ist ziemlich anstrengend, aber es macht auch viel Spaß. Es war vor allem unangenehm, dort zu drehen, wo viele Passanten vorbeigingen, da diese dann stehen blieben und zuschauten. Doch irgendwie fühlte man sich auch wie ein Filmstar.

Was es heißt, Filmstar zu sein …

Ich stand eineinhalb Stunden auf High Heels, die schlussendlich im Film gar nicht zu sehen sind.

Für meine zukünftige Karriere sehe ich mich schon in Hollywood, wie ich zusammen mit Dylan O’Brian eine Serie oder einen Film drehe.

Auch Statist zu sein ist schwerer als man denkt. Man muss aufpassen, was man im Hintergrund macht, um nicht mit komischen Gesten die ganze Szene zu verhauen.

Statist zu sein ist schon etwas Feines. Nur wird oft unterschätzt, wie schwer es tatsächlich ist. Ihr wundert euch jetzt wahrscheinlich, was so schwer daran ist, einfach nichts vor laufender Kamera zu machen? Nun, das Schwere daran ist, den eigentlichen Schauspielern nicht die Show zu stehlen. 😉

Was es heißt, einen Film zu schneiden …

Wir waren von 11 bis 18 Uhr im Filmstudio. Die sieben Stunden sind extrem schnell vergangen, insbesondere weil es so lustig war. Aber es ist schon erstaunlich, wie zeitaufwendig so kleine Werbespots sind. plakat3

Wir hätten, glaube ich, nie im Leben gedacht, dass es so anstrengend sein kann, einen Fünf-Minuten-Film zu schneiden. Trotzdem fanden wir es sehr lustig.

Interessant war, dass ich meinen eigenen Film sogar schneiden durfte. Und ich muss zugeben, dass es mich sehr fasziniert hat, mich selber eine Rolle spielen zu sehen.

Und alles in allem …

Meiner Meinung nach ist es eine gute Erfahrung gewesen, auch wenn es teilweise anstrengend und auch sehr aufwendig war.

Ein großes Dankeschön an alle, die uns unterstützt und uns geholfen haben.

Ich glaube, jede Gruppe hatte die einen oder anderen Schwierigkeiten. Aber jetzt steht am Ende ein Ergebnis, mit dem jeder zufrieden ist.

Durch unser Kulturprojekt haben wir viel darüber erfahren, wie so ein Film überhaupt zustande kommt und wie viel Arbeit und Zeit man allein in so einen Kurzfilm hineinstecken muss.

(nemo)

 

 

 

„Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand.“

Endlich bin ich wieder online! Eine kaputte Festplatte hat mich tagelang von der virtuellen Welt isoliert. Es fühlt sich, musste ich feststellen, doch schon recht komisch für mich an, wenn ich von zu Hause aus nicht ins Internet kann. Einige Kolleginnen haben ja gemeint, sie würden noch weitgehend netzfrei arbeiten und leben können (wobei: die haben alle Smartphones und ich nicht!), ich jedoch habe gemerkt, dass ich mich ohne Netzzugang schon eher amputiert fühle. Beispiel Französisch-Schularbeit: Wie soll ich die zusammenstellen, ohne dass ich im Internet nach passenden Materialien suche? Zwar bin ich ein Fan des Aufgaben-selbst-Zusammenstellens, kenne auch keine Scheu vor den neuen Formaten und bastle fröhlich vor mich hin – aber zumindest für Hörbeispiele oder geeignete Lesetexte brauche ich schon das Netz.

Sicher, eine ordentliche Lehrerin hat Ordner voll mit Arbeitsblättern und Unterlagen und sammelt praktisch täglich, was sie für den Unterricht brauchen könnte. Aber erstens bin ich nicht ordentlich (was dazu führt, dass ich häufig länger fürs Suchen als für sonstwas brauche) und zweitens habe ich mir das einfach schon so angewöhnt, dass ich zwar auch andauernd sammle – Zeitungsartikel zum Beispiel – diese dann aber eh verlege und bei Bedarf lieber im Netz suche und ausdrucke.

Welcher Weg schneller ist? Ich weiß es nicht. Denn, ok, ich bin unordentlich und dankbar, dass es virtuelle Suchdienste gibt. Gleichzeitig aber musste ich während meiner internetlosen Tage feststellen, dass ich plötzlich viel mehr (Frei-)Zeit hatte. Rumsurfen ist ein Zeitfresser par excellence, das kann ich nun aus eigener Erfahrung bestätigen.

Mir fiel dieser Tage auch wieder einmal ein, wie es früher so war. Vor zwanzig Jahren habe ich ein Studienjahr in Bordeaux verbracht. Damals hatte so gut wie niemand von meinen FreundInnen einen E-Mail-Account. Internet war für die meisten noch ein Fremdwort. Wenn wir mit den Daheimgebliebenen kommunizieren wollten, schrieben wir Briefe (unzählige!) oder wir telefonierten. Letzteres aber war ganz schön teuer und außerdem konnte man von der WG aus, in der ich wohnte, nicht ins Ausland telefonieren. Um telefonieren zu können, musste ich mich bei den Telefonkabinen anstellen. Gerade abends, zum Spartarif, bildeten sich da oft lange Schlangen.

Aber apropos old style: Meine DrittklässlerInnen haben heute noch einmal ihre Balladen vor zwei anderen Schulklassen aufgeführt. In Gruppen zu fünft oder sechst hatten sie in den vergangenen Unterrichtsstunden eine Ballade auswendig gelernt und inszeniert. „Die Brück‘ am Tay“, „Die Bürgschaft“, „Der Handschuh“, „John Maynard“ und den „Zauberlehrling“ hatten sie sich dafür ausgesucht.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Sie haben sich den Text und die Rollen aufgeteilt, sie haben sich in der Gruppe arrangiert, sie haben sich für die Dramatisierung etwas einfallen lassen. Ausnahmslos alle konnten bereits letzten Freitag den Text, alle haben sich beteiligt und eingebracht, alle waren auf der Bühne. Ich war echt beeindruckt. Manche sind richtig talentiert, andere wachsen über sich hinaus, einigen fällt das Auftreten schwer. Sie haben es trotzdem geschafft, sich zu überwinden.

Ein wirklich schönes Erlebnis für uns alle. Ja, und ich glaube, die Balladen sind ihnen schlussendlich gar nicht mehr so jenseitig vorgekommen, wie es ihnen anfangs aufgrund der für sie so fremd klingenden Sprache erschien. „Das Spielen der Balladen war echt voll cool“, habe ich in ihren Reflexionen lesen dürfen – geschrieben von einem, der so ein Urteil über den Deutschunterricht nicht leichtfertig fällt. Schöne Osterferien! (nemo)

Von Wichtigem und weniger Wichtigem: A Paris et ailleurs

Samstagabend, die Anstrengungen der Woche sind deutlich spürbar. Zu viel war los, als dass es schon nach nur einem Tag vergangen wäre. Schon seit Tagen krächzende Stimme, trotzdem habe ich versucht zu unterrichten. Die eine Klasse hatte Schularbeit, die anderen haben bald. Daneben viel zu organisieren und zu besprechen. Kulturprojekt, Schüleraustausch, Mentoring. Drei richtige Brocken, zusätzlich. Gestern Abend ein Opernbesuch mit zwanzig Schülern. Il mondo della luna. Interessant, wie viele Menschen einen ansprechen, wenn man mit Schülern abends in die Oper geht. Deshalb, weil die Schüler so brav sind, und deshalb, weil die Leute es gut finden, dass wir versuchen, den jungen Menschen die Welt des Theaters, der Musik, der Oper zu eröffnen.

Heute Vormittag Gang zur Polizei. Schon wieder ist mein Fahrrad weg. Im Vorzimmer der Wachstube drei schwarze Männer. Einer liegt unter der Bank, zwei sitzen. Sie kippen fast herunter, weil ihnen ständig die Augen zufallen. Ich spreche sie an. Sie haben seit sechs Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Aus Gambia kommen sie, wollen hier Asyl beantragen. Von Libyen aus sind sie mit einem Flüchtlingsboot übers Meer gefahren. Mein gestohlenes Fahrrad kommt mir nichtig vor. Fast eine halbe Stunde beschäftige ich mit meiner Bagatelle den zuständigen Beamten, bis meine Diebstahlsmeldung komplett ist.

Im Standard von heute schon wieder der Verweis darauf, dass weniger Schüler pro Klasse keine Verbesserung der Unterrichtsqualität bedeuten würden. Auch die Hattie-Studie belege das. Hat eigentlich irgend jemand von denen schon einmal Deutsch-Schularbeiten oder Hausübungen korrigiert? Ab 20 merkst du jedes zusätzliche Heft, ab 20 hängt es sich richtig an. Ab 20 merkst du auch jeden einzelnen Schüler in der Klasse. Oder umgekehrt: Du bemerkst ihn eben nicht. Außer er stört. Dann bemerkst du den und übersiehst fünf andere.

Ja, wir sollen individualisieren und jeden Einzelnen fördern, wir dürfen keinen zurücklassen und sollen allen gerecht werden, wir mögen darauf achten, dass sich alle in der Klasse wohl fühlen und gleichzeitig die Bildungsstandards erreichen. Alles kein Problem, es scheint bloß uns Lehrern so vorzukommen, als ob das Erreichen all dieser Ziele auch irgendetwas mit der Anzahl der uns anvertrauten jungen Menschen zu tun habe. Die Experten wissen, da besteht kein nachweisbarer Zusammenhang. Alles bloß gefühlte Wirklichkeit. Beim Wetter scheint es uns einzuleuchten, dass auch die „gefühlte Kälte“ relevant ist, aber in der Schule, nein, da sind’s nur die Lehrer, die sich’s bequem einrichten wollen.

Es ist frustrierend. Es ist zum Ärgern. Es betrübt mich. Das gestohlene Fahrrad ebenso wie diese ständigen unqualifizierten und falschen Aussagen. Was aber ist das alles gegen den Wahnsinn, der letzte Nacht in Paris los war? Angesichts des Terrors ist alles lächerlich, möchte man mit Thomas Bernhard sagen. (nemo)

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