Das Jahr der Distanz

Zum gerade zu Ende gegangenen Schuljahr fällt mir wenig ein. Das ist seltsam. Gäbe es nicht über dieses Schuljahr mehr zu sagen als über viele andere?

Aber was sagen über das Jahr, in dem von einem Tag auf den anderen alle Schulen geschlossen wurden, in dem Kinder und Jugendliche wochenlang per Lernplattform und Videokonferenz zu Hause unterrichtet und vom Betreten der Schule abgehalten wurden, in dem sich SchülerInnen, als sie die Schule zumindest jeden zweiten Tag wieder besuchen durften, zunächst maskieren mussten, in dem sie angehalten wurden, Hände und Bänke mehrmals täglich zu desinfizieren, in dem Abstandhalten zur Regel GetAttachmentThumbnailNummer eins wurde, in dem sie nicht mehr turnen, nicht mehr miteinander spielen und nicht mehr singen durften, in dem sie keine Banknachbarn mehr hatten und der Hälfte ihrer KlassenkameradInnen überhaupt nicht mehr begegnen sollten?

Ohne viel Aufhebens und ohne die üblichen Rituale ist es nun zu Ende gegangen, das seltsame Schuljahr 2019/20. Keine Happy Days, keine Sportwochen, keine Reisen, keine Schulfeste, keine Abschlussfeiern. Mit den Französisch-SchülerInnen habe ich in der letzten Woche Crêpes gemacht, mit den halben Deutsch-Klassen bin ich Eis essen gegangen. Beides hat gut gemundet – und das war’s. Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen über dieses Jahr der Maßnahmen und des Distanzgebots.

PS: Mit den Viertklässlern habe ich in diesem Jahr wieder ein Zeitungsprojekt durchgeführt. Der BE-Kollege hat mitgemacht und den SchülerInnen den Auftrag erteilt, die Titelseite einer Tageszeitung möglichst „echt aussehend“ zu manipulieren, und zwar mit einem Bild im Stile von Keith Harings „Subway Drawings“ sowie einem gefakten Text dazu. Die Ergebnisse sind echt cool geworden.

(nemo)

Gastbeitrag: Was mir Angst macht

Was mir Angst machen sollte in Zeiten wie diesen: die Ansteckungsgefahr mit CoVid 19. Was mir aber wirklich Angst macht, ist das Pathos, mit dem unserem Bundeskanzler von allen Seiten Unterstützung zugesichert wird, egal was er verkündet. Der kleine Bruder in der Koalition schaut kleinlaut zu ihm auf und verleugnet seine Werte wie zum Beispiel die Solidarität mit vor dem Krieg Schutz und Sicherheit Suchenden. Wir mögen ihnen „vor Ort“ helfen. Man schaue sich diese „Orte“ einmal genauer an. Was diesen Menschen jedoch wirklich helfen würde, wäre, sie aus den unwürdigen Unterbringungen herauszuholen und ihnen hier in Europa ein Leben zu ermöglichen. Aber der Bundeskanzler sagt Nein und die Grünen sagen dazu: nichts. Das macht mir Angst.

Was mir auch Angst macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen wieder in die Hausfrauenrolle zurückgedrängt werden. Meist sind es die Mütter, von denen erwartet wird, dass sie neben dem Homeoffice noch den Haushalt erledigen und die Schulaufgaben mit den Kindern machen oder/und ein Kleinkind beaufsichtigen. Offenbar mache ich etwas falsch, oder ich habe den falschen Job, aber bei mir geht nichts neben dem Homeoffice. Bald werden wir an unsere Arbeitsstellen zurückkehren dürfen, aber es bleibt die Angst, dass Errungenschaften der Frauenpolitik innerhalb von wenigen Wochen weggewischt wurden.

Mir macht auch Angst, wie in unserem Land mit den Kindern umgegangen wird. Auch ein noch so gut ausgestattetes Distance Learning reicht nicht an die Qualität des gemeinsamen Lernens in der Schule heran. In Österreich wurden noch vor den Schulen die Baumärkte geöffnet, auch die großen Einkaufszentren kommen noch vor den Volksschulkindern. Da wissen wir wenigstens, wo die Kids die Zeit verbringen können, bis die Schule wieder ihr Pforten öffnet. Bei aller Erleichterung schleicht sich auch Beklemmung ein angesichts der Vielzahl an Hygienebestimmungen, die das soziale Leben in der Schule beeinträchtigen werden. Aber wir werden ganz leise sein hinter unseren Gesichtsmasken und einfach nur froh sein, dass wir ein kleines Stück Leben zurückbekommen haben.

Warum hagelt es nicht Kritik an der Regierung? Schwächt es wirklich den gemeinsamen Kampf gegen CoVid 19, wenn wir Maßnahmen und „Fahrpläne“ der Regierung in Frage stellen? Wo sind die kritischen Medien, die wir gerade in Zeiten wie diesen brauchen? Das ist wohl die „neue Normalität“ – und die macht mir Angst.

Christine Kobler-Viertlmayr
(AHS-Lehrerin für Deutsch, Englisch und PP)

 

E-Learning Blues

Ich weiß ja nicht, wie’s anderen geht. Mir jedenfalls reicht’s nach einer Woche E-Learning, Distance Teaching, Homeschooling – oder wie auch immer man das bezeichnen will, was wir derzeit betreiben – auch schon wieder. Wir haben bewiesen, dass wir’s können. Die Bereitstellung von Lernunterlagen funktioniert, die Tools, Plattformen und die Einsatzmöglichkeiten des Internets sind gigantisch. Trotzdem: Der digitale Hype, den ich letzte Woche noch verspürt habe, ist übers Wochenende verflogen.  Mit dem, was Schule eigentlich ausmacht, hat das alles kaum etwas zu tun.

Auf den SN-Leitartikel von letzter Woche, in dem das Ende der schulischen Kreidezeit gefeiert wurde, habe ich am Freitag noch einen Leserbrief geschrieben. Den drucke ich nachfolgend ab – und dann verlasse ich das digitale „Corona-Kaffeekammerl“ auch schon wieder. Adieu!

(nemo)

Schule lebt von Beziehung, nicht von Technik
Ja, er funktioniert, der digitale Unterricht. Ich unterrichte am WRG, wir benutzen seit Montag die Lernplattform „Moodle“ und es klappt besser als gedacht. Unsere Informatik-KollegInnen leisten Großartiges und wir – LehrerInnen und SchülerInnen – lernen, experimentieren, kommunizieren und versuchen alle, das Beste aus der Situation zu machen. Aber: Bitte hören Sie mit dem Unfug der „schulischen Kreidezeit“ auf. Er suggeriert, dass wir in der Schule normalerweise vollkommen veraltet herumhantieren wie die Neandertaler. Ich darf Ihnen versichern, das ist nicht der Fall – und zwar, passen Sie auf: Es ist nicht der Fall, obwohl viele von uns, auch ich, gerne mit Kreide auf der Tafel schreiben.
Ja, auch ich gehöre zu den von Ihnen geringgeschätzten LehrerInnen, die dem digitalen Unterricht skeptisch gegenüberstehen. Unterricht wird nämlich mitnichten automatisch besser, wenn er digital stattfindet. Ganz zu schweigen davon, dass es, selbst wenn es so wäre, wohl nicht das Ziel sein kann, unsere Kinder und Jugendlichen dazu anzuhalten, den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu starren. Wollen Sie dem wirklich das Wort reden?
Derzeit bleibt uns nichts anderes übrig, als digital zu unterrichten. Es funktioniert, es macht für eine Weile auch Spaß, aber ich hoffe doch sehr, dass zumindest einige von uns auch nach dieser Zeit wieder so wie bisher unterrichten werden – mitunter sogar mittels Frontalunterricht. Denn auch der hat seine Berechtigung und seinen Sinn; daneben aber gibt es natürlich eine Vielzahl von Unterrichtsmethoden, die ganz ohne technische Hilfsmittel auskommen und in der Schule zum Einsatz kommen.
Schule lebt von Beziehung, nicht von moderner Technik. Schulunterricht tatsächlich vollständig zu digitalisieren, so wie Sie sich das offenbar wünschen, ist meiner Ansicht nach eine pädagogische Verantwortungslosigkeit, gegen die ich mich wehre – als Lehrerin und auch als Mutter.

E-Learning mit Bravour

Na, wer sagt’s denn: Wir kriegen das mit dem E-Learning schon hin. Seit gestern läuft der Betrieb über die Lernplattform – und ja, es funktioniert. Beziehungsweise: Es klappt nicht nur so irgendwie, nein, es funktioniert viel besser als gedacht. Gestern Nachmittag war für einige Stunden kein Hineinkommen, weil das System überlastet war. Ansonsten aber läuft’s wie geschmiert.

Unsere SchülerInnen sind super: Sie sind versiert im Umgang mit den elektronischen Medien, sie sind fix und sie sind motiviert. Ich merke es in der Kommunikation mit den SchülerInnen via E-Mail und „Nachrichtendienst“, ich sehe es auch an meiner eigenen Tochter: Ja, die jungen Menschen, die können das.

Und wir LehrerInnen? Auch wir schaffen es. Einige meiner KollegInnen sind ohnehin bereits richtige Füchse im Nutzen von Lernplattformen, aber auch Menschen wie ich, die bisher kaum mit „Moodle“ gearbeitet hatten, waren bereits gestern Vormittag in der Lage, das Tool zu verwenden. Tja, ich habe nichts anderes erwartet. Denn: Erstens macht es Spaß, etwas Neues auszuprobieren, und zweitens sind wir es gewöhnt, flexibel zu sein. Schule funktioniert ja nie so perfekt, effizient und exakt planbar, wie sich das manche „ExpertInnen“ vielleicht wünschen. Man sieht aber in Zeiten wie diesen, dass Anpassungsvermögen gepaart mit schneller Auffassungsgabe (hej, sonst wären wir nicht LehrerInnen geworden!) sowie der über Jahre trainierte Umgang mit ständig sich verändernden komplexen Situationen schon ihren Wert haben. Hinzu kommt: Die enge Beziehung, die wir zu unseren SchülerInnen haben, trägt auch jetzt. Ja, ich bin davon überzeugt, dass das neue Lernen auch deshalb so gut funktioniert, weil wir einander gut kennen, weil wir unsere SchülerInnen mögen und sie uns – zumindest im Grunde 😉 – auch.

Nur aufgrund der tragfähigen Beziehung funktioniert das Lernen via Lernplattform aber auch nicht: Wer im schulischen Rahmen wahrlich Großes leistet in diesen Tagen, das sind unsere KollegInnen von der IT. Binnen kürzester Zeit haben sie für uns alle eine übersichtliche Struktur geschaffen, Zugänge aktiviert, Tutorials erstellt. Sie beantworten all unsere Fragen (die klugen, die weniger klugen und sogar die saublöden) in Windeseile und ermöglichen uns – die wir zu Hause sitzen -, dass wir arbeiten, lernen, experimentieren, uns austauschen und kommunizieren können.

Apropos großartig: Eine Mutter hat sich via E-Mail heute bei unserem Direktor, den IT-KollegInnen und bei uns allen für unsere Arbeit bedankt. Ich zitiere:

„Das soll Ihnen und Ihren KollegInnen einmal jemand nachmachen: binnen weniger Tage und Stunden heißt es ein online-Lernprogramm für den häuslichen Unterricht auf die Beine zu stellen und sicherzustellen, dass auch ohne regulären Unterricht Lernstoff vermittelt werden kann: das gelingt mit Bravour!

Herzlichen Dank für diese rasche und unglaublich professionelle Umsetzung!!

Ein ganz großes Danke an alle Lehrerinnen und Lehrer, die in dieser Ausnahmesituation bestens vorbereitet, geduldig und hilfsbereit die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern gestalten und ohne großes Aufheben diese schwierige Situation wunderbar meistern.

Dafür haben Sie sich eigentlich einen Preis verdient, denn das ist einfach nur prima!“

🙂

(nemo)

E-Learning, Freewriting & Co. Erste Notizen aus dem virtuellen Klassenzimmer

Und plötzlich ist alles anders. Erschien mir das Handy noch vor wenigen Wochen als Wochenendzerstörer, ist es jetzt fast so etwas wie ein Normalitätsbewahrer. Ja, auch die eigene Skepsis der digitalen Welt gegenüber muss grundsätzlich überdacht werden. So schnell können sich die Vorzeichen ändern.

Ab Montag werden wir also versuchen, unsere SchülerInnen via Lernplattform zu unterrichten. Wir am WRG sind angehalten, täglich Aufgaben auf „Moodle“ zu stellen und den Schülern zu kommunizieren, bis wann sie diese erledigen und die Ergebnisse ihrerseits hochladen müssen. Sodann werden wir – wiederum auf digitalem Weg – korrigieren und kommentieren.

Bislang haben nur wenige Lehrende in den Schulen das so gemacht – für ebenso lehrerkritische wie digitalisierungsgläubige JournalistInnen natürlich ein veritables No-Go. Gerade gestern war im „Standard“ wieder zu lesen, wie „erschreckend“ es sei, dass gerade einmal 30 Prozent der Schulen für E-Learning gerüstet sind. Ja, unfassbar und wirklich erschreckend. – Hä, warum eigentlich?

Ganz ehrlich, es gibt kaum etwas, was mich derzeit weniger erschreckt. Mag sein, dass wir noch nicht für E-Learning gerüstet waren – aber ja, jetzt werden wir uns rüsten. Und wir kriegen das hin, wir lernen schnell. Wir Lehrerinnen und Lehrer, wir können das nämlich, auch wenn sich das so manche/r Journalist/in nicht vorstellen kann oder mag.

Außerdem – und das erscheint mir wirklich das Gebot der Stunde zu sein – gilt es, in erster Linie einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Alarmismus zu verfallen. Wie die nächsten Wochen genau ablaufen werden, weiß ohnehin noch keiner. Wir werden uns bemühen, unsere Arbeit und unsere Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen. Ob und wie es gelingen wird, wird man sehen.

Ich werde jedenfalls meine SchülerInnen in meinen virtuellen Deutschstunden auch dazu auffordern, zunächst einmal zehn Minuten lang Freewriting zu betreiben. Das habe ich mit den Klassen besprochen, das haben wir gestern noch einmal geübt. Aus den Freewritings soll eine Art Tagebuch des Ausnahmezustands entstehen. Ob und was wir später daraus machen werden, weiß ich noch nicht. Fürs Erste gilt es, täglich innezuhalten und über unseren nunmehrigen Alltag nachzudenken. Das tut gut und fördert Texte zutage. Texte, die – wenn sie jetzt nicht geschrieben werden – später jedenfalls nicht mehr so geschrieben werden können.

Ja, und ich habe meinen SchülerInnen geraten, diese Freewritings mit der Hand anzufertigen. Ganz analog. Das Handy sollen sie für die Zeit des Schreibens ausschalten und weglegen. Die Aufforderung werde ich auf digitalem Wege vielleicht noch ein paarmal wiederholen müssen. Aber nur weil jetzt alles anders ist, sind die Gefahren von ständigem Handygebrauch ja nicht weg: dieses komische Gefühl zum Beispiel, permanent online sein zu müssen, die Angst davor, etwas zu verpassen, dabei nichts mehr wirklich zuwege zu bringen und sich stattdessen in Unkonzentriertheit zu verlieren. Ja, ich sehe geradezu meine Verantwortung als Pädagogin darin, dazu beizutragen, dass dieses Gefühl nicht zum Dauerzustand wird.

In diesem Sinne: Ich bin froh, dass wir die digitale Welt nutzen können, um weiter unterrichten und mit unseren Schülern in Kontakt bleiben zu können. Dennoch werde ich auch weiterhin den Segnungen des Analogen, der Handschrift, dem Haptischen das Wort reden. Ich werde digitalisierte Lernangebote und Tools nützen und gleichzeitig die SchülerInnen eben auch zum analogen Arbeiten, zu Freewritings, zum Bücherlesen, zum Nachdenken auffordern. Und ich hoffe, dass auch die Coronakrise nicht zur vollständigen Digitalisierung des Klassenzimmers führen wird. In ein paar Wochen, vielleicht erst in ein paar Monaten können wir unsere SchülerInnen hoffentlich alle wieder ganz normal und real in der Schule treffen. Und vielleicht sogar auch wieder einmal eine Schulstunde ganz ohne technische Hilfsmittel mit ihnen zubringen.

(nemo)