4 Jahre Blog. Ein Interview mit uns selbst

Frage: Euren Blog gibt es jetzt seit vier Jahren. Was sagt ihr dazu?

nemo: Nicht schlecht! Ich bin erstaunt, wie schnell die vier Jahre mit dem Blog vergangen sind. Gleichzeitig finde ich, der Blog gehört mittlerweile voll und ganz zu uns. Auch wenn ich – wie in letzter Zeit – weniger häufig schreibe, begleitet mich der Blog eigentlich ständig. Gar nicht so selten denke ich darüber nach, was ich schreiben würde, wenn ich Zeit zum Schreiben hätte. Es gibt für mich also neben dem existierenden Blog noch einen virtuellen Blog.

juhudo: 234 Beiträge, einige Entwürfe in der Warteschleife, fast 38.000 Aufrufe von rund um den Globus erstaunen und beeindrucken mich immer wieder. Okay, Grönland und die meisten afrikanischen und arabischen Länder ignorieren uns noch – und viele Leute sind sicher einfach nur „hereingestolpert“. Also nicht, dass ich glaube, wir würden demnächst die Weltherrschaft übernehmen, aber wir scheinen doch einige regelmäßige LeserInnen aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch zum Beispiel aus den USA, Frankreich oder Hongkong zu haben. DeutschlehrerInnen vermute ich. Auf jeden Fall lesen viel mehr Menschen unsere Texte, als wenn es keinen Blog gäbe.
Länder 2019

Frage: Was war für euch das bisherige Blog-Highlight?

nemo: Hm. Am aufregendsten fand ich diesen einen Tag im Mai 2015, an dem die Blogstatistik so explodiert ist und wir unser kleines virales Wunder erlebt haben. Ich weiß noch genau, es war spannend und gleichzeitig auch ein bisschen gruselig: Was haben wir geschrieben? Warum gibt es plötzlich so viele Zugriffe? Einerseits blogt man ja für die Öffentlichkeit, andererseits wird einem in so einem Moment bewusst, dass das Gepostete nicht mehr einzuholen ist, sobald man den Knopf gedrückt hat. Man sollte also schon überlegen, bevor man auf den Knopf drückt…

juhudo: Ja, eindeutig – das war grenzgenial spannend. Wir haben uns an dem Tag ja auch immer wieder zwischendurch angerufen und uns gemeinsam gewundert. Die Ursache muss schon darin gelegen haben, dass die Salzburger Nachrichten über uns geschrieben haben und ich den Artikel auf Facebook mit meinen etwa sechzig „FreundInnen“ geteilt habe. Das sind ja nicht viele, aber die haben anscheinend auch wieder geteilt …

Frage: Was ist eurer Ansicht nach die Aufgabe eures Blogs?

nemo: Weißt du noch, wie lange wir überlegt haben, wie wir unseren Blog nennen wollen? Aber eigentlich finde ich den Namen immer noch passend. Hinhören, draufschauen und nachdenken – der Dreierschritt gefällt mir. Allerdings: Ob das schon genug an „Aufgabe“ ist? Andererseits: Brauchen wir überhaupt eine „Aufgabe“? Na ja, irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass unser Blog eine Aufgabe hat. „Aus der Schule plaudern“ und „kritisch über Bildung nachdenken“. Ja, ich glaube, das sehe ich als die Aufgabe unseres Blogs. Was nicht heißt, dass wir nicht auch ganz was anderes schreiben dürfen.

juhudo: Naja, Aufgabe. Für mich muss ein Blog erst einmal mir persönlich dienen, da er ja doch einiges an Arbeit verlangt und kein Geld damit zu verdienen ist. Also sollte er in erster Linie unser Wissensmanagement befördern: Fortbildungen, interessante Bücher, Erinnerungen an Unterricht, der gut funktioniert hat. Dann kommt der bildungspolitische Anteil: Einer unserer Wünsche war und ist ja, aus unserer Schule zu berichten, unsere Erlebnisse und Erfahrungen mit anderen zu teilen, falls sich jemand dafür interessiert. Dazu ist ein Blog perfekt, er drängt sich niemandem auf, LeserInnen müssen aktiv darauf zugehen. Allerdings ist das vielleicht ja auch seine Schwäche.

Frage: Was bedeutet der Blog für euch persönlich?

nemo: Mir hilft der Blog, Dinge durchzudenken und im Formulieren Klarheit zu erlangen. So zu schreiben, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin, ist anstrengend und braucht meistens mehr Zeit und Energie, als ich vorher dachte. Aber es ist eben auch befriedigend, wenn das, was ich sagen will, im Schreiben Konturen annimmt, fassbar und deutlich wird. Außerdem hilft mir der Blog bei der Organisation von Wissen. Dass man online verfügbare Inhalte so einfach verlinken kann, kommt mir entgegen. Dadurch muss ich weniger oft nach einem Artikel suchen, den ich irgendwo hingelegt habe und partout nicht finde, wenn ich ihn brauche… Und nicht zuletzt befördert der Blog auch die Kommunikation mit anderen. Es gibt zwar nur wenige Kommentare zu unseren Beiträgen, aber in der Realität werde ich schon häufig von KollegInnen oder FreundInnen auf den Blog angesprochen. Ah ja, und noch etwas: Der Blog ist mittlerweile auch so etwas wie eine praktische Visitenkarte und Referenz. Wenn ich etwas über mich erzählen will, sei es im beruflichen oder im privaten Kontext, verweise ich gerne auf den Blog. – Und wir wurden immerhin schon zweimal ins Ministerium eingeladen. Hey, ohne Blog wäre uns das nicht passiert!

juhudo: Ich bin immer wieder erstaunt über die Vielfalt an Themen, über die wir schon geschrieben haben. Und dass DEINE Texte immer in die Tiefe gehen und du Themen gründlich durchleuchtest, das finde ich supercalifragilisticexpialigetisch, also außergewöhnlich. Aber worüber ich mich wirklich freue, ist, dass ich auch meine eigenen Postings – überhaupt mit etwas Abstand – interessant und gut geschrieben finde. Und dass ich mich immer wieder frage, ob sie denn auch wirklich meiner Feder entsprungen sind. Ein sehr altmodisches Bild für das Tippen am Notebook. 😉

Frage: Worüber schreibt ihr am liebsten?

nemo: Ich liebe es, von den Freuden des Lehrberufs zu erzählen, und ebenso gerne wettere ich gegen meiner Ansicht nach verfehlte Entwicklungen in der Bildungspolitik und/oder Bildungsforschung. Mitunter mache ich mir Sorgen, dass ich zu sehr ins Schwärmen gerate und allzu begeistert aus der Schule berichte. Dann wieder befürchte ich, alles immer kritisieren zu müssen und kein gutes Haar an Schulreformen lassen zu können. Ich hoffe, es gleicht sich immer wieder mal aus.

juhudo: Bildungspolitik zu kommentieren freut mich im Moment nicht. Ich bin froh, dass gerade etwas Ruhe herrscht, ich hatte ja doch einige Zeit das Gefühl immer hinterherzuhecheln. Und das mir, die unglaublich gern neue Dinge ausprobiert und schaut, was sich damit anfangen lässt. Momentan schreibe ich hauptsächlich über Fortbildungen und das eine oder andere Buch. In den nächsten Tagen schicke ich einmal mein „Lesetagebuch“ über den neuen Erzählungsband von Clemens Setz los. Aber manchmal muss ich auch einfach etwas loswerden. Meinen ersten beruflichen Blogeintrag überhaupt habe ich vor zehn Jahren (oha, für den Blick in die Vergangenheit sind Blogs auch gut, inklusive Überraschungen!) geschrieben und damit meinen ersten, jetzt eher vernachlässigten Blog gestartet. Aber eigentlich schreibe ich am liebsten darüber, wenn in der Klasse etwas gut geklappt hat. (Aber anschließend gehe ich ja in die nächste und vergesse gleich wieder darauf.)

Frage: Was veranlasst euch einen Blogbeitrag zu schreiben, was hindert euch daran?

nemo: Fehlende Zeit ist wohl der Hinderungsgrund Nummer eins. Hauptmotivator ist ganz einfach die Lust zu schreiben und allgemein die Lust mitzureden, am Diskurs teilzunehmen.

juhudo: Nach der Aufregung der ersten zwei Jahre hat sich der Enthusiasmus halt ein bissl gelegt. UND es kommt dazu, dass ich ja über viel, das mich bewegt, schon geschrieben habe. Ich will mich ja auch nicht andauernd wiederholen. Manchmal starte ich auch ein Thema – ich sage nur Entwürfe – und es stellt sich dann doch nicht als sooo spannend heraus. Hinhören, draufschauen und nachdenken ist nicht genug – unter einer Stunde niederschreiben geht’s kaum einmal, eher dauert es länger.

Frage: Und was wünscht ihr euch für die nächsten vier Jahre?

nemo: Ein bisschen mehr Zeit zum Schreiben und vielleicht ein paar mehr Leserinnen und Leser?

juhudo: Ich wünsch mir eigentlich nur, dass es mit uns beiden weiter so gut klappt! Und wenn ich auf das Thema „Aufgabe des Blogs“ zurückkommen darf: Um aus der Schule berichten zu kommen, wären halt der eine oder andere Gastbeitrag oder Kommentar wichtig. Aber das Bedürfnis scheint nicht bei so vielen vorhanden zu sein. Insofern sind wir auch was Besonderes. 😉

Frage: Braucht es euren Blog überhaupt (noch)?

nemo: Hm. Weiß ich nicht. Die Welt braucht unseren Blog nicht. Ich selbst aber bin froh, dass es ihn gibt. Ein Blog ist ein einfach handhabbares Medium, um der interessierten Öffentlichkeit etwas mitzuteilen. Gleichzeitig ermöglicht es eine profunde diskursive Auseinandersetzung mit Themen, nicht nur so eine Fotoposterei. Das gefällt mir.

juhudo: Genau! WIR brauchen ihn. Und das reicht!

Letzte Frage: Seid ihr zufrieden mit der Resonanz auf euren Blog oder wollt ihr etwas tun, um die Reichweite zu vergrößern?

nemo: Wie gesagt, ein paar mehr LeserInnen könnten’s schon sein. Vielleicht sollten wir wieder einmal ein bisschen lauter trommeln, dass es uns gibt. Cool finde ich übrigens, dass die Zugriffe auf unseren Blog nach wie vor von der ganzen Welt aus erfolgen. Natürlich stammen die meisten Zugriffe aus Österreich und Deutschland, aber für einen deutschsprachigen, extrem textlastigen Blog sind wir ganz schön international (siehe oben).

juhudo: Wir sind kein kommerzielles Unternehmen und das ist gut so.  Ich mag das Unaufdringliche des Blogs, grundsätzlich genügt er sich selbst, wer mag, kann partizipieren. Wir sind unabhängig, im wahrsten Sinn des Wortes. Aber, wenn ich die Meldung von WordPress „deine Statistik befindet sich im Aufschwung“ erhalte und mir die Weltkarte mit den Zugriffen anschaue, gefällt mir das schon sehr. Soviel zur Contenance!

Vielen Dank, juhudo und nemo, für das Interview. Fehlt nur noch ein neues Geburtstagsfoto von euch. 🙂

„Die Narzissmus-Falle“. Kommunikation in Zeiten der Digitalisierung

Kürzlich fand die 64. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg statt. Eine renommierte und traditionsreiche pädagogische Fachtagung, organisiert vom Katholischen Bildungswerk in Kooperation mit der Caritas Österreich und der Universität Salzburg. Das Thema dieses Jahr lautete Einander anerkennen.

Ich war (leider) nur bei einem Vortrag, der mich insbesondere auch im Zusammenhang mit dem Betreiben des Blogs interessierte: Bernhard Pörksen, ein Medienwissenschaftler aus Tübingen, referierte zum Thema „Die Narzissmusfalle. Selbstpräsentation, Anerkennungssuche und Reputationsrisiken im digitalen Zeitalter“. In dem Vortrag ging es quasi um das Zerrbild von Anerkennung, nämlich um die übersteigerte Suche nach Anerkennung und deren mögliche Konsequenzen in und durch digitale Medien.

Pörksen machte drei Dilemmata aus, die sich im Umgang mit digitalen Medien ergeben: das Narzissmus-Dilemma, das Kontroll-Dilemma, das Reputations-Dilemma. Einige „Kernideen“ dieser Dilemmata will ich hier wiedergeben:

1. Wir leben in einer Kultur der Selbstanpreisung, die Gesellschaft fordert permanentes Selbstlob. „Ich sende, also bin ich.“ Auf diese Weise werden Superstars und Bluffer produziert, die jedoch beim kleinsten Regelverstoß vorgeführt werden.

2. Kommunikation unter digitalen Bedingungen löst sich von den Kontexten der Produktion, was zu gravierenden Missverständnissen führen kann. Der Weg, den digitale Botschaften gehen, kann vom Sender nicht kontrolliert werden, mitunter erzeugt ein Kontrollversuch sogar einen noch fataleren Kontrollverlust.

3. Wir schaffen im Netz ein „Anarchiv“ unseres eigenen Lebens, digitale Schrumpfbiographien, die aus digitalen Informationsfetzen, die ad infinitum im Netz kreisen, bestehen.

Pörksen wies darauf hin, dass mediale Kommunikation immer schon Überraschungen hervorbrachte, in Zeiten digitaler Kommunikation klaffe jedoch die Sender- und Empfängerseite extrem auseinander. „Mobile-Mitmach-Medien“ würden eine radikale Ausweitung der Anerkennungs- und Abwertungszone produzieren. Die Erkenntnis aus den unlösbaren Problemen, die durch digitale Kommunikation entstehen, und deren Konsequenz beschrieb Pörksen folgendermaßen: 1. Unsere Reputation ist permanent gefährdet. 2. Wir müssen bei unserem Tun das mögliche Riesenpublikum immer mitdenken. 3. Wir können zumindest hoffen, dass sich zunehmend eine Art journalistisches Bewusstsein, also die Orientierung am Kriterium der Relevanz,  entwickelt.

Interessante Gedanken, nicht grundsätzlich neu, aber schön auf den Punkt gebracht und in ihren Konsequenzen zu Ende gedacht. Allein die Tatsache, dass Pörksen die Probleme rund um die digitale Kommunikation als Dilemmata beschrieb und dadurch klar machte, dass diesen Problemen nicht zu entkommen ist, erscheint mir wichtig.

Wenn ich nun die Erkenntnisse aus dem Vortrag mit unserem Blog, mit meiner persönlichen Lust am Bloggen, zusammendenke, was ergibt sich daraus? Natürlich verfolge ich, verfolgen wir eine Art journalistisches Bewusstsein im Rahmen unseres Nachdenkens über Schule und Bildung. Auch denken wir das mögliche Riesenpublikum irgendwie mit, wenn wir posten. Schließlich haben wir sogar schon einmal tatsächlich erlebt, was ein digitaler Schneeballeffekt ist. Und ja, unsere Reputation, an der wir mit diesem Blog natürlich auch arbeiten, ist dadurch gleichzeitig  permanent gefährdet. Auch unsere Nachrichten lösen sich aus den Entstehungskontexten, nicht alles, was in der unmittelbaren Betroffenheit passend scheint, muss dies auch nach Monaten noch sein.

Nicht, dass ich mir deshalb ernsthaft Sorgen machen würde. Es erscheint mir, sagen wir, höchst unwahrscheinlich, dass sich aus meinen Blog-Einträgen unter den gegebenen Bedingungen ein massives und/oder folgenreiches Abwertungsproblem ergeben könnte. Dennoch: Unvorstellbar ist es nicht, schließlich können sich auch gesellschaftliche Bedingungen ändern. Dass etwas unwahrscheinlich ist, ändert außerdem nichts an der grundsätzlichen Tatsache des Dilemmatischen.

Viel wahrscheinlicher erscheint mir allerdings der „normale“ Weg der meisten Nachrichten, Botschaften, Neuigkeiten, Erkenntnisse oder Mitteilungen: jener über die Irrelevanz hinein ins Vergessen. Da, wie es immer heißt, das Netz jedoch nichts vergisst, bleibt die Frage: Was passiert mit all dem Informations- und Datenmüll, der im Netz herumschwirrt. Nichts? Absturz und Reset? Oder doch die dystopische Vorstellung einer Supermacht, die sich aus den digitalen Schrumpfbiographien die Wirklichkeit eines Menschen zusammenbastelt, der dann realiter noch so heftig widersprechen kann, aber nicht mehr gehört und verstanden wird?

Ansätze in diese Richtung gibt es ja bereits. Und auch Pörksen skizzierte in seinem Vortrag ein paar haarsträubende und tragische Beispielfälle für die Verselbständigung und Uneinholbarkeit digitaler Informationen, die veritable „Shitstorms“ nach sich zogen. Mir kommt vor, dass diesbezüglich eigentlich ein viertes Dilemma ausgemacht werden könnte, das mit dem doppelten Phänomen der Globalisierung zu tun hat. Warum doppelt? Jede Nachricht im Netz ist global verfügbar. Daraus ergibt sich ein Relevanz- Dilemma, und zwar sowohl auf der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite der Nachricht. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich poste, ist für Menschen auf der anderen Seite der Erde relevant. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich über ein mediales Einzelschicksal in Korea lese, ist für mich relevant. Oder eben doch.

Früher konnte man gewiss sein, dass einen das sprichwörtlich in China umfallende Fahrrad nicht zu interessieren braucht. Unter digitalen Bedingungen könnte es sein, dass es sehr wohl etwas mit einem selbst zu tun hat, da es unter digitalen Bedingungen grundsätzlich gleich wichtig sein kann, ob das Fahrrad in China umfällt oder mir auf den Fuß. Das heißt, einerseits kann das Schicksal einer Koreanerin, deren Foto über ihr politisch inkorrektes Verhalten im Netz zu einer Art Menschenhatz führt, als symptomatisch und deshalb relevant für die Gefahren digitaler Kommunikation gelten, andererseits kann man in den Weiten des global agierenden Internets natürlich Beispiele und Beweise für alles finden. Weshalb mir das Einzelschicksal, und sei es noch so tragisch, dann schon auch wieder einigermaßen irrelevant erscheint.

Viel relevanter als der irgendwo ausgebrochene Shitstorm erscheint mir die Gefahr der systematischen digitalen Zuschreibung, das, was ich oben als dystopische Vorstellung bezeichnet habe: wenn sämtliche Spuren (bzw. die, die von Machthabern als relevant erachtet werden), die man im Netz hinterlässt, zusammengefügt und verwendet würden, um einem Menschen seinen Identitätsnachweis zu verpassen, und sämtliche Handlungsmöglichkeiten und -spielräume dieses Menschen sodann auf diese Identität reduziert würden. Das ergibt eine wahrlich beunruhigende Vorstellung. (nemo)

Schreiben? Schreiben! Ferienzeit ist Schreibzeit

Soeben habe ich meinen Schreibtisch aufgeräumt. Stöße von Mappen, Blättern, Zetteln. Selbst Geschriebenes und von den Schülern Geschriebenes. Computerausdrucke und Handgeschriebenes. Unmengen von Papier. Es tut gut aufzuräumen, einzuordnen, wegzuwerfen. Reduktion und Ordnung als Voraussetzung für innere Ruhe, Freisein und Kreativität. Ein schöner Prozess – umso schöner, wenn er in der ersten Ferienwoche beginnt.

Auf so vieles, was in diesem Schuljahr vonstattenging, möchte ich draufschauen und schreibend darüber nachdenken. Zunächst aber will ich übers Schreiben an sich schreiben. Was bedeutet Schreiben eigentlich? Warum schreibe ich? Und wie verhält sich das Schreiben zum Leben? – Fragen, die mich seit langem umtreiben, auf verschiedensten Ebenen.

Seit ich, gemeinsam mit Doris, diesen Blog betreibe, schreibe ich viel mehr als früher. Ganz früher habe ich schon auch viel geschrieben, wissenschaftliche Aufsätze, Vorträge und Rezensionen. Das war natürlich ein ganz anderes Schreiben, viel anstrengender, gelehrter und inhaltlich dichter. Durch die Unterrichtstätigkeit in der Schule ist das Schreiben dann ein bisschen eingeschlafen, einzig das private Tagebuchschreiben hat überdauert. Das nunmehrige Schreiben, das „Bloggen“, ist gewissermaßen ein schnelles, ein leichtes Schreiben, ein Alltagsschreiben, das sich hauptsächlich den täglichen Begegnungen in der Schule verdankt.

Wenn ich auf die Monate bis Februar zurückblicke, erscheint mir das Schreiben wie ein Basso continuo, der das Unterrichten seither stetig begleitet. Unterrichten, vermitteln, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten ist wunderbar, aber ohne zu schreiben für mich auf Dauer nicht aushaltbar. Das wurde mir so um die Weihnachtszeit klar. Unterrichten alleine würde mich auf Dauer krank machen. Da gab es so vieles, das in mir herumschwirrte und keinen Platz fand. Gedanken und Eindrücke, die permanent in meinem Kopf kreisten. Als Lehrerin ist man täglich mit zahlreichen jungen Menschen konfrontiert. Alle wollen etwas von einem, möchten etwas mit einem teilen: ihre Gedanken, ihren Unmut, ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Freude. SchülerInnen erwarten und brauchen emotionale Reaktionen von ihren LehrerInnen. Wir LehrerInnen wissen, dass Schule in erster Linie Beziehungsarbeit ist, sämtliche Inhalte (oder meinetwegen auch Kompetenzen) können nur darauf aufbauen. Wie aber kann man selbst mit all dem umgehen?

Ich fühlte mich manchmal in der Schule wie eine Hausfrau und Mutter, die eine an sich wichtige Tätigkeit ausübt, dabei aber ans Haus gefesselt ist und nach und nach ihren Selbstwert und ihre Eigenständigkeit verliert. Am Abend war ich erschöpft und konnte dennoch nicht genau sagen, was ich eigentlich den ganzen Tag lang getan hatte. Immer wieder stellte ich meine Entscheidung für die Schule und gegen die Uni in Frage, wenngleich ich zweifelsfrei wusste, dass ich in der Schule und nirgendwo sonst sein wollte. Mir gefiel meine Arbeit als Lehrerin, aber mein Tun fühlte sich auf seltsame Weise substanzlos an. Die Lösung fand sich mit Doris‘ Idee, gemeinsam einen Blog zu betreiben.

Durch das regelmäßige Schreiben auf diesen Seiten erlebte ich mein Tun wieder als sinnhaft und konnte mir dabei immer wieder und immer wieder von Neuem meiner selbst bewusst werden. „Schreiben ist Verankerung im Ich.“ An diesen Satz von Elisabeth Kossmeier, bei der ich in den letzten Jahren mehrere Fortbildungsseminare besucht hatte, fühlte ich mich erinnert und bemerkte an mir selbst, wie erst im Schreiben Erlebtes wirklich wird, seine Wahrheit und seinen Sinn erhält.

Warum aber ist das Blog-Schreiben effektvoller als das Tagebuchschreiben? Warum brauche ich eine Öffentlichkeit, einen – und sei es fiktiven – Leser? Offenbar hat es damit zu tun, dass der fremde Leser, die fremde Leserin, für den oder die man schreibt, anders als beim Tagebuchschreiben, ein Anderer, eine Andere ist. Dieser Andere erscheint reizvoller als das eigene Ich. Ihm oder ihr muss man alles erklären, er oder sie kennt nur das Geschriebene von einem. Das, was man erlebt hat, aber auch das, was man beim Schreiben gedacht und gefühlt hat, weiß der Andere nicht. Wenn ihn meine Worte nicht erreichen, versteht er nicht, wovon ich schreibe. Insofern ist dieser Andere ehrlicher, aber auch anspruchsvoller als man selbst.

Als ich noch an der Uni tätig war, kreiste mein wissenschaftliches Interesse ständig um die Begriffe „Erinnern“ und „Schreiben“ – bei Autoren wie Georges Perec, Danièle Sallenave und Jorge Semprún. Heute erfahre und erlebe ich diese Begriffe im Alltag, in meinem eigenen Leben – persönlicher, banaler, aber deshalb nicht weniger wichtig. Schreiben bedeutet für mich Ordnung und Klarheit. Und ein ganz klein wenig traue ich mich auch von dem zu beanspruchen, was die französische Autorin Danièle Sallenave einmal in einem Interview folgendermaßen beschrieb:

Ich wollte ‚meine Feder‘ den Dingen der Welt leihen, der Bewegung der Welt, den erlebten und imaginierten Geschichten, die unvollendet bleiben, solange sie nicht in Sprache übersetzt werden. Durch das Schreiben versucht man Öffnungen herzustellen, Schneisen zu schlagen, um besser sehen, verstehen, fühlen zu können. Es ist eine Art zu leben. Das Leben zu vereinen, zu beleuchten.“¹

(nemo)

¹ Danièle Sallenave: La Vie éclaircie. Réponses à Madeleine Gobeil, Paris: Gallimard 2010