Gegen die Verdummung. Literatur als Seelenfutter

In seiner Rede zur Literatur hat der Schriftsteller Franzobel kürzlich viel Schönes und Wahres über die Literatur und ihre Notwendigkeit gesagt. Hier ein paar Zitate:

Es wird immer eine Sehnsucht nach Geschichten geben, nach Versuchen, das Leben zu bewältigen, zu bereichern und den Tod zu begreifen. Literatur speichert Erfahrungen und Empfindungen schneller als die Gene. Sie darf Dinge anders sehen, aussprechen, neu bewerten, Utopien entwerfen, unvernünftig und verrückt sein. Sie darf Dinge zurechtrücken, was gerade ziemlich notwendig zu sein scheint, denn die Welt ist ein übel riechender Schweinetrog geworden, an dem sich ein paar wirkliche dicke Säue laben, die Anlass zur Vermutung geben, der bekannte, oft zitierte Ausspruch der Ingeborg Bachmann sollte eigentlich lauten: In Wahrheit ist der Mensch die Zumutung.

Literatur ist Kampf – gegen die Verdummung, Herzlosigkeit, Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher.

Die größte, ständig lauernde Gefahr für jede homogene Gesellschaft besteht darin, dass sie plötzlich durch religiöse, ethnische, rassische oder andere, vielleicht sogar triviale, lächerliche Grenzen (zum Beispiel Kopftücher, lange Nasen oder eine Vorliebe für Burritos) zerteilt wird und Demagogen (politische Führer, welche unter Anführungszeichen gehören) die einzelnen Gruppen aufeinanderhetzen. Der Balkankrieg, Ruanda, die Ukraine, Syrien. Wir dachten, so etwas gäbe es nicht mehr. Weit gefehlt. Im Grunde wird die ganze homogene Menschheit so zerteilt. Und wenn es jemand schafft, uns zu zeigen, dass wir Mitteleuropäer derselben Spezies angehören wie die Chinesen, Senegalesen, Burmesen, Peruaner, Hawaiianer, Kenianer, Jemeniten oder wer auch immer, diese Menschen dieselben Empfindungen, Sorgen, Wünsche haben wie wir, dann die Literatur. Darum hat sie auch die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer.

(nemo)

 

Auto-Didaktik

Es gibt ja diesen Witz von der Schwellendidaktik – der/die LehrerIn überlegt sich auf der Türschwelle, was er/sie in der nächsten Unterrichtsstunde mit den SchülerInnen durchnehmen wird. Am Freitag dieser Woche erlebte ich einen Anfall von Auto-Didaktik (kommt ganz selten, war aber nicht das allererste Mal), als ich auf dem Schulweg im Morgenjournal erfuhr, dass die erste Leserin des Bachmannpreises 2016 die Österreicherin Stefanie Sargnagel sein sollte und dass der Livestream um 10:00 beginnen würde. Stefanie Sargnagel – Facebook – Twitter – rotzige, kurze Texte – ein Nagel an wessen Sarg? – um zehn hab ich die 4c  – Unterricht beginnt um 9:55 – geht sich das aus? – könnte den Kids vielleicht gefallen – gescheite Kinder – neuer Text – soll Teil eines Romans werden und ganz anders als die früheren „Aphorismen“ sein – letzte „richtige“ Schulstunde, aber das soll nicht der Grund sein – absolut aktuell, liver geht’s nicht – ich hab denen sicher noch nix über den Bachmannpreis erzählt (oder über Ingeborg Bachmann!) – was krieg ich davon möglichst leicht und locker in die letzte Doppelstunde? – und wird unser Netzwerk  den Stream derpacken? – sonst nehm ich halt mein Handy und es gibt nur Ton, nicht sooo schlimm bei einer Lesung…

Also hab ich mir in der Viertelstunde davor noch die wichtigsten Links über die Autorin und das Preislesen herausgesucht und war noch vor Pausenende bei den erstaunten SchülerInnen, die sich ob meines Elans für das Thema nicht zu widersetzen wagten und sich brav eine halbe Stunde Vorlesen und ein paar Minuten Einführung davor anhörten. Internet war ok, alles funktionierte.

Zu Beginn wurde ein selbstgezeichnetes (?) Videoportrait abgespielt, das meine 4c als recht traurig empfand. (Wir hatten aber erst später Zeit, darüber zu sprechen.)

Anschließend las Stefanie Sargnagel. Ich würde sagen, hm, mittelgut, aber authentisch, ihr Text, ihre Stimme, kein Performing, was nach ein paar Sätzen, als ich mich eingehört hatte, dann auch gut passte. Hochdeutsch mit angehaucht wienerischem Tonfall, Längen in den Vokalen.

Penne vom Kika

Ich glaube, es wird ein guter Tag, denn ich habe das Gefühl, ich habe mein Leben im Griff. Ich habe einen Text fertig geschrieben, für den ich Geld bekommen werde. Wie für alle Texte, für die mir ausreichend Geld geboten wird, ist es etwas entsetzlich Sinnloses gewesen, für das ich mich bestimmt einige Zeit schämen werde, für ein Magazin, das hoffentlich nie jemand, den ich respektiere, je lesen wird. Etwas, bei dem ich mir schon während des Schreibens jeden Buchstaben aus dem Text wie Heftklammern in die Haut rammen will zur Selbstbestrafung, ein spitzes A direkt in die Augen, nur um den Dreck nie wieder lesen zu müssen, diese Art von Text, bei dem ich von jedem einzelnen Wort Würgereiz bekomme. 1

Etwa zwanzig Minuten hören alle 22 SchülerInnen aufmerksam zu, lachen, machen sich auch einmal über den einen Ausdruck  oder die andere Beschreibung lustig, während Stefanie Sargnagel (keine Ahnung, woher dieser Künstlername kommt) ihre Wanderungen, Aufenthalte und Begegnungen auf dem Weg zu einem Text, den sie anlässlich des Preislesens präsentieren könnte, in einem inneren Monolog beschreibt. Dann kommt ein Szenenwechsel und noch mehr Ähnliches und ja, auch ich hätte jetzt gern eine kleine Pause, aber es muss ja eine halbe Stunde gelesen werden. Anschließend besprechen die KritikerInnen, das interessiert die 14-Jährigen nicht mehr, sie wollen selber loslegen, die Meinung der Erwachsenen hat für sie keine Bedeutung. Direkt begeistert sind sie nicht, aber sie erinnern sich an einige Textstellen, die wir dann genauer untersuchen. Da der Text da schon online vorliegt, können wir genauer darauf schauen. Der Titel wird erst am Schluss klar: Die Ich-Erzählerin geht am Schluss zum Essen in ein Möbelhaus.

Es gibt Penne mit Tomatensauce um 3 Euro, da schlage ich zu. […] Sie schmecken nach gar nichts, genau wie ich es mag.

Dann werfen wir noch einen Blick auf die Internetkanäle, auf denen Sargnagel seit Jahren publiziert. Zwei oder drei SchülerInnen fragen nach den Links und ich hoffe, dass sie vielleicht einmal hinklicken werden. Und zum Schluss darf ich noch ein paar Worte über Ingeborg Bachmann, ihr Leben und ihre Gedichte und die Gruppe 47 erzählen. Ich bin mit meiner heutigen Auto-Didaktik sehr zufrieden! (juhudo)

1 Ganzer Text: http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773426/

Twitter
https://twitter.com/stefansargnagel

Eine Rezension
https://kulturgeschwaetz.wordpress.com/2016/06/29/stefanie-sargnagel-in-der-zukunft-sind-wir-alle-tot/