Die professionalisierte Schule

Vieles läuft im Bildungsbereich derzeit in die falsche Richtung. Immer lauter geben Zahlen den Ton an, immer häufiger geht es um Daten als um Menschen. Nur ein Beispiel dafür sind die jährlichen Ergebnisse der Zentralmatura. Diese werden zahlen- und datenbasiert in Grafiken aufbereitet, damit auf einen Blick sichtbar wird, wo die jeweilige Schule steht, im Vergleich mit anderen Schultypen, im Vergleich mit anderen Schulen im Bundesland, im Vergleich mit anderen Schulen in Österreich. Die fast kindliche Freude am Vergleichen wäre grundsätzlich noch kein Problem – problematisch wird das Ganze erst, wenn die Vergleiche das Einzige sind, was von einem Maturajahrgang übrig bleibt. Welche Klassen, welche Gruppendynamiken, welche Schülerbiographien hinter den Zahlen stehen, scheint nämlich irrelevant zu sein. Relevant sind allein die Zahlen, wichtig ist das vergleichbare Ergebnis.

Diese Entwicklung ist in der Schule derzeit auf allen Ebenen bemerkbar. Immer klarer zeichnet sich dahinter das Gesamtbild einer neuen Form von Schule ab: Der PädagogInnenbildung NEU folgt das NEUE LehrerInnen-Dienstrecht, auf die NEUE Form des kompetenzorientierten Unterrichtens folgt in der NEUEN Oberstufe die NEUE Form des Prüfens mit der NEUEN Reifeprüfung als Schlusspunkt. Bei so viel Neuem drängt sich der Verdacht auf, dass die ebenfalls dräuende neue Schulverwaltung nur deshalb unter dem Begriff „Autonomiepaket“ firmiert, weil man endlich einen NEUEN Namen brauchte …

Welche Absichten hinter diesen Neuerungen stehen, die dem medial beschworenen „Stillstand in der Bildung“ wahrlich hohnsprechen, sei dahingestellt. Zu vermuten ist, dass der Bildungsbereich ebenso wie alle anderen Bereiche der öffentlichen Hand einfach einen umfassenden Ökonomisierungsschub mitmachen muss. Mir fällt aber auch auf, dass im Zusammenhang mit den Bildungsreformen immer wieder der Begriff der „Professionalisierung“ fällt. Der wiederum steht im direkten Konnex mit der Verwissenschaftlichung des pädagogischen Bereichs, die in den letzten Jahren massiv betrieben wurde. Nicht wenige dieser allesamt „evidenzbasierten“ Studien propagieren, fordern und befördern eine Professionaliserung in der Schule und speziell im Lehrerberuf. Was aber soll das eigentlich heißen?

„Professionalisierung“ klingt ja zunächst einmal harmlos und positiv. Wir alle werden professioneller, was kann daran falsch sein? Problematisch und irgendwie suspekt wird der Begriff allerdings, wenn man ihn auf menschliche Beziehungen überträgt. Professionelle Beziehung zum eigenen Kind? Professionelle Mutter, professioneller Vater? Aber auch: professionelle Partnerschaft? Professionelle Ehepartner? Hier wird schnell klar: Das ist nicht das, was man sich wünscht. Die Frage ist nun, ob wir in der Schule immer mehr Professionalisierung brauchen. Schließlich ist Schule ja etwas anderes als Familie. Es geht dabei aber auch nicht um die fachliche Qualifikation der LehrerInnen – von der ist überhaupt nicht mehr die Rede -, sondern eben um Professionalität im Bereich der schulischen Erziehung, im Bereich der Pädagogik. Um Lehrer und Lehrerinnen also, die professionell vermitteln, professionell testen und beurteilen und generell professionell handeln.

Jetzt wäre immer noch nichts gegen ein solcherart professionalisiertes Lehrerbild einzuwenden, wenn es denn im Bereich der Bildungsforschung verbleiben würde. Aus diesem – trotz aller Empirie – theoretischen Blickwinkel mag Professionalisierung tatsächlich einen Fortschritt darstellen. In der täglichen Schulrealität aber geht es in erster Linie um Beziehung. Fast alles, was sich in der Schule abspielt, basiert auf den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Und Beziehungen lassen sich eben nicht folgenlos professionalisieren.

Beziehung muss leben, Beziehung braucht Intuition, Emotion, Vertrauen und Kontinuität. Beziehungen sind störanfällig, ineffizient, weder ein Nullsummenspiel noch eine Win-Win-Situation. Beziehungen können schwierig und neurotisch sein, ja, Beziehungen können manchmal auch Schaden anrichten. Beziehungen basieren auf einer offenen, interessierten, unsystematischen und nicht generalisierbaren Haltung. Ein professioneller Zugang stört die Beziehungsebene, birgt das Potential, Beziehungen zu zerstören oder gar nicht entstehen zu lassen.

Genau das ist es aber, was gegenwärtig droht und in der Schule der Zukunft, an der derzeit so intensiv gebastelt wird, vielleicht die Normalität darstellen wird: Professionelle LehrerInnen, die Beziehungsarbeit einzig als Teil ihrer Professionalisierung begreifen. Da ist es dann vielleicht wirklich egal, welche Klasse die vor sich haben oder ob und wie lange sie ihre SchülerInnen kennen. Hauptsache, die Materialien sind gut und die Arbeitsaufträge individuell formuliert, Hauptsache, die zu erwerbenden Kompetenzen werden definiert, Hauptsache, die erreichten Kompetenzen werden mit einheitlichen und transparenten Kriterien gemessen und der gesamte Prozess anschließend evaluiert.

Gegenwärtig wird den Schulen der Boden, auf dem etwas wachsen und gedeihen kann, entzogen, dafür werden die Anbau- und Erntemethoden rationalisiert und automatisiert. Höchst professionell! (nemo)

Resonanzpädagogik

Noch in der Hängematte las ich kürzlich ein interessantes und wohltuendes Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa, das in diesem Blog nicht unerwähnt bleiben darf. „Aktive Bezugnahme“, „Berührt werden“, „In-Beziehung-treten“ sind Schlüsselwörter für Rosas Verständnis von Bildung, das sich mit dem Begriff „Resonanzpädagogik“ zusammenfassen lässt. Diese Form der Bildung ziele nicht primär auf den Erwerb von Kompetenzen ab, sondern darauf, dass sich die beteiligten Menschen und Dinge wechselseitig „zum Sprechen“ bringen, heißt es da. Ich bin ehrlich davon überzeugt, dass es in der Schule genau darum geht bzw. gehen sollte.

Im Übrigen freu ich mich schon auf das erneute In-Beziehung-Treten ab Montag. Selbst beim Radfahren in Korsika kamen mir Ideen, was ich mit meinen SchülerInnen im kommenden Schuljahr machen könnte. Ferien, die so lang sind, dass man 1. sich profund erholen kann, 2. das über das Jahr Liegengebliebene verräumen und ordnen kann, 3. selbst neue Inhalte (und nicht nur pädagogische, sondern insbesondere fachliche!)  aufnehmen kann, 4. didaktisch kreativ und innovativ werden kann UND 5. in gespannter Vorfreude an die SchülerInnen und die Schule denken kann, sind einfach ein Traum. Und ich würde meinen, die beste Voraussetzung für Resonanzpädagogik. Guten Schulstart allerseits! (nemo)

Leidenschaft, Begeisterung, Enthusiasmus

Junge Menschen für etwas, von dem man selbst überzeugt ist, begeistern zu können, gehört für mich zum Schönsten, was ich mir vorstellen kann. Begeisterung kann man nicht voraussetzen, auch nicht einfordern, aber sie kann sich einstellen – und wenn dies der Fall ist und man selbst aufgrund seiner Bemühungen um Vermittlung einen Anteil daran hat, bedeutet das Gesamtpaket so etwas wie Glück.

Gestern habe ich mir zwei Vorträge bei den Salzburger Hochschulwochen angehört. „Leidenschaften“ lautet das diesjährige Thema. Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, sprach über „Temperaturen der Leidenschaft“, Georg Braungart, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Tübingen, zum Thema „Passion Wissenschaft? Passion Begabung?“ Weder der eine noch der andere Vortrag haben mich restlos überzeugt, interessant und zum Nachdenken anregend aber waren sie allemal.

Durch den Vortrag von Georg Braungart, dem Leiter des Cusanuswerks, habe ich mich an meinen eigenen Auftritt bei der Ferienakademie des Cusanuswerks vor ein paar Jahren erinnert. Das Cusanuswerk ist das Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Wer in diese Studienförderung aufgenommen wird, erfährt vielfache Unterstützung sowohl in finanzieller als auch und vor allem in ideeller Hinsicht. Ich, die während ihrer eigenen Studienzeit von der Existenz solcher Eliteförderprogramme und Netzwerke keinerlei Ahnung hatte, war vom Niveau des intellektuellen Austausches und der umfassenden inhaltlichen Anregung, die den Stipendiaten da geboten wird, ehrlich angetan. Auch die kritische Geisteshaltung (u.a. auch der katholischen Kirche gegenüber), ließ mich nicht unbeeindruckt, wenngleich mich das Ganze irgendwie auch ein wenig befremdete.

Im Jahr 2010 organisierte also das Cusanuswerk eine Ferienakademie zum Thema Politischer Widerstand und lud mich als Workshopleiterin dazu ein. Zu dieser ehrenvollen Aufgabe bin ich aufgrund meiner Dissertation zum literarischen Werk Jorge Semprúns und vielleicht auch dadurch, dass mein Dissertationsbetreuer ehedem selbst vom Cusanuswerk gefördert worden war, gekommen. Wie dem auch sei, der Workshop ebenso wie die ganze Ferienakademie waren eine ziemlich schöne und bereichernde Sache, für die ich dankbar bin.

Mein Workshoptitel lautete „Literatur und Widerstand – Literatur als Widerstand? Das Beispiel Jorge Semprún“. Ich versuchte, mit den TeilnehmerInnen Ausschnitte aus Semprúns Texten zu diskutieren und nach Formen und Zusammenhängen von Literatur und Widerstand zu fragen. Insbesondere wollte ich darauf hinaus, den Studierenden zu zeigen, wie sich widerständisches, aber auch widersprüchliches Handeln im Text manifestieren kann, weniger auf thematischer als vielmehr auf struktureller Ebene.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie intensiv und spannend unsere stundenlangen Diskussionen waren. Dabei studierten die TeilnehmerInnen des Workshops allesamt keine geisteswissenschaftlichen Fächer, sondern Wirtschaft, Medizin, Jus oder Technik. Genau das war ja das Ansinnen der Ferienakademie, Studierende mit neuen oder anderen Fragen, Perspektiven und Gegenständen zu konfrontieren. Was die TeilnehmerInnen echt auszeichnete, war ihre Offenheit und ihre Bereitschaft verstehen zu wollen. Ich versuchte ihnen etwas von dem zu vermitteln, was mir damals als vom Allerinteressantesten vorkam. Die Texte Jorge Semprúns, mit denen ich mich jahrelang so intensiv auseinandergesetzt hatte, die Erkenntnisse, die ich in akribischer Textanalyse hatte gewinnen können, begeisterten mich nachhaltig. Die WorkshopteilnehmerInnen hörten mir zu, fragten nach, brachten Einwände, versuchten zu verstehen und ließen sich nach und nach von meiner Begeisterung anstecken. Am Ende hatte ich den Eindruck, wirklich etwas weitergegeben zu haben, ein paar der „jugendlichen Seelen“ regelrecht „enthusiasmiert“ zu haben. In dieser Intensität, wie ich das damals irgendwo bei Osnabrück erfahren durfte, war es schon eine besondere Sache. Auch etwas, was ich mir in mein Schatzkästchen schöner Erinnerungen einschreiben kann. Gut, dass ich mich durch den gestrigen Vortrag wieder daran erinnert habe.

Einer der Teilnehmer, ein „Hardcore-Techniker“, hatte mir nach dem Workshop übrigens eine ganz besondere Rückmeldung geschrieben (die ich jetzt gleich mal hervorgekramt habe). Ich habe sie abgetippt und stelle sie hier zur Verfügung. Natürlich freut man sich immer über gutes Feedback. Aber noch viel schöner ist es eben, wenn es einem gelingt, die eigene Begeisterung über eine Sache, die man mit Leidenschaft betreibt und von deren Wert man überzeugt ist (z. B. Literatur), so zu vermitteln, dass sich die Begeisterung überträgt. Zu sehen, wie der Funke überspringt und weiterbrennt, darum geht’s doch. Und mehr bedarfs nicht, wie man meinen sollte. (nemo)

 

Sommersportwoche

Mit 73 Jugendlichen, 6 BegleitlehrerInnen und 2 Reisebussen sind wir letzten Sonntag nach Kärnten aufgebrochen. Sommersportwoche – allein der Name klingt für mich ja wie die ultimative Geschmacksverbindung aus Twinni und Jolly gemeinsam. Das Schuljahr fast um und du fährst mit deinen MitschülerInnen aus der Klasse (und den Parallelklassen) auf Sportwoche: Baden gehen, am See liegen, neue Sportarten ausprobieren, Volleyball spielen bis es dunkel wird, Lagerfeuerromantik und so weiter und so fort … Nostalgische Erinnerungen an die eigene Schulzeit werden wach. Fast jedem, der selbst so eine Woche als Schüler oder Schülerin miterlebt hat, fällt eine Geschichte dazu ein. Das kann kein Zufall sein.

Was aber braucht es aus LehrerInnensicht, damit eine Sommersportwoche ihrem Namen gerecht wird? Nachfolgend die wichtigsten Ingredienzien in 5 Punkten:

  1. einen See und schönes Wetter: Sommersportwoche ohne See und Sonne ginge gar nicht. Der Millstätter See in Oberkärnten aber ist bestens zu diesem Behufe geeignet. Kajak, surfen, segeln und natürlich schwimmen, baden und Tretboot fahren. Viel Sonne und wunderbare Landschaft. DSC03938
  2. eine ordentliche Unterkunft und gutes Essen: Man erinnert sich selbst ja noch an so manches muffige Stockbettzimmer im Landschulheim mit, sagen wir, mittelmäßiger Küche. Mir scheint, früher war das den SchülerInnen nicht so wichtig, heute aber sind die meisten gehobenere Standards gewöhnt. Wir jedenfalls waren im Seehotel Steiner in Seeboden untergebracht und dieses Haus bietet alles, was das Herz begehrt: eine tolle Anlage direkt am See mit großer Terrasse und eigenem Badestrand, freundliches Personal, schöne Zimmer mit Bad und Balkon, richtig gutes Essen. Empfehlung!
  3. ein vielfältiges Sportprogramm mit professionellen Sporttrainern. Ich kann nicht für alle sprechen, aber bei dem, was ich gesehen und wo ich selbst mitgeschwitzt habe, war genau das der Fall. Das gebuchte Sportprogramm und die Uhrzeiten wurden ausgehängt, die Kids konnten selbständig hinmarschieren und kamen jedes Mal rundum zufrieden wieder zurück. Camp Royal X machte es möglich. (Ich war übrigens tanzen und Tennis spielen, falls es jemanden interessiert.) DSC03937
  4. nette KollegInnen: Man verbringt schon viel Zeit miteinander, wenn man von Sonntag bis Freitag gemeinsam auf Sportwoche ist. Da schadet es nicht, wenn man mit den KollegInnen harmoniert, Spaß haben und sich aufeinander verlassen kann. Wir, sechs durchaus unterschiedliche Typen, hatten es fein miteinander: Wir konnten Probleme im Team besprechen und lösen, wir übernahmen verschiedene Aufgaben und Rollen, und wir hatten bei all dem ziemlich viel Spaß miteinander. Die Angelegenheit ist nämlich weniger einfach, als man meinen könnte: Aufgrund eines strengen Aufsichtserlasses steht man ziemlich schnell mit einem Fuß „im Gefängnis“. Beispielsweise muss immer ein Sportlehrer zugegen sein, wenn 15-Jährige mit Allround-Schwimmabzeichen ins Wasser wollen. Zwar gehen dieselben Jugendlichen auch in ihrer Freizeit alleine mit ihren Freunden und ganz ohne elterliche Begleitung baden. Wenn es sich jedoch um eine Schulveranstaltung handelt, sind die Lehrer verantwortlich, sollte etwas passieren. Der Aufsichtspflicht bei 73 Jugendlichen solcherart nachzukommen, dass so eine Woche trotzdem für alle Beteiligten zu einem positiven und außergewöhnlichen Erlebnis wird, ist schon nicht ganz einfach – vor allem, wenn man die Leitung und damit die Gesamtverantwortung innehat. Deshalb: Hut ab vor den SportlehrerInnen, die Sportwochen organisieren, durchführen und diese Verantwortung übernehmen. DSC03943
  5. last but not least – SchülerInnen, wie wir sie haben: Ach, es ist einfach immer wieder eine Freude, wie normal, nett und freundlich unsere SchülerInnen sind. Insbesondere auf Reisen erweist sich das als Non plus ultra, um gemeinsam schöne und lustige Tage zu verbringen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen halten sich alle an die Regeln und rechtfertigen das Vertrauen, das wir ihnen entgegenbringen. Die Sporttrainer ebenso wie die Leute vom Hotel bestätigten uns einmal mehr, was für nette SchülerInnen wir haben. Ich weiß nicht, wie’s anderen geht, aber mich macht das jedes Mal stolz und glücklich. Und als Klassenvorständin genieße ich es ganz besonders, soviel (Frei)-Zeit mit meinen SchülerInnen zu verbringen. Man lernt sich einfach anders kennen, wenn man von morgens bis abends (bzw. nachts) gemeinsam sportelt, redet und zusammen ist. Insgesamt gilt: Kann man echt nur empfehlen so eine Sommersportwoche. Auch aus LehrerInnensicht! (nemo)

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Darf’s ein bisserl mehr sein? Qualitätsvolle Tage auf der Alm mit eh nur 25 Schülern

Flotte zwei Stunden habe ich in dieser Woche unterrichtet. Hochwasser auf die Mühlen derer, die immer schon gewusst haben, dass Lehrer kaum arbeiten. Ganz untätig war ich dennoch nicht, ich hab halt nur nicht viel unterrichtet. Ich war in dieser Woche nämlich zwei Tage lang mit meinen Schülern unterwegs. Die anderen zwei Tage waren gefüllt mit der Deutsch-FachkoordinatorInnen-Tagung im Literaturhaus und dem VWA-Feedback-Workshop für die achten Klassen. Dazu im nächsten Blog-Beitrag. Heute aber zu den zwei Kennenlerntagen, die ich mit meiner Klasse auf der Erentrudisalm verbracht habe – gemeinsame Übernachtung im Matratzenlager inklusive.

Meine neuen SchülerInnen, 26 an der Zahl, kommen aus insgesamt sechs verschiedenen Unterstufenklassen. Seit ein paar Wochen sind sie in einer Klasse, müssen fortan bis zur Matura ihre Schulzeit gemeinsam verbringen, sie sollen kooperieren und harmonieren. Da schadet ein Kennenlernen über das tägliche Schulbankdrücken hinaus nicht wirklich. Und auch ich wollte meine SchülerInnen ein wenig intensiver erleben, als es im Schulalltag möglich ist. Denn ich bin zwar ihre Klassenvorständin, unterrichten tue ich sie aber nur in den drei Stunden, die mir für das Fach Deutsch zur Verfügung stehen. Stunden für die Klassenvorstandstätigkeit gibt es nicht. Zwar darf ich die 26 jungen Menschen durch die Oberstufe begleiten, sie zur Matura führen, sie auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens unterstützen, nebenbei so manche Schwierigkeit mit ihnen durchstehen, Probleme lösen und ein offenes Ohr für alle Anliegen haben – Geld für KV-Stunden gibt es nicht, zumal es doch eh bloß 26 Individuen sind!

Da kommt so ein Kommentar wie der heute im Standard abgedruckte von Wolfgang Feller gerade recht. Der Projektleiter für den Bereich Bildung bei der Agenda Austria, einem sich – laut Eigendefinition – an marktwirtschaftlichen Lösungen orientierenden unabhängigen Thinktank, weiß, dass die Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen auf 25 nichts anderes als eine politische Fehlentscheidung war. Sie koste nämlich Geld (no na) und bringe keine signifikante Steigerung der Unterrichtsqualität. Zwar würden die kleineren Klassen von Lehrern, Eltern und Schülern positiv beurteilt, auch würden sie sich auf die Zufriedenheit der Lehrpersonen auswirken, allein: „Die Forschung kann bisher keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Klassengröße und Unterrichtsqualität nachweisen.“ Na, der Mann kennt sich aus! Was sollen zufriedenere Lehrer schon mit qualitätsvollem Unterricht zu tun haben? So lange uns keine hieb- und stichfeste OECD-Studie mit Zahlen und Fakten beweist, dass eine Korrelation zwischen Schüleranzahl und Unterrichtsqualität besteht, glauben wir das nicht. Zufriedenere Lehrer und positive Beurteilung durch alle Beteiligten hin oder her.

Was also taten wir, gerade einmal 25 SchülerInnen (eine war leider erkrankt) und zwei Lehrerinnen auf der Erentrudisalm? 1. Gemeinsam hinaufstapfen. Kaum losmarschiert, lichtete sich der Nebel und wir befanden uns quasi über den Wolken. – Sagt wahrlich nichts über die Qualität der Veranstaltung aus, steigerte trotzdem die allgemeine Zufriedenheit. 2. Spielen. Sowie wir oben angekommen waren und gejausnet hatten, spielten wir: Fußball, Volleyball, „Matratzenrutschen“ (wird jetzt nicht erklärt!) und – nach Eintreffen des für die zwei Tage engagierten Erlebnispädagogen – Gruppen- und Kooperationsspiele. – Qualitätsvoll? Möglicherweise, mit ein bissl Bemühen ginge das aber sicher auch mit mehreren …

Nach dem Abendessen brachen wir zu einer Nachtwanderung auf, bei einer Vollmondbeleuchtung, wie sich das der gemeine Städter kaum vorstellen kann. Um annhähernd „Alone in the dark“ sein zu können, d. h. einen kurzen Weg im Dunkeln ganz allein und in Stille gehen zu können, musste man sich schon weit in den Wald heinein begeben. Schön, wie so etwas Einfaches die Jugendlichen bewegt. Von einem coolen „langweilig“ bis zu „ich habe mich so gefürchtet, das würde ich nie wieder machen“ reichten die Rückmeldungen. Für die allermeisten aber war die Nachtwanderung schlichtweg das Highlight der zwei Tage.

Im Übrigen hatten wir den Schülern verboten, ihre Handys auf die Alm mitzunehmen. Dieses Verbot zeitigte zwei mehr oder weniger erstaunliche Ergebnisse: 1. Sie hielten sich tatsächlich daran. Niemand hatte sein Handy mit. Ganz ehrlich, damit hatte ich nicht gerechnet. 2. Es fühlte sich so „normal“ an, alle waren so unglaublich präsent. Es gab einfach keine Parallelwelt. Gleichzeitig war es kaum Thema. Die Handys waren nicht dabei, sie fehlten uns aber auch nicht wirklich. Sogar die SchülerInnen empfanden die handyfreie Zeit als „eigentlich gar nicht so schlimm“.

Tja. Nichts als Spiel, Spaß und gemeinsam verbrachte Freizeit – und dennoch war ich nach den zwei Tagen ziemlich müde, der „Kleingruppe“ zum Trotz. Fazit: Mit Schülern auszufliegen ist wunderbar, anstrengend ist es aber auch. Haben sie etwas gelernt in den zwei Tagen? War es den Aufwand wert? Wenn man die Schüler danach fragt, verneinen sie. Fußballspielen konnten sie vorher schon, gekannt hatten sie sich auch bereits. Ob die Bildungswissenschaft eine geeignete Studie parat hätte, um einen signifikaten Kompetenzzuwachs messen zu können, bezweifle ich. Dass die zwei Tage unsinnig waren, würden aber auch alle bestreiten. Die SchülerInnen, weil es ihnen Spaß gemacht hat, ich, weil es sich nunmehr anders anfühlt, in die Klasse zu gehen. Wie genau sich dieses andere Gefühl definiert, weiß ich nicht, aber es bildet möglicherweise einen Grundstein für etwas, von dem ich jetzt auch noch nicht genau sagen kann, was es ist. Vielleicht wird es so etwas Ähnliches wie das, was mich mit meiner alten Klasse verband (und irgendwie immer noch verbindet), etwas, das ich in der Maturarede für meine ehemaligen SchülerInnen als „besondere Beziehung“ bezeichnet habe. Vielleicht wird es auch etwas anderes. In jedem Fall bin ich froh, dass ich meine 26 bzw. 25 SchülerInnen etwas besser kennenlernen durfte.

Möglicherweise würde eine noch größere Klasse der Qualität meines Unterrichts (was auch immer das genau sein mag) keinen Abbruch tun (wobei ich nicht einmal das glaube), der Herausbildung einer besonderen Beziehung zwischen mir und den SchülerInnen aber vielleicht schon. Wobei, auch wenn es noch mehr wären, ich würde mich doch trotzdem um sie bemühen und wahrscheinlich würde es mir auch mit 30 oder 35 gelingen. Es ginge einzig und allein auf Kosten meiner Zufriedenheit und vielleicht auch meiner Gesundheit. Aber wen soll das schon kratzen?

(nemo)

Bildung – Mythos und Wahrheit

Interessante Dinge, die man dieser Tage an der Bildungsfront so lesen kann: Im Standard vom 5. Oktober finde ich ein Interview mit einem Bildungsphilosophen von der Uni Köln, der meint, Lernen müsse den Kindern nicht Spaß machen. Wir würden die Kinder um die Erfahrung, sich an etwas bewährt zu haben, betrügen, wenn die Schule auf herausfordernde Leistungsansprüche verzichtet. Auch sei es ein gängiger Blödsinn zu fordern, das Kind müsse da abgeholt werden, wo es steht. „Warum soll es sich nicht auf mich und die Welt zubewegen?“, so Matthias Burchardt stattdessen. Das selbstgesteuerte Lernen nennt er einen pädagogischen Irrweg und die zeitliche Ausdehnung der Schule in den Nachmittag eine Überforderung, die dem Kind Zeit zur Muße und für außerschulische Bildung nimmt.

Aha. Man lese und staune. Nicht, dass ich das alles genau so unterschreiben würde, aber ganz unrecht hat der Mann meiner Ansicht nach nicht. Denn dass viele der gängigen pädagogischen Credi, die so progressiv und kindzentriert daherkommen, ziemlicher Blödsinn sind, finde ich auch. In der Schule meiner Tochter wird seit einiger Zeit so getan, als ob selbstgesteuertes und freies Lernen das Gelbe vom Ei sei. Jeder nach seinem Tempo, jeder individuell, jeder wie es ihm am besten entspricht. Dass sich dabei allerdings immer tiefere Gräben zwischen den Kindern, die von daheim Unterstützung bekommen, und jenen, denen dies nicht zuteil wird, auftun, wird geflissentlich übersehen. Dass die Kinder mitunter viel zu viel Energie und Organisationstalent aufwenden müss(t)en, um ihren durchaus üppigen Wochenplan abzuarbeiten, scheint man stillschweigend in Kauf zu nehmen. Und dass an so manchem Vormittag überhaupt kaum etwas passiert, bleibt unbemerkt. Hauptsache, das pädagogische Konzept passt.

Ein wirkliches Problem bei all diesen pädagogischen oder bildungspolitischen Maßnahmen und Diskursen scheint mir die riesige Diskrepanz zwischen der Theorie und der Praxis zu sein. Da denkt sich jemand etwas aus, das auf dem Papier gut klingt, und dann wird das auf Biegen und Brechen durchgesetzt. Mit jeder pädagogischen Trouvaille tut man so, als wäre nun endlich der Stein des Weisen in allen Bildungsfragen gefunden und die Bildung fürderhin vor ihrem Untergang gerettet. Kompetenzorientierung, Inklusion, offenes Lernen, ganztägiger verschränkter Unterricht usw. usf. Alle paar Monate ein neues Schlagwort, doch immer wieder merkt man, wenn man sich als Lehrperson oder Elternteil mit einem oder mehreren Kindern beschäftigt, dass all die Konzepte, Credi, Methoden, Ansätze oder was auch immer eh ganz nett sein mögen, übermäßig ernst nehmen aber braucht man nichts davon. Denn das Einzige, was wirklich zählt in der Schule und auch zu Hause, ist die Beziehung zu den Kindern. Man muss sie mögen und ihnen etwas beibringen wollen. So einfach – und gleichzeitig so kompliziert – ist die Sache. (nemo)

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Gedanken zum Schulbeginn

Am Montag ist es wieder so weit: Schulbeginn bei uns in Westösterreich. Und wieder einmal hat mich die freudige Erwartung, die gespannte Vorfreude auf die Schule erfasst. Gut, vielleicht nicht mehr ganz so unbändig wie als Kind, aber doch deutlich spürbar.

Wesentlichen Anteil an dieser Vorfreude hat meine Tochter, die nunmehr bereits in die vierte Klasse Volksschule kommt und es selbst kaum erwarten kann, dass die Schule wieder anfängt. Gestern waren wir Schulsachen einkaufen – ein Highlight zu Ferienende. Der absolute Favorit in diesem Jahr ist der neue Zirkel. Ein Wunderwerk, ein wahrer Schatz, der gestern gleich kräftig ausprobiert werden musste. Wie großartig ist das denn: Zirkel und Geodreieck gleichsam als kleine Zauberstäbe, die einem die Schule wie ein verwunschenes Paradies erscheinen lassen. Ab Montag wird es wieder erforscht. Wir scharren schon in den Löchern.

Ebenfalls sehr motivierend und ansteckend, was die Vorfreude auf die Schule betrifft, war der Einführungsblock des Lehrgangs für die UnterrichtspraktikantInnen, der letzten Mittwoch und Donnerstag an der PH stattfand. Ich betreue dort jedes Jahr eine Gruppe und reflektiere mit den JunglehrerInnen über das, was auf sie zukommt: über ihr erstes Jahr an der Schule, die verschiedenen Akteure, die im schulischen Umfeld für sie von Bedeutung sein werden, sowie insbesondere über ihre neue Rolle als Lehrerin oder Lehrer. Für mich ist das eine wirklich lohnende Aufgabe: Einerseits kann ich versuchen, etwas von meinem Verständnis des Lehrerberufs weiterzugeben, Bewusstsein dafür zu schaffen, worauf es in der Schule wirklich ankommt, und andererseits wirkt dieses Überlegen, worauf es eigentlich wirklich ankommt in der Schule, massiv auf mich selbst zurück. Da stellt sich dann so etwas wie Begeisterung ein – und wenn sich diese dann auch noch ein bisschen auf die TeilnehmerInnen überträgt, so wie es diesmal wieder der Fall war, ist das Gesamtpaket geradezu beflügelnd. Am Ende der Veranstaltung war ich motiviert bis in die Haarspitzen und bin gleich hinübergeschwebt in meine Schule. (Wie schön, das sauber geputzte Schulgebäude zu betreten, im Sekretariat vorbeizuschauen, unseren Direktor zu treffen, Kolleginnen zu umarmen.)

Gerade war meine eigene Stimmung noch ganz auf den Sommer eingestellt gewesen. Wie jedes Jahr ist es ein Jammer, wenn dieser zu Ende geht. Das selbstbestimmte Leben, das gemächliche Tempo, die Zeit der Muße und des Nachdenkens. Ebenso wie die Wärme des Sommers, die Strahlen der Sonne, das Rauschen des Meeres möchte ich den Ferienrhythmus noch weiter auskosten, bewahren, nicht zu Ende gehen lassen. Und dann stehe ich plötzlich vor den JunglehrerInnen und frage mich, was ich hier überhaupt tue. Aber bereits nach wenigen Minuten packt es mich und ich spüre es wieder ganz deutlich, was für einen wunderbaren Beruf ich doch habe, was das für eine großartige Sache ist, Lehrerin zu sein.

Die UnterrichtspraktikantInnen haben fast unisono gesagt, am allermeisten würden sie sich auf die jungen Menschen freuen, darauf, endlich mit Schülern arbeiten zu können, in der Klasse zu stehen. Ich habe geantwortet, das sei das Schönste, was sie sagen könnten. Genau darauf kommt es nämlich an in der Schule: auf die Arbeit mit den jungen Menschen, auf die Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen, die man knüpfen und in weiterer Folge stetig pflegen muss. Zuerst geht es darum, sich gegenseitig wahrzunehmen und kennenzulernen. Alles andere kommt danach. (nemo)

PS: Und heute zum Frühstück dann auch noch ein Leitartikel in den Salzburger Nachrichten, der mir geradezu aus der Seele spricht. Unter dem Titel „Es gibt viel zu lernen über das Wahre, Gute, Schöne“ reflektiert Josef Bruckmoser über die Bedeutung der Schule. Da heißt es:

Denn genau das ist die Stärke der Schule, dass sie nichts anderes im Sinn hat, als aus jedem dieser jungen Menschen sein und ihr Bestes herauszuholen. (…) Voilà, liebe Pädagoginnen und Pädagogen, liebe Schülerinnen und Schüler. Es geht wieder los. Dass die Schule die schönste Zeit des Lebens sei, ist nicht die ganze Wahrheit. Aber sicher ein Teil davon.

Wie wahr! Den ganzen Artikel gibt’s online auf salzburg.com. Leseempfehlung!