„Die Narzissmus-Falle“. Kommunikation in Zeiten der Digitalisierung

Kürzlich fand die 64. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg statt. Eine renommierte und traditionsreiche pädagogische Fachtagung, organisiert vom Katholischen Bildungswerk in Kooperation mit der Caritas Österreich und der Universität Salzburg. Das Thema dieses Jahr lautete Einander anerkennen.

Ich war (leider) nur bei einem Vortrag, der mich insbesondere auch im Zusammenhang mit dem Betreiben des Blogs interessierte: Bernhard Pörksen, ein Medienwissenschaftler aus Tübingen, referierte zum Thema „Die Narzissmusfalle. Selbstpräsentation, Anerkennungssuche und Reputationsrisiken im digitalen Zeitalter“. In dem Vortrag ging es quasi um das Zerrbild von Anerkennung, nämlich um die übersteigerte Suche nach Anerkennung und deren mögliche Konsequenzen in und durch digitale Medien.

Pörksen machte drei Dilemmata aus, die sich im Umgang mit digitalen Medien ergeben: das Narzissmus-Dilemma, das Kontroll-Dilemma, das Reputations-Dilemma. Einige „Kernideen“ dieser Dilemmata will ich hier wiedergeben:

1. Wir leben in einer Kultur der Selbstanpreisung, die Gesellschaft fordert permanentes Selbstlob. „Ich sende, also bin ich.“ Auf diese Weise werden Superstars und Bluffer produziert, die jedoch beim kleinsten Regelverstoß vorgeführt werden.

2. Kommunikation unter digitalen Bedingungen löst sich von den Kontexten der Produktion, was zu gravierenden Missverständnissen führen kann. Der Weg, den digitale Botschaften gehen, kann vom Sender nicht kontrolliert werden, mitunter erzeugt ein Kontrollversuch sogar einen noch fataleren Kontrollverlust.

3. Wir schaffen im Netz ein „Anarchiv“ unseres eigenen Lebens, digitale Schrumpfbiographien, die aus digitalen Informationsfetzen, die ad infinitum im Netz kreisen, bestehen.

Pörksen wies darauf hin, dass mediale Kommunikation immer schon Überraschungen hervorbrachte, in Zeiten digitaler Kommunikation klaffe jedoch die Sender- und Empfängerseite extrem auseinander. „Mobile-Mitmach-Medien“ würden eine radikale Ausweitung der Anerkennungs- und Abwertungszone produzieren. Die Erkenntnis aus den unlösbaren Problemen, die durch digitale Kommunikation entstehen, und deren Konsequenz beschrieb Pörksen folgendermaßen: 1. Unsere Reputation ist permanent gefährdet. 2. Wir müssen bei unserem Tun das mögliche Riesenpublikum immer mitdenken. 3. Wir können zumindest hoffen, dass sich zunehmend eine Art journalistisches Bewusstsein, also die Orientierung am Kriterium der Relevanz,  entwickelt.

Interessante Gedanken, nicht grundsätzlich neu, aber schön auf den Punkt gebracht und in ihren Konsequenzen zu Ende gedacht. Allein die Tatsache, dass Pörksen die Probleme rund um die digitale Kommunikation als Dilemmata beschrieb und dadurch klar machte, dass diesen Problemen nicht zu entkommen ist, erscheint mir wichtig.

Wenn ich nun die Erkenntnisse aus dem Vortrag mit unserem Blog, mit meiner persönlichen Lust am Bloggen, zusammendenke, was ergibt sich daraus? Natürlich verfolge ich, verfolgen wir eine Art journalistisches Bewusstsein im Rahmen unseres Nachdenkens über Schule und Bildung. Auch denken wir das mögliche Riesenpublikum irgendwie mit, wenn wir posten. Schließlich haben wir sogar schon einmal tatsächlich erlebt, was ein digitaler Schneeballeffekt ist. Und ja, unsere Reputation, an der wir mit diesem Blog natürlich auch arbeiten, ist dadurch gleichzeitig  permanent gefährdet. Auch unsere Nachrichten lösen sich aus den Entstehungskontexten, nicht alles, was in der unmittelbaren Betroffenheit passend scheint, muss dies auch nach Monaten noch sein.

Nicht, dass ich mir deshalb ernsthaft Sorgen machen würde. Es erscheint mir, sagen wir, höchst unwahrscheinlich, dass sich aus meinen Blog-Einträgen unter den gegebenen Bedingungen ein massives und/oder folgenreiches Abwertungsproblem ergeben könnte. Dennoch: Unvorstellbar ist es nicht, schließlich können sich auch gesellschaftliche Bedingungen ändern. Dass etwas unwahrscheinlich ist, ändert außerdem nichts an der grundsätzlichen Tatsache des Dilemmatischen.

Viel wahrscheinlicher erscheint mir allerdings der „normale“ Weg der meisten Nachrichten, Botschaften, Neuigkeiten, Erkenntnisse oder Mitteilungen: jener über die Irrelevanz hinein ins Vergessen. Da, wie es immer heißt, das Netz jedoch nichts vergisst, bleibt die Frage: Was passiert mit all dem Informations- und Datenmüll, der im Netz herumschwirrt. Nichts? Absturz und Reset? Oder doch die dystopische Vorstellung einer Supermacht, die sich aus den digitalen Schrumpfbiographien die Wirklichkeit eines Menschen zusammenbastelt, der dann realiter noch so heftig widersprechen kann, aber nicht mehr gehört und verstanden wird?

Ansätze in diese Richtung gibt es ja bereits. Und auch Pörksen skizzierte in seinem Vortrag ein paar haarsträubende und tragische Beispielfälle für die Verselbständigung und Uneinholbarkeit digitaler Informationen, die veritable „Shitstorms“ nach sich zogen. Mir kommt vor, dass diesbezüglich eigentlich ein viertes Dilemma ausgemacht werden könnte, das mit dem doppelten Phänomen der Globalisierung zu tun hat. Warum doppelt? Jede Nachricht im Netz ist global verfügbar. Daraus ergibt sich ein Relevanz- Dilemma, und zwar sowohl auf der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite der Nachricht. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich poste, ist für Menschen auf der anderen Seite der Erde relevant. Nicht alles (möglicherweise auch: nichts von dem), was ich über ein mediales Einzelschicksal in Korea lese, ist für mich relevant. Oder eben doch.

Früher konnte man gewiss sein, dass einen das sprichwörtlich in China umfallende Fahrrad nicht zu interessieren braucht. Unter digitalen Bedingungen könnte es sein, dass es sehr wohl etwas mit einem selbst zu tun hat, da es unter digitalen Bedingungen grundsätzlich gleich wichtig sein kann, ob das Fahrrad in China umfällt oder mir auf den Fuß. Das heißt, einerseits kann das Schicksal einer Koreanerin, deren Foto über ihr politisch inkorrektes Verhalten im Netz zu einer Art Menschenhatz führt, als symptomatisch und deshalb relevant für die Gefahren digitaler Kommunikation gelten, andererseits kann man in den Weiten des global agierenden Internets natürlich Beispiele und Beweise für alles finden. Weshalb mir das Einzelschicksal, und sei es noch so tragisch, dann schon auch wieder einigermaßen irrelevant erscheint.

Viel relevanter als der irgendwo ausgebrochene Shitstorm erscheint mir die Gefahr der systematischen digitalen Zuschreibung, das, was ich oben als dystopische Vorstellung bezeichnet habe: wenn sämtliche Spuren (bzw. die, die von Machthabern als relevant erachtet werden), die man im Netz hinterlässt, zusammengefügt und verwendet würden, um einem Menschen seinen Identitätsnachweis zu verpassen, und sämtliche Handlungsmöglichkeiten und -spielräume dieses Menschen sodann auf diese Identität reduziert würden. Das ergibt eine wahrlich beunruhigende Vorstellung. (nemo)

Themenpool revisited: Warum, nicht wozu!

Die von mir sehr geschätzte Autorin Juli Zeh hielt in einer 2009 verfassten Rede anlässlich einer Literaturpreisverleihung ein Plädoyer für das Warum. Da heißt es:

Die Kinderfrage des 21. Jahrhunderts lautet nicht mehr „Warum?“ – sie lautet: „Wozu?“ Warum und Wozu sind Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die „Warum“-Frage forscht in die Vergangenheit. Sie erkundigt sich nach Ursachen, nach Hinter- und Beweggründen, möchte Zusammenhänge erwägen. Sie ist nachdenklich, vielleicht ein wenig introvertiert; sie appelliert an das Gedächtnis, interessiert sich für Motive, vielleicht sogar für eine moralische Gestimmtheit. Ihre Schwester „Wozu“ ist frecher. Schneller. Fordernder. Irgendwie zeitgemäßer. Ihr Blick richtet sich in die Zukunft. Wozu gehen wir arbeiten, treffen Freunde, lesen Bücher, treiben Sport? Mit welchem Nutzen? Was ist der Zweck? Gibt es Maßstäbe, die zu erfüllen, Prognosen, die zu verifizieren, Effizienzkalkulationen, die zu berücksichtigen wären? „Warum“ ist kontemplativer, „Wozu“ im weitesten Sinne ökonomischer Natur. (…)

Wahrer Individualismus und richtig verstandene Freiheit bestehen darin, sich seine persönliche Zeit anzueignen oder zurückzuerobern: Zeit zum Nachdenken, Lesen, Reden, sich Verständigen. Nur daraus resultiert Selbst-Bewusstsein im wahrsten Sinne des schönen Wortes (…). Wenn Sie das nächste Mal jemand fragt, wozu Sie etwas machen, fragen Sie erst einmal zurück, warum er das wissen will. Vor allem, wenn dieser Jemand – Sie selbst sind.¹

Ausgehend von diesen Überlegungen habe ich meine 48 Fragen für die mündliche Matura, die ich in diesen Tagen formatiert, durchgeschaut und überprüft habe, in den Blick genommen.

Die Frage Wozu? zeitigt hierbei ein wahrlich niederschmetterndes Ergebnis: 3 Fragen werde ich für meine 3 Kandidatinnen brauchen, die restlichen 45 habe ich mehr oder weniger zur Zierde erstellt. Denn wie viele davon – ob solche Fragen überhaupt! – ich für meine nächsten MaturantInnen in voraussichtlich vier Jahren verwenden werde können, sei dahingestellt. Die Effizienzbilanz eines solchen Tuns muss unter dem Gesichtspunkt des Wozu als geradezu katastrophal anmuten.

Ganz anders hingegen, wenn ich meinen Themenpool und die darin herumschwimmenden Fragen mit dem Warum? konfrontiere: Plötzlich erscheint mein Tun sinnhaft. Ich habe mit diesen Fragen meinen Unterricht der letzten vier Jahre reflektiert und zusammengefasst. Ich habe mir überlegt, was meine SchülerInnen davon wissen und können sollten. Was könnte sie interessieren, worüber sollten sie sich meines Erachtens Gedanken machen?

Wenn ich selbst so draufschaue, fällt mir übrigens auf, dass Juli Zeh ein wirklich großer Fisch in meinem Pool ist: Wir haben im Unterricht den Roman Corpus delicti gelesen, einen Text, in dem es um einen totalitären Überwachungsstaat und um die Frage nach der Menschlichkeit geht. Wir haben das Theaterstück Yellow Line angeschaut. Es setzt sich mit Themen wie Konformismus, Individualität, Freiheit und Widerstand auseinander. Ich habe meinen Schülern den offenen Brief Juli Zehs an die deutsche Bundeskanzlerin zur Frage nach dem politischen Umgang mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters unterbreitet. Und ich habe ihnen die Rede an die Abiturienten, die Juli Zeh 2010 gehalten hat, zu Gemüte geführt.²

Mit all diesen Texten und Themen haben wir uns beschäftigt und mir scheint, dass sie meinem Themenpool gut anstehen. Ebenso wie Grillparzers Medea, Kafkas Verwandlung und Hermann Hesses Unterm Rad. Oder die Gedichte, von Walther von der Vogelweide über Andreas Gryphius und Joseph von Eichendorff bis hin zu Ernst Jandl und Ingeborg Bachmann. Goethes Faust selbstredend, aber auch Crazy von Benjamin Lebert, Der Vorleser von Bernhard Schlink, Silentium! von Wolf Haas und noch einiges mehr.

Natürlich lässt sich auch unter dem Aspekt des Warum keine restlos befriedigende Antwort auf tatsächlich alle 24 Bereiche bzw. 48 Fragen finden, aber auf die allermeisten schon. Es ist die schiere Anzahl, mit der ich immer noch ein wenig hadere, aber die Inhalte gefallen mir. Und mir gefällt der Überblick über die vier Unterrichtsjahre, das Draufschauen und Nachdenken. Danke, Juli Zeh! Der Perspektivenwechsel tut gut (auch wenn es darob nun bereits morgen geworden ist) … (nemo)

¹ Juli Zeh: „Plädoyer für das Warum. Rede anlässlich der Verleihung des Carl-Amery-Literaturpreises (2009)“, in: dies.: Nachts sind das Tiere, Frankfurt am Main: Schöffling & Co 2014, S. 104-111.

² In dieser Rede mit dem Titel Das Mögliche und die Möglichkeiten setzt sich die Schriftstellerin mit der grassierenden Angst vor der Zukunft auseinander und setzt diesem diffusen Gefühl die Konzentration auf eigene Erinnerungen und Neugier, also auf persönliche Identität entgegen. Die daraus resultierende Selbsteinschätzung reduziere und konkretisiere das „Möglichkeitenmonster“ (das Zeh als Ursache für die Angst vor der Zukunft identifiziert) zu einem individuell Möglichen, das sich als verbindendes Element zwischen Zukunft und Mensch erweise. (in: ebda, S. 140-160)

Ferialarbeit II

Naja, eigentlich hat es sich nicht um „Arbeit“ gehandelt. Da heute, am Mittwoch nach den Osterferien die VWA-Präsentationen beginnen, haben wir gestern zweieinhalb Stunden mit dem Ausprobieren der Computer, Beamer, USB-Sticks, Festplatten und Onlineressourcen verbracht, die die Maturantinnen verwenden wollen. Das gehört zu einer Präsentation dazu. 25 Schülerinnen, Schüler und zwei Hunde kamen und überprüften, ob sich ihren Plänen auch keine technischen Probleme entgegenstellen würden. Fast alles klappte und die drei, vier kleineren Schwierigkeiten waren schnell behoben. Alles lief in sehr entspannter Atmosphäre ab und hat den Mädchen und Burschen hoffentlich zumindest die Sorge abnehmen können, dass vielleicht ihre Vorbereitung umsonst war. Die digitalen Medien funktionierten, aber mit den analogen ist es nicht mehr so einfach: Im ganzen Schulhaus konnten wir keinen Zeigestab mehr finden… (juhudo)