Schulschlussbonus

So eine letzte Schulwoche hat’s in sich. Wer glaubt, da würde nichts mehr stattfinden, der irrt gewaltig. Denn: Wir schließen ab, räumen auf, putzen, schmeißen weg, sprechen uns ab, organisieren und planen. Wir machen Ausflüge, übernachten in der Schule, blicken auf ein Schuljahr zurück, resümieren, geben einander gute Wünsche mit, lachen, weinen, feiern und beschenken einander. Wir begehen vielerlei Abschluss- und Abschiedsrituale.

So eine letzte Schulwoche ist gleichzeitig eine der schönsten, aber auch eine der anstrengendsten Wochen im Jahr. Und nur weil sie beides gleichzeitig ist, ist sie so schön (aber eben auch so anstrengend). Wer diesen Zusammenhang nicht versteht, versteht nichts von der Schule und auch nichts vom Lehrerberuf.

Wir LehrerInnen bekommen am Ende eines Schuljahres ehrlichen Dank von unseren Schülern und deren Eltern. Dieser Dank ist unser Bonus. Ich hab das irgendwann schon einmal in diesem Blog gesagt: Manager bekommen Boni in Form von Geld, wir bekommen Boni in Form von Dank. Nicht, dass ich mich nicht über Geld freuen könnte, aber ich zumindest möchte nicht mit den Managern tauschen.

Meine Klasse hat mich gestern mit einer Textesammlung überrascht. Während des Schuljahres haben wir immer wieder Freewritings durchgeführt. Manch einer hat bisweilen ein bisschen die Augen verdreht, wenn ich die Klasse wieder einmal gebeten habe, einen Stift sowie das Freewritingheft zur Hand zu nehmen und im „Freischreibmodus“ Lerninhalte, Phasen, Befindlichkeiten oder Ereignisse zu reflektieren. Viele haben es aber auch gerne gemacht und auch diejenigen, die sich ein bisschen dazu aufraffen mussten, haben schlussendlich immer Texte produziert, die genau richtig waren. Denn das ist ja das Schöne am Freewriting, man muss sich nur aufraffen und loslegen. Nach zehn Minuten kommt etwas dabei raus, das genau dem entspricht, was gefordert war: ein Text. Aus diesen Texten haben wir dann selbst ausgesuchte Passagen vorgelesen oder jeder hat seinen Text zu Hause überarbeiten müssen, oder wir haben die Texte in der Klasse aufgelegt und die anderen durften Kommentare dazuschreiben. Ich bin überzeugt, dass bei dieser Art des schriftlichen Nachdenkens viel passiert und dass es den Schülern gut tut.

Und gestern, am letzten Schultag, hat mich meine Klasse also mit einer eigenständig durchgeführten und selbst zusammengestellten Reflexion über das Schuljahr überrascht. Im Vorwort heißt es:

Mit diesem Heft wollen wir den Faden der Freewritings wieder aufnehmen und uns herzlich bei Ihnen für Ihr Engagement in diesem Schuljahr bedanken. Sie haben dieses Jahr mit Ihrer Motivation und Ihrer guten Laune bereichert und davon wollen wir Ihnen nun ein Stück zurückgeben. Auf den folgenden Seiten finden Sie unsere Eindrücke zum ersten Schuljahr in der Oberstufe – mit Ihnen. Also, viel Spaß beim Lesen und erholsame Ferien wünscht Ihnen Ihre 5ak.

Was genau die Schüler und Schülerinnen auf den folgenden Seiten geschrieben haben, das bleibt bei mir. Sie haben Ihre Texte nämlich mir ganz persönlich geschenkt. Aber das viele Lob, der Dank, die ehrlichen, berührenden und persönlichen Gedanken und die dahinter spürbare Zuneigung sowie die Wertschätzung, die mir meine Klasse entgegenbringt, machen mich zutiefst glücklich und zufrieden. Die Texte geben mir Kraft und Freude – und motivieren und beflügeln mich schon jetzt für das nächste Schuljahr.

Ich bin an diesem heutigen ersten Feriensamstag echt erschöpft und freue mich gleichzeitig schon wieder darauf, meine Schülerinnen und Schüler im September wieder zu sehen. Davor aber brauche ich Erholung und Ferien. Ich muss meine SchülerInnen über den Sommer ein Stück weit vergessen dürfen, damit ich danach wieder bereit sein kann, mich in das Abenteuer Schule und die Beziehungsarbeit mit ihnen zu stürzen. Was für einen wunderbaren Beruf ich doch habe! Schöne Ferien allerseits! (nemo)

 

 

 

Das Leben ein „?chauspiel“. Schulische Möglichkeitswelten

Was für eine Freude, wenn man ein Jahr lang gemeinsam und intensiv an einer Sache arbeitet und dann so etwas dabei herauskommt. Die Präsentation unseres diesjährigen Kulturprojekts „Multimediale Inszenierungen“ gestern Abend im Literaturhaus war ein voller Erfolg.
Ein ?chauspiel,  das sich sehen lassen konnte.

Fünf Akte umfasste unser Stück, ganz so wie es sich gehört. Nicht, dass es wirklich eine klassische Tragödie gewesen wäre, aber irgendeinen roten Faden, eine Metapher, eine Konstruktion braucht der Mensch halt, um Disparates sinnvoll zusammenzufügen. 😉

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Inszenierung begleitete uns durch dieses Schuljahr. Und Inszeniertes auf verschiedensten Ebenen wurde gestern Abend geboten:

  1. Ein Hörspiel über Inszenierung in der Politik: Politiker, die nicht auf den Punkt kommen wollen, ein Engel und ein Teufel, die ihre Kommentare dazu abgeben und sich nicht einig darüber werden, was das eigentlich soll. – Für die drei SchülerInnen, die sich dieses Thema ausgesucht hatten, war das keine leichte Sache. Höchst ambitioniert wollten sie den Inszenierungscharakter politischer Reden aufdecken, die konkrete Umsetzung aber stellte sie vor fast unüberwindliche Hürden. Dass trotz aller Schwierigkeiten und Durchhänger schlussendlich so ein präsentables Hörspiel herausgekommen ist, finde ich bemerkenswert. Und das pantomimische Bühnenspiel der SchülerInnen ergab mit den vom Band eingespielten Stimmen eine durchaus vielschichtige Form der Inszenierung.
  2. Ein kleines Theaterstück über die Überschneidung von Realität und Phantasiewelt: Henriette, die gerne Comics zeichnet, wird von zwei Mitschülerinnen gemobbt. Durch das Eintreten in die Welt der Fiktion und die Identifikation mit ihrem Idol „Superhenriette“ gewinnt sie an Stärke, was es ihr sodann auch in der realen Welt ermöglicht, der Opferrolle zu entkommen. Und schlussendlich interessiert sich sogar der von allen angehimmelte Keno (in Wahrheit heißt der junge Mann ja Kevin Norbert) für sie. Na, da schauen die beiden Mobberinnen aber! – Wenn uns Lehrerinnen jemand zu Beginn des Schuljahres prophezeit hätte, wie überzeugend und plausibel dieses Stück werden würde und wie souverän sie es aufführen würden, wir hätten es nur schwer geglaubt. Die beteiligten Schülerinnen haben echt Großes geleistet!
  3. Ein Film über ein Mädchen, das ganz für ihre Selbstinszenierung auf Instagram lebt und darüber ihr wirkliches Leben und ihre Freundinnen vergisst. Am Ende beginnt sie zumindest über sich selbst und ihre Prioritäten nachzudenken. Ob sie ihr Profil auf Instagram wirklich löschen wird, bleibt offen. – Wieviel Arbeit hinter einem guten Drehbuch steckt, dass der daraus hervorgehende Film noch einmal eine ganz eigene (und notgedrungen abgespeckte) Sache ist, dass es unglaublich aufwendig ist, einen Film zu drehen und zu schneiden, all das haben die Beteiligten hautnah mitbekommen. Und es ist faszinierend, wie die Jugendlichen ihre Themen, das, was sie umtreibt, erzählen können, wenn ihnen jemand dabei hilft.
  4. Auch der zweite Film beschäftigte sich mit der (Selbst-)Inszenierung auf der offenbar bei den Schülern gerade angesagtesten aller sozialen Plattformen, Instagram: Eine Neue kommt in die Klasse, für die beiden „Stars“ viel zu uncool, für ihren Mitschüler Luke aber durchaus anziehend. Auf Instagram hat das schüchterne Mädchen allerdings ein Profil, das sie auch bei den coolen Girls interessant macht – so sensationell sind ihre Outfits. Sie laden die Unbekannte aus der Instagram-Welt zu ihrer Verkleidungsparty ein und müssen anschließend erkennen, dass sich hinter „So-Fashion“ niemand anderer als die uncoole Neue namens Sophie verbirgt. Nachdem die beiden die Krot geschluckt und verdaut haben, wird schlussendlich doch noch alles gut. Zwischen Sophie und Luke sowieso. – Am allerbesten hat mir an diesem Film ja die Rollenbesetzung gefallen. Es sind ihre Rollen, ganz und gar. Und wie zurückhaltende SchülerInnen in einem Film, der ihre Schüchternheit subtil inszeniert, wirken können, ist echt beeindruckend.
  5. Und schließlich der „Werbungsfilm“: Man sitzt vorm Fernseher und andauernd gibt es eine Werbungsunterbrechung. Genervt schlagen die Zuseher die Hände über dem Kopf zusammen, aber was da in der Werbung präsentiert wird, ist vom Allerfeinsten: Es deckt die Doppelbödigkeit und Verlogenheit der Inszenierung in der Welt der Werbung schonungslos auf. – In der „Perfektion“, in der uns die Werbespots dargeboten wurden, ein richtiger Genuss.

Bei all diesen Produktionen haben die SchülerInnen ungeheuer und sichtbar viel gelernt. Wenn man all die erworbenen Kompetenzen aufzählen wollte, könnte man gut und gerne lange Listen füllen. (Warum aber sollte man das eigentlich tun wollen? Wer käme auf die verrückte Idee?) Allerdings, damit solche Ergebnisse zustandekommen, bedarf es schon vielfältiger und intensiver Unterstützung und Begleitung durch Profis. Lässt man die SchülerInnen alleine wurschteln bzw. wurschtelt man als Lehrerin einer Klasse alleine (oder auch zu zweit) mit den SchülerInnen, können nie und nimmer Ergebnisse in dieser Qualität herauskommen. Abgesehen davon, dass wir vieles gar nicht selbst leisten könnten und auch nicht über das notwendige Equipment verfügen.

Die Profis allerdings muss man bezahlen – und das macht so ein Kulturprojekt unglaublich aufwendig in der Organisation und Abwicklung (Kalkulationen, Anträge, Abrechnungen etc). Und hätten wir nicht das Literaturhaus als Kooperationspartner gehabt, das den Großteil der Kosten übernahm, hätten all die eingeworbenen finanziellen Mittel nicht einmal annähernd ausgereicht, um das Projekt zu finanzieren. Wir Lehrerinnen führen so eine Sache übrigens fast unbezahlt durch: Wir bekommen eine Werteinheit für ein Kulturprojekt, in unserem Fall haben wir diese auf drei Personen aufgeteilt. Legt man die gedrittelte Werteinheit wiederum auf die für das Projekt gearbeiteten Stunden um, bleiben wirklich nur mehr Centbeträge über.

Ohne Idealismus ist so ein Projekt nicht durchzuführen, das steht fest. Aber selbst mit einer gehörigen Portion Idealismus und der Bereitschaft zur Selbstausbeutung ist es grenzwertig, das muss ich ehrlicherweise eingestehen. Erstens ist allzu viel Selbstausbeutung ungesund (krächzte sie), und zweitens muss man solche Projektpartner wie das Junge Literaturhaus mit ihrem Leiter Peter Fuschelberger erst einmal auftreiben. Das gelingt nicht jedes Jahr und viele solcher Premiumkooperationspartner gibt’s auch gar nicht. Ich bin jedenfalls froh, dass ich meinen SchülerInnen und auch meinen Kolleginnen und mir dieses Erlebnis zumindest ein Mal ermöglichen konnte. Im nächsten Jahr werden wieder kleinere Brötchen gebacken! (nemo)

Schuljahresfinale

Wie jedes Jahr keucht man um diese Zeit und sehnt die Ferien herbei. Es gibt so vieles, was es abzuschließen, fertig zu machen und daneben auch noch zu tun gibt. Dabei bin ich in diesem Jahr kaum mit der Matura befasst. Trotzdem geht es mit meiner Energie spürbar zu Ende. Wie kann das sein?

Eigentlich lehne ich diese Rede von den leeren Batterien und der Notwendigkeit des Akkuaufladens ja ab. Ich wehre mich nämlich dagegen, Menschen als Maschinen zu betrachten. Auch Metaphern, die eine diesbezügliche Ähnlichkeit nahelegen, gehören für mich dazu. Wir sollten unser Leben und unsere Arbeit meines Erachtens so einrichten können, dass wir ohne solche Bilder von duracellartig laufenden bzw. an Ladestationen angeschlossenen Menschen auskommen. Ein vor einigen Monaten in Der Zeit erschienener Artikel hat mir in dieser Hinsicht aus der Seele gesprochen.

Dennoch gelingt es auch mir nur unzureichend, ein Schuljahr anders zu organisieren, als dass am Ende das Selbstbild eines nassen Fetzens überbleibt (was ja wohl auch nicht besser ist als das der leeren Batterien). Gut, wir haben in Bälde mehrere Wochen Ferien, insofern ist unser Arbeitsrhythmus wohl so intendiert, dass am Ende eines Schuljahres dringend notwendige Erholung steht. Sonst könnte man die langen Sommerferien dem „normalen Arbeitnehmer“ gegenüber ja gar nicht rechtfertigen. Dennoch wünsche ich mir einmal ein Schuljahresfinale, das ohne das Gefühl der Erschöpfung auskommt.

Das diesjährige gehört leider nicht dazu. In den nächsten vier Wochen steht noch an:

  • Die Korrektur der letzten Schularbeit (allerdings: Dieser Tage ließ uns die OECD ausrichten, dass wir in Österreich eh zu kleine Klassen haben – 25 Deutschschularbeiten demzufolge nicht der Rede wert).
  • Die Präsentation des Kulturprojekts am 21. Juni im Literaturhaus und die dafür notwendigen, durchaus noch üppigen Organisations- und Vorbereitungsarbeiten, damit es (hoffentlich!) ein gelungener Abend werden kann. (Das Kulturprojekt selbst braucht mindestens einen eigenen Blogeintrag, heute nur einmal die Ankündigung der Veranstaltung im Programmheft des Literaturhauses).
  • Letzte Prüfungen und Lernzielkontrollen, um danach die Noten gerecht verteilen und eintragen zu können.
  • Die Sportwoche: vom 26. Juni bis zum 1. Juli bin ich mit meiner und den anderen fünften Klasse in Kärnten. Ich freu mich darauf – wissend, dass Sportwoche zwar ein bisschen wie Urlaub klingt, in Wirklichkeit aber wenig damit zu tun hat. Allerdings – und das macht einen gewaltigen Unterschied – bin ich nicht die Organisatorin und Leiterin der Veranstaltung, sondern nur eine Begleiterin. Insofern: Hut ab vor den Sportlehrern, die Sportwochen und Skikurse organisieren, leiten und die Verantwortung für solche Schulveranstaltungen tragen.
  • Happy Days und Übernachtung in der Schule. Das wünscht sich meine Klasse für den KV-Tag in der letzten Schulwoche. Tja.

Daneben gibt es natürlich auch noch den Schulalltag und vieles, was im Einzelnen zu wenig ergibt, um es extra aufzuzählen. Die Summe der vielen Kleinigkeiten trägt aber auch ihr Schäuflein zum Gesamterschöpfungszustand bei.

Und trotzdem: Erschöpfung hin oder her – ein Schuljahresfinale hat schon auch etwas Erhebendes. Es gilt, ein Schuljahr gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen, gemeinsam mit den KollegInnen und allen, die in der Schule tätig sind, abzuschließen, und das verleiht – das spüre ich sogar, während ich diese Zeilen schreibe – noch einen kleinen Extra-Energiekick, der einen über diese Wochen trägt. Die nachfolgenden Ferien sind jedenfalls hart verdient und bitter nötig, auch wenn es der gemeine Österreicher nicht glauben mag. Ah ja, und Doris sitzt im Übrigen gerade wieder einmal an der Finalisierung des Jahresberichts … (nemo)

 

 

 

„Ihre Reiseverbindung“ 16-fach

776 Euro habe ich heute ausgegeben. Per Kreditkarte vorgestreckt, für unsere La Rochelle-Reise im April . Damit die Frankreich-Fahrt so günstig wie möglich wird, werden wir mit Interrail-Tickets reisen. Diese kosten in der Version, in der wir sie brauchen, 200 Euro für Jugendliche. Dazu kommen die Reservierungskosten für den TGV – immerhin fast 50 Euro pro Person. Alles kein Geschenk, aber insgesamt doch recht günstig, da darüber hinaus nicht mehr viel zu bezahlen ist: Die Kosten für Ausflüge und Besichtigungen belaufen sich auf runde 70 Euro, alles in allem werden für die Reise also ca. 320 Euro pro Person zu berappen sein.

Ein bisschen stolz bin ich schon auf diesen Preis (wissend, dass organisierte Sprachreisen meist das Zwei- oder gar Dreifache kosten!). Er fällt einem nämlich nicht einfach so in den Schoß, sondern ist mit ganz schön viel Arbeit verbunden. Voraussetzung ist der Austausch bzw. die gegenseitige Unterbringung in Gastfamilien. Dadurch entfallen die Kosten für die Unterbringung. Des Weiteren impliziert der Preis mehrfache Besuche beim Schalter der Deutschen Bahn am Salzburger Hauptbahnhof. Zwar kann man theoretisch alles auch per Internet buchen, damit man den wirklich besten Preis bekommt, bedarf es allerdings eines Herrn Mosers, der sich richtig viel Zeit für Kundenwünsche nimmt, der überlegt, wie es am günstigsten wird, der einen auf Sonderkonditionen hinweist, ja, der einen sogar anruft, wenn’s sein muss.

Dass mit all dem viel Freizeit draufgeht, dass mich die Reiseplanung seit Wochen beschäftigt, sieht man dem Ergebnis natürlich nicht an. Aber ich weiß und spüre es. Und das ist auch der Grund, warum ich es hier erzähle. Allzu schnell vergesse ich nämlich selbst gerne, wieviel Arbeit hinter Projekten, Reisen, Schulveranstaltungen (oder auch „nur“ anspruchsvollem Unterricht) steckt. Wenn dann, wie in diesem Fall, die Reservierungen vorliegen, sieht man den Zetteln nicht mehr an, wie viele Rennereien, Überlegungen und Entscheidungen dahinter standen. Wobei, allein die Fülle an Zetteln mit den jeweils 16 Sitzplatzreservierungen für die verschiedenen Züge deutet doch auf ein etwas größeres Unterfangen hin. Foto am 21-02-2016 um 18.24 – Und in den nächsten Tagen schreibe ich  übrigens den Elternbrief mit sämtlichen Infos und hoffe, dass die Eltern in weiterer Folge bald das Geld für die Reise einzahlen, sodass ich meine vorgestreckten 776 Euro wieder zurückbekomme, bevor sie von meinem Privatkonto abgebucht werden … Angenehmen Sonntag! (nemo)

Sag mir, wo die Schüler sind

Nur 3 von 12 SchülerInnen waren heute in meinem Französisch-Unterricht. Die anderen waren im Kino. Schön für sie, aber leider nicht schön für mich. Nicht, dass ich etwas gegen eine ruhige Stunde im kleinen Kreis hätte, mein Problem ist, dass mir der Kreis allzu häufig gar zu klein ist. Andauernd gibt es einen Grund dafür, dass ein Teil meiner SchülerInnen nicht im Unterricht ist. Das hat damit zu tun, dass meine Französisch-Gruppen SchülerInnen aus drei verschiedenen Klassen umfassen. Früher, als es bei uns am WRG nur die Wahl zwischen Latein und Französisch gab, waren es meist SchülerInnen aus zwei Parallelklassen, die ich gemeinsam zu unterrichten hatte. Seit der Einführung des Unterrichtsfaches Spanisch kommen meine SchülerInnen aber nunmehr gleich aus drei verschiedenen Klassen (und zudem muss ich  noch froh sein, wenn sich überhaupt genügend für Französisch anmelden …).

Kino- oder Theaterbesuch, Praktikumspräsentation, Exkursion, Kulturreise, meeresbiologische Wochen usw. usf. Es gibt zahlreiche (gute) Gründe dafür, warum eine Klasse abwesend ist. Auch ich selbst unternehme gerne etwas mit meinen Klassen. Es gibt so vieles, was man mit den SchülerInnen machen möchte, wovon man denkt, dass sie profitieren würden, was sie ausprobieren und kennenlernen sollen. Allein – meine Französischstunden, wo gehen sie hin?

Ganz ehrlich, es stresst mich, wenn andauernd die halbe Klasse weg ist. Ich komme nicht weiter mit dem „Stoff“. Es bleiben ganz einfach zu wenige Stunden für konzentrierte Arbeit übrig. Und vier Jahre, in Wirklichkeit kaum mehr als 3,5 Jahre Fremdsprachenunterricht  (die 8. Klasse endet ja schon im April) sind ohnehin knapp bemessen. Schließlich sollen die SchülerInnen am Ende maturafähig sein, heißt: Französisch auf Sprachniveau B1 (laut dem gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen GERS) beherrschen, schriftlich und mündlich, produktiv (Schreiben und Sprechen) und rezeptiv (Hören und Lesen). Das ist nicht einfach zu erreichen. Und erst recht nicht, wenn man nicht zum Unterrichten kommt! Der gemeine (B)Österreicher denkt zwar wahrscheinlich, wir Lehrer seien eh froh, wenn wir nicht zum Unterrichten kommen, in Wirklichkeit aber übt diese Tatsache echten Druck aus. Denn: Ich fühle mich für den Lernfortschritt meiner Klassen verantwortlich, ich möchte, dass meine SchülerInnen etwas lernen, ich will, dass sie etwas können. Aber, hélas, ich komme nicht dazu, sie anständig zu unterrichten! Und ich bin nicht die Einzige, der’s so geht. (nemo)

Lehrerin, Trainerin oder Coach? Was bin ich, was kann ich sein?

Zu vieles geht mir durch den Kopf, als dass ich mich den restlichen noch zu korrigierenden Schularbeiten umweglos widmen könnte. Drei Tage lang war ich auf einem Seminar zur „individuellen Lernbegleitung“. Ein bisschen was davon muss ich loswerden.

Individuelle Lernbegleitung – Abkürzung ILB – ist eine Maßnahme im Rahmen der neuen Oberstufe – Abkürzung NOst. Die neue Oberstufe startet im übernächsten Schuljahr mit der 6. Klasse (10. Schulstufe) und wird wieder einmal vieles besser machen von dem, was derzeit bekanntlich so schlecht läuft. Künftig werden die drei Jahre bis zur Matura in semestrierter Form durchgeführt, die SchülerInnen bekommen ein richtiges Zeugnis ergo nicht nur einmal, sondern zweimal im Jahr – und können sich sodann endlich ordentlich auf die nachfolgende Zeit an Uni oder FH einstellen. Das war ja wirklich ein unhaltbarer Zustand, man muss es sagen: Jahrelang wurden die SchülerInnen an den Jahresrhythmus gewöhnt, plötzlich mussten sie mit Semestern umgehen lernen. Wie bitteschön soll das ein junger Mensch ohne Vorbereitung hinkriegen? Ich selbst würde ja sogar noch einen Schritt weitergehen und meinen: Auch die langen Semesterferien (der ganze Februar!) sollten endlich schon in der Schule eingeübt werden. Aber auf mich hört ja leider niemand. 😉

Was mich allerdings ernsthaft beschäftigt, ist einmal mehr die für mich so spürbare Diskrepanz zwischen den grundsätzlich interessanten pädagogischen Konzepten und der schulischen Wirklichkeit auf der einen Seite sowie den schulpolitischen Vorstellungen und Vorgaben auf der anderen Seite. Da tut sich eine Zweifachzerreißprobe auf, dem das hehre Konzept der individuellen Lernbegleitung wohl nicht standhalten wird.

Was bedeutet individuelle Lernbegleitung? Vereinfacht gesagt, eine Art Coaching, die dem Schüler bzw. der Schülerin helfen soll, sein bzw. ihr eigenes Lernverhalten zu reflektieren, die eigenen Ressourcen zu aktivieren und lösungsorientiert zu einem selbständigeren, verantwortungsvolleren Umgang mit den Anforderungen der Schule zu kommen. Heißt konkret, SchülerInnen mit Lernschwächen und -problemen sollen dabei unterstützt werden, sich selbst zu helfen und zu positiven Lernergebnissen zu kommen.

Auch wenn diesem Konzept der Optimierungsgedanke deutlich eingeschrieben ist, auch wenn die Ideologeme der Leistungsgesellschaft sichtbar werden, kann ich dem Konzept etwas abgewinnen. Bis zu einem gewissen Grad und nach Möglichkeit versuche ich das ja auch als Lehrerin und Klassenvorständin. Ich will, dass meine SchülerInnen die Schule schaffen. Wenn ich für diese Tätigkeit künftig etwas mehr lernpsychologisches Wissen und erfolgversprechende Methoden zur Verfügung haben werde, kann es nicht schaden. Vor allem mangelt es mir allerdings an der Zeit, mich den einzelnen SchülerInnen entsprechend widmen zu können. Und da könnte die ILB – für die es sogar bezahlte Stunden geben soll – zumindest ein bisschen Abhilfe schaffen, sofern man als individuelle Lernbegleiterin die „normale“ Unterrichtszeit bzw. die Anzahl der zu unterrichtenden Klassen gleichzeitig reduzieren kann.

So weit die pädagogische Theorie. Die schulpolitische Realität aber sieht so aus, dass die individuelle Lernbegleitung eben mit der neuen Oberstufe verknüpft ist. Und bei der neuen Oberstufe geht es um ein recht ausgeklügeltes kompetenzorientiertes System, das genau vorschreibt, was gekonnt werden muss. Schließlich steht am Ende die standardisierte Zentralmatura. Und die zu schaffen, ist das eigentliche Ziel. Aus diesem Grund muss jede dafür nötige Kompetenz im vorgeschriebenen Ausmaß erreicht werden. Eine Art von Kompensation zwischen Leistungen, wie es bisher noch möglich war („Ich bin zwar im Schriftlichen nicht so gut, dafür liegt mir das Mündliche.“) geht nicht mehr: Schreibkompetenz ist das eine, Sprechkompetenz etwas anderes. Wenn Kompensation möglich ist, dann nur in genau definierter Manier und nach zentralen Vorgaben.

In logischer Konsequenz werden die Prüfungen noch wichtiger als bisher. War bisher schon das Elendste am Unterrichten das Prüfen und Beurteilen, wird dieser Bereich in Zukunft zum eigentlichen Zentrum. Denn: Alles, jedes Modul, jedes Semester, muss von den SchülerInnen positiv absolviert werden. Zwar kann jede Prüfung zweimal wiederholt werden (ergibt in Summe jährlich 6 Prüfungstermine!), zwar können bis zu drei negative Prüfungen sogar bis unmittelbar vor die Matura aufgeschoben werden – am Ende der achten Klasse bzw. bevor mit der schriftlichen Matura begonnen werden kann, muss aber alles positiv abgeschlossen sein.

Für viele, ja für die meisten unserer SchülerInnen werden die neuen Vorgaben wahrscheinlich schon zu schaffen sein – auch wenn es möglicherweise für manche den ohnehin bereits massiven Druck noch einmal erhöhen wird. Für diejenigen, denen die Portionierung des Wissens und Könnens nach Kompetenzen entgegenkommt, wird es vielleicht sogar einfacher, weil klarer. Für ein paar könnte dieses Modell aber zu einer Art Spießrutenlauf werden: Mathe 6. Klasse Wintersemester noch nicht positiv absolviert, Sommersemester mit den laufenden Schularbeiten bereits voll im Gang, wissend, dass da immer noch die Prüfung aus dem Wintersemester dräut. Und daneben bekanntlich noch ein paar andere Fächer …

Für diese Fälle wurde die individuelle Lernbegleitung kreiert. Mit Hilfe eines Lernbegleiters oder einer Lernbegleiterin soll der Spießrutenlauf abgewendet und in einen schaffbaren Slalom umgemünzt werden. Ob das gelingen kann, weiß ich nicht. Man kann es ja einmal versuchen. Wirklich nachdenklich aber stimmt mich die Gesamtkonzeption und die Ideologie, die sich hinter der neuen Oberstufe in Kombination mit der neuen Reifepüfung abzeichnet: Ein System für alle, ein Standard für alle, eine Norm für alle. Hauptsache, du funktionierst und stellst deine Kompetenzen unter Beweis, auf dass dir das erreichte Niveau bescheinigt werden kann.

Wie gesagt, viele SchülerInnen werden kein Problem damit haben, manche aber doch. Ist halt so, es können nicht alle die Matura schaffen, kann man einwenden. Politischer Wille ist ohnehin, dass so viele wie möglich erfolgreich maturieren, deshalb werden ja begleitende, unterstützende Maßnahmen gesetzt. Ok. Irgendwie. Wer aber kümmert sich eigentlich noch um den Unterricht der jungen Menschen und um das, was einmal mit schulischer Bildung verknüpft war? Der/die LehrerIn vermittelt und trainiert die vorgegebenen Kompetenzen und ist ansonsten mit Prüfen und Administrieren der Prüfungen beschäftigt. Der/die SchülerIn lernt selbständig und eigenverantwortlich. Falls das nicht klappt, kommt der/die LernbegleiterIn und coacht ihn/sie.

Wer aber versucht, den Jugendlichen etwas (scheinbar) Funktionsloses beizubringen und sie zu erziehen? Wer sorgt für gedankliche Freiräume, ohne dabei an Prüfen zu denken? Wer zeigt, erklärt und lebt vor? Wer begeistert sich selbst für die Inhalte des Faches und versucht die eigene Begeisterung weiterzugeben? Wer diskutiert, stellt in Frage und regt an – und manchmal sogar auf? Wer kümmert sich um die Jugendlichen auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens? Wer übt sich in Geduld und schimpft und sagt, so geht’s nicht, wenn er oder sie meint, es müsse sein? Wer fühlt sich wirklich für die jungen Menschen und nicht bloß für ihre Kompetenzen zuständig und will, dass kritische und mündige BürgerInnen aus ihnen werden? Ich weiß schon, da heißt es dann, ja, das darfst du doch alles auch weiterhin machen, niemand hindert dich daran, deinen Beruf auch in Zukunft so auszuüben. Aktiv daran hindern wird mich möglicherweise niemand, ausgehen wird es sich halt nicht mehr. Denn das System setzt die Standards und diese (er)fordern ganz andere Prioritäten. (nemo)

Selbstzweifel

„Und, hältst du’s aus?“, wurde ich heute von jemandem gefragt, den ich von früher kenne, von damals, als ich noch nicht Lehrerin war. Die Frage bezog sich auf die Schule. Ob ich es in der Schule aushalten würde, wollte der Mann wissen. Unbeholfen, wie ich auf so unerwartete Fragen gerne reagiere, habe ich „Ich weiß es noch nicht“ gestammelt. Stimmt das? Weiß ich tatsächlich nicht, ob ich es in der Schule aushalte? Fast bin ich ein wenig von meiner eigenen Reaktion entsetzt. Meine ich das ernst oder war ich bloß ein wenig patschert? Wo ich doch seit mehreren Jahren als Exemplar der glücklichen Lehrerin durchgehe, steht da plötzlich wieder ein massiver Zweifel im Raum. Aber, ja, es ist was dran, ich weiß im Moment wirklich nicht, ob ich es auf Dauer in der Schule aushalte. Hätte man mir vor zwei Jahren diese Art von Gretchenfrage gestellt, ich hätte mit einem ebenso begeisterten wie überzeugten „Ja, natürlich“ geantwortet. Bereits letztes Jahr hätte ich ahnungsvoll vielleicht ein klein wenig gezögert – und nun weiß ich es nicht mehr. Hm. Das ist keine schöne Entwicklung.

Was ist passiert?

Nichts ist passiert, viel ist passiert. Je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Es ist zum einen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die mich immer mehr belastet. Was sollte man nicht alles machen, was gäbe es nicht alles zu tun – und was davon lässt sich tatsächlich umsetzen, was davon ist realisierbar? Wenn diese Schere zu weit aufgeht – und in meiner Wahrnehmung ist sie viel zu weit offen – wird man unzufrieden. Zum anderen aber ist es die Schule selbst, die mich derzeit ein wenig quält. Um das eine Problem in den Griff zu bekommen, hilft es, auch wenn das nicht ganz leicht ist, sich auf eine Seite, also am besten auf die Schule und das Unterrichten, zu konzentrieren. Wenn allerdings die Schule und das Unterrichten selbst auch ein Problem darstellen, wird’s schwierig.

Seit Schulbeginn ruckle ich herum und bin bis heute nicht recht auf Schiene gekommen. Vieles erscheint mir wahnsinnig anstrengend. Die Konsequenz ist ein labiler Gesundheitszustand und das Gefühl, permanent hinterherzuhinken. Vielleicht war das letzte Jahr mit der Matura und allem, was dabei an administrativer, zeitlicher und vor allem emotionaler Herausforderung zu bewältigen war, wirklich ein bisschen zu üppig. Es war wie eine riesige Bergtour. Ein Dreitausender, der sich vor dir aufbaut und den du langsam erklimmst. Mit jedem Höhenmeter steigen die Glücksgefühle, bis du oben angekommen bist, erschöpft, aber glücklich. Und auch ein wenig stolz.

Das Problem beginnt dann, wenn du noch nicht ausreichend erholt die nächste Bergtour anpackst. Wenn du mit schweren Beinen und ohne die nötige Energie den nächsten Dreitausender anvisierst. Das geht eher nicht gut. Eine solche Bergtour würde man abbrechen oder zumindest ordentlich redimensionieren. Was aber tut man mit einem angebrochenen Schuljahr? Sich durchwursteln, was sonst. Das geht schon irgendwie, keine Frage. Nur Spaß macht es halt keinen.

Wirkliche Freude bereitet die Schule dann, wenn man genug Energie für sie hat. Die Frage ist: Kann ich jedes Jahr genug Energie aufbringen, um mit Freude Lehrerin zu sein? Gut, man kann sich, wie gesagt, schon einmal ein wenig durchwursteln. Aber dieses Durchwursteln ist auch anstrengend – und unbefriedigend gleichzeitig. Außerdem lässt sich vieles in der Schule einfach nicht mit halber Energie bewältigen. Dafür ist der Job zu anstrengend. Gerade jetzt spielt es sich wieder auf eine Weise ab, dass man nicht weiß, wie einem geschieht und wo einem der Kopf steht. Insofern: Ja, aushalten tu ich die Schule wahrscheinlich schon. Aber ob ich sie auf Dauer und so, wie sie ist, aushalten will, weiß ich noch nicht. (nemo)