E-Learning Blues

Ich weiß ja nicht, wie’s anderen geht. Mir jedenfalls reicht’s nach einer Woche E-Learning, Distance Teaching, Homeschooling – oder wie auch immer man das bezeichnen will, was wir derzeit betreiben – auch schon wieder. Wir haben bewiesen, dass wir’s können. Die Bereitstellung von Lernunterlagen funktioniert, die Tools, Plattformen und die Einsatzmöglichkeiten des Internets sind gigantisch. Trotzdem: Der digitale Hype, den ich letzte Woche noch verspürt habe, ist übers Wochenende verflogen.  Mit dem, was Schule eigentlich ausmacht, hat das alles kaum etwas zu tun.

Auf den SN-Leitartikel von letzter Woche, in dem das Ende der schulischen Kreidezeit gefeiert wurde, habe ich am Freitag noch einen Leserbrief geschrieben. Den drucke ich nachfolgend ab – und dann verlasse ich das digitale „Corona-Kaffeekammerl“ auch schon wieder. Adieu!

(nemo)

Schule lebt von Beziehung, nicht von Technik
Ja, er funktioniert, der digitale Unterricht. Ich unterrichte am WRG, wir benutzen seit Montag die Lernplattform „Moodle“ und es klappt besser als gedacht. Unsere Informatik-KollegInnen leisten Großartiges und wir – LehrerInnen und SchülerInnen – lernen, experimentieren, kommunizieren und versuchen alle, das Beste aus der Situation zu machen. Aber: Bitte hören Sie mit dem Unfug der „schulischen Kreidezeit“ auf. Er suggeriert, dass wir in der Schule normalerweise vollkommen veraltet herumhantieren wie die Neandertaler. Ich darf Ihnen versichern, das ist nicht der Fall – und zwar, passen Sie auf: Es ist nicht der Fall, obwohl viele von uns, auch ich, gerne mit Kreide auf der Tafel schreiben.
Ja, auch ich gehöre zu den von Ihnen geringgeschätzten LehrerInnen, die dem digitalen Unterricht skeptisch gegenüberstehen. Unterricht wird nämlich mitnichten automatisch besser, wenn er digital stattfindet. Ganz zu schweigen davon, dass es, selbst wenn es so wäre, wohl nicht das Ziel sein kann, unsere Kinder und Jugendlichen dazu anzuhalten, den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu starren. Wollen Sie dem wirklich das Wort reden?
Derzeit bleibt uns nichts anderes übrig, als digital zu unterrichten. Es funktioniert, es macht für eine Weile auch Spaß, aber ich hoffe doch sehr, dass zumindest einige von uns auch nach dieser Zeit wieder so wie bisher unterrichten werden – mitunter sogar mittels Frontalunterricht. Denn auch der hat seine Berechtigung und seinen Sinn; daneben aber gibt es natürlich eine Vielzahl von Unterrichtsmethoden, die ganz ohne technische Hilfsmittel auskommen und in der Schule zum Einsatz kommen.
Schule lebt von Beziehung, nicht von moderner Technik. Schulunterricht tatsächlich vollständig zu digitalisieren, so wie Sie sich das offenbar wünschen, ist meiner Ansicht nach eine pädagogische Verantwortungslosigkeit, gegen die ich mich wehre – als Lehrerin und auch als Mutter.

Gastbeitrag: Lehramtsstudium in Zeiten von Corona: Projekt #DistantTeaching für Schulen

Eine ehemalige Schülerin hat Interessantes aus der Sicht einer Lehramtsstudentin zu berichten. Am Ende des Beitrags finden sich nützliche Links zum „Distant Teaching“, denen ich gleich hier noch einen weiteren zum Thema Herausforderung Homeschooling für Familien hinzufügen will.

Dienstag, 10. März 2020. Zweite Woche des neuen Semesters. Es ist kurz nach halb eins. Um viertel nach eins beginnt die erste Lehrveranstaltung des heutigen Tages. Ich befinde mich schon im Bus auf dem Weg zur Uni – wohlwissend, dass bereits gemunkelt wird, die Hochschulen in Österreich aufgrund des ersten Corona-Falls an der Uni Innsbruck zu schließen, aber die offizielle Bestätigung ist noch ausständig. Die erste diesbezügliche Mail trudelt plötzlich ein: Die Präsenzlehrveranstaltungen an der Universität werden ab sofort bis auf Weiteres eingestellt und auf digitale Lehrformate umgestellt. Maßnahmen der soeben stattgefundenen Pressekonferenz. Na toll, denke ich mir im ersten Moment – das bedeutet bestimmt zusätzliche Arbeitsaufträge zu der sonst schon recht dichten To-Do-Liste für dieses Semester. (Wohl manch einer möchte denken, Studenten leisten eh nichts während dem Semester.) Wenige Minuten später: Die für heute Abend geplante Vorbesprechung für Exkursionen werden abgesagt. Und die Frage, was ich jetzt, bereits im Bus auf dem Weg in die Uni sitzend, mache und ob die Lehrveranstaltung, die in einer Dreiviertelstunde beginnen sollte, nun auch nicht mehr stattfindet. Nach kurzem Beraten mit Kollegen, die ebenfalls bereits auf dem Weg sind, entscheiden wir uns dazu, trotzdem kurz in die Uni zu gehen und mit den Professoren zu sprechen. Im Hinterkopf wissend, dass wir unbedingt noch vor nächster Woche Masterstudierende für unser laufendes Forschungsprojekt brauchen, die uns einen Fragebogen ausfüllen – und an die wir sonst in den nächsten Tagen nicht mehr face-to-face kommen. Ich bin noch nicht einmal im Gebäude, als ich schon Massen flüchtender Studenten sehe – ich schwimme trotzdem gegen den Strom und begebe mich ins Gebäude: reges Chaos, hysterische und aufgelöste Studierende – als ob sich bereits hunderte Infizierte in unmittelbarer Nähe befänden. Übertrieben, denke ich im ersten Moment. Ich kämpfe mich weiter in den dritten Stock des Uniparks, wo die Romanistik haust. Und siehe da, kaum Aufregung, eher Humor – wir sind es ja auch gewohnt, so manche Situationen nicht allzu ernst zu nehmen 😉. Etwas Chaos natürlich – aber wir nehmen es (noch) mit Humor und witzeln über die Situation im Foyer. Uniprofessoren, die die Mail selbst soeben erhalten haben, wissen auch nicht, wie es weitergeht und fragen erstmal nach, ob die – mittlerweile in 15 Minuten beginnende – Lehrveranstaltung doch noch schnell abgehalten werden darf. Alle Teilnehmer aus unserem Kurs sind ohnehin schon anwesend. Währenddessen lassen wir unsere Fragebogen ausfüllen – als gäbe es gerade nichts Wichtigeres. Der Ernst der Situation ist uns noch nicht bewusst. 30 Minuten später sitze ich wieder im Bus – diesmal aber auf dem Weg nach Hause. Das „Beunruhigende“ daran war unter anderem, dass unser Lehrveranstaltungsleiter, der sonst NIE mit uns auf Deutsch, sondern nur auf Französisch spricht – und wenn ich nie sage, dann meine ich auch nie – uns auf Deutsch die aktuelle Lage schildert und uns auf unbestimmte Zeit nach Hause schickt. Spaß beiseite – ein wenig beängstigend war die ganze Situation dann auf einmal schon. Noch nicht wissend, dass ich dort für die nächsten Tage und Wochen quasi „eingesperrt“ sein werde, fahre ich also nach Hause.

Freitag, 20. März 2020. Heute, etwas mehr als eine Woche später, hat sich das anfängliche Chaos ziemlich gut eingependelt und das Distant Learning funktioniert überwiegend einwandfrei. Ja – auch wir Studierende können uns jetzt nicht auf die faule Haut legen, nur weil der Präsenz-Hochschulbetrieb eingestellt wurde. Wir studieren „fröhlich“ weiter und schnuppern etwas Fernstudiumluft. Ich muss zwar ehrlich zugeben, dass wir jetzt (noch) nicht mit Aufgaben überhäuft werden – so wie wir es vermutet hätten – aber es gibt trotzdem immer etwas zu tun. Wir werden sehen, ob sich das noch ändert, wenn die Situation noch länger andauert. Manches scheint sinnlos, anderes wiederum sehr sinnvoll. Gestern zum Beispiel fand unser erstes Web-Seminar der Lehrveranstaltung „Digitale Grundbildung“ statt. Digitale Grundbildung ist mittlerweile eine Unterrichtsprinzip im österreichischen Schulwesen – und findet daher auch in der Lehrerausbildung an der Universität Berücksichtigung. Unsere Lehrveranstaltungsleiterin hatte die Idee, im Hinblick auf die aktuelle Situation in den Schulen, wo der Einsatz von digitalen Medien und Lernplattformen gerade unabdingbar ist, das Projekt „Home Teaching“ bzw. „Distant Teaching“ zu starten. Die Intention dieses Projekts ist, für bereits im Dienst stehende Lehrpersonen (sowie für uns angehende Lehrpersonen) eine Art Plattform mit Übungen zu den Kernbereichen der Digitalen Grundbildung zu gestalten, die die Schülerinnen und Schüler von zu Hause aus durchführen können. Wir Studierende haben also in Kleingruppen Übungen und Methoden zusammengesucht sowie selbst erstellt, die in den unterschiedlichsten Schulfächern und Schulstufen (hauptsächlich für Sekundarstufe 1 und 2, aber auch für die Volksschule) zum Einsatz kommen können, beispielsweise das Führen eines Medientagebuchs. Unser Ziel ist es, Lehrpersonen das Distant/Home – Teaching zu erleichtern bzw. methodische Anreize zu schaffen. Wir wurden von unserer Lehrveranstaltungsleiterin gebeten, unser Projekt zu verbreiten. Den Link füge ich hier ein: https://padlet.com/AnnaEder/DistantTeaching. 

Weitere Tools findet man beispielsweise auch unter den folgenden Links:

 

Nina Rinnerberger
(Studierende für Französisch- und Biologie-Lehramt)

 

 

Der Helpdesk in den Zeiten der Corona

Drei Menschen sind wir in der IT-Crowd des WRG. So bezeichnen wir uns seit ein paar Tagen, aber auch die Kolleginnen und Kollegen schreiben uns so an, weil unsere Arbeit seit dieser Woche auch anders läuft als sonst.

Heute vor einer Woche, am Freitag, dem 13.(!), schleusten wir noch alle OberstufenschülerInnen durch unsere beiden Computerräume und frischten ihre „Moodle“-Kenntnisse auf. „Moodle“ ist der Name unserer Lernplattform, die wir seit 2008 oder länger betreiben. Im Informatikunterricht der 5. Klassen und in den entsprechenden Wahlpflichtfächern stellt sie das „Schulübungsheft“ dar. Und seit drei Jahren haben wir eine unverbindliche Übung zur digitalen Grundbildung, auch da kommt Moodle zum Einsatz. Unser Vorteil: fast alle SchülerInnen finden sich damit zurecht.

Also Freitag, 8:00 bis 14:00, jede halbe Stunde eine neue Klasse, aber die Großen kennen sich ja aus. Überrascht haben mich zum Abschluss noch eine dritte und eine vierte Klasse, die mehr als fit waren – alles funktionierte beinahe noch schneller. Und ich war fix und foxi am Ende – Konzentration finito. Aber dann war ja Wochenende.

Als am Samstag klar war, dass wir am Montag das nicht noch in größerem Umfang mit den UnterstufenschülerInnen und den KollegInnen durchziehen müssen, war ich einerseits erleichtert, andererseits doch etwas besorgt, ob unser Vorhaben gelingen könnte. Ok, nur ein ganz kleines bisschen, wir sind nämlich ein tolles Team in unserer Schule.

Alle SchülerInnen waren mit Schul-Email-Adressen versorgt, die Eltern und die KollegInnen informiert und wir haben beraten, unterstützt, ein Tutorial geschrieben, E-Mails abgearbeitet, Telefonanrufe beantwortet, erkannt, was andere von Moodle brauchen, ein neues Design installiert, das allen Bedürfnissen gerechter wird und besser aussieht, getestet, eine neues Tutorial geschrieben usw.

Die ersten drei Tage waren ganz schön lang, ich hab wesentlich mehr gearbeitet als an einem normalen Schultag. Aber alle Anfragen waren geduldig und freundlich und wir haben versucht, so schnell wie möglich zu antworten. Und siehe da: Seit gestern (dem vierten Tag) wird es ruhiger, die Anfragen werden spezieller, es wird erkundet, was die Lernplattform kann (vieles).

Meine zwei Kollegen, die unsere Schulserver administrieren, haben im virtuellen Hinterhof viele Probleme gelöst, die hoffentlich nach außen gar nicht ersichtlich wurden, und sie tun es immer noch.

Wie alle, LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern lernen gemeinsam, wie ein so breit aufgestelltes Distance Learning funktioniert. Anscheinend geben wir momentan eher zu viele Aufgaben und die Eltern der Jüngeren sind sicher ganz schön gefordert, ihren Kindern bei der Verwaltung der Aufgaben zu helfen.

Noch sind alle besonders motiviert. Es wird sich regeln. Und wir sind gut aufgestellt, auch wenn nach den Osterferien noch keine Normalität eintritt. Und außer Moodle haben wir noch die virtuellen Treffen in der Hinterhand. Aber jetzt ist es erst einmal gut, dass wieder Wochenende ist und ich zu meinen Aufgeben als Deutsch- und Informatiklehrerin komme.

(juhudo)

 

Gastbeitrag: Was heißt schon normal? 4 Tage mit Corona

Eine Schülerin hat mir diesen persönlichen Text geschickt. Wir DeutschlehrerInnen am WRG sind gerade dabei, ein Forum aufzubauen, in dem unsere SchülerInnen ihre „Corona-Texte“ veröffentlichen können. Bis es soweit ist, darf ich schon einmal als kleinen Vorgeschmack diesen Text hier im Blog veröffentlichen. 🙂

Sonntag, 15. März 2020

Ich weiß nicht, wann diese scheinbar unbedeutende Nachrichtensendung ausgestrahlt wurde. Fast keiner weiß das. Täglich werden wir mit Informationen zugedröhnt, wer hätte schon wissen können, dass genau diese eine Information der Anfang von etwas Großem sein würde. Ein Mann in China habe eine Fledermaus gegessen und sei an einem Virus erkrankt, so hieß es. Da habe ich schon Spektakuläreres gehört. Und China ist so ungreifbar weit weg. Wie hätte ich ahnen sollen, dass dieses Ereignis einen Ausnahmezustand in Österreich, ach eigentlich überall auf der Welt verursachen würde.

Heute ist Sonntag und meine Schultasche liegt ungepackt im Esszimmer. Ich muss keine Hausaufgaben für morgen erledigen und darf lange aufbleiben. Würde mich jemand fragen, warum morgen kein Kind in die Schule muss, kein Student auf die Uni und kaum ein Erwachsener in die Arbeit, würde ich diesen Jemand auslachen. Jeder würde das tun. Und es gibt nicht einmal so einen Jemand. Denn alle wissen Bescheid. „Corona“ heißt das Virus, welches sich so unglaublich schnell ausbreitet. Viel zu schnell.

Es hat in China angefangen. Zuerst konnte man die Infizierten noch an einer Hand abzählen. Dann haben Urlauber das Virus auch nach Europa gebracht. Seitdem spielt die Welt verrückt. Meine Einstellung zu diesem Thema hat sich im Laufe der Zeit zigmal geändert. Am Anfang konnte ich die Aufregung nicht verstehen, das Coronavirus ist doch nicht einmal annähernd in unserer Nähe. Selbst als es die ersten Coronakranken in Österreich gab, war mir noch nicht bewusst, wie sehr sich die Lage zuspitzt. Seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen. Spanien, Italien und China sind nur ein paar von vielen Ländern, die fast vollständig unter Quarantäne stehen. Auch in Österreich soll eine Ausgangssperre in Kraft treten. Wie streng das Ganze gehandhabt werden wird, kann ich mir bis jetzt nur ausmalen. Das Haus soll nur unter besonders dringenden Umständen verlassen werden, dazu gehört der Kontakt mit Bekannten wohl in dieser Situation nicht. Obwohl ich gerade jetzt gerne mit Freunden über diese unbekannte Lage reden würde. Aber das geht ab jetzt wohl nur mehr über das Handy und soziale Medien. Ursprünglich war die Sperre der öffentlichen Orte wie Schulen bis zu den Osterferien angesetzt gewesen, aber daran glaube ich inzwischen nicht mehr. Ich denke, dass das Ganze noch mindestens ein paar Wochen länger dauern wird. Hoffen tue ich das natürlich nicht. Inzwischen bin ich der Meinung, dass dieses Virus unbedingt ernstgenommen werden sollte. Es ist sehr wichtig, die Entscheidungen der Regierung  zu akzeptieren. Die Situation ist nicht zu unterschätzen, allerdings hilft Hysterie und Panik auch keinem weiter. Es gilt einen kühlen Kopf zu bewahren und alle Anweisungen zu befolgen. Alles andere kann man ohnehin nicht beeinflussen. Niemand weiß genau wie es weitergehen wird. Man kann nur abwarten.

Donnerstag, 19. März 2020

Inzwischen hat sich alles „normalisiert“, sofern man das so bezeichnen kann. Wir bekommen von unseren Lehrern/Lehrerinnen Aufgaben, um uns irgendwie die Zeit zu vertreiben. Aber wirklicher Unterricht ist das nicht. Es fehlt einfach etwas in unserem Tagesablauf. Wenn ich in der Früh aufwache, habe ich ein ganz eigenartiges Gefühl. Mir fehlen die Möglichkeiten, meinen Tag zu gestalten, ich fühle mich eingesperrt. Täglich wäge ich die guten und die schlechten Seiten dieses ständigen Zuhauseseins ab. Gewiss, es ist angenehm, ausschlafen zu können und im Kalender keine Unmengen an Terminen eingetragen zu haben. Aber ist das wirklich besser als ein Tag, den man nicht ins kleinste Detail planen kann? Besser als ein Tag, an dem man nicht immer genau weiß, was einen erwartet? Besser als ein Tag, an dem man liebe Menschen trifft? Ich denke nicht. Ich vermisse das lebhafte Treiben in der Schule. Diese vier Tage, in denen ein Spaziergang so gut wie die einzige Abwechslung war, kommen mir schier endlos vor. Ich zweifle nicht an der Wichtigkeit dieser Maßnahme, trotzdem ist für mich dieses eintönige Leben schwer zu ertragen. Und ich bin mir sicher, dass das einigen anderen genauso geht. Aber alles Übel hat auch gute Seiten. Man sieht, wie alle in solchen Zeiten zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Viele Freiwillige erledigen für ältere Menschen Einkäufe und es werden Balkonkonzerte veranstaltet. Gerade in einer solchen Krise ist es wichtig, sich gegenseitig Mut zu machen und das wird, finde ich, sehr schön gelöst. Auf jeden Fall gilt: Man muss das Beste aus allem machen!

Selina Hausmaninger
(Schülerin der 4. Klasse des WRG Salzburg)

Gastbeitrag: Von der Angst zu ergrauen und anderen Widernissen des Corona-Alltags

Freitag, der 13. (!) März: Es zeichnet sich ab, dass nach der Schließung der Schulen – aus einer solchen komme ich gerade – bald auch viele Geschäfte für geraume Zeit zugesperrt werden. Also mache ich mich auf den Weg, um noch das Wichtigste zu besorgen. Was ist das Wichtigste? Gerüchten zufolge handelt es sich dabei um Klopapier. Ich parke das Auto in der Glockengasse – unglaublich viele Parkplätze stehen zur Verfügung – und mache mich auf den Weg durch die befremdlich verwaist wirkende Linzergasse. Eine Frau kommt mir entgegen, in der Hand zwei Großpackungen meines Lieblingsklopapiers. Wo wird sie wohl herkommen? Ich verdränge die Frage und setze unbeirrt meinen Weg fort.

„Mein Problem war bloß: Ich hatte keinen Stoff. – Ich hoffe, es denkt jetzt keiner, ich meine Hasch und das Opium. (…) Was ich also meine, ist: ich hatte keinen Lesestoff.“  (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., Frankfurt am Main 1976, S. 31f.)

In der ebenfalls kaum frequentierten Buchhandlung sehe ich mich, wie sonst auch immer, vor die Qual der Wahl gestellt, aber diesmal erscheint diese noch dringlicher. Letztendlich nehme ich den sicher erscheinenden Weg: zwei Buchpreisträger, einmal Frankfurt, einmal Leipzig, also einmal Saša Stanišić, einmal Lutz Seiler. Und dann – man kann ja nie wissen, was kommt – muss etwas her, das lange Zeit vorhält, am besten etwas aus meiner Liste unbedingt noch zu lesender Klassiker. Die Entscheidung fällt, und zwar zugunsten von Thomas Manns Der Zauberberg. Vielleicht das Buch zur Stunde?

„Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!“ (Thomas Mann: Der Zauberberg, Frankfurt am Main, 22. Auflage, 2019, S. 10)

Das klingt verheißungsvoll, vor allem, wenn man sich, biblisch geschult, die Bedeutung der Zahl Sieben vor Augen führt. Außerdem, nun viel profaner gedacht, hat dieses Buch 1002 Seiten, und zwar – ein Schelm, wer Böses denkt – von ganz ausgezeichneter feiner und für Papier sehr weicher Qualität. Auch die Größe der Seiten passt. Und man wäre ja nicht die Erste, die auf dem Klo liest.

„Der Garten war dunkel wie ein Loch. Ich rannte mir fast überhaupt nicht meine olle Birne an der Pumpe und an den Bäumen da ein, bis ich das Plumpsklo fand. (…) Und kein Papier, Leute. Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen. Um irgendetwas zu erkennen, war es zu dunkel. Ich opferte also zunächst die Deckel, dann die Titelseite und dann die letzten Seiten, wo erfahrungsgemäß das Nachwort steht, das sowieso kein Aas liest. Bei Licht stellte ich fest, daß ich tatsächlich völlig exakt gearbeitet hatte.“ (Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W., S. 35)

Auf dem Rückweg zum Auto und später im Supermarkt war ich die Gelassenheit in Person. Wen schrecken schon leergeräumte Regale in der Körperhygieneabteilung, wenn man die Tasche voller Papier hat.

Ach ja: Am Abend desselben Freitags überlief es mich siedend heiß, als mir einfiel, dass ich nicht mehr genug Wasserstoffperoxid und Farbe zuhause hätte, um ein plötzliches Ergrauen zu verhindern. Man will sich ja nicht gänzlich gehen lassen. Deshalb ein Danke an die Freundin, die mir – und sich selbst – diesbezüglich aus der Patsche half. Es reicht laut Karl Lagerfeld ja angeblich schon die Jogginghose, um die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Andrea Haslauer
(AHS-Lehrerin für Deutsch und Religion)

 

Gastbeitrag: Jugendschutz für Handys?

Vor kurzem meldeten sich erstmals wieder die öffentlichen Vertreter zur Causa Handy in Schulen zu Wort. Das Handy störe die Konzentration, die Kommunikation und insgesamt den Lernerfolg. So der einhellige Tenor. Es scheint, dass nur die Schule die Problematik der Handys im Leben junger Menschen thematisiert.

Noch vor wenigen Jahren wurden Lehrkräfte von den Anwälten erzürnter Eltern bedroht, wenn sie das Handy im Unterricht konfisziert hatten. Mittlerweile gibt es mehr Sensibilität in dieser Angelegenheit, aber das Bewusstsein, dass wir uns eigentlich fast in einer Art Kampf befinden, wer an Erziehung und Bewusstseinsbildung der nächsten Generation maßgeblich beteiligt ist, das ist vielen scheinbar noch nicht bewusst.

Aber ich frage mich, wie viele Eltern wissen, was ihre Kinder im Internet zu hören und sehen bekommen? Neben dem omnipräsenten Handy ist es oft schon ein Problem, einfach nur Gehör zu finden. Viele Eltern wissen wohl, wovon ich rede. Der Handykonsum befriedet nach außen hin oft zum Schein das Familienleben. Jeder sitzt wo und stört die anderen nicht, es sei denn, man stört ihn am Handy.

Wer „erzieht“ unsere Kinder?

Was passiert denn da jenseits der Beziehungslosigkeit so alles? Da wird mittlerweile schon ab frühsten Jahren Bewusstsein und Weltsicht von zunehmend mehr und mittlerweile erschreckend kleinen Kindern geprägt. Das Handy wird ihr Tor zur Welt.
Mit dem Handy verbringen viele den Großteil ihrer Freizeit! Aus dem Handy haben sie ihren Wortschatz, ihre Sprache! Es trennt sie in ihren Erfahrungswelten von jeder älteren Generation mehr als Jahrhunderte es vermöchten!

Da hat jemand stets Zugriff auf ihre emotionale und geistige Entwicklung und übernimmt zunehmend die Position, die eigentlich Eltern, Lehrer und andere Mitmenschen haben sollten! Möglicherweise prägt das Handy unsere Kinder in vielerlei Hinsicht stärker als wir denken, während wir als die Altvorderen außen vor bleiben! Wir kennen uns ja nicht aus, können nicht mitreden in den Augen unserer Schützlinge.

Das Handy ist aber das Sprachrohr der Internetgiganten am Ohr unserer Kinder! Bei manchen hat man mitunter schon den Eindruck, es handle sich um ein Implantat. Bei einer repräsentativen Umfrage in den USA hätte sich eine Mehrheit der befragten Jugendlichen eher für immer von einem kleinen Finger getrennt als für immer vom Handy! Wo höre ich auf, wo fängt mein Handy an? Ein Identitätsdesaster?

Die menschliche Psyche braucht Beziehung

Wir können schon beobachten, wie sich die Generation Handy weiterentwickelt. Wenn im Restaurant oder im Wartezimmer beim Arzt den Kleinen und Kleinsten sofort das Smartphone ausgehändigt wird, damit das Kind ruhig ist. Es gibt mittlerweile Stirnhalterungen für Smartphones, die es Eltern erleichtern sollen, unruhige Säuglinge leichter zu wickeln. Ja plätten wir gleich den ersten aufkeimenden Bewegungsdrang, dann herrscht endlich Ruhe! Klar, gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen und solche Stirnbänder muss man nicht für massentauglich halten. (Muss man nicht?)

Was passiert aber, wenn Kinder schon von klein auf nicht richtig oder nicht ausreichend mit ihren Eltern in Kontakt treten können, da diese selbst ständig vom Handy abgelenkt sind, und ihrem Kind, kaum dass es motorisch in der Lage ist, etwas zu halten, das Smartphone in die Hand drücken, damit sie selbst ungestört am Handy weiterspielen können oder das Kind eben Ruhe gibt? Werden all die Kleinkinder, die ich jetzt im Bus, beim Arzt, im Restaurant, beim Spazierengehen, im Park lautlos in die Smartphones ihrer Eltern versinken sehe, später Beziehungen eingehen können / wollen? Werden sie die wichtigste menschliche Tugend Empathie entwickeln, ohne die es keine Gemeinschaft geben kann?

Umgang will gelernt sein. Begrenzung bedeutet Schutz!

Ich bin keineswegs der Ansicht, dass wir das Handy aus unserem Leben verbannen sollten und alles wäre wieder gut. Handy und Internet sind wichtige Bestandteile unserer Welt und per se weder gut noch schlecht. Es kommt wie immer auf die Dosis an! Ab wann und wieviel Handykonsum gut ist, wären meines Erachtens aber Fragen, denen wir uns dringend stellen müssen. Möglicherweise sollten Handys für Kinder bis zur 8. Schulstufe tabu sein. Kinderschutz!

Jugendliche brauchen das Handy in erster Linie für ihre realen sozialen Kontakte, sie müssen nicht unbegrenzt Internetzugang haben. Gegen den Sog von Spielen und Social Media sind unsere Kinder und Jugendlichen machtlos. Wir müssen sie schützen, hier ihren Konsum begrenzen!

Der Trugschluss, dass man als berufstätige Eltern via Handykontakt irgendetwas für die Sicherheit seiner Kinder tun könnte, führt dazu, dass schon Volksschulkinder mit Handys ausgestattet werden. Zu ihrer Sicherheit trägt das meist nicht viel bei. Statt Unterhaltung und gemeinschaftlichem Spiel wird dafür pausenlos am Handy gespielt oder gesurft. Ich kann das jeden Tag im Bus beobachten, wo ich beinahe die Einzige bin, die um sich blicken oder aus dem Fenster sehen kann!

Selbständig werden in der realen Welt

Wir Älteren haben auch täglich den Schulweg hin und retour gemeistert. Das gehört zum Selbständigwerden. Selbstkompetenz entwickeln ist allemal besser, als wegen jeder Kleinigkeit via Handy nach Hilfe zu rufen. Es geht um die psychische und physische Entwicklung der Kleinen, sie brauchen die geistige und körperliche Auseinandersetzung mit der realen Außenwelt! Es geht weiters um die Förderung eines kritischen Umgangs der Jugendlichen mit dem Internet. Sonst müssen Google & Co fürderhin vielleicht gar nicht mehr viel tun, um ihre Followerherde im Zaum zu halten und genau dorthin zu dirigieren, wo sie sie haben möchten.  Dabei macht es keinen Unterschied, ob es um Konsum oder um politische Entscheidungen geht. Die Frage für die Krise westlicher Demokratien ist lediglich, wann eine kritische Masse erreicht ist. Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der unabhängige gute Journalismus gerät in diesem Zusammenhang immer mehr unter Druck. Eine Entwicklung, die katastrophale Auswirkungen haben kann. Wir sehen es gerade in der Coronakrise.

Manchen mag das zu extrem erscheinen, zu schwarzgemalt. Ich denke, die Auswirkungen von Fake News und Internetblasen der letzten Jahre sprechen für sich. Betrachten wir nur die rechte Community, die europaweit agiert oder wahlentscheidende Agitationen ausländischer Internetakteure. Wie einfach war es offensichtlich, tausende junge Männer und Frauen direkt aus dem Jugendzimmer nach Syrien zum IS zu locken?

Werden jetzt in der Coronakrise Familien mehr miteinander reden? Werden sie streiten, sich versöhnen, wenigstens gemeinsam vor dem Fernseher sitzen? Oder werden die meisten in ihren Zimmern in aller Ruhe nun täglich mehr Stunden mit Instagram, Snap Chat und Co. verbringen?

Ich warte darauf, dass sich endlich Ärzte und Psychologen zu Wort melden. Jedes Virus, jeder Nahrungsmittelzusatz sorgt für mehr Aufregung als die mögliche, schleichende Entfremdung, der viele Jugendliche und zunehmend auch Kinder anheimfallen.

Margit Neuböck
(AHS-Lehrerin für Deutsch und Musik)

 

Auch das „Kaffeekammerl“ wird digital

Die Coronakrise bringt neue Bloggerinnen und nachdenklich-amüsante Texte hervor. Zwei meiner Kolleginnen haben mir Texte geschickt, die ich hier im Blog veröffentlichen darf.

Zum einen eine umfassend kritische Betrachtung exzessiven Handykonsums – etwas, das sich im Zuge der aktuellen Situation und dessen, was uns da noch bevorsteht, aber auch in einer Zeit nach Corona gewiss noch einmal verschärft darstellen wird …

Und zum anderen eine persönliche Betrachtung über die – nun ja – multiplen Vorzüge des guten alten Buches in Zeiten grassierender Klopapierraffgier …

Viel Freude beim Lesen!

(nemo)

 

E-Learning mit Bravour

Na, wer sagt’s denn: Wir kriegen das mit dem E-Learning schon hin. Seit gestern läuft der Betrieb über die Lernplattform – und ja, es funktioniert. Beziehungsweise: Es klappt nicht nur so irgendwie, nein, es funktioniert viel besser als gedacht. Gestern Nachmittag war für einige Stunden kein Hineinkommen, weil das System überlastet war. Ansonsten aber läuft’s wie geschmiert.

Unsere SchülerInnen sind super: Sie sind versiert im Umgang mit den elektronischen Medien, sie sind fix und sie sind motiviert. Ich merke es in der Kommunikation mit den SchülerInnen via E-Mail und „Nachrichtendienst“, ich sehe es auch an meiner eigenen Tochter: Ja, die jungen Menschen, die können das.

Und wir LehrerInnen? Auch wir schaffen es. Einige meiner KollegInnen sind ohnehin bereits richtige Füchse im Nutzen von Lernplattformen, aber auch Menschen wie ich, die bisher kaum mit „Moodle“ gearbeitet hatten, waren bereits gestern Vormittag in der Lage, das Tool zu verwenden. Tja, ich habe nichts anderes erwartet. Denn: Erstens macht es Spaß, etwas Neues auszuprobieren, und zweitens sind wir es gewöhnt, flexibel zu sein. Schule funktioniert ja nie so perfekt, effizient und exakt planbar, wie sich das manche „ExpertInnen“ vielleicht wünschen. Man sieht aber in Zeiten wie diesen, dass Anpassungsvermögen gepaart mit schneller Auffassungsgabe (hej, sonst wären wir nicht LehrerInnen geworden!) sowie der über Jahre trainierte Umgang mit ständig sich verändernden komplexen Situationen schon ihren Wert haben. Hinzu kommt: Die enge Beziehung, die wir zu unseren SchülerInnen haben, trägt auch jetzt. Ja, ich bin davon überzeugt, dass das neue Lernen auch deshalb so gut funktioniert, weil wir einander gut kennen, weil wir unsere SchülerInnen mögen und sie uns – zumindest im Grunde 😉 – auch.

Nur aufgrund der tragfähigen Beziehung funktioniert das Lernen via Lernplattform aber auch nicht: Wer im schulischen Rahmen wahrlich Großes leistet in diesen Tagen, das sind unsere KollegInnen von der IT. Binnen kürzester Zeit haben sie für uns alle eine übersichtliche Struktur geschaffen, Zugänge aktiviert, Tutorials erstellt. Sie beantworten all unsere Fragen (die klugen, die weniger klugen und sogar die saublöden) in Windeseile und ermöglichen uns – die wir zu Hause sitzen -, dass wir arbeiten, lernen, experimentieren, uns austauschen und kommunizieren können.

Apropos großartig: Eine Mutter hat sich via E-Mail heute bei unserem Direktor, den IT-KollegInnen und bei uns allen für unsere Arbeit bedankt. Ich zitiere:

„Das soll Ihnen und Ihren KollegInnen einmal jemand nachmachen: binnen weniger Tage und Stunden heißt es ein online-Lernprogramm für den häuslichen Unterricht auf die Beine zu stellen und sicherzustellen, dass auch ohne regulären Unterricht Lernstoff vermittelt werden kann: das gelingt mit Bravour!

Herzlichen Dank für diese rasche und unglaublich professionelle Umsetzung!!

Ein ganz großes Danke an alle Lehrerinnen und Lehrer, die in dieser Ausnahmesituation bestens vorbereitet, geduldig und hilfsbereit die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern gestalten und ohne großes Aufheben diese schwierige Situation wunderbar meistern.

Dafür haben Sie sich eigentlich einen Preis verdient, denn das ist einfach nur prima!“

🙂

(nemo)

E-Learning, Freewriting & Co. Erste Notizen aus dem virtuellen Klassenzimmer

Und plötzlich ist alles anders. Erschien mir das Handy noch vor wenigen Wochen als Wochenendzerstörer, ist es jetzt fast so etwas wie ein Normalitätsbewahrer. Ja, auch die eigene Skepsis der digitalen Welt gegenüber muss grundsätzlich überdacht werden. So schnell können sich die Vorzeichen ändern.

Ab Montag werden wir also versuchen, unsere SchülerInnen via Lernplattform zu unterrichten. Wir am WRG sind angehalten, täglich Aufgaben auf „Moodle“ zu stellen und den Schülern zu kommunizieren, bis wann sie diese erledigen und die Ergebnisse ihrerseits hochladen müssen. Sodann werden wir – wiederum auf digitalem Weg – korrigieren und kommentieren.

Bislang haben nur wenige Lehrende in den Schulen das so gemacht – für ebenso lehrerkritische wie digitalisierungsgläubige JournalistInnen natürlich ein veritables No-Go. Gerade gestern war im „Standard“ wieder zu lesen, wie „erschreckend“ es sei, dass gerade einmal 30 Prozent der Schulen für E-Learning gerüstet sind. Ja, unfassbar und wirklich erschreckend. – Hä, warum eigentlich?

Ganz ehrlich, es gibt kaum etwas, was mich derzeit weniger erschreckt. Mag sein, dass wir noch nicht für E-Learning gerüstet waren – aber ja, jetzt werden wir uns rüsten. Und wir kriegen das hin, wir lernen schnell. Wir Lehrerinnen und Lehrer, wir können das nämlich, auch wenn sich das so manche/r Journalist/in nicht vorstellen kann oder mag.

Außerdem – und das erscheint mir wirklich das Gebot der Stunde zu sein – gilt es, in erster Linie einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Alarmismus zu verfallen. Wie die nächsten Wochen genau ablaufen werden, weiß ohnehin noch keiner. Wir werden uns bemühen, unsere Arbeit und unsere Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen. Ob und wie es gelingen wird, wird man sehen.

Ich werde jedenfalls meine SchülerInnen in meinen virtuellen Deutschstunden auch dazu auffordern, zunächst einmal zehn Minuten lang Freewriting zu betreiben. Das habe ich mit den Klassen besprochen, das haben wir gestern noch einmal geübt. Aus den Freewritings soll eine Art Tagebuch des Ausnahmezustands entstehen. Ob und was wir später daraus machen werden, weiß ich noch nicht. Fürs Erste gilt es, täglich innezuhalten und über unseren nunmehrigen Alltag nachzudenken. Das tut gut und fördert Texte zutage. Texte, die – wenn sie jetzt nicht geschrieben werden – später jedenfalls nicht mehr so geschrieben werden können.

Ja, und ich habe meinen SchülerInnen geraten, diese Freewritings mit der Hand anzufertigen. Ganz analog. Das Handy sollen sie für die Zeit des Schreibens ausschalten und weglegen. Die Aufforderung werde ich auf digitalem Wege vielleicht noch ein paarmal wiederholen müssen. Aber nur weil jetzt alles anders ist, sind die Gefahren von ständigem Handygebrauch ja nicht weg: dieses komische Gefühl zum Beispiel, permanent online sein zu müssen, die Angst davor, etwas zu verpassen, dabei nichts mehr wirklich zuwege zu bringen und sich stattdessen in Unkonzentriertheit zu verlieren. Ja, ich sehe geradezu meine Verantwortung als Pädagogin darin, dazu beizutragen, dass dieses Gefühl nicht zum Dauerzustand wird.

In diesem Sinne: Ich bin froh, dass wir die digitale Welt nutzen können, um weiter unterrichten und mit unseren Schülern in Kontakt bleiben zu können. Dennoch werde ich auch weiterhin den Segnungen des Analogen, der Handschrift, dem Haptischen das Wort reden. Ich werde digitalisierte Lernangebote und Tools nützen und gleichzeitig die SchülerInnen eben auch zum analogen Arbeiten, zu Freewritings, zum Bücherlesen, zum Nachdenken auffordern. Und ich hoffe, dass auch die Coronakrise nicht zur vollständigen Digitalisierung des Klassenzimmers führen wird. In ein paar Wochen, vielleicht erst in ein paar Monaten können wir unsere SchülerInnen hoffentlich alle wieder ganz normal und real in der Schule treffen. Und vielleicht sogar auch wieder einmal eine Schulstunde ganz ohne technische Hilfsmittel mit ihnen zubringen.

(nemo)

Warum wir in der Schule nicht genug über öffentliche Sachen sprechen

„In Schulen sollten wir mehr über öffentliche Sachen sprechen. Im Schulwesen gibt es eine sehr akademische Bildung, ohne große Reflexionen über die Gesellschaft.“ Das antwortete der britische Politologe Colin Crouch auf die Frage, ob wir in der Schule mehr Ökonomie bräuchten. Um die Komplexität unserer Welt und somit auch der Wirtschaft zu verstehen, bedürfe es nämlich, so der Politologe, nicht mehr Ökonomen als vielmehr ExpertInnen, die aus unterschiedlichen Disziplinen kommend über unsere Gesellschaft reflektieren.

Jetzt ist es zwar wahrlich nicht so, dass es im Schulwesen eine sehr akademische Bildung geben würde (ich fürchte, der geschätzte Colin Crouch hat da ein paar Jahrzehnte Entwicklung im Schulwesen verpasst), dass wir in den Schulen aber mehr über öffentliche Sachen sprechen sollten, finde ich auch. Der Grund dafür, warum wir es nicht ausreichend tun, liegt jedoch ganz woanders, als es der Politologe vermutet. Er liegt in der von Bildungsstandards, Kennzahlen und Kompetenzen geradezu beseelten Bildungspolitik, die seit einigen Jahren die Richtung vorgibt. Ja, es ist diese Idee einer Bildung, die sich vom Ende her denkt, die von Anfang an festlegt und vorschreibt, was am Ende alle können müssen, und die den Zuwachs an Kompetenzen akribisch und laufend misst und überprüft, die uns daran hindert, in der Schule ausreichend über die Gesellschaft zu reflektieren.

Mittlerweile wurden die gesamten Bildungsinhalte, von der Grundschule bis zur Reifeprüfung hinauf, in Kompetenzbeschreibungen und -raster übergeführt. Ständig gilt es heute ein Auge auf den „Output“ zu haben und zu beurteilen, ob eine Kompetenz überwiegend, zur Gänze, über das Wesentliche hinaus oder gar weit darüber hinaus erfüllt wurde. Wie sich dagegen der Lernprozess darstellt, welche Schwierigkeiten, Diskussionen, Abschweifungen oder Umwege dabei auftreten, spielt keine Rolle. Weder die besondere Situation einer Lerngruppe oder Klasse noch deren spezifische Interessen und schon gar nicht die aktuellen Bedürfnisse gilt es zu berücksichtigen. Nein, im Grunde geht es nur um die im Vorhinein festgelegten und messbaren Kompetenzen und den daran anschließenden Vergleich zwischen Klassen, Schulen, Bundesländern oder Nationen. Alles andere hat kein Gewicht.

Ich weiß schon, in der täglichen Praxis wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. Es gibt immer noch genügend LehrerInnen, die sich der reinen Lehre des messbaren Könnens widersetzen und sehr wohl mit ihren Schülern viel über öffentliche Sachen reflektieren. Außerdem ist es ja natürlich auch im kompetenzorientierten Unterricht nicht verboten, über öffentliche Sachen zu sprechen. Trotzdem: In den letzten Jahren hat ein gewaltiger Umbruch in den Schulen stattgefunden, und diese Gewichtsverschiebung hat nicht dazu geführt, dass wir heute insgesamt mehr über die Gesellschaft reflektieren würden als davor. Oft fehlt nämlich heute, angesichts all der Kompetenzen, die aufgebaut und ständig überprüft werden müssen, ganz einfach die Zeit dafür.

Hinzu kommt, dass in den grundsätzlich „gesellschafts- und kulturlastigen“ Fächern, die ich unterrichte – Deutsch und Französisch – mit der Kompetenzorientierung auch eine inhaltliche Neuausrichtung stattgefunden hat. Nehmen wir das Beispiel des Deutschunterrichts: Noch vor wenigen Jahren galt Deutsch als Inbegriff eines gesellschaftlich orientierten Schulfachs, in dem viel Literatur (aber auch Zeitung) gelesen und davon ausgehend gesellschaftspolitisch relevante Fragen je nach Interessenslage der Klasse und des Lehrers oder der Lehrerin diskutiert wurden. Im Zuge der Kompetenzorientierung wurde der Fokus viel stärker auf die objektiv überprüfbare Schreib- und Lesefähigkeit gelenkt. Plötzlich war es wichtiger, Texten gezielt Informationen zu entnehmen, textsortenspezifisch zu schreiben, „Inputtexte“ einfließen zu lassen oder Sachtexte zusammenzufassen und zu analysieren. Worum es in den Texten (sowohl in den „Input“- wie auch in den „Outputtexten“) thematisch geht, welche gesellschaftspolitischen Fragen aufgeworfen, diskutiert und vertieft werden, ist weit weniger wichtig. Auch die Beschäftigung mit Literatur folgt der Logik des Kompetenzenerwerbs: Literaturgeschichtlicher Überblick mittels Textausschnitten im Schnelldurchlauf und Textanalyse – das war’s. Hauptsache, eine riesige Anzahl von Kompetenzen kann abgehakt werden, alles schnell, effizient und immer mit dem Fokus auf den Output. Gerade in der Oberstufe bleibt da kaum mehr Zeit, ein Thema wirklich zu vertiefen oder gar sich experimentell-kreativ damit auseinanderzusetzen. Am Ende müssen die Textsorten trainiert und der Themenpool für die Matura gefüllt sein. Ob im Unterricht „Ganztexte“ gelesen wurden, ob die darin aufgeworfenen Fragen eingehend diskutiert wurden, ob über verschiedene Perspektiven und Ansichten mündlich oder schriftlich nachgedacht wurde, ob der Zusammenhang zu anderen Fächern und deren Fragen hergestellt wurde, ob etwas ausprobiert oder gewagt wurde, ob individuelle Interessen der SchülerInnen (oder auch besondere Kenntnisse der LehrerInnen) zur Sprache kamen, ob vielleicht auch manches nicht funktioniert hat und das Scheitern eines Vorhabens reflektiert wurde – who cares? Hauptsache, die Leistungen der eigenen Klasse oder Schule werfen möglichst lange Balken im dazugehörigen Diagramm, mit dem die Ergebnisse von der Schulaufsicht verglichen und evaluiert werden.

Noch drastischer stellt sich die Situation in den Fremdsprachen dar. Der Erwerb einer fremden Sprache konnte einmal als ein sich öffnendes Tor in eine neue Welt, in eine andere Kultur begriffen werden. Da gab es etwas Fremdes zu entdecken, da konnte man über Unterschiede zur eigenen Kultur und Sprache nachdenken und anderes erfahren, als man es bislang gewohnt war. Damit das möglich war, musste man Vokabeln und Phrasen, Zeiten und Präpositionen lernen, keine Frage. Trotzdem konnte man auch bereits auf niedrigem sprachlichen Niveau über gesellschaftliche und kulturelle Besonderheiten erfahren und nachdenken. Heute werden hauptsächlich Fertigkeiten trainiert: Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben. Die Themen, mit denen die Schüler konfrontiert werden, aber bewegen sich in der eigenen Lebenswelt, bleiben auf das beschränkt, was man bereits kennt: Hobbys, Sport, Kleidung, Essen, Schule, Internet, Beruf. Nur ja nichts Unbekanntes, bloß keine thematische Verstörung. Stattdessen hinlänglich Bekanntes, aber das dafür nur ja nicht zu knapp und so, dass man am Ende möglichst eloquent darüber palavern kann. Natürlich, ein bisschen Lokalkolorit, ein paar landeskundliche Informationen dürfen schon sein, ankommen aber tut es schlussendlich einzig und allein auf die kommunikative Kompetenz. Die Fremdsprachen wurden aus ihrer gesellschaftspolitischen Verankerung geradezu herausgerissen, indem man sie von jeglichem inhaltlichen Ballast bereinigt hat. Geschichtliche, literarische, philosophische, kulturelle Fragestellungen, die auch nur ein bisschen Wissen voraussetzen würden, kommen bei der Matura nicht vor. Hauptsache, die Kompetenzen können einzeln ge- und vermessen werden.

Sämtliche Fächer wurden an das Gängelband der Kompetenzorientierung genommen. Indem im Vorhinein genau festgelegt wurde, was am Ende des Lernprozesses herauskommen soll und was alle können müssen, wurden Diskussionen, Phasen des Suchens und Ausprobierens sowie Möglichkeiten der individuellen Vertiefung stark eingeschränkt. Die Fremdsprachenfächer wurden in ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz derartig beschnitten, dass jenseits der Vermittlung von Sprachkompetenz nichts mehr übrig bleibt. Und selbst ein Fach wie Deutsch, früher ein Brennpunkt für Diskussionen aller Art, wird heute kaum mehr als gesellschaftspolitisch relevanter Unterrichtsgegenstand jenseits von Textkompetenz begriffen.

Ja, wir sollten in der Schule wieder mehr über die Gesellschaft reflektieren, das findet nicht nur Colin Crouch, das spüren viele. Vielleicht wird auch deshalb die Einführung des Schulfachs Ethik derzeit so vehement gefordert. (Manchmal kommt es mir fast wie eine Art Heilserwartung vor, die sich mit diesem Fach verknüpft.) Aber, so viel traue ich mir zu prognostizieren: Ethik alleine wird’s nicht richten, was in den anderen Fächern verbockt wurde.

(nemo)