Gesucht: Das denkende Subjekt

Nachfolgend zwei Zitate der deutschen Bildungsforscherin Ursula Frost (Professorin für allgemeine Pädagogik an der Uni Köln). Das Interview ist heute im „Standard“ erschienen.

  • zur Kompetenzorientierung in den Schulen:

„Die Rede von Kompetenzorientierung ist irreführend. Kein Bildungsmodell hat jemals auf die Ausbildung von Können verzichtet. Man denke nur an früher viel ausgeprägtere Schreib- und Stilübungen, Lese- und Rechenübungen usw. Aber als pädagogische Leitkategorie ist Kompetenz ungeeignet, weil damit ein technologisches Menschenbild verbunden ist, das – unter Umgehung der sachlichen und persönlichen Relationen – Schülerinnen und Schüler in standardisierten Steuerungsverfahren auf je bestimmbare Ergebnisse festlegt. Die Sicherung der Ergebnisse erscheint wichtiger als ihre einsichtige Begründung, und das zeigt, dass hier ein gefährlich verkürztes, inhumanes Modell angesetzt ist. Bildung ist mehr als die Akkumulation von Kompetenzen in beliebiger Montierbarkeit von Einzelteilen. Wir brauchen den Umweg über das denkende Subjekt, das Sachen aneignet und Handeln verantwortet.“

  • zum veränderten Umfeld (beispielsweise durch multikulturelle Klassen), in dem LehrerInnen heute unterrichten:

„Am Gängelband von Kompetenzrastern und gesteuerten Anpassungskontrollen wird es kaum gelingen, diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Es dürfte auch nicht wirklich helfen, die standardisierten Verfahren durch multiprofessionelle Sozialtechnologie zu erweitern, die demselben Steuerungsmodell zugehört. Vielmehr käme es hier auf die persönliche Erfahrung und Präsenz von Lehrerinnen und Lehrern an, auf ihre Sensibilität für Menschen und pädagogische Situationen, auf Takt und Fantasie, um einen Rahmen zu schaffen, der sachliche Auseinandersetzung möglich macht. Viele Lehrerinnen und Lehrer bringen diese Voraussetzungen mit, werden aber durch die Überforderungen der Steuerungs- und Kontrollmaschinerie an ihrer fachlichen und pädagogischen Arbeit gehindert.“

(nemo)

 

Die professionalisierte Schule

Vieles läuft im Bildungsbereich derzeit in die falsche Richtung. Immer lauter geben Zahlen den Ton an, immer häufiger geht es um Daten als um Menschen. Nur ein Beispiel dafür sind die jährlichen Ergebnisse der Zentralmatura. Diese werden zahlen- und datenbasiert in Grafiken aufbereitet, damit auf einen Blick sichtbar wird, wo die jeweilige Schule steht, im Vergleich mit anderen Schultypen, im Vergleich mit anderen Schulen im Bundesland, im Vergleich mit anderen Schulen in Österreich. Die fast kindliche Freude am Vergleichen wäre grundsätzlich noch kein Problem – problematisch wird das Ganze erst, wenn die Vergleiche das Einzige sind, was von einem Maturajahrgang übrig bleibt. Welche Klassen, welche Gruppendynamiken, welche Schülerbiographien hinter den Zahlen stehen, scheint nämlich irrelevant zu sein. Relevant sind allein die Zahlen, wichtig ist das vergleichbare Ergebnis.

Diese Entwicklung ist in der Schule derzeit auf allen Ebenen bemerkbar. Immer klarer zeichnet sich dahinter das Gesamtbild einer neuen Form von Schule ab: Der PädagogInnenbildung NEU folgt das NEUE LehrerInnen-Dienstrecht, auf die NEUE Form des kompetenzorientierten Unterrichtens folgt in der NEUEN Oberstufe die NEUE Form des Prüfens mit der NEUEN Reifeprüfung als Schlusspunkt. Bei so viel Neuem drängt sich der Verdacht auf, dass die ebenfalls dräuende neue Schulverwaltung nur deshalb unter dem Begriff „Autonomiepaket“ firmiert, weil man endlich einen NEUEN Namen brauchte …

Welche Absichten hinter diesen Neuerungen stehen, die dem medial beschworenen „Stillstand in der Bildung“ wahrlich hohnsprechen, sei dahingestellt. Zu vermuten ist, dass der Bildungsbereich ebenso wie alle anderen Bereiche der öffentlichen Hand einfach einen umfassenden Ökonomisierungsschub mitmachen muss. Mir fällt aber auch auf, dass im Zusammenhang mit den Bildungsreformen immer wieder der Begriff der „Professionalisierung“ fällt. Der wiederum steht im direkten Konnex mit der Verwissenschaftlichung des pädagogischen Bereichs, die in den letzten Jahren massiv betrieben wurde. Nicht wenige dieser allesamt „evidenzbasierten“ Studien propagieren, fordern und befördern eine Professionaliserung in der Schule und speziell im Lehrerberuf. Was aber soll das eigentlich heißen?

„Professionalisierung“ klingt ja zunächst einmal harmlos und positiv. Wir alle werden professioneller, was kann daran falsch sein? Problematisch und irgendwie suspekt wird der Begriff allerdings, wenn man ihn auf menschliche Beziehungen überträgt. Professionelle Beziehung zum eigenen Kind? Professionelle Mutter, professioneller Vater? Aber auch: professionelle Partnerschaft? Professionelle Ehepartner? Hier wird schnell klar: Das ist nicht das, was man sich wünscht. Die Frage ist nun, ob wir in der Schule immer mehr Professionalisierung brauchen. Schließlich ist Schule ja etwas anderes als Familie. Es geht dabei aber auch nicht um die fachliche Qualifikation der LehrerInnen – von der ist überhaupt nicht mehr die Rede -, sondern eben um Professionalität im Bereich der schulischen Erziehung, im Bereich der Pädagogik. Um Lehrer und Lehrerinnen also, die professionell vermitteln, professionell testen und beurteilen und generell professionell handeln.

Jetzt wäre immer noch nichts gegen ein solcherart professionalisiertes Lehrerbild einzuwenden, wenn es denn im Bereich der Bildungsforschung verbleiben würde. Aus diesem – trotz aller Empirie – theoretischen Blickwinkel mag Professionalisierung tatsächlich einen Fortschritt darstellen. In der täglichen Schulrealität aber geht es in erster Linie um Beziehung. Fast alles, was sich in der Schule abspielt, basiert auf den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Und Beziehungen lassen sich eben nicht folgenlos professionalisieren.

Beziehung muss leben, Beziehung braucht Intuition, Emotion, Vertrauen und Kontinuität. Beziehungen sind störanfällig, ineffizient, weder ein Nullsummenspiel noch eine Win-Win-Situation. Beziehungen können schwierig und neurotisch sein, ja, Beziehungen können manchmal auch Schaden anrichten. Beziehungen basieren auf einer offenen, interessierten, unsystematischen und nicht generalisierbaren Haltung. Ein professioneller Zugang stört die Beziehungsebene, birgt das Potential, Beziehungen zu zerstören oder gar nicht entstehen zu lassen.

Genau das ist es aber, was gegenwärtig droht und in der Schule der Zukunft, an der derzeit so intensiv gebastelt wird, vielleicht die Normalität darstellen wird: Professionelle LehrerInnen, die Beziehungsarbeit einzig als Teil ihrer Professionalisierung begreifen. Da ist es dann vielleicht wirklich egal, welche Klasse die vor sich haben oder ob und wie lange sie ihre SchülerInnen kennen. Hauptsache, die Materialien sind gut und die Arbeitsaufträge individuell formuliert, Hauptsache, die zu erwerbenden Kompetenzen werden definiert, Hauptsache, die erreichten Kompetenzen werden mit einheitlichen und transparenten Kriterien gemessen und der gesamte Prozess anschließend evaluiert.

Gegenwärtig wird den Schulen der Boden, auf dem etwas wachsen und gedeihen kann, entzogen, dafür werden die Anbau- und Erntemethoden rationalisiert und automatisiert. Höchst professionell! (nemo)

KW 2. Chronik des ganz normalen Schulwahnsinns

Mit besten Vorsätzen bin ich in die Woche gestartet. Schließlich hatte erst kürzlich ein neues Jahr begonnen.

Beim Betreten der Schule umgibt mich der feste Wille, diesmal nicht bereits nach wenigen Minuten wieder in den „Schulstressmodus“ zu verfallen. Gelassenheit, Abstand, Ruhe. Weniger ist mehr lautet mein neues Motto.

Wie schwierig es ist, in der Schule Distanz zu wahren, wird einem schon vor Unterrichtsbeginn vor Augen geführt. Es wuselt vor lauter Kindern. Viele treten in Interaktion, sie grüßen, sie lachen einen an, sie wollen etwas wissen, sie brauchen etwas. So vieles spielt sich bereits am Gang ab, lange bevor man einen Klassenraum betritt. Ich bin froh und dankbar, dass das bei uns so ist und uns die SchülerInnen wahrnehmen (ebenso wie wir sie auch). Gleichzeitig stellen all diese kleinen Interaktionen zwischenmenschliche Begegnungen dar, die sich summieren und bereits nach wenigen Stunden dazu beitragen, dass man wieder ganz schön k.o. ist.

Auch im Konferenzzimmer wuselt es. Wir sind gut hundert Lehrpersonen an der Schule, wenn nur die Hälfte davon in der Pause zugegen ist, geht es ordentlich zu. Während man mit einer Kollegin spricht, sieht man aus dem Augenwinkel eine andere, mit der man auch dringend etwas besprechen muss, bevor man bemerkt, dass sich von der anderen Seite bereits jemand anpirscht, der wohl etwas von einem braucht. Was wir innerhalb von ein paar Minuten alles austauschen, besprechen, klären und uns gegenseitig mitteilen, ist manchmal der helle Wahnsinn. Aber gleich beginnt ja schon wieder der Unterricht und ob man den Kollegen, dem man unbedingt noch eine Information über den einen Schüler zukommen lassen muss, später noch trifft, ist ungewiss. Auch mit der anderen Kollegin muss man unbedingt heute noch einen Termin vereinbaren, denn sonst geht sich das mit dem Projekt nicht mehr aus. Und beim Direktor ist die Erlaubnis einzuholen, um mit der anderen Klasse ins Kino/auf Wandertag/ins Theater gehen zu können. Ah ja, reservieren sollte man, hoffentlich klappt es überhaupt noch, und die betroffenen LehrerInnen, denen wegen der Aktivität eine Stunde entfällt, müssen rechtzeitig informiert werden. Wo ich allerdings die Mappe mit den Entschuldigungsformularen meiner Klasse hingelegt habe, weiß ich jetzt auch nicht. Wahrscheinlich ist sie in dem Bücher- und Heftestapel verschwunden, der sich schon wieder auf meinem 50 x 30 cm-Arbeitsplatz türmt.

Schule ist super anstrengend, und da haben wir noch gar nicht vom Unterrichten gesprochen. Mitunter erscheinen mir die Schulstunden sogar weniger fordernd als all die Begegnungen, Besprechungen und Vereinbarungen zwischen Tür und Angel, die unseren Arbeitsalltag prägen. Na ja, manchmal zumindest. Denn die ErstklässlerInnen sind an diesem Montag in der fünften Stunde schon ziemlich zappelig und benötigen höchste Präsenz. Dass die SechstklässlerInnen im Gegenzug in der ersten Stunde noch verschlafen und lethargisch waren, diente auch nicht unbedingt der Erholung. Nur gut, dass dazwischen die pubertierenden ViertklässlerInnen zu beaufsichtigen waren. Sie interessieren sich derzeit nämlich deutlich mehr für ihre MitschülerInnen des jeweils anderen Geschlechts als für meinen Unterricht. Aus ihrer Sicht müssten wir sie echt nicht dauernd stören kommen, nahende Schularbeit oder Semesterabschluss hin oder her. (nemo)

Unterwegs mit Groß und Klein. Ein Wandertag der extrafeinen Sorte

Mit 29 coolen 16-Jährigen und 24 lieben 10-Jährigen begaben wir uns heute Vormittag auf die große Wiese nach Hellbrunn. Der Grund für unseren Ausflug war, dass sich meine sechste Klasse eine erste Klasse als Patenklasse gewünscht hatte. Und die Erstklässlerinnen (in diesem Fall ist es eine reine Mädchenklasse) wollten ein paar der ganz großen SchülerInnen kennenlernen, auf dass sie neben uns LehrerInnen noch jemanden an der Schule haben, dem sie Löcher in den Bauch fragen können.img_1832

Wir machten uns also auf den Weg und erlebten einen dieser Tage, an denen ich felsenfest davon überzeugt bin, dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Beruf geben kann als den meinigen. Nicht, dass unser Ausflugsziel so spektakulär gewesen wäre. Auch nicht, dass unser Ausflugsprogramm so einzigartig gewesen wäre. Aber die Freude, die gute Laune, der Spaß, das Zwischenmenschliche, die gelungenen Kontaktaufnahmen, das gemeinsame Spielen und das alles bei prächtigem Herbstwetter in einer wunderbaren Umgebung – LehrerInnenherz, was willst du mehr?

Mit zwei einander unbekannten Klassen zogen wir los, mit einer gemeinsamen Gruppe kehrten wir zurück. Dazwischen ereignete sich folgendes: 1. Wir jausneten zusammen. 2. Wir erkundeten den Spielplatz. 3. Wir ließen die SchülerInnen zwei Kreise bilden, die Kleinen innen, die Großen außen. Dann sollten sie sich ihrem Gegenüber vorstellen und sich z.B. über ihr Lieblingsessen, ihr Lieblingskinderbuch oder das Coolste am WRG austauschen. Immer wenn wir klatschten, rückten die Großen um einen Schritt nach rechts und das Austauschen begann von neuem. 4. Wir bildeten gemischte 4er- bzw. 5er-Teams und ließen sie in der Natur verschiedene Dinge suchen: Etwas, das weich ist; etwas, das ein Geräusch macht; etwas, das ganz gerade ist; etwas, das gut riecht. Etcetera. 10 Dinge sollte jede Gruppe finden und danach aus diesen Dingen ein Bild legen. 5. Wir machten einen „Ausstellungsrundgang“ und schauten uns die Bilder an. Jede Gruppe erklärte kurz ihr Bild und alle erhielten für ihr Bemühen und ihre Kreativität Applaus. img_1821

Dann war der Vormittag auch schon wieder fast vorbei und wir wanderten zurück. Was ich da auf dem Heimweg in der Hellbrunner Allee mitansehen durfte, ließ mein Lehrerinnenherz gleich mehrmals hüpfen: Große und Kleine einträchtig nebeneinander, sie schwatzten und lachten, sie fragten sich aus und erzählten, über den Größenunterschied von bis zu zwei Köpfen hinweg, dass es eine wahre Freude war.

Welche Argumente auch immer für eine gemeinsame Schule der 6-bis 14-Jährigen existieren mögen, ich bin und bleibe ein Fan der Langform des Gymnasiums, bei der 10- bis 18-Jährige gemeinsam unterrichtet werden! (nemo)

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Erleben und Erzählen: Bordeaux, einstens

Erzählen und (Er-)Leben stellen, so Jean-Paul Sartre in La nausée (Der Ekel), zwei gegensätzliche Modi dar: Die Dinge ereignen sich in die eine Richtung und wir erzählen sie in die Gegenrichtung. Damit aus dem banalsten Erlebnis ein Abenteuer werde, müsse man es bloß erzählen. Denn solange man sich im Modus des Erlebens befinde, passiere nichts, die Ereignisse fügten sich einfach aneinander. Erst durch das Erzählen werde aus dem Erlebten eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende.

Eine Form des Erzählens, die ich in diesem Sommer häufig praktiziere, ist jene des Sich Erinnerns. Mein aktueller Erlebensmodus ist vielfach vom Erinnerungs- bzw. Erzählmodus überlagert, anders gesagt, ich verknüpfe aktuelle Ereignisse praktisch umgehend mit Erinnerungen und mache so daraus (Lebens-)Erzählungen. Wahrscheinlich ist das einfach eine Alterserscheinung oder zumindest ein Beweis dafür, dass man doch schon recht viel erlebt hat. „J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“ („Ich habe mehr Erinnerungen, als wär‘ ich tausend Jahre alt“), heißt es in einem Spleen-Gedicht von Baudelaire. (An das Gedicht muss ich denken, aber eigentlich wegen Jorge Semprún, der in einem seiner Erinnerungsbücher das Baudelaire-Gedicht zitiert.)

Ein Beispiel für meine gegenwärtige Erinnerungsproduktion sind die beiden Festspielaufführungen, die ich mir in den letzten Tagen angeschaut habe: Samuel Becketts Endspiel (Fin de partie) und die Mozart-Oper Don Giovanni. Beide Inszenierungen waren ein wahrer Genuss und beide Erlebnisse haben bei mir sofort den Erinnerungsmotor angeworfen.

Fin de partie und Don Giovanni bzw. Dom Juan standen auf dem Programm eines Theaterseminars, das ich vor vielen Jahren (1994-95!) während meines Auslandsstudienjahres an der Université III in Bordeaux besuchte. Charles Mazouer hieß der Professor, bei dem wir, drei Salzburger Erasmus-Studentinnen, ein Jahr lang im Seminar saßen. Unter dem Gesichtspunkt der Herr-Knecht-Thematik (maître et valet) wurden Theaterstücke aus mehreren Jahrhunderten analysiert, darunter eben Dom Juan von Molière und Fin de partie von Samuel Beckett. Daneben gab es auch eine praktische Einführung ins Theaterspielen, sozusagen als Ergänzung zum theoretischen Seminar. Auch da taten wir wacker mit. Gemeinsam mit meiner Freundin blieb ich sogar über das Praktikum hinaus bei der Gruppe. Am Ende des Jahres führten wir ein Stück von Eugène Ionesco (Jeux de massacre) auf, wir zwei germanophones unter lauter Muttersprachlern. 41WSBXSKEPL._SX195_(Und später spielten wir dann auch in Salzburg in der Französisch-Theatergruppe mit.)

Das Erasmus-Auslandsjahr war etwas ganz Besonderes, nicht nur – aber auch! – in sprachlicher Hinsicht. Es öffnete und weitete meinen Horizont auf eine Weise, wie es ein Studium ausschließlich in Österreich nie vermocht hätte. Bordeaux hatte für uns damals durchaus etwas Exotisches, ein Erasmus-Jahr war ein veritables Abenteuer. Heute, in Zeiten von Internet, EU und internationalen Studiengängen erscheint das alles nicht mehr so nachvollziehbar. Aber damals, im Jahr 1994, war Österreich eben noch nicht bei der EU, es gab praktisch noch kein Internet (und ergo auch keine E-Mails), und das Erasmus-Programm war in Österreich gerade mal zwei Jahre alt. Von unseren Vorgängerinnen bekamen wir ein altes Vorlesungsverzeichnis in die Hand gedrückt, mehr Infos über das Studienangebot gab’s nicht. Während der Zeit in Bordeaux schrieben wir zahllose Briefe, erst ab dem Frühjahr (Österreich trat Anfang 1995 der EU bei) trudelten diese verlässlich binnen einer Woche zu Hause ein (und umgekehrt), davor konnte der einfache Postweg schon auch mal zwei Wochen umfassen. Telefon gab’s in meiner WG zwar, man konnte jedoch keine Gespräche ins Ausland tätigen. Um nach Hause zu telefonieren, musste man sich also bei einer Kabine anstellen. Gerade am Abend bildeten sich dort oft lange Schlangen. Und ein Handy hatte überhaupt noch niemand. Ja, wenn man das so zusammenschreibt, kann man es selbst fast nicht mehr glauben. Obwohl es damals natürlich lange nicht so seltsam war, wie es heute erscheint, sondern einfach normal.

Dadurch, dass die Möglichkeiten mit den Daheimgebliebenen zu kommunizieren so eingeschränkt waren, fühlten wir uns in Bordeaux ebenso fern wie frei. Auch das kann man heute kaum mehr nachvollziehen. So ein Studienjahr in Westfrankreich fühlte sich an wie ein Leben fast am anderen Ende der Welt. Sicher, zu Weihnachten fuhren die meisten Erasmus-Studenten nach Hause, danach aber ging es für uns erst so richtig los. Denn im Gegensatz zu vielen Studierenden heute verbrachten wir ja ein ganzes Studienjahr im Ausland. Und ein ganzes Studienjahr ist definitiv mehr als die Summe aus zwei Semestern – sowohl in sprachlicher als auch in sozialer Hinsicht.

Was die Sprache betrifft, tat sich der große Sprung erst irgendwann im März. Ab da ging alles spürbar leichter, ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich im Französischen allmählich wie ein Fisch im Wasser. Und was das Soziale betrifft, war’s ebenso. Diejenigen, die schon nach einem Semester wieder abreisten, brauchten sich nach Weihnachten gar nicht mehr richtig anzustrengen. Für sie waren die Wochen bereits gezählt. Für uns allerdings bedeutete die Zeit nach den Weihnachtsferien die härteste im Jahresverlauf. Zu diesem Zeitpunkt hieß es nämlich, sich um ein vollständiges Leben vor Ort zu bemühen. Zu lange erschien die Zeit bis zu den Sommerferien, als dass man weiterhin „Uni-Tourist“ auf Abruf bleiben konnte.

Ein zentraler Integrationsfaktor war für uns zweifellos das Theater. Das gemeinsame Erarbeiten eines Stücks, die ständigen Proben, die viele gemeinsam verbrachte Zeit schweißten uns mit den französischen Studierenden zusammen. Während viele Erasmus-StudentInnen doch recht häufig unter sich blieben, hatten wir viel mehr Anschluss an die dortigen StudentInnen. Daraus entstanden Freundschaften, von denen manche noch lange fortdauerten.

All das (und noch viel mehr) kann so ein Besuch bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2016 aufrufen – zumal wenn man mit genau jener Person ins Theater bzw. in die Oper geht, mit der man damals gemeinsam in Bordeaux war. 🙂 „Vieux linge! Toi – je te garde.“ („Altes Linnen! Dich behalt ich.“), sagt Hamm am Ende von Fin de partie. Allein dieser Satz vermag das Bordeaux-Erinnerungsgebäude aufzuschließen. Wenn ich ihn metaphorisch als Erinnerungsfetzen lese, taugt er darüber hinaus als Symbol dafür, dass von einem Auslandsstudienjahr weit mehr bleibt als verwertbare Zeugnisse oder ECTS-Punkte und mein damaliges Lehramtsstudium gerade durch dieses Jahr in Bordeaux die Fixierung auf das Lehramt verlor und einen viel weiteren Horizont annahm – auch wenn das jetzt alles mit Becketts Endspiel wiederum nur sehr indirekt zu tun hat. (nemo)

 

Leidenschaft, Begeisterung, Enthusiasmus

Junge Menschen für etwas, von dem man selbst überzeugt ist, begeistern zu können, gehört für mich zum Schönsten, was ich mir vorstellen kann. Begeisterung kann man nicht voraussetzen, auch nicht einfordern, aber sie kann sich einstellen – und wenn dies der Fall ist und man selbst aufgrund seiner Bemühungen um Vermittlung einen Anteil daran hat, bedeutet das Gesamtpaket so etwas wie Glück.

Gestern habe ich mir zwei Vorträge bei den Salzburger Hochschulwochen angehört. „Leidenschaften“ lautet das diesjährige Thema. Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, sprach über „Temperaturen der Leidenschaft“, Georg Braungart, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Tübingen, zum Thema „Passion Wissenschaft? Passion Begabung?“ Weder der eine noch der andere Vortrag haben mich restlos überzeugt, interessant und zum Nachdenken anregend aber waren sie allemal.

Durch den Vortrag von Georg Braungart, dem Leiter des Cusanuswerks, habe ich mich an meinen eigenen Auftritt bei der Ferienakademie des Cusanuswerks vor ein paar Jahren erinnert. Das Cusanuswerk ist das Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Wer in diese Studienförderung aufgenommen wird, erfährt vielfache Unterstützung sowohl in finanzieller als auch und vor allem in ideeller Hinsicht. Ich, die während ihrer eigenen Studienzeit von der Existenz solcher Eliteförderprogramme und Netzwerke keinerlei Ahnung hatte, war vom Niveau des intellektuellen Austausches und der umfassenden inhaltlichen Anregung, die den Stipendiaten da geboten wird, ehrlich angetan. Auch die kritische Geisteshaltung (u.a. auch der katholischen Kirche gegenüber), ließ mich nicht unbeeindruckt, wenngleich mich das Ganze irgendwie auch ein wenig befremdete.

Im Jahr 2010 organisierte also das Cusanuswerk eine Ferienakademie zum Thema Politischer Widerstand und lud mich als Workshopleiterin dazu ein. Zu dieser ehrenvollen Aufgabe bin ich aufgrund meiner Dissertation zum literarischen Werk Jorge Semprúns und vielleicht auch dadurch, dass mein Dissertationsbetreuer ehedem selbst vom Cusanuswerk gefördert worden war, gekommen. Wie dem auch sei, der Workshop ebenso wie die ganze Ferienakademie waren eine ziemlich schöne und bereichernde Sache, für die ich dankbar bin.

Mein Workshoptitel lautete „Literatur und Widerstand – Literatur als Widerstand? Das Beispiel Jorge Semprún“. Ich versuchte, mit den TeilnehmerInnen Ausschnitte aus Semprúns Texten zu diskutieren und nach Formen und Zusammenhängen von Literatur und Widerstand zu fragen. Insbesondere wollte ich darauf hinaus, den Studierenden zu zeigen, wie sich widerständisches, aber auch widersprüchliches Handeln im Text manifestieren kann, weniger auf thematischer als vielmehr auf struktureller Ebene.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie intensiv und spannend unsere stundenlangen Diskussionen waren. Dabei studierten die TeilnehmerInnen des Workshops allesamt keine geisteswissenschaftlichen Fächer, sondern Wirtschaft, Medizin, Jus oder Technik. Genau das war ja das Ansinnen der Ferienakademie, Studierende mit neuen oder anderen Fragen, Perspektiven und Gegenständen zu konfrontieren. Was die TeilnehmerInnen echt auszeichnete, war ihre Offenheit und ihre Bereitschaft verstehen zu wollen. Ich versuchte ihnen etwas von dem zu vermitteln, was mir damals als vom Allerinteressantesten vorkam. Die Texte Jorge Semprúns, mit denen ich mich jahrelang so intensiv auseinandergesetzt hatte, die Erkenntnisse, die ich in akribischer Textanalyse hatte gewinnen können, begeisterten mich nachhaltig. Die WorkshopteilnehmerInnen hörten mir zu, fragten nach, brachten Einwände, versuchten zu verstehen und ließen sich nach und nach von meiner Begeisterung anstecken. Am Ende hatte ich den Eindruck, wirklich etwas weitergegeben zu haben, ein paar der „jugendlichen Seelen“ regelrecht „enthusiasmiert“ zu haben. In dieser Intensität, wie ich das damals irgendwo bei Osnabrück erfahren durfte, war es schon eine besondere Sache. Auch etwas, was ich mir in mein Schatzkästchen schöner Erinnerungen einschreiben kann. Gut, dass ich mich durch den gestrigen Vortrag wieder daran erinnert habe.

Einer der Teilnehmer, ein „Hardcore-Techniker“, hatte mir nach dem Workshop übrigens eine ganz besondere Rückmeldung geschrieben (die ich jetzt gleich mal hervorgekramt habe). Ich habe sie abgetippt und stelle sie hier zur Verfügung. Natürlich freut man sich immer über gutes Feedback. Aber noch viel schöner ist es eben, wenn es einem gelingt, die eigene Begeisterung über eine Sache, die man mit Leidenschaft betreibt und von deren Wert man überzeugt ist (z. B. Literatur), so zu vermitteln, dass sich die Begeisterung überträgt. Zu sehen, wie der Funke überspringt und weiterbrennt, darum geht’s doch. Und mehr bedarfs nicht, wie man meinen sollte. (nemo)

 

Schulschlussbonus

So eine letzte Schulwoche hat’s in sich. Wer glaubt, da würde nichts mehr stattfinden, der irrt gewaltig. Denn: Wir schließen ab, räumen auf, putzen, schmeißen weg, sprechen uns ab, organisieren und planen. Wir machen Ausflüge, übernachten in der Schule, blicken auf ein Schuljahr zurück, resümieren, geben einander gute Wünsche mit, lachen, weinen, feiern und beschenken einander. Wir begehen vielerlei Abschluss- und Abschiedsrituale.

So eine letzte Schulwoche ist gleichzeitig eine der schönsten, aber auch eine der anstrengendsten Wochen im Jahr. Und nur weil sie beides gleichzeitig ist, ist sie so schön (aber eben auch so anstrengend). Wer diesen Zusammenhang nicht versteht, versteht nichts von der Schule und auch nichts vom Lehrerberuf.

Wir LehrerInnen bekommen am Ende eines Schuljahres ehrlichen Dank von unseren Schülern und deren Eltern. Dieser Dank ist unser Bonus. Ich hab das irgendwann schon einmal in diesem Blog gesagt: Manager bekommen Boni in Form von Geld, wir bekommen Boni in Form von Dank. Nicht, dass ich mich nicht über Geld freuen könnte, aber ich zumindest möchte nicht mit den Managern tauschen.

Meine Klasse hat mich gestern mit einer Textesammlung überrascht. Während des Schuljahres haben wir immer wieder Freewritings durchgeführt. Manch einer hat bisweilen ein bisschen die Augen verdreht, wenn ich die Klasse wieder einmal gebeten habe, einen Stift sowie das Freewritingheft zur Hand zu nehmen und im „Freischreibmodus“ Lerninhalte, Phasen, Befindlichkeiten oder Ereignisse zu reflektieren. Viele haben es aber auch gerne gemacht und auch diejenigen, die sich ein bisschen dazu aufraffen mussten, haben schlussendlich immer Texte produziert, die genau richtig waren. Denn das ist ja das Schöne am Freewriting, man muss sich nur aufraffen und loslegen. Nach zehn Minuten kommt etwas dabei raus, das genau dem entspricht, was gefordert war: ein Text. Aus diesen Texten haben wir dann selbst ausgesuchte Passagen vorgelesen oder jeder hat seinen Text zu Hause überarbeiten müssen, oder wir haben die Texte in der Klasse aufgelegt und die anderen durften Kommentare dazuschreiben. Ich bin überzeugt, dass bei dieser Art des schriftlichen Nachdenkens viel passiert und dass es den Schülern gut tut.

Und gestern, am letzten Schultag, hat mich meine Klasse also mit einer eigenständig durchgeführten und selbst zusammengestellten Reflexion über das Schuljahr überrascht. Im Vorwort heißt es:

Mit diesem Heft wollen wir den Faden der Freewritings wieder aufnehmen und uns herzlich bei Ihnen für Ihr Engagement in diesem Schuljahr bedanken. Sie haben dieses Jahr mit Ihrer Motivation und Ihrer guten Laune bereichert und davon wollen wir Ihnen nun ein Stück zurückgeben. Auf den folgenden Seiten finden Sie unsere Eindrücke zum ersten Schuljahr in der Oberstufe – mit Ihnen. Also, viel Spaß beim Lesen und erholsame Ferien wünscht Ihnen Ihre 5ak.

Was genau die Schüler und Schülerinnen auf den folgenden Seiten geschrieben haben, das bleibt bei mir. Sie haben Ihre Texte nämlich mir ganz persönlich geschenkt. Aber das viele Lob, der Dank, die ehrlichen, berührenden und persönlichen Gedanken und die dahinter spürbare Zuneigung sowie die Wertschätzung, die mir meine Klasse entgegenbringt, machen mich zutiefst glücklich und zufrieden. Die Texte geben mir Kraft und Freude – und motivieren und beflügeln mich schon jetzt für das nächste Schuljahr.

Ich bin an diesem heutigen ersten Feriensamstag echt erschöpft und freue mich gleichzeitig schon wieder darauf, meine Schülerinnen und Schüler im September wieder zu sehen. Davor aber brauche ich Erholung und Ferien. Ich muss meine SchülerInnen über den Sommer ein Stück weit vergessen dürfen, damit ich danach wieder bereit sein kann, mich in das Abenteuer Schule und die Beziehungsarbeit mit ihnen zu stürzen. Was für einen wunderbaren Beruf ich doch habe! Schöne Ferien allerseits! (nemo)