Maikäfer, flieg!

Heute wurde in den Salzburger Nachrichten über unseren Blog berichtet. Ja, über diesen hier! Die Journalistin Michaela Hessenberger stellte unter dem Titel Lehrerinnen schreiben Klartext unser Forum vor. Ausführlich, wohlwollend, verständig. Am meisten freut uns der Untertitel: „Zwei Salzburger Lehrerinnen zeigen in ihrem Blog, dass die Schule Zeit und Liebe in Anspruch nimmt.“ Ja, exakt, das ist es, Zeit und Liebe. Wie schön, wenn man verstanden wird! Und dann gab’s auch gleich noch ein Dossier über die Zentralmatura, in dem auch wir vom WRG zur Sprache kommen: Ich würde in meinem Unterricht darauf achten, „den Schülern genug Raum zu verschaffen, um sich mit Literatur und eigenem Denken auseinanderzusetzen“. Und ich würde „Lernen als starke Beziehungsarbeit, nicht als Modell der reinen Überprüfbarkeit“ verstehen, steht da. Wow. Genauso wollte ich verstanden werden.

Richtig euphorisch mochte man werden an diesem Samstagvormittag. Das Interview mit der Bildungsministerium im Ö1-Mittagsjournal holte einen dann aber eh wieder auf den Boden der Realität zurück…

In drei Tagen findet sie also statt, die Deutschmatura, und dann wird’s bestimmt wieder viel dazu zu sagen geben. Deshalb will ich heute einmal über etwas ganz anderes schreiben. Über das Buch Maikäfer, flieg! von Christine Nöstlinger nämlich. Ich habe es kürzlich mit den ZweitklässlerInnen (6. Schulstufe) gelesen und einmal mehr hat es mich – und auch die Kinder – begeistert. Mit welch lakonischer Sprache Christine Nöstlinger vom Kriegsende in Wien schreibt, wie sie stereotype Bilder und Klischees aufbricht, wie humorvoll sie die Erlebnisse der achtjährigen Christel betrachtet, das ist ein wahrer Lesegenuss. Gleichzeitig beschönigt sie nichts. Da ist die Rede von der Hannitante, die drei Häuser weiter wohnt und die der Krieg und die Bomben verrückt gemacht haben. Da begegnet die Großmutter, die zu Beginn als wütende, zornige und mutige Frau beschrieben wird, dem Mädchen wenige Wochen später, nach den Bombenangriffen, als kleine, zittrige und jämmerliche Alte. Und da wird die Freundschaft mit dem Russen Cohn erzählt. Während die Nachbarin fast irr aus Angst vor den Russen wird, erlebt Christel eine Freundschaft mit dem russischen Soldaten, der als Koch eingesetzt wird und den die anderen als den hässlichsten, stinkendsten und verrücktesten Menschen, der ihnen je begegnet ist, beschreiben:

Ich liebte den Koch, weil er kein Krieg war. Nichts an ihm war Krieg, gar nichts. Er war ein Soldat und hatte kein Gewehr und keine Pistole. Er hatte eine Uniform, aber die war ein Lumpensammlergewand. Er war Russe und konnte Deutsch reden. Er war ein Feind und hatte eine sanfte, tiefe Schlafliedstimme. Er war ein Sieger und bekam Tritte, dass er quer durch die Lusthausküche flog. Er hieß Cohn. Er kam aus Leningrad. Dort war er ein Schneider. Cohn hat mir viel erzählt. Und am Ende hat er immer gesagt: „Macht nix, macht nix, Frau!“

Christel verbringt die letzten Kriegstage und die erste Zeit danach gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Schwester sowie einer anderen Familie in einer Villa in Neuwaldegg. Ihr eigenes Zuhause in Hernals wurde zerbombt und da kam das Angebot der Frau von Braun, auf ihre Villa aufzupassen, weil sie selbst nach Tirol floh, gerade recht. In dieser noblen Wohngegend erlebt Christel den Mai 1945, die Ankunft der Russen, die Lebensmittelknappheit, aber auch beinahe idyllische Tage im parkartigen Garten des Hauses. Am Ende müssen Christel und ihre Familie die Villa wieder verlassen und ziehen zurück in die Stadt: „Meine Mutter saß neben der dicken Frau auf dem Kutschbock. ‚Na‘, rief sie, ‚los geht’s! Schau dir noch einmal alles gut an!‘ Ich schloss die Augen.“

Dieses offene Ende haben wir zum Anlass genommen, um eine Fortsetzung zu schreiben. Eine kleine Auswahl besonders gelungener Texte möchte ich hier anhängen. Nicht allen SchülerInnen war es möglich, sich in die Lebensumstände zu Kriegsende ganz hineinzufühlen. Aber sie haben sich von dem Roman berühren lassen, haben sich für die Ereignisse und Erlebnisse interessiert und sie haben sich auf – wie ich finde – beeindruckende Weise bemüht, den Ton und die Stimmung des Textes zu treffen. Beispielsweise …

… Elena H.: Ich schloss die Augen. Ich wollte mir nicht mehr alles anschauen. Ich wusste, wie es hier aussah. Oft genug bin ich im Garten herumgelaufen, war oft genug im Haus auf Entdeckungstour gegangen. Ich kannte die Villa und den Garten in- und auswendig. Weiterlesen

Ferialarbeit

Osterferien, wie gut, dass es Osterferien gibt! Die neiderfüllte Nation weiß, dass sich der gemeine Lehrer in Tagen wie diesen an den Gestaden des Roten Meeres oder sonstwo sonnt. Ich jedoch sitze hier im verregneten Salzburg und freue mich darüber, dass ich meine 48 kompetenzorientierten Fragen für die mündliche Reifeprüfung unter Dach und Fach gebracht habe. Neben dem Unterrichten wäre das nämlich kaum zu bewerkstelligen gewesen. Zwar treten nur drei Schülerinnen mündlich in Deutsch an, der so genannte „Themenpool“ aber hat 24 Themenbereiche à 2 Fragen zu umfassen. So sieht es der Gesetzgeber vor. Also habe ich die Osterferien genutzt, um Fragen zu erstellen und geeignete Textbeilagen zu suchen. Kaum Gründonnerstag – und schon bin ich fertig. Siehe da.

Und dabei gehöre ich ja zu der Spezies LehrerInnen, die so etwas nicht einmal ungern macht. Es gefällt mir, den Stoff der letzten Jahre noch einmal gedanklich durchzugehen und mir zu überlegen, was es da sinnvollerweise zu wissen und zu können gilt. Ich arbeite gerne, denke mit Freuden über Literatur und Sprache nach – und finde die meisten Fragen nun eigentlich recht gelungen (3 Beispiele hänge ich unten an). Schade nur, dass kaum eine Frage zum Einsatz kommen wird. Die SchülerInnen ziehen ja nur zwei Themenbereiche, dürfen einen davon auswählen und müssen dann eine einzige Frage beantworten. Heißt, nur drei Fragen werden tatsächlich gebraucht. Dafür ganze 48 zu erstellen erscheint selbst mir ein wenig übertrieben. Aber wie gesagt, ich arbeite eh gern und Ferien hab ich auch und da will ich mich nicht beschweren. Einzig, wenn man mich fragt, wo denn ich in den Osterferien geurlaubt habe, reagiere ich möglicherweise ein wenig verständnislos. (nemo)

Themenbereich 2

Themenbereich 5

Themenbereich 17,2

Probematura Deutsch

Am Mittwoch war es auch im Fach Deutsch so weit: Für unsere vierstündige und zugleich letzte Schularbeit konnten/sollten/durften wir die zentral zur Verfügung gestellte Probeklausur verwenden. Diese Tatsache war am Mittwochabend sogar der ZIB 2 einen Beitrag wert. Schon erstaunlich, wie sich die mediale Öffentlichkeit plötzlich für die Schule interessiert. Man kann sich dabei allerdings nur schlecht des Eindrucks erwehren, die Medien lechzten geradezu nach der nächsten ausschlachtbaren Panne. Zentralmatura als Spektakel in unserer Eventkultur. Wenn schon aktuell kein richtiges Problem, dann wenigstens ein kleiner Skandal beim BIFIE oder im Ministerium. Bitte!

Jedenfalls sitze ich jetzt da mit meinen 27 vierstündigen Klausuren und muss diese bis nächsten Mittwoch korrigiert haben. Täglich vier Stück, dann geht es sich aus. Das heißt insgesamt, rund 25 – 30 Stunden Korrekturarbeit in dieser Woche – und ich bin nicht langsam! Heute habe ich mein Pensum schon erledigt, deshalb erlaube ich mir, was ich gerade tue, nämlich ein bissl darüber schreiben. Erzählen kann man diesen Schulkram ja auch niemandem (außer – Gott sei Dank! – den KollegInnen), da kommt so ein Blog gerade recht. Immerhin muss das ja niemand lesen, der nicht will.

Worum ging es nun inhaltlich bei dieser Probeklausur? Na, wer will’s wissen? Also: Die SchülerInnen hatten zwei Themen zur Wahl: 1. Die Frage nach dem richtigen Leben und 2. Rauchen. Quasi Oberschicht- und Unterschichtthema. Nein, ich bitte um Entschuldigung, das war jetzt nicht nett. Ab jetzt wieder ernst:

Beim ersten Themenkomplex mussten eine Interpretation des wunderbaren Gedichts Reklame von Ingeborg Bachmann verfasst und ein Kommentar zum Thema Glück und Glücksvorstellungen, basierend auf einem Ausschnitt aus Die Tretmühlen des Glücks von Mathias Binswanger, geschrieben werden. Eigentlich gar nicht so schlecht. Das Problem dabei ist halt, dass man, um das Gedicht ordentlich analysieren und interpretieren zu können, viel mehr Zeit bräuchte, als einem zur Verfügung steht, wenn man zugleich noch einen vernünftigen Kommentar zu dem inhaltlich auch nicht ganz leichten Text von Binswanger schreiben muss.

Da gab es das zweite Thema schon viel billiger: Eine Empfehlung an die Betriebsleitung einer großen Firma zur Regelung der Rauchpausen sowie eine Zusammenfassung einer Internetseite zum Thema „Frauen rauchen anders“. Beide Textbeilagen waren extrem einfach (und qualitativ erschreckend dürftig), das Thema selbst abgedroschen wie ein Feld im November. Da gab es nicht viel nachzudenken, da konnte die Lese- und Schreibkompetenz fast unbehelligt von Inhalten durchexerziert werden. Schon irgendwie erstaunlich, dass beide Themenpakete in Österreich offenbar als ausreichend erachtet werden, um die allgemeine Hochschulreife in der Muttersprache unter Beweis zu stellen. Das zeigt doch, wie sehr Deutsch mittlerweile als reines Sprachfach betrachtet wird, so als ob es wirklich nur mehr um oberflächliche Kommunikation und nicht zumindest auch um inhaltliches Denken ginge, wenn man sich der Sprache bedient. Und es zeigt auch, mit welchem Unverständnis man selbst bei der Deutsch-Matura literarischen Texten begegnet.

Dass ein Thema wie das erste, insbesondere ein komplexes Gedicht, nämlich wirkliches Denken (und eine halbwegs profunde Analyse) erfordern würde, um angemessen darauf reagieren zu können, scheint den Aufgabenstellern bzw. den Erfindern des derzeitigen Maturakonzepts nicht wirklich bewusst zu sein. Wie könnte es sonst sein, dass man von den SchülerInnen erwartet, binnen drei (bzw. vier) Stunden eine Interpretation (zu einem ihnen unbekannten Gedicht!) und einen Kommentar quasi runterzuschreiben.

Da stellt sich einmal mehr die Frage: Hat eigentlich irgendjemand von den Verantwortlichen die Aufgabenstellung selbst ausprobiert, und zwar die ganze?

So, jetzt aber Schluss, schließlich muss ich morgen wieder fit fürs Korrigieren sein. Und weil’s so schön ist, tippe ich noch das Bachmann-Gedicht ab. Vielleicht will es ja jemand mal schnell interpretieren… (nemo)

Ingeborg Bachmann: Reklame (1956)

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

aus: Ingeborg Bachmann: Werke, Band 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München: Piper 1993, S. 114.